Caryl Churchill erhält den Europäischen Dramatiker:innen Preis 2022

Europäischer Dramatiker:innen Preis 2022 an Caryl Churchill (Foto © Marc Brenner) Auf dem Bild Caryl Churchill (Europäischer Dramatiker:innen Preis 2022) Foto: Marc Brenner

Die britische Dramatikerin Caryl Churchill erhält den Europäischen Dramatiker:innen Preis 2022 für ihr Gesamtwerk.

Die Jury unter dem Vorsitz von Peter Michalzik zur Begründung: „Die 1938 geborene Dramatikerin Caryl Churchill hat über mehr als 60 Jahre ein substantielles, wirkungsstarkes und ausgesprochen engagiertes Werk geschaffen. Die Vielfalt ihrer Formen resultiert aus der Vielfalt ihrer Themen. Churchill greift gesellschaftliche, humane, wissenschaftliche und politische Fragestellungen auf. In den Siebziger Jahren wurde ihr Schreiben feministisch (und ist es bis heute). Zu dieser Zeit begann sie Gender- und Geschlechterfragen, Rassismus und Kolonialismus zu thematisieren. In den Achtzigern nahm sie den Finanzkapitalismus am Beispiel der Londoner City aufs Korn. In ihren zahlreichen Stücken hat sie unterschiedliche Machtstrukturen scharf herausgearbeitet. Seit Ende der Neunziger Jahre zeigt ihr Werk ein deutliches Interesse an Osteuropa. … Caryl Churchill ist bis heute produktiv. In der großen Tradition englischsprachiger Literatur schrieb sie scharf exponierte Dialoge genauso wie lautmalerische Textflächen. Ihre Stücke haben surreale aber auch realistische Züge. Neben der intensiven Zusammenarbeit mit dem Tanztheater, das auf zahlreiche auch kontinentaleuropäische Theatermacher:innen inspirierend wirkte, hat sie mehrfach für Musiktheaterproduktionen gearbeitet. Mit ihrem formal und inhaltlich anspruchsvollen Werk forderte Churchill Kritik und Publikum immer wieder heraus. Caryl Churchill ist eine der größten lebenden Dramatikerinnen. Ihr Werk ist bekannt, aber nicht berühmt und wird nur noch selten gespielt. Zeit für eine Neubewertung und Neubetrachtung.

Schirmherr des Europäischen Dramatiker:innen Preises ist Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg: „Der „Europäische Dramatiker:innen Preis“ verhandelt die Vielfalt Europas auf der Bühne und begreift das Theater als verbindendes Element. Durch den schrecklichen Krieg in der Ukraine gewinnt er auf bedrückende Weise an Relevanz. Einen Krieg auf europäischem Boden, der nicht nur unermessliches Leid für die Menschen in der Ukraine bedeutet, sondern sich auch gegen Grundwerte wie Freiheit, Demokratie und Gleichheit richtet. Umso mehr freue ich mich, dass mit Caryl Churchill eine der innovativsten und Dramatikerinnen der letzten vierzig Jahre ausgezeichnet wird. Ihr vielfältiges Gesamtwerk zeichnet sich durch tiefgründige Wahrheiten über Machstrukturen und deren Missbrauch, Geschlechterfragen oder kapitalistische Markmechanismen aus. Also durch Themen, die derzeit nicht brennender sein könnten.

Kunstministerin Theresia Bauer sagte: „Mit dem Europäischen Dramatiker:innen Preis zeichnen wir innovative Autor:innen der Gegenwartsdramatik mit einer hohen europäischen Ausrichtung und Wirkungskraft aus. In diesem Jahr ehren wir eine wichtige feministische Gegenwartdramatikerin, die theatralische Konventionen radikal gesprengt und ganze Generationen geprägt hat. Mit dem Nachwuchspreis wird eine ukrainische Dramatikerin ins Zentrum gerückt – und damit der Blick mitten auf unsere krisenhafte und durch den Ukraine-Krieg nachhaltig erschütterte Gegenwart gerichtet.

Der Europäische Dramatiker:innen Preis schließt eine wichtige Lücke in der Förderung von Dramatiker:innen und zeigt die enge Verbundenheit Baden-Württembergs mit Europa. Die Auszeichnung macht die ästhetische wie inhaltliche Kraft europäischer Dramatik sichtbar – lassen wir uns von ihr anregen und mitreißen!“, so Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski. „Mein Dank gilt dem Land Baden-Württemberg, Christof Hettich und der SRH sowie den Jurorinnen und Juroren für ihre Weitsichtigkeit. Den diesjährigen Preisträgerinnen gratuliere ich von ganzem Herzen.

Der Europäischen Dramatiker:innen Preis ist mit 75.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre vom Schauspiel Stuttgart vergeben. Die vom Kunstministerium Baden-Württemberg geförderte Auszeichnung würdigt europäische Dramatiker:innen für ihr herausragendes Gesamtwerk und ist der höchstdotierte Preis, der die dramatische Kunst in Europa in all ihrer Vielfalt in den Blick nimmt und sie als verbindendes Element zwischen den europäischen Kulturen versteht. Erster Preisträger im Jahr 2020 war der in Frankreich lebende Dramatiker, Regisseur, Schauspieler und Theaterleiter Wajdi Mouawad.


Der Europäische Nachwuchsdramatiker:innen Preis 2022 geht an Lena Lagushonkova

Den Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen Preis 2022 erhält die ukrainische Dramatikerin Lena Lagushonkova. Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von der Heidelberger Stiftung SRH Holding (SdbR), Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Christof Hettich, gefördert.

Der diesjährige Alleinjuror Marius Ivaškevičius, litauischer Dramatiker, Essayist, Prosa- und Drehbuchautor, Journalist und Regisseur über die Preisträgerin: „Lena Lagushonkova, eine junge ukrainische Dramatikerin aus Luhansk – heute wohnhaft in Kiew – schreibt in ihren Stücken über das Leben einer jungen Frau vor dem Hintergrund der Revolution und des Krieges. Die kurzen Dialoge und Monologe der Stücke sind durchzogen von einer sparsamen, direkten Sprache und scharfsinnigem Humor. Ihre Trilogie besteht aus den Stücken Gorky’s Mother, PGT und My banner was pissed on by a cat [zu Deutsch: Mein Banner wurde von einer Katze angepinkelt]. Letzteres handelt von ihren Bemühungen, ihre Jungfräulichkeit während der Euromaidan-Proteste in der Ukraine zu verlieren. Sie berichtet über historische Ereignisse in der Ukraine und ihr Leben im besetzten Gebiet von Luhansk. Die Erzählung – basierend auf Fragmenten des alltäglichen Lebens – entwickelt sich zu einem epischen Drama: Krieg, Armut, Verwüstung und das qualvolle Wiederkennen von Menschen und ihren Handlungen. Komisch und tragisch zugleich. Heute lebt Lena in einer neuen, schrecklichen Realität – im von Putins Armee belagerten Kiew. Ich sagte ihr, dass sie im Herbst eine äußerst erfreuliche Überraschung erwarten könnte. Sie antwortete: `Vielen Dank. Ich hoffe, dass ich dann noch lebe.´ Und sie fügte hinzu: `Es ist furchtbar. Aber ich weine nicht.´“

„Als Bildungs- und Gesundheitsunternehmen sind uns bei der SRH die Menschen, ist uns die Gesellschaft ein Anliegen – und eine Gesellschaft zeichnet sich auch immer durch ihre Kunst und Kultur aus“, erklärte Prof. Dr. Christof Hettich, Vorstandsvorsitzender der SRH und Stifter des Nachwuchspreises. „Wir fördern den Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen Preis, weil es doch gerade Nachwuchskünstler:innen sind, die oft einen anderen, neuen, unkonventionellen und besonders kritischen Blick auf das Befinden einer Gesellschaft haben. Sie folgen keinen ausgetretenen Pfaden, sondern schaffen selbst neue. Lena Lagushonkova ist so eine ‚Pfadschafferin‘, und sie hat diesen Preis sehr verdient.“

Schirmherr Ministerpräsident Kretschmann ergänzte: „Meine besondere Anerkennung gebührt zudem der ukrainischen Dramatikerin Lena Lagushonkova. Sie erhält den dankenswerterweise von der SRH Holding (SdbR) und ihrem Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Christof Hettich gestifteten „Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen Preis“. Mit bemerkenswert prägnanter Sprache spiegelt sich in ihrem noch jungen Werk das alltägliche Leben vor dem Hintergrund der jüngeren ukrainischen Geschichte eindrücklich wider.“

Den ersten Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen Preis 2020 erhielt die britische Autorin und Schauspielerin Jasmine Lee-Jones. Alleinjuror 2020 war der britische Dramatiker Simon Stephens.


Preisverleihung und Festwochenende: 18. bis 20. November 2022

Die Verleihung des Europäischen Dramatiker:innen Preises 2022 an Caryl Churchill und des Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen Preises 2022 an Lena Lagushonkova findet am Wochenende 18. bis 20. November 2022 im Schauspielhaus der Stuttgarter Staatstheater statt. Das Programm folgt.

Weitere Informationen: schauspiel-stuttgart.de