kulturfreak

Besprechungen Musicals: Teil 15

Sunset Boulevard
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 14. Juni 17 (Premiere)

 

Die Stummfilmdiva Norma Desmond ist zurück in Hessen. 1995 eröffnete ihre zunächst von Billy Wilder verfilmte und später von Sir Andrew Lloyd Webber vertonte tragische Geschichte das Rhein-Main-Theater in Wiesbaden (wo das Musical bis Mai 1998 gespielt wurde). Zwischenzeitlich war es nicht nur bei den Bad Hersfelder Festspielen zu sehen (2011, mit Helen Schneider), sondern auch auf einer Tourneeproduktion (2014, mit Cornelia Drese).
Die Burgfestspiele Bad Vilbel konnten für Ihre Produktion von Sunset Boulevard die vielseitige Künstlerin April Hailer für die Rolle der Norma Desmond gewinnen. Sie wurde durch die RTL-Sendung „Wie bitte?!“ (für die sie den Bayerischen Fernsehpreis erhielt) und mit ihrer „April-Hailer-Show“ (ZDF) einem breiten Publikum bekannt, ist musikalisch aber tiefer verwurzelt, als man vielleicht zunächst denkt. Über 20 Jahre gab sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester Konzerte („Hailer-Oboen“). Und auch im Musicalgenre ist die Mezzosopranistin seit längerem zu erleben. In erster Linie ist sie aber eine großartige Schauspielerin, wobei sie nicht nur mit ihren Blicken alle in ihren Bann zieht. Selten war eine Norma Desmond so glaubwürdig, so stark und verletzlich, so agil, voller Esprit und auch so verführerisch, wie sie es hier ist.


Sunset Boulevard
Burgfestspiele Bad Vilbel
Joe Gilles (Robert David Marx), Norma Desmond (April Hailer)
© Eugen Sommer

Dennoch ist es keine One-Woman-Show, sondern eine wunderbare Ensembleproduktion unter der Regie von Benedikt Borrmann. Er hat die Handlung weder ins hier und heute verlegt, noch weicht er von der Bühnenfassung ab, setzt aber dennoch kleine Akzente. Beispielsweise zeigt er die Verfolgungsszene im Auto (1. Akt) hier ohne die sonst üblichen ins Publikum strahlende Autoscheinwerfer, bei der Wellness-Szene „Ein bisschen Leiden“ ist Norma nur zu Beginn dabei und am Schluss, wenn Norma ihr letztes „Nur ein Blick macht mich wahr“ mit blutverschmierten Händen an Joes Leichnam singt (und nicht mit erhabenen Gesten auf der großen Treppe).

Den erfolglosen Drehbuchautor Joe Gilles gibt selbstsicher der Schauspieler, Sänger und Musicaldarsteller Robert David Marx mit viel Charme. Er ist mit der Rolle bereits aus einer Produktion des Mainfranken Theater in Würzburg vertraut (Spielzeit 2013/14). Die schönste Szene hat er nicht mit Norma Desmond, sondern mit Janne Marie Peters als Betty Schaefer. Ihre zarte Liebesszene im 2. Akt („Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“), wenn er in ihrem Schoß liegt, vermittelt ihr Verliebtsein träumerisch schön. Wie die junge und strahlende Janne Marie Peters auch sonst einen fabelhaften Eindruck macht und stimmlich sehr nah an Barbara Wallner, die Niedernhausener Betty Schaefer, erinnert.
Ein „Wiederholungstäter“ in Bad Vilbel ist der profunde Musicaldarsteller Andrea Pagani, der hier mit seiner samtigen Stimme als fürsorglicher Max von Mayerling zu erleben ist. Er ist wie kein anderer mit dem Musical vertraut, gab er doch bereits von 1995 bis 1998 in Niedernhausen den Artie Green. Diesen gibt aktuell der stets gut gelaunte Stefan Reil. In weiteren Rollen u. a. dabei: Kai Möller als erfahrener Filmregisseur Cecil B. De Mille und Matthias Graf als Sheldrake/Polizeichef. Angenehm auflockernd und sehr schwungvoll sind sämtliche (Tanz-) Ensembleszenen, nicht zuletzt durch die Choreografie von Myriam Lifka.

Die Handlungsorte Villa in Beverly Hills, das große Paramount Filmstudio (beim Samson und Delilah -Dreh) und Schwab’s Drug Store finden sich auf Pia Oertels Einheitsbühne passend wieder. Diese ist umsäumt von einem großen Negativband, das mehrfach das Paramount-Motiv widerspiegelt. Im Hintergrund befindet sich eine überdimensionale Filmdose (mit Flügeltür), davor eine Drehbühne mit einer Treppenanlage. Retrogefühle kommen besonders durch die an die 1950er Jahre anmutenden Kostüme von Anja Müller auf. Die Liveband spielt unter der Leitung von Markus Höller aus einem eigenen Orchesterspielraum (auf der Palas der Burg). Auch Höller setzt kleine Akzente, so erhöht er den Kontrast zwischen den Gesangs- und den Sprechszenen, indem er manche Untermalung auslässt.

Am Ende sehr viel freundlicher Applaus. Die nächste Vorstellung ist am 3. Juli, die letzte am 4. September 17.

Markus Gründig, Juni 17

Infos zum Stück

Big Fish
Musical Inc. im Theater im P1 der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Besuchte Vorstellung: 2. Juni 17 (1. Premiere)

 

„Sei der Held deiner Geschichte, dann wird die Welt die deine sein“

So viel gute Stimmung im Saal, noch bevor sich der Vorhang hebt, gibt es äußerst selten. Doch bei der Mainzer Musical Inc. ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, vor allem, wenn im Publikum auch zahlreiche Zuschauer sitzen, die bei früheren Produktionen selber mitgewirkt haben und oder Freunde und Verwandte haben, die aktuell auf der Bühne stehen. Kein Wunder also, wenn der Saal tobt und eine Stimmung wie bei einem großen Fußballspiel herrscht. In den letzten Jahren hat die Musical Inc., eine Gruppe von ehrenamtlich arbeitenden Studenten der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität der unterschiedlichsten Fachbereiche, stets Musical Raritäten ins Programm genommen. Wie Curtains (2014), Frankenstein Junior (2015) und In the Heights (2016).
Dieses Jahr wird eine weitere Rarität gespielt. Andrew Lippas Musical Big Fish (Buch: John August nach seinem gleichnamigen Drehbuch, das von Tim Burton erfolgreich verfilmt wurde, basierend auf Daniel Wallace's Erzählung “Big Fish: A Novel of Mythic Proportions” von 1998). Lippa ist kein Unbekannter in der Musicalwelt. Neben The Wild Party ist er vor allem als Komponist der Musicalfassung von The Addams Family bekannt.
Big Fish ist ein fantastisches Familienmusical mit aus sicherer Hand komponierter eingängiger Musik, anrührenden Balladen und großartigen Ensemblenummern. Erzählt wird ein Vater-Sohn Konflikt, bei dem es um gegenseitigen Respekt und Anerkennung geht, um große Geschichten mit mythischem Charakter und nicht zuletzt um romantische Liebesepisoden. Figuren wie eine Hexe, ein Riese und eine Meerjungfrau spannen dabei eine Brücke zwischen dem Realen und einer fantastischen Welt.

Im Vergleich zu früheren Produktionen der Musical Inc. kommt das Bühnenbild für Big Fish recht schlicht, fast schon karg daher. Schlicht sind vor allem die Szenen, die in der Realität spielen. Auf leerer, schwarzer Bühne ist dabei ein multifunktional einsetzbares Holzpodest das zentrale Bühnenelement. Bei den großen Ensembleszenen in der fantastischen Traumwelt bestechen die ausgefallenen und vielfältigen Kostüme, wie die Baumranken im Wald der Hexe oder die Vielfalt an Wild-West-Outfits bei der bunten Zirkusszene (Ausstattung: Şafak Şengül). Für das extravagante Make-Up und die Frisuren ist Ram Paramanathan verantwortlich, der selbst als Barbier und elegante Dame im engen roten Kleid mit wallender Haarpracht, beteiligt ist.

Wie stets bei der Musical Inc., sind alle Rollen doppelt besetzt. Der hier besprochenen ersten Premiere folgte am Tag darauf die zweite Premiere mit anderer Besetzung, wobei bei jeder Vorstellung nahezu 40 Darsteller auf der Bühne beteiligt sind! Die Szenenwechsel erfolgen schnell, was bei der Masse an Darstellern und dem begrenzten Platz keine Selbstverständlichkeit ist (Regie: Marie Friedl und Florian Mahlberg). Schön anzusehen sind erneut die artistisch angereicherten Tanzszenen (Choreografie: Isabelle Jegotka und Jessica Gleisberg). Mit viel Elan sorgt der musikalischen Leiter Nicolai Benner mit dem hinter einem Bühnenvorhang spielenden Orchester dafür, dass die euphorische Stimmung im Saal von Song zu Song weitergeführt wird.
Star des Abends ist, mit vornehmer Zurückhaltung, Vinzent Grimmel in der Rolle des Handelsvertreters und Geschichtenerzählers Edward Bloom. Bei dieser großen Rolle, die von seiner Jugend bis zum Alter reicht, zeigt er nicht nur viele Facetten, er kann auch viel Tiefe in seine Songs legen (wie bei „Sei der Held“ und „Bekämpf die Drachen“). Natascha Hahn gibt Blooms fürsorgliche Frau Sandra. Als ihr ungestümer, von Fragen umgetriebener Sohn Will hat Sebastian Killinger ebenfalls eine anspruchsvolle und große Rolle, die er souverän ausfüllt. Und auch alle weiteren Darsteller sind mit großem Engagement dabei. Wie Josephine Ludwig als neues Leben gebärende Josephine Bloom, Hendrik von Hülst als ewiger Rivale Don Price oder aus der fantastischen Welt Şafak Şengül als die Zukunft vorhersagende Hexe, Holger Reuter als geschäftstüchtiger Zirkusdirektor Amos Calloway, Konstantin Hahn als der Riese Karl oder Isabelle Jegotka als Showsängerin.

Das Stück endet zwar mit der Beerdigung Edward Blooms, doch nicht traurig, denn der Sohn hat alle Rätsel über seinen Vater gelöst und ein Enkel ist inzwischen zu einem lebhaften Jungen herangewachsen. Sofortige Standing Ovations und sehr langer Applaus.

Markus Gründig, Juni 17

Infos zum Stück

Monty Python´s Spamalot
The English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 12. November 16

Das English Theatre Frankfurt befindet sich mit seiner neuesten Musicalproduktion wieder einmal am Puls der Zeit. Das Monty Python Musical Spamalot wird allein in dieser Spielzeit auch in Bremen, Lübeck, Salzburg und Ulm neu inszeniert. Die Inszenierung am Landestheater Salzburg wartet gar mit einer Starbesetzung auf (Pia Douwes und Uwe Kröger). Einen Star bietet auch das English Theatre Frankfurt. Zwar nicht live auf der Bühne, aber dafür als Stimme Gottes aus dem Off: die Fernsehmoderatorin, Autorin und Schauspielerin Sonya Kraus (die hier 2008 in Jeffrey Hatchers A Picasso, Pablo Picasso als Fräulein Fisher für die Nazis verhörte). Und sie staucht die herumirrenden Ritter der Tafelrunde erst einmal auf Deutsch gehörig zusammen (“Ihr notgeilen Pisser...”), um ihnen sodann in Englisch den Auftrag zu erteilen, nach dem heiligen Gral zu suchen.
Derbe Witze und politische Anspielungen gehören zu diesem Musical dazu. Hier wurden sie teilweise an die aktuelle Situation angepaßt (wie auf den Brexit oder die US-Präsidentschaftswahl). In erster Linie ist es aber ein herlicher Klamauk, ein riesiger Spaß, ein großes Ausstattungsfest und eine erstklassige Besetzung professioneller Musicaldarsteller, mit dem diese rundherum gelungene Produktion aufwartet und mit viel Energie und Schwung unendlich viel gute Laune und Broadwayglanz versprüht. Dazu gibt es großartige Songs, allen voran das legendäre “ Always Look on the Bright Side of Life”, aber auch das witzge Lament der Diva (“Whatever Happened to My Part“) und vier Herzen, die sich finden. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen schönen Tanzszenen (Choreographie: Rebecca Howell). In einem Punkt hebt sich diese Inszenierung wesentlich von all den deutschsprachigen ab, die bei “You Won’t Succeed on Broadway” nicht dem Original folgen, sondern “Juden” durch “Stars” ersetzen. Hier wird aber der Originaltext gesungen (“There is one essential thing...There simply must be, simply must be Jews“) und dazu eine Glanztanznummer gegeben und auch religiöse Symbole nicht verborgen (wie ein Chanukkia Leuchter, Kidduschbecher oder Tallits).


Spamalot
The English Theatre Frankfurt
Ensemble
© Martin Kaufhold

Die Liveband, unter der Leitung von Leigh Thompson, spielt im Hintergrund und ist leider nur beim Schlussapplaus zu sehen, was allerdings den engen Platzverhältnissen im Haus geschuldet ist. Wobei hier sehr viel auf der nicht allzu großen Bühne geboten wird. Ein großes Torportal mit seitlichen Türmen und eine Burgmauer im hinteren Bereich sind fest installiert. Eine große Muschel oder Podeste werden eingeschoben oder wie zahlreiche Bäume für die Szene im extrem teuren Wald, herabgelassen. Einem Kostümfest gleichen die vielen so unterschiedlichen Outfits, sie reichen u.a. von finnländischer Folklore, über Rittergewänder und ausgefallener Kleider für die Lady of the Lake und ihren Girls, für Prinz Herbert oder die burlesque anmutenden Outfits der Tänzerinnen (bei “You Won’t Succeed on Broadway”) bis zu den aufwendig gestalteten ausgefallenen Figuren wie der Schwarzer Ritter oder der Ritterfürst vom Ni nebst Gefolgsleute. Für die farbenfrohe und vielseitige Ausstattung zeichnet Tim McQuillen verantwortlich.

Auf der Bühne sind bis zu 12 professionelle Musicaldarstller zu erleben. Die meisten in Doppelrollen. Gesungen wird durchweg sehr gut. Nic Kyle gibt einen jugendlich wirkenden, dynamischen und strahlenden King Arthur. Als Lady of the Lake und Diva betört Soophia Foroughi mit ihrer dunkel angehauchten Stimme. Das treue Familienmitglied Patsy wird von George Rae (auch Mayor und Guard 2) hingebungsvoll gegeben. Scott Armstrong (auch The French Taunter) hat als selbstbewusster Sir Lancelot, nicht nur mächtig was in der Hose, sondern findet seine große Liebe. Matthew Gent sorgt als Musicalliebhaber Sir Robin (auch Guard 1 / Brother Maynard) für große Szenen. John McManus gefällt als überzeugender Historian und als Not dead Fred, kann aber vor allem als Prince Herbert sein komödiantisches Talent zeigen. Dem steht auch Jo Parsons (Galahad / Prince Herbert’s father) nicht nach. Das großartige Ensemble wird ergänzt von Joe Etherington (Sir Bedevere / Concorde), Keith Henderson (French guard / Minstrel / Laker girl) und den Tänzerinnen Nicole Carlisle, Jemma Geanaus (auch French Guard / Minstrel) und KatyStredder.

Das erstklassig inszenierte Spaßmusical (Regie: Lisa Blair) ist noch bis zum 19. Februar 17 im English Theatre Frankfurt zu erleben.

Markus Gründig, November 16

Infos zum Stück

The Addams Family
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Besuchte Vorstellung: 24. September 16 (Premiere)

Sie sind eine ganz besondere Familie. Durchgeknallt zu sein, ist bei ihnen normal. Wie beispielsweise Mutter Morticia Addams, die Rosen nur mit abgeschnittenen Blüten liebt, beim sich unglücklich fühlen in Ekstase gerät und davon träumt, einmal die Kanalisation von Paris zu sehen. Oder die Tochter Wednesday („Prinzessin der Dunkelheit“), die ihren kleinen Bruder Pugsley zu seinem Wohlgefallen körperlich quält und mit einer Armbrust durch den Central Park läuft. Die Addams Familie entstammt aus der Feder von Charles Addams, seine Cartoons erschienen ab 1938 in der Zeitung „The New Yorker“, mittlerweile gibt es nicht nur zahlreiche Verfilmungen, sondern auch eine Musicalversion. 2010 feierte diese mit Starbesetzung am Lunt-Fontanne Theatre in New York Premiere und am 22. August 2014 ihre deutschsprachige Erstaufführung im Zeltpalast Merzig.

Am Staatstheater Wiesbaden eröffnete das Musical aus der Feder von Andrew Lippa (Musik und Liedtexte; Texte von Marshall Brickman und Rick Elice) die neue Saison des JUST, des Jungen Staatsmusicals. Unter der versierten Leitung von Iris Limbarth stehen bei dieser Produktion neben zehn Hauptdarsteller noch 25 Ensemblemitglieder (als Ahnen) auf der Bühne. Ein großes Aufgebot, das zudem noch mit einer knapp 10-köpfigen Liveband unter der musikalischen Leitung von Frank Bangert und den Doppelbesetzungen ergänzt wird. Sie bieten zweieinhalb Stunden herrlich schrägen Klamauk. Danach sieht es zunächst gar nicht aus, denn bei noch geschlossenem Vorhang sind an den Bühnenseiten ein Sarg mit Blumenbouquet, ein Totenkopf und mit Spinnenweben überzogene Grabsteine zu sehen, die eher eine Horrorshow vermuten lassen. Und dann läuft während der schmissigen Ouvertüre auch noch eine große Ratte und eine abgetrennte Hand (Mitbewohner Thing T. Thing) über die Bühne. Doch keine Sorge, eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Schließlich geht es um etwas ganz großes: die Liebe. Und die ist auch in der schrägen Familie Addams eine tragende Säule. Dumm nur, dass sich die Tochter ausgerechnet in einen jungen Mann verliebt hat, der mitsamt seinen biederen Eltern erst einmal wie ein Fremdling erscheint, stammt er doch aus der „normalen“ Welt. Bis schließlich die Hochzeitsglocken läuten, passiert so einiges und die Zeit vergeht im Fluge. Am Ende riesiger Applaus und Standing Ovations!


The Addams Family
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Ensemble
© Andreas Etter

Die Bühne von Britta Lammers ist natürlich überwiegend in schwarz gehalten. Die Bühnenwechsel geschehen teilweise fließend, teilweise bei herabgelassenem Vorhang, stets aber im flotten Tempo. Ein Couchelement, ein Kamin oder auch eine Treppenanlage werden herein geschoben, ein Gartenportal als Prospekt herabgelassen. Schön stimmig fügen sich die Choreografien von Myriam Lifka ein. Das große Ensemble wurde von Heike Korn in barockanmutenden Kostümen eingekleidet und trägt weiße Locken, zudem sind die Gesichter weiß geschminkt. Individualität ist bei diesen Halbtoten hier leider nicht angesagt (bei Ihnen denkt man automatisch an die Tanzgesellschaft der Halbtoten aus Polanskis Tanz der Vampire-Film).

Das Grusical bietet neben einer schönen Liebesgeschichte auch Musik, die gut ins Ohr geht. Gespielt wird die deutsche Fassung in der Übersetzung von Anja Hauptmann. Viele der Darsteller sind bereits seit vielen Jahren Mitglied des Jungen Staatsmusicals. Ihre Erfahrung macht sich hier bezahlt, wenn auch das sängerische Niveau natürlich unterschiedlich ist. Begeisternd sind die Energie und die spürbare hohe Spielfreude, mit der alle Beteiligten dabei sind. An erster Stelle ist Tim Speckhardt als Familienoberhaupt Gomez Addams zu nennen. Er spielt und singt diese große Rolle ganz hervorragend, bringt dabei auch Gomezs spanischen Akzent und heißblütiges Temperament authentisch rüber. Seine von ihm angebetete Frau Morticia verkörpert Felicitas Geipel nahezu perfekt. Als Mutter hat sie bereits Erfahrung (Frühlingserwachen), auch ist sie derzeit als Adeles Schwester Ida in Johann Strauß´ Die Fledermaus zu erleben. Hier besticht sie durch ihre starke Präsenz, mimischem Spiel und starker Stimme („Der Tod steht um die Ecke“). Ähnliches gilt auch für die Wednesday der Maja Dickmann (klasse ihr „Neue Wege“), die ihren Vater gut im Griff hat, den Bruder ordentlich malträtiert und das Herz von Lukas erobert. Den kleinen Pugsley Addams gibt der junge Johannes Wieland mit spitzbübischem Charme. Körperlich sehr agil ist die Großmutter Addams der Lisa Krämer. Onkel Fester hat hier zusätzlich die Funktion eines Erzählers, auch erinnert die Figur ein wenig an die Figur des Flaschengeistes Dschinni in Disneys Alladin Musical. Peter Emig gibt den gutherzigen Onkel  ganz famos. Als die „Normalos“ erscheint die Familie Beineke erst sehr bieder, doch dank der Addams, können sie sich von ihrer äußeren Schale entfernen und finden zu ihren Wurzeln zurück. Constanze Kochanek und Benjamin Geipel entwickeln sich als die Eltern Beineke hinreißend. Jo Atzinger gefällt als ihr Sohn Lukas, der etwas Zeit braucht, sich über seine Gefühle gegenüber Wednesday sicher zu sein, ihr aber dann beweist, dass seine Liebe sogar über den Tod hinaus reicht. Als grummelnder Diener Lurch, mit der Mimik eines Frankensteinmonsters, sorgt Mike Burs für Begeisterung im Publikum.
Keine Frage, The Addams Family ist der neue komische Grusicalhit mit hohem Spaßfaktor des JUST am Staatstheater Wiesbaden.

Markus Gründig, September 16

Infos zum Stück

nach oben