Jake Heggies »Dead Man Walking« ab 13. Januar 19 am Theater Bielefeld

Theater Bielefeld: Stadttheater (© Sarah Jonek)

Oper in zwei Akten // Libretto von Terrence McNally nach dem gleichnamigen Buch von Sister Helen Prejean // Auftragswerk der San Francisco Opera in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Gregor Rot Inszenierung Wolfgang Nägele Bühne Stefan Mayer Kostüm Hannah König Dramaturgie Anne Christine Oppermann

»Dead man walking!« – so lautet der Ruf amerikanischer Gefängnisaufseher, wenn ein zum Tode Verurteilter seinen Gang zur Hinrichtung antritt. Diesen Ruf wählte die Ordensschwester Helen Prejean als Titel ihres Buchs, in dem sie ihre Begegnung mit einem Todeskandidaten schildert. Nachdem 1984 der erste von ihr begleitete Häftling hingerichtet wurde, entwickelte sich die Nonne zu einer engagierten Aktivistin und einem prominenten Symbol des Widerstands gegen die Todesstrafe.
1995 diente das für den Pulitzer-Preis nominierte Buch als Vorlage für eine Verfilmung mit Sean Penn und Susan Sarandon, die für ihre Darstellung der Helen Prejean einen Oscar gewann.

Auch die gleichnamige Oper von Jake Heggie basiert auf dem Buch von Helen Prejean und ihren persönlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Todesstrafe. Zunächst tauschte sie mit dem wegen Vergewaltigung und Mordes zum Tode verurteilten Joseph de Rocher nur seelsorgerische Briefe aus – doch nun, da der Termin seiner Hinrichtung näher rückt, bittet er um ein persönliches Treffen. Wider Erwarten findet Helen keinen reuigen Sünder vor, sondern einen seine Schuld leugnenden Täter, der lediglich auf ihre Unterstützung und geistliche Begleitung bei seinem Begnadigungsgesuch hofft. Über seine Schuld muss und will Schwester Helen nicht befinden, die christliche Begleitung aber kann sie ihm nicht verwehren.

Während der Zeit, die sie im Gefängnis verbringt, werden ihre Grundüberzeugungen und Glaubensgewissheiten einer schweren Prüfung unterzogen. Sie entdeckt die menschlichen Seiten des Mörders, lernt seine Familie kennen – wird aber auch mit dem tiefen Leid der Hinterbliebenen der Opfer konfrontiert, die mit Unverständnis auf ihren Einsatz für das Recht auf Leben eines erwiesenermaßen Schuldigen reagieren.

Dadurch, dass die auf vielfältige Weise Betroffenen zu Wort kommen, schwingt im Libretto des amerikanischen Dramatikers Terrence McNally der ethische, politische und philosophische Diskurs zur Todesstrafe zwar stets mit, lässt aber auch die Auswirkungen sowohl des grausamen Verbrechens als auch der staatlich gelenkten Vergeltung im persönlichen Einzelschicksal erfahrbar werden. Die Oper lässt keinen Zweifel an der Schuld des Verurteilten. Doch was als eine moralisch eindeutige Geschichte beginnt, führt schnell in die Grauzone zwischen Schuld und Verantwortung, Rache und Vergebung. Ein starkes Plädoyer dafür, sich mit allen Aspekten der Todesstrafe zu beschäftigen und seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Schwester Helen nimmt die seelsorgerische Pflicht, die ihr mehr zufällig zukommt, bewusst auf sich als eine Reise zu Gott und zu der Wahrheit über sich selbst. Bohrend taucht dabei immer wieder eine Frage auf, die sich auch dem Publikum stellt: Hat sie Joseph wirklich vergeben? Wie weit reicht die menschliche Fähigkeit zur Vergebung?

In Verbindung mit Jake Heggies suggestiver und spannungsgeladener Musiksprache, die neben opernhaften Elementen amerikanische Musikstile wie Blues und Gospel einbindet und auch ihre Nähe zur Filmmusik nicht verleugnet, eröffnet sich so ein unmittelbarer und emotionaler Zugang zu einer Fragestellung, die für die Opernbühne zunächst ungewohnt wirkt: die Berechtigung der Todesstrafe.

Überaus realistisch zeichnet Heggie das Louisiana der 80er Jahre, Helens Arbeit in einem Sozialprojekt für benachteiligte Kinder in New Orleans, die Enge und Aggressivität innerhalb der Strafanstalt und die fast zu industrieller Perfektion getriebene Straf- und Tötungsmaschinerie. Und doch weitet sich seine Musik immer wieder, führt direkt in die Seele der Personen oder lässt phantasievolle Ausfluchten aufscheinen. Diese strukturelle Dualität von geradezu filmischen Realismus und musikalischer Seelenausdeutung bei der Begegnung zweier in ihrer existentiellen Not auf sich selbst zurückgeworfener Menschen stellen auch Wolfgang Nägele und sein Team in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung: Was wäre, wenn Helen und Joseph sich unter anderen Umständen kennengelernt hätten? Welche Verbindung können so andersgeartete Personen eingehen? Welche Vergangenheit und welche Träume bestimmen ihr Wesen?

Als Schwester Helen Prejean nimmt Nohad Becker die Herausforderung an, einem Hoffnungslosen Trost zu schenken, ihm dabei aber auch vor Augen zu führen, dass er sich seiner eigenen Schuld stellen sollte. Joseph de Rocher, verkörpert von Evgueniy Alexiev, ist hin- und hergerissen: Kann er Helen vertrauen? Welche Unterscheidung macht es für einen Todgeweihten, ob jemand ihn trotz seiner Sünden liebt – oder weil er ihn für unschuldig hält? Josephs Mutter, gesungen von Katja Starke, hält verzweifelt an seinen Unschuldsbeteuerungen fest. Die Ehepaare Hart und Boucher, dargestellt von Melanie Kreuter, Frank Dolphin Wong, Patricia Forbes und Dumitru-Bogdan Sandu leben beständig in Erinnerung an ihre ermordeten Kinder. Zwischen all diesen unvereinbaren Positionen sucht Helen ihren eigenen moralischen und christlichen Weg. Unterstützung findet sie bei Schwester Rose, gesungen von Cornelie Isenbürger. Durch langen Dienst verhärtet sind Moon Soo Park, Yoshiaki Kimura und Lorin Wey als Wärter und Pfarrer des Gefängnisses. Erstaunt stellt der Motorrad-Polizist, gesungen von Caio Monteiro fest, dass auch eine Nonne keine Heilige ist und es hin und wieder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht so eng sieht. Es singen und spielen der Bielefelder Opernchor, die Herren des Extrachors des Theaters Bielefeld, die JunOs sowie die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Gregor Rot.

Dead Man Walking
Oper in zwei Akten
Von: Jake Heggie
Libretto: Terrence McNally (nach dem gleichnamigen Buch von Sister Helen Prejean)
Auftragswerk der San Francisco Opera

Premiere am Theater Bielefeld: 13. Januar 19 (Stadttheater)

Musikalische Leitung: Gregor Rot
Inszenierung: Wolfgang Nägele
Bühne: Stefan Mayer
Kostüme: Hannah König
Dramaturgie: Anne Christine Oppermann

Besetzung:

Schwester Helen Prejean: Nohad Becker
Joseph De Rocher: Evgueniy Alexiev
Mrs. Patrick De Rocher (Josephs Mutter): Katja Starke
Schwester Rose: Cornelie Isenbürger
George Benton / Zweiter Gefängniswärter: Moon Soo Park
Erster Gefängniswärter: Yoshiaki Kimura
Pater Grenville: Lorin Wey
Kitty Hart (Mutter des ermordeten Mädchens): Melanie Kreuter
Owen Hart (Vater des ermordeten Mädchens): Frank Dolphin Wong
Jade Boucher (Mutter des ermordeten Jungen): Patricia Forbes
Howard Boucher (Vater des ermordeten Jungen): Dumitru-Bogdan Sandu
Motorrad-Polizist: Caio Monteiro
Älterer Bruder (Halbbruder von Joseph): Nico Nefian
Jüngerer Bruder (Halbbruder von Joseph): Elian Latussek
Schwester Catherine: Eteri Kochodze-Büttemeier / Mãdãlina Sandu
Schwester Lillianne: Vuokko Kekäläinen / Sofio Maskharashvili
Eine Mutter: Orsolya Ercsényi / Evelina Quilichini
Mrs. Charlton: Vera Freese / Elena Schneider
Fünf Gefängnisinsassen: In-Kwon Choi / Young Sung Im / Tae-Woon Jung / Paata Tsivtsivadze / Yun-Geun Choi / Mark Coles / Lutz Laible / Ramon Riemarzik

www.theater-bielefeld.de