Deutscher Theaterpreis DER FAUST 2020: Die Preisträgerinnen und Preisträger

Choreograf Bryan Arias erhält den Deutschen Theaterpreis »DER FAUST« 2020 für seine Produktion »29 May 1913« mit dem Hessischen Staatsballett (© Bettina Stöß)

Elf Künstlerinnen und Künstler wurden heute Abend mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet. Die 15. Verleihung war Pandemie-bedingt digital vorproduziert worden; gezeigt wurde sie auf den Websites der Veranstalter und der Kooperations- und Medienpartner.

Regie und Dramaturgie des Verleihungs-Films hat das Staatstheater Hannover übernommen. Moderiert wurde die Verleihung von der Schauspielerin Seyneb Saleh und dem Opernsänger Michael Kupfer-Radecky. Während der Verleihung richtete sich auch der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Stephan Weil, mit einem Grußwort an die Kulturschaffenden.

Die Preisträgerinnen und Preisträger des Deutschen Theaterpreises DER FAUST 2020 sind:

Regie Schauspiel
Ewelina Marciniak für „Der Boxer“, Thalia Theater Hamburg

Darstellerin/Darsteller Schauspiel
Astrid Meyerfeldt als Mary Tyrone in „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, Schauspiel Köln

Regie Musiktheater
Martin G. Berger für „Ariadne auf Naxos“, Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar

Sängerdarstellerin/Sängerdarsteller Musiktheater
Patrick Zielke als Baron Ochs in „Der Rosenkavalier“, Theater Bremen

Choreografie
Bryan Arias für „29 May 1913“, Hessisches Staatsballett Darmstadt/Wiesbaden
Im Rahmen des Doppeltanzabends „Le sacre du printemps“

Darstellerin/Darsteller Tanz
Lucy Wilke / Pawel Duduś für „Scores that shaped our friendship“, Tanztendenz München e.V./Schwere Reiter

Regie Kinder- und Jugendtheater
Antje Pfundtner für „Ich bin nicht Du“, Junges Theater Bremen MOKS

Bühne/Kostüm
Markus Selg (Bühne & Video) / Rodrik Biersteker (Video) für „Ultraworld“, Volksbühne Berlin

Preis für das Lebenswerk
William Forsythe

„Wie sehr fehlt gegenwärtig der direkte Austausch, von dem das Theater so sehr lebt! Umso wichtiger, dass wir mit der diesjährigen Verleihung des Deutschen Theaterpreises DER FAUST den Künstlerinnen und Künstlern danken, die im vergangenen Jahr wieder für unvergessliche Momente gesorgt haben und uns in besonderer Weise die Kraft der Kultur haben erleben lassen. Wenn auch in diesem Jahr nur digital, zeigt der Preis die enorme Qualität und hohe Relevanz dessen, was auf unseren Bühnen geschaffen wird. Wir brauchen diese Orte und freuen uns auf den Moment, wenn wir die Preise direkt übergeben können und Kultur wieder in ihrer vollen Kraft live erleben“, sagte der neu gewählte Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Dr. Carsten Brosda.

Die Jury und die Veranstalter

Über die Preisträgerinnen und Preisträger entscheidet eine fünfköpfige Jury, die von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benannt wurde. Die Jury setzt sich zusammen aus folgenden Akademiemitgliedern: Tatjana Gürbaca (Regisseurin), Regina Guhl (Professorin für Schauspiel und Dramaturgie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover), Tim Plegge (Hauschoreograf am Hessischen Staatsballett), Marion Tiedtke (Ausbildungsdirektorin Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main) und Jürgen Zielinski (Regisseur und Intendant a.D.).

Der Medienpartner ZDF/3sat zeigt im Rahmen des FAUST-Preises die Dokumentation „DER FAUST on tour“. Diese ist ab heute Abend in der 3sat-Mediathek abrufbar und wird am morgigen Sonntag, 22. November 2020, 12 Uhr, in einer Kurzfassung erstausgestrahlt.

Auf Twitter @theaterpreis gibt es ebenfalls begleitende Informationen.

Der Deutsche Theaterpreis DER FAUST 2020 wird veranstaltet und gefördert durch die Kulturstiftung der Länder, die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste und den Deutschen Bühnenverein. Veranstaltungspartner 2020 ist das Staatstheater Hannover, Medienpartner sind 3sat und Die Deutsche Bühne. Möglich gemacht wurde das Livestream-Angebot durch eine Zusammenarbeit mit der digitalen Plattform spectyou.com.

Die Jurybegründungen:

Regie Schauspiel: Ewelina Marciniak / Der Boxer

Auf der kleinen Bühne der Gaußstraße des Thalia Theaters ereignet sich ganz Großes: Meisterhaft setzt die polnischen Regisseurin Ewelina Marciniak den Roman über den Boxer Saphiro zwischen zwei Weltkriegen um. Sie schafft einen Echoraum, in dem jeder ihrer sechs Schauspieler*innen eine Zeit ahnen lässt, die unmittelbar ins Heute reicht. Es ist eine scheinbar intakte Gesellschaft, die am Abgrund taumelt, nein tanzt: In choreographischen Bildern inszeniert Marciniak fragile Beziehungen zwischen Liebe und Betrug, Gewalt und Verrat. Alle sind immer auf der Bühne, unermüdlich in Bewegung, um ihre Sehnsucht und Melancholie zu überspielen und sie doch umso mehr preiszugeben: Sinnlich, überraschend, spielwütig und berührend.

Darstellerin/Darsteller Schauspiel: Astrid Meyerfeldt / Eines langen Tages Reise in die Nacht

Hier kulminieren die schon oft beschriebenen und bewunderten Qualitäten Astrid Meyerfeldts ungeheuerlich im Brennglas ihrer Figur. Astrid Meyerfeldt erfasst mit jeder Pore und in jedem Augenblick den existentiellen Zustandskern der Mary Tyrone – die Sucht – und übersetzt sie in Spiel. Jede Äußerung ist ein Double Bind, jede Annäherung ein Übergriff, jeder Schmerz ein Kitsch und jede Fröhlichkeit ein Grauen. Die Figur kann nicht sterben und nicht leben, obwohl sie es so sehr möchte und dies lässt uns die Schauspielerin bis zum grandiosen Schlusskampf im Wassergraben psychisch und physisch miterleben.

Regie Musiktheater: Martin G. Berger / Ariadne auf Naxos

Martin G. Bergers Inszenierung „Ariadne auf Naxos“ am Deutschen Nationaltheater Weimar überzeugt mit einem Werkbegriff, der das Stück nicht als etwas Geschlossenes, Unantastbares ansieht, sondern mit allen Mitteln lustvoll die Grenzen der Gattung Oper überschreitet. Ein intelligentes Verwirrspiel, das vom Dadaismus bis ins Herz unserer heutigen Gesellschaft reicht und Raum lässt für Jazzmusik, Operettenparodien, ein feministisches Manifest, den Stummfilm, Genderfragen und vieles mehr.

Sängerdarstellerin/Sängerdarsteller Musiktheater: Patrick Zielke / Der Rosenkavalier

Patrick Zielke begeistert in der Rolle des Baron Ochs am Theater Bremen mit der vielschichtigen Charakterstudie eines Mannes zwischen unersättlicher Skrupellosigkeit, ignoranter Derbheit und tiefer Melancholie. Mit seiner intensiven physischen Präsenz gibt er sich hemmungslos dem Spiel hin und beglaubigt dabei das Geschehen auf der Bühne jederzeit durch seine warm timbrierte, voluminöse, klangschöne Stimme, große Textverständlichkeit und hohe Musikalität. Am Zusammenspiel mit den Kolleg*innen auf der Bühne ist ablesbar, von welch unschätzbarem Wert dieser intelligente Sängerdarsteller im Ensemble seines Hauses ist.

Choreografie: Bryan Arias / 29 May 1913

Bryan Arias schafft mit „29 May 1913“ eine sehr kluge, reiche und sensible Arbeit, die als Kommentar zur Originalchoreographie von „Le Sacre du printemps“ von 1913 zu lesen ist und mit stark reduzierten Mitteln sowie der Dekonstruktion von Bewegungsmaterial eine sehr dichte Atmosphäre erzeugt. Der Choreograph konzentriert sich auf die inneren, emotionalen Vorgänge und übersetzt diese in eine ganz neue eigene choreographische Handschrift, bei der die Bewegung selbst zur Sprache wird. Mit einer großen Aufmerksamkeit für die Individualität seiner Tänzer, hebt Arias dadurch das Ensemble als Form an sich auf eine neue Stufe.

Darstellerin/Darsteller Tanz: Lucy Wilke und Pavel Duduś / Scores that shaped our friendship

Es ist ein Theater ohne Absicherung, indem sich zwei Darsteller/Menschen einander völlig aussetzen, sich mit einer Leichtigkeit und einem Selbstverständnis begegnen, welches dadurch auf sehr berührende und poetische Weise von einer Utopie im Umgang von Körpern miteinander erzählt. Wilke und Duduś lassen ihre Blicke tanzen und gehen ganz unsentimental in ihrer eigenen Verletzlichkeit auf einander ein, sie kreieren so einen Abend über Freundschaft und Sexualität, der die Berührung als universale Sprache der Körper in den Mittelpunkt stellt, und den Tanz fern von jeder Normierung von Körpern feiert.

Regie Kinder- und Jugendtheater: Antje Pfundtner / Ich bin nicht Du

Der Choreografin und Regisseurin Antje Pfundtner gelingt mit ihrer Auftragsarbeit ein philosophisches Theatererlebnis, das mittänzerisch und spielerisch mit assoziativen Texten Fragen nach der eigenen Identität stellt, ohne eindeutige oder vereinfachte, gar profane Antworten zu geben. Die skurrile (Zeit-)Reise auf der Suche nach „sich selbst“ – geht der Frage nach „wer bin ich“ und ist da nicht doch noch etwas ganz anders in mir? Mit dem Mut zur Stille lässt Antje Pfundtner kleinen wie großen Zuschauer*innen Raum, die assoziativen getanzten Bewegungsmuster, das Jonglieren mit Texten zu enträtseln und schafft so mit dem vierköpfigen Ensemble ein virtuoses Theater der Fragen auf Augenhöhe.

Bühne / Kostüm: Markus Selg und Rodrik Biersteker / Ultraworld

Die Jury der Akademie vergibt den Preis an Markus Selg und Rodrik Biersteker, die gemeinsam einen experimentellen Raum für ein Stück schufen, in dem durch die Verknüpfung von interaktiver Narration und realem Theaterraum eine Versuchsanordnung des Menschen in Extremsituation durchgespielt werden kann. Die staunenswerte handwerkliche Perfektion von materiellem Bühnenbau und immaterieller Videoarbeit eröffnet hier Möglichkeiten für neue Erzählweisen und – Inhalte. Die Jury erweitert die Nominierung vom Einzel zum Duo-Preis auch, weil diese Arbeit ein Musterbeispiel für zeitgemäße Teamarbeit darstellt und möchte damit den Appell verbinden, dieses in Zukunft auch deutlicher kenntlich zu machen.

buehnenverein.de / darstellendekuenste.de