Das Theater Willy Praml und studioNAXOS werden NAXOS

Das Theater Willy Praml und studioNAXOS werden NAXOS ~ Auf dem Foto: Simon Möllendorf, Carolin Millner, Michael Weber, Jan Philipp Stange, Birgit Heuser, Willy Praml, Maylin Habig, Nils Wildegans, Ruth Schröfel ~ © Seweryn Zeazny

HINTERGRUND

Seit dem Jahr 2000 bespielt das Theater Willy Praml mit einem festen Ensemble die Naxoshalle als Theater mit großen Stoffen, Mythen und Literaturen. 2014 kam das studioNAXOS mit dazu: die junge Avantgarde aus den Ausbildungsinstitutionen der Hessischen Theaterakademie. Der Gründungsimpuls ging von der zentralen Überlegung der Evaluation der Frankfurt Theaterförderung (2012) aus: Künstlerinnen und Künstler der Darstellenden Künste, die in Hessen und insbesondere in Frankfurt ausgebildet werden, sollten eine Chance bekommen, in der lokalen freien Szene Fuß zu fassen und in der Region zu bleiben. Aus diesem Anfangsimpuls hat sich ein erfolgreiches Modellprojekt und daran anschließend eine florierende Zusammenarbeit der beiden Theater entwickelt, die neben neuen, zeitgenössischen Theaterformen auch Strukturen gemeinsamen Produzierens, Verwaltens und Organisierens hervorgebracht hat.

THEATER – PERFORMANCE – MUSIK – FILM – DISKURS

So ist in den letzten Jahren ein Modell der generationenübergreifenden und künstlerisch vielfältigen Theaterarbeit entstanden, ein Haus der freien Szene, mit einer großen und kleinen Spielstätte, ein Kulturzentrum mit Kino, mit einer Konzertreihe, mit ergänzenden kulturellen und künstlerischen Veranstaltungsformaten und über 180 Spielterminen pro Jahr: Literaturtheater und Performance, Avantgarde und Klassiker, Tanz und Konzerte, Newcomer und Etablierte. Das Programm auf NAXOS zieht ein breites Frankfurter Publikum an, das die Vielfalt der Stadtgesellschaft widerspiegelt. Arbeiten aus dem NAXOS-Produktionsverbund haben außerdem in den letzten Jahren mit ihren zeitgenössischen, innovativen Theaterproduktionen die Stadt und ihre Theaterszene auf Festivals in Deutschland und Europa sichtbar gemacht.

GRÜNDUNG “NAXOS”

Nun haben sich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler eine gemeinsame Struktur und ein gemeinsames Label gegeben, um dieses generationenübergreifende und interdisziplinäre HAUS DER FREIEN THEATERSZENE zukunftsfähig zu machen und im Austausch mit der Stadtgesellschaft weiterzuentwickeln. Innerhalb der letzten anderthalb Jahre entstand ein tragfähiger Entwurf, der sich in der Gründung eines gemeinsamen Trägervereins NAXOS e.V. im Oktober 2020 manifestierte. Neben dem Theater Willy Praml bleibt das studioNAXOS als Produktionsplattform von und für freie Künstler*innen der Region erhalten. Dazu werden einige der Künstler*innen, die die Entwicklung des Ortes in den letzten Jahren mitgeprägt haben, fest assoziiert: die Teams um Carolin Millner (Eleganz aus Reflex), Simon Möllendorf (Dorfproduct) und Jan Philipp Stange (Stange Produktionen).

OFFEN – SELBSTVERWALTET – INTENDANTENLOS

Die freien Künstler*innen der Region benötigen dringend verlässliche Freiräume zum Arbeiten. Mit der nun nochmals intensivierten Kooperation von Theater Willy Praml und studioNAXOS wird für die Theaterarbeit in der Naxoshalle ein neuer Meilenstein gesetzt und die Öffnung des Hauses für die freie Theaterszene der Stadt in seine Verfassung eingeschrieben. Damit steht das Haus künstlerisch für unbedingte Vielsprachigkeit und hält das Hallentor offen für neue künstlerische Impulse und die Förderung junger Theatermacher*innen, die in Frankfurt am Main die kulturelle Vielfalt der Stadt bereichern. Für alle Künstler*innen wird ein verantwortungsvoller Rahmen für professionelles Arbeiten geschaffen. Mit diesen Investitionen soll der Betrieb langfristig abgesichert werden. Die Organisationsstruktur NAXOS sieht drei wesentliche Organe vor: a) den Trägerverein NAXOS e.V.; b) eine Geschäftsführung, die den Theaterbetrieb verantwortet, plant und mit Hilfe eines Büros umsetzt und c) einen Künstlerbund, der die künstlerische Entwicklung der Spielstätte über die Beiträge der einzelnen Produktionen hinaus plant und gestaltet.

Das Team freut sich nun auf einen regen Austausch mit den Bürger*innen, Künstler*innen und der Kulturpolitik der Stadt.

Unter dem Dach der Naxoshalle

Trägerverein NAXOS e.V.

1. studioNAXOS

studioNAXOS als Plattform für Nachwuchsprojekte und als Produktionsverbund von Absolventinnen du Absolventen der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und anderen Ausbildungseinrichtungen in Hessen.

Mit dieser Ursprungsidee seiner Gründung hat sich das studioNAXOS von Anfang an in die Kooperation auf Naxos eingebracht und wird dies auch weiterhin fortsetzen. Seither konnten eine Fülle von Projekten realisiert werden, die von unterschiedlichen Gruppen der Freien Szene beim Frankfurter Kulturamt beantragt, als Einzel- oder in Konzept-Förderung bewilligt, an das studioNAXOS herangetragen und schließlich in der Spielstätte Naxoshalle zur Aufführung gebracht wurden und werden. Einer zusammenfassenden Statistik seit dem Jahr 2014 gemäß haben über 500 Theatermacherinnen und -macher und ergänzende Künstlerinnen und Künstler (Bühnen- und Kostümbildner*innen, Dramaturg*innen, Darsteller*innen und Performer*innen, Lichtdesigner*innen u.a.) die die Spielstätte für Proben und Aufführungen genutzt. Seit der Gründung von studioNAXOS zur Förderung von Nachwuchsprojekten haben sich die Initiator*innen der Plattform selber zu einem Produktionsverbund aktiver Inszenator*innen vereinigt, um das Verständnis von Theatermachen Heute in eigner Praxis zu erproben und das je eigene künstlerische Potenzial weiter zu entwickeln. Unter folgenden Produktionsdefinitionen – gefördert jeweils als Projekt- oder in Konzeptionsförderung von Seiten der städtischen Kulturförderung – ist dieser Verbund bisher hervorgetreten und hat sich mit je eigenen Produktionslabels in den Spielplan auf Naxos eingebracht.

2. Stange Produktionen

Stange Produktionen ist ein Zusammenschluss verschiedener Künstler*innen um den Regisseur Jan Philipp Stange, die seit 2015 in Frankfurt zusammenarbeiten und in ganz Deutschland Arbeiten zwischen Performance und Theater produzieren. Ihre Arbeiten wurden mehrfach nominiert und ausgezeichnet und auf zahlreiche Festivals eingeladen (u.a. Ruhrtriennale ’15, Radikal Jung ’17, Impulse ’19, Fast Forward für europäische junge Regie ‘19). Die Arbeiten zeichnen sich durch ihre hyperrealistischen Szenarien und Bühnenräume aus, die vermeintlich authentische Situationen, Erzählungen, Biografien oder klassische Stoffe fiktionalisieren und überschreiben. Oft spielen sie mit dokumentarischem Material, mit theaterfremden Menschen und Texten und schaffen Unschärfen zwischen Wirklichkeit und Erzählung, die den Ausgangspunkt für weitergehende Befragungen unserer Sehgewohnheiten bilden. Sie verstehen sich in dem wörtlichen Sinne als Unterhaltung, dass sie den Ausgangspunkt einer Unterhaltung darstellen, zu der das Publikum eingeladen wird. Insofern arbeiten sie immer auch daran, die Reflektion des eigenen Arbeitsprozesses für die Zuschauer*innen zu öffnen und so dazu einzuladen, das Nachdenken über Theater auch auf gesellschaftliche Verhältnisse auszuweiten. Die Theaterproduktionen, denen in überregionaler Presse eine hohe Qualität und außergewöhnliche Handschrift bescheinigt wird, wurden an Theatern und freien Produktionshäusern im gesamten deutschsprachigen Raum gezeigt, u.a. im Mousonturm Frankfurt, Hellerau Dresden, Thalia Theater Hamburg, Ringlokschuppen Ruhr, Deutsches Theater Göttingen, Schauspielhaus Dresden, Schauspielhaus Wien, Schwankhalle Bremen, Münchner Volkstheater, Schauspielhaus Hamburg etc. Zuletzt entstanden im Theater NAXOS eine Triologie über die Kulturgeschichte, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der menschlichen Gattung beleuchtete: 2018 “Great Depressions”, 2019 “Good Night” und 2020 “Hard Feelings (Ein Bericht für eine Akademie)”.

3. Dorfproduct

DORFPRODUCT sind der Regisseur Simon Möllendorf und die Dramaturgin Caroline Rohmer, die mit einem Netzwerk von Performer*innen und anderen Künstler*innen (Bühne, Sound) seit 2012 in Frankfurt am Main zusammenarbeiten und Inszenierungen entwickeln, die sich in einem Grenzbereich zwischen Sprechtheater, Choreografie und Bildender Kunst bewegen. Sie interessieren sich für gesellschaftliche und ästhetische Grundstrukturen und arbeiten in den Performances an klaren Setzungen, reduzierten und ritualisierten Vorgängen und Bewegungsstudien, die grundlegende Fragestellungen zu den Mechanismen, Möglichkeiten und Herausforderungen der Beziehung zwischen Individuen und Gemeinschaft freilegen. Die Inszenierungen versuchen, (körperliche) Erfahrungen für Zuschauer*innen wie für Performer*innen herzustellen, die Unbestimmtheit zulassen, die verunsichern und zur nachträglich kritischen Reflektion einladen. Der „Erfahrungsraum“, der jeweils geschaffen wird, denkt dabei die Anwesenheit des Publikums immer mit, so dass er erst mit den Zusehenden entsteht bzw. nur mit dem Publikum in diesem Moment existieren kann. Die Anwesenheit des Publikums gegenüber dem Bühnengeschehen wird jenseits konventioneller, oppositionellen Schemata der Anordnungen gedacht; in der Regel gibt es keinen explizit definierten Zuschauer*innenraum sondern die Möglichkeit, sich dem Geschehen aus unterschiedlich möglichen Perspektiven zu nähern.

4. Eleganz aus Reflex

ELEGANZ AUS REFLEX besteht aus den Künstler*innen Carolin Millner (Regie), Maylin Habig (Kostüm), Fee Römer (Dramaturgie), Magdalena Wabitsch (Schauspiel), Bettina Földesi (Produktion) und Nils Wildegans (Bühne). ELEGANZ AUS REFLEX steht für eine Form des Sprechtheaters, die in enger Verbindung zu Performance und installativer Kunst steht und sich in seinen Stückentwicklungen mit historisch-politischen Themenkomplexen auseinandersetzt. In Abgrenzung zu einer journalistischen Herangehensweise arbeiten sie assoziativ, schlagen subtile Verbindungen ins Heute und entwickeln Welten, die zwischen einem Blick in die Vergangenheit und einer utopisch-dystopischen Zukunft oszillieren. Die glauben daran, dass subversive Kritik von Gegenwart nicht ohne den Blick in die Vergangenheit auskommt. Ziel ist es, für den jeweiligen Themenkomplex eine eigene Erzählform und spezifische Ästhetik zu entwickeln. Oft arbeiten sie mit Archivmaterial und verwenden Filme, Theaterstücke, Romane, Sachbücher, Tagebucheinträge und Briefwechsel aus der Geschichte. Die Gruppe versucht dabei immer ein oder mehrere Narrative zu finden, die als roter Faden durch den Abend führen.

5. Theater Willy Praml

Das THEATER WILLY PRAML wird weiterhin als Compagnie und Ensemble in dem von ihm gegründeten Theater in der Naxoshalle präsent bleiben und seine künstlerische Produktivität weiter steigern wollen (zahlenmäßige Aufstockung des Darsteller*innen-Ensembles, Ausweitung des Regiepotentials). So konnte mit dem Schauspieler Michael Weber, dem Mitbegründer der Compagnie im Jahr 1991 und seither auch die dramaturgische Stütze des Theaters, ein weiterer Regisseur für das Ensemble gewonnen werden; in der Spielzeit 2020 hat er mit der Inszenierung von E. Albee „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ seine erste Regiearbeit vorgestellt, deren offizielle Premiere dann dem ersten Lockdown im Rahmen der CORONA-Maßnahmen im März d. J. zum Opfer fiel; sie soll nun im Frühjahr 2021 nachgeholt werden; es folgte die Inszenierung von Hölderlins Dramenbearbeitung der ANTIGONE des Sophokles im Rahmen der Hölderlin Festwoche in erfolgreicher Doppelregie von Willy Praml und Michael Weber. Webers Regiefortsetzung wird sein: eine szenische Adaption der Erzählung von Kleist unter dem Titel „Kleists: SCHWARZ/WEISS. Die Verlobung in St. Domingo“, sowie die Bearbeitung von Heinrich Heines Schilderung der Cholera-Epidemie im Paris des 19. Jhs. für die Bühne in einer szenisch-musikalischen Einbeziehung eines Männerchores und weitere Regiearbeiten von Michael Weber folgen. Aber auch Gastregien sind im Theater Willy Praml immer wieder praktiziert worden, zuletzt mit dem holländischen Regisseur Paul Binnerts mit seiner szenischen Umsetzung des Romans TRANSIT von Anna Seghers und soll je nach Bedarf auch in der Zukunft fortgeführt werden.

Mit jeweils eigenen Trägervereinen

NAXOS HALLENKONZERTE (seit 2018)

Leitung: Leonhard Dering, Steffen Ahrens (bis Ende 2018 Oliver Leicht)
Die Konzertreihe lässt verschiedene Musikstile einander begegnen, die von der Klassik, über Jazz zur Neuen, elektronischen oder experimentellen Musik bis hin zu Kompositionen außerhalb jeglicher Schubladensortierung reichen.

naxos.KINO – Kino im Theater (seit 2005)

Leitung: Hilde Richter, Wolf Lindner
Gezeigt wird jeweils am Dienstagabend ein besonderer Dokumentarfilm. Im Anschluss wird zu einem ausführlichen Filmgespräch mit den Regisseur*innen und Fachleuten zum Filmthema eingeladen.

theater-willypraml.de / studionaxos.de