Hessisches Staatstheater Wiesbaden bekundet Solidarität mit dem Staat Israel und jüdischen Menschen weltweit

Hessisches Staatstheater Wiesbaden ~ Kolonnaden Großes Haus (Foto: Sven-Helge Czichy)

Das Hessische Staatstheater Wiesbaden erklärt sich – gerade auch im Hinblick auf den morgigen 9. November, dem Jahrestag der »Reichspogromnacht« – solidarisch mit dem Staat Israel und allen jüdischen Menschen auf der Welt:

Unser Freund Ilia Jossifov hat uns aus Israel telefonisch von der schrecklichen Situation erzählt, in der er und seine Frau und sein Sohn, seine Freunde und seine Bekannten, sein ganzes Volk im Moment leben.

Mehrfach am Tag (und in der Nacht) müssen sie sich in einen Bunkerraum begeben, um sich vor tödlichen Raketen zu schützen. Alle Dinge des Lebens und der Kunst sind ausgesetzt. Die Situation sei nur schwerstens auszuhalten.

Eigentlich wären Ilia (als Orchesterdirektor) und seine Familie hier bei uns in Deutschland, aber die Umstände und Ereignisse im Sommer 2022 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden und die Reaktionen des Hessischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst haben Ilia Jossifov veranlasst, unter diesen Umständen Deutschland lieber zu verlassen, nach Israel zurückzukehren und die Situation dort weiter auszuhalten.

Wir haben Ilia gebeten, in einem Bericht zu erzählen, wie die Situation in Israel zurzeit ist. Wir möchten mit diesem Bericht ein Zeichen setzen dafür, dass wir uns (weiterhin!) mit Ilia Jossifov und seiner Familie solidarisieren, dass wir den Kampf von Israel um das nackte Überleben des jüdischen Volkes unterstützen und dass wir es erst recht als Pflicht aller Deutschen empfinden, der Welt klarzumachen, dass Juden nie wieder das Recht zu leben abgesprochen werden darf!

Ein Recht zu leben, das selbstverständlich sein muss.

Für alle Menschen dieser Welt.

Uwe Eric Laufenberg, Intendant
Wolfgang Behrens, Schauspieldirektor
Anika Bárdos, Dramaturgin
Juliane Postberg, Operndirektorin
Constantin Mende, Chefdramaturg Oper und Konzert
Marie Johannsen, Dramaturgin
Bjarne Gedrath, Künstlerischer Betriebsdirektor
Florian Delvo, Dramaturg
Melanie Stelzer, Persönliche Referentin des Intendanten
Sven Hansen, Technischer Direktor
Veronika Moos, Leiterin Malsaal
Rebecca Klaucke, Leitung Requisite
Simone Eck, Leitung Requisite
Philipp Appel, Leiter Statisterie


Krieg in Israel: Wo er begann und wo er enden wird…
Eine persönliche Katastrophe
von Ilia Jossifov

Tel Aviv, im November 2023. Als ich mich vor zwei Jahren von Tel Aviv aus als Orchesterdirektor in Wiesbaden bewarb, war einer meiner Leitgedanken, meinem kleinen Sohn nie wieder erklären zu müssen, warum Raketen aus Gaza zu uns fliegen …

Nun sind meine Familie und ich wieder in Tel Aviv, und seit dem 07. Oktober 2023 sind mehr als 8.000 Raketen auf uns abgeschossen worden. Wir leben in ständiger Angst, durchleben Traumata und Sorgen, die sich ein normaler Mensch in Europa nicht einmal vorstellen kann.

Das Massaker der Hamas an 1.400 Menschen innerhalb Israels am 7. Oktober habe nicht im luftleeren Raum stattgefunden, sagen Israels Kritiker, angefangen bei UN-Generalsekretär Guterres. Sie versuchen, den schlimmsten Angriff auf Juden seit dem Holocaust in einen Kontext zu stellen, der Israel für das Massaker in Israel verantwortlich macht. Und ja, der 7. Oktober kam nicht aus dem Nichts.

Es begann mit dem Unabhängigkeitskrieg, oder besser gesagt: mit dem Krieg, der dem aufstrebenden Israel erklärt wurde und dessen Ziel darin bestand, seine Unabhängigkeit zu verhindern. Es folgte eine Reihe konventioneller Kriege, unerbittlicher Terrorismus, der mit der Zweiten Intifada seinen Höhepunkt erreichte, und anhaltende Kampagnen, die allein darauf zielten, Israel zu dämonisieren und seine Legitimität zu untergraben.

An der Politik Israels und am Vorgehen gegenüber den Palästinensern war im Laufe der Jahrzehnte gewiss vieles kritikwürdig, aber darüber darf nicht in Vergessenheit geraten, dass in den zeitweiligen Friedensbemühungen diejenigen, die für die Palästinenser sprachen, die Gründung ihres unabhängigen Staates immer wieder an Bedingungen knüpften, die den Untergang unseres eigenen Staates bedeuten würden. Zu diesen Bedingungen gehört seit jeher das Beharren auf einem »Rückkehrrecht« für Millionen palästinensischer Flüchtlinge und ihrer Nachkommen in das heutige Israel – zum Anspruch auf ein unabhängiges Palästina gesellt sich so ein zweiter auf ein Israel, das ebenfalls zu Palästina gemacht werden soll.

Der frühere Palästinenserführer Jassir Arafat gab den Terrorismus nie auf und löste im Jahr 2000 die Zweite Intifada aus, anstatt einer tragfähigen Zwei-Staaten-Lösung zuzustimmen. Sein Nachfolger, Mahmud Abbas, präsentierte sich zwar eher gemäßigt, widersprach jedoch nie der Arafat-Doktrin, dass Juden im Heiligen Land keine Geschichte oder Legitimität hätten, und tat den Zionismus zunehmend als ein koloniales Projekt ab, das nichts mit dem Judentum zu tun habe. Nachdem er zuvor scheinbar die Legitimität Israels in seinen Grenzen vor 1967 anerkannt hatte, beansprucht er nun das Recht, in seinen Geburtsort Safed zurückkehren und dort leben zu können.

Leider hat Israel selbst seiner eigenen Sache oft geschadet, insbesondere durch die Förderung jüdischer Siedlungen im gesamten biblischen Judäa und Samaria, wodurch Israelis und Palästinenser im gesamten umkämpften Gebiet untrennbar miteinander verbunden und noch die gemäßigtsten Palästinenser ihrer Vision von Unabhängigkeit beraubt wurden. Dies erleichterte die Rekrutierung palästinensischer Extremisten und ließ zugleich die Möglichkeit einer Trennung der Gebiete in immer weitere Ferne rücken. Die problematische israelische Selbstdefinition erreichte ihren Höhepunkt mit der aktuellen Koalition, in der Premierminister Benjamin Netanjahu den jüdischen Rassisten zentrale Rollen einräumte.

Also nein, »das« begann nicht am 7. Oktober.

Aber – und das sollte mehr als offensichtlich sein – die komplexe, bittere Geschichte des israelisch- palästinensischen Konflikts gibt einer todeswütigen islamistischen Terrorarmee nicht das Recht, ins Land einzudringen und über 1.400 Zivilisten in ihren Betten, ihren Häusern, ihren Gemeinden zu massakrieren.

Nichts, auch die Geschichte nicht, kann als Rechtfertigung für die Gräueltaten der Hamas und anderer Barbaren dienen, die 1.400 Menschen abgeschlachtet haben und uns alle getötet hätten, wenn sie die Mittel dazu gehabt hätten. Und die Geschichte darf auch nicht geltend gemacht werden, um Israel an Maßnahmen zu hindern, die eine Wiederholung des Terrors unmöglich machen sollen.

»Dieses Recht auf Selbstverteidigung, ja, diese Verpflichtung zur Selbstverteidigung hat jede Nation«, sagte US-Außenminister Antony Blinken am 3. November in Tel Aviv. »Kein Land könnte oder sollte das Abschlachten Unschuldiger tolerieren.« Israel ist seinem Volk gegenüber verpflichtet, die Hamas zu entwaffnen, deren Anführer keinen Zweifel daran lassen, dass sie andernfalls ein Gemetzel nach dem anderen anrichten werden, bis es Israel nicht mehr gibt. Israel ist verpflichtet, die Freilassung der etwa 240 Geiseln zu erreichen, die von der Hamas und anderen Terrorgruppen im Gazastreifen entführt wurden – einem Gebiet, aus dem Israel sich 2005 vollständig zurückgezogen hat, in der vagen Hoffnung, dass dort eine friedliche palästinensische Einheit entstehen könnte. Israel ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass andere und noch weitaus mächtigere Feinde abgeschreckt werden.

Und Israel ist zuallererst verpflichtet, die Sicherheit seiner Bevölkerung wiederherzustellen: Hunderttausende aus dem Süden und Norden sind derzeit intern vertrieben und sehen sich nicht in der Lage ungefährdet zurückzukehren, selbst wenn sie noch ein Zuhause haben, in das sie zurückkehren könnten.

Die unsägliche internationale Reaktion auf den Krieg unterstreicht nur die Notwendigkeit, dass Israel siegen und sein Überleben sicheren muss. Der 7. Oktober wird zunehmend als eine beiläufige, umstrittene Fußnote behandelt, marginalisiert von einem wachsenden Großteil der internationalen Gemeinschaft, die den Konflikt in Gaza falsch darstellt, um Israel die Hände zu binden. Den Meinungsbildnern das unerträgliche Filmmaterial der Gräueltaten der Hamas zu zeigen, auch von den eigenen Bodycams ihrer Terroristen, wird das Blatt wohl nicht wenden, aber Israel darf nicht davor zurückschrecken, diese Bilder weiterhin der Welt vor Augen zu führen. Das ist keine »Propaganda«, es ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis der israelischen Situation, die zur Kriegserklärung geführt hat.

Der weltweite Antisemitismus nimmt wieder zu – in den sozialen Medien, auf dem Campus, auf der Straße – und löst in der jüdischen Diaspora wieder neue beispiellose Ängste aus, die seit Jahrzehnten als überwunden geglaubt waren. Menschen in New York City, auf der Upper West Side, reißen Plakate für in Gaza entführte Israelis ab?!

Die überall wachsende Feindseligkeit gegenüber Juden wird oft als pro-palästinensischer Protest und Aktivismus dargestellt, was falsch ist und nicht der hiesigen Realität entspricht. Es ist ein Aktivismus, der sich oft offen für ein Palästina »vom Fluss bis zum Meer« einsetzt – also für ein »heiliges« Land ohne einen jüdischen Staat, der der einzige jüdische Staat in der Welt ist. Es ist ein Aktivismus, der die ungeheuerlichen Verbrechen der Hamas nicht leugnet, sondern sie unterstützt und feiert. Im Iran war das wenig überraschend und in der Türkei deprimierend vorhersehbar; aber dass ein derartiger Aktivismus in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich, in Kanada, Frankreich und dem Rest der angeblich aufgeklärten Welt des Westens breite Unterstützung findet, ist ein schreckliches Phänomen, das bei jüdischen Menschen überall auf der Welt Entsetzen und größte Befürchtungen hervorruft.

Wir fordern die Menschheit dazu auf, auch uns Juden mit Toleranz und Respekt zu behandeln, um das grundlegende Wohlergehen des jüdischen Volkes wie aller Menschen zu schützen. Und das ist der Grund, warum Israel sich gegen die Hamas durchsetzen muss: Israel muss der sichere Zufluchtsort für Juden in Not sein, die Nation, die wiederbelebt wurde, um sicherzustellen, dass Juden nie wieder hilflos sind! Israel muss in der Lage sein, die Sicherheit seines Volkes aufrechtzuerhalten.

Sobald dies geschehen ist, muss sich Netanjahu für sein Versagen im Vorfeld des 7. Oktobers verantworten – für die Jahre, in denen er es zugelassen hat, dass Gelder für die Kriegsmaschinerie der Hamas nach Gaza fließen; dafür, dass Israel im vergangenen Jahr so gespalten wurde, dass es den Angriff der Terroristen unmittelbar ermutigt hat.

Verantworten müssen sich auch die Chefs des Militärs und der Geheimdienste, weil sie nicht beachtet haben, was die Hamas vor aller Augen sagte und plante, und sich stattdessen lieber der Fiktion einer gemäßigten Hamas hingegeben haben. Man kann nur hoffen, dass sie sich nichts vormachen, wenn es um eine angebliche Abneigung des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah geht, den Konflikt auszuweiten.

Und ja, leider gibt es auch in Israel eine jüdisch-rassistische Schicht, die nicht nur Netanjahu an der Macht sehen will, sondern auch Justizminister Yariv Levin, Finanzminister Bezalel Smotrich und den nationalen Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir, trotz aller Beweise für den Schaden, den sie dem Land und allen seinen Menschen zugefügt haben. Sie haben unsere Gesellschaft zerrissen, die Schwächung des Zusammenhalts Israels angetrieben und so die falschen Hoffnungen der Hamas gestärkt.

Auf die eine oder andere Weise wird der Tag der Abrechnung für Israel und seine Ziele – und die Frage, ob es zusammenhalten kann – kommen. Nach dem 7. Oktober ist unsere Einigkeit im Kampf um unser Überleben hoch. Die Unterstützung für die Streitkräfte, die IDF, ist in Israel jetzt nahezu vollkommen. Denn wir müssen diesen Krieg gewinnen.

Dieser Krieg ist leider noch lange nicht vorbei. Mit einem relativ kurzen Konflikt zu rechnen ist unrealistisch. Je schneller die IDF vorrücken, desto höher sind die Verluste – unter den israelischen Streitkräften und den Nichtkombattanten im Gazastreifen. Ebenso wird jeder, der eine Geiselrettungsaktion im Entebbe-Stil erwartet, mit ziemlicher Sicherheit enttäuscht werden. Die Hamas hielt Gilad Shalit, der im Juni 2006 von seinem IDF-Stützpunkt in Israel entführt wurde, mehr als fünf Jahre lang in Gaza versteckt – ein einziger israelischer Gefangener, den Israel nicht finden konnte. Dann hat ein Austausch gegen zu viele palästinensische Terroristen stattgefunden.

Heute werden in Gaza rund 240 Geiseln festgehalten – einige in den Händen der Hamas, andere in den Händen anderer Terrorgruppen und Clans. Trotz aller anhaltenden Angriffe der IDF auf Terroranführer und bewaffnete Männer, auf Tunnel und Kommandozentralen, auf Raketenwerfer und Waffenlager zeigen sich keine Anzeichen einem Entgegenkommen der Hamas; niemand gibt auf, die Hamas kämpft schätzungsweise mit rund 30.000 bewaffneten Männern. Laut Militäranalysten sind noch etwa 80 % des unterirdischen Tunnelnetzes intakt. Und die Hamas feuert immer noch zahlreiche Raketen tief ins israelische Staatsgebiet hinein.

All dies ist eine Katastrophe für mich und für jeden von uns, die wir das täglich erleben müssen!

Ich bin emotional, nervlich, wirtschaftlich und als Weltmensch am Boden!

Das ist die Grundlage, auf der ich versuche zu überleben. Für jede Unterstützung bin ich dankbar.