Deutsche Grammophon veröffentlicht die Weltersteinspielung eines zwölfsätzigen Streichquartetts von Jóhann Jóhannsson: 12 Conversations with Thilo Heinzmann

© Deutsche Grammophon

Berlin. 13.6.2019. Als Jóhann Jóhannsson im Winter 2018 überraschend in Berlin starb, endete auch ein hochinteressantes Zusammenspiel der Künste. Jóhann Jóhannsson hatte es gewagt, hatte Musik und Literatur, Musik und Theater, Musik und Film in seinen Kompositionen miteinander kommunizieren lassen, sehr innovativ, oft melancholisch, immer tiefgründig, klassische und elektronische Elemente verschmelzend.

Den Philanthropen und Kunstsammler Richard Thomas interessierten genau solche Grenzgänge. Er stellte sich vor, dass ein Werk entsteht, bei dem die bildende Kunst und die Musik in einen Dialog treten, sich jedoch nicht gegenseitig übermalen, einander in Produktion und Interpretation nicht nachlaufen, sondern eins werden. Und er hatte einen Künstler vor Augen, den Berliner Maler Thilo Heinzmann, der seinerseits sofort an Jóhann Jóhannsson dachte.

So kam es, dass Heinzmann und Jóhannsson über vier Jahre ein intensives künstlerisches, politisches, persönliches Gespräch führten. Und Jóhannsson zu, nein, mit einem Bild von Heinzmann ein Streichquartett schrieb. Am 20. September, einen Tag, nachdem der Komponist 50 Jahre alt geworden wäre, erscheint 12 Conversations with Thilo Heinzmann bei Deutsche Grammophon.

Ein Stück Musik, Auftragswerk der Richard-Thomas-Foundation, das einzigartig ist im Schaffen des Golden-Globe-Gewinners und doch typisch. Jóhannsson, 1969 in Reykjavík geboren, stellte nämlich nicht nur musikalische Korrespondenzen zwischen den Künsten her, wie es durchaus fast normal ist für isländische Künstler seiner Generation, sondern auch zwischen den musikalischen Gattungen und Epochen. In ihm – dem genialen Autodidakten, der Posaune und Klavier, Sprachen und Literaturwissenschaften studierte, bevor er sich austobte in der vielgestaltigen und gern eigenwilligen isländischen Indie-Rockszene – fand ein ständiger innerer Austausch statt. Zwischen den Genres. Zwischen allen Zeiten und Klängen.

Während der Arbeit an den 12 Conversations hing ein Bild von Thilo Heinzmann im Studio von Jóhann Jóhannsson. Und er schrieb eine puristische Partitur. Nur für Streicher diesmal und gänzlich ohne Elektronik. Gewissermaßen ein Musterbuch seiner musikalischen Meisterschaft, das einen – angesichts seines frühen Todes und der Vorstellung, was Jóhannsson noch hätte schreiben können – einhalten lässt und nachdenklich macht.

Es sind zwölf Sätze, die eine kreative Verbindung bilden von Jóhann Jóhannssons persönlichem Ausdruck und den Einflüssen, die seine musikalische Sprache formten. So entsteht ein Dialog nicht nur mit Thilo Heinzmanns Kunst, sondern auch mit dem Geist des früheren und gegenwärtigen musikalischen Minimalismus. Erinnerungen an einfache Ostinatos des Barocks und anhaltende Affekte durchziehen die Komposition, manchmal um hypnotische Augenblicke höchster Spannung aufzubauen, manchmal um ruhige Räume zur Kontemplation zu öffnen. Auch Lamentationen und Elegien sind zu hören – Mahnungen an unsere eigene Sterblichkeit – oder melancholische Tänze. Nachdem Jóhannsson in so vielen Werken die unendlichen Möglichkeiten von Klangstrukturen und -farben ausgelotet hat, schafft er in 12 Conversations eine ganz neue Ausdruckswelt. Die Intimität des Streichquartetts und die unverstellte Emotion der Melodik – bar jeder elektronischen oder digitalen Einkleidung – unterscheiden dieses Album deutlich von seinen früheren Veröffentlichungen.

12 Conversations ist ein Werk, das dem Echo Collective auf die Finger geschrieben wurde – den Violinisten Margaret Hermant und Sophie Bayet, dem Bratschisten Neil Leiter und dem Cellisten Thomas Engelen, die auf dem Album zu hören sind. Die Musiker des in Belgien ansässigen Ensembles haben sich als Pioniere im Grenzgebiet zwischen Klassik und verschiedensten Musikrichtungen einen Namen gemacht. Sie arbeiteten mit zeitgenössischen Künstlern zusammen wie dem niederländischen Pianisten Joep Beving oder dem Ambient-Duo A Winged Victory for the Sullen. Jóhann Jóhannsson hat Echo Collective sehr gemocht, weil sie, sagte er, begriffen hätten, dass scheinbar einfache Musik nicht leicht zu spielen sei, dass es mehr als sonst auf konzentrierte Artikulation ankommt, auf exakte Dosierung der Expression. Das hatte sich bei Orphée gezeigt, den Stücken seines Konzeptalbums, die Jóhannsson drei Jahre zuvor gemeinsam mit Echo Collective einstudiert und aufgeführt hatte.

Die Aufnahme der 12 Conversationsim Kern auch ein Notat für die Idee und die Ideale der Europäischen Union, denn an sie dachte der Brite Richard Thomas, als er die Arbeit anstieß und für das Gemeinschaftsprojekt Künstler aus drei Nationen zusammenbrachte – waren eine besondere Herausforderung für das Ensemble. Vor seinem Tod hatte Jóhannsson die Musiker eingeladen, um über die finale Partitur zu sprechen, bei der Einspielung aber standen sie vor interpretatorischen Detailfragen allein.

Mit den 12 Conversations with Thilo Heinzmann, die 2016 in London uraufgeführt wurden und nun in ihrer überarbeiteten Version erscheinen, setzt die Deutsche Grammophon die Würdigung des großen isländischen Klangabenteurers fort. Sie wurde gerade begonnen mit »Retrospective«, der zweibändigen Auswahledition seines Gesamtwerks. Es werden noch einige bisher unveröffentlichte Werke und Aufnahmen folgen.

Im Konzert werden die 12 Conversations with Thilo Heinzmann mit dem Echo Collective im Herbst zu erleben sein:

18 September 2019: Bahnhof Pauli Hamburg
20 September 2019: Funkhaus Berlin
21 September 2019: VEGA – House of Music Kopenhagen (Dänemark)
25 September 2019: Begijnhofkerk Brüssel (Belgien)
24 Oktober 2019: CCHA Hasselt (Belgien)
25 Oktober 2019: Cactus Muziekcentrum Bruges (Belgien)
26 Oktober 2019: Paradiso Amsterdam (Niederlande)
03 November 2019: Barbican Centre London (Großbritannien)