Das Schauspiel Stuttgart 2020/21: Spielplan von Sep 20 bis Jan 21

WELCHES JETZT WOLLEN WIR LEBEN

Schauspielhaus Stuttgart (Foto: Björn Klein)

Im Rahmen der heutigen Pressekonferenz der Württembergischen Staatstheater Stuttgart stellten Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski und Chefdramaturg Ingoh Brux das Programm für ihre dritte Spielzeit am Schauspiel Stuttgart vor. Nachdem die vergangenen Wochen und Monate außergewöhnliche Maßnahmen und viel Improvisation erforderten, hat die Corona-Pandemie auch ihre Spuren in den Plänen für die kommende Saison hinterlassen. Um möglichst flexibel auf die sich weiterhin dynamisch entwickelnden Bedingungen für den Spielbetrieb reagieren zu können, haben sich die Staatstheater Stuttgart gemeinsam entschieden, zunächst den Spielplan für September 2020 bis Januar 2021 zu veröffentlichen.

Insgesamt 6 Neuproduktionen, darunter 2 Uraufführungen von Thomas Melle und Gernot Grünewald, stehen auf dem Spielplan des Schauspiels Stuttgart für die erste Hälfte der kommenden Spielzeit. Zudem wird Harald Schmidt seine Show-Reihe der ehrlichen Worte, ECHT SCHMIDT, ab dem 30. November im Schauspielhaus fortsetzen. Neben bereits vertrauten künstlerischen Handschriften werden in der ersten Spielzeithälfte auch Arbeiten von Regisseur*innen zu erleben sein, die zum ersten Mal in Stuttgart inszenieren: Corinna von Rad, Viktor Bodó und Stefan Kaegi von Rimini Protokoll.

Aus der Spielzeit 2019/20 wird zunächst ein verkleinertes Repertoire von 7 Produktionen wiederaufgenommen, das je nach Entwicklung der Corona-Vorgaben für die Bühne erweitert werden wird. Drei dieser Produktionen feierten erst kurz vor der Sommerpause im Juli 2020 Premiere: Black Box. Phantomtheater für 1 Person (von Stefan Kaegi / Rimini Protokoll), das Live-Hörspiel Extrem laut und unglaublich nah von Jonathan Safran Foer (R: Bernadette Sonnenbichler) und Die Nacht kurz vor den Wäldern von Bernard-Marie Koltès (R: Annalisa Engheben).

Das Schauspielensemble wird 2020/21 durch zwei neue Schauspieler*innen ergänzt: Evgenia Dodina, die bereits in Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Wajdi Mouawads Vögel als „Leah“ zu erleben war, wird festes Ensemblemitglied. Die gebürtige Weißrussin spielte in der Vergangenheit am Majakowski-Theater-Moskau und nach ihrer Übersiedlung nach Israel am Gesher Theater und am Nationaltheater Hamiba in Tel Aviv. Außerdem war sie in zahlreichen sowjetischen, israelischen und deutschen Filmen sowie Fernsehserien zu sehen.
Ebenfalls neu im Ensemble ist Elias Krischke, der 2020 sein Schauspielstudium am Max Reinhardt Seminar in Wien abschloss. Am Wiener Burgtheater war er zuletzt in der Bakchen-Inszenierung von Ulrich Rasche zu sehen. Im Gegenzug verlässt Benjamin Pauquet Stuttgart auf eigenen Wunsch.

Eröffnet wird die neue Saison 2020/21 mit einem Wochenende, das zwei der programmatischen Schwerpunkte der Intendanz Kosminski zusammendenkt: die internationale Ausrichtung und das zeitgenössische Autorentheater. Am 18. September startet das Kammertheater mit der Uraufführung von Thomas Melles neuem Stück Die Lage in die neue Spielzeit (R: Tina Lanik). Zwei Tage später, am 20. September, wird im Schauspielhaus der hochdotierte erste Europäische Dramatiker*innen Preis an Wajdi Mouawad und der erste Europäische Nachwuchsdramatiker*innen Preis an Jasmine Lee- Jones verliehen. Schirmherr ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann, gefördert werden die Preise vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und dem Förderverein der Staatstheater (Hautpreis) sowie der SRH Holding (Nachwuchspreis).
Flankiert wird die Preisverleihung von Wajdi Mouawads fulminantem Solo Seuls sowie einem Panel, einer Matinee und Performances in Kooperation mit dem Citizen.KANE.Kollektiv, dem Theater tri-bühne Stuttgart und dem Studio Theater Stuttgart.
Die Preisverleihung sollte ursprünglich im Rahmen von „Writing Europe“ stattfinden – das Festival mit internationalen Gastspielen und einer Werkschau des Europa Ensembles musste Corona-bedingt auf die zweite Hälfte der Spielzeit verschoben werden. Im Herbst/Winter erarbeitet das Europa Ensemble seine vorerst letzten beiden Produktionen in Warschau (The Prompter (UA), R: Wojtek Ziemilski) und Zagreb (NN, R: Ivan Penović).


Wie schnell scheinbar Selbstverständliches in Frage gestellt wird, konnte in den letzten Wochen und Monaten erlebt werden. In sozialkontaktarmen Zeiten mussten Geschäfte und Theater ihre Türen schließen, von heute auf morgen machten auch die Nationalstaaten ihre Grenzen dicht, und die europäische Solidarität wurde auf eine harte Probe gestellt. Angesichts der weltweiten Krise stellen viele die bisherige Lebensweise grundsätzlich in Frage. Gerade jetzt sei es an der Zeit darüber nachzudenken, wie wir arbeiten, produzieren, konsumieren und zusammenleben wollen. Über die Haltung zum Jetzt nachzudenken, das ist auch Aufgabe des Theaters. Unter der Überschrift WELCHES JETZT WOLLEN WIR LEBEN erzählt der Spielplan bis Ende Januar 2021 von Menschen und ihren lebensweltlichen Erfahrungen in Umbruchsituationen. Die Theaterabende zeigen, wie aus Opfern Akteure werden und Nebenschauplätze in den Vordergrund rücken.
Die Geschichten handeln von Macht und Gerechtigkeit, Identitätskrisen und von neuen sozialen Fragen. Von den Sollbruchstellen überkommener Weltbilder und dem Verlust altbekannter Moralvorstellungen.

Die Spielzeit im Schauspielhaus eröffnet Intendant Burkhard C. Kosminski mit Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt mit einem Text von Peter Michalzik. Wie schnell das Versprechen „Wohlstand für alle“ eine Stadt korrumpieren kann, davon erzählt diese Tragikomödie. In der Hauptrolle wird das neue Ensemblemitglied Evgenia Dodina zu erleben sein. Der Würgeengel, eine Bühnenadaption von Luis Buñuels Filmklassiker, handelt von einer geschlossenen Gesellschaft, von Menschen, die in einer Ausnahmesituation die Kontrolle verlieren. Der ungarische Regisseur Viktor Bodó wird sich mit dieser Inszenierung erstmals in Stuttgart vorstellen. Robin Hood, Held unserer Familienproduktion, kämpft für Freiheit und Gerechtigkeit, indem er die Reichen bestiehlt und die Armen beschenkt (R: Corinna von Rad). In Thomas Melles Stück Die Lage wird die Wohnungssuche zum Existenzkampf in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Die Uraufführung sollte eigentlich bereits im April 2020 stattfinden, musste aber Coronabedingt verschoben werden. Warum wir gerade in Umbruchzeiten unsere Wirklichkeit konstruieren und welchen Quellen, Expert*innen und Behauptungen wir Glauben schenken, recherchiert Gernot Grünewald in seiner neuen Stückentwicklung Un / true für das Kammertheater.

In einer Langen Hölderlin-Nacht zum Abschluss des Jubiläumsjahrs widmet sich das Schauspiel Stuttgart am 7. November zudem in Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart, dem Stuttgarter Ballett, dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Literaturhaus Stuttgart dem Werk des Dichters Friedrich Hölderlin. Im Auftrag des Schauspiels Stuttgart antworten Autor*innen wie Nora Bossong, Monika Rinck, Ferdinand Schmalz, Jan Wagner, Senthuran Varatharajah auf einen Text Hölderlins mit einem eigenen Text. Das Schauspielensemble wird diese Texte im Schauspielhaus präsentieren. Das Stuttgarter Ballett reflektiert das Werk Hölderlins zudem mit einer choreografischen Uraufführung, das Staatsorchester mit verschiedenen Kompositionen.
Corona-bedingt zog sich die Gesellschaft in den vergangenen Monaten vermehrt ins Private zurück, es schrumpfte der öffentliche Raum als Begegnungsort. Mit teils drastischen psychosozialen Folgen. Dem will das Schauspiel Stuttgart – selbstverständlich unter Einhaltung der Sicherheits- und Abstandsregelungen – etwas entgegensetzen. Das Schauspielhaus liegt im Zentrum der Stadt, an einem der schönsten Plätze Stuttgarts. Der öffentliche Raum und das Schauspielhaus als seine Erweiterung soll allen gehören – und so will das Schauspiel Stuttgartt gemeinsam mit dem Stuttgarter Ballett ab der Spielzeit 2020/21 die Foyers des Schauspielhauses auch tagsüber öffnen für das Publikum, für Schüler*innen und Student*innen, Geschäftsleute und Kolleg*innen, für Neugierige und Flaneur*innen. Mit einem erweiterten gastronomischen Angebot, WLAN und Zeitungen, Arbeitsplätzen und gemütlichen Rückzugsecken soll das Schauspielhaus zu einem lebendigen Ort für alle gemacht werden – für Gespräche, Rendezvous, Meetings, Kunst und Kultur, und zu einem Ort der Ballett- und Theatervermittlung, an dem man sich in Workshops auch ganz praktisch der Ballett- und Theaterwelt nähern kann.

Der erste Band des Spielzeitbuchs (09/20 – 1/21) wird nicht wie gewohnt in gedruckter Form erscheinen, sondern vorerst nur digital zur Verfügung stehen. Die zweite Hälfte des Spielplans (02/21 – 07/21) werden wir voraussichtlich Mitte Januar 2021 verkünden. Alle bisherigen Pläne wurden nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Trotzdem wird uns die Corona-Pandemie weiterhin begleiten. Auf die dynamischen Entwicklungen werden wir auch in Zukunft mit einem Bewusstsein für die Sicherheit unserer Zuschauer*innen, Künstler*innen und Mitarbeiter*innen und mit Augenmaß reagieren.

Der Kartenverkauf für alle Veranstaltungen im September beginnt am 17. August, für Oktober am 15. September und für November am 15. Oktober. Die Theaterkasse in der Theaterpassage öffnet ab dem 1. September bis auf Weiteres Montag bis Mittwoch, 10 bis 14 Uhr sowie Donnerstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr. Zudem ist das Schauspiel Stuttgart wie gewohnt telefonisch und online für sein Publikum da. Kartenbestellungen sind ab sofort möglich.

schauspiel-stuttgart.de