Jüdische Emigranten nahmen Gipsmaske von Frank Wedekind mit ins Exil nach Neuseeland

Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind erhält Totenmaske über 100 Jahre nach Wedekinds Tod von neuseeländischem Germanistikprofessor – Spannende Exilgeschichte und besonderes Objekt der Gedächtniskultur

Die Totenmaske Frank Wedekinds: Über 100 Jahre nach dem Tod des Dichters erhält die Wedekind-Expertin Ariane Martin überraschend einen Gipsabguss aus Neuseeland. Foto/©: Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind

Eine Totenmaske des deutschen Dichters Frank Wedekind ist nach Jahrzehnten im Ausland überraschend wieder aufgetaucht. Sie wurde jetzt, über 100 Jahre nach Wedekinds Tod, von ihrem letzten Besitzer in Neuseeland nach Deutschland zurückgeschickt. “Die Maske hat nicht nur eine lange Reise nach Neuseeland und wieder zurück hinter sich, sondern es ist damit eine ganz außergewöhnliche Exilgeschichte verbunden”, sagt Prof. Dr. Ariane Martin, Leiterin der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). “Dieses kulturgeschichtlich äußerst interessante Objekt, von dem man bisher nichts wusste, hat eine fast unglaubliche Geschichte.” Wedekind zählt zu den wichtigsten deutschen Theaterautoren der Moderne und ist einem breiten Publikum durch die Tragödie “Frühlings Erwachen” bekannt. Der Schriftsteller starb 1918 im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer Blinddarmoperation. Gleich nach seinem Tod wurden Totenmasken aus Gips angefertigt, von denen nur noch wenige Exemplare existieren. Der Abguss aus Neuseeland ist ausgesprochen gut erhalten.

Spurensuche deckt Weg der Maske im Fluchtgepäck jüdischer Emigranten auf

Frank Wedekind lebte nach Stationen in der Schweiz, Paris, London und Berlin zuletzt in München, wo er am 9. März 1918 verstarb und am 12. März auf dem Münchner Waldfriedhof unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt wurde. Die Totenmaske wurde gleich nach seinem Tod angefertigt und Freunde des Verstorbenen hatten die Möglichkeit, einen Abguss zu bestellen. Aber wie viele Exemplare es überhaupt gab oder inzwischen noch gibt, ist nach Darstellung der Wedekind-Expertin Prof. Dr. Ariane Martin schwer abzuschätzen. Zunächst befand sich ein Exemplar der Totenmaske im ehemaligen Arbeitszimmer des Schriftstellers in München, das für Besucher zugänglich war. Wahrscheinlich besaßen auch der Schriftsteller Karl Kraus und Wedekinds Freund und Biograf Artur Kutscher jeweils einen Gipsabguss. Heute befindet sich ein Exemplar in der Münchner Stadtbibliothek, ein anderes im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, ein weiteres war früher im Besitz der Nationalgalerie in Berlin.

Nun ist ein weiteres und angesichts seiner Überlieferungsgeschichte ganz besonderes Exemplar aufgetaucht: Der Germanist Peter Oettli, emeritierter Professor der University of Waikato in Hamilton, Neuseeland, bot der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind im September 2020 in einer E-Mail ein Exemplar der Totenmaske an. Er habe vor vielen Jahren, in seiner Zeit als Leiter des Germanistischen Instituts seiner Universität, eine Kopie der Totenmaske erhalten. Daraufhin recherchierte Prof. Dr. Ariane Martin hat den Weg, den diese Maske nach Wedekinds Tod genommen hat, in den vergangenen Wochen bis ins Kleinste. “Diese Spurensuche war außerordentlich spannend. Ein ganz besonderer Dank gebührt jedoch Peter Oettli, der uns die Maske überlassen und mir bei der Recherche ihrer Geschichte geholfen hat”, betont Martin.

Totenmaske stellt besonderes Objekt der Gedächtniskultur dar

Diesen Recherchen zufolge wurde die Totenmaske von einer Schwester Frank Wedekinds zu einem unbekannten Zeitpunkt, aber vermutlich noch vor der Zeit des Nationalsozialismus, einem Freund übergeben, der Ende 1936 mit seiner Frau aus dem nationalsozialistischen Deutschland flüchtete. “Die Maske war für diesen jüdischen Emigranten, Kurt Philips, offenbar so wertvoll, dass er sie bei seiner Flucht aus Köln über London in sein Exil in Neuseeland mitgenommen hat”, so Martin. Bei dessen Tod ging die Maske an seine ebenfalls in Neuseeland lebende Schwester Margot Philips über, die sie als 80-Jährige Peter Oettli schenkte, um sie der Nachwelt zu erhalten. Ein ähnlicher Impuls veranlasste nun auch Oettli, gebürtiger Schweizer und selbst 80 Jahre alt, sich von der Maske zu trennen. “Wedekind, oder wenigstens seine Totenmaske, hat mir nun einige Jahrzehnte in meinem Studierzimmer Gesellschaft geleistet. Ich finde es ist jetzt Zeit, dass er einen Aufenthaltsort findet, wo er bekannt und geschätzt ist”, schrieb Oettli in seiner E-Mail im September.

“Dieses Exemplar der Totenmaske Wedekinds ist ein ganz besonderes Objekt der Gedächtniskultur”, betont Prof. Dr. Ariane Martin zusammen. In dieser Maske sei ein bisher vergessenes Exilschicksal materialisiert, aber auch die in Wedekind verkörperte europäische Moderne. Nun kam die Totenmaske über 100 Jahre nach Wedekinds Tod, über 80 Jahre nach der Flucht ihres ehemaligen Eigentümers nach Deutschland zurück – und konnte nach 13-tägiger Reise per Luftpost in sehr gutem Zustand in Empfang genommen werden.

Die Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind in Darmstadt und Mainz

Die Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind wurde 1987 an der Hochschule Darmstadt gegründet, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf den von der literaturwissenschaftlichen Forschung lange vernachlässigten Autor der europäischen Moderne zu lenken. Hier wurde die Wedekind-Werkausgabe in acht Bänden erstellt. Im Jahr 2015 erfolgte der Umzug an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, wo die Hauptstelle ihren Sitz hat. Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts arbeiten die Hochschule Darmstadt und die JGU derzeit daran, die gesamte Korrespondenz Frank Wedekinds digital nutzbar zu machen


Weiterführende Links:
uni-mainz.de – Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind
briefedition.wedekind.h-da.de/ oder briefedition-wedekind.ub.uni-mainz.de/ – Frank Wedekinds Korrespondenz digital (im Aufbau)

Veröffentlichung
A. Martin, Frank Wedekinds Totenmaske in Neuseeland. Gedächtniskultur und das Exil der Geschwister Kurt und Margot Philips, EXIL, Heft 1/2, 2020, (erscheint Anfang 2021)