Igor Levit spielt Beethovens “Ode an die Freude“

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Igor Levit spielt Beethovens “Ode an die Freude“ – aus Anlass des 250jährigen Jubiläums des Komponisten am 17. Dezember 2020. Die Aufnahme der Pianotranskription von Franz Liszt für Sony Classical erscheint am heutigen 11. Dezember digital und am 17. Dezember als Video, jeweils exklusiv bei Apple Music. Ab dem 18. Dezember sind Single und Video überall erhältlich.

Ein kurzer, stiller Gruß. Ein versöhnlicher instrumentaler Ausgang, dessen Text sich die Hörenden selbst in Erinnerung rufen dürfen: Igor Levit spielt das Freuden-Thema aus dem Finale von Beethovens Neunter Symphonie mitsamt seinen ersten drei Variationen. Die klangvolle Klavierfassung geht auf Franz Liszt zurück, dessen Transkriptionen der Beethoven-Symphonien Levit seit langem bewundert und studiert.

Der Pianist, der sich auf seiner Website als „Citizen, European, Pianist“ vorstellt, hat den knapp vierminütigen Ausschnitt wiederholt als symbolträchtige Zugabe gespielt. Levits gesellschaftliches Bewusstsein und der Wille zur politischen Stellungnahme verbinden sich in den kaum mehr als hundert Takten mit der Liebe zu Beethovens universeller Musik. Große mediale Aufmerksamkeit erregte die als dezidiert pro-europäische Aussage verstandene Darbietung bei der „First Night of the Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall im Juli 2017, rund ein Jahr nach der Brexit-Abstimmung im Vereinigten Königreich.

Levits viel gelobte Gesamtaufnahme der Klaviersonaten gilt als eine der auffallendsten Interpretationsleistungen des Beethoven-Jahres; kürzlich wurde sie für einen Grammy nominiert. Bei den Salzburger Festspielen konnte Levit im August den gesamten Zyklus an acht Abenden live vor Publikum aufführen. In einem Podcast für den Bayerischen Rundfunk hat er sich spielend und erläuternd mit jeder einzelnen der 32 Sonaten auseinandergesetzt. Einige weitere Zyklen – beim Lucerne Festival, oder in der Hamburger Elbphilharmonie – mussten zunächst Fragment bleiben. Nun erinnert der Pianist an ein extrem populäres Stück Musik, das in dieser Jahreszeit unter gewöhnlichen Umständen in großer Besetzung an vielen Orten auf der Welt aufgeführt würde. Im Winter 2020/21 allerdings dürfte es nach Stand der Dinge weitgehend stumm bleiben.

An exakt welchem Tag Beethoven vor 250 Jahren in Bonn geboren wurde, ist unbekannt. Gewiss ist einzig, dass er am 17. Dezember 1770 getauft wurde. Allzu viel zu feiern gab es nicht in diesen zwölf Monaten, schon gar nicht für die Musikwelt. Jetzt entfällt auch der natürliche Kulminationsmoment des Jubiläums, und zwar im Wortsinne sang- und klanglos. „Seid umschlungen, Millionen“? In Zeiten des Social Distancing sicherlich keine gute Idee. Chöre, die aus vollen Kehlen die „Ode an die Freude“ anstimmen? Man mag sie sich gerade kaum mehr vorstellen.

Ohnehin beginnt, was wir heute als Europa-Hymne kennen – klingendes Symbol von Freiheit, Brüderlichkeit und Solidarität – bei Beethoven ganz leise, zurückhaltend und dunkel. Schrittweise erhebt sich die schlichte Weise, deren Linienführung den Komponisten so unendlich viel Arbeit kostete, im Finale der „Neunten“ aus der Bassregion in die Höhe. Nach und nach gewinnt der Hymnus an Energie und Leuchtkraft, bis das gesamte Orchester ihn schließlich im triumphalen Forte skandiert. Noch schweigt die menschliche Stimme – doch bereits das Anschwellen der Klänge, die Vervielfachung der Mitwirkenden signalisiert das Wachsen einer Prozession, deren hypnotische Wirkung die ganze Menschheit in ihren Bann zu ziehen verspricht. Ganz so, als könnte die Vereinzelung der Menschen irgendwann vielleicht doch wieder überwunden werden.

Das Repertoire für Pianisten ist bekanntlich groß. Für Igor Levit allerdings war es schon immer zu eng. Das musikalische Ausdrucksbedürfnis des 33-Jährigen verlangt nach Teilhabe an den großen Menschheitsthemen, nach Klängen, in denen Fragen von Freiheit, Glück und Unendlichkeit verhandelt werden. Sein Klavier ist nicht nur Musikinstrument. Sondern immer auch das Medium, das die Conditio humana zu befragen hilft. In den Tagen, da in Großbritannien die ersten Impfungen gegen Covid-19 beginnen, tragen Beethovens Töne die aufkeimende Hoffnung in die Welt. Als kurzer, stiller Gruß.

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