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Besprechungen Musicals: Teil 15

Monty Python´s Spamalot
The English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 12. November 16

Das English Theatre Frankfurt befindet sich mit seiner neuesten Musicalproduktion wieder einmal am Puls der Zeit. Das Monty Python Musical Spamalot wird allein in dieser Spielzeit auch in Bremen, Lübeck, Salzburg und Ulm neu inszeniert. Die Inszenierung am Landestheater Salzburg wartet gar mit einer Starbesetzung auf (Pia Douwes und Uwe Kröger). Einen Star bietet auch das English Theatre Frankfurt. Zwar nicht live auf der Bühne, aber dafür als Stimme Gottes aus dem Off: die Fernsehmoderatorin, Autorin und Schauspielerin Sonya Kraus (die hier 2008 in Jeffrey Hatchers A Picasso, Pablo Picasso als Fräulein Fisher für die Nazis verhörte). Und sie staucht die herumirrenden Ritter der Tafelrunde erst einmal auf Deutsch gehörig zusammen (“Ihr notgeilen Pisser...”), um ihnen sodann in Englisch den Auftrag zu erteilen, nach dem heiligen Gral zu suchen.
Derbe Witze und politische Anspielungen gehören zu diesem Musical dazu. Hier wurden sie teilweise an die aktuelle Situation angepaßt (wie auf den Brexit oder die US-Präsidentschaftswahl). In erster Linie ist es aber ein herlicher Klamauk, ein riesiger Spaß, ein großes Ausstattungsfest und eine erstklassige Besetzung professioneller Musicaldarsteller, mit dem diese rundherum gelungene Produktion aufwartet und mit viel Energie und Schwung unendlich viel gute Laune und Broadwayglanz versprüht. Dazu gibt es großartige Songs, allen voran das legendäre “ Always Look on the Bright Side of Life”, aber auch das witzge Lament der Diva (“Whatever Happened to My Part“) und vier Herzen, die sich finden. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen schönen Tanzszenen (Choreographie: Rebecca Howell). In einem Punkt hebt sich diese Inszenierung wesentlich von all den deutschsprachigen ab, die bei “You Won’t Succeed on Broadway” nicht dem Original folgen, sondern “Juden” durch “Stars” ersetzen. Hier wird aber der Originaltext gesungen (“There is one essential thing...There simply must be, simply must be Jews“) und dazu eine Glanztanznummer gegeben und auch religiöse Symbole nicht verborgen (wie ein Chanukkia Leuchter, Kidduschbecher oder Tallits).


Spamalot
The English Theatre Frankfurt
Ensemble
© Martin Kaufhold

Die Liveband, unter der Leitung von Leigh Thompson, spielt im Hintergrund und ist leider nur beim Schlussapplaus zu sehen, was allerdings den engen Platzverhältnissen im Haus geschuldet ist. Wobei hier sehr viel auf der nicht allzu großen Bühne geboten wird. Ein großes Torportal mit seitlichen Türmen und eine Burgmauer im hinteren Bereich sind fest installiert. Eine große Muschel oder Podeste werden eingeschoben oder wie zahlreiche Bäume für die Szene im extrem teuren Wald, herabgelassen. Einem Kostümfest gleichen die vielen so unterschiedlichen Outfits, sie reichen u.a. von finnländischer Folklore, über Rittergewänder und ausgefallener Kleider für die Lady of the Lake und ihren Girls, für Prinz Herbert oder die burlesque anmutenden Outfits der Tänzerinnen (bei “You Won’t Succeed on Broadway”) bis zu den aufwendig gestalteten ausgefallenen Figuren wie der Schwarzer Ritter oder der Ritterfürst vom Ni nebst Gefolgsleute. Für die farbenfrohe und vielseitige Ausstattung zeichnet Tim McQuillen verantwortlich.

Auf der Bühne sind bis zu 12 professionelle Musicaldarstller zu erleben. Die meisten in Doppelrollen. Gesungen wird durchweg sehr gut. Nic Kyle gibt einen jugendlich wirkenden, dynamischen und strahlenden King Arthur. Als Lady of the Lake und Diva betört Soophia Foroughi mit ihrer dunkel angehauchten Stimme. Das treue Familienmitglied Patsy wird von George Rae (auch Mayor und Guard 2) hingebungsvoll gegeben. Scott Armstrong (auch The French Taunter) hat als selbstbewusster Sir Lancelot, nicht nur mächtig was in der Hose, sondern findet seine große Liebe. Matthew Gent sorgt als Musicalliebhaber Sir Robin (auch Guard 1 / Brother Maynard) für große Szenen. John McManus gefällt als überzeugender Historian und als Not dead Fred, kann aber vor allem als Prince Herbert sein komödiantisches Talent zeigen. Dem steht auch Jo Parsons (Galahad / Prince Herbert’s father) nicht nach. Das großartige Ensemble wird ergänzt von Joe Etherington (Sir Bedevere / Concorde), Keith Henderson (French guard / Minstrel / Laker girl) und den Tänzerinnen Nicole Carlisle, Jemma Geanaus (auch French Guard / Minstrel) und KatyStredder.

Das erstklassig inszenierte Spaßmusical (Regie: Lisa Blair) ist noch bis zum 19. Februar 17 im English Theatre Frankfurt zu erleben.

Markus Gründig, November 16

Infos zum Stück

The Addams Family
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Besuchte Vorstellung: 24. September 16 (Premiere)

Sie sind eine ganz besondere Familie. Durchgeknallt zu sein, ist bei ihnen normal. Wie beispielsweise Mutter Morticia Addams, die Rosen nur mit abgeschnittenen Blüten liebt, beim sich unglücklich fühlen in Ekstase gerät und davon träumt, einmal die Kanalisation von Paris zu sehen. Oder die Tochter Wednesday („Prinzessin der Dunkelheit“), die ihren kleinen Bruder Pugsley zu seinem Wohlgefallen körperlich quält und mit einer Armbrust durch den Central Park läuft. Die Addams Familie entstammt aus der Feder von Charles Addams, seine Cartoons erschienen ab 1938 in der Zeitung „The New Yorker“, mittlerweile gibt es nicht nur zahlreiche Verfilmungen, sondern auch eine Musicalversion. 2010 feierte diese mit Starbesetzung am Lunt-Fontanne Theatre in New York Premiere und am 22. August 2014 ihre deutschsprachige Erstaufführung im Zeltpalast Merzig.

Am Staatstheater Wiesbaden eröffnete das Musical aus der Feder von Andrew Lippa (Musik und Liedtexte; Texte von Marshall Brickman und Rick Elice) die neue Saison des JUST, des Jungen Staatsmusicals. Unter der versierten Leitung von Iris Limbarth stehen bei dieser Produktion neben zehn Hauptdarsteller noch 25 Ensemblemitglieder (als Ahnen) auf der Bühne. Ein großes Aufgebot, das zudem noch mit einer knapp 10-köpfigen Liveband unter der musikalischen Leitung von Frank Bangert und den Doppelbesetzungen ergänzt wird. Sie bieten zweieinhalb Stunden herrlich schrägen Klamauk. Danach sieht es zunächst gar nicht aus, denn bei noch geschlossenem Vorhang sind an den Bühnenseiten ein Sarg mit Blumenbouquet, ein Totenkopf und mit Spinnenweben überzogene Grabsteine zu sehen, die eher eine Horrorshow vermuten lassen. Und dann läuft während der schmissigen Ouvertüre auch noch eine große Ratte und eine abgetrennte Hand (Mitbewohner Thing T. Thing) über die Bühne. Doch keine Sorge, eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Schließlich geht es um etwas ganz großes: die Liebe. Und die ist auch in der schrägen Familie Addams eine tragende Säule. Dumm nur, dass sich die Tochter ausgerechnet in einen jungen Mann verliebt hat, der mitsamt seinen biederen Eltern erst einmal wie ein Fremdling erscheint, stammt er doch aus der „normalen“ Welt. Bis schließlich die Hochzeitsglocken läuten, passiert so einiges und die Zeit vergeht im Fluge. Am Ende riesiger Applaus und Standing Ovations!


The Addams Family
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Ensemble
© Andreas Etter

Die Bühne von Britta Lammers ist natürlich überwiegend in schwarz gehalten. Die Bühnenwechsel geschehen teilweise fließend, teilweise bei herabgelassenem Vorhang, stets aber im flotten Tempo. Ein Couchelement, ein Kamin oder auch eine Treppenanlage werden herein geschoben, ein Gartenportal als Prospekt herabgelassen. Schön stimmig fügen sich die Choreografien von Myriam Lifka ein. Das große Ensemble wurde von Heike Korn in barockanmutenden Kostümen eingekleidet und trägt weiße Locken, zudem sind die Gesichter weiß geschminkt. Individualität ist bei diesen Halbtoten hier leider nicht angesagt (bei Ihnen denkt man automatisch an die Tanzgesellschaft der Halbtoten aus Polanskis Tanz der Vampire-Film).

Das Grusical bietet neben einer schönen Liebesgeschichte auch Musik, die gut ins Ohr geht. Gespielt wird die deutsche Fassung in der Übersetzung von Anja Hauptmann. Viele der Darsteller sind bereits seit vielen Jahren Mitglied des Jungen Staatsmusicals. Ihre Erfahrung macht sich hier bezahlt, wenn auch das sängerische Niveau natürlich unterschiedlich ist. Begeisternd sind die Energie und die spürbare hohe Spielfreude, mit der alle Beteiligten dabei sind. An erster Stelle ist Tim Speckhardt als Familienoberhaupt Gomez Addams zu nennen. Er spielt und singt diese große Rolle ganz hervorragend, bringt dabei auch Gomezs spanischen Akzent und heißblütiges Temperament authentisch rüber. Seine von ihm angebetete Frau Morticia verkörpert Felicitas Geipel nahezu perfekt. Als Mutter hat sie bereits Erfahrung (Frühlingserwachen), auch ist sie derzeit als Adeles Schwester Ida in Johann Strauß´ Die Fledermaus zu erleben. Hier besticht sie durch ihre starke Präsenz, mimischem Spiel und starker Stimme („Der Tod steht um die Ecke“). Ähnliches gilt auch für die Wednesday der Maja Dickmann (klasse ihr „Neue Wege“), die ihren Vater gut im Griff hat, den Bruder ordentlich malträtiert und das Herz von Lukas erobert. Den kleinen Pugsley Addams gibt der junge Johannes Wieland mit spitzbübischem Charme. Körperlich sehr agil ist die Großmutter Addams der Lisa Krämer. Onkel Fester hat hier zusätzlich die Funktion eines Erzählers, auch erinnert die Figur ein wenig an die Figur des Flaschengeistes Dschinni in Disneys Alladin Musical. Peter Emig gibt den gutherzigen Onkel  ganz famos. Als die „Normalos“ erscheint die Familie Beineke erst sehr bieder, doch dank der Addams, können sie sich von ihrer äußeren Schale entfernen und finden zu ihren Wurzeln zurück. Constanze Kochanek und Benjamin Geipel entwickeln sich als die Eltern Beineke hinreißend. Jo Atzinger gefällt als ihr Sohn Lukas, der etwas Zeit braucht, sich über seine Gefühle gegenüber Wednesday sicher zu sein, ihr aber dann beweist, dass seine Liebe sogar über den Tod hinaus reicht. Als grummelnder Diener Lurch, mit der Mimik eines Frankensteinmonsters, sorgt Mike Burs für Begeisterung im Publikum.
Keine Frage, The Addams Family ist der neue komische Grusicalhit mit hohem Spaßfaktor des JUST am Staatstheater Wiesbaden.

Markus Gründig, September 16

Infos zum Stück

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