Das 50. Moers Festival: Der Kampf um die Zukunft

Foto: Reno Laithienne auf Unplash

Wohl kaum einer der Beteiligten des ersten deutschen New Jazz Festivals hätte 1972 daran geglaubt, dass es der Auftakt einer bislang 50jährigen Festivalgeschichte ist. Dass dieser Welttreff der Avantgarde politische Untiefen, brutale Sparmaßnahmen, Intendanten-, Generationen- und Spielortwechsel überstehen wird und selbst einer weltweiten Pandemie mit Kreativität und Phantasie trotzt.

Zu Pfingsten 2020 stand den Kunstschaffenden schon längst das Wasser bis zum Hals, die Kulturlandschaft drohte in einem Meer der Absagen unterzugehen. Die 49. Ausgabe des moers festival war in der ersten Jahreshälfte 2020 so ziemlich das einzige Festival, das nicht nur stattfand, sondern den Fans an den Bildschirmen reichlich Gelegenheit zur Interaktion bot – ein Ansatz, der durchaus Nachahmer fand.

2021 soll es zwei Hauptbühnen geben und der Schlosspark, einst Herz des Festivals, wird großflächig bespielt und bietet somit reichlich Platz und Distanz. Um das Festival wieder zu einem sozialen Ereignis zu machen, wird für eine dezentrale Bespielung die Festivalhalle und ein Open Air-Gelände genutzt. Und weil das Team eine hybride Ausgabe plant, wird es wieder einen Livestream geben, sowie einen experimentellen Vorstoß in die virtuelle Realität.

Die 2017 begonnene Ausweitung des Festivals in den gesamten Innenstadtbereich beginnt in diesem Jahr sogar noch früher: Aktionen im öffentlichen Raum, z.B. Ausstellungen großformatiger Fotos aus mehreren Jahrzehnten. Vielleicht entdeckt Moers sein Festival ganz neu.

Das Programm hält die Balance zwischen exklusiven Projekten, Grenzgängern, Unerhörtem und international bekannten Improvisatoren. Der ausgedehnte Schwerpunkt dieses Jahres betrifft die hierzulande kaum bekannte Musikszene Äthiopiens. So formieren z.B. sich unter der Leitung des norwegischen Schlagzeugers Paal Nilssen-Love skandinavische, äthiopische und brasilianische Musiker zur kochenden Large Unit.

International bekannte Jazzer*innen freuen sich auf ein Wiedersehen mit Moers. David Murray etwa bringt sein Trio mit, Joëlle Léandre kommt mit Lauren Newton und Myra Melford und der Niederländer Han Bennink ist gleich mehrfach zu erleben. Mit Sylvie Courvoisier und Laura Schuler kommen zwei großartige Musikerinnen aus den Alpen an den Niederrhein.

Seit Jahren gibt sich das Festival immer wieder sehr frankophil und kann 2021 mit La Tène oder dem Lyoner Oktett Le Grand Sbam wahrhaft einzigartige Klangreisen versprechen.

moers-festival.de

Aber Moers steht längst nicht nur für freie Improvisation. Das 27köpfige Pariser Ensemble ONCEIM verneigt sich vor dem Werk der Synthesizerpionierin Éliane Radigue. Und der Wahlfranzose Will Guthrie entführt uns mit seinem Ensemble Nist-Nah tief in die Welt des Javanesischen Gamelan.

Moersterclass!, der Kompositionswettbewerb für Jugendliche, legt besonderes Augenmerk auf das Verhältnis von Notiertem und frei zu Gestaltendem. Der 17jährige Julius von Lorentz, der 2020 am Wettbewerb teilnahm, überzeugte das Moers-Team so sehr, dass er in diesem Jahr einen Auftrag für ein größeres Werk für Streicher und Improvisatoren bekam und komponierte einen musikalischen Meeting Point.

Ebenfalls entwaffend jugendlich kommt das britische Septett Black Country, New Road daher: Musik wie ein Soundtrack zu unserer bröckelnden Kultur.

Seit 2008 belebt jeweils ein Jahr lang der improviser in residence das künstlerische Leben am Niederrhein. Den Anfang machte einst Angelika Niescier, aktuell lebt das New Yorker Duo Talibam! in Moers. Fürs Jubiläum kehren alle improviser nach Moers zurück und bilden ein Improvisationskollektiv, das die gesamte Spannbreite aus 14 Jahren Leben und Arbeiten in Moers abbildet: die Große Kleine Allee Band!

Das Programmteam ist in diesen Zeiten in puncto Tagesaktualität und Flexiblität besonders gefordert. Denn das Seeungeheuer, wie Festivalchef Tim Isfort die Pandemie gern bezeichnet, hat uns nach wie vor fest im Griff. Die gesamte Kulturszene leidet unter Lockdown und Arbeitseinschränkungen. Wie soll das weitergehen? Welche Verwüstungen sind zu erwarten? Wo gibt es Ansätze zu Verbesserungen? Tim Isfort ist überzeugt, dass die 50 Jahre alte Idee Moers mit ihrer subversiven Kraft, ihrer Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, ihren Visionen und Regelbrüchen, der Verwirklichung von Improvisation als gesellschaftlicher Idee den Kampf aufnimmt für eine neue Zukunft der Kunst.

Das 50. moers festival findet wie immer an Pfingsten vom 21.-24. Mai statt. Das komplette Programm erfährt man unter moers-festival.de

Ticketinformationen findet man unter reservix.de

Die Preise wurden deutlich gesenkt, aber man muss sich vorher zu den Konzerten online anmelden – um Rückverfolgung zu gewährleisten und der Gefahr der Überbelegung zu begegnen.