Der Spielplan 2021/22 am Staatstheater Mainz

Adriana Lecouvreur ~ Staatstheater Mainz ~ Quinault (Brett Carter), Mad.lla Dangeville (Verena Toenjes), Mad.lla Jouvenot (Dorin Rahardja), Poisson (Steven Ebel), Michonnet (Michael Dahmen), Adriana Lecouvreur (Nadja Stefanoff) ~ © Andreas Etter

Vorfreude ist ein vager Begriff dieser Tage — und Pläne in einem gedruckten Spielzeitheft zu materialisieren folglich kein sinnvolles Unterfangen. Darum stellt das Staatstheater Mainz sein Programm für die Theatersaison 21/22 (noch ohne feste Termine´) vor.

Außerdem hat es mit den Kolleg*innen der Theaterleitung einen Film zur Präsentation der Stoffe und Stücke gedreht, der ab sofort auf staatstheater-mainz.com angeschaut werden kann.

Immer getragen von der Hoffnung, dass auf den Bühnen bald wieder Leben einzieht, wurde in den letzten Monaten intensiv gearbeitet und geprobt. Viele Produktionen sind bereits fertig. Das Staatstheater Mainz kann es nicht erwarten, sie zu zeigen.

Damit und mit den ohnedies geplanten Premieren ist die kommende Spielzeit so angefüllt mit Stücken und Stoffen wie noch nie zuvor. Es wird viel darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, in Zeiten unklarer Perspektiven ‚auf Halde‘ zu produzieren. Das Staatstheater Mainz findet: Ja! Denn es will hauptsächlich das tun, wozu es da ist – Theater spielen, Geschichten erzählen, Begegnungen stiften. So bald wie möglich. Und wenn sehr viele Geschichten auf dieser oft zitierten Halde sind, kann sehr viel erzählt werden:

Die Spielzeit 21/22: „Du kannst mir alles erzählen“

„Du kannst mir alles erzählen“ – mit diesem Satz wurde die kommende Saison im Staatstheater Mainz überschrieben. Während wir einerseits einem schrillen Meinungsgewitter ausgesetzt sind, in dem manche einander ihre Überzeugungen und Bedürfnisse lieber entgegenschreien, als sich wirklich auszutauschen, ist es um andere beunruhigend still geworden. Es gibt so viele, von denen wir nicht wissen, wie es ihnen geht. Weil sie kaum gesehen oder gehört werden, weil sie keine Verstärker im Netz und in den Medien haben. Das „abgehängte Drittel“ hat der Soziologe Andreas Reckwitz schon vor Corona die wachsende Gruppe jener genannt, denen Wertschätzung und Wahrnehmung im gesellschaftlichen Aufmerksamkeitswettbewerb aus unterschiedlichen Gründen versagt werden. Diese Gruppe dürfte, dafür braucht es keine prophetischen Kräfte, in Zukunft weiter abgehängt werden oder ist es schon.
Wie aber sollen wir als Gesellschaft wieder zusammenfinden, wenn gefühlt jede*r mit seinen eigenen Verwundungen und Kränkungen zu kämpfen hat, die einen laut und empört, die anderen leise und verzagt? Die herrschende Diskurstemperatur ist ungesund, oft zu heiß, manchmal auch zu kalt, beides produziert Verletzungen. Wir wollen als Theater unseren bestmöglichen Beitrag leisten. Indem wir einerseits genau zuhören wollen und andererseits versuchen, alles zu erzählen, was sich aufgestaut hat. Natürlich ist das ein maßloser Ansatz, niemand kann wirklich alles erzählen. Aber wir setzen auf die besondere Kraft unseres Mediums, denn auf der Bühne prallen wir nicht gegen Grenzen von Raum und Zeit, in unseren Fantasiewelten ist jede Menge Platz! Viel zu lang konnten wir diese Welten nicht mehr gemeinsam bereisen, wir sind überzeugt, dass wir weit geöffnete Dimensionen und Perspektiven dringender brauchen denn je.

Betont man den Satz etwas anders, schwingt auch der Zweifel mit: Du kannst mir alles erzählen — aber soll ich Dir glauben? Wir sind nicht nur von Lärm umgeben, sondern manchmal auch von Manipulation, Verstellung und Lüge. Wer etwas unbedingt durchsetzen will, versucht dafür die beste Geschichte zu erzählen, zuweilen geht das auf Kosten der Wahrheit. Sich einzulassen auf Stoffe, Stücke und Figuren, viele Leben auf einmal in der Fantasie mit zu leben in einer Theatervorstellung, stattet nicht zuletzt mit der Kompetenz aus, Narrationen zu dechiffrieren und Verstellungen zu enttarnen. Theater kann zeigen, wie die Wahrheit der Körper die Lügen der Sprache entlarvt und Fiktion kann zeigen, wie unwirklich Wirklichkeit zuweilen ist.

Systemrelevanz ist ein schwieriger Begriff für kritische Kulturinstitutionen — und die Diskussion darum ist keine gute, sie wird gerne giftig geführt. Doch anstatt gegeneinander ins Feld zu ziehen, um zu beweisen, welcher Bereich und welche Tätigkeit denn nun am wenigsten verzichtbar sei, scheint es geboten, mit klarem Selbstbewusstsein die je eigenen Kräfte und Kompetenzen für das einzusetzen, was uns allen guttun kann — wenn es wieder geht. Und Theater kann in oben beschriebenem Kontext ein dringend benötigter Emanzipationsort sein, von dieser Überzeugung wollen wir nicht lassen.

Abgesehen davon ist es aber auch schön und gut, sich im Theater einfach mal alles erzählen zu lassen — nämlich alles Mögliche und Unmögliche und Fantastische, um sich entsprechend ästhetisch angeregt für eine Weile von der pandemischen Prosa zu befreien.

Staatstheater Mainz

Al gran sole carico d’amore
Staatstheater Mainz
Chor, Ensemble
© Andreas Etter

Musiktheater

Als Antwort auf die lange Theaterdürre wurde der Opernspielplan so reichhaltig und stilistisch vielfältig wie möglich geplant: Fertig geprobt, aber noch nicht zur Premiere gekommen, ist Adriana Lecouvreur, inszeniert und prachtvoll ausgestattet von Gianluca Falaschi, der als Kostümbildner von Perelà und Armide bekannt ist – für beide Produktionen wurde er von der Fachzeitschrift Opernwelt zum Kostümbildner des Jahres gekürt.
Auch schon mit viel Vorfreude versorgt, da längst premierenfertig, ist Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, das spätromantische Musikmärchen wird in einer halbszenischen Version im Großen Haus zu erleben sein.
Ebenfalls ungeduldig auf ihr Publikum wartet Mozarts Oper La finta giardiniera in einer Inszenierung von Cordula Däuper – wenn nicht mehr in dieser laufenden, dann auf jeden Fall in der kommenden Saison.

Auf jeden Fall kann sich in der Spielzeit 21/22 im Musiktheater auf ein großes Musical gefreut werden: Victor/Victoria ist eine rasante Verwechslungskomödie, die mit kraftvollem Bigband-Sound unterhält und zugleich mit aktuellen Fragen nach Geschlecht, Gender und den damit verbundenen Zuordnungen spielt.
Es folgt Carl Maria von Webers Der Freischütz, der in Mainz in ungewöhnlichen, aber tatsächlich so von Weber einst selbst erdachten und nur selten realisierten Orchesteraufstellung gezeigt werden soll.
Und ebenso groß geht es weiter: Giuseppe Verdis Nabucco, ein klanggewaltiges, politisches Werk, Melodrama und Psychogramm zugleich, kommt zum Jahresbeginn 2022 auf den Spielplan.

Al gran sole carico d’amore ist nicht nur ein wirklich aufregendes Musiktheater und vielleicht eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts, Revolutions-oper und Sänger*innenfest – das Stück liegt dem Staatstheater Mainz besonders am Herzen: Am Tag der Premiere musste es vor gut einem Jahr abgesagt werden und es folgte der erste Lockdown. Diese besondere Oper wird nun endlich im Großen Haus zu erleben sein. Das Publikum wird es aus ungewöhnlicher Perspektive sehen, denn es sitzt ausschließlich im Rang, während sich Bühne und Orchester viel Raum zum virtuosen Spiel nehmen.
Die Eroberung von Mexico von Wolfgang Rihm ist eines der relevanten Musiktheaterwerke des vergangenen Jahrhunderts, es geht um die Zerstörung fremder und eigener Welten und zugleich um Versöhnung und Zukunft.

Nur eine abendfüllende Oper geschrieben hat Igor Strawinsky, aber die hat es in sich: The Rake’s Progress ist ein faustischer Stoff, der junge Tom Rakewell wird mephistophelisch verführt, erliegt den Versuchungen und verliert am Ende beim letzten Würfelspiel gegen den Teufel seinen Verstand — musikalisch ein kunstvoller Umgang eines Komponisten des 20. Jahrhunderts mit Referenzen an Mozart und Verdi.

Zwei Premieren stehen für Kinder und Jugendliche auf dem Musiktheaterspielplan: Die Uraufführung Fish Forward, in der es um ein derzeit sträflich unterbelichtetes Thema geht, das gerade für die junge Generation existenziell ist – es geht um Klima und Umwelt. Und: Zählen und erzählen von Mauricio Kagel, eine fantasievolle Spielanleitung, die während der rheinland-pfälzischen Theatertage erstmals gezeigt wird.


Mutter Courage und ihre Kinder
Staatstheater Mainz
Eilif (David T. Meyer), Werber (Armin Dillenberger), Stumme Kattrin (Maike Elena Schmidt), Muter Courage (Anna Steffens), Obrist (Vincent Doddema)
© Andreas Etter

Schauspiel

Zahlreiche Wiederaufnahmen wie Hexenjagd, Die Physiker oder Sensemann & Söhne sowie Produktionen, die entweder diese oder nächste Saison herauskommen, wie Bertolt Brechts Mutter Courage und ihre Kinder in der Regie des leitenden Regisseurs K.D. Schmidt oder einer Bühnenbearbeitung von Heinrich Manns klugem, weitsichtigen Roman Der Untertan stehen ebenso auf dem Programm im Schauspiel wie die ohnehin als Premieren für 21/22 geplanten Produktionen.

Im Großen Haus zeigt Alexander Nerlich in seiner Inszenierung von Friedlich Schillers Kabale und Liebe welches Gewaltpotenzial in Sprache steckt — der Stoff ist damit auf verblüffende Weise aktuell.

Ödön von Horváths Glaube, Liebe, Hoffnung erzählt die Geschichte von Elisabeth, die immer wieder versucht, wirtschaftlich auf die Füße zu kommen und immer wieder scheitert — eine beklemmende fiktionale Übersetzung unbarmherziger Wirklichkeiten. Themen im Bereich der ökonomischen Verstrickungen und Verrenkungen, denen sich bei aller Bitterkeit Komisches abgewinnen lässt, bleiben aktuell: David Gieselmanns Komödie Villa Alfons, die als Auftragswerk des Staatstheaters Mainz uraufgeführt wird, verhandelt den Wirecard-Skandal und Benjamin Quaderers Für immer die Alpen ist eine wunderbare Auseinandersetzung mit dem Thema Hochstapelei – „Du kannst mir alles erzählen“ also — ebenfalls als Uraufführung.

Gerade jetzt, da der europäische Austausch auf ein trauriges Minimum geschrumpft ist, soll mit drei deutschsprachigen Erstaufführungen neuen europäischen Autor*innen Bühnenraum und –zeit geben werden: Vater unser von Angela Lehner, Rob von Efthymis Filippou (in Planung) sowie Deirdre Kilahans Rathmines Road, eine Auseinandersetzung mit den Themen Transgender, sexuelle Gewalt und Zivilcourage übersetzt in die Form des Well-made-Play. Außerdem wird Aki Kaurismäkis lakonische Geschichte Der Mann ohne Vergangenheit gespielt.

Einen festen Bestandteil des Spielplans bilden auch in der kommenden Saison wieder Stückentwicklungen aus dem Ensemble, hierzu zählen AufSichtBeton von Denis Larisch und Ich hab dich, Babe von Hannah Frauenrath und Vincent Doddema.

Die Bremer Stadtmusikanten
Staatstheater Mainz
Ensemble
© Andreas Etter

Für Kinder und Jugendliche stehen die Bremer Stadtmusikanten als großes unterhaltsames Familienstück auf dem Programm – Marc Becker hat eine hinreißende Version der wohl berühmtesten Rentnergang der Märchenliteratur geschaffen und es wird höchste Zeit, dass sie endlich auf die Bühne dürfen, sie sind ja nicht mehr die Jüngsten… Außerdem kan sich auf Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen gefreut werden, auch ein Beitrag zum Thema „Du kannst mir alles erzählen“…


Soul Chain
tanzmainz / Staatstheater Mainz
Ensemble
© Andreas Etter

tanzmainz

Die Erfolgsproduktion Soul Chain von Sharon Eyal hatte einen vielbeachteten Auftritt auf der Tanzplattform 2020 und zahlreiche Gastpieleinladungen erhalten. So reist tanzmainz voraussichtlich u.a. nach Moskau, Paris, Bratislawa, Budapest, Belgrad – natürlich wird es auch wieder in Mainz gezeigt. Sharon Eyal hat in den letzten Monaten eine neue Kreation mit tanzmainz geschaffen! Einen Titel gibt es noch nicht, aber die Produktion ist bereits so gut wie fertig. Mit einem kleinen Ensemble, sieben Tänzerinnen und Tänzern, hat sie einen elektrisierend intensiven, verdichteten Tanzabend entwickelt, der auf höchstem Niveau zeigt, was im zeitgenössischen Tanz geht.

Außerdem steht eine große Neuproduktion mit allen Tänzer*innen der Compagnie auf dem Programm: Sphynx von der Schweizer Choreografin Raffaële Giovanola im Kleinen Haus. Sie selbst bezeichnet das Thema ihrer Werke als „Transhumanie“ – ein faszinierend tanzendes Ensemble lässt das Publium an Objekte, Avatare oder Pflanzenkörper denken.

Im Großen Haus soll nun endlich das bereits vor einiger Zeit angekündigte Welcome Everybody zur Uraufführung kommen. Pierre Rigal hatte anstelle dieser eigentlich geplanten Arbeit im ersten Lockdown Extra Time geschaffen und damit kreativ und fantasievoll auf die besondere Situation reagiert. Welcome Everybody ist ein Stück, das jeden einzelnen Bestandteil eines Theater- respektive Tanz-abends auf ganz besondere Weise für einen Moment in den Mittelpunkt stellt. Der Titel drückt die Sehnsucht aus – denn genau das willen das Haus so bald wie möglich wieder sagen können: Welcome everybody!

Eine Spielplanvorschau ist immer die Summe vieler – manchmal waghalsiger – Versprechen. Es ist immer eine Halde! Voller Verheißungen auf poetische, irritierende, herausfordernde, schräge, komische, tragische und hoffentlich fesselnde Theaterabende. Dass wir dabei auch scheitern können, ist uns bewusst. Aber wohl noch nie haben wir so ungeduldig darauf hingefiebert, diese Versprechen endlich wieder einlösen zu dürfen – und dann darüber zu diskutieren.

Staatstheater Mainz



staatstheater-mainz.de