In der Coronakrise hat der „Heidelberger Frühling“ drei Wirtschafts-Vorstände zum Podcastgespräch geladen

Quo vadis Kultur?

Heidelberger Frühling (© Heidelberger Frühling)

Die Corona-Pandemie hat die Welt in eine tiefe Krise gestürzt. Dies betrifft auch die Kulturszene. Künstlerinnen und Künstler geraten in existenzielle Not, der Veranstalterbranche droht ein Kahlschlag.

Auch das Musikfestival „Heidelberger Frühling“ 2020 musste eine Woche vor Festivalbeginn Mitte März abgesagt werden und drohte in eine finanzielle Schieflage zu geraten. Es ist durch eine Mischung aus Förderungen durch Privatpersonen und Unternehmen, Zuschüssen der Stadt Heidelberg und des Landes Baden-Württemberg, Drittmittel sowie Einnahmen aus dem Kartenverkauf finanziert. Der Anteil der privaten Finanzierung liegt bei 67,5 %.

Aufgrund der vollumfänglichen Förderzusagen unmittelbar nach Absage des Festivals durch die vier Hauptpartner – den Baustoffhersteller HeidelbergCement AG (Gründungspartner), den Finanzdienstleister MLP SE, das pharmazeutische Unternehmen Octapharma AG und den Softwarekonzern SAP SE – konnte hier mittelfristig eine Konsolidierung erreicht werden.

Thorsten Schmidt (Intendant des „Heidelberger Frühling“) hat drei der vier Hauptsponsoren des Festivals, Dr. Dominik von Achten (Vorstandsvorsitzender der HeidelbergCement AG), Dr. Uwe Schroeder-Wildberg (Vorstandsvorsitzender der MLP SE) und Michael Kleinemeier (Mitglied des Vorstands der SAP SE, seit 1. Mai 2020 im Ruhestand) eingeladen, auf einem digitalen Podium des „Heidelberger Frühling“ darüber zu sprechen, was diese Krise gesamtgesellschaftlich bedeutet und wie das Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Kultur in dieser Krisensituation aussehen könnte.

Moderiert wird das am 30. April aufgezeichnete Gespräch von Andrea Thilo.

Es werden Fragen gestellt, die im Augenblick den gesamten Kultursektor umtreiben und auf die Politik, Wirtschaft und Kultur fieberhaft Antworten suchen.

Wie steht es um die Systemrelevanz von Kultur? Welche Denkmodelle gibt es für das Zusammenspiel von Kulturpolitik und Kulturförderung? Muss man Kultur als Businessmodel betrachten? Braucht es einen „New New Deal“ für die Künste? Wer übernimmt Verantwortung, wer kann Verantwortung übernehmen? Was können wir aus der Vergangenheit lernen, was lernen wir gegenwärtig für die Zukunft?

Der Podcast ist über die Social-Media-Kanäle des Festivals auf Twitter (twitter.com) und Facebook (facebook.com), über YouTube (youtube.com) und die Website heidelberger-fruehling.de abrufbar. Die Hörer sind eingeladen, über die jeweiligen Kommentarfunktionen oder per Email an heidelberger-fruehling@heidelberg.de mitzudiskutieren.

Zum Podcast: heidelberger-fruehling.de


Ausgewählte Zitate

Dr. Dominik von Achten
(Vorstandsvorsitzender der HeidelbergCement AG)
Im Moment ist in dieser Krise das Emotionale mindestens so wichtig wie das Materielle, weil wir alle in der Isolation auf uns zurückgeworfen sind.

Die Frage ist, wie man den Menschen in dieser Situation Mut machen kann. Die Kultur hat hier die Möglichkeiten, eine große emotionale Brücke schlagen. Das sieht man eindrucksvoll an den europaweiten Balkonkonzerten, die es schaffen den Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Diese große Kraft der Musik, die hier deutlich wird, ist sicher auch ein Stück weit die Basis für zukünftige Relevanzdiskussionen von Kultur.

Dr. Uwe Schroeder-Wildberg (Vorstandsvorsitzender der MLP SE)

Wie wäre die Krise jetzt ausgegangen, wenn wir keine digitalen Möglichkeiten hätten?

Insofern sehen wir den Fortschritt, wir sehen aber auch den Mangel. Wir haben sicherlich keine Qualitätssteigerung im öffentlichen Gespräch. Wir verkürzen, wir bewegen uns in Schlagworten. Insofern ist dieser Dialog, der gerade auch über die Kunst mit ausgelöst und inspiriert werden kann, der Menschen zusammenbringt, der irritiert, der damit aber auch andere Perspektiven ermöglicht – der ist von eminenter Bedeutung.

Ich finde, dieser Begriff Systemrelevanz ist derartig diskriminierend. Das passt zum Thema Gesprächskultur, Gesprächsqualität, Dialogqualität. Wir setzen einen Begriff in die Welt und missachten: Jeder ist relevant in einer Gesellschaft.

Wenn die Ressourcen knapper werden, werden die Verteilungskämpfe immer härter. (…) Und insofern wird das Zusammenrücken, das Sprechen miteinander, das Finden von Lösungen, eben das möglichst nicht Gegeneinander-Ausspielen extrem wichtig sein.

Michael Kleinemeier (Mitglied des Vorstands der SAP SE – seit 1. Mai 2020 im Ruhestand)

Wir kommen aus einer Zeit, als Geld ausreichend da war. Wir haben Nullzinsen und wer ein gutes Rating hat, bekommt sogar Geld dafür, dass er sich Geld leiht. Das halte ich für nicht nachhaltig, wenngleich es in Deutschland noch geht. Was ich gerade in USA sehe, ist viel dramatischer. Hier verlieren die Leute von heute auf morgen ihre Lebensgrundlage. Ich glaube, dass es generell wieder eine gewisse Langfristigkeit und Solidität auch für Kulturschaffende braucht. Vielleicht kann eine Art Stiftung, die Künstlern für eine gewisse Zeit die Existenz sichert, eine Möglichkeit sein. Denn eines ist sicher; ohne Kultur ist unsere deutsche Gesellschaft nicht nur ärmer, sondern unvorstellbar.

Thorsten Schmidt (Intendant des „Heidelberger Frühling“)
Was wir dringend brauchen, ist eine Diskussion, die vernünftig geführt wird: wie gehen wir eigentlich mit Kulturfinanzierung in den kommenden Jahren um?

Die Künste und die Kultur verdienen, dass wir gerade im öffentlichen Bereich nicht mehr von Subventionen sprechen, sondern von Investition in die Zukunft der Gesellschaft. Das heißt eine neue Wertigkeit für das, was dort für die Gesellschaft auch entsteht. Denn die Künste sind das Zentrum und der wichtigste Kern für die Entwicklung einer Gesellschaft.