Live-Stream Premiere am Theater Bielefeld: DA GEH ICH ZU MAXIM

NOVELLEN DER LIEBE

Theater Bielefeld: Stadttheater (© Sarah Jonek)

Ach ja, die Liebe … Sollte man nicht annehmen, dass jedes Thema irgendwann auserzählt ist? Auf die Liebe scheint das nicht zuzutreffen, leben doch ganze Industriezweige davon, in immer neuen sehnsüchtigen, freud- oder leidvollen Varianten die eine Geschichte zu erzählen: Mensch begegnet Mensch – und dann? Auch das Genre der Operette kreist im Wesentlichen um die Spielarten der Liebe mit all ihren Begleitumständen von hüpfenden bis gebrochenen Herzen, schweigenden bis heiß küssenden Lippen über alle Länder- und Geschlechtergrenzen hinweg. Neben seligem Dreivierteltakt und anderen beschwingenden Tanzrhythmen gehört zum Erfolgsrezept aber noch eine weitere unverzichtbare Zutat: ein Augenzwinkern. Zwischen tiefer Sehnsucht und lebenslustiger Frivolitat verstanden es Komponisten wie Franz Lehár, Oscar Strauss, Richard Heuberger oder Johann Strauss in ihren Operetten den menschlichen Wünschen einen Ausdruck zu verleihen.

In einer halbszenischen Operettencollage wirft das Theater Bielefeld einen humorvollen Blick auf dieses per se schon unterhaltsame Genre. Ob amouröse Freigeister, unsichere Liebende, gelangweilte Verheiratete oder erotisch Scheiternde: Getrieben von heimlichen Sehnsüchten stranden sie alle in dem berühmt-berüchtigten Etablissement von Maxim, dem schon Lehár in seiner Lustigen Witwe ein Ohrwurm-Denkmal setzte. Die Collage unterschiedlichster Arien und Duette gibt Regisseur Nick Westbrock die Chance, vollkommen neue Situationen zu entwerfen: Da trifft der erfolgsverwöhnte Casanova ausgerechnet auf eine Frau, die sich nicht festlegen will.

Da findet sich das Glück in der Ehe erst, nachdem beide Partner sie gebrochen haben. Da wird das Studium der Weiber versucht und männliche Selbsterkenntnis gewonnen. Lustvoll bedienen die Kostüme von Ann-Sophie Paar gängige Operettenklischees, aus denen sich nach und nach pure, moderne Menschen herausschälen.

Und auch die gezeichneten Videoanimationen von Sabrina A. Treptow legen Verborgenes frei: Wie fühlt sich der eitle Lebemann, wenn seine unerwünschte Annäherung mit einer Ohrfeige quittiert wird? Welche prachtvolle Blüte versteckt sich im Mauerblümchen? Und welche Möglichkeiten gehen unwiederbringlich verloren, wenn Lippen schweigen und Gefühle nicht ausgesprochen werden?

Man findet wohl nirgendwo großere Expert*innen für Liebeslust und Liebesfrust als hinter dem Bartresen, werden dort allnächtlich doch Herzen ausgeschüttet oder bahnen sich Romanzen, Dramen oder Komödien live an. So ist auch Simon Heinle als Maxim ein mit allen Wassern gewaschener Conferencier, der es hin und wieder nicht lassen kann, ein wenig Amor zu spielen. Für Henri, alias Caio Monteiro, ist daher vollkommen klar, wo er sich nach anstrengendem Aktenstudium entspannen geht: »Da geh ich zu Maxim, dort bin ich sehr intim!« Und tatsächlich hat er das Glück, dass die reizende Hortense, gesungen von Veronika Lee, ihn zu einem Tête-à-Tête ins Chambre séparée lockt. Weniger Glück haben die Schürzenjäger Ollendorf (Frank Dolphin Wong) und Camille (Lorin Wey), deren selbstzufriedene Männlichkeit durch die unabhängige Valencienne (Cornelie Isenburger) zutiefst erschüttert wird:

Wer war doch gleich Jäger und wer Beute im Geschlechterkampf? Aber nicht nur Valencienne fragt: »Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?« Das könnte auch ein Ausweg sein für die von Dušica Bijelić gesungene Gabriele, schließlich sagt man ihrem Mann Balduin (Daniel Pataky) ähnliches nach. Kann das Wiener Blut in ihrer angestaubten Ehe wieder zu pulsieren beginnen, wenn Balduin ihr sein ganzes Herz ausschüttet? Die Chancen stehen gut, denn wer konnte solch musikalischem Schmelz widerstehen! Dazu tragen auch die Bielefelder Philharmoniker bei, die unter der Leitung des gebürtigen Wieners Gregor Rot zu einem wahren Tanzorchester werden.

DA GEH ICH ZU MAXIM – NOVELLEN DER LIEBE

Eine Operettencollage mit Musik von Lehar, Kalman, Millocker, Strauss u.v.m.
Texte von: Nick Westbrock

Premiere: 23. Mai 21 (19:30 Uhr im Live-Stream)

Musikalische Leitung:
Gregor Rot
Inszenierung: Nick Westbrock
Ausstattung: Ann-Sophie Paar
Video: Sabrina Anastasia Treptow
Dramaturgie: Anne Christine Oppermann

Direkt im Anschluss an die Premiere findet ein Live-Special der Reihe Dem Ingo wird die Operette erklärt mit dem Kabarettisten Ingo Börchers und Mitwirkenden des Operettenabends statt.

Die nächsten Vorstellungen im Video-Stream: 27.5., 29.5.; weitere Termine im Juni
Tickets ab 5 € (erhältlich ab dem 12.5.): theater-bielefeld.de

MUSIKALISCHE LEITUNG

Der österreichische Dirigent Gregor Rot wurde in Wien geboren und studierte dort Gesang, Cembalo sowie Dirigieren bei Georg Mark. Noch während des Studiums übernahm er die musikalische Leitung der Sommerfestspiele Rottingen (Taubertal, Franken). 2008/09 fuhr er als Cembalist und Assistent für Così fan tutte und Lenozze di Figaro nach Venezuela zum Simon Bolivar Youth Orchestra. Es folgte eine Einladung als Gastdozent für Gesang und Deutsches Lied nach Caracas. Erste Engagements führten Gregor Rot zum Schönbrunner Schlossorchester, dem Leipziger Sinfonieorchester sowie als Assistent an die Opera national du Rhin in Straßburg. Seine Theaterlaufbahn begann er am Südthüringischen Staatstheater Meiningen als Repetitor mit Dirigierverpflichtung und leitete bereits in seiner ersten Spielzeit fast 50 Vorstellungen (darunter Richard Wagners Rienzi). Nach zwei Jahren stieg er in Meiningen zum 2. Kapellmeister auf und dirigierte ein umfangreiches Repertoire in Musiktheater und Ballett. Für die überregional beachtete deutsche Erstaufführung der kasachischen Nationaloper Abai übernahm er die Einstudierung und die Umarbeitung des musikalischen und textlichen Materials für die Meininger Aufführung.
2013 bis 2017 war Gregor Rot 1. Kapellmeister des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin und dirigierte dort u. a. die Premieren von Aida, The Rake’s Progress, Die Verkaufte Braut, Die Zauberflöte, Jake Heggies Dead Man Walking und zahlreiche Konzerte. Gastdirigate führten ihn u. a. an die Theater Duisburg, Würzburg, Regensburg und Eisenach.
2016 gab Gregor Rot sein Debüt beim Bruckner Orchester im Brucknerhaus Linz und dem Wuppertaler Sinfonieorchester in der Historischen Stadthalle Wuppertal. Seit 2017 ist er 1. Kapellmeister des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG UND TEXT

Nick Westbrock, 1992 in Gießen geboren, begann seine Theaterlaufbahn in seiner Heimatstadt. Als Mitarbeiter im Kinder- und Jugendtheater sowie als Regieassistent für Schauspiel und Musiktheater arbeitete er u. a. mit Thomas Goritzki, Astrid Jakob und Christian Lugerth zusammen. Er leitete Workshops und erarbeitete mit dem Theaterjugendclub diverse Produktionen. Im Kulturzentrum Waggonhalle in Marburg führte er regelmäßige Musicalproduktionen im Sommer ein und inszenierte unter anderem Sweeney Todd (August 2015). Von 2015 bis 2019 war Nick Westbrock am Theater Bielefeld als Regieassistent und Abendspielleiter im Musiktheater engagiert. Im November 2016 inszenierte er das mobile Theaterstuck Es kommt der Tag von Carmen Priego. Im April 2017 folgte die Inszenierung des selbst geschriebenen Stücks Swing Mr. Jurman – Briefe an Veronika, welches sich mit dem Leben des Komponisten Walter Jurmann befasst. 2017/18 wurde ihm die Regie des spielzeiteröffnende Musicals Avenue Q auf der Hauptbühne des Theater Bielefeld anvertraut.
Gleich anschließend brachte er die Deutsche Erstaufführung des Kammermusicals John & Jen auf die Studiobühne TAMDREI. Mit Malala widmete sich Nick Westbrock erneut in der Doppelrolle als Autor/Songtexter und Regisseur einem aktuellen Theaterstoff. Das Musiktheaterstuck hatte am 5. Juni 2019 Uraufführung auf der Foyerbühne der Rudolf-Oetker-Halle und wurde prompt für den Deutschen Musical Theaterpreis nominiert. Seit 2019 ist Nick Westbrock als freier Regisseur tätig und inszenierte unter anderem das Musical Babytalk am Theater Bielefeld und Das Sams, ein mobiles Theaterstuck, für das Junge Theater Bonn. Zudem erarbeitete er im Rahmen eines Lehrauftrags für das Institut für Musik der Hochschule Osnabruck das TryOut des Musicals Do It For Love, welches im Marz 2020 Premiere hatte.

BÜHNE UND KOSTÜME

Ann-Sophie Paar wurde in Bonn geboren und ging nach ihrem Abitur nach Aachen, um dort an der RWTH Aachen University ihren Bachelor in Architektur zur absolvieren. Sie spezialisierte sich mit dem Thema der Bachelorthesis auf den Bereich Szenografie. Im Anschluss entwarf sie für das DAS DA Theater Aachen die Bühne zum Tanzstuck Reflexionen im Ludwig Forum Aachen.
Von 2014 bis 2016 folgte eine Assistenzzeit im Bereich des Bühnen- und Kostümbildes am Stadttheater Gießen, wo sie neben vielen anderen Ausstattern auch von Colin Walker und Lukas Noll lernen konnte. Parallel dazu übernahm sie eigene Ausstattungen. So entwarf sie 2015 für das Musical Sweeney Todd in der Waggonhalle Marburg Bühne und Kostüme und zeichnete für das Stadttheater Gießen für die Ausstattungen zum Schauspiel Die Wanze 2 (Regie Wolfgang Hofmann) und die Kinderoper Die Piraten von Penzance verantwortlich. 2015 und 2016 entwarf sie die Kostüm- und Bühnenbilder für die SideSpecific-Tanzstücke (I)Deal of Order und World Wide Walking im Rahmen des TanzArt ostwest Festivals (Choreografie Felix Dumeril). 2017 folgte die Ausstattung der Inszenierung der 39 Stufen von Patrick Schimanski für die Festspiele Bad Hersfeld.
Im Februar 2019 schloss sie den Master of Arts im Studiengang Conceptual Design-Innenarchitektur an der University of Applied Science RheinMain ab, wo sie ebenfalls den Schwerpunkt auf die Entwicklung szenografischer Konzepte legte. Im Rahmen der Masterthesis übersetzte sie verschiedene Krankheiten in Erfahrungs- und Erlebnisräume, die im städtischen Kontext auf die Bedeutung chronischer Krankheiten für das Leben des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft aufmerksam machen sollten.

VIDEO

Sabrina Anastasia Treptow studierte bis 2018 Kommunikationsdesign an der FH Bielefeld und spezialisierte sich bereits während ihres Studiums auf das Schreiben und Zeichnen von Graphic Novels. 2014 veröffentlichte sie im Rahmen ihrer Bachelorarbeit die Graphic Novel Die Windschläger und 2018 zu ihrem Master-Abschluss Bastion in zwei Teilen.
2014 stellte sie anlässlich einer Zusammenarbeit der FH Bielefeld mit der Freien Universität Bozen ihr zeichnerisches und kartographisches Projekt Imaginäre Perspektiven in Bozen aus. Ihre Arbeit Sternenfinder wurde 2017 im Rahmen eines Kurses zum Thema abstrakte Comics, betreut von Prof. Nils Hoff, in der FH Bielefeld ausgestellt.
Im Jahr 2019 nahm sie an dem 21st International Illustration Contest teil und gewann mit ihrer Interpretation der Sage Hero und Leanders einen Sonderpreis.