Die Spielzeit 2022/23 am Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim (Foto: Christian Kleiner)

Die Generalsanierung des Nationaltheaters Mannheim ist gestartet und mit ihr beginnt eine Zeit voller Herausforderungen und kreativer Höchstleistungen. Flexibilität begleitete das Nationaltheater Mannheim bereits während der Corona-Pandemie. Und diese Flexibilität ist es, die nun erneut gefragt ist, da sich aufgrund der globalen Entwicklungen, damit verbundenen Lieferengpässen und Materialmangel die Fertigstellung der Interimsspielstätten verzögert.

Im Alten Kino Franklin sollen sich voraussichtlich am 10. Februar mit Brechts »Der gute Mensch von Sezuan« das erste Mal die Türen öffnen, während die Fertigstellung der Oper am Luisenpark (OPAL) anders als ursprünglich geplant nicht im Dezember, sondern nun voraussichtlich im Frühjahr 2023 erfolgen soll.

Da es sich bei den Verzögerungen bezüglich der Fertigstellung des OPAL um neue Entwicklungen handelt, die nicht das Nationaltheater Mannheim zu verantworten hat, wird mit Hochdruck daran gearbeitet, mit der Firma metron Vilshofen GmbH, die den Bau verantwortet, den Zulieferern und zuständigen Firmen einen an die neue Situation angepassten und fundierten Bauzeitenplan zu erstellen. Sobald verlässliche Aussagen getroffen werden können, kann auch die Oper ihre Planungen konkret anpassen und einen neuen Termin für die Eröffnung der Oper am Luisenpark mit der Uraufführung von »CRÉATIONS Schöpfungsgeschichten« finden.

Trotz der aktuellen und in der gestern erschienenden gedruckten Jahresvorschau noch nicht abgebildeten Entwicklungen, wurden im Rahmen der gestrigen Jahrespressekonferenz die derzeitigen Planungen für die Saison 2022.23 von Albrecht Puhlmann (Intendant Oper), Christian Holtzhauer (Intendant Schauspiel), Stephan Thoss (Intendant Tanz) und Ulrike Stöck (Intendantin Junges NTM) vorgestellt.

Schauspiel

Das Schauspiel begibt sich in seiner neuen Heimat mit seinem treuen Publikum, Neugierigen und neuen Nachbar*innen auf Entdeckungsreise in Franklin und widmet sich Klassikern der Theaterliteratur. So folgt dort nach der Eröffnungspremiere »Der gute Mensch von Sezuan«, die die junge und erfolgreiche Regisseurin Charlotte Sprenger inszenieren wird, ein Wiedersehen mit Katrin Plötner, die »Eine Volksfeindin« nach Ibsen auf die Bühne bringen wird.
Zum Kino der besonderen Art wird das ehemalige Lichtspielhaus der US-Armee mit der Bühnenfassung von »Casablanca«, in der sich Regisseurin Johanna Wehner mit ihrem Team mit den Motiven aus Curtiz’ Film auf die Geschichte des amerikanischen Franklin Village bezieht.
Mit »New World Franklin« erarbeitet der Theaterautor Björn Bicker gemeinsam mit der Regisseurin Beata Anna Schmutz eine theatrale Prozession durch den neuen Stadtteil Franklin. Schmutz, die zudem Leiterin des Mannheimer Stadtensembles ist, führt ihre Entdeckungsreise mit »Vier Jahreszeiten« noch weiter, indem sie mit dem Stadtensemble Anwohner*innen einlädt, sich in verschiedenen Formaten an der Recherche zu beteiligen.

Aber nicht nur auf Franklin wird das Schauspiel zu erleben sein. So wird die Saison an diesem Mittwoch mit der NTM-Theatertruck-Produktion »Der Diener zweier Herren« von Carlo Goldoni eröffnet. Regie führen Carolina de Araújo Cesconetto und Eunsoon Jung, die ebenso wie Bühnen und Kostümbildnerin Lena Katzer dem Regiekollektiv hfs_ultras angehören, das sich aus einer ausschließlich mit Frauen besetzten Regieklasse der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« formierte.
Im Studio Werkhaus gibt es kurz darauf die Premiere von Büchners »Woyzeck«, inszeniert von dem jungen Regisseur Branko Janack, gefolgt von der Produktion »Frankenstein«, frei nach dem Roman von Mary Shelley und in der Regie von Nazli Saremi. Ewe Benbenek, die im vergangenen Jahr für ihr Debüt »Tragödienbastard« mit dem renommierten Mülheimer Dramatikpreis ausgezeichnet wurde, ringt in ihrem neuen Stück »Juices«, das im Studio Werkhaus seine Uraufführung feiern wird, um die ambivalente Frage, ob man sich (als Autorin) jemals von der eigenen Herkunft lösen kann – oder will. Kamila Polívková, Theater-Shootingstar aus Tschechien, wird mit der Produktion ihre erste Regiearbeit in Deutschland zeigen.

Die diesjährige Hausautorin, Anastasiia Kosodii, zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Stimmen des ukrainischen Theaters, denn ihre Arbeiten lenken u. a. den Blick auf die Folgen des seit 2014 schwelenden Konflikts in ihrer Heimat, der mit der Annektierung der Krim durch Russland begann. In ihrem neuen Stück »How To Become The King Of Ukraine«, das Kosodii für das Nationaltheater Mannheim schreibt und auch selbst inszenieren wird, rekapituliert sie die Entwicklungen seit 2014, die schließlich zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands in diesem Frühjahr führten.

Mit der Bundesgartenschau 2023 kooperiert das Schauspiel bei gleich zwei Produktionen. So ist die interaktive Installation »Pigs« von Miriam Tscholl, die bereits bei weiteren Partnern wie den Münchner Kammerspielen oder dem Schauspiel Stuttgart zu sehen war, ab 14. April auf der BUGA 23 zu erleben. Und als letztes großes Highlight werden die 22. Internationalen Schillertage Festivalstimmung nicht nur auf das ehemalige Kasernengelände Franklin bringen, sondern auch gemeinsam mit der Bundesgartenschau auf die Seebühne des Luisenparks, wenn dort mit »Wilhelm Tell« in der Regie von Christian Weise die Eröffnung des Festivals gefeiert wird.

Auch digital geht es mit dem Institut für Digitaldramatik (IDD) weiter. Im vergangenen Jahr wurde noch mit einem Stipendiat*innenprogramm geforscht, welches Textmaterial den digitalen Bühnen zugrunde liegt und wie sich Autor*innenschaft dadurch verändert. In dieser Saison liegt der Fokus auf Theorie und Praxis des Schreibens für VR-Erlebnisse und dementsprechend soll der Spielplan durch 30 VR-Brillen perspektivisch erweitert werden.

Oper

Die Opernsparte startete am vergangenen Wochenende mit dem »OpernAir im Luisenpark« in die neue Saison! Zunächst wird die Opernsparte nun in Daegu (Südkorea) mit dem Ringzyklus gastieren, den Yona Kim in einem Parforceritt zum Spielzeitende der vergangenen Saison unter der musikalischen Leitung von Alexander Soddy zur Premiere brachte. Im Anschluss stehen auch in dieser Saison mit Kompositionen von Mozart bis Grétry wieder berühmte und halb verschollene Werke der Opernliteratur auf dem Programm.

Im November und Dezember wird zunächst der Musensaal im Rosengarten zur Opernbühne. Dort wird nicht nur Loriots »Der Ring an einem Abend«, der vor dreißig Jahren für das Mannheimer Nationaltheater kreiert wurde, gezeigt, sondern mit »Der Tigerprinz« der compagnie toit végétal und »Don Quijote und Sancho Panza« auch ein tolles Programm für junges Publikum angeboten.

Trotz der Verschiebung soll die Produktion »CRÉATIONS Schöpfungsgeschichten« unter der musikalischen Leitung des neuen Kapellmeisters Salvatore Percacciolo und in der Regie von Lorenzo Fioroni die Oper am Luisenpark eröffnen, wenn auch etwas später. Daher feiert zunächst Giacomo Meyerbeers Oper »Die Hugenotten«, die in Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Genève entstehen wird, im Pfalzbau Ludwigshafen Premiere. Regie führt das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito, das international und national fantastische Opernabende verantwortet.

Drei starke weibliche Regiehandschriften kehren mit Barbora Horáková Joly, Cordula Däuper und Rahel Thiel auch in dieser Saison zurück ans Nationaltheater. Horáková Joly, die bereits die Uraufführung von »Dark Spring« inszenierte, wird unter der musikalischen Leitung von Salvatore Percacciolo »Die Hochzeit des Figaro« als Koproduktion mit dem Nationaltheater Prag zur Premiere bringen. Sie setzt damit den mit »Cosi fan tutte« begonnenen Mozart-Da Ponte-Zyklus im Schlosstheater Schwetzingen fort.

Cordula Däuper, die zuletzt am NTM »Albert Herring« inszenierte, wird sich in dieser Spielzeit gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Jānis Liepiņš mit Verdis »Die Macht des Schicksals« auseinandersetzen und Rahel Thiel, die »Eugen Onegin« inszenierte, nimmt sich unter der musikalischen Leitung von David Parry Donizettis »Lucrezia Borgia« vor. In Koproduktion mit den Schwetzinger SWR Festspielen 2023 feiert die komische Oper »Zemira e Azor« von André-Ernest-Modeste Grétry mit Musik von Niccolò Jommelli und Ignaz Holzbauer Premiere. Auf der Bühne des Schlosstheaters Schwetzingen erwecken Bernhard Forck und die Akademie für Alte Musik Berlin gemeinsam mit dem Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Nigel Lowery das Werk zu neuem Leben. Unter der musikalischen Leitung von Salvatore Percacciolo erklingt zudem Puccinis »Le Villi« im Musensaal des Rosengartens als konzertante Aufführung.

Spannend wird es zum Spielzeitende hin noch einmal mit Händels Oratorium »La Resurrezione« unter der musikalischen Leitung von Wolfgang Katschner, das in den Händen von Calixto Bieito im Schlosstheater Schwetzingen zu einem Theaterabend voller Kontraste, eindrücklicher Bilder und berückender Schönheit wird. Zum Spielzeitausklang bringt Markus Bothe mit »Anatevka (Fiddler on the Roof)« schließlich noch einen Musicalklassiker auf die Bühne.

Der italienische Dirigent Roberto Rizzi Brignoli unterschrieb gestern seinen Vertrag in Anwesenheit der Journalist*innen. Er wird zur Spielzeit 2023.24 euer Generalmusikdirektor am Nationaltheater Mannheim. Brignoli tritt damit die Nachfolge von Alexander Soddy an, der bereits am Ende der Spielzeit 2021.22 als GMD aufgehört hatte, sein Mannheimer Engagement aber noch als Chefdirigent der Akademiekonzerte in der Spielzeit 2022.23 fortführt.

Tanz

Der Tanz beginnt die Saison im NTM Tanzhaus, dem eigentlichen Probezentrum der Tanzsparte, das für die Interimszeit mit einer erweiterten Tribüne ausgestattet wurde, damit dort nicht nur Probenbesuche und kleinere Formate, sondern auch Tanzabende stattfinden können. Den Anfang macht das etablierte Format »Choreografische Werkstatt«, in dem sich die Tänzer*innen des Ensembles als Choreograf*innen ausprobieren können. So entstehen spannende Miniaturen, die viel über das Bewegungsvokabular und die Ästhetik der nächsten Generation von Choreograf*innen verraten. Ein besonderes Erlebnis wird die Produktion »Крик – Schrei«, die nur am 5. und 6. November in der Alten Schildkrötfabrik zu erleben sein wird. In dem Abend, der die hochemotionale und faszinierende Musik Frédéric Chopins mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verbindet, spürt Stephan Thoss den Ängsten von Flucht, Verlust, Trennung und Unsicherheit nach. Weihnachtlich wird es im NTM Tanzhaus mit dem Tanzstück »Nüsseknacker«, in dem Stephan Thoss seine Adaption des »Nussknackers« anlässlich von Loriots 99. Geburtstag mit Zitaten aus bekannten Sketchen verbindet. Das Publikum darf raten und dabei die eine oder andere ›Nuss knacken‹.

Der zweiteilige Tanzabend »Poem an Minotaurus /Le Sacre du Printemps«, in der Choreografie von Stephan Thoss und mit der Musik von John Adams und Igor Strawinsky, sollte ursprünglich in der Oper am Luisenpark unter der musikalischen Leitung von Jānis Liepiņš Premiere feiern.

Aufgrund der bereits oben erwähnten Verzögerungen kann es auch hier zu einer Verschiebung kommen.

Die erste Tanzproduktion, die im Alten Kino Franklin gezeigt wird, ist ein Doppelabend, der sich den intensiven Gefühlen der ersten Liebe widmet. So zeigt »Young Lovers« mit einer Uraufführung von Nadav Zelner, israelischer Choreograf und ehemaliger Tänzer der Kibbutz Contemporary Dance Company, und der Arbeit »Woke up Blind« von Marco Goecke, der aus der zeitgenössischen Tanzszene nicht mehr wegzudenken ist, zwei ästhetisch sehr unterschiedliche und zugleich eindrückliche Choreografiehandschriften. Zeitgenössisch geht es auch mit dem mehrteiligen Tanzabend »Fire & Moon« weiter. Hier setzen sich preisgekrönte Choreograf*innen mit dem Spannungsfeld von Gegensätzen wie Realität und Traum, Hitze und Kälte oder auch Zerstörung und Neuschaffung auseinander. So entsteht ein einheitlicher und intensiver Tanzabend, der dennoch fünf sehr individuelle Tanzsprachen und persönliche Statements präsentiert.

Das Junge NTM

Das Junge NTM feiert bereits am 1. Oktober seine erste Premiere: »Der Verschollene« (15+) in der Regie von Lara Kaiser. Die Absolventin der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch widmet sich in ihrem Regiedebüt dem unvollendeten Werk von Franz Kafka und geht der Frage nach, ob im absoluten Verlust nicht der eigentliche Anfang zu finden sein könnte.

Auch in dieser Spielzeit steht die aktive Teilhabe des jungen Publikums im Vordergrund. Unter dem Label ->JOIN<- verpflichtet sich das JNTM, seine Beteiligungsprozesse über das gewöhnliche Maß zu erweitern, den intensiven Dialog mit der Stadt zu suchen und das Theater für die Ideen und Wünsche von Kindern und Jugendlichen zu öffnen. Das Label ->JOIN<- wird daher den Projekttiteln vorangestellt, um sie speziell sichtbar zu machen. So wurde zum Beispiel die Produktion der vierteiligen Theaterserie ->JOIN<- »Kliffhänger« (8+), die in einem Writers‘ Room der Autor*innen Julian Carly, Annalena Küspert und Shabana Saya entstanden ist, intensiv von einer Schulklasse begleitet, deren Ideen und Gedanken im Rahmen einer Ausstellung im Spielraum erfahrbar gemacht werden. Die Folgen ZWEI, DREI und VIER werden diese Spielzeit ihre Uraufführung feiern. Natürlich ist auch ein Binge Watching Event in Planung – ganz wie Zuhause vor dem Bildschirm, nur ein bisschen cooler.

Ebenfalls unter dem Label ->JOIN<- entsteht das neue mobile Klassenzimmerstück ->JOIN<- »Strøm.« (7+). Mit Messgeräten und Oszillatoren ausgestattet, begibt sich das künstlerische Team um Arno Krokenberger auf eine musikalische Forschungsreise durchs Klassenzimmer, sucht nach elektrischen Sounds und will dabei herausfinden, wo die Grenzen unserer musikalischen Hörgewohnheiten liegen.

Fester Bestandteil des JNTM sind die Angebote zum Mitmachen der Jungen Bürgerbühne und der Abteilung Theater & Schule. Die Junge Bürgerbühne bietet u. a. mit dem Projekt »Performing Music« Jugendlichen von 14 bis 21 eine Plattform, sich musikalisch auf der Bühne auszutesten Und alle im Alter von 13 bis 21 Jahren haben zudem die Möglichkeit, dem KONNEKTIV*, der künstlerischen Jugendvertretung des Jungen NTM, beizutreten. Die Theaterpädagoginnen der Abteilung Theater & Schule arbeiten im Rahmen der Schultheater-Intensiv-Kooperation »SchIK« wieder mit zwei Schulklassen: Es wird Theater geschaut, darüber gesprochen und natürlich selbst Theater gemacht. Beim diesjährigen PLAY-Schultheaterfestival mit neuem Konzept werden sich fünf Schulklassen und Theater-AGs gegenseitig Auszüge ihrer Stücke präsentieren und in Workshops ihre Wahrnehmungen teilen.

Als einzige kulturelle Institution in Baden-Württemberg erhält das Junge NTM zudem die Förderung der Stiftung EVZ (Erinnerung Verantwortung Zukunft) mit einem Projekt, das in zwei aufeinander aufbauenden künstlerischen Produktionen für und mit seinem jungen Publikum die Kontinuität rechten Denkens untersucht und der Frage nachgeht, wie Erinnerung und die jugendlichen Biographien in ein neues Gedenken münden können. Im Dezember 2022 zeigt das Junge Nationaltheater die Produktion »Für alle Ewigkeit« (14+) vom Künstler*innenkollektiv imaginary company. Unterstützt wird das JNTM bei diesem Projekt durch das MARCHIVUM, Mannheims Stadtarchiv, Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung. Die am Projekt mitarbeitenden Jugendlichen setzen sich dabei mit der Kontinuität von rechtem Denken und rechter Ideologie auseinander, gleichzeitig lernen sie dabei die Arbeit und Funktion eines Stadtarchivs kennen.

nationaltheater.de