Auswahl des Impulse Theater Festivals 2022

Helgard Haug (Rimini Protokoll) ALL RIGHT GOOD NIGHT (© Merlin Nadj Torma)

Nach zwei pandemisch stark eingeschränkten Festival-Ausgaben kommt das Impulse Theater Festival des NRW KULTURsekretariats in diesem Jahr gestärkt zurück in den analogen Raum. Vom 9. bis 19. Juni 2022 begrüßt die wichtigste Plattform für die Freien Darstellenden Künste im deutschsprachigen Raum ihr Publikum am Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim an der Ruhr. Aus Hunderten Arbeiten hat das Auswahlgremium des Festivals neun Stücke für die Programmsäule SHOWCASE ausgewählt.

In der TanzFaktur Köln und in Zusammenarbeit mit der studiobühneköln teilt sich die Programmsäule AKADEMIE dieses Jahr wieder in zwei unterschiedliche Schwerpunkte auf. Am ersten Festivalwochenende geht es im Konferenzprogramm zu UN/SAFE SPACES um Sicherheit und Konfrontation in Theaterräumen. Eine Woche später erkundet AR/CTIVISM in Vorträgen und Workshops, welche Formen die Kollaboration von Kunst und Aktivismus in den Freien Darstellenden Künsten annehmen kann.

Das STADTPROJEKT entsteht in Zusammenarbeit mit dem FFT Düsseldorf und der Künstler:innen-Gruppe God’s Entertainment. Auf einer Brache in Düsseldorf werden sie eine Kopie des New Yorker Guggenheim-Museums aufstellen. Gemeinsam mit den Anwohner:innen entwickeln God’s Entertainment Kunstwerke, die sich mit städtischem Wohnen und Leben in Zeiten der Immobilienspekulation befassen. Zu sehen sind die Werke während der Öffnungszeiten und bei Sonderveranstaltungen.

Das Impulse Theater Festival 2022 wird veranstaltet und gefördert vom NRW KULTURsekretariat in Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr, dem FFT Düsseldorf und der studiobühneköln sowie den Städten Mülheim an der Ruhr, Düsseldorf und Köln. Das Festival wird u.a. gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Kunststiftung NRW und die Stadtsparkasse KölnBonn.

Das ausführliche Festivalprogramm wird im April bekanntgegeben.


SHOWCASE – Auswahl 2022

Daniel Dominguez Teruel: LOVESONG

Die deutsche Nationalhymne erklingt, die schwarz-rot-goldene Flagge fliegt durch die Luft. Welche Emotionen werden damit ausgelöst? Was tun mit diesen Zeichen und ihrer historischen Aufladung? LOVESONG wagt Pathos, doch es verändert die Hymne, verwebt sie mit anderen Stoffen, bis dumpfe Ergriffenheit keine Chance mehr hat.

Eine Produktion von Daniel Dominguez Teruel in Koproduktion mit dem Festival Hauptsache Frei, Hamburg. Gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg, den Fonds für Darstellende Künste e.V., die Rudolf Augstein Stiftung und die Wiederaufnahme- und Gastspielförderung des Dachverbands freie darstellende Künste Hamburg, im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Kultur und Medien. Mit freundlicher Unterstützung des HALLO: Verein zur Förderung raumöffnender Kultur e.V.

Eisa Jocson: MANILA ZOO

Ein Screen mit fünf philippinischen Performer:innen, isoliert in ihren Wohnungen und eingeschlossen in die Bildrahmen einer Videokonferenz. Das Publikum bildet ein gemeinsames Gegenüber, beobachtet sich selbst beim Zuschauen und wird beobachtet. Der Zoom-Call als Zoo, in dem Machtverhältnisse immer wieder neu ausgehandelt werden.

Eine Produktion von Eisa Jocson und Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main, im Rahmen der Tanzplattform Rhein-Main. Eine Koproduktion mit BIT Teatergarasjen, Norwegen, Esplanade – Theatres on the Bay, Singapur, Kaserne Basel, Schweiz, RISING Melbourne, Australien, Tanzquartier Wien, Österreich, Taipei Performing Arts Center, Taiwan, und TPAM – Performing Arts Meeting in Yokohama, Japan. Eine Kooperation mit dem Gallus Theater Frankfurt am Main. Gefördert im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und durch den Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts.

Helgard Haug (Rimini Protokoll) mit Musik von Barbara Morgenstern in Zusammenarbeit mit dem Zafraan Ensemble: ALL RIGHT. GOOD NIGHT. EIN STÜCK ÜBER VERSCHWINDEN UND VERLUST

Am 8. März 2014 verschwand Flug MH370 von den Radaren. Im selben Jahr begann der Vater der Regisseurin und Autorin in die Demenz zu verschwinden. Beide Geschichten gibt sie dem Publikum in einem poetischen, berührenden Text als Projektion zu lesen. Zu hören ist einzig das Spiel der Musiker:innen auf der Bühne.

Eine Produktion von Rimini Apparat in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer, Berlin, Volkstheater Wien, The Factory Manchester, Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main, und PACT Zollverein, Essen. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds sowie durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Dank an das Figurentheater Grashüpfer.

Lawrence Abu Hamdan: AIR PRESSURE: A DIARY OF THE SKY

Der Himmel über dem Libanon ist voller Lärm. Ein Jahr lang hat Lawrence Abu Hamdan Daten und Videos von Kampfflugzeugen und Drohnen gesammelt. Eindringlich und klar präsentiert er die Ergebnisse seiner Recherche, untermalt von einer ohrenbetäubenden Lautkulisse. Ein audiovisueller Essay über akustische Verunsicherung als Werkzeug von Unterdrückung.

Eine Koproduktion von Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main, und Frankfurt LAB im Rahmen von »This Is Not Lebanon. Festival for Visual Arts, Performance, Music and Talks«, Teil des Projekts »Architecture of the Mal-tempered Environment (AT)», entwickelt im Rahmen der »2022 Future Fields Commission in Time-Based Media«, ein gemeinsames Projekt von Philadelphia Museum of Art und Fondazione Sandretto Re Rebaudengo. Teile der Recherche wurden unterstützt durch Art Research Sound, ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Peter Kiefer, Mainz School of Music, Gutenberg Research College, Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Michael Turinsky: PRECARIOUS MOVES

Für dieses Solo braucht es Geduld. Michael Turinsky kann und will mit seinem Körper das von der Gegenwart geforderte Tempo nicht bedienen. Stattdessen entwirft er spielerisch und humorvoll das Bild einer politischen Bewegung, die Raum für individuelle Bedürfnisse lässt. So wie es sein widerständiger Körper immer schon einfordert.

Eine Koproduktion von Michael Turinsky mit Tanzquartier Wien und HAU Hebbel am Ufer, Berlin. Mit Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien und des österreichischen Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport.

Satoko Ichihara: MADAMA BUTTERFLY – EIN INTERNATIONALES REWRITE MIT YELLOW BUTTERFLIES, AVATAREN UND SAILOR MOON

1904 uraufgeführt, erzählt die Oper Madama Butterfly von einer Geisha, die mit einem US-amerikanischen Offizier verheiratet wird und sich, verlassen für eine neue amerikanische Ehefrau, schließlich das Leben nimmt. Satoko Ichihara deckt die rassistischen und sexistischen Klischees dieses Stoffs auf und überführt die Erzählung in eine wilde Fantasiewelt.

Eine Koproduktion von Q Theatre Company, Tokio, Zürcher Theater Spektakel und Theater Neumarkt, Zürich. Mit Unterstützung des Kinosaki International Arts Center, Toyooka, und des Arts Council Tokyo.

Sergiu Matis: EXTINCTION ROOM (HOPELESS.)

Die westliche Population des Sibirischen Kranichs besteht nur noch aus einem Männchen. Seit zehn Jahren lebt das Tier allein. Und dies ist nur eine der bedrohten Vogelarten, von deren Auslöschung drei Darsteller:innen erzählen – ernsthaft, liebevoll, und getragen vom lebendigen Zwitschern aus jahrzehntealten Tonaufnahmen.

Eine Produktion von Sergiu Matis in Koproduktion mit 4Culture Association und WASP Studios. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds sowie durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Kofinanziert von AFCN – The National Administration of Cultural Funds, Rumänien, dem Rumänischen Kulturinstitut und dem Europalia Arts Festival, Belgien. Mit Unterstützung des Nationalen Performance Netz (NPN), des Centre For Drama Art, Zagreb, des Art Radionica Lazareti, Dubrovnik, und des ICI-CCN Montpellier Occitanie. Tieraufnahmen mit freundlicher Genehmigung der Macaulay Library am Cornell Lab of Ornithology der Cornell University und der Xeno-canto Foundation.

Sibylle Peters: QUEENS. DER HETERACLUB

Das Queens ist ein Club nur für Frauen, die Männer begehren. Auf dem schmalen Grat zwischen Kunst, Sexarbeit und Fürsorge erleben sie in 1:1-Begegnungen mit männlichen Performern Nähe und Berührung – immer selbstbestimmt und mit neugierigem Blick auf die eigenen Grenzen. 2020 in St. Pauli, eine Pandemie später jetzt in Mülheim an der Ruhr!

Eine Koproduktion mit Kampnagel, Hamburg. Gefördert aus Mitteln des Elbkulturfonds der Freien und Hansestadt Hamburg. Mit Unterstützung von Fuck Yeah Sexshopkollektiv, Hamburg, und Live Art Development Agency, London.

Simone Dede Ayivi und Kompliz:innen: THE KIDS ARE ALRIGHT

»Unsere Kinder sollen es einmal besser haben«, sagten die Eltern, als sie nach Deutschland kamen – und sahen ihre Kinder mit Rassismus aufwachsen. Die Video-Installation versammelt die Stimmen von sechs Menschen mit unterschiedlichem Migrationserbe, die von Generationenkonflikten, politischen Kämpfen und Zukunftsvisionen berichten.

Eine Produktion von Simone Dede Ayivi und Kompliz:innen in Koproduktion mit Sophiensæle, Berlin. Gefördert durch die Basisförderung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und durch Mittel des Hauptstadtkulturfonds.


Das Auswahlgremium

Sichtung und Auswahl der genannten Produktionen übernahm der Impulse-Beirat. Er bestand aus dem künstlerischen Team der Impulse sowie aus regionalen Expert*innen und einem Publikumsvertreter des diesjährigen Showcase-Partners, dem Ringlokschuppen Ruhr.

Der Showcase ist der jurierte Teil des Festivals. Alle sechs Mitglieder des Beirats haben unabhängig und gleichberechtigt entschieden. Die jeweiligen Scouts haben eine Vorsichtung ihrer Region vorgenommen. Gemeinsam wurde aus über 350 gesichteten Produktionen eine Longlist erstellt, aus der bei einer Auswahlsitzung mittels Punktesystem und Diskussionen das Programm ausgewählt wurde. Die beiden weiteren Säulen des Festivals – das STADTPROJEKT und die AKADEMIE – werden vom künstlerischen Leitungsteam kuratiert. Für 2022 bestand der Beirat aus:

  • Barbara Weber (Scout Schweiz)
  • Gin Müller (Scout Österreich)
  • Haiko Pfost (Künstlerische Leitung Impulse Theater Festival, Scout überregional)
  • M Hasan Heera (Publikumsvertreter Ringlokschuppen Ruhr)
  • Sahar Rahimi (Scout Süddeutschland)
  • Wilma Renfordt (Dramaturgie Impulse Theater Festival, Scout Norddeutschland)

impulsefestival.de