Die Konzertsaison 2020/21 des Gürzenich-Orchester Köln

»Was sind unsere Wurzeln?«

Güerzenich Orchester (© Holger Talinski)

In der Saison 2020/21 begibt sich François-Xavier Roth in seiner sechsten Spielzeit gemeinsam mit den Musikern des Gürzenich-Orchesters auf die Suche nach den eigenen Wurzeln. Dabei bewegen sie sich auf den Spuren der langjährigen Orchestergeschichte, widmen sich dem ungarischen Komponisten Béla Bartók, feiern im Neujahrskonzert 1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland, begegnen im Rahmen einer Künstlerresidenz dem amerikanischen Pianisten Emanuel Ax und hinterfragen ihre eigenen musikalischen Prägungen.
»Musik formt uns als Menschen, gestaltet unser Miteinander, unser Leben. Genau das ist es, was uns immer wieder aufs Neue fasziniert! In unserer globalen Welt sind wir den unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt. Umso wichtiger ist es, die eigenen Wurzeln sprechen zu lassen und die persönliche Vielseitigkeit zu feiern. In diesem Sinne verstehen wir das Orchester auch als ein Laboratorium, mit dem wir in die Zukunft wirken – indem wir in direkten Kontakt mit unserem Publikum treten und uns mit den vielfältigen Musik- und Kunstszenen Kölns vernetzen«, so Gürzenich-Kapellmeister François-Xavier Roth.

Die klassischen Wurzeln wiederbeleben

In seiner langen Geschichte wirkte das Gürzenich-Orchester stets als ein Magnet auf Komponisten und Interpreten: Bedeutende Werke des romantischen Repertoires von Johannes Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler erlebten mit dem Gürzenich-Orchester ihre Uraufführung. Auch in dieser Saison bilden die Klassiker der großen Orchesterliteratur einen künstlerischen Schwerpunkt: Angefangen bei Ludwig van Beethovens 1. Sinfonie, Robert Schumanns Rheinischer, den beiden Klavierkonzerten von Johannes Brahms über Anton Bruckners 4. und 5. Sinfonie, den Zyklus Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky bis hin zu Also sprach Zarathustra von Richard Strauss und der 10. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch.

Das Gürzenich-Orchester schreibt Kölner Musikgeschichte

In den vergangenen Jahren hat das Gürzenich-Orchester seine Aufmerksamkeit verschiedenen großen Komponisten gewidmet, die eng mit dem Orchester verbunden waren, darunter Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Gustav Mahler, Robert Schumann und Hector Berlioz. In dieser Saison steht der ungarische Komponist Béla Bartók im Mittelpunkt, der mit großer Leidenschaft Volksmusik sammelte und es verstand, in seiner Musik unterschiedliche Strömungen aus verschiedenen Kulturen miteinander zu verbinden: »Bartóks Musik führt aufs Schönste vor Augen, wie die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, aber auch die Vermischung von Kulturen zu etwas aufregend Neuem führen kann«, so François-Xavier Roth.

Im Zentrum dieser musikalischen Begegnung steht Bartóks Ballett Der wunderbare Mandarin, das 1926 in Köln im Alten Opernhaus am Ring vom Gürzenich-Orchester uraufgeführt worden war und zu einem Theaterskandal führte. In weiteren vier Sinfoniekonzerten sowie einem Kammerkonzert sind folgende Werke Béla Bartóks zu erleben: Die Oper Herzog Blaubarts Burg mit Mezzosopranistin Rinat Shaham und Bassbariton Gábor Bretz, die Rhapsodie Nr. 1 für Violine und Orchester, interpretiert von Frank Peter Zimmermann, die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta, die Rumänischen Volkstänze, das Divertimento für Streichorchester sowie die Streichquartette Nr. 1 und Nr. 3.

Blick nach vorne – sechs neue Auftragswerke erweitern das Repertoire

Das Gürzenich-Orchester Köln setzt sich dafür ein, die Entwicklungen der Orchestermusik weiter voranzutreiben und das Repertoire stetig mit neuen Auftragswerken zu bereichern. Zugleich ermöglicht es dadurch seinem Publikum, am Puls der Zeit zu sein. Die Vielseitigkeit heutigen Komponierens spiegelt sich in der Saison 2020/21 in den neuen Werken von Georg Friedrich Haas (Österreich), Martón Illés (Ungarn), Michael Jarrell (Schweiz), Malika Kishino (Japan), Vassos Nicolaou (Zypern) und Ayanna Witter-Johnson (England) wider. Darüber hinaus stehen aktuelle Kompositionen von Peter Eötvös (Ungarn), Andrew Norman (USA) und Donghoon Shin (Südkorea) auf dem Programm.

Köln als musikalischer Melting Pot: die neue Konzertreihe »Offbeat«

Als städtisches Orchester, das von Kölner Bürgerinnen und Bürgern gegründet wurde, vernetzt sich das Gürzenich-Orchester in dieser Saison mit verschiedenen musikalischen Szenen Kölns. Für die neue Konzertreihe »Offbeat« begibt sich das Orchester auf Abwege und gestaltet im Januar 2021 mit Melting Pot des österreichischen Komponisten Bernhard Gander ein großes Konzert mit Künstlern aus der Kölner Rap-, DJ-, Poetry Slam-, Beatbox- und Breakdance-Szene. Ein weiteres »Offbeat«-Projekt entsteht im Austausch mit der Kölner Improvisations-Comedy-Truppe DUB-TV im Juni 2021 an der Volksbühne am Rudolfplatz.

Wer wir sind – die Musiker des Gürzenich-Orchesters stellen sich vor

Seit vielen Jahren präsentieren die Mitglieder des Gürzenich-Orchesters in zwölf Kammermusikkonzerten in der Kölner Philharmonie sowie an ausgewählten Orten in der Stadt ihre eigenen Programme. In dieser Saison sind Orchestermusiker zudem als Solisten bei einem der zwölf Sinfoniekonzerte zu erleben: Natalie Chee, die neue Konzertmeisterin des Gürzenich-Orchesters, leitet das zweite Sinfoniekonzert vom ersten Pult der Violinen aus. Solo-Klarinettist Blaž Šparovec, der 2019 mit 24 Jahren den internationalen Carl-Nielsen-Wettbewerb gewonnen hat, interpretiert das Klarinettenkonzert von Mozart.

Pianist Emanuel Ax ist Residenzkünstler beim Gürzenich-Orchester Köln

Erstmals lädt das Gürzenich-Orchester in der Saison 2020/21 einen Solisten zu einer Künstlerresidenz nach Köln ein. Der Pianist Emanuel Ax kommt ursprünglich aus dem kulturellen Schmelztiegel Mitteleuropas und hat in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Heimat gefunden. Mit drei Konzerten stellt er sich dem Publikum des Gürzenich-Orchesters vor, wobei er das 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms, das 22. Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart, das neue Stück Suspend des jungen amerikanischen Komponisten Andrew Norman sowie Kammermusik von Brahms und Mozart interpretiert.

Internationale Dirigenten und Solisten zu Gast

Zur Saisoneröffnung debütiert Pianistin Yuja Wang mit Skrjabin beim Gürzenich-Orchester, Kirill Gerstein stellt sich den Herausforderungen des 1. Klavierkonzerts von Johannes Brahms, während Emanuel Ax das 2. Klavierkonzert von Brahms interpretiert. Auch die Riege prominenter Violinvirtuosen ist mit Renaud Capuçon, Arabella Steinbacher, Frank Peter Zimmermann und Isabelle Faust hochkarätig besetzt. Darüber hinaus werden die Cellistin Raphaela Gromes, die Klarinettistin Sharon Kam und der Schlagzeuger Christoph Sietzen ihr Debüt beim Gürzenich-Orchester feiern. Ein Wiedersehen gibt es mit der Pianistin Yeol Eum Son, der Trompeterin Tine Thing Helseth sowie der Stimmkünstlerin Tora Augestad.
Am Pult des Gürzenich-Orchesters werden erstmals Joshua Weilerstein beim Neujahrskonzert, Fabien Gabel mit einem Korngold-Programm und Peter Eötvös mit eigenen Kompositionen zu erleben sein. Mit Karina Canellakis, Nicholas Collon, Dmitrij Kitajenko und Michael Sanderling kehren vertraute Künstler zum Gürzenich-Orchester zurück.

Bis 2024 spielt das Gürzenich-Orchester alle Bruckner-Sinfonien ein

François-Xavier Roth setzt in dieser Saison seinen Konzertzyklus »Bruckner, der Moderne« fort, den er mit seinem Antrittskonzert in Köln 2015 begonnen hat. In Kombination mit Werken der Moderne ergänzt Roth seine Lesart durch die neue Perspektive, wie avanciert Bruckner als Komponist war. Bis zum 200. Geburtstag von Anton Bruckner im Jahr 2024 wird das Gürzenich-Orchester mit Chefdirigent François-Xavier Roth sämtliche Bruckner-Sinfonien einspielen.
Im September 2020 steht zunächst Bruckners 4. Sinfonie Die Romantische auf dem Programm. Mit der gleichen Besetzung in Bläsern und Streichern, aus der Bruckners Orchesterklang seine Leuchtkraft bezieht, arbeitet auch der Schweizer Komponist Michael Jarrell in seinem neuen Stück 4 Eindrücke. Er komponierte das Werk 2019 für den Geiger Renaud Capuçon, der zuletzt 2016 beim Gürzenich-Orchester zu erleben war. Bruckners 5. Sinfonie ist im Abschlusskonzert der Saison zusammen mit einer deutschen Premiere zu erleben. Für sein Konzert für Klangwerk und Orchester hat der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas eine faszinierende Klangskulptur bauen lassen. Schlagzeuger Christoph Sietzen hat aus über hundert Metallteilen, teilweise zusammengesucht vom Schrottplatz, eine riesige Klangwand errichtet, deren farbige Harmonien und Geräusch-Welten er bei seinem Gürzenich-Debüt zum Klingen bringt.

Das Musikvermittlungsprogramm »Ohrenauf!« erweitert seine Angebote

Seit über zwanzig Jahren trägt das Musikvermittlungsprogramm »Ohrenauf!« dazu bei, Kinder, Jugendliche und ältere Menschen für neue Höreindrücke und Erlebnisse im Kosmos der klassischen Musik zu begeistern. Ein Schwerpunkt sind die »Unterwegskonzerte in Kindergärten«, die in der Spielzeit 2020/21 weiter ausgebaut werden. Dazu besuchen in der kommenden Spielzeit insgesamt fünf Kammerensembles des Orchesters Kindergärten der Stadt und spielen über 40 kostenfreie Konzerte. Für Grundschulen und weiterführende Schulen etabliert »Ohrenauf!« in der Saison 2020/21 ein neues Angebot: Neben den vier großen Schulkonzerten in der Kölner Philharmonie, bei denen jeweils bis zu 1.400 Schüler zu Gast sind, können die Kinder und Jugendlichen im Rahmen der Reihe »443 Hertz« dank langfristiger Patenschaften tief in die Welt der Orchestermusik eintauchen und im direkten Austausch mit Kammerensembles aus dem Orchester zahlreiche praktische musikalische Erfahrungen sammeln. Über mehrere Schulstunden hinweg stellen die Musiker ihre Instrumente vor und erarbeiten gemeinsam mit der Schulklasse ein Konzert für die ganze Schule, bei dem die Schüler selbst mitwirken.

Mit der Familienkarte sowie in speziell konzipierten Konzertformaten können Familien gemeinsam den beeindruckenden Klängen eines großen Orchesters lauschen: Im Familienkonzert in der Vorweihnachtszeit stimmt das Orchester Groß und Klein mit einer Neuerzählung des Nussknackers auf die besinnliche Zeit ein. Beim großen »Singen mit Klasse!«-Projekt stecken 300 Schüler das Publikum mit ihrer Begeisterung an, wenn sie ein eigens für sie komponiertes Werk gemeinsam singen.
Auch für diejenigen, die nicht mehr in die regulären Konzerte kommen können, hält das Musikvermittlungsprogramm Angebote bereit, um weiterhin genussvolle Konzerterlebnisse zu ermöglichen: Mit seinen Kammerensembles macht sich das Orchester auf den Weg in die Kölner Veedel, um »Unterwegskonzerte in Wohneinrichtungen für Senioren« zu geben. Die Musiker spielen klassische Werke aus ihrem Lieblingsrepertoire und singen gemeinsam mit den Bewohnern in den moderierten Konzerten. Das Programm »Konzertpaten« bringt seit Herbst 2019 Menschen, die sich den Weg zum Konzert aus unterschiedlichen Gründen alleine nicht zutrauen, mit Konzertpaten zusammen, sodass beide gemeinsam die Konzerte des Gürzenich-Orchesters in der Kölner Philharmonie besuchen können.

Kölner Bürgerorchester geht in die zweite Runde

Das im Januar 2020 von François-Xavier Roth ins Leben gerufene Bürgerorchester geht in die zweite Runde. Dirigent Harry Ogg und mehr als 40 Profimusiker aus dem Gürzenich-Orchester erarbeiteten mit den Mitwirkenden, darunter auch viele Abonnenten, ein vielseitiges Programm, in dem auch 30 Flöten, 12 Saxophone und eine Gitarristin Platz finden. Auch in der Saison 2020/21 darf jeder, der ein Orchesterinstrument spielt und mindestens 16 Jahre alt ist, mitmachen. Anmeldeschluss ist Ende September 2020.

Konzertsaison 2020/21 in Zahlen

Das Gürzenich-Orchester Köln präsentiert in der Saison 2020/21 insgesamt 66 Konzerte mit 36 verschiedenen Programmen. Dazu gehören zwölf Abonnementkonzerte mit jeweils drei Aufführungen sowie drei weitere Sinfoniekonzerte in der Kölner Philharmonie, nämlich das Festkonzert zum Saisonbeginn, das Benefizkonzert zugunsten benachteiligter Kinder sowie das Neujahrskonzert. Ein weiteres Sinfoniekonzert findet traditionell im Kölner Dom statt. Zu den inszenierten und moderierten »Ohrenauf!«-Konzerten gehören das Familienkonzert, vier Schulkonzerte, das »Singen-mit-Klasse!«-Projekt sowie das Kooperationskonzert mit dem Jugendsinfonieorchester der Rheinischen Musikschule Köln. Bei den zwölf Kammerkonzerten sind die Musiker auf dem Podium der Kölner Philharmonie, in der Flora, im Museum Ludwig, im Museum für Angewandte Kunst, in der Trinitatis-Kirche sowie in der Alten Feuerwache zu erleben. Im Wallraf-Richartz-Museum gibt die Orchesterakademie ein Konzert zu Ehren von Peter Eötvös. Das Kölner Bürgerorchester gestaltet zusammen mit Musikern des Gürzenich-Orchesters sein zweites Konzert in der Kölner Philharmonie. In der neuen Reihe »Offbeat« verlässt das Gürzenich-Orchester für zwei Konzerte den vertrauten Konzertsaal, um sich mit anderen Communities der Stadt zu vernetzen.

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