Gregor Schneider und die Münchner Kammerspiele initiieren ARS MORIENDI

Ars Moriendi ~ Münchner Kammerspiele ~ Vorabbild mit Gregor Schneider, Barbara Osterwald, Andreas Mielck ~ Foto: Judith Buss

Sterben im öffentlichen Raum

Mit dem Fortschreiten der medizinischen Möglichkeiten ist unsere Gesellschaft dazu übergegangen, es für selbstverständlich zu halten, schwerste Erkrankungen und letztlich auch den Tod mit allen Mitteln hinauszuzögern. Sterben-Müssen wird als Niederlage empfunden und findet meist im Verborgenen statt. Warum fällt es unserer säkularen Gesellschaft so schwer, Sterben als Teil des Lebens zu begreifen?

ARS MORIENDI ist eine neue Arbeit des international renommierten Künstlers Gregor Schneider an den Münchner Kammerspielen, bei der die Kranken und Sterbenden im Zentrum stehen. Schneider lässt dazu hochauflösende dreidimensionale Scans von Menschen anfertigen, die sich aktiv mit dem bevorstehenden Lebensende auseinandersetzen.

Digitale Abbilder, die für mehrere Jahre im öffentlichen Raum Münchens platziert werden. Sie sind unsichtbar, können aber mit einer kostenlos downloadbaren App auf dem Smartphone betrachtet werden. Über die Lautsprecher des Telefons lassen sich persönliche Nachrichten der Menschen hören. Lebt der Mensch noch, dessen Abbild wir hier sehen? Hören wir sein Vermächtnis?

Schneiders Projekt kann als Vorschlag verstanden werden, den Abschied vom Leben nicht als reine Ohnmachtserfahrung hinzunehmen, sondern persönlich zu gestalten. Über den Tod hinaus.

„Ich bin froh, dass wir Gregor Schneider dafür gewinnen konnten, das erste Mal in München zu arbeiten und sich diesem sensiblen, aber sehr wichtigen Thema anzunehmen. Mich freut auch, dass wir mit ARS MORIENDI die Brücke vom Theater zur bildenden Kunst schlagen und unser Engagement im öffentlichen Raum der Stadt auf innovative Weise fortsetzen“, so Barbara Mundel – Intendantin der Münchner Kammerspiele.

Gregor Schneider wird ab sofort regelmäßig in München sein, um mit den Teilnehmenden zu arbeiten und wendet sich an die Öffentlichkeit: „Ich bin gespannt, wie die Stadtgesellschaft auf den Aufruf zur Teilnahme reagiert. Alle, die sich angesprochen fühlen, können sich bei uns melden und Teil der Arbeit werden. Welchen Raum geben wir dem Sterben und Tod in unserer Gesellschaft? ARS MORIENDI soll ein künstlerisches Angebot sein, diese Frage in unserem alltäglichen Leben präsent zu machen.“

VERÖFFENTLICHUNG UND GESPRÄCH

Anlässlich der Veröffentlichung der ARS MORIENDI-App am 19.10.2024 spricht Gregor Schneider um 17:30 Uhr in der Therese-Giehse-Halle mit der Palliativmedizinerin Prof. Dr. Claudia Bausewein und dem Theologen Friedhelm Mennekes über künstlerische und ethische Aspekte im Zusammenhang mit seiner Arbeit und die gesellschaftlichen Schwierigkeiten im Umgang mit dem Tod. Ist uns das kollektive Wissen darüber, wie Sterben „funktioniert“ verloren gegangen?

GREGOR SCHNEIDER, geboren 1969 in Mönchengladbach-Rheydt (GER), ist ein international renommierter Bildhauer und Künstler, der weltweit von den wichtigsten Museen präsentiert wird. Für sein Werk „Totes Haus u r“ wurde Schneider im Jahr 2001 mit dem „Goldenen Löwen“ der Venedig Biennale ausgezeichnet.

Seitdem hat er international zahlreiche Projekte realisiert, darunter die Zwillingshäuser „Die Familie Schneider“ 2004 in London, ein von der Kaaba in Mekka inspirierter abstrakter „Cube Hamburg“ 2007 an der Kunsthalle Hamburg sowie die schrittweise Pulverisierung des Geburtshauses von Joseph Goebbels 2014. Zuletzt erhielt Schneider den Ernst Franz Vogelmann-Preis für Skulptur 2023.

PROF. DR. CLAUDIA BAUSEWEIN ist seit 35 Jahren in der Hospizarbeit und der Palliativmedizin engagiert. Sie zählt zu führenden Expert*innen auf ihrem Gebiet und erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. Bausewein ist Inhaberin des Lehrstuhls für Palliativmedizin an der LMU München, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am LMU Klinikum München und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

PROF. EM. DR. PHIL., LIC. THEOL. FRIEDHELM MENNEKES SJ, geboren 1940 in Bottrop, ist ein deutscher katholischer Theologe und Priester sowie international agierender Kunstverständiger. Als Prof. em. für Pastoraltheologie und Religionssoziologie steht er seit mehr als vierzig Jahren im Kreuzfeld zwischen Kunst und Kirche. 2011 wurde er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Mennekes ist Publizist, Kurator sowie Lehrer an verschiedenen Kunsthochschulen und Universitäten. In zahlreichen Künstler*innengesprächen suchte er den Dialog mit Persönlichkeiten wie Joseph Beuys, Francis Bacon, Rosemarie Trockel und vielen anderen.


Team

Kurator: Martin Hammer
Dramaturgie: Tobias Schuster
Künstlerische Produktionsleitung: Zora Luhnau
Künstlerische Entwicklung und Programmierung der App: youlittle GmbH

Ars Moriendi ist ein Projekt von Gregor Schneider in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen, gefördert von Public Art München, Kulturreferat der Landeshauptstadt München

Nähere Informationen: muenchner-kammerspiele.de