Die Berliner Philharmoniker sind im November zu Gast im Festspielhaus Baden-Baden

Tschaikowskys „Mazeppa“ konzertant – Sinfoniekonzerte im Festspielhaus - Kammerkonzerte in Baden-Baden

Kirill Petrenko (© Frederike van der Straeten)

Im Zentrum der Herbstresidenz der Berliner Philharmoniker und Chefdirigent Kirill Petrenko stehen zwei konzertante Aufführungen der Oper „Mazeppa“ von Peter Tschaikowsky mit Olga Peretyatko in der weiblichen Hauptrolle. Die ursprünglich für die Osterfestspiele geplante Oper wird am 1o und 12. November, jeweils 18 Uhr, konzertant aufgeführt.

Um dieses Hauptwerk der russischen Spätromantik herum hat Kirill Petrenko ein Programm entworfen, das die deutsch-österreichische Hochromantik der Musik Russlands beziehungsweise der Sowjetunion gegenüberstellt: Am 6. November, 18 Uhr, ein Konzert mit Werken von Hindemith und Schubert und der „Oberon-Ouvertüre von Weber und am 7. November, 18 Uhr, Sinfonien von Mendelssohn und Schostakowitsch. Kammerkonzerte in St. Bernhard und dem Florentinersaal des Casinos vervollständigen das Gastspiel der Berliner an der Oos.

Eine spannende Erzählung von Anziehung und Abgrenzung wird dem Besucher präsentiert. Auf der Suche nach ihrer künstlerischen Identität mussten sich russische Komponisten von der Musik der deutschen Romantik absetzen, die im 19. Jahrhundert als Maßstab galt, an dem sich alle klassische Musik zu messen hatte. Nichtdestotrotz blieb die deutsch-österreichische Romantik ein wichtiger Bezugspunkt. Ähnliches galt noch im zwanzigsten Jahrhundert, mit umgekehrten Vorzeichen: Nun orientierte sich Schostakowitsch weg vom sowjetischen Kollektivismus hin zum mitteleuropäischen Individualismus, der als freiheitliche Alternative begriffen wurde.

Olga Peretyatko
© Dario Acosta

Von der Liebe und anderen Kriegen – „Mazeppa“ konzertant

Im Zentrum der Konzerte der Berliner Philharmoniker steht Tschaikowskys Oper „Mazeppa“, die 1884 uraufgeführt wurde. Zu dieser Zeit konkurrierten in Russland zwei künstlerische Strömungen miteinander, eine westlich – und eine national orientierte. Diese Polarität zieht sich durch die russische Geschichte bis heute. Doch waren die Fronten im 19. Jahrhundert alles andere als verhärtet. Tschaikowsky, der als Haupt der westlichen Strömung galt, hat mit seiner „Mazeppa“ ein Werk ganz nach dem Geschmack der Befürworter russischer Kunst komponiert. Es ist ein musikalisches Gemälde mit nationalen Tänzen und einer großen sinfonischen Schlachtszene, die Tschaikowskys zuvor komponierte „Ouvertüre 1812“ aufgreift, dazu eine Zarenhymne, die ebenfalls von Modest Mussorgsky im „Boris Godunov“ verwendet wurde. Beim zentralen Konflikt jedoch, dem zwischen dem ukrainischen Kosaken Mazeppa und seiner Geliebten Maria, orientierte sich der Komponist an einem europäischen Modell. Die unmögliche Liebe zwischen dem älteren Mann und der jüngeren Frau, die am Schluss wahnsinnig wird, nimmt sich Goethes Faust und Gretchen zum Vorbild. In Baden-Baden verkörpert die unvergleichliche Olga Peretyatko die Marie, die männliche Hauptpartie übernimmt Vladimir Sulimski. Er begeisterte beispielsweise als Graf Posa in Verdis „Don Carlo“ im Juli 2014 im Festspielhaus. Auch Olga Peretyatko ist in Baden-Baden regelmässiger und geliebter Gast seit ihrem ersten Auftritt bei der Silvester-Gala 2012. Dem Publikum unvergessen auch ihre vier großen Sopranrollen in „Hoffmanns Erzählungen“ 2018. Dass die Oper einen Konflikt zwischen Russland und Ukraine thematisiert, macht sie zusätzlich aktuell. Zentral für die Berliner Philharmoniker und ihren Chefdirigenten bleibt jedoch nicht zuletzt die Musik Tschaikowskys, der im Westen als Musikdramatiker immer noch zu entdecken ist.

Die „Mazeppa“ und das Konzert am 7. November werden vom SWR aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt im Hörfunk gesendet.

Unvergesslicher Anfang – Eröffnungskonzert am 6. November 21

Bei dem Eröffnungskonzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko wird dem Publikum ein Programm rund um die deutsch-österreichische Romantik präsentiert. Im Zentrum steht Schuberts C-Dur-Sinfonie (Nr. 8). Diese Sinfonie galt den Romantikern als die große Alternative zu den Sinfonien Beethovens, an denen man sich sonst orientierte. Franz Schubert erweiterte das klassische Sinfonie-Modell und experimentierte mit Zeitverläufen. Robert Schumann bezeichnete diese als „himmlische Längen“. Der romantische Hornanfang aus Schuberts Sinfonie ist wie ein Déjà-vu, ein taghelles Gegenstück zu Beethovens Neunter.

Ganz ähnlich beginnt die „Oberon-Ouvertüre“ von Carl Maria von Weber (Uraufführung der Oper 1826), die den Konzertabend im Festspielhaus eröffnen wird. Und Webers Musik bildet zudem das Ausgangsmaterial für die 1943 entstandenen „Symphonischen Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber“ des deutschen Komponisten Paul Hindemith, die direkt im Anschluss erklingen. Das Werk reflektiert die musikalische Romantik Webers aus dem Blickwinkel der musikalischen Moderne. Die Bezugnahme war dabei auch politisch: Indem Hindemith im amerikanischen Asyl Webers orientalische und ungarisch-türkische Musiken zum Ausgangspunkt seiner musikalischen Auseinandersetzung wählte, betonte er das Welt-Entgrenzte der Frühromantik, welches er der nationalsozialistischen Ideologie entgegenstellte.

Sinfoniekonzert 7. November 21

Zwei Sinfonien stehen auf dem Programm des zweiten Sinfoniekonzertes mit den Berliner Philharmonikern: Mendelssohns Sinfonie Nr. 3 „Schottische“ und Schostakowitschs Sinfonie Nr. 10. Mendelssohns 1842 vollendete Sinfonie gilt als das sinfonische Hauptwerk des Komponisten. Mendelssohn bereichert die Gattung der Sinfonie durch einen bis dahin ungehörten balladenhaften Ton. Der Klang ist verschattet – „schottisch“, der Komponist hat selbst von schottischen Burgruinen gesprochen, die seine Fantasie anregten. Auch das schlechte Wetter der britischen Insel floss in die Musik mit ein: sinfonische Gewitter, die die ansonst perfekt ausbalancierte Architektonik der Sinfonie von Innen beleben. Nach schottischen Tänzen und einem Trauermarsch endet die Sinfonie mit Kriegstänzen und Instrumentalhymne.

Schostakowitschs zehnte Sinfonie wurde 1953 komponiert und uraufgeführt, nur ein paar Monate nach dem Tod Stalins, der nach Aussagen von mit Schostakowitsch befreundeten Musikern im zweiten Satz der Sinfonie karikiert wurde. Die vier Sätze der Monumentalsinfonie beziehen sich aufeinander: Der dritte setzt den ersten fort, der vierte den zweiten, sodass eine ABAB-Form entsteht. Neben der schieren Größe der Zehnten insgesamt werden in den A-Teilen Soloinstrumente (Holzbläser, Horn, Sologeige) wie Personen behandelt, die sich in leeren Räumen verlieren – aus Schuberts „himmlischen Längen“ sind bei seinem russischen Kollegen verlassene Weiten geworden.
Die Musik hat auch etwas Tänzerisches, zu hören sind langsame Walzer, Polkas und Geschwindmärsche. Charakteristisch sind Motive, die aus Namensinitialen gewonnen wurden. Zum D-Es-C-H für D. Schostakowitsch wird im dritten Satz im Horn das „Elmira-Motiv“ (E-La-Mi-Re-A) kontrastiert, nach einer Kompositionsschülerin Schostakowitschs, in die sich der Komponist während der Arbeit verliebte. Solche „dekadenten“ subjektiven Einfärbungen waren ein bewusst gesetztes Statement des Komponisten gegen den Zwang zum sowjetischen Kollektivismus.

Kammerkonzerte in St. Bernhard (9.11.) und im Florentinersaal (11.11.)

In bester Tradition der Osterfestspiele bringen die Musiker der Berliner Philharmoniker auch in weitere Orte der Stadt ihre Konzerte: Am 9. November, 14 Uhr, spielen Bläser und Streicher Kammermusik von Oskar Böhme, Michail Glinka und Victor Ewald in der Kirche St. Bernhard in der Weststadt.
Am 11. November, 11 Uhr stehen im Florentinersaal des Casinos das das Streichsextett Nr.3 von Reinhold Gliére sowie das Streichquartett Nr. 2 von Aleksander Borodin auf dem Programm.


Weitere Informationen und Tickets: festspielhaus.de

Persönliche Beratung und Reservierungen: Tel. 07221 / 30 13 101