Ballettpremiere »Winterreise« am Opernhaus Chemnitz

© Die Theater Chemnitz

Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ op. 89 gehört zu den wichtigsten Werken im Bereich des Liedes und der klassischen Musik überhaupt und ist regelmäßig in Konzerten zu erleben. Er ist geprägt von einem emotionalen Schwebezustand, der sich über 24 Lieder hinweg in unterschiedlichsten Schattierungen zeigt. Denn genau das sind sie: Impressionen von Schatten und Licht, die die Melancholie des rastlos Wandernden in all ihren Nuancen vor dem Zuhörer in musikalischen Reflexionen ausbreiten. Franz Schuberts feinnervige Vertonungen der Gedichte Wilhelm Müllers sind Assoziationen eines Zerrissenen, der in totaler Einsamkeit auf der Suche nach sich selbst ist. Er kreist in unaufhörlichen Bildern um Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Vergebung und Zorn, zehrende Einsamkeit und Reste menschlicher Wärme. Damit lässt Schubert bei genauer Betrachtung den identitätssuchenden Protagonisten über die Romantik hinweg bereits in die Moderne und ihre in der nicht greifbaren Menschenmasse verlorenen Individuen vorausblicken.

Die „Winterreise“ als Ballett

Schuberts „Winterreise“ gehört zum Standartrepertoire nicht nur der deutschen Konzertsäle und begeistert das Publikum immer wieder mit einer ausgewogenen Balance zwischen Einfachheit und Dramatik. Inzwischen ist der Liederzyklus auch im Ballett angekommen. Große Companies wie das Hessisches Staatsballett (Choreografie: Tim Plegge), das Ballett Zürich (Choreografie: Christian Spuck), das Hamburg Ballett „John Neumeier“ (Choreografie: John Neumeier) oder die Teatro alla Scala Ballet Company (Choreografie: Angelin Preljocaj) haben die Lieder bereits vertanzt – oftmals auf die „komponierte Interpretation” Hans Zenders, der die Klavierbegleitung in einen Orchestersatz übertragen hat.

Nun bringt das Ballett Chemnitz eine Choreografie und Inszenierung des polnischen Tänzers, Choreografen und Regisseurs Robert Bondara auf die Bühne des Opernhauses. Er konzentriert sich dabei auf das lyrische Ich, das in der Einsamkeit ewiger Kälte auf der Suche nach sich selbst ist und Schatten seiner Vergangenheit begegnet. Hans Winkler entwarf dafür eine Bühne, die wie eine arktische Welt erscheint. Die klare Ästhetik spiegelt sich auch in der musikalischen Ausgestaltung wider. Zwar werden die Lieder live durch einen Sänger interpretiert, der auch mit den Tänzern szenisch interagiert, jedoch werden sie lediglich mit Klavier begleitet, um den gesanglichen Farben und dem Tanz Raum zu geben.

Das Produktionsteam

Robert Bondara (Choreografie und Inszenierung)
wurde 2018 zum Künstlerischen Leiter des Teatr Wielki in Poznań ernannt. Er studierte an der Staatlichen Ballettschule Feliks Parnell in Łódź sowie an der Fryderyk Chopin Universität für Musik in Warschau, wo er aktuell unterrichtet. Zu Beginn seiner Karriere war er als Tänzer im Musik-Theater in Łódź und anschließend am Teatr Wielki (Poznań) tätig. Im Jahr 2005 trat er dem Ballett der Polnischen Nationaloper bei. 2008 begann eine Zusammenarbeit mit Aleksandra Dziuroszs Warsaw Dance Theatre. Robert Bondara wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Er begann seine choreografische Arbeit beim Polnischen Nationalballett. Als Gastchoreograf inszenierte er seine Werke u. a. für die Litauische Nationaloper, die Company E aus Washington (USA), das Kielce Dance Theatre (Polen), die Opera Nova in Bydgoszcz, die Ballette der Opernhäuser in Warschau und Poznań, für das Schlesisches Opernhaus in Bytom (Polen) sowie für das Polnische Nationalballett. Seine Choreografien wurden weltweit bei Galas und Festivals u. a. in Danzig, Poznań, Sanok, Kuopio, Moskau, Norwegen, Houston, Washington, Italien, Riga, Osaka und Tokio sowie in China gezeigt.

Hans Winkler (Bühnen- und Kostümbild)
absolvierte sein Bühnenbildstudium an der National Theatre School of Canada in Montreal. Nach seiner Assistentenzeit an den Staatstheatern Hannover und Kassel begann er 1991 mit der Tätigkeit als freier Bühnenbildner für Oper, Ballett und Schauspiel. So entwarf er Bühnenbilder u. a. für die Staatstheater Braunschweig und Oldenburg, das Theater Augsburg, die Wiener Kammeroper, die Pacific Opera Victoria in Kanada und Vest Norges Opera Bergen. Eine langjährige gemeinsame Arbeit verbindet ihn mit dem Choreografen Ralf Dörnen. Außerdem stattete er Ballettabende für das Theater Vorpommern, das Staatstheater Oldenburg, das Aalto Theater Essen und das Nationaltheater Brno aus. Inspiriert von Edward Hopper entstand 2016 am Theater Chemnitz die Ausstattung zum Ballettabend „Gesichter der Großstadt“ (Choreografie: Reiner Feistel, Yiming Xu), der mit dem Sächsischen Tanzpreis ausgezeichnet wurde. Ebenfalls für Chemnitz entwarf er Bühnen- und Kostümbild zu „Das Dschungelbuch“ in der Choreografie von Ashley Lobo, für den er am Landestheater Linz 2019 auch „Yama“ ausstattete. Darüber hinaus arbeitet Hans Winkler regelmäßig für das Schauspiel, für verschiedene Stadt- und Staatstheater sowie Tournee- und Freilichtbühnen. Hans Winkler ist als Dozent für die bühnenwerk GmbH Hamburg und als Gastdozent an der National Theatre School of Canada in Montreal tätig. 2010 wurde er mit dem Rolf Mares Preis für herausragendes Bühnenbild ausgezeichnet.


Winterreise

Ein Tanzstück von: Robert Bondara
zur Musik von Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ op. 89, D 911

Premiere am Opernhaus Chemnitz: 6. September 2019 (Uraufführung)

Choreografie und Inszenierung: Robert Bondara
Bühne und Kostüme: Hans Winkler
Dramaturgie: Christiane Dost

Tanz: Ballett Chemnitz
Gesang: Andreas Beinhauer / Till von Orlowsky
Klavier: Anna Beinhauer: Pavel Kuznetsov

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