Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2020

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2020 geht an SÖREN HORNUNG für sein Stück „ARCHE NOA. Das Ende vom Schluss“. Die Entscheidung wurde bei der Jurysitzung im Januar 2020 getroffen.

Die Jury des diesjährigen Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik bestand aus Andrea Czesienski (Lektorin henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin), Lisanne Hirzel (Schauspielerin der Theater Chemnitz), Johannes Schulze (Vorsitzender des Fördervereins der Theater Chemnitz), Matthias Huber (freiberuflicher Dramaturg und Regisseur) und René Schmidt (Schauspieldramaturg der Theater Chemnitz). Damit prämiert die Jury bereits zum zweiten Mal ein Theaterstück von Sören Hornung. „Sieben Geister“ wurde 2018 geehrt und in der Regie von Laura Linnenbaum uraufgeführt.

Der mit 5000,- € dotierte Preis ist mit einer URAUFFÜHRUNG AM SCHAUSPIEL CHEMNITZ verbunden. In der Regie von Matthias Huber und in der Ausstattung von Cleo Niemeyer feiert „ARCHE NOA. Das Ende vom Schluss“ am 8. MAI 2020 im Ostflügel des Schauspielhauses Premiere. Am gleichen Tag findet auch die offizielle Preisverleihung an den Autor Sören Hornung statt.

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik versteht sich als Nachwuchs- und Förderpreis und lädt junge Autorinnen und Autoren dazu ein, Formen auszuprobieren und meinungsstark Position zu beziehen. Der Preis wird 2020 zum siebten Mal vergeben. Die vorherigen Gewinnerstücke waren „Die Erben des Galilei“ von Martin Bauch (2014), „Zerstörte Seele“ von Jan Peterhanwahr (2015), „die zärtlichkeit der hunde“ von Uta Bierbaum (2016), „InnerOuterCity“ von Azan Garo (2017), „Sieben Geister“ von Sören Hornung (2018) und „Rauschen – Oder: Wenn du nicht existierst, geh mir bitte aus dem Licht. Danke!“ von Natalie Baudy (2019).

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik wird unterstützt vom Förderverein der Theater Chemnitz.

theater-chemnitz-de

DAS STÜCK

Uraufführung
Sören Hornung
ARCHE NOA
Das Ende vom Schluss

Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2020
Premiere: 8. Mai 2020, 20.00 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz / Ostflügel
Regie: Matthias Huber
Bühne und Kostüme: Cleo Niemeyer


Simone arbeitet als Aushilfe in einem SuperSupermarkt. Sie wird hierhin und dahin geschickt, kaum jemand beachtet sie. Also schreibt sie ein Büchlein über einen grausamen Nebel, der alles und jeden verschlingt. Ihre Fiktion, besser ihr apokalyptischer Albtraum wird wahr und das Drama beginnt. Aus Simone der Aushilfe wird die Herrscherin über den einzig rettenden Supermarkt und überall draußen herrscht ein Nebel des Grauens, der die Menschen angstvoll herumirren lässt. So auch Dietmar. Schließlich findet er die Tür zum rettenden SuperSupermarkt. Doch auch im Markt geschehen seltsame Dinge: Simone verkauft Dietmar Produkte, die er nicht braucht. Eine tote Mutter beschimpft ihn und berichtet von einem Kreuzfahrtschiff, das mittels Geld am Laufen gehalten wird. Und der Bundeswehrsoldat Karl Schmidt, Drohnenpilot, stellt einen Zusammenhang zwischen der Existenz von 3-D-Druckern und Terrorismus her. Doch die Zeit wird knapp. Die Kühlung fällt aus, das Eis schmilzt und eine Sintflut droht. Den Überlebenden bleibt nichts weiter übrig, als sich auf die Regale des Supermarktes zu retten. Während Dietmar mutierte Fische angelt, baut Simone an einer Arche, um dem Grauen zu entkommen. Doch Gott wäre nicht Gott, wenn er sich in diesem Moment nicht der Menschen erbarmte. Dumm nur, dass sich Gott als Geschichte der Menschen entpuppt, also nur durch die Menschen existiert. Dennoch hat er etwas im Gepäck: die Geburt der Macht aus der Angst.
Sören Hornungs neuer Theatertext stellt eine überdrehte Diagnose der Zeit. Mit Haltung, aber ohne Zeigefinger. Mit Witz, aber bitterem Ernst. Im Fahrwasser kapitalistischen Wirtschaftens – hier dem SuperSupermarkt – wird Sprache die Kraft zugesprochen, Welt bzw. Weltsicht zu prägen. Wenn eine groschenheftgebildete Figur sich eben einen Nebel des Grauens einbildet, dann wird dieser wahr. Was Mensch zur Einwirkung kommen lässt, prägt seine Weltsicht und sein Handeln. Auf anderer Ebene weist der Nebel auf einen Zustand der Unerkennbarkeit von Akteuren, Zusammenhängen und Antagonismen des Kapitalismus, weil dafür keine Sprache mehr zur Verfügung steht, sie wurde von der Ökonomie usurpiert. Hornung spielt denn auch mit Sprache, setzt Worte, Sprachfetzen, Zitate und vertraute Zusammenhänge in neue Kontexte, verfremdet allzu vertraute Sinnsetzungen und generiert absurden Witz. Genau wie Gott erscheint der Kapitalismus als eine Fiktion, ein Masternarrativ, das dem menschlichen Zusammenleben zwar Struktur gibt, aber vielleicht nicht die einzig mögliche Erzählung ist.

DER AUTOR

Sören Hornung, geboren 1989 in Berlin, arbeitet als Regisseur, Autor und Performer. 2010 arbeitete er als Regieassistent bei der Fernsehserie „Schloss Einstein“ und inszenierte am Schlossplatztheater Berlin. 2012 gründete er mit Paula Thielecke das KOLLEKTIV EINS, welches zurzeit im Rahmen des Fonds Doppelpass (in Kooperation u. a. mit dem Schauspiel Chemnitz) von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird. 2015-2016 absolvierte er sein Regiestudium an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Seine Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ wurde 2015 zum Körber Studio Junge Regie eingeladen. Zeitgleich begann er regelmäßig als Schauspieldozent an der Hochschule für Musik und Theater Rostock zu arbeiten. Im Jahr 2017 war er für den Osnabrücker Dramatikerpreis nominiert und mit dem KOLLEKTIV EINS bei dem Festival Spieltriebe 7 am Theater Osnabrück vertreten. Sein Stück „Sieben Geister“ wurde 2018 mit dem Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik geehrt und zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. „Die Legende von Sorge und Elend“ wird in Form einer szenischen Lesung zum Festival „30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall“ in Berlin präsentiert. Darüber hinaus arbeitete er bisher u. a. für das Schauspiel Stuttgart, das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin und das Volkstheater Rostock.