Festspielhaus Baden-Baden: Grande Dame trifft Klangkünstler

Dvořák trifft auf Beethoven, Elisabeth Leonskaja auf Iván Fischer: am 1. Advent 2019 um 19 Uhr gastiert im Festspielhaus das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer, Solistin des Abends ist die große Pianistin Elisabeth Leonskaja

Elisabeth Leonskaja (© Marco Borggreve)

Mit dem Konzert vom 1. Dezember 2019 setzt der Dirigent Iván Fischer sein Projekt fort, sinfonischer Musik von Antonín Dvořák ein Klavierkonzert von Beethoven gegenüberzustellen. Nach einem gefeierten Konzert im letzten Jahr mit Dvoraks selten gespielten sechsten Sinfonie und Beethovens erstem Klavierkonzert, folgen nun echte Klassiker: Neben Dvoraks achter Sinfonie erklingt Beethovens fünftes Klavierkonzert mit Elisabeth Leonskaja am Klavier.

Und auch das ist schon eine kleine Tradition im Programmablauf: Iván Fischer verzichtet auf eine traditionelle Ouvertüre und ersetzt diese durch einen „slawischen Tanz“ und eine „Legende“ von Dvorak. Am 1. Dezember erklingen der slawische Tanz Nr. 8 aus Op. 72 und die fünfte Legende aus dem Zyklus Op. 59. Als ungewöhnliche Dreingabe gibt es noch das „Wiegenlied“ Op. 29 Nr. 2 – gesungen von den Mitgliedern des Orchesters.

Besonders am letzteren hätte Antonin Dvorak wohl Gefallen gefunden, erweiterte dieser Komponist doch selbst immer wieder gerne die Konventionen. Seine achte Sinfonie von 1889 gilt als eines der originellsten Werke des 19. Jahrhunderts. Bereits ihre Grundtonart „G-Dur“ war ein Affront. Diese galt damals als typische Volksmusiktonart und damit als ungeeignet für Sinfonien, die sich im 19. Jahrhundert gern wie heroische Denkmäler präsentierten. Im bewussten Kontrast dazu vertraut Dvorak auch das schlichte Dreiklang-Hauptthema der „naiven“ Flöte und verzichtet konsequenterweise auf weitere konventionelle „Sinfonie-Themen“. Dass die gut gelaunte G-Dur-Sinfonie mit einer tiefsinnigen g-Moll-Melodie beginnt fügt sich ein ins ungewohnte Bild. Das Finale, ein witziger Variationssatz, geht zurück auf Beethovens Finale aus dessen dritter, der „Eroica“- Sinfonie.

Womit eine Brücke gebaut wäre zum zweiten Schwerpunkt des Abends, Ludwig van Beethovens fünftem Klavierkonzert von 1809. Wie die „Eroica“ steht dieses populäre, letzte Klavierkonzert in heroischem Es-Dur. Gleichwohl hat der Zuhörer es hier mit einem entspannten Heldentum zu tun, das seine leisen, auch witzigen Momente wie etwa das Solofagott im ersten Satz, hat. Der langsame, idyllische zweite Satz zählt zu den schönsten Einfällen des Komponisten.

Seit Jahrzehnten gehört Elisabeth Leonskaja zu den gefeierten großen Pianistinnen unserer Zeit. Dabei bleibt sie sich und der Musik treu, ganz in der Tradition der großen sowjetischen Musiker. Ihre fast legendäre Bescheidenheit macht Elisabeth Leonskaja noch immer medienscheu. Betritt sie aber die Bühne, spürt das Publikum die Kraft, die daraus erwächst, dass sie die Musik als ihre Lebensaufgabe empfindet und pflegt.

Elisabeth Leonskaja wurde in einer russischen Familie in Tiflis geboren. Bereits mit elf Jahren gab sie ihre ersten Konzerte. Sie war Studentin von Jacob Milstein am Moskauer Konservatorium und gewann Preise bei wichtigen Klavierwettbewerben in Bukarest, Paris und Brüssel. Für ihre musikalische Entwicklung besonders prägend wurde die Begegnung mit Swjatoslaw Richter. 1979, im Jahr nach ihrer Emigration nach Wien, legte Leonskaja mit einem Auftritt bei den Salzburger Festspielen den Grundstein für ihre Karriere in der westlichen Welt. Sie tritt weltweit als Solistin mit erstklassigen Orchestern wie dem New York Philharmonic, Los Angeles Philharmonic Orchestra, London Philharmonic und Symphony Orchestras, Tonhalle Orchester Zürich, Berliner Philharmoniker, Gewandhausorchester Leipzig und unter der Leitung der großen Dirigenten ihrer Zeit wie Kurt Masur, Sir Colin Davis, Christoph Eschenbach, Christoph von Dohnányi, Mariss Jansons oder Tugan Sokhiev. Elisabeth Leonskaja ist gerngesehener und regelmäßiger Gast bei bedeutenden Festivals. Bei aller solistischen Tätigkeit behält die Kammermusik einen großen Platz in ihrem Schaffen und sie konzertiert immer wieder mit den Quartetten Alban Berg, Emerson, Belcea und Artemis. Viele Einspielungen zeugen von dem hohen künstlerischen Niveau der Pianistin und wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Ehrenmitglied des Wiener Konzerthauses. 2006 wurde ihr das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erster Klasse für besondere Verdienste um die Kultur des Landes verliehen, die höchste Auszeichnung Österreichs. In Georgien ist sie 2015 zur Priesterin der Kunst ernannt worden.


Iván Fischer
© Ákos Stiller

Iván Fischer ist Gründer und Musikdirektor des Budapest Festival Orchestra, seit der Saison 2012/13 ist er zudem Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. Jedes Jahr lädt ihn das Concertgebouworchester Amsterdam ans Dirigentenpult, auch bei großen amerikanischen Orchestern wie New York Philharmonic und dem Cleveland Orchestra ist er gefragt. In den letzten Jahren hat er auch als Komponist reüssiert, seine Werke werden in Europa und in den USA aufgeführt. Vor seiner Ausbildung zum Dirigenten bei Hans Swarowsky in Wien studierte er in Budapest Klavier, Violine, Cello und Komposition. Er war Assistent bei Nikolaus Harnoncourt, der Erfolg beim Dirigentenwettbewerb der Rupert Foundation öffnete ihm den Weg zur internationalen Karriere. Tourneen mit dem Budapest Festival Orchestra und eine Reihe preisgekrönter Einspielungen haben seinen Ruf als exzellenter Orchesterleiter weltweit gefestigt. Iván Fischer trägt die Medaille in Gold der Republik Ungarn, das Weltwirtschaftsforum in Davos verlieh ihm den Crystal Award. Die französische Regierung ernannte ihn zum Chevalier des Arts et des Lettres und seit 2013 ist er Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London.

In seiner noch recht jungen Entwicklung, die in den 1980er Jahren begann, hat sich das Budapest Festival Orchestra in die erste Reihe international renommierter Orchester gespielt. Motor dieser Erfolgsgeschichte ist die Überzeugung, dass es Routine nicht geben darf: Jedes Konzert ist eine freudvolle Erkundung des Materials, im Bewusstsein der Freiheit, neue und ungewöhnliche Wege gehen zu dürfen. Damit einher geht eine außerordentliche Sorgfalt im Detail. Für die hohe Qualität seiner Aufführungen ist das Orchester mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden: Zweimal gewann es den hochangesehenen britischen „Gramophone Award“, einmal war es für den Grammy nominiert. Mit derselben Leidenschaft und Experimentierfreude, die das Orchester in den renommiertesten Sälen rund um den Globus zeigt, musiziert es in seiner ungarischen Heimat. In einer Veranstaltungsreihe, die auf öffentlichen Plätzen Tanz und Konzert zusammenführt bringt es klassische Musik auf die Straße und mit dem Kulturzentrum Müpa in Budapest veranstaltet das Budapest Festival Orchestra unter anderem das Bridging Europe Festival. Die Musikerinnen und Musiker des Orchesters verlassen regelmäßig den Konzertsaal, um in Schulen, in Kindergärten, in Krankenhäusern oder Gefängnissen Zuhörern die Welt der Musik zu eröffnen.

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