Elbphilharmonie-Festival »Britain Calling«: Die beste Musik von der Insel spielt in Hamburg

Beim Elbphilharmonie-Festival »Britain Calling« (6. – 16. Oktober) stehen das City of Birmingham Symphony Orchestra und seine charismatische junge Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla im Zentrum

Elbphilharmonie-Festival »Britain Calling« (6. – 16. Oktober) (© Daniel Dittus)

Hamburg, den 4. Oktober 2019: Bei allenbritischen Heiligen: Dass dieses Festival vom Timing her so dermaßen wie die Faust aufs Auge passen würde, war während seiner Planung wirklich nicht vorauszusehen. Aber so ist es gekommen. Nach schier endlosen Monaten des blanken Chaos im britischen Parlament, nur wenige Wochen vor dem womöglich ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU, findet in der Elbphilharmonie Hamburg ein Festival statt, das sich fast ausschließlich und hingebungsvoll (komponierter) Musik von den britischen Inseln widmet: »Britain Calling« (6. – 16. Oktober). Dreh- und Angelpunkt des Festivals sind das City of Birmingham Symphony Orchestra, das in dieser Saison sein 100-jähriges Bestehen feiert, und seine charismatische junge Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla. Boris Johnson und seine Anhänger werden dagegen immun sein, aber »Britain Calling« versteht sich durchaus auch als künstlerisches Gegenmittel zu all den Wirren und Ängsten um den drohenden Brexit, als ein Fest der Verbindungen, der Verbundenheit und der Solidarität.

Bei insgesamt sechs Konzerten – drei im Großen Saal, drei im Kleinen Saal – erlebt das Publikum bedeutende Werke der bekanntesten Namen der britischen Musik von John Dowland und Henry Purcell über Edward Elgar und William Walton bis zu Benjamin Britten, Michael Tippett und George Benjamin, kann aber auch reihenweise Entdeckungen mit Musik hierzulande noch weniger bekannter Komponisten machen, unter denen zudem erfreulich viele Frauen sind – etwa Rebecca Saunders, Ruth Gipps oder Thea Musgrave, bei deren Trompetenkonzert Alison Balsom als Solistin zu erleben ist (Deutsche Erstaufführung, 8. Oktober). Die Abende im Großen Saal mit dem Orchester dirigiert ausnahmslos Mirga Gražinytė-Tyla, die aus Litauen stammende Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO). Sie leitet ebenfalls die Aufführung am Eröffnungsabend (6. Oktober) im Kleinen Saal mit der Birmingham Contemporary Music Group, einem auf Neue Musik spezialisierten Ensemble, das sich in den 80er-Jahren unter Mirga Gražinytė-Tylas Vor-Vorgänger Sir Simon Rattle aus den Orchestermusikern bildete.

Der City of Birmingham Symphony Chorus ist bei der Aufführung des Oratoriums »A Child of Our Time« von Michael Tippett zu erleben, das ein besonders düsteres Kapitel der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts reflektiert. Schließlich spannen zwei Kammerkonzerte eigene und eigenwillige Panoramen (überwiegend) englischer Musik auf: ein Quartett um die Wiener Gambistin, Flötistin und Komponistin Eva Reiter bringt Musik von Dowland bis zu Zeitgenössischem, das Heath Quartet lässt Streichquartette von Thomas Adès, Michael Tippett und James MacMillan in einen Dialog mit Beethovens spätem Quartett a-Moll op. 132 treten.

Bereits seit dem 3. Oktober steht als temporäre Installation zur sinnfälligen Begleitung von »Britain Calling« auf der Elbphilharmonie-Plaza am Aufgang zum Kleinen Saal eine englische Telefonzelle, schön rot und schön nostalgisch. Von diesem Fernsprech-Häuschen, dessen letzte reguläre Exemplare auf der Insel nach und nach verschwinden, lässt sich zwar keine direkte Verbindung zum Vereinigten Königreich auf Abwegen herstellen, auch werden leidenschaftliche fernmündliche Appelle von Brexiteers wie Remain-Beschwörern ausbleiben. Das Telefon ist nicht angeschlossen. Doch ist die Telefonzelle täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet, und wer mag, kann mithilfe bereitgestellter Utensilien und eindeutiger Requisiten seine Meinung zum Brexit kundtun, sich damit fotografieren und das Ergebnis unter dem Hashtag #elbphilharmonie auf den eigenen Social-Media-Kanälen posten. Zudem informiert dort ein Screen über das Festival »Britain Calling«, für dessen meiste Konzerte es noch (Rest-)Karten zu kaufen gibt.

Jeweils freitags und sonnabends treten auf der Plaza vor der Telefonzelle aufstrebende britische Musiker auf: am 4. Oktober um 16.30 Uhr und um 17.30 Uhr sowie am 5. Oktober um 17 und 18 Uhr gastiert Mayes solo – der britische Singer/Songwriter Sam Mayes. Am 11. Oktober um 17.30 Uhr und 18.30 Uhr sowie am 12. Oktober um 14 und 15 Uhr ist Duncan Townsend zu erleben, ebenfalls mit Gitarre und Gesang. Die Konzerteinlagen dauern jeweils etwa 25 Minuten.

elbphilharmonie.de