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Besprechungen Musicals: Teil 14

In the Heights
Musical Inc. Mainz
Besuchte Vorstellung: 12. Juni 16

Lin-Manuel Miranda ist der Mann der Tony Awards 2016. Sein Musical Hamilton gewann bei der diesjährigen Verleihung des bedeutendsten US-amerikanischen Theaterpreises insgesamt elf Awards, u. a. in der heiß begehrten Kategorie „Best Musical“. Unter anderem mit diesem Titel wurde im Jahr 2008 auch sein Musical In the Heights ausgezeichnet, das jetzt von der Mainzer Studentengruppe Musical Inc. mit enorm großem Aufwand auf die Bühne des P1 im Mainzer Unigelände gebracht wurde (in der deutschen Übersetzung von Laura Friedrich). Und auch drum herum, mit einer sehr gut laufenden PR-Abteilung (inklusive toller Pressebetreuung) und einem umfangreichen Programmheft, trumpfen die Mainzer Studenten auf. Das Vertrauen der Zuschauer in die hohe Qualität der Musical Inc. Produktionen ist ungebrochen. Erneut waren schon weit vor der Premiere sämtliche Vorstellungen ausverkauft, obwohl wahrscheinlich kaum jemand dieses Musical zuvor kannte. Für das gesamte Ensemble gab es im Vorfeld viel Neues zu bewältigen (auch wenn einige schon bei vorherigen Produktionen mitgewirkt haben). Denn mit Stilen wie Hip-Hop und Salsa waren bislang die wenigsten vertraut, wie auch nicht mit der spanischen Sprache, die trotz deutscher Texte auch dazugehört.

In the Heights ist kein gewöhnliches Musical. Lin-Manuel Miranda (Musik, Texte und Konzept) brachte mit Hip-Hop und Salsa-Elementen neue Töne an den Broadway. Ähnlich wie Jonathan Larsons Musical Rent geht es um eine Randgruppe der New Yorker Gesellschaft. Die Handlung spielt im Stadtteil Washington Heights, einem multikulturellen Viertel, vor allem mit Einwanderern aus der Dominikanischen Republik. Es erzählt von einer Handvoll Personen, von deren Träumen, die zu platzen drohen und von reichlichen Geldsorgen. Aber auch vom Wert der Familie und Freunde, die helfen, selbst schwierige Situationen zu meistern.

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In the Heights
Musical Inc. Mainz
Usnavi (Felipe Medinger), Abuela Claudia (Marie Friedl)
© David Heß

Die Musical Inc. hat, in bewährter Tradition, schon das Foyer des P1 reichlich dekoriert, um die Zuschauer schon hier auf das Viertel im nördlichen Manhatten einzustimmen. So gibt es nicht nur zahlreiche Fahnen aus mittelamerikanischen Ländern. Über den beiden Eingangstüren wurden zudem Subwayschilder im US-Stil aufgehängt, denn es gibt tatsächlich eine Washington Heights Subwaystation (168 St.). Die Geräusche einer einfahrenden U-Bahn und Bahnsteigansagen untermauern die Atmosphäre akustisch.
Die Bühne zeigt zwei Geschäfte mit Backsteinfassade und jeweils einem Balkon: Usnavis Bodega (die hier ein Kiosk ist) und Rosarios Car und Limousinen Service. Zwischen diesen ist im Hintergrund auf einem riesigen Plakat die George-Washington-Brücke zu sehen, davor ein Hydrant und eine Laterne. Für Danielas Schönheitssalon war auf der kleinen Spielfläche des P1 kein Platz mehr, auf ihn verweist ein Schild (Ausstattung: Florian Pfaff und Jakob Felder).

Wie bei der Musical Inc. üblich, wird auch dieses Jahr mit zwei Besetzungen gespielt. Die Begeisterung für dieses Projekt ist der Wahnsinn, schließlich erfolgen die langen Proben und die Aufführungen ohne Vergütung und neben dem Studium. Und wenn man sieht, wie rund eine Vorstellung abläuft, trotz immens viel großer Ensembleszenen, weiß jeder, dass hierfür sehr hart und lange gearbeitet wurde, vor und hinter der Bühne. Hinter dieser sitzt auch die 14-köpfige LIVE Band, die unter der musikalischen Leitung von Thomas Wagner und Nicolai Benner Lin-Manuel Mirandas fetzige Musik leidenschaftlich zum Glühen bringt.

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In the Heights
Musical Inc. Mainz
Ensemble
© David Heß

Der Teamgeist wirkt sehr ausgeprägt, was sich insbesondere bei den Ensembleszenen zeigt, derer es sehr viele gibt (Regie: Sina Eckardt und Florian Pfaff). Denn selbst bei den solistischen Teilen gesellen sich nach und nach immer wieder Ensemblemitglieder auf der Bühne dazu, wodurch die besondere Atmosphäre in diesem Viertel schön zur Geltung kommt. Verbunden ist das alles mit vielen großartigen Tanzszenen. Hier bietet unter der Choreografie von Sina Eckhardt und Isabelle Jegotka das Tanzteam Sina Eckardt, Ayla Hohenstein, Isabelle Jegotka und Miriam Kremser viel Abwechslung. Dabei sticht Isabelle Jegotka mit ihren artistischen Einlagen (wie Welle, Rad oder Spagat) heraus. Letztere zeigt auch sehr beeindruckend der Turner Florian Breido vom Männerensemble (mit Salto aus dem Stand, Flic-Flac und gesprungener Schraube). Aufwendig gestaltet wurden auch die Haare der Damen, mit tollen Wellen und (Teil-) Zöpfen (sie waren wohl alle Kunden in Danielas Schönheitssalon).

Hauptfigur ist Usnavi, ein nach einem vorbeifahrenden Kriegsschiff (US Navy) benannter junger Mann. Am Broadway wurde diese Rolle von Lin-Manuel Miranda höchstpersönlich gespielt. Es ist keine leichte Rolle, denn Usnavi hat viel Hip-Hop zu präsentieren, der nicht zum klassischen Musicalgesang gehört. Felipe Medinger gibt den in Liebesdingen etwas unbeholfenen Usnavi mit viel Herz für seine Freunde. Als seine Vanessa (mit Schnapsdrossel als Mutter und chronisch pleite), strahlt Jana Heß viel ansteckend wirkende Lebensfreude aus. Sehr schön gelungen: deren beider Duett „Champagner“.
Auch Sebastian Killinger als Usnavis Cousin und Gehilfe erweist seinem Bühnennamen Sonny alle Ehre.
Der Studienabbrecherin Nina verleiht Elena Lorscheid ein großes Maß an Authentizität. Sehr souverän gibt Lukas Witzel den treuen Angestellten und verliebten Benny. Zusammen strahlten sie beim Schlussduett „In der Dämmerung“.
Engagement zeigen Ninas Eltern: die resolute Camila der Kristin Hecken und der strebsame Kevin des Moritz Schümann. Als die tratschfreudigen Damen vom Schönheitssalon begeistern Safak Sengül (Daniela) und Daniela Stünkel (Carla), nicht nur im heiteren Quartett mit Nina und Vanessa („Sag mir was, was ich nicht weiß“).
Gute Stimmung verbreitet die Piraguera (Eisverkäuferin) der Scarlett Saurat und Grafiti Pete (Jakob Felder) zeigt, dass er mehr kann, als nur auf die Spraydose zu drücken. Auf alt getrimmt berührt Marie Friedl in der Rolle der gläubigen, umsichtigen und die Familie ehrenden Abuela Claudia. Herausragend ihr „Paciencia y Fe“ („Geduld und Glaube“).

Für die Mainzer Musical Inc. ein großartiges Stück. Neben viel Zwischenapplaus für jede Nummer, gab es zum Ende frenetischen Schlussapplaus mit Standing Ovations (obwohl es sich bei der besuchten Vorstellung bereits um die 9. handelte).

Markus Gründig, Juni 16

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Frühlings Erwachen
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Besuchte Vorstellung: 10. Januar 16 (Premiere)

Nachdem das Junge Staatsmusical am Staatstheater Wiesbaden bereits im vergangenen September im Kleinen Haus die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ präsentierte, folgte jetzt, in der kleineren Spielstätte Wartburg, die Premiere eines weiteren Musicals: „Frühlings Erwachen“. Frühling ist bei diesem Musical im übertragenen Sinne für die sich entwickelnde Sexualität zu verstehen, das Erwachen von ersten Gefühlen (für das andere und für das eigene Geschlecht). Hinzu kommt die Bevormundung Jugendlicher durch Eltern und Kirche, der Gehorsam ihnen gegenüber, seien sie auch noch so schlechte Menschen. Isolation, Verunsicherung und fatale Fehler aus Unwissenheit sind die Folgen. Steven Sater (Buch) und Duncan Sheik (Musik) haben aus Wedekinds Dramenvorlage aus dem Jahr 1891 ein modernes Musical gemacht, mit gefälligen Balladen, die berühren und fetzigen Ensemblesongs, die gute Stimmung machen (wie „So `n verficktes Leben“ [im Original „The Bitch of Living“] oder „Völlig im Arsch“ [im Original „Totally Fucked“]).
Das Musical wurde mehrfach ausgezeichnet und war mit 859 Vorstellungen im Eugene O'Neill Theatre nicht nur am Broadway sehr erfolgreich (zudem ist es dort noch bis zum 24. Januar 16 in einer Revival-Produktion im Brooks Atkinson Theatre zu sehen), auch das English Theatre Frankfurt und die Mainzer Musical Inc. inszenierten es bereits.


Frühlings Erwachen
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Moritz (David Rothe), Ensemble
© Sven-Helge Czichy

Für die Wiesbadener Erstaufführung zeichnet die Musicalexpertin Iris Limbarth verantwortlich, die auch bei dieser Musicalproduktion ihre Truppe gekonnt und mit großem Engagement durch die Wirren des Erwachsenwerdens führt. Die Bühne von Britta Lammers besteht aus einem sargähnlichen Podest in der Mitte, das zu einem großen und gekippten Kreuz führt. Zwei quadratische Podeste gibt es zusätzlich jeweils an den Seiten (und eine Schaukel). Podeste, Kreuz und auch der Boden sind mit großen weißen Lettern versehen, mit Zitaten, die ermahnen, gottesfürchtig und gehorsam zu sein. Die Kostüme von Heike Korn spiegeln die Entstehungszeit der Dramenvorlage wider. Die Liveband unter der Leitung von Frank Bangert spielt von der Empore.

Und das Publikum sitzt gewissermaßen mittendrin. Die Sitzanordnung in der „Wartburg“ wurde dahin gehend geändert, dass sich die Spielfläche an der linken Raumseite befindet und nicht an der Stirnseite. Das Publikum sitzt u-förmig in maximal je drei Reihen um die Spielfläche herum. Dies vergrößerte einerseits die Spielfläche, andererseits ergibt sich durch die Nähe zur Bühne für alle Besucher eine stärkere Intensität. Und zumindest bei der besuchten Premierenaufführung sorgte das Publikum schon während der Aufführung für viel Zuspruch. Am Ende dauerte es dann gar nur wenige Sekunden, bis der letzte Zuschauer für Standing Ovations aufgestanden war, obwohl noch längst nicht alle Darsteller wieder auf der Bühne waren. Zweifelsohne eine weitere Erfolgsinszenierung für Iris Limbarth und das Junge Staatsmusical am Staatstheater Wiesbaden.


Frühlings Erwachen
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Wendla (Denia Gilberg), Melchior (Rainer Maaß)
© Sven-Helge Czichy

Die meisten Rollen wurden ob der hohen Mitgliederzahl des Jungen Staatsmusicals doppelt besetzt. Von daher gibt es neben den hier nachfolgend genannten Darstellern, fast immer auch eine alternierende Besetzung. Einen besonderen Glückfall stellt Denia Gilberg als Wendla dar. Sie sieht so jung und kindhaft unschuldig aus, wie man sich diese Figur nicht besser vorstellen kann. Das Mädchen, das nur Nähe und Geborgenheit sucht und unwissend in andere Umstände gerät, spielt sie mit einer bewundernswerten Leichtigkeit (und singt dazu bezaubernd, nicht nur „Mama“). Erfrischend lebhaft und vor Energie schier platzend gibt David Rothe großartig den Schulversager und Selbstmörder Moritz. Mit Rainer Maaß ist ein sehr erfahrener Darsteller mit von der Partie. Er gibt den belesenen und freigeistig erzogenen Melchior. Auch wenn er nichts falsch macht, gut singt und spielt, bleibt dennoch der Gedanke haften, dass so er besonnen, wie er sich gibt, eher wie ein junger Lehrer wirkt, denn wie ein sich noch in der Entwicklung befindender 15-Jähriger Pennäler. Die Erwachsenen werden mit großer Spielfreude und ebensolchen Gesten von Felicitas Geipel (u.a. verschiedene Mütter, Fräulein Großebüstenhalter und Fräulein Knüppeldick) und Peter Emig (u.a. verschiedene Väter, Schulmeister Knochenbruch und Lehrer Sonnenstich) gegeben. In dieser Welt der elterlichen Züchtigung, des Gehorsams und dem Diktat der Kirche, gibt es einen angenehmen Kontrast. Das Paar Hans (Johannes Meurer) und Ernst (Dwayne Gilbert Besier), die dank Hans´ Weitsicht, ihre ganz persönliche Nähe und Liebe zueinander finden.
Auch hier sind die rockigen Nummern „So `n verficktes Leben“ und „Völlig im Arsch“ großartige Ensemblenummern, die die Wartburg rocken (Choreografie: auch Iris Limbarth) und auch gern als Zugabe gespielt werden könnten. Aber wie bereits erwähnt, das Publikum war auch so ganz aus dem Häuschen, zu Recht!

Markus Gründig, Januar 16

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The Life
The English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 7. November 15 (Premiere)

“Call a jack a jack.
Call a spade a spade.
But always call a whore a lady.“

Patrick Rothfuss

Mit Cy Colemans „The Life“ präsentiert das English Theatre Frankfurt (ETF) bereits das dritte Musical des 2004 verstorbenen US-Komponisten. Aus seiner Feder stammen u.a. auch „City of Angels“ (im ETF 2006/07) und „Sweet Charity“ (im ETF 2012/13).
„The Life“ ist eines der letzten Bühnenwerke Colemans. Es entstand in Zusammenarbeit mit Ira Gasman und David Newman und wurde ab April 1997 am New Yorker Broadway gespielt (bis Juni 1998, es gab 466 Vorstellungen). Bereits im Jahr 2000 erfolgte die deutschsprachige Erstaufführung am Staatstheater Kassel, 2005 wurde es vom Musiktheater im Revier Gelsenkirchen gespielt. Das ETF hat es jetzt aus seinem Dornröschenschlaf erweckt. Dass es jetzt dort gezeigt wird, ist gewissermaßen überfällig. Spielt es doch im Rotlichtmilieu, zu dem sich das Haus ja nur wenige Meter entfernt befindet. Und das älteste Gewerbe der Welt ist in New York (dem Handlungsort im Musical) nicht anders als in Frankfurt.

Prostitution im Schatten glitzernder Hochhäuser ist nur eine der Parallelen der 42nd Street in New York und dem Frankfurter Bahnhofsviertel. An beiden Orten tritt, nah am Leben erfolgreicher Wohlstandsbürger, blankes Elend schonungslos zu Tage: Die Ausbeutung von Menschen, Geldgier, Drogensucht und enttäuschte Hoffnungen und zerbrochene Lebensträume. Auch im Mittelpunkt von „The Life“ stehen zwei Prostituierte. Das ist für das Musiktheater, sei es Musical, Oper oder Operette, nichts Neues. Neu an „The Life“ ist eine schonungslose Offenlegung der dunklen Seite des Business, das selbst das 2004 uraufgeführte Musical über die deutsche Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt („Das Mädchen Rosemarie“ von Heribert Feckler und Dirk Witthuhn) nicht schaffte.


The Life
The English Theatre Frankfurt
Sonja (Claudia Kariuki), Queen (Ngozi Ugoh)
© Martin Kaufhold

Dennoch bietet „The Life“ alles, was Musicalfreunde begehren: abwechslungsreiche und eingängige Musik, Songs mit Ohrwurmqualität (wie „ Use What You Got“, „My Body“ oder „Easy Money“), große Ensembleszenen und Tanznummern und nicht zuletzt eine anrührende Story mit einem optimistischen Ausblick für die Zukunft der Hauptprotagonisten.

Für die Regie konnte erneut der Brite Ryan McBride gewonnen werden, der am ETF schon viele Musicals und Theaterstücke imposant inszeniert hat. Wobei er inzwischen auch in anderen Häusern Deutschlands erfolgreich arbeitet. Für seine Schauspielinszenierung von George Orwells „1984“ an der Komödie im Marquardt in Stuttgart ist er, neben Gernot Grünewald (Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen) und Jette Steckel (Thalia Theater Hamburg) für den diesjährigen Deutschen Theaterpreis der FAUST in der Kategorie „Bester Regisseur Schauspiel“ nominiert (die Verleihung findet am 14. November 15 im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken statt).
„The Life“ zeigt er als eine harte, aber packende Story. Beschönigt wird nichts. Und wie das Leben so spielt, gibt es auch komische bis heitere Momente und auch den einen oder anderen Witz, hier sogar teilweise mit Bezug zu Deutschland (beispielsweise erzählt eine Prostituierte, dass ein Freier nur 15 US$ zahlen will und vermutet, dass dieser bestimmt aus Stuttgart kommt).

Am English Theatre Frankfurt wurde es von Ryan McBride packend umgesetzt. Trotz toller Ensemble- und Tanzszenen fokussiert er sich stark auf die beiden Hauptfiguren Queen und Sonja. Das eigentlich dem JoJo zugehörige Lied „ Use What You Got“ singt hier Sonja (was durchaus gut passt). Der erste Teil wird nicht wie eigentlich vorgesehen mit der großen Ensembleszene des Hurenballs beendet, sondern schon kurz vorher, nach Queens Desillusionierung über ihren Freund Fleetwood („He' s No Good“).

Die Einheitsbühne von Tim McQuillen besteht aus einem abstrakten schwarzen Raum, der von vielen LED-Röhren illuminiert wird, die sich auf verschiedenen Rahmenelementen befinden (Lichtdesign: Ben Cracknell). Auf der linken Seite steht ein großes Fragment einer Werbeanlage („Amou...“). Bei Bedarf werden Kulissenteile (für Gefängniszelle, Hotelzimmer oder Lacy´s Bar) eingeschoben. Eingespielte Geräusche und Klänge unterstützen die Szenerie (Sounddesign: Ella Wahlström). Für Farbigkeit sorgen die Kostüme (auch Tim McQuillen), vor allem die bunten und grellen Outfits beim Hurenball.

 


The Life
The English Theatre Frankfurt
Sonja (Claudia Kariuki), Queen (Ngozi Ugoh)
© Martin Kaufhold

Großartig ist die in London gecastete Besetzung. Allen voran die Granate Claudia Kariuki (sie spielte am ETF in der letzten Saison die Oda Mae Brwon im Musical „Ghost“) als Sonja, die sich aus Familientradition der Prostitution gewidmet hat, die Spielregeln kennt und sich in dieser Welt arrangiert hat, ohne jedoch sich selbst aufzugeben, stets Größe, Würde und sogar Herz bewahrt. Auch gesanglich überzeugt sie, sei es bei „Use What You Got“, „The Oldest Professio“, „My Body“ und im Duett mit Queen („My Friend“). Als letztere bringt sich Ngozi Ugoh mit viel Anmut und schöner Sopranstimme ein (u.a. : „We Had a Dream“). Die dritte weibliche Hauptrolle gibt Hannah Cadec als tanzfreudige Mary, die aus Minnesota nach New York gekommen ist und sich vom einfachen Dorfmädchen zur Großstadtmaus wandelt, schließlich aber mit einem Filmproduzenten nach L.A. entflieht („Easy Money“). Bei den Herren stechen in erster Linie die beiden konkurrierenden Zuhälter heraus. Als unsteter Fleetwood Samson Ajewole („A Piece of the Action“) und als machtbesessener Oberlude Memphis, Cameron Johnson („My Way or the Highway“). Tom Andrew Hargreaves gibt den JoJo, der ohne Moral und Skrupel geldgierig stets Geschäfte auf anderer Leute Kosten macht („Mr. Greed“).
Weiterhin mit dabei sind Victoria Anderson (naives Gretchen), Siobhan Athwal (Carmen), Zeph Gould (Axel / Filmproduzent Lou „People Magazine“), Rosalind James (Mercedes), Charlie Johnson (Tracey), Jordan Laviniere (Dante / Dance captain) und Newtion Matthews (Barmann Lacy). Heiße Posen gibt es bei den vielen Choreografien von Gary Lloyd zu sehen. Die einfühlsam und kraftvoll im Off spielende Band wird von Ralph Abelein (alternierend mit Stephan Ohm) geleitet.

„The Life“ zeigt die Schattenseite menschlicher Existenz, ist gleichzeitig aber auch ein zeitloses Plädoyer für Freundschaft, Menschlichkeit und für Achtsamkeit, nicht auf falsche Versprechungen reinzufallen und seinen Weg zu gehen. Sehr viel Applaus für diese ergreifende Umsetzung und die tolle Cast im English Theatre Frankfurt, wo das Stück noch bis zum 14. Februar 16 gespielt wird.

Markus Gründig, November 15

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Spamalot
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 11. Oktober 15

Die Geschichte des Musicals „Spamalot“, basierend auf Monty Pythons Film „Ritter der Kokosnuss“, ist schnell erzählt: König Arthur von England zieht im Jahre 932 mit seinem Diener Patsy durch die Lande, um Ritter für seine Tafelrunde zu werben. Zusammen begibt man sich erfolgreich auf die Suche nach dem heiligen Gral und am Ende haben sich vier Herzen gefunden. Thomas Siedhoff schreibt in „Handbuch des Musicals“ zu diesem Stück: „Es ist eine drastische, absurde und perfekt angelegte, im Tempo nie erlahmende Theateranarchie“ und trifft damit ins Schwarze.

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Spamalot
Staatstheater Mainz
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© Andreas Etter

Das Musical kam vor zehn Jahren am Broadway groß raus, 2009 folgte die deutsche Erstaufführung im Musical Dome Köln. Zunächst war es recht still um dieses Musical, doch inzwischen läuft es landauf und landab. Allein in dieser Saison startete „Spamalot“ in Bochum, Innsbruck, Karlsruhe und jetzt, spartenübergreifend, in Mainz. Wobei es in Mainz nicht neu inszeniert wurde, vielmehr wurde die Inszenierung des Oldenburgischen Staatstheaters vom Frühjahr 2014 übernommen. Enorm viel Arbeit steckt dennoch in dieser Produktion, denn durch die vielen verschiedenen Spielorte, die umfangreichen Kostüme und Requisiten sowie den vielen tänzerischen Einlagen, gilt es allerhand zu koordinieren. Die Bühne von Anike Sedello folgt den Vorgaben, zeigt Burgmauern und –türme, einen einfachen Planwagen (aber mit Festbeleuchtung) für die Opfer der Pest und einen “besonders wertvollen” Wald. Bei Bedarf erscheint Gott höchstpersönlich (in Form von überdimensionalen Gliedmaßen, die vom Bühnenhimmel herabhängen). Vieles wird dabei, als bewusster Bruch, schrill ausgeleuchtet, auch fällt viel Glitter herab.
Ein zarter rosa Farbton untermauert die schwulenfreundliche Stimmung des Stückes. Dies spiegelt sich in den Kostümen (Dinah Ehm), wie der sexy Unterwäsche von Der Noch-Nicht-Tote Fred oder dem Hochzeitskostüm von Lanzelot wider (der zudem kommentiert, dass ein schwules Paar selbst in 1000 Jahren noch für Kontroversen sorgen wird). Schließlich nimmt das Musical „Spamalot“ das Genre selber aufs Korn und spielt mit Klischees. Es gibt auch sexy Cheerleader und heiße Tänzerinnen, sodass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Gesprochen wird auf Deutsch, gesungen in Englisch.

Gespielt und gesungen wird von Schauspielern des Staatstheater Mainz. Erstes mit ansteckender, immenser Spielfreude und Zweites auf ordentlichem bis hohem Niveau. Bei der besuchten zweiten Vorstellung verkörperte die Sopranistin Dorin Rahardja die Fee aus dem See (in dieser Rolle alterniert sie mit Navina Heyne als Gast, die diese Rolle bereits in Oldenburg innehatte). Rahardja vermied eine opernhafte Ausgestaltung ihrer Songs und brachte die Fee groß als Diva zur Geltung. Bei den Herren überzeugte die geschlossen wirkende Ensembleleistung. Allen voran Armin Dillenberger als engagierter König Arthus, Vincent Doddema als dessen treuer Diener Patsy (auch Wache 2) und Murat Yeginer als die Liebe seines Lebens findender Sir Lancelot (auch französischer Spötter, Ritterfürst vom Ni und Tim, der Zauberer).
Aber auch Rüdiger Hauffe als Sir Robin (auch Wachel und Bruder Maynard), Klaus Köhler als Sir Galahad (auch Dennis, Prinz Herberts Vater, und der schwarze Ritter), Clemens Dönicke als Sir Bedevere (auch Bürgermeister, Dennis Galhads Mutter und Concorde), sowie last but not least Denis Larisch als Historiker (und der fesche Noch-Nicht-Tote Fred, französische Wache, fahrender Sänger, die Stimme Gottes und Prinz Herbert). Das achtköpfige Tanzensemble stammt nicht von tanzmainz, sondern wurde mit Gästen besetzt. Die flotten und vielseitigen Choreographien von Sean Stephens gehen nahtlos in das Geschehen über, wodurch ein sehr homogener Gesamteindruck entsteht.
Für die musikalische Begleitung sorgt nicht etwa eine Band, sondern das Philharmonische Staatsorchester Mainz, das unter der Leitung des Gastdirigenten Axel Goldbeck die schrägen Witze mit viel Verve effektvoll untermauert.
Seien es vertraut anmutende Einzel- und Duoszenen oder große Ensemblenummern, unter der Regie von Ekat Cordes (der übrigens auch als Dramatiker erfolgreich ist) hat Monty Pythons „Spamalot“ eine passend turbulente Umsetzung erfahren. Ein sehr kurzweiliger Abend, sehr viel Applaus.

Markus Gründig, Oktober 15

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Sissi - Beuteljahre einer Kaiserin
Theatrallalla Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 6. Oktober 15 (Premiere)

„Vergessen Sie Romy Schneiders Sissi. Vergessen Sie das Musical Elisabeth. Im Stück von Walter Bockmayer wird´s trashig, spaßig, rockig.“ Die Vorankündigung des Theatrallalla hält wieder einmal, was sie verspricht. Nachdem das Musical „Elisabeth“ bereits eine andere Sicht auf Sisi geworfen hatte, als die bis dahin weitestgehend durch die Filme mit Romy Schneider, liefert diese Version erneut einen anderen Blick auf die österreichische Thronfolgerin und ihrer engsten Mitmenschen: einen durch die rosarote Spaßbrille.


© Theatrallalla FFM

Thomas Bäppler Wolf („Bäppi“) hat das 1989 entstandene Stück des Film- und Theaterautors und Regisseurs Walter Bockmayer (1948 – 2014) zu einem Musical umgearbeitet. Erzählt wird die Geschichte der am Rosenmontag von König Ludwig II. geschwängerten Sissi, die schmerzvolle Geburt des Thronfolgers Rudolf und das fatale Zusammenreffen von Ludwig II mit Kaiser Franz Joseph. Dazwischen gibt es zahlreiche Musical- und Operettenlieder, die das zu keinem Zeitpunkt ernst gemeinte Spiel zusätzlich anfeuern. Diese reichen von der Rocky Horror Show („Science Fiction“, „Over At The Frankenstein Place ~ There's a light“) über ABBAs  „Waterloo“ und bis hin zu Tanz der Vampire („Totale Finsternis“), zwischen den Musicalnummern gibt es Operettenklassiker wie „Komm mit nach Varasdin“ (aus der Operette 'Gräfin Mariza' von Emmerich Kalma) und „Die Juliska, die Juliska aus Buda-, Budapest, die hat ein Herz aus Paprika“ (aus der Operette 'Maske in Blau' von Fred Raymond).

Unter der Regie von Thomas Bäppler-Wolf, der zugleich eine zauberhaft lieb- wie boshafte Sissi im XXL-Format spielt, gibt es natürlich auch reichlich aktuelle und lokale Bezüge, sein spaßig freches Schlappmaul kann er auch hier einfach nicht halten und fühlt sich durch spitze Bemerkungen im Publikum erst recht zu bissigen Kommentaren genötigt. Viktor Vössing unterstützt ihn als zunächst ernste, dann frivole Kammerzofe Esterhazy (er gibt auch den Bischof).

Der Hit sind Pierre Humphrey als sich auf dem Boden windendes Baby Rudolf (Humphrey gibt auch die Sophie, Marika Rökk, Ludwig II. und Christel von der Post) und Thomas Koob als Krankenschwester in weißen Strapsen (Koob gibt auch den Franz Joseph, Cosima Wagner und einen Landstreicher), die den Babysitter-Boogie aus dem Jahr 1961 zum Besten geben. Ein tolles Schlussbild gibt es zum Ende des ersten Teils, wenn sich die Hofgesellschaft in der Hofreitschule einfindet, mitsamt vier Pferden auf der kleinen Bühne des Theatrallalla.

Diese wartet mit ein paar Sesseln bestückt als Zimmer im kaiserlichen Schloss auf, aber auch als mysteriöse schummrige Parklandschaft (Bühne: auch Thomas Bäppler-Wolf). Sehr viel Wert wurde auf farbenfrohe Kleider im Trachtenstil und auf Perücken gelegt (Kostüme: Andreas Stöbener Koch). Allen vier Darstellern gemein ist die schier unbändige Spielfreude, die sich schnell auf das Publikum überträgt. Ausgelassene Party-Stimmung im Theatrallalla, sehr viel Applaus!!!

Markus Gründig, Oktober 15

Zwei hoffnungslos verdorbene Schurken
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Besuchte Vorstellung: 12. September 15 (Premiere)

"Gib ihnen was sie wollen!"

Aus dem zur Spielzeit 1987/88 gegründeten Jungendclubtheater am Staatstheater Wiesbaden wurde mit dem Beginn der Intendanz von Uwe Eric Laufenberg das Junge Staatsmusical. Geblieben ist die Regisseurin Iris Limbarth, die hier bereits seit dem Jahr 2000 wirkt und inzwischen auch bundesweit Musicals glanzvoll in Szene setzt. In dieser Saison wird, neben „Frühlings Erwachen“ (ab 10. Januar 2016 in der Spielstätte Wartburg), als deutschsprachige Erstaufführung das Musical „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ („Dirty Rotten Scoundrels”) von David Yazbek (Musik & Liedtexte) und Jeffrey Lane (Buch) gezeigt. Nach seiner Uraufführung am Old Globe Theater im kalifornischen San Diego, lief das Musical mit 627 Aufführungen am Broadway (Imperial Theatre). Es ist eine musikalische Version des gleichnamigen Films von 1988 (mit Michael Cane und Steve Martin), der wiederum auf dem Film „Bedtime Stories“ aus dem Jahr 1964 beruht (mit Marlon Brando und David Niven).

Die Geschichte von zwei Gaunern, die es auf das Geld von reichen Frauen abgesehen haben, ist ein zeitloses Thema. Auch die Musik von David Yazbek („The Full Monty“) ist zeitlos gehalten, weshalb sich das Musical nicht nur für ein junges Publikum empfiehlt, sondern für alle Altersklassen geeignet ist. Mit vielen großen und schwungvollen Ensembleszenen bietet es sich zudem insbesondere für große Häuser an. Ins Deutsche übersetzt wurde es vom erfahrenen Roman Hinze. Für die witzigen Dialoge fand er treffende Worte, mitunter auch recht anzügliche. Manches klingt aber auch etwas sperrig, wie „Beine sind Glück“ („Love is My Legs“) oder „Auch das größte Wunder kann wirklich sein“ („Nothing is Too Wonderful to Be True“).


Zwei hoffnungslos verdorbene Schurken
Staatstheater Wiesbaden ~ Junges Staatsmusical
Jolene Oaks (Kostanze Kpchanek), Croupier Jacques (David Rothe), Lawrence Jameson (Norman Hofmann),
Christine Colgate (Lina Links), Freddy Benson (Rainer Maaß), André Thibault (Peter Emig), Muriel Eubanks (Felicitas Geipel)

© Andreas Etter

Die Bühne von Britta Lammers im Kleinen Haus des Staatstheaters zeigt Glanz und Glamour an der französischen Côte d’Azur (im Spielkasino, Luxushotel und in einer Prachtvilla). Vorherrschendes Element ist dabei eine von vielen kleinen Glühbirnen umsäumte Bühne im Hintergrund (mit seitlichen Treppenstufen). Die jeweiligen Kulissen, wie Balkonbrüstung, Hotelrezeption, Palmen oder Schlafzimmer werden über die Seiten eingeschoben, Bühnenprospekte unterscheiden die Handlungsorte zusätzlich. Ein Highlight der Inszenierung sind die Kostüme von Heike Korn. Neben den aufreizenden Uniformen für das Hotelpersonal, den mit Ringelpullovern ausgestatteten Seeleuten oder den bodenständigen Cowboys, gefallen besonders die bunten Kleider der Gesellschaftsdamen mitsamt ihren ausgefallenen kunstvollen Kopfbedeckungen. Auch die Choreografien der zahlreichen Tanzszenen, die stets in großen Ensemblebildern enden, beeindrucken außerordentlich (Choreografie: Myriam Lifka).

Norman Hofmann gibt einen hervorragenden Lawrence Jameson, ein nie um Worte verlegener und mit allen Wassern gewaschener charmanter Verführer und Betrüger par excellence, der es sich zur Maxime gemacht hat, den Damen das zu geben, was sie wollen. Dabei vermittelt er nach außen eine ungeheure Seriosität und besticht von Anfang an ("Gib ihnen was sie wollen“ ~ Give Them What They Want)“. Als sein jüngerer Gegenspieler Freddy Benson bringt Rainer Maaß ein lässiges Gegengewicht ein („Ich will Geld und Sex“ ~ „Great Big Stuff“) und sorgt als scheinbar gelähmter Liebhaber im Rollstuhl für zahlreiche Lacher. Nina Links gibt eine bezaubernde und gutherzige amerikanische Soapqueen Christine Colgate („Hier bin ich“ ~ „Here I Am“). Voller Power ist die Westernlady (Ölerbin aus Oklahoma) Jolene Oaks der Constanze Kochanek bei ihrem Song „Oklahoma?“.
Dass Geld allein nicht glücklich macht, es auch auf höhere Werte ankommt, wird in diesem Musical auch deutlich. Gezeigt wird dies gewissermaßen mit prickelnder Erotik von Felicitas Geipel als frisch geschiedene, vermögende und um ihren Stand besorgte Muriel Eubanks („Was kann ich als Frau dann“ ~ „What Was a Woman to Do“) und Peter Emig als Lawrence Bodyguard André Thibault. In seinen vielen kleinen Rollen (als Croupier Jasques, Schaffner, Kellner, Matrose, Akkordeonspieler und Schuhplattler) hinterlässt David Rothe überall einen strahlenden Eindruck. Die Liveband spielt unter der Leitung des langjährigen Leiters Frank Bangert verdeckt im Hintergrund.

Nach sehr viel Zwischenapplaus gab es zum Ende tosenden Applaus und Standing Ovations für die gelungene deutschsprachige Erstaufführung.

Markus Gründig, September 15

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