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Besprechungen Musicals: Teil 15

Jekyll & Hyde
The English Theatre Frakfurt
Besuchte Vorstellung: 11. November 17 (Premiere)

 

Ein neuer Triumph für das English Theatre Frankfurt

Wenige Tage nach Halloween ist der Horror im English Theatre Frankfurt (ETF) so richtig angekommen. Es setzt seine mit Pygmalion begonnene „strictly sinful season“, die unter dem Motto „The Monster Within Us“ steht, mit dem Musical Jekyll & Hyde fort. Es beruht auf Robert Louis Stevensons Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde und handelt von einem ganz besonders schweren Fall einer radikalen Persönlichkeitsstörung. Stevenson, der auch durch seinen Roman Die Schatzinsel bekannt ist, erzählt von einem Arzt, der ein Elixier erfindet, um als eine andere Person seine unterdrückten destruktiven Neigungen ausleben zu können. In der Musicalversion von Frank Wildhorn (Musik) und Leslie Bricusse (Buch und Gesangstexte) hingegen forscht der Arzt nach einem Elixier, um die Dualität vom Bösen und Guten im Menschen trennen zu können. Das Musical feierte im April 1997 Premiere am Broadway und lief dort bis Januar 2001. In Bremen wurde 1999 das eigens gebaute Musical Theater Bremen mit Jekyll & Hyde eröffnet.

Mit fantastischen Darstellern, Musikern und einem klasse Bühnenbild, das die Zuschauer in das London von 1885 entführt, wartet die kurzweilige Fassung des English Theatre Frankfurt auf, das sich damit erneut als Produzent hochkarätiger Musicals in Bestform präsentiert. Zwölf Darsteller und sechs Musiker sind bei diesem neuen Triumph des ETF beteiligt. Letztere sogar die ganze Zeit sichtbar auf der Bühne. Diese zeigt in einem Halbrund mit großen Balkon Jekylls Forschungslabor, ein Sammelsurium an Erlenmeyerkolben, Reagenzgläsern und Apothekerflaschen. Mittels Vorhängen und weiterer Requisiten wird daraus u. a. schnell ein festlicher Raum, die Bar „Rote Ratte“ oder eine Kirche. Die Herren tragen überwiegend klassische Anzüge (die Geistlichen liturgische Gewänder), die feinen Damen hoch geschlossene Kleider, die Animiermädchen aufreizende Korsetts und Strapse (Bühne und Kostüme: Neil Irish).

Jekyll Hyde
Jekyll & Hyde
The English Theatre Frakfurt
Edward Hyde (John Addison), Ensemble
© Martin Kaufhold

Regisseur Tom Litter (am ETF inszenierte er bereits Strangers on a Train, Other Desert Cities, The Glass Menagerie, und zuletzt The Picture of Dorian Gray) hat nicht nur die sechs Musiker auf dem Bühnenbalkon platziert. Der Balkon dient auch als Ort, von dem aus die Londoner Bevölkerung dem Treiben immer wieder zuschaut (wie auch unten einzelne Darsteller im Hintergrund stets präsent sind). Drei der Darsteller sind in exponierter Position als zusätzliche Musiker, sogenannte Actor-Musicians, beteiligt: Jessica Singer (Klarinette), Ed Parry (Querflöte und Saxofon) und Will Arundell (Violoncello). Die musikalische Seite dieser Jekyll & Hyde Produktion ist dadurch um einiges bereichert, da die Soloinstrumente einzelne Stimmungen beträchtlich musikalisch untermalen. Obwohl die Geschichte ein Schauermärchen mit vielen Toten ist, die Musik von Frank Wildhorn spricht weitestgehend eine diametral entgegengesetzte Sprache. Die eingängigen Popballaden klingen friedlich, soft und versöhnlich. Ein weiteres Highlight dieser Produktion ist daher, das Musical Supervisor Tom Attwood das Musical nicht nur neu arrangiert hat, sondern auch das er härtere Rockklänge hat einfließen lassen, ein großer Gewinn. Unter der musikalischen Leitung von Ed Hewlett (auch am Keybord) kommt das Musical ungemein klangreich zu Gehör.

Das Ensemble ist mit sehr viel Leidenschaft und großer Energie dabei. Die anspruchsvolle Titelrolle gibt John Addison, der hier 2014/15 bereits als Sam im Musical Ghost zu erleben war. Der ausgebildete Opernsänger gibt einen smarten Jekyll und einen gefährlichen Hyde und ist stimmlich stets top, vor allem beim Hit „This Is The Moment“. Sehr stark auch die beiden Frauen an seiner Seite. Samantha Dorsey als seine Verlobte Emma (wunderbar sanftmütig ihr „Take Me As I Am“) und Clodagh Long als Prostituierte Lucy (betörend mit ihrer hohen Sopranstimme, nicht nur bei „Someone Like You“ und "A New Life"). Und auch im Duett („In His Eyes“) harmonieren die beiden glänzend miteinander. Das Ensemble spielt und singt in den vielen unterschiedlichen Rollen mit großer Hingabe (wie bei "Façade" oder "Murder, Murder,"). Tanzszenen gibt es allerdings nicht so viele, eigentlich nur eine größere in der Bar „Rote Ratte“ (bei Lucys dargebotenen „Bring On The Men“, die ist dann dafür aber auch recht heiß (Choreografie: Cydney Uffindell-Phillips). Neben den bereits erwähnten Actor-Musicians sind hier zu erleben: Matt Bond (Lord Savage / Spider, a pimp), Mario Frendo (The Bishop of Basingstoke), Leon Kay (Gabriel John Utterson), Natasha Millar (Lady Beaconsfield), Hugh Osborne (General Lord Glossop) und Jeremy Rose (Sir Danvers Carew).

Starker Applaus, Standing Ovations und ein vom Ensemble gemeinschaftlich gesungenes „This Is The Moment“ als Zugabe beendeten die glanzvolle Premiere. Ein Vorstellungsbesuch wird wärmstens empfohlen!

Markus Gründig, November 17

Infos zum Stück

Das Haus in Montevideo
Theatrallalla Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 2. November 17

 

1945 am Broadway in New York uraufgeführt, ist Curt Goetzs (1888 in Mainz geboren) Komödie Das Haus in Montevideo oder Traugotts Versuchung vor allem durch seine Filmversionen von 1951 und 1961 (mit Heinz Rühmann) bekannt geworden. Unter Federführung von Thomas Bäppler-Wolf hat das Frankfurter Theater Theatrallalla jetzt nicht nur das Stück wiederbelebt, sondern es zugleich zu einem Musical mit hohem Spaßfaktor umgearbeitet. Gabriel Groh, als Musiker seit Langem mit Bäppler-Wolf verbunden, schrieb hierfür schlagerähnliche Songs, die dem Musikgeschmack der 1950/60er Jahre folgen. Wobei es ob der relativ geringen Anzahl an Songs mehr eine Komödie mit Musik, als ein klassisches Musical ist. Curt Goetzs Text wurde von Thomas Bäppler-Wolf, wie bei ihm üblich, behutsam mit einigen lokalpatriotischen Bezügen versehen (so wird vorgeschlagen, beim Abendmahl doch künftig besser Äppler und Weißworscht zu reichen). Bäppler-Wolf steht hierbei auch selber auf der Bühne. Der beliebte Schauspieler, Entertainer, Travestiekünstler, Tanzlehrer und Choreograf, dessen mitunter unreflektiert wirkende Äußerungen in den sozialen Medien auch polarisieren, ist seit Juli 2016 zudem Stadtverordneter der Stadt Frankfurt am Main in der Fraktion der SPD.

Das Haus in Montevideo
Das Haus in Montevideo
Theatrallalla Frankfurt
Marianne Nägler (Ute Ehrenfels), Traugott Nägler (Thomas Bäppler-Wolf),
Pastor Riesling (Bastian Korff), Atlanta (Eva Völl)

© Sven Klügel Fotografie

In der Komödie Das Haus in Montevideo geht es um den scheinheiligen Professor Doktor Traugott Hermann Nägler, den eine in Aussicht gestellte Erbschaft in seinen Grundfesten erschüttert. Die kleine Bühne des Theatrallalla Theater zeigt hierfür eine nostalgisch anmutende Wohnstube aus den 1960er Jahren, mit Röhrenradio, Telefon mit Wählscheibe und  eine Statue von Richard Wagner (nach dessen Opernfiguren Professor Nägler seine zwölf Kinder benannt hat), sowie eine Veranda in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo (mitsamt der Statue eines nackten Jünglings und Bildnissen von Bäppi La Belle).

Thomas Bäppler-Wolf, der seit seiner Jugendzeit in diese Komödie verliebt ist, spielt mit seiner liebenswerten wie urkomischen Art den engstirnigen und aufbrausenden Traugott. Bei ihm sind zusätzliche spontane spitze Bemerkungen zum Publikum unvermeidlich, also Obacht, wer ganz vorne sitzt. Singend legt er den Beweis vor, dass es nicht der Apfel war, sondern die Tomate, mit der Eva den Adam verführte und gibt sich ganz gelöst beim Titelsong „Das Haus in Montevideo“ (vor der Pause). An seiner Seite spielen und singen erfahrene Kollegen. Allen voran im hessischen Dialekt Ute Ehrenfels als gute und umsichtige Mutter Marianne („Das Leben ist kein Wunschkonzert“). Sie gibt zudem die geheimnisumwobene Madame de la Rocco. Im Duett mit Bäppler-Wolf träumt sie vom bevorstehenden Geldsegen, den sie sich in erster Linie für ihre Kinder erwünscht („Wegen Reichtum geschlossen“).

Das Haus in Montevideo
Das Haus in Montevideo
Theatrallalla Frankfurt
Carmencita (Thomas Kopp), Pastor Riesling (Bastian Korff)
© Sven Klügel Fotografie

Viel Energie und gute Laune versprüht Eva Völl als sechzehnjährige Tochter Atlanta (benannt nach dem Schiff, auf dem die Eltern einst heirateten). Ganz in ihrem Bann ist ihr Verlobter Herbert Kraft, den Marcel Schilling (sonst als Regisseur tätig) mit ganz eigensinniger Note und tiefem Baß gibt („Atlanta“).
Der hr1-Moderator und Chansonsänger Bastian Korff überzeugt als Pastor Riesling („Wunder, wunder, wundersam, sind des Herren Wege all“), der zugleich ein guter Freund der Familie ist und zwischen den eigensinnigen Charakteren vermittelt. Als engagierter Bürgermeister, bezauberndes Hausmädchen Carmencita im zartrosa Kleidchen und als erfahrender Rechtsanwalt Cortez („Moral kennt keine Ferien“) gefällt Thomas Kopp.

Zum Finale gibt es mit einem begeistert mitklatschenden Publikum als gemeinschaftlich gesungene Reprise den Song „Wegen Reichtum geschlossen“. Sehr viel Applaus.
Das Stück wird an ausgewählten Tagen gespielt (letztmalig bereits am 8. Dezember 17

Markus Gründig, November 17

www.theatrallalla.de

La Cage Aux Folles
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 29. Oktober 17

 

 

1983 am Broadway uraufgeführt, ist Jerry Hermans und Harvey Fiersteins Musical La Cage aux Folles (nach Jean Poirets gleichnamigen Theaterstück) inzwischen ein Klassiker. Sein explizites Plädoyer für Verständnis und Toleranz von der Mehrheit Abweichender kann zwar in Zeiten der „Ehe für alle“ und Regenbogenfamilien als überholt gesehen werden. Doch Homophobie ist nicht nur im Ausland (wie u. a.  in Afghanistan, Iran, Jamaika, Russland, Saudi Arabien und Tadschikistan) ein noch immer starkes Problem, wenn Homosexualität nicht gar gleich ganz verboten ist.

Für Choreografie und Regie wurde am Staatstheater Mainz mit Christopher Tölle ein ausgewiesener Musicalprofi verpflichtet, das Ergebnis ist offensichtlich: Der Mainzer Käfig voller Narren ist ein schulbuchmäßig und vorbildlich umgesetztes Stück Unterhaltung. Ein großartiges Ensemble von Darstellern, Sängern und Tänzern, eine ansprechende Bühnenoptik und eine bunte Vielfalt an eleganten und heißen Roben für die Cagelles und die einzigartige Zaza (Kostüme: Heike Seidler), verleihen der Inszenierung eine Showatmosphäre par excellence. Dabei verzichtet Christopher Tölle weitestgehend auf Aktualisierungen. Sie erfolgen nur da, wo sie Sinn ergeben (beispielsweise kommt die Absage der Mutter nicht per Telegramm, sondern per E-Mail) und er bringt nur knapp aktuelle Bezüge, wie auf Donald Trump, ein.

La Cage Aux Folles ~ Staatstheater Mainz
La Cage Aux Folles
Staatstheater Mainz
Zaza (Alin Deleanu), Cagelles
© Andreas Etter

Große pinkfarbene Flamingos zieren den Bühnenvorhang, wie auch die Bühne selbst. Das per Hubpodium hochfahrende Zuhause von George und Albin besticht durch dezenten Chic und Eleganz, ein Bühnentransparent weist es als Teil einer luxuriösen Bungalowanlage aus. Etwas nüchtern wirkt hingegen das Stahlhalbrund für den La Cage Aux Folles Club, das im hinteren Bühnenraum auf einer Drehbühne frei steht. Schlicht aber stimmungsvoll und verzaubernd: Das Restaurant von Jaqueline, mit zahlreichen von der Decke herabgelassenen Kugellampen und einer schwebenden Tischplatte (Bühne: Lena Brexendorff).

Mit ansteckendem Elan führt Kapellmeister Paul-Johannes Kirschner das Philharmonische Staatsorchester Mainz durch Jerry Hermans inzwischen weltbekannte Melodien („Ich bin, was ich bin“, „Die schönste Zeit“). Gleiches gilt für die acht kaum zu bändigenden bestens aufgelegten heißen Cagelles (John Baldoz, Kai Braithwaite, László Nagy, Ivica Novakovic, Léonard Schindler, Patrick Stauf, Ben Tyas, Andrea Viggiano), die tolle Tanzszenen mit artistischem Geschick bieten und mitunter hysterisch durch die Zuschauerreihen laufen (und dabei auch mal gerne einzelnen Zuschauer über den Kopf streicheln).

Die wichtigste Rolle, die von Albin/Zaza wurde mit dem glänzenden Altisten Alin Deleanu besetzt. Feinfühlig, mit überzogener tuntiger Attitüde nur bei der Männlichkeitsszene (die mit drei tanzenden Cowboys in Chaps Jeans bereichert ist), dabei stets toll gekleidet und gestylt, dass manche Frau im Zuschauerraum nur neidisch werden kann, gewinnt er schnell die Herzen der Zuschauer. Ist er durch sein Travestiefaible auch individueller als der Durchschnitt, in sich ist er integer.
Seinen Ehemann und den Clubinhaber George gibt der Bass Stephan Bootz souverän und mit dezentem Machogehabe. Dahingegen ist der Butler Jakob (Zofe Claudine) des Fausto Israel ein klassischer, exzentrischer und nur so strahlender sexy Paradiesvogel, der ständig für herzhafte Lacher im Publikum sorgt (bei der La Cage-Produktion des ehemaligen Frankfurter Volkstheaters war er als Caschelscher Wilhelmine zu erleben, ist mit der Rolle des Jacob u. a. aber auch durch sein Engagement beim Tipi Berlin vertraut).
Mit passend jugendlichem Charme gefällt Tenor Johannes Mayer als Sohn Jean-Michel, sowie die griechische Koloratursopranistin Alexandra Samouilidou als verliebte Anne, Schauspieler Armin Dillenberger als erzkonservativer Politiker Edouard Dindon, Musicalprofi Ellen Kärcher als zum Schluss ordentlich die Beine schwingende Mme. Dindon und die Sopranistin Dorin Rahardja als geschäftstüchtige Restaurantbesitzerin Jaqueline.

Am Ende der besuchten Sonntagnachmittagsvorstellung gab es lang anhaltenden, tosenden Applaus und Standing Ovations für alle Beteiligten.

Markus Gründig, Oktober 17

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Jesus Christ Superstar
Staatstheater Wiesbaden
Besuchte Vorstellung: 3. September 17 (Premiere)

 

Wiesbaden rockt! Und das im Staatstheater! In dieser Spielzeit wird mit Andrew Lloyd Webbers 1971 in New York uraufgeführtem Rock-Musical Jesus Christ Superstar im Großen Haus ordentlich eingeheizt! Mit erfahrenen Musicalprofis, Ensemblemitgliedern und der Progressive-Metal-Band Vanden Plas (unterstützt von Christoph Stiller und Benjamin Schneider vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden) werden die sieben letzten Tage von Jesus Christus als großes Ensemblestück mit fast berstender Energie kraftvoll nacherzählt. Das Staatstheater Wiesbaden zeigt, dass das Stück auch über 45 Jahre nach seiner Uraufführung das Publikum begeistert, ja von den Stühlen reißt. Standing Ovations schon bei der Premiere, bei der auch viele Opernabonnenten dabei waren (da diese Vorstellung Teil des Premierenabos war).
Für die erfrischende und lebhafte Umsetzung zeichnet die Musicalspezialistin, Regisseurin und Choreografin Iris Limbarth verantwortlich (die derzeit auch mit dem Jungen Staatsmusical Wiesbaden Saturday Night Fever einstudiert, das im Oktober im Kleinen Haus Premiere feiern wird).
Mit einem großen bunten Jesus-Schriftzug-Graffiti auf dem Vorhang, wird schon vor Beginn deutlich, dass es ein farbenfroher Abend werden wird. Der beginnt mit weltweiten Breaking-News-Meldungen verschiedener Nachrichtensender, die auf einen Gazevorhang projiziert werden und führt die Zuschauer von der Gegenwart zurück in das Jahr 30 (Video: Gerald Naziri). Sodann erscheinen schwer bewaffnete Soldaten in schwarzen Kampfanzügen, die aber schnell seitlich abgehen. Wobei die Gegenwart dann doch ständig sehr nah ist, auch durch die zeitgemäße Kleidung der Anhänger Jesu (and auch er selbst trägt im zweiten Akt ein weißes Anzugshemd zu einer Chinohose). Die Bühne von Bettina Neuhaus zeigt einen großen freien Raum mit einer Empore im Hintergrund und einer großen Treppe auf der rechten Seite. Die Wänden weisen auch ein Jesus-Schriftzug-Graffiti auf, wie auch sein Konterfei in Pop-Art-Manier (das auch die Baumwollbeutel seiner Anhänger aufweisen). Jesus ist ganz zeitgemäß nicht nur ein Star, sondern eine Marke. Es ist angesagt, ein Fisch-.Symbol als Tattoo zu tragen. Und auch der moderne Überwachungsstaat ist nicht fern, wie eingespielte Bilder auf TV-Bildschirmen zeigen.

Jesus Christ Superstar
Jesus Christ Superstar
Staatstheater Wiesbaden
Ensembe
© Karl Monika Forster

Die erste große Ensembletanzszene (Choreinstudierung: Albert Horne) und das erste Sololied, Judas´ von Ulrich Rechenbach mit kräftiger Stimme gesungenes „Weil sie ach so heilig sind“ belegt die Vermutung, hier wurde alles richtig gemacht. Die gute Laune und die Energie des Ensembles lassen einen oftmals auch an das Musical Hair denken, so ausgelassen fröhlich sind alle dabei. Die Wechsel zwischen den Szenen erfolgen schnell und dadurch müssen die Darsteller, insbesondere die vom Ensemble, schnell sein, denn sie haben dabei etliche Kostümwechsel zu vollziehen. Partypeople, Demonstranten, in schwarzen Kutten als strenggläubige Juden, als frivole Liebesdiener Herodes´ im Gold-Dress oder als Anhänger Jesu in weißen Kleidchen mit Kreuzen (Kostüme: Heike Korn).


Jesus Christ Superstar
Staatstheater Wiesbaden
Jesus (Björn Breckheimer), Maria Magdalena ()
© Karl Monika Forster

Als musikalischer Leiter lässt Christoph Stiller ordentlich Dampf ab, der Sound ist fast schon so emotional und laut wie bei einem Rockkonzert (weshalb die Sänger alle Mikroports tragen). In der Titelrolle begeistert der Musicalprofi Björn Breckheimer, der dem Jesus charismatische Züge und mit passender Rockröhre auch die stimmliche dramatische Höhe verleiht. Mit Anmut, Grazie und stimmlicher Präsenz begeistert die zauberhafte Maria Magdalena der gebürtigen Niederländerin Nyassa Alberta (von ihr würde man sehr gerne mehr hören). Ulrich Rechenbach legt sich als Judas Ischariot nicht nur bei seiner Eröffnungsnummer schwer ins Zeug. U. a. mit akrobatischen Einlagen (Spagat im Handstand) bringt sich David Rossteuscher als dynamischer Simon Zelotes ein.  Tobias Falk (Hohepriester Kaiphas) beeindruckt mit seiner imposanten Bass Stimme. Und auch die weiteren Besetzungen gefallen sehr: Frank Bettinger als Pontius Pilatus, Joel Scott als Annas, Matias Lavall als Petrus und Uwe Kraus als Herodes. Daneben gibt es mit Soulgirls, Priester und Apostel, dem Musical-Ensemble und dem Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zahlreiche weitere Beteiligte.
Gesungen wird übrigens komplett auf Deutsch, sodass ein Blick auf Übertitel entfällt.
Nicht nur zum Schlussapplaus: Tosender Beifall für dieses gelungene akustische und optische Feuerwerk.

Markus Gründig, September 17

Infos zum Stück

Summer in the City (Revue)
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 30. Juni 17 (Premiere)

 

Der 30. Juni 2017 ist in die deutsche Geschichte eingegangen. Nicht, weil an diesem Tag die Premiere (und Uraufführung) der 1960er Revue Summer in the City bei den Burgfestspielen Bad Vilbel stattfand, sondern weil der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit von 393 über 226 Stimmen der „Ehe für Alle“ zugestimmt hat. Vor Jahrzehnten, also in den 1960er, war an so etwas noch nicht einmal zu denken, war Homosexualität doch in Deutschland noch verboten (§ 175 GG wurde erst in den Jahren 1969 und 1973 liberalisiert und erst 1994 aufgehoben), wie es zunächst auch tabu war, über sexuelle Themen zu sprechen.

Christian H. Voss (Jahrgang 1980) erinnert in seiner für die Bad Vilbeler Burgfestspiele entwickelten Revue an diese Zeit und weckt dabei bei vielen Besucher nostalgisch verklärte Erinnerungen. Die erzählte Geschichte einer ungeplanten Schwangerschaft eines jungen Paares und der sich daraus entwickelten Problematik der nun notwendigen Hochzeit (bei sehr unterschiedlichen Eltern), bietet viel Potential für ein breites Spektrum an Gefühlen und für viele unterschiedliche Songs. Anders als bei früheren vergleichbaren Revuen der Burgfestspiele Bad Vilbel, stehen dabei aber nicht klassische deutsche Schlagerhits der 1960er im Mittelpunkt, sondern die Musik, die die Jugend damals gehört hat. Es sind Lieder der Beatles, der Rolling Stones, Steppenwolf und von The Who, die in diese Revue gepackt wurden. Sie wurden unter der musikalischen Leitung von Philipp Polzin neu arrangiert und eingespielt (werden von der Band der Burgfestspiele "Summer in the City" allerdings nicht live gespielt; musikalische Abendspielleitung: Benedikt Fox).


Summer in the City
Burgfestspiele Bad Vilbel
v.l.n.r.: Michael (Krisha Dalke), Sabine (Sarah Leminger),
Ernst (Kai Möller), Ursula (Silke Dubilier), Johannes (Theodor Reichardt), Anni (Susanne Rögner)

© Eugen Sommer

Zu Beginn werden die Zuschauer kurz akustisch mit Schlagzeilen aus den 1960ern auf diese Periode eingestimmt (wie Martin Luther Kings „I have a dream“, John F. Kennedys „Ich bin ein Berliner“ oder einer Meldung über die Hamburger Sturmflut von 1962). Das Ensemble eröffnet dann programmatisch mit „Light my Fire“ von den Doors. Schon hier wird viel getanzt, wie auch bei vielen der weiteren Liedern (Choreographie: Martin Ruppel). Und entfacht damit eine kurzweilige und sentimental anrührende Revue, die aber immer wieder ob ihrer oftmals auch sehr energetischen Songs die Leidenschaft im Publikum weckt (wie u. a. bei The Lovin' Spoonfuls „Summer In The City“ nach der Pause, das auch dem Stück den Titel verlieh). Das klatscht nicht nur bei vielen Songs mit, sondern stimmt mitunter gar in den Gesang auf der Bühne mit ein (wie bei Drafi Deutschers „Marmor, Stein und Eisen bricht“). Aufgabe erfüllt, kann man da nur dem Regieteam anerkennend zurufen.

Die erste Szene nach dem Intro spielt in der Bäckerei der konservativen Familie Braun. Hier hat der Vater noch das Sagen und bestimmt, was für die Familie gut ist und was nicht. Wobei seine Frau Ursula, auch Uschi genannt, tagespolitisch aktuell sehr wohl vorzutragen weiß, dass es bei der Abstimmung über das Wohl der Tochter keinen Fraktionszwang bei Gewissensentscheidungen gibt. Ihre Bäckerei mit einem damals populären Bildnis Ludwig Erhards (dem Vater des deutschen Wirtschaftswunders; mit dem Untertitel „Erhard hält was er verspricht“) ist schlicht gehalten. Sehr viel bunter wird es dann bei der Familie des Schwiegersohns in spe, in der Kommune der „langhaarigen Bombenleger“, der Königs/Koch-König. Hier sind nicht nur die Kleider im Hippie Stil äußerst farbenfroh und mit Schlaghosen, weiten Kleidern oder kurzen Shorts schon modern angehaucht (Kostümbild: Monika Seidl), auch ihre großzügige Behausung ohne Türen ist mit dem erotischen Bildnis einer Frau, eines weich gezeichneten Zauberpilzes und zunehmend bunten Lichterwänden kein Ort der Traurigkeit. Hier wird das Leben gefeiert und genossen (Bühnenbild: Oliver Kostecka).

Neben dem politisch aktiven Vertreter der Studentenbewegung Frank, für den die Emanzipation aber kein Teil der Studentenbewegung ist (kämpferisch: Martin Planz; mit „My Generation“ von The Who), dem zur Küchenarbeit verdonnerten und stets gut gelaunten schwulen Klaus (strahlend: Stefan Reil), sorgen Brigitte (Stefanie Smailes), Hannelore (Janne Marie Peters) und Ed (Vicco Farah) gemeinsam mit dem Ensemble (Marlou Düster, Rachele Pedrocchi, Eric Vilhelmsson und Janina Maria Wilhalm) für Szenen mit überbordender Energie.
Bei Sunset Boulevard ist er Cecil B. De Mille, hier in der sehr viel größeren Rolle des spießigen Vaters Ernst Braun: Kai Möller (anrührend mit The Rolling Stones “Paint it, Black“). Sein Wandel vom verklemmten Familienoberhaupt zum Lebemann gelingt glaubwürdig, auch wenn es dazu natürlich der Hilfe seiner Frau (die sich im Schnelldurchlauf Oswalt Kolles „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ einverleibte), bedarf. Die Ursula Braun der Silke Dubilier hilft nicht nur der Jugend zu ihrem Glück (mit Conny Froboess´ „Junge Leute brauchen Liebe“ aus dem gleichnamigen Film). Mit ihrem Ehemann Ernst kann sie nicht nur gemeinschaftlich zu Drafi Deutschers „Marmor, Stein und Eisen bricht“ den Bund ihrer Liebe beschwören, die beiden bekommen gar nicht genug davon (The Rolling Stones: „(I Can’t Get No) Satisfaction“).
Die ausgefallenen und lebensfrohen Schwiegereltern Johannes König (Theodor Reichardt, mit The Whos „I'm Free“ und The Rolling Stones „You can't always get what you want“) und Anni Koch-König (aufklärerisch aktiv: Susanne Rögner) bringen das Leben der Brauns, zum Guten führend, gehörig durcheinander.
Im Mittelpunkt steht das junge Paar Sabine Braun (anmutig: Sarah Laminger) und Michael König (temperamentvoll und am besten Englisch singend: Krisha Dalke), die die Herzen berührend an ihren ersten Song in der Tanzschule erinnern (Sonny and Chers „I Got You Babe“), wie dann auch beim späteren Heiratsantrag gehörig auf die Tränendrüse gedrückt wird (mit Elton Johns „Your Song“).
Nachdem der „Spaß-Express“ alle zu einer orgiastischen Feier (Led Zeppelins „Whole Lotta Love“) im Schattenspiel zusammengebracht hat, ist zum furiosen Ende auch die Traditionsbäckerei der Familie Braun verwandelt und alle sind sich mit den Beatles einig: „ All You Need Is Love“.

Starker und langer Applaus.

Markus Gründig, Juli 17

Ein Trailer zur Revue findet sich auf Youtube.

Sunset Boulevard
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 14. Juni 17 (Premiere)

 

Die Stummfilmdiva Norma Desmond ist zurück in Hessen. 1995 eröffnete ihre zunächst von Billy Wilder verfilmte und später von Sir Andrew Lloyd Webber vertonte tragische Geschichte das Rhein-Main-Theater in Wiesbaden (wo das Musical bis Mai 1998 gespielt wurde). Zwischenzeitlich war es nicht nur bei den Bad Hersfelder Festspielen zu sehen (2011, mit Helen Schneider), sondern auch auf einer Tourneeproduktion (2014, mit Cornelia Drese).
Die Burgfestspiele Bad Vilbel konnten für Ihre Produktion von Sunset Boulevard die vielseitige Künstlerin April Hailer für die Rolle der Norma Desmond gewinnen. Sie wurde durch die RTL-Sendung „Wie bitte?!“ (für die sie den Bayerischen Fernsehpreis erhielt) und mit ihrer „April-Hailer-Show“ (ZDF) einem breiten Publikum bekannt, ist musikalisch aber tiefer verwurzelt, als man vielleicht zunächst denkt. Über 20 Jahre gab sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester Konzerte („Hailer-Oboen“). Und auch im Musicalgenre ist die Mezzosopranistin seit längerem zu erleben. In erster Linie ist sie aber eine großartige Schauspielerin, wobei sie nicht nur mit ihren Blicken alle in ihren Bann zieht. Selten war eine Norma Desmond so glaubwürdig, so stark und verletzlich, so agil, voller Esprit und auch so verführerisch, wie sie es hier ist.


Sunset Boulevard
Burgfestspiele Bad Vilbel
Joe Gilles (Robert David Marx), Norma Desmond (April Hailer)
© Eugen Sommer

Dennoch ist es keine One-Woman-Show, sondern eine wunderbare Ensembleproduktion unter der Regie von Benedikt Borrmann. Er hat die Handlung weder ins hier und heute verlegt, noch weicht er von der Bühnenfassung ab, setzt aber dennoch kleine Akzente. Beispielsweise zeigt er die Verfolgungsszene im Auto (1. Akt) hier ohne die sonst üblichen ins Publikum strahlende Autoscheinwerfer, bei der Wellness-Szene „Ein bisschen Leiden“ ist Norma nur zu Beginn dabei und am Schluss, wenn Norma ihr letztes „Nur ein Blick macht mich wahr“ mit blutverschmierten Händen an Joes Leichnam singt (und nicht mit erhabenen Gesten auf der großen Treppe).

Den erfolglosen Drehbuchautor Joe Gilles gibt selbstsicher der Schauspieler, Sänger und Musicaldarsteller Robert David Marx mit viel Charme. Er ist mit der Rolle bereits aus einer Produktion des Mainfranken Theater in Würzburg vertraut (Spielzeit 2013/14). Die schönste Szene hat er nicht mit Norma Desmond, sondern mit Janne Marie Peters als Betty Schaefer. Ihre zarte Liebesszene im 2. Akt („Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“), wenn er in ihrem Schoß liegt, vermittelt ihr Verliebtsein träumerisch schön. Wie die junge und strahlende Janne Marie Peters auch sonst einen fabelhaften Eindruck macht und stimmlich sehr nah an Barbara Wallner, die Niedernhausener Betty Schaefer, erinnert.
Ein „Wiederholungstäter“ in Bad Vilbel ist der profunde Musicaldarsteller Andrea Pagani, der hier mit seiner samtigen Stimme als fürsorglicher Max von Mayerling zu erleben ist. Er ist wie kein anderer mit dem Musical vertraut, gab er doch bereits von 1995 bis 1998 in Niedernhausen den Artie Green. Diesen gibt aktuell der stets gut gelaunte Stefan Reil. In weiteren Rollen u. a. dabei: Kai Möller als erfahrener Filmregisseur Cecil B. De Mille und Matthias Graf als Sheldrake/Polizeichef. Angenehm auflockernd und sehr schwungvoll sind sämtliche (Tanz-) Ensembleszenen, nicht zuletzt durch die Choreografie von Myriam Lifka.

Die Handlungsorte Villa in Beverly Hills, das große Paramount Filmstudio (beim Samson und Delilah -Dreh) und Schwab’s Drug Store finden sich auf Pia Oertels Einheitsbühne passend wieder. Diese ist umsäumt von einem großen Negativband, das mehrfach das Paramount-Motiv widerspiegelt. Im Hintergrund befindet sich eine überdimensionale Filmdose (mit Flügeltür), davor eine Drehbühne mit einer Treppenanlage. Retrogefühle kommen besonders durch die an die 1950er Jahre anmutenden Kostüme von Anja Müller auf. Die Liveband spielt unter der Leitung von Markus Höller aus einem eigenen Orchesterspielraum (auf der Palas der Burg). Auch Höller setzt kleine Akzente, so erhöht er den Kontrast zwischen den Gesangs- und den Sprechszenen, indem er manche Untermalung auslässt.

Am Ende sehr viel freundlicher Applaus. Die nächste Vorstellung ist am 3. Juli, die letzte am 4. September 17.

Markus Gründig, Juni 17

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Big Fish
Musical Inc. im Theater im P1 der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Besuchte Vorstellung: 2. Juni 17 (1. Premiere)

 

„Sei der Held deiner Geschichte, dann wird die Welt die deine sein“

So viel gute Stimmung im Saal, noch bevor sich der Vorhang hebt, gibt es äußerst selten. Doch bei der Mainzer Musical Inc. ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, vor allem, wenn im Publikum auch zahlreiche Zuschauer sitzen, die bei früheren Produktionen selber mitgewirkt haben und oder Freunde und Verwandte haben, die aktuell auf der Bühne stehen. Kein Wunder also, wenn der Saal tobt und eine Stimmung wie bei einem großen Fußballspiel herrscht. In den letzten Jahren hat die Musical Inc., eine Gruppe von ehrenamtlich arbeitenden Studenten der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität der unterschiedlichsten Fachbereiche, stets Musical Raritäten ins Programm genommen. Wie Curtains (2014), Frankenstein Junior (2015) und In the Heights (2016).
Dieses Jahr wird eine weitere Rarität gespielt. Andrew Lippas Musical Big Fish (Buch: John August nach seinem gleichnamigen Drehbuch, das von Tim Burton erfolgreich verfilmt wurde, basierend auf Daniel Wallace's Erzählung “Big Fish: A Novel of Mythic Proportions” von 1998). Lippa ist kein Unbekannter in der Musicalwelt. Neben The Wild Party ist er vor allem als Komponist der Musicalfassung von The Addams Family bekannt.
Big Fish ist ein fantastisches Familienmusical mit aus sicherer Hand komponierter eingängiger Musik, anrührenden Balladen und großartigen Ensemblenummern. Erzählt wird ein Vater-Sohn Konflikt, bei dem es um gegenseitigen Respekt und Anerkennung geht, um große Geschichten mit mythischem Charakter und nicht zuletzt um romantische Liebesepisoden. Figuren wie eine Hexe, ein Riese und eine Meerjungfrau spannen dabei eine Brücke zwischen dem Realen und einer fantastischen Welt.

Im Vergleich zu früheren Produktionen der Musical Inc. kommt das Bühnenbild für Big Fish recht schlicht, fast schon karg daher. Schlicht sind vor allem die Szenen, die in der Realität spielen. Auf leerer, schwarzer Bühne ist dabei ein multifunktional einsetzbares Holzpodest das zentrale Bühnenelement. Bei den großen Ensembleszenen in der fantastischen Traumwelt bestechen die ausgefallenen und vielfältigen Kostüme, wie die Baumranken im Wald der Hexe oder die Vielfalt an Wild-West-Outfits bei der bunten Zirkusszene (Ausstattung: Şafak Şengül). Für das extravagante Make-Up und die Frisuren ist Ram Paramanathan verantwortlich, der selbst als Barbier und elegante Dame im engen roten Kleid mit wallender Haarpracht, beteiligt ist.

Wie stets bei der Musical Inc., sind alle Rollen doppelt besetzt. Der hier besprochenen ersten Premiere folgte am Tag darauf die zweite Premiere mit anderer Besetzung, wobei bei jeder Vorstellung nahezu 40 Darsteller auf der Bühne beteiligt sind! Die Szenenwechsel erfolgen schnell, was bei der Masse an Darstellern und dem begrenzten Platz keine Selbstverständlichkeit ist (Regie: Marie Friedl und Florian Mahlberg). Schön anzusehen sind erneut die artistisch angereicherten Tanzszenen (Choreografie: Isabelle Jegotka und Jessica Gleisberg). Mit viel Elan sorgt der musikalischen Leiter Nicolai Benner mit dem hinter einem Bühnenvorhang spielenden Orchester dafür, dass die euphorische Stimmung im Saal von Song zu Song weitergeführt wird.
Star des Abends ist, mit vornehmer Zurückhaltung, Vinzent Grimmel in der Rolle des Handelsvertreters und Geschichtenerzählers Edward Bloom. Bei dieser großen Rolle, die von seiner Jugend bis zum Alter reicht, zeigt er nicht nur viele Facetten, er kann auch viel Tiefe in seine Songs legen (wie bei „Sei der Held“ und „Bekämpf die Drachen“). Natascha Hahn gibt Blooms fürsorgliche Frau Sandra. Als ihr ungestümer, von Fragen umgetriebener Sohn Will hat Sebastian Killinger ebenfalls eine anspruchsvolle und große Rolle, die er souverän ausfüllt. Und auch alle weiteren Darsteller sind mit großem Engagement dabei. Wie Josephine Ludwig als neues Leben gebärende Josephine Bloom, Hendrik von Hülst als ewiger Rivale Don Price oder aus der fantastischen Welt Şafak Şengül als die Zukunft vorhersagende Hexe, Holger Reuter als geschäftstüchtiger Zirkusdirektor Amos Calloway, Konstantin Hahn als der Riese Karl oder Isabelle Jegotka als Showsängerin.

Das Stück endet zwar mit der Beerdigung Edward Blooms, doch nicht traurig, denn der Sohn hat alle Rätsel über seinen Vater gelöst und ein Enkel ist inzwischen zu einem lebhaften Jungen herangewachsen. Sofortige Standing Ovations und sehr langer Applaus.

Markus Gründig, Juni 17

Infos zum Stück

Monty Python´s Spamalot
The English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 12. November 16

Das English Theatre Frankfurt befindet sich mit seiner neuesten Musicalproduktion wieder einmal am Puls der Zeit. Das Monty Python Musical Spamalot wird allein in dieser Spielzeit auch in Bremen, Lübeck, Salzburg und Ulm neu inszeniert. Die Inszenierung am Landestheater Salzburg wartet gar mit einer Starbesetzung auf (Pia Douwes und Uwe Kröger). Einen Star bietet auch das English Theatre Frankfurt. Zwar nicht live auf der Bühne, aber dafür als Stimme Gottes aus dem Off: die Fernsehmoderatorin, Autorin und Schauspielerin Sonya Kraus (die hier 2008 in Jeffrey Hatchers A Picasso, Pablo Picasso als Fräulein Fisher für die Nazis verhörte). Und sie staucht die herumirrenden Ritter der Tafelrunde erst einmal auf Deutsch gehörig zusammen (“Ihr notgeilen Pisser...”), um ihnen sodann in Englisch den Auftrag zu erteilen, nach dem heiligen Gral zu suchen.
Derbe Witze und politische Anspielungen gehören zu diesem Musical dazu. Hier wurden sie teilweise an die aktuelle Situation angepaßt (wie auf den Brexit oder die US-Präsidentschaftswahl). In erster Linie ist es aber ein herlicher Klamauk, ein riesiger Spaß, ein großes Ausstattungsfest und eine erstklassige Besetzung professioneller Musicaldarsteller, mit dem diese rundherum gelungene Produktion aufwartet und mit viel Energie und Schwung unendlich viel gute Laune und Broadwayglanz versprüht. Dazu gibt es großartige Songs, allen voran das legendäre “ Always Look on the Bright Side of Life”, aber auch das witzge Lament der Diva (“Whatever Happened to My Part“) und vier Herzen, die sich finden. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen schönen Tanzszenen (Choreographie: Rebecca Howell). In einem Punkt hebt sich diese Inszenierung wesentlich von all den deutschsprachigen ab, die bei “You Won’t Succeed on Broadway” nicht dem Original folgen, sondern “Juden” durch “Stars” ersetzen. Hier wird aber der Originaltext gesungen (“There is one essential thing...There simply must be, simply must be Jews“) und dazu eine Glanztanznummer gegeben und auch religiöse Symbole nicht verborgen (wie ein Chanukkia Leuchter, Kidduschbecher oder Tallits).


Spamalot
The English Theatre Frankfurt
Ensemble
© Martin Kaufhold

Die Liveband, unter der Leitung von Leigh Thompson, spielt im Hintergrund und ist leider nur beim Schlussapplaus zu sehen, was allerdings den engen Platzverhältnissen im Haus geschuldet ist. Wobei hier sehr viel auf der nicht allzu großen Bühne geboten wird. Ein großes Torportal mit seitlichen Türmen und eine Burgmauer im hinteren Bereich sind fest installiert. Eine große Muschel oder Podeste werden eingeschoben oder wie zahlreiche Bäume für die Szene im extrem teuren Wald, herabgelassen. Einem Kostümfest gleichen die vielen so unterschiedlichen Outfits, sie reichen u.a. von finnländischer Folklore, über Rittergewänder und ausgefallener Kleider für die Lady of the Lake und ihren Girls, für Prinz Herbert oder die burlesque anmutenden Outfits der Tänzerinnen (bei “You Won’t Succeed on Broadway”) bis zu den aufwendig gestalteten ausgefallenen Figuren wie der Schwarzer Ritter oder der Ritterfürst vom Ni nebst Gefolgsleute. Für die farbenfrohe und vielseitige Ausstattung zeichnet Tim McQuillen verantwortlich.

Auf der Bühne sind bis zu 12 professionelle Musicaldarstller zu erleben. Die meisten in Doppelrollen. Gesungen wird durchweg sehr gut. Nic Kyle gibt einen jugendlich wirkenden, dynamischen und strahlenden King Arthur. Als Lady of the Lake und Diva betört Soophia Foroughi mit ihrer dunkel angehauchten Stimme. Das treue Familienmitglied Patsy wird von George Rae (auch Mayor und Guard 2) hingebungsvoll gegeben. Scott Armstrong (auch The French Taunter) hat als selbstbewusster Sir Lancelot, nicht nur mächtig was in der Hose, sondern findet seine große Liebe. Matthew Gent sorgt als Musicalliebhaber Sir Robin (auch Guard 1 / Brother Maynard) für große Szenen. John McManus gefällt als überzeugender Historian und als Not dead Fred, kann aber vor allem als Prince Herbert sein komödiantisches Talent zeigen. Dem steht auch Jo Parsons (Galahad / Prince Herbert’s father) nicht nach. Das großartige Ensemble wird ergänzt von Joe Etherington (Sir Bedevere / Concorde), Keith Henderson (French guard / Minstrel / Laker girl) und den Tänzerinnen Nicole Carlisle, Jemma Geanaus (auch French Guard / Minstrel) und KatyStredder.

Das erstklassig inszenierte Spaßmusical (Regie: Lisa Blair) ist noch bis zum 19. Februar 17 im English Theatre Frankfurt zu erleben.

Markus Gründig, November 16

Infos zum Stück

The Addams Family
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Besuchte Vorstellung: 24. September 16 (Premiere)

Sie sind eine ganz besondere Familie. Durchgeknallt zu sein, ist bei ihnen normal. Wie beispielsweise Mutter Morticia Addams, die Rosen nur mit abgeschnittenen Blüten liebt, beim sich unglücklich fühlen in Ekstase gerät und davon träumt, einmal die Kanalisation von Paris zu sehen. Oder die Tochter Wednesday („Prinzessin der Dunkelheit“), die ihren kleinen Bruder Pugsley zu seinem Wohlgefallen körperlich quält und mit einer Armbrust durch den Central Park läuft. Die Addams Familie entstammt aus der Feder von Charles Addams, seine Cartoons erschienen ab 1938 in der Zeitung „The New Yorker“, mittlerweile gibt es nicht nur zahlreiche Verfilmungen, sondern auch eine Musicalversion. 2010 feierte diese mit Starbesetzung am Lunt-Fontanne Theatre in New York Premiere und am 22. August 2014 ihre deutschsprachige Erstaufführung im Zeltpalast Merzig.

Am Staatstheater Wiesbaden eröffnete das Musical aus der Feder von Andrew Lippa (Musik und Liedtexte; Texte von Marshall Brickman und Rick Elice) die neue Saison des JUST, des Jungen Staatsmusicals. Unter der versierten Leitung von Iris Limbarth stehen bei dieser Produktion neben zehn Hauptdarsteller noch 25 Ensemblemitglieder (als Ahnen) auf der Bühne. Ein großes Aufgebot, das zudem noch mit einer knapp 10-köpfigen Liveband unter der musikalischen Leitung von Frank Bangert und den Doppelbesetzungen ergänzt wird. Sie bieten zweieinhalb Stunden herrlich schrägen Klamauk. Danach sieht es zunächst gar nicht aus, denn bei noch geschlossenem Vorhang sind an den Bühnenseiten ein Sarg mit Blumenbouquet, ein Totenkopf und mit Spinnenweben überzogene Grabsteine zu sehen, die eher eine Horrorshow vermuten lassen. Und dann läuft während der schmissigen Ouvertüre auch noch eine große Ratte und eine abgetrennte Hand (Mitbewohner Thing T. Thing) über die Bühne. Doch keine Sorge, eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Schließlich geht es um etwas ganz großes: die Liebe. Und die ist auch in der schrägen Familie Addams eine tragende Säule. Dumm nur, dass sich die Tochter ausgerechnet in einen jungen Mann verliebt hat, der mitsamt seinen biederen Eltern erst einmal wie ein Fremdling erscheint, stammt er doch aus der „normalen“ Welt. Bis schließlich die Hochzeitsglocken läuten, passiert so einiges und die Zeit vergeht im Fluge. Am Ende riesiger Applaus und Standing Ovations!


The Addams Family
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Ensemble
© Andreas Etter

Die Bühne von Britta Lammers ist natürlich überwiegend in schwarz gehalten. Die Bühnenwechsel geschehen teilweise fließend, teilweise bei herabgelassenem Vorhang, stets aber im flotten Tempo. Ein Couchelement, ein Kamin oder auch eine Treppenanlage werden herein geschoben, ein Gartenportal als Prospekt herabgelassen. Schön stimmig fügen sich die Choreografien von Myriam Lifka ein. Das große Ensemble wurde von Heike Korn in barockanmutenden Kostümen eingekleidet und trägt weiße Locken, zudem sind die Gesichter weiß geschminkt. Individualität ist bei diesen Halbtoten hier leider nicht angesagt (bei Ihnen denkt man automatisch an die Tanzgesellschaft der Halbtoten aus Polanskis Tanz der Vampire-Film).

Das Grusical bietet neben einer schönen Liebesgeschichte auch Musik, die gut ins Ohr geht. Gespielt wird die deutsche Fassung in der Übersetzung von Anja Hauptmann. Viele der Darsteller sind bereits seit vielen Jahren Mitglied des Jungen Staatsmusicals. Ihre Erfahrung macht sich hier bezahlt, wenn auch das sängerische Niveau natürlich unterschiedlich ist. Begeisternd sind die Energie und die spürbare hohe Spielfreude, mit der alle Beteiligten dabei sind. An erster Stelle ist Tim Speckhardt als Familienoberhaupt Gomez Addams zu nennen. Er spielt und singt diese große Rolle ganz hervorragend, bringt dabei auch Gomezs spanischen Akzent und heißblütiges Temperament authentisch rüber. Seine von ihm angebetete Frau Morticia verkörpert Felicitas Geipel nahezu perfekt. Als Mutter hat sie bereits Erfahrung (Frühlingserwachen), auch ist sie derzeit als Adeles Schwester Ida in Johann Strauß´ Die Fledermaus zu erleben. Hier besticht sie durch ihre starke Präsenz, mimischem Spiel und starker Stimme („Der Tod steht um die Ecke“). Ähnliches gilt auch für die Wednesday der Maja Dickmann (klasse ihr „Neue Wege“), die ihren Vater gut im Griff hat, den Bruder ordentlich malträtiert und das Herz von Lukas erobert. Den kleinen Pugsley Addams gibt der junge Johannes Wieland mit spitzbübischem Charme. Körperlich sehr agil ist die Großmutter Addams der Lisa Krämer. Onkel Fester hat hier zusätzlich die Funktion eines Erzählers, auch erinnert die Figur ein wenig an die Figur des Flaschengeistes Dschinni in Disneys Alladin Musical. Peter Emig gibt den gutherzigen Onkel  ganz famos. Als die „Normalos“ erscheint die Familie Beineke erst sehr bieder, doch dank der Addams, können sie sich von ihrer äußeren Schale entfernen und finden zu ihren Wurzeln zurück. Constanze Kochanek und Benjamin Geipel entwickeln sich als die Eltern Beineke hinreißend. Jo Atzinger gefällt als ihr Sohn Lukas, der etwas Zeit braucht, sich über seine Gefühle gegenüber Wednesday sicher zu sein, ihr aber dann beweist, dass seine Liebe sogar über den Tod hinaus reicht. Als grummelnder Diener Lurch, mit der Mimik eines Frankensteinmonsters, sorgt Mike Burs für Begeisterung im Publikum.
Keine Frage, The Addams Family ist der neue komische Grusicalhit mit hohem Spaßfaktor des JUST am Staatstheater Wiesbaden.

Markus Gründig, September 16

Infos zum Stück

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