»Extreme Love im Wohnzimmer am Ende der Welt«, eine(post-)ökologische Performance mit elektronischer Musik als Stream

© Björn Fischer

Am 20., 21. und 22. November zeigen Björn Fischer und Richard Millig online eine Preview zu ihrer neuen Arbeit „Extreme Love im Wohnzimmer am Ende der Welt“, eine(post-)ökologische Performance mit elektronischer Musik.

Während die Theater schließen und sich alle zurückziehen, haben auch wir die Bühne verlassen und bereiten unser weiteres Verschwinden zu Hause vor. Im Wohnzimmer irgendwo zwischen Raumpflege und Topfpflanzen passiert etwas. Unzählige Partikel stellen Verbindungen zwischen uns und der Welt her, die eine Art der Vernetzung spürbar machen, von der wir uns nicht zurückziehen können. Fern von Posts, Likes und den digitalen Kontaktmöglichkeiten der Menschen stoßen wir auf eine die Welt umspannende Beziehungsform, die auf einer seit Jahrmillionen dauernden Vertrautheit zwischen den unterschiedlichsten Lebensformen aufbaut. Mikrobakterielle Strukturen sind längst dabei, das Innen und Außen aufzulösen.

Trotz aller gegenwärtigen Bedrohungen lädt “Extreme Love im Wohnzimmer am Ende der Welt” dazu ein, eine Intimität mit unbelebten und belebten Mikrobewohner*innen und Mikroerbauer*innen einer fremden und doch so vertrauten globalen Welt zu erfahren, die sich jeder Grenzziehung und Beherrschungslogik widersetzt. Schicht für Schicht untersuchen wir gemeinsam das Verhältnis von uns, unseren Ichs zu der Welt mit, in und durch die wir leben. Das Experiment ist dabei gleichermaßen ein Versuch, zu verstehen und Verantwortung abzugeben.

Performerin Gal Fefferman, die online im Raum an-und abwesend gleichzeitig ist, und eine Wohngemeinschaft derer, die sonst hinter der Bühne leben, versuchen Gemeinsamkeiten mit kaum wahrnehmbaren Lebensräumen zu entdecken, um ihre vermeintliche Isolation aufzulösen. Sie haben die Umzugskisten für eine andere, zukünftige Welt gepackt und gestalten das Wohnzimmer für eine neue Art des Zusammenlebens um: langsamer werden, sitzen bleiben und zuhören. Was ist überhaupt noch zu hören und wem ist zuzuhören, wenn zwischen Fake News Verwandtschaften von Erdbeben zu singenden Walen hörbar werden und Synthesizerklänge aus Sandstürmen der Atacama-Wüste auf Klangcollagen von Mikroben treffen?

Die Video-Performance,eine Inside-Out-Variante der Live-Performance, sucht eine Liebesbeziehung mit der Welt im Ganzen: Wenn unser Inneres die Außenwelt ist, die immerzu in uns und durch uns durch geht, entstehen Mischwesen, die uns zu einem anderen Zusammenleben mit Ihnen herausfordern. Welche neuen Formen der Liebe können aus diesem Selbstverständnis entstehen, während wir uns im “Wohnzimmer am Ende der Welt” vorbereiten, auf Zeiten, die noch keiner kennt und die dennoch kommen werden?


Extreme Love im Wohnzimmer am Ende der Welt

Eine(post-)ökologische Performance mit elektronischer Musik als Stream

Performance: Gal Fefferman
Idee und künstlerische Leitung: Björn Fischer
Bühne und Licht: Laura Robert
Musik: Richard Millig
Produktion: Jonathan Kirn
Technische Assistenz: Dennis Hoss

Stream: 20., 21. und 22. November, jeweils 20.15 Uhr
Das Video bzw. der Linkzum Video wird auf der Programm-Seite der Homepage von studioNaxosabrufbar sein: studionaxos.de

Die Produktion entstand in Kooperation mit studioNAXOS. Sie wird gefördert vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Musikfonds e. V. mit Projektmitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der FAZIT-Stiftung.

Künstlerische Biografie

Björn Fischer und Richard Millig können nun bereits auf eine mehrjährige Zusammenarbeit im Bereich von Performance und Neuer Musik zurückblicken, die sie zu Studienzeiten in Frankfurt begonnen haben. Zentraler Bestandteil ihres künstlerischen Zugangs ergibt sich aus einer technologie-basierten Performance, die live-elektronische Klangsynthese als zentralen Bestandteil der Darstellung beinhaltet und diese mit körperlicher und textlicher Praxis im Raum konfrontiert. Gleichzeitig wird der technischen Seite ein reduziertes körperliches Spiel gegenübergestellt, das seinerseits einen Umgang mit den veränderten Realitätsbedingungen des 21. Jahrhunderts sucht –sei es in der Auseinandersetzung mit programmierten Maschinen oder den Herausforderungen der globalen Erwärmung. Hierbei entsteht eine Verbindung von Musik, Technik, und Performance, die die Möglichkeit des Theaters als Raum der Imagination undTräumerei betont und dabei immerzu aufs Engste im Gewebe der Gegenwart verflochten ist. Anleihen an Nerd-und Trashkultur tauchen auch immer wieder in ihren Arbeiten auf. Ihre vorangegangene Performance „Paradise Now: Die Letzte macht das Licht aus“ –ein„ökologisches Nachtstück“ (FR) „zwischen Philosophie und Poesie“ (FAZ) –beschäftigte sich mit der Sehnsucht nach einem ökologischeren Dasein. Sich in eine Pflanze zu verwandeln, um endlich Sauerstoff zu spenden, anstatt CO2 zu produzieren, wurde zum Traumbild für die Performer*innen. Die Frage nach einem neuen Zusammenleben zwischen den Spezies (Interspezies) wird hierbei künstlerisch und ethisch ernst genommen und schließt an die Problemstellung des Posthumanen an. In der Annäherung an diese aktuellen Komplexe ist der teilweise naive Zugang eines reinen, offenen Spiels markanter Bestandteil ihrer künstlerischen Darstellungspraxis.

studioNAXOS
studioNAXOSist ein freies Produktionshaus für zeitgenössisches Theater, Performance und Musik in der Frankfurter Naxoshalle. Es entstand 2014 aus dem Zusammenschluss von Studierenden der Hessischen Theaterakademie und hat sich in Zeiten großer Raumnot der Theaterschaffenden in Frankfurt als freies Produktionshaus in der Stadtgesellschaft und darüber hinaus einen Namen gemacht. Produktionen aus dem studioNAXOS-Produktionsverbund waren in den letzten drei Jahren bei allen wichtigen deutschen Newcomer-Festivals vertreten (Körber-Festival, Radikal Jung, Out Now! Festival, Fast Forward Festival, Impulse Festival etc.) und wurden in zahlreiche andere Theater zu Gastspielen eingeladen. studioNAXOS kooperiert außerdem mit vielen lokalen Partnern*innen und Förderinstitutionen wie dem Lichter Filmfest oder den Goethe-Festwochen und wird seit 2018 von der Stadt Frankfurt institutionell gefördert. Seit 2018 ist studioNAXOS darüber hinaus im deutschlandweiten Netzwerk Freier Theaterhäuser (NFT) und seit 2020 ein assoziierter Partner der Hessischen Theaterakademie (HTA).

studionaxos.de