Der August bei den Landungsbrücken Frankfurt

In Her Face oder Die Autorin ist tot ~ Landungsbrücken Frankfurt ~ Léa Zehaf und Antigone Akgün ~ © Christian Schuller

Im August präsentiert Landungsbrücken Frankfurt ein “Zurück-zur-Normalität”-Paket mit 21 Vorstellungen, 4 Premieren und 3 verschiedenen Spielorten.

Nachdem das “Komplettwerk plus” der britischen Dramatikerin Sarah Kane bereits ab Februar intern zur Premiere geführt wurde, muss das jetzt raus. Und zwar so, wie es sein soll. Indoor. Und kann. Mit 3G, doppelt Schachbrett und Maske bis zum Platz.

IN HER FACE, das sogenannte Diskursstück von Akgün/Schassner/Zehaf macht den Anfang, dann folgen Kanes Debüt ZERBOMBT in einer Inszenierung von Linus Koenig und Felix Bieske von Landungsbrücken Frankfurt, sowie PHAIDRAS LIEBE, eine Produktion von mädchen*theater.

Die drei anderen Stücke GESÄUBERT, GIER und 4.48 PSYCHOSE folgen dann im September. Die Werkschau wird digital begleitet von MELLI LANDET AN, Gesprächen im Anschluss an die jeweiligen Premieren. Live aus der Umkleidekabine.

Lea Walde ist zum dritten Mal zu Gast an den Landungsbrücken, diesmal mit SURVIVOR, einer Kombination aus Theater, Tanz und Jazz.

Parallel dazu werden im Kultursommergarten in der Milchsackfabrik – auf dem Heimatgelände, aber im Freien – die beiden Reihen KINDER KINDER und PLATTFORM PLATTFORM fortgesetzt. Und Landungsbrücken Frankfurt sind auch noch zu Gast bei der befreundeten Die Dramatische Bühne im Grüneburgpark mit den Produktionen MEPHISTO, BANDSCHEIBENVORFALL FFP2.0 und NIEMAND.

IN HER FACE
ZERBOMBT
PHAIDRAS LIEBE


IN HER FACE ODER DIE AUTORIN IST TOT

Hintergrund
Sarah Kane war eine Autorin, wie sie heftiger in der Öffentlichkeit nicht hätte diskutiert werden können. Die Filterbubble des europäischen Theaters der frühen 1990er Jahre war für die In-yer-face-Methode ihres Schreibens – ungeschönt, brutal, voller Gewalt, poetisch ehrlich –nicht bereit. Zum Teil unter der Gürtellinie wurden ihre Texte, aber auch ihre Person in den Medien verheizt. Man solle das Geld für die Produktion nutzen, um ihr eine Therapie zu bezahlen, so erzählt sie 1995 in einem Interview. Hat dies jemals ein Autor zu hören bekommen? Oder, um zeitgemäß zu fragen: Musste sich ein männlicher Kanzlerkandidat in einem Interview je fragen lassen, ob er etwas an seinem Körper ändern wolle?

Das Stück
Die Beobachtung der Unterschiede zwischen der öffentlichen Behandlung von Mann und Frau, sowie der im Falle Sarah Kanes Wahrnehmungsüberschneidung von Werk und Autorin nimmt sich IN HER FACE ODER DIE AUTORIN IST TOT an. Die Inszenierung fragt: Gibt es einen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Schreiben und seiner Rezeption? Sie antwortet: Ja, den gibt es. Und begleitet eine Autorin auf der Bühne, die versucht, genau diesen Rezeptionswiderspruch auf den Leim zu gehen und ein Stück über Sarah Kane zu schreiben. Ihr Scheitern ist hierbei bereits eingeplant wie der Haken, an den sie ihre verschiedenen Kostüme hängen kann. Denn: Am Ende ist sie nicht nur eine Autorin, die versucht, ein Stück über Sarah Kane zu schreiben, sondern auch eine Frau in der öffentlichen Wahrnehmung, deren Körper, Gehirn und Seele in einer Welt voller Symbole nie nur ein Ich sein kann.

Das Stück im Kontext von 20.21 KANE innen
IN HER FACE ODER DIE AUTORIN IST TOT rahmt als sogenanntes Diskursstück und als einzige Stückentwicklung im Kontext von 20.21 KANE innen das gesamte Werkschau-Reihe-Festival-Vorhaben der sechs freien Gruppen, die hinter 20.21 KANE stehen. Mit Premiere am 04.08.21 läutet sie die Spiele rund um Sarah Kane ein, mit der Vorstellung am 13.02.2022 beendet sie das Festival-Vorhaben, innerhalb dessen das Gesamtwerk von Sarah Kane mit einem begleitenden Rahmenprogramm gezeigt wird.
Das Stück wird gefördert vom Kulturamt der Stadt Frankfurt. Das Gesamtprojekt 20.21 KANE innen wird gefördert vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, der CrespoFoundation, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie dem Kulturamt Frankfurt im Rahmen einer Sonderförderung.

IN HER FACE ODER DIE AUTORIN IST TOT


VON: Hannah Schassner/Léa Zehaf/Antigone Akgün
PREMIERE: 4. August 2021 (20:00 Uhr)
Landungsbrücken Frankfurt
Weitere Termine: 05.08.//08.08//14.10.//17.10.21//13.02.2022, jeweils 20:00 Uhr,
21.08.2021 Sprungturmfestival Darmstadt
Eine Produktion von Akgün/Schassner/Zehaf im Rahmen von 20.21 KANE innen

MIT: Antigone Akgün & Léa Zehaf
REGIE: Hannah Schassner
DRAMATURGIE: Julius Ohlemann
KOSTÜM: Marijke Wehrmann
BÜHNE: Anna Hasche
SOUNDDESIGN: Thomas Buchenauer
FOTOS: Christian Schuller
TECHNIK: Nina Koempel
ASSISTENZ: Emily Hirsch


Zerbombt
Landungsbrücken Frankfurt
Vorabfoto
© Niko Neuwirth

ZERBOMBT

“Das hier ist keine Geschichte, die irgendwer hören will”.
Ian ist der typische schmierige Boulevardjournalist mittleren Alters. War schon hier und da, hat schon alles irgendwie gesehen, kennt sich aus und weiß Bescheid und vor allem alles besser. Cate ist deutlich jünger, intellektuell eher nachrangig unterwegs, stottert und hat in unregelmäßigen Abständen Ohnmachtsanfälle. Beide hatten irgendwie früher mal was miteinander. Jetzt nicht mehr. Nun treffen sie in einem edlen Hotelzimmer aufeinander. Und reden aneinander vorbei. Sie fällt in Ohnmacht, er vergewaltigt sie. Der Soldat klopft zwar höflich an, fällt dann aber umso unhöflicher zuerst über das Frühstück, dann über Cates Unterhose und später über Ian her. Das Zimmer explodiert und ist plötzlich nur noch Teil eines ausgebombten Schlachtfeldes. Der Soldat und Ian tauschen Kriegsgeschichten aus. Splatter, Sex und Sperma. Danach vergewaltigt der Soldat Ian und küsst ihn sanft, bevor er ihm das Sturmgewehr ins Rektum schiebt, dessen Augen auslutscht und sich danach erschießt. Cate kommt mit einem Baby zurück, Ian versucht sich umzubringen, weil blind sein ist doof. Cate sucht draußen nach Essen, während Ian drinnen Hunger hat und das inzwischen tote Baby aufisst. Cate kommt mit einem Wurstsandwich zurück und füttert den sterbenden Ian. Im Regen. Danke. Sagt der.

ZERBOMBT ist ein „ekelhaftes Gelage des Schmutzes“. Sagt die Boulevardpresse. Und die muss es ja wissen. Mit Schmutz kennt man sich schließlich dort aus. Das Private ist politisch. Nicht ganz so politisch ist dagegen das politische. Der Krieg nebenan. Eine Randnotiz. Noch nicht mal Human Interest. Human Interest sind dagegen vor allem diese Gewaltfilme, die niemand gesehen hat, die aber unsere Jugend verderben. Merke: Nicht die Gesellschaft ist pervers, sondern die Kunst, die sie abbildet.

ZERBOMBT schlägt bei seiner Premiere 1995 ein wie eine Handgranate, die jemand einfach mal ins Theater wirft. In yer face. In die Fresse. Aber wie zur Hölle führt man sowas bitte auf? 25 Jahre später? Gewalt, Brutale Sexualität, Kannibalismus? Alles schon gesehen, alles schon gehört, alles schon erlebt, alles schon ignoriert, über alles schon die Nase gerümpft. Pornotrash oder Heile Welt? Nichts schockiert mehr. Alles nur noch einen Klick entfernt und in gemütlich eingerichteten individualisierten Selbstschutzräumen konsumierbar. Wie können wir also Zuschauer:innen noch ganz individuell und zielgerichtet genau dort abholen, wo sie gar nicht mehr zu stehen glauben?

ZERBOMBT braucht weder Holzhammer, noch Schrotflinte, um zu berühren. Wir werfen die Handgranate auf die Metaebene. Lachen, wenn’s nicht zum Weinen reicht. In einem flackerndem Popkulturpotpourri lassen wir völlig unterschiedliche Ästhetiken, Bildformate, Bildschärfen, Erzählweisen, Sprechweisen, Spielweisen aufeinander und ineinander los. Und zerstören alle liebgewonnenen Erwartungen an einen ordentlichen und anständigen Theaterabend als ultimative Liebeserklärung ans Theater. Eskapismus als Tor zur Welt.

ZERBOMBT funktioniert nicht aus einer Lust am Effekt. In einer Meditation über die Zusammenhänge der Gewalt in der Welt da draußen und unserem Innenleben, bleibt der Focus bleibt doch immer auf dem für Sarah Kane typischen Kontrast zwischen roher Brutalität und kurzen Momenten sehnsuchtsvoller Zärtlichkeit.

»Das Theater ist keine externe Kraft, die auf die Gesellschaft einwirkt, es ist ein Teil von ihr, eine Wiedergabe dessen, wie die Menschen innerhalb der Gesellschaft die Welt sehen. Splatterfilme schaffen keine gewalttätige Gesellschaft, sie sind ein Produkt dieser Gesellschaft. Filme, Bücher, Theater, sie alle stellen etwas dar, was es bereits gibt, wenn auch nur im Kopf eines einzelnen, und durch diese Darstellung können sie, was sie beschreiben, ändern oder verstärken.“ (Sarah Kane)

ZERBOMBT

Von: Sarah Kane
Eine Produktion von Landungsbrücken Frankfurt im Rahmen von 20.21 KANE innen

PREMIERE: 11. August 2021 (20:00 Uhr)
Landungsbrücken Frankfurt
Weitere Termine: 12.08.//15.08//04.11.//06.11.//02.12.//03.02.2022, jeweils 20:00 Uhr,

REGIE: Linus Koenig & Felix Bieske
MIT: Marlene Sophie Haagen, Julian Koenig, Christoph Maasch, Julius Ohlemann, Randi Rettel, Magdalena Wiedenhofer
DRAMATURGIE: Lucia Primavera
MUSIK: Thomas Buchenauer
LIVE MUSIK: Thomas Buchenauer, Jens Eichler
BÜHNE & KOSTÜME: Anna Hasche
TECHNIK & LICHT: Linus Koenig
VIDEOTECHNIK: Steffen Scheuermann
FOTOS: Niko Neuwirth

Eine Produktion von Landungsbrücken Frankfurt im Rahmen von 20.21 KANE innen.


Phaidras Liebe
Landungsbrücken Frankfurt
Vorabfoto
© Tayfun Selcuk

PHAIDRAS LIEBE


Phaidras Liebe ist Sarah Kanes Überschreibung einer antiken Erzählung. Das 1996 in der Regie der Autorin uraufgeführte Stück, greift die mythologischen Figuren auf, versetzt diese in eine nicht näher definierte Gegenwart und spitzt das Geschehen um die Beteiligten zu: Im attischen Königspalast leben Phaidra, die zweite Frau des Theseus, ihre Tochter Strophe und ihr Stiefsohn Hippolytos. Dieser ist, trotz königlicher Privilegien und aller ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bis zur absoluten Gleichgültigkeit gelangweilt. „Er ist einfach unangenehm“, lautet die Diagnose des königlichen Arztes. Die meisten Bewohner*innen des Palastes haben ihn schon lange aufgegeben, Phaidra hingegen ist unsterblich in Hippolytos verliebt. So sehr, dass sie ihm zu seinem Geburtstag ihre sexuelle Hingabe schenkt.
Phaidras besessene Liebe und Hippolytos dekadente Gleichgültigkeit führen jedoch geradewegs zu Verletzungen, Verleumdungen und einem Volksaufstand und damit letztlich zum Tod aller Protagonist*innen.
Die Figuren, die als Schablonen gesellschaftlicher und persönlicher Erwartungen auftreten, kompensieren ihre Abgeklärtheit, sowie die Abwesenheit jeglicher Berührung, indem sie ihre Sehnsüchte auf andere projizieren. So wird aus Kanes brutaler Erzählung in der Inszenierung von mädchen*theater ein Spiel aus Licht und Schatten, das mit viel schwarzem Humor und pointierten Dialogen in die Abgründe einer abgestumpften Gesellschaft blickt, der nahezu alles egal ist.

PHAIDRAS LIEBE
Von:
Sarah Kane

PREMIERE: 17. August 2021 (20:00 Uhr)
Landungsbrücken Frankfurt
Weitere Termine: 18.08.//19.08.2021. // 04.02.2022, jeweils 20:00 Uhr

HIPPOLYTOS: Ole Bechtold
ARZT: Florian Stamm
PHAIDRA: Daniela Fonda
STROPHE: Léa Zehaf
PRIESTER: Andreas Gießer
THESEUS: Ole Bechtold
REGIE: Meike Hedderich
AUSSTATTUNG: Sarah Sauerborn
MUSIK: Ortrun Sommerweiß
DRAMATURGIE: Mareike D. Osenau

Eine Produktion von mädchen*theater im Rahmen von 20.21 KANE innen.


Das vollständige Programm findet sich unter landungsbruecken.org und 2021kane-innen.de.