Julia Burbach inszeniert Puccinis »La Bohème« neu am Theater Bielefeld

Musikalische Leitung: Alexander Kalajdzic

Theater Bielefeld: Stadttheater (© Sarah Jonek)

Wie viel Elend erträgt die Kunst? Der Dichter Rodolfo und seine Freunde haben ihr Leben der Kunst verschrieben, auch wenn schon einmal der neueste Dramenentwurf anstelle von Feuerholz ihr Pariser Atelier wärmen muss und der Hunger ein steter Begleiter ist.

Umso überschäumender die Freude, wenn es einem von ihnen gelingt, Nahrungsmittel oder Geld aufzutreiben. An einem Heiligabend ist das Glück ihnen hold und die Lebenskünstler brechen auf, um das frisch ergatterte Geld im Quartier Latin wieder unter die Leute zu bringen. Nur Rodolfo bleibt pflichtbewusst zurück, um noch einen Artikel zu beenden – und findet an diesem Abend die große Liebe in Gestalt seiner Nachbarin Mimì.

Doch jenseits aller Poesie, Lebenslust und Liebe lauern nicht nur Hunger und Kälte, sondern auch Krankheit und Tod.

Giacomo Puccini kannte die prekären Lebensumstände unbekannter Kulturschaffender nur allzu gut, hatte er doch in jungen Jahren ebenso gehungert und – wie Rodolfo – auch einige seiner Manuskripte verbrennen müssen, um die unerträgliche Kälte zu vertreiben. Kein Wunder also, dass er sich bei den Charakteren von Henri Murgers Scènes de la vie de bohème sofort wie unter Freunden fühlte und beschloss, aus diesem Roman eine Oper entstehen zu lassen.

Neben diesem fesselnd-realistischen Bild der Subkultur der Pariser Bohème schuf Puccini ein bewegendes melodisches Porträt des Seelenlebens und der existentiellen Nöte seiner Protagonist*innen – und eine der ergreifendsten Schlussszenen der Opernliteratur, die selbst den Komponisten zu Tränen gerührt haben soll. Treffender als Thomas Mann im Zauberberg kann man die Wirkung der Musik von La Bohème wohl nicht fassen: »Und Zärtlicheres gab es auf Erden nicht …«

Auch wenn die Oper bei der Uraufführung in Turin zunächst ein verhaltenen-kritisches Echo fand, war Puccinis Meisterwerk langfristig ein unglaublicher Erfolg beschieden: Lückenlos reicht die Aufführungstradition von der Uraufführung am 1. Februar 1896 bis heute, noch dazu gehört La Boheme zu den am häufigsten aufgeführten Opern weltweit. Wer könnte sich auch dem Reiz eines so lyrischen Anbahnungsversuchs wie Rodolfos „Che gelida manina“, Mimìs bescheidenem Selbstporträt „Mi chiamano Mimì“ oder dem vor Selbstbewusstsein strotzenden Walzer Musettas „Quando m’en vò“ entziehen?

Der scharfe Kontrast von überschäumender Lebensfreude und banger Todeserwartung prägt die Handlung und die Inszenierung. Von Beginn an ist Mimì von Krankheit gezeichnet, auch wenn es ihr gelingt, das Wissen darum bewusst oder unbewusst zurückzudrängen. Für diese Gleichzeitigkeit des ultimativen Gegensatzes von Leben und Tod haben die Regisseurin Julia Burbach und ihre Ausstatterin Cécile Trémolières eine Welt voll magischem Realismus erfunden, die sich ganz aus dem inneren Erleben Mimìs speist. Reales, Erträumtes und Erinnertes überlagern und ergänzen sich, beleuchten schlaglichtartig Mimìs Sicht auf die Dinge und transzendieren das elende wie verheißungsvolle Paris der Jahrhundertwende. Die unerwartete, heftige Liebe zu Rodolfo gewährt Mimì eine Ausflucht, das verrückt-exaltierte Bohemien-Leben mit seinen Freunden verspricht ihr ein bisher unbekanntes Delirium, in dem sie Vergnügen und Vergessen sucht. Doch ein heimlich belauschtes Gespräch Rodolfos stellt ihr die Wahrheit wieder unverhüllt vor Augen: Sie wird sterben.

Vergleichbar der Funktionsweise menschlicher Erinnerung verdichtet die Oper Mimìs Lebensweg auf die wichtigsten Stationen – das Kennenlernen, die überwältigenden ersten Momente als Paar sowie die schmerzhafte Erkenntnis, sich trennen zu müssen. An diesen Situationen darf nicht nur das Publikum teilhaben, sondern sie rasen im Sterben auch noch einmal wie im Zeitraffer an Mimì vorbei, wie Puccini selbst sagte, ist der »ganze letzte Akt aus logischen Erinnerungsmotiven aufgebaut«. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit gehört zum Alltag und überhöht ihn zugleich.

Der lebensfrohen und doch todgeweihten Mimì verleiht Dušica Bijelić ihre Stimme. Mit einer der wohl bekanntesten Tenorarien des Repertoires stellt sich Nenad Čiča erstmals in Bielefeld vor und erobert als Rodolfo Mimìs Herz im Sturm. Eine leidenschaftliche On-Off-Beziehung verbindet Rodolfos Freund, den Maler Marcello (Frank Dolphin Wong) mit Musetta (Cornelie Isenbürger). Belustigt verfolgen die übrigen Mitglieder der Bohème-Clique, der Musiker Schaunard (Caio Monteiro) und der Philosoph Colline (Moon Soo Park) das Drama um das Paar, das nicht mit und nicht ohne einander sein kann.

So gewitzt wie Musetta es schafft, sich andere Liebhaber wie beispielsweise den alten Alcindoro (Tae-Woon Jung) vom Hals zu schaffen, wenn sie erneut für Marcello entbrennt, schaffen es auch die Künstler, ihren Vermieter Benoît, gespielt von Yoshiaki Kimura, aus der Wohnung zu werfen, bevor er an Heiligabend die Miete eintreiben kann. Weihnachtliche Vorfreude erfüllt auch die Kinderaugen der JunOs, wenn sie den Spielzeugverkäufer Parpignol (Dumitru-Bogdan Sandu) kommen hören. Und auch der Bielefelder Opernchor, der Extrachor und die Statisterie werfen sich voller Inbrunst in das Pariser Weihnachtsgetümmel.


La Bohème

Oper in vier Bildern

Von: Giacomo Puccini
Text von: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach Szenen aus dem Roman Scènes de la vie de bohème von Henri Murger

Premiere am Theater Bielefeld: 29. Januar 22 (Stadttheater)
Reduzierte Orchesterfassung von Gerardo Colella

Musikalische Leitung: Alexander Kalajdzic
Inszenierung: Julia Burbach
Bühne und Kostüme: Cécile Trémolières
Dramaturgie: Anne Christine Oppermann
Choreinstudierung: Hagen Enke

Besetzung:

Mimi: Dušica Bijelić
Rodolfo: Nenad Čiča
Musetta: Cornelie Isenbürger
Marcello: Frank Dolphin Wong
Schaunard: Caio Monteiro
Colline: Moon Soo Park
Benoit: Yoshiaki Kimura
Alcindoro: Tae-Woon Jung
Parpignol: Dumitru-Bogdan Sandu

Bielefelder Opernchor
Extrachor des Theaters Bielefeld
JunOs
Statisterie des Theaters Bielefeld
Bielefelder Philharmoniker


Weitere Termine 06.02./ 26.02. / …
Karten T. 0521 51 5454 // theater-bielefeld.de