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Besprechungen Musicals: Teil 12

Hair
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 19. Juli 13

“Let the sunshine in“

Die Frage an die Programmverkäuferin vor der Vorstellung, wie lange denn die Aufführung dauern würde, beantwortete diese zunächst mit Entsetzen: „Sie haben ja noch gar nichts davon gesehen und fragen schon nach dem Ende! Es wird Ihnen viel zu schnell kommen und Sie werden noch viel mehr sehen wollen, wenn es nach gut zwei Stunden zu Ende ist“! Nun, sie sollte Recht behalten!
Mitunter dauern Aufführungen des Musicals „Hair“ über drei Stunden. Da sind die gut zwei Stunden Dauer der Burgfestspiele Bad Vilbel angenehm kurzweilig, zumal darin noch eine halbstündige Pause inkludiert ist, bei der sich nicht nur das umfangreiche Bewirtungsangebot in dem schönen Ambiente in und um der Wasserburg prächtig genießen lässt, sondern in der sich auch über die großartige Inszenierung dieses populären Musicalklassikers sprechen lässt. Bei dieser haben die Burgfestspiele Bad Vilbel alles richtig gut gemacht. Von der Auswahl des Kreativteams bis zu den Darstellern. Es ist eine detailverliebte Inszenierung, die das handlungsarme Musical, für das es weder eine feste Szeneneinteilung noch definierte Schauplätze gibt, energievoll und prickelnd, wie einen Glücksrausch erleben lässt. Dabei steht ein nostalgischer Blick auf die Flower-Power-Bewegung im Fokus, weniger ein politischer. Am Ende, selbst bei der besuchten Folgevorstellung über einen Monat nach der Premiere, bedankte sich das Publikum mit nicht enden wollendem tosenden Applaus und teilweise Standing Ovations.

Verantwortlich für diese Glücksinszenierung zeichnet Daniel Ris. Er inszeniert zum ersten Mal in Bad Vilbel, ist dort aber kein Unbekannter. Er stand von 2006 bis 2009 in „Pension Schöller“, „Othello“, „Ladies Night“ und „Lollipop und Strandbikini“ als Darsteller auf der Bühne der Burg. Deren Gegebenheiten und ihr Publikum hat er dabei gut kennengelernt.

Die Bühne von Beate Fassnacht ist leer. Die Rückwand bildet ein mit einem Steinmuster bedruckter Vorhang, der mit Peace-Symbolen und Blümchen bemustert ist. Dahinter spielt das Orchester (das auch einmal sichtbar wird). Zu ihrem Einzug vor Beginn und nach der Pause zeigen sich die Musiker (Leitung: Marty Jabara) passend mit riesigen schwarzen Afro-Perücken. Das Musical wird größtenteils in Deutsch gegeben, was den populären Songs keinen Abbruch tut. Refrains werden mitunter auch in Englisch gesungen.

Die Ebene über den Musikern ist mit Matratzen und Wasserpfeifen ausgestattet und bildet ein Glück- und Liebesnest der freizügigen jungen Menschen in New York City, der Stadt, in der das Stück spielt. Zum Einsatz kommen auch bis zu sieben große aufblasbare Kunstblumen, die quasi aus den Mauerfugen kraftvoll emporschießen und die Szenerie optisch stark aufwerten, zudem noch von innen beleuchtet.


Hair
Burgfestspiele BadVilbel
Claude (Jannik Harneit), Berger (Korbinian Arendt), Hud (Daniel Schröder), Woof (Andreas Röder)
© Eugen Sommer

Das Praktizieren der freien Liebe wird gleich beim Eröffnungssong „Aquarius“ (gesungen von der sinnlichen Victoria Müller in der Rolle der Dionne; später besingt sie auch die „White Boys“) tänzerisch gezeigt: Das Ensemble trägt zwei liegende Darsteller auf den Händen horizontal gegeneinander, sodass sich diese in luftiger Höhe küssen können. Später wird die Welt des aus dem engstirnigen Oklahoma kommenden zurückhaltenden Claude (sehr klangschön: Jannik Harneit) nicht nur auf den Kopf gestellt, er selber wird gar wie ein Rad gedreht (Choreografie: Kati Farkas).
Homosexuelle Liebe ist hier ebenso selbstverständlich wie leichte Travestie (wie Krisha Dalkes Drama Queen verdächtiger Hiram). Wer oder was einer ist, spielt in dieser Gemeinschaft keine Rolle. Mit subtilem Geschick nutzt Regisseur Ris die Möglichkeiten der Burg, präsentiert Solis und die vielen Ensembleszenen abwechslungsreich und unterhaltsam. So werden zwei (vermeintlich) zu spät kommende Frauen kurzerhand in die Show einbezogen (eine von Ihnen, Sonja Hermann, gibt später dann die Gitarre spielende Crissy). Wie auch die Polizisten (humorvoll: Raphael Koeb und Nikolai Radke) stets mit einem Augenzwinkern erscheinen (grell kreischend oder in weißen Shorts und mit Strumpfhaltern).
Sehr viel Wert wurde auf die Kostüme gelegt, die nicht nur aus bunten Kleidern für die Frauen bestehen, sondern auch durch die vielen aufwendig aufgebrachten Applikationen auf Jacken und Hosen bestechen. Selbst für kleine Szenen erscheinen kurios gekleidete Gestalten, wie z.B. ein Raumfahrer mit umgewickeltem Lichtschlauch und ein Wassermann mit extrem langen Rastazöpfen (Kostüme: Inge Medert).
Für die Burgfestspiele Bad Vilbel geht Ris sogar recht weit: Es gibt ungewöhnlich viel nackte Haut zu sehen. Alle, auch die Damen, geben sich einmal oberkörperfrei. Und Berger und Woof lassen in „The Full Monty“-Manier am Ende von „Black Boys“/„White Boys“ gar kurz alle Hüllen fallen. Wobei Nacktheit auf der Bühne schon Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts eine populäre Ausdrucksform des Protests gegen das Establishment war.

Auch wenn einzelne Darsteller herausragen, ist die Produktion eine großartige Ensembleleistung. Sie geben sich authentisch wie eine wirkliche Community und ihre fröhliche, strahlende Art wirkt nie gekünstelt, sondern herzlich und ansteckend. Ein großes Fest wird hier gefeiert: „Let the sunshine in“: gegen Krieg, Isolation und als ein Zeichen auch in unsere heutige Welt, in der es nicht weniger Probleme gibt als damals.
Star und Stütze der Produktion ist Korbinian Arendt als Berger. Er gibt einen charismatischen Frauenheld, schön chargierend zwischen Macho und Kumpel und einen vortrefflichen Führer der Flower-Power People. Für diesen coolen Typ hat er zudem einen attraktiven Body, inklusive sexy Po, und eine schöne rockige Stimme. Andreas Röder wertet die Rolle des Woof auf, Daniel Schröder gibt einen sehr maskulinen Hud. Angelina Arnold gefällt als fröhliche Jeanie, dass sie schwanger ist, wen schert‘s schon. Magdalena Ganter gibt eine typische Flower-Power Frau als in sich ruhende Marjorie, die auch voller Hingabe ihren „Frank Mills“ und die Qualitäten der „Black Boys“ besingt. Paulina Plucinski gefällt als verführerische Sheila, die auch intim „Die letzten Sterne“ („Good morning Starshine“) groß zur Geltung bringt.

Schlicht und dennoch berührend das Ende. Während Claude ein letztes Resümee zieht und durch das Publikum abgeht, erscheinen auf dem Podest seine Hippiefreunde bereits mit schwarzen Mänteln und Kerzen in den Händen. Ein nahtloser Übergang folgt dann zum großen finalen Hoffnungssong „Let the sunshine in“, bei dem warmes Licht von hinten die Sonne in die Burg aufgehen lässt, direkt auf die Herzen der Zuschauer gerichtet.

Am 5. September 13 wird es eine Zusatzvorstellung von „Hair“ geben, die das Flower-Power-Schlusswochenende der 27. Burgfestspiele Bad Vilbel einleitet, mit „Hair“- Vorstellungen von Freitag bis Sonntag (6. – 8. September 13). Doch davor ist die Produktion noch an vielen Terminen im Juli und August zu erleben. Für einen genüsslichen Sommerabend eine wunderbare Sache.

Markus Gründig, Juli 13

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Side Show - Die Show ihres Lebens
Musical Inc. Mainz
Besuchte Vorstellung: 24. Mai 13 (Premiere)

Wer liebt mich
wie ich bin?

Mit Emily Skinner und Alice Ripley in der Rolle der Geschwister Daisy und Violet Hilton brachte es die Broadwayinszenierung von „Side Show“ im Richard Rodgers Theater in der Saison 1997/98 immerhin zu vier Tony-Awards und einer Drama Desk Award Nominierung (und das bei starker Konkurrenz, in dieser Saison kamen u.a. auch „1776“, „Disneys´ Der König der Löwen“, „Ragtime“ und „The Scarlet Pimpernel“ heraus). Allerdings war der Produktion mit nur 91 Aufführungen kein großer Erfolg beschieden. Trotz der großartigen und vielseitigen Musik von Henry Krieger (mit dem Hauptsong „Wer wird mich lieben“) und dem gut gemachten Buch und den Gesangstexten von Bill Russel.
In Europa ist das Musical weitgehend unbekannt geblieben. Erst im vergangenen Jahr fand die europäische Erstaufführung am Theater für Niedersachsen in Hildesheim statt (in der deutschen Fassung von Christian Gundlach). Die Mainzer Uni-Theatergruppe Musical Inc. ist nun die erste europäische Amateurbühne, die die Rechte für dieses Musical erhalten hat. Die Studenten führen das Stück bis zum 7. Juni 2013 zehnmal im Hörsaal P1 auf dem Gelände der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz auf.

Das Musical erzählt die Geschichte der siamesischen Zwillinge Daisy und Violet Hilton, die an der Hüfte zusammengewachsen sind. Vom Abnormalitätenkabinett einer Side Show schaffen sie es ins Vaudeville, legen eine beachtliche Karriere hin und erringen nationale Bekanntheit. Privates Liebesglück bleibt Ihnen allerdings entsagt. Es hat sie tatsächlich gegeben (1908 – 1969). Wobei das Musical keine Biografie der Geschwister ist. Es ist eine anrührende Geschichte. Wann stehen Menschen mit Behinderung schon im Mittelpunkt eines Stücks und strahlen dabei noch und beglücken das Publikum?


Side Show - Die Show ihres Lebens

Musical Inc. Mainz
Ensemble
Musical Inc. Mainz

Dabei ist es keine Soloshow der Zwillinge, sondern ein großartiges Ensemblestück. Es muss also nicht ständig ein Musicalklassiker wie „Anatevka“, „Hair“ oder „My Fair Lady“ sein. Das durchkomponierte „Side Show“ bietet mit einer rund 450-seitigen Partitur einen ausgefallenen Mix unterschiedlicher Stile wie Swing, Jazz und auch Charleston (darunter auch Partien in Fes-Dur), die zu einem harmonisch Ganzen zusammengefügt wurden. Berührende Balladen treffen auf fetzige Nummern, so soll es sein. Die MusicalInc. bringt es mit einem hinter der Bühne platzierten 12-köpfigen Orchester unter der Leitung von Thomas Wagner dabei zu einem vielseitigen Klangerlebnis.

Star des Abends sind Laura Heinz in der Rolle der aufgeschlossenen und praktisch veranlagten Daisy und Janina Jungbluth in der Rolle der nachdenklicheren, zaghaften Violet. Erst mit dunkelbraunem langen und gelocktem Haar, erstrahlen sie dann im zweiten Akt mit blondem Haar und weißen Roben. Dabei geben sie sich zurückhaltend, vermitteln ihre Zweifel, ihre Wünsche und Sehnsüchte authentisch, ohne zu übertreiben. Und betören in ihren Soli wie Duetten (und auch mit ihren adretten Kostümen). Hauptsong ist das Duett „Wer liebt mich, wie ich bin?“, das hier in einem grandiosen emotionalen Finale vor der Pause mündet.
Im Mittelpunkt stehen auch Lukas Witzel als ehrgeiziger Buddy Foster und Johannes Lotz als geschäftsorientierter Terry Connor, beide singen Klang- und Stimmschön. Dazu gefällt auch Elena Lorscheid als trinkfreudige Kabinettchefin und Daniel Bogacki als treue Seele und Beschützer Jake (wobei die meisten Rollen doppelt besetzt sind).

Das große und spielfreudige Ensemble ist zunächst als Freaks vertreten, also als Menschen mit außergewöhnlichen Merkmalen. So gibt es eine Frau mit Bart (Sophie Wolsfeld) und eine mit einer Schlangenhaut (Lisa Wickert). Aber auch einen Mann, der nachts Hühner mit seinen Zähnen köpft, einen Fakir, Haremsdamen u.v.m. Später tritt das Ensemble als rasende Reporter und Fangemeinde der Zwillinge auf. Es sind mitunter fast 40 Personen, die dann auf der kleinen Bühne des P1 stehen. Doch jeder hat seinen Platz und die Auftritte sind gut arrangiert und münden bei diesen Szenen stets in erstklassigen Schlussbildern. Erheiternd die „Nil-Szene“, die im ersten Akt ein Highlight ist. Ein kleines Tanzensemble (Elena Aumüller, Nadhezda Jung [Choreografie]), Anastassia Kudina und Marine Leick) fügt sich schwungvoll ein.

Bei der knapp dreistündigen Aufführung (inklusive einer Pause) bedarf es kaum eines Bühnenbildes. In der Ausstattung von Sara Gaußmann bestechen in erster Linie die schönen, bunten wie extravaganten Kostüme. Auf der Bühne gibt es neben einer kleinen Bank nur drei viereckige Plakatsäulen. Unter der Leitung von Henning Witte (Inszenierung) und Verena Bonnkirch (Regie Schauspiel) werden die siamesischen Zwillinge glanzvoll aber auch als Individuen gezeichnet. Der Spaß aller Beteiligter an dieser Produktion übertrug sich bei der Premiere auch auf das Publikum. Es gab zu recht ohrenbetäubenden Applaus. Aufführungen nur noch bis zum 7. Juni 13.

Markus Gründig, Mai 13

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Disnes Die Schöne und Das Biest
Budapester Operetten- und Musicaltheater zu Gast in der Alten Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 21. Dezember 12 (Premiere)

Mit Disneys „Die Schöne und das Biest“ wurde im Jahr 1997 das Stuttgarter Stage Palladium Theater (damals noch unter Federführung der Firma Stella als Musical Hall II bezeichnet) eröffnet. Mit Leah de los Santos als La Belle und Uwe Kröger als das Biest in den Hauptrollen. Die deutschsprachige Erstaufführung fand drei Jahre zuvor im Wiener Raimund Theater statt. Das Musical mit der Musik von Alan Menken lief zudem erfolgreich in New York und London. 1994 wurde es mehrfach mit dem wichtigsten Musicalpreis ausgezeichnet, dem Tony Award® (u.a. in der Kategorie „Best Musical“); zudem auch mit dem Drama Desk Award.
Seit 2010 ist es, mit Unterbrechungen, in einer Tourproduktion zu erleben (wobei es nach der en suite Bespielung in Stuttgart auch noch en suite in Oberhausen und Berlin zu sehen war). Das Besondere dieser Tourproduktion ist, dass sie vom traditionsreichen Budapester Operetten- und Musicaltheater (KERO) stammt und hier vom Musical und Showexperten BB Promotion durchgeführt wird. Mit einer komplett ungarischen Besetzung, aber in deutscher Sprache. Zur Weihnachtszeit 2012/2013 macht die Produktion Station in der Frankfurter Alten Oper. Nach der Premiere vom 21. Dezember 2012 finden nun noch bis zum 6. Januar 2013 fast täglich Vorstellungen statt.


Disneys Die Schöne und das Biest
Budapester Operetten- und Musicaltheater in der Alten Oper Frankfurt
Belle (Kitti Jenes), Biest (Sándor Barkóczi)
Foto: Markus Gründig

In Anbetracht des aufwendigen und farbenfrohen Bühnenbilds von István Rózsa fällt es schwer, von einer Tourneeproduktion zu sprechen. Mit einem nahezu verschwenderischen Aufgebot an aufwendig gestalteten Kostümen und großen Bühnenbauten könnte man die Produktion auch locker als en suite-Produktion dauerhaft laufen lassen. Dabei ist die Bühne in der Alten Oper nicht für szenische Bühnendarbietungen gebaut worden. Meistens wird sie für Musiker genutzt, wenn etwas das hr-Sinfonieorchester oder das Frankfurter Museums- und Opernorchester hier zu Gast ist. Es gibt weder Unterboden noch Seitenbühnen, ebenso ist die Bühnenmaschinerie hier begrenzt. Doch davon ist nichts zu spüren. Im Gegenteil, sogar eine Drehbühne kommt zum Einsatz und die Schöne und das Biest schweben auf einer Schaukel in luftiger Höhe. Die bunte Ausleuchtung (Lichtdesign: Péter Somfai) bezaubert, zuweilen ist sie geheimnisvoll und dunkel, wie etwa bei „Wie kann ich sie lieben?“. Trumpf des Musicals ist neben der Musik auch das verzauberte Personal des Prinzen, das so illustre Figuren wie einen Kerzenleuchter, eine Teekanne und eine Standuhr aufweist. Die großartig gestalteten Kostüme wurden von Erzsébet Túri entworfen. Bei all der visuellen Opulenz gerät dann auch gerne in Vergessenheit, dass mitunter der Akzent der deutsch sprechenden und singenden ungarischen Darsteller unüberhörbar ist.


Disneys Die Schöne und das Biest
Budapester Operetten- und Musicaltheater in der Alten Oper Frankfurt
Ensemble
Foto: Markus Gründig

Insgesamt gibt es für jede Vorstellung über 100 Beteiligte: 15 Solisten, 26 Ensemblemitglieder, 21 Musiker, Techniker und Crew. Zwar sind die Musiker leider erst beim Schlussapplaus zu sehen, nichtsdestoweniger ist es lobenswert, dass die Musik nicht vom Band eingespielt wird. Unter der musikalischen Leitung von László Makláry entfaltet das Orchester die gefühlsvolle Musik Alan Menkens mit großem Pathos.
Und die Darsteller geben von der kleinsten Partie bis zu den Hauptrollen alles und vermitteln so große Freude und großes Theater. Schließlich ist das Familienmusical mit der anrührenden Geschichte der aufrichtigen und eigensinnigen Belle vor allem ein Ensemblemusical. Das zeigt sich bei den Nummern im Dorf und im Gasthaus. Höhepunkt ist die Szene „Sei hier Gast“, bei sich das verzauberte Personal alle Mühe gibt, Belle den Aufenthalt im Schloss so angenehm wie möglich zu machen. Verzaubert wird hierbei nicht nur Belle, sondern das ganze Publikum. Neben einem großen Aufgebot an ausgefallenem lebenden „Inventar“, wie Besteck und Porzellanteller, gibt es hier neben der optischen Verführung durch die Kostüme auch artistische Einlagen, mit mehrfach Salti, Einhandständen und gelaufenen Handständen und natürlich gibt es auch viele schöne Tanzszenen und selbst die Wölfe bestechen durch ihre geschmeidigen wie kraftvollen Bewegungen (Regie: György Böhm; Choreografie: Éva Duda).


Disneys Die Schöne und das Biest
Budapester Operetten- und Musicaltheater in der Alten Oper Frankfurt
Madame de la Grande Bouche (Ildikó Sz. Nagy), Herr von Unruh (Tamás Földe), Babette (Mara Kékkovács), Lumière (Ádám Bálint)
Foto: Markus Gründig

Gesungen wird auf hohem Niveau. Sándor Barkóczi hat als „das Biest“ zwar das Nachsehen, dass sein Gesicht die meiste Zeit unter der Maske des Biests verborgen bleibt, seiner kräftigen Stimme schadet das aber nicht. Sein großer Auftritt bei „Wie kann ich sie lieben?“ gelang ihm ausdrucksstark, mit wunderbar lang gehaltenem Schlusston. Dabei ist er kein statisch umher stolperndes Biest, sondern agil stets die verschiedenen Räume seines Schlosses durchlaufendes Wesen. Kitti Jenes füllt die Rolle der liebreizenden Belle passgenau aus, kein Wunder, dass neben dem Biest auch Frauenliebling Gaston ein Auge auf sie geworfen hat. Als dieser bringt sich Attila Németh gut in Szene, wie auch Ádám Bálint als Lumière. Mit großer Spielfreude warten auch Mara Kékkovács als Babette, Nikolett Füredi als Madame Pottine, Lászl Ó Sánta als Lefou, Tamás Földe als Herr von Unruh und Ildikó Sz. Nagy als Madame de la Grande Bouche auf.
Gut gemachte 2 ½ Stunden Unterhaltung für große und kleine Märchenfreunde, viel Applaus und Standing Ovations.

Markus Gründig, Dezember 12

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Sweet Charity
The English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 11. November 12 (Premiere)

„Without love, life has no purpose"

Im November vor sechs Jahren hatte Cy Colemans Kriminalmusical „City of Angels“ Premiere im English Theatre Frankfurt. Jetzt, fünf Jahre später, zeigt das Theater sein erfolgreichstes Musical: „Sweet Charity“. Es basiert auf Federico Fellinis Oscar prämierten Film ,,Die Nächte der Cabiria" von 1957 und wurde 1966 in New York uraufgeführt. Bekannt wurde es vor allem durch die 1969er Filmversion mit Shirley MacLaine in der Rolle der Sweet Charity. Nicht nur deshalb liegt die Messlatte für die Inszenierung des English Theatre Frankfurt besonders hoch. Sondern auch, weil die letzten Musicalproduktionen (wie „Hair“ oder ,,Spring Awakening") überaus erfolgreich waren. So konnte die letztjährige Musicalproduktion von „Who's Tommy“ allein bei den Vorstellungen in Frankfurt knapp 33.000 Besucher zählen (danach ging die Produktion des English Theatre Frankfurt sogar auf eine bundesweite Tournee). Für Regisseur Ryan McBryde, der sich inzwischen durch seine erfolgreichen Musical-Regiearbeiten am English Theatre Frankfurt überregionale Reputation erworben hat, war das Stück eine besondere Herausforderung, steht doch, anders als bei seinen bisherigen Produktionen, eine Frau im Mittelpunkt des Stücks: Charity Hope Valentine, schon die drei Namen sagen alles über ihren Charakter. Sie sehnt sich nach der großen Liebe und wird bei der Suche danach immer wieder mit der schnöden Alltagswelt konfrontiert, in der die Männer nun einmal ganz normale Menschen und keine Prinzen sind. Was Charitys Figur von anderen abhebt, ist insbesondere ihre unbändige Lebensfreude, Energie und Offenheit. Auch wenn sie damit ihren Kolleginnen auf die Nerven geht und sie ihre Witze über sie machen, am Ende sind es aber gerade diese menschlichen Qualitäten, die sie an ihrem „Baby“ schätzen.


Sweet Charity
The English Theatre Frankfurt:
v.l.n.r.: Frenchy (Felicity Wright),  Carmen (Gabriela Garcia), Nickie (Caroline Deverill),
Helene (Francesca Ellis), Rosie (Lucy Glover), Ursula (Chantelle Carey)

Foto: Bobby Anders

Das Musical ist ein typisches Produkt der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Handlung spielt im New York der Entstehungszeit, also in der Mitte der 60er. Anders als Cy Colemans viele Jahre später entstandenes Musical „The Life“, läuft die Handlung von „Sweet Charity“ zwar ebenfalls im Rotlichtmilieu, aber eher in einer „Light-Version“. Charity ist ein Animiermädchen in einer Tanzbar, mehr nicht.
Bühnenbildner Diego Pitarch (auch zuständig für die Kostüme) schuf für die kleine Bühne des English Theatre Frankfurt ein maximal mögliches Bühnenbild. Die Szenerie beherrscht ein Bild des „Fandango-Tanzpalasts“, ein Club in New York, der nicht unbedingt zum angesagtesten Club der Stadt zählt (im Hintergrund: die Skyline einer Großstadt). Ausgestattet mit einer hölzernen Balustrade und mit rotem Plüschstoff verzierten Wänden, spiegelt sich hier auch das in der Nähe befindliche Frankfurter Bahnhofsviertel wider. Neben kleinen Häuschen an den Seiten, einem luxuriösen Bett und einer Aufzugskabine sind eine handvoll Boxen (als Büro-, Eß- und Schminktische) und eine fahrbare Treppenanlage mit Ausguckempore die zentralen Bühnenelemente. Für die verschiedenen Spielorte (Park, Pompeji-Club, Vittorio Vidals Wohnung, Foyer des YMHA, Kirche „Rhythmus des Lebens“, Zug der Subway, Coney Island, Barneys Chile Hacienda etc.) werden sie geschickt von allen Seiten bespielt.
Was diese Produktion auszeichnet, ist aber auch die intensive warme und bunte Ausleuchtung (Lichtdesign: Ben Cracknell) und die farbenfrohen wie ausgefallenen Kostüme von Diego Pitarch. Einfach schön: die bunten Regenschirme in der Szene im Freizeitpark Coney Island.

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Sweet Charity
The English Theatre Frankfurt:
Charity Hope Valentine (Kate Millet)
Foto: Bobby Anders

Ryan McBryde belässt es nicht einfach dabei, das Musical eins zu eins zu inszenieren, er wirft bei allem historischen Tribut auch einen Blick von heute auf „Sweet Charity“. So werden zu Beginn dem Publikum Kartons mit Sprüchen wie „Give us money we are pretty“ oder Charitys Credo „Without love, life has no purpose“ demonstrativ entgegen gehalten, die auf die Vereinsamung der Menschen inmitten unserer urbanen Gesellschaft hinweisen.

Als „leading female artist“ brilliert die britische Sängerin Kate Millest, die diese Rolle sängerisch, tänzerisch und schauspielerisch mit Bravour meistert und bei alledem stets vor Lebensfreude, Gutmütigkeit und Humor überzuschäumen droht. Dabei wirkt die ehemalige Turnerin bei alledem stets authentisch, nie übertrieben. Bravo! Das sie auf einer Hand ein Rad schlägt, während sie mit der anderen Hand den Hut auf dem Kopf festhält und dann auch noch aus dem Stand zwei Rückwärtssalti schlägt und dabei herzensfroh singt wie ein Vogel im Frühling zwitschert („If my friends could see me now”), sei nur am Rande erwähnt. Allein wegen Millest lohnt sich ein Besuch der Aufführung.

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Sweet Charity
The English Theatre Frankfurt:
Oscar Lindquist (Ian Virgo), Charity Hope Valentine (Kate Millet) und Ensemble
Foto: Bobby Anders

Doch auch die anderen elf Darsteller geben ihr Bestes, auch wenn sie rollenbedingt nicht so stark im Mittelpunkt stehen wie nun einmal Sweet Charity. Dabei übernehmen alle zusätzlich auch zahlreiche Ensemblerollen.
Viel gute Laune versprühen die Ladies bei ihren Songs „There's gotta be something better than this” und bei „Baby, dream your dream“ (mit Soli von Caroline Deverill [Nicki] und Francesca Ellis [Helene]).
Ian Virgo überzeugt nicht nur als lässiger italienischer Filmstar Vittorio Vidal, der seiner wahnsinnig eifersüchtigen Freundin Ursula (Chantelle Carey) verfallen ist. Als von Klaustrophobie gequälter Buchhalter Oscar Lindquist spielt er großartig (wie allein in der von der Pause unterbrochenen Aufzugsszene). Michael Peters zeigt auch als Muskelpaket Monty tänzerische Qualitäten und Jo Servi gefällt als kurioser Daddy Brubeck.

Regisseur und Choreograf der New Yorker Erstproduktion war Bob Fosse. Sein Tanzstil ist einmalig und weltbekannt. Die Tanzszenen bei „Rich man's frug“ und in der Kirche „Rhythmus des Lebens“ (mit Astronautenanzügen und silberfarbenen Gymnastikbällen schön schrill) würdigen Fosses Stil und haben dennoch ihren eigenen Charakter (Choreografie: Sam Spencer-Lane).

Die Band spielt leider verdeckt, wartet unter der musikalischen Leitung vom routinierten Thomas Lorey aber mit einem breiten Sound auf, der eher ein großes Orchester vermuten lässt, als ein Sextett.

Eine einmalige Kate Millest, ein starkes Ensemble, heiße Tanzszenen (wie „Big Spender“) und farbenfrohe Bühnenbilder machen diese Musicalproduktion zu einem Erlebnis.

Markus Gründig, November 12

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La Cage aux Folles
Staatstheater Darmstadt
Besuchte Vorstellung: 29. September 12 (Premiere)

Kaum zu glauben, aber dennoch wahr. Erst jetzt erlebte das Musical „La Cage aux Folles“ seine Darmstädter Erstaufführung. Was insoweit verwundert, als das Staatstheater Darmstadt das Genre Musical kontinuierlich pflegt. Inszeniert wurde es vom Intendanten John Dew, der die Möglichkeiten seines Hauses nutzte und eine prachtvolle Inszenierung vorlegte. Opulente Optiken, allen voran die exquisiten, fantastischen und farbenfrohen Kostüme für die Cagelles aus dem Tanzensemble begeistern. Anders als bei der jüngst am Volkstheater Frankfurt gezeigten derb liebevollen hessischen Version von Thomas Bäppler-Wolf, spielt die Handlung am Originalschauplatz in St. Tropez. Wie es auch weitere Unterschiede gibt. Die am Volkstheater Frankfurt in das Zuhause von Albin und Georges integrierte Szene im Restaurant „Chez Jaqueline“ gibt es in der Darmstädter Fassung eigenständig (mit einer strahlenden Anja Bildstein in der Rolle der Jaqueline). Dafür ist die Rolle des schwulen und bühnensüchtigen Butlers Jacob komplett gestrichen worden und die Cagelles sind namenlose Tänzerinnen, es gibt also keine namentlich benannte Chantal, Hanna, Mercedes oder Phaedra. So fehlt dem Stück schon etwas an schwuler Subkultur, für das es ja bekannt ist. Allerdings genau darum geht es John Dew, wie er im Programmheft erläutert. Neben seinem hohen Unterhaltswert ist das Stück ein Plädoyer gegen die Diskriminierung Andersartiger. Und so wird das schwule Paar Albin und George hier als fast „normal“ gezeigt, ohne übertriebene Marotten und ohne tuntig, tuckigem Umfeld.


La Cage aux Folles

Staatstheater Darmstadt
Cagelles (Herren des Tanztheaters)
© Barbara Aumüller www.szenenfoto.de

Wenn auch namenlos, die Cagelles des Tanzensembles sind eine Wucht (wenn auch stimmlich etwas schwach). Mit ihren langen, schlanken Beinen wecken sie bei so mancher Frau im Publikum großen Neid. Das gilt erst recht für ihre exaltierten Hüte mit Pariser Sehenswürdigkeiten (wie dem Eifelturm, Notre Dame, Basilika von Sacré Coeur oder den Arc de Triomphe) oder ihre ausladenden, farbenfrohen neobarockhaften Reifröcke. In den Choreografien von Julio Viera Medina machen sie eine glänzende Figur und zeigen Eleganz und sportliche Attitüde gleichermaßen. Manche Bilder erinnern an den Stil von Broadwaylegende Bob Fosse. Höhepunkt für viele im Publikum war eine Szene mit rosafarbenen Fächern aus Federn, die erst wie eine Welle bewegt wurden und sich dann zu einem großen Herz formten. 


La Cage aux Folles

Staatstheater Darmstadt
Zaza / Albin (Randy Diamond)
© Barbara Aumüller www.szenenfoto.de

Für die Besetzung der Hauptrollen wurden zwei Musicalprofis verpflichtet. Ansgar Albert Maria Schäfer hat in der Rolle des Georges schon Erfahrung, spielte er sie doch bereits 2005 bei der „La Cage“-Inszenierung des Staatstheater Wiesbaden. Er gibt den Georges mit großer Natürlichkeit als starken Mann im Haus. Randy Diamond als empfindsamer Albin und mit Starallüren als Zaza ist der Mittelpunkt dieser Inszenierung. Mit viel Charme und großer Ausstrahlung kann er viele Facetten zeigen und berührt. Überaus kraftvoll und männlich fiel sein voll Empathie gegebener „Ich bin, was ich bin“-Song aus.
Schön: Stefan Reils „Für immer mit Anne im Arm“ als Jean-Michel sowie Hannah Garner als Anne und Gundula Schulte als Marie Dindon. Viel aus seiner kleinen Rolle herausholen kann Franz Nagler als Abgeordneter Edouard Dindon. Mit tiefer Stimme gibt er einen herrlich konservativen Wüterich, der später im roten Fummel und Strapsen die große Showtreppe herunterpoltert. 
Nicht zu aufwendig, aber dennoch ergreifend: die Bühne von Heinz Balthes. Das großzügige Wohnzimmer mit Galerie von Albin und Georges hat eindeutige schwule Bildobjekte, Statuen und Blumensträuße, später dann einen passenden katholischen Stil mit überlebensgroßer Maria. Eine große Fototapete von St. Tropez versetzt den Zuschauer an die Côte d'Azur und funkelnde Lichterketten in den Nachtklub „La Cage aux Folles“ (wo zum Schluss die Tänzerinnen im Glitzeranzug selbst die Schlussszene von „A Chorus Line“ in den Schatten stellen). Das reduzierte Staatsorchester Darmstadt spielte unter der musikalischen Leitung von Bartholomew Berzonsky sängerfreundlich, also nicht zu laut (etwas mehr hätte es schon sein dürfen). Großer und langer Applaus.

Markus Gründig, September 12

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SnoWhite ~ Was wirklich geschah
Theater Bonn
Besuchte Vorstellung: 2. September 12 (Premiere)

Zur Uraufführung des Musicals SnoWhite ~ Was wirklich geschah“ titelte die Zeitschrift Musicals im Jahr 2000 „Fragwürdige Uraufführung“ (Heft 86). Jetzt, zwölf Jahre nach der Uraufführung, wurde am Theater Bonn eine vollständig überarbeitete Version von Frank Nimsgerns Werk vorgestellt: SnoWhite reloaded. Unter der Regie von Elmar Ottenthal (Falco/Gaudi) entstand eine erstklassige Produktion, die tolle visuelle Eindrücke, schöne Stimmen, artistisch angehauchte, fantastische Tanzeinlagen und eine rockige Gesamtatmosphäre mit viel Spaß und Witz bietet. Von dem nach wie vor etwas holprigen Buch abgesehen (gerade im ersten Akt wechseln die Szenen recht abrupt), ist die aktualisierte Fassung eine runde Sache, die begeistert.


SnoWhite ~ Was wirklich geschah
Theater Bonn
Aino Laos(Queen) und Nina Alexandra Filipp, Sabine Lindlar, Angelina Curilova,
Tatjana Jentsch, Sandra Gabriela Malik, Kateryna Morozova, Valerie Potozki (Hexen)

© Lilian Szokody (www.szokody.de)

Vorteil der Produktion ist u.a., dass das Bühnenbild nicht zu aufwendig gestaltet wurde und dennoch außergewöhnlich starke Bilder geboten werden. So ist die Übernahme für andere Spielstätten relativ leicht möglich (wie dem Bonner Generalanzeiger zu entnehmen war, soll die Produktion nach den geplanten 22 Bonner Vorstellungen in einer abgespeckten Version auf Tournee gehen). Hauptbestandteil sind variable Videowände, die an den Seiten lamellenhaft gestaltet sind (und sich zu einer Spiegelfläche drehen lassen). Auf diese werden fantastische Filmsequenzen projiziert, etwa von mystischen und geheimnisvollen Landschaften. Mit diesen und mit Gazetransparenten werden allein schon rein optisch fesselnde, atmosphärisch dichte Stimmungen erzeugt. Highlight ist die aus dem Boden hoch fahrende Hexenbar mit dem einfallsreichen Titel „Witches Inn“. Die spacig anmutende Bar chargiert zwischen Eispalast und coolem Club.
Auf der Bühne selbst sind Requisiten (wie ein großer Käfig für den Jäger, ein Thron für die Königin oder ein Glassarg für Snowhite), eher spärlich vorhanden, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Umso bunter und ausgefallener sind die grandiosen Kostüme von Judith Adam. Seien es die opulenten Kleider für die Queen, die kreativen und wilden Kleidungsstücke für die sieben Zwerge (mit illustren Schirmkonstruktionen,) oder die scharfen schwarzen Lederanzüge für die rothaarigen Spiegelhexen: Die Augen werden vielseitig verführt.


SnoWhite ~ Was wirklich geschah
Theater Bonn
Ensemble
© Lilian Szokody (www.szokody.de)

Für einen nachhaltig hervorragenden Eindruck sorgt auch das starke Ensemble. Die wenigen Hauptrollen sind richtig gut besetzt und die Spiegelhexen und die Zwerge begeistern mit ihrem tänzerischen und darstellerischen Können. Im Zentrum steht die spiegelbildsüchtige Queen. Sie wird von Aino Laos verkörpert, die diese Rolle bereits bei der Uraufführung 2000 am Staatstheater Saarbrücken innehatte. Sie begeistert mit ihrer unglaublichen Energie und kraftvollen Stimme, die sie bei den rockigen Songs wie „Queen Superstar“ oder „Mach dich schön“ eindrucksvoll unter Beweis stellt.
Als Bonus dieser Inszenierung kann zweifelsohne das Engagement von Textautor Frank Felicetti gesehen werden, der hier zusätzlich die Rolle des Oberzwergs Minitou verkörpert. Von ihm gibt es ein grandioses Potpourri von Gassenhauern, Schlager-, Pop und Rocksongs, so dass man von seinen schier unendlich scheinenden Stimmfärbungen stark beeindruckt ist (auch wenn es inhaltlich so gar nicht in die Geschichte passt, egal: es kommt gut an) .
Als Snowhite gefällt die bezaubernde Michaela Kovarikova mit einem anrührenden „Frei wie der Wind“, als naturhafter Bursche und Jäger John Davies (alternierend: Fabrizio Barile) mit seinem souverän mit „Wohin der Weg mich führt“. Ihr balladenhaftes Duett „Für immer“ bildet einen musikalischen Höhepunkt, der das Herz rührt.


SnoWhite ~ Was wirklich geschah
Theater Bonn
Michaela Kovarikova(Snowhite), Nina Alexandra Filipp(Hexe), Ensemble
© Lilian Szokody (www.szokody.de)

Choreografin Brigitte Breternitz nutzte bei den Zwergen deren Talent für Breakdance. So sorgen deren Tanzeinlagen wie auch ihre leichtfüßigen Bewegungen für eine heitere, gelöste Stimmung. Die Spiegelhexen wiederum trumpfen mit ihrem wilden Auftreten auf.
Regisseur Elmar Ottenthal hat all dies geschickt zu einem ganzen Runden zusammengefügt, das mit seinen vielen Tanzszenen und großen Bildern viele Musicalfans stark begeistern wird. Die kleine Live-Band wurde hinter der Bühne platziert, so wird der Orchestergraben mit genutzt. Besuchern auf den vorderen Plätzen sind die Stars dann plötzlich ganz nah.
Komponist Frank Nimsgern steht auch bei dieser Produktion an seinem Keyboard und leitet seine Live-Band zu einer noch kraftvolleren, energetisch aufgeladenen Fassung dieses Musicals. Aus Anlass dieser überarbeiteten Version erschien zeitgleich zur Premiere eine neue CD, die mit 24 Titeln und einer Spieldauer von 71:45 Minuten erfreut (Booklet leider ohne Songtexte, diesbezüglich wird auf die Webseite des Musicals verwiesen).

Am Ende starker und intensiver Applaus, auch wenn nicht alle Premierengäste ausgewiesene Musicalfans waren.

Markus Gründig, September 12

Infos zum Stück

Kiss me, Kate
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 24. Juni 12

Alles wunderbar

Wie in den vergangenen Jahren führen die Burgfestspiele Bad Vilbel auch dieses Jahr wieder einen wahren Musicalklassiker auf. Nach zuletzt „My Fair Lady“ und „Anatevka“ ist dieses Jahr Cole Porters „Kiss me, Kate“ an der Reihe. Das Musical hatte im Jahr 1948 seine Broadway-Premiere. Es wurde mit 5 Tony-Awards ausgezeichnet und entwickelte sich mit der vom Jazz und Swing beeinflussten Musik schnell zu einem Hit. Dabei war das Genre Musical zur damaligen Zeit noch recht jung. Die deutsche Erstaufführung fand 1955 in Frankfurt/Main statt. Hier wurde es zuletzt (vor 10 Jahren) in der Komödie gespielt (mit Petra Constanza als Lilli Vanessi/Katharina und Hardy Rudolz als Fred Graham/Petruchio). Zudem war es ab Oktober 2009 am Staatstheater Wiesbaden zu sehen (mit Annette Luig als Lilli Vanessi / Katharina und Dirk Schäfer als Fred Graham/Petruchio)
„Kiss me Kate“ verwendet mit Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ eine literarische Vorlage und bietet eine Geschichte, die äußerst vergnüglich die Welt des Theaters und die Alltagswelt der Darsteller verbindet. Eine Geschichte, die voller Irrungen und Wirrungen, Liebe und Eifersucht, Geltungssucht und auch ein wenig Kleinkriminalität ist.


Kiss me, Kate

Burgfestspiele Bad Vilbel
Fred Graham/Petruchio (Thorsten Tinney) / Lilli Vanessi/Katharina (Sigrid Brandstetter)
Foto: Eugen Sommer

Überstrahlendes Paar Sigrid Brandstetter und Thorsten Tinn

In der Inszenierung der Burgfestspiele Bad Vilbel ist es vor allem das Paar Sigrid Brandstetter und Thorsten Tinney, die dem Musical Feuer und Schmiss geben. Sigrid Brandstetter ist eine brillant widerborstige, zänkische und doch tief empfindende Lilli Vanessi/Katharina, die nur so vor Energie überschäumt. Herrlich „die schlimmste Zunge Paduas“ in ihren Allüren zu sehen und schön ihr Gesang dazu („Kampf dem Mann“). Thorsten Tinney gibt den Fred Graham/Petruchio nicht nur mit Erhabenheit, Stil und Witz, er gefällt auch stark gesanglich („Ach, wärst du doch so hold“ und „Wo ist die liebestolle Zeit“). Und dass es zwischen ihnen nach all dem Durchgemachten immer noch prickelt, zeigen beide deutlich (wie bei "Wunderbar – Ich bin dein für alle Zeit").
Das hohe Niveau der Burgfestspiele Bad Vilbel zeigt sich auch bei den weiteren Darstellern. Marc Lamberty gibt einen schmissigen Bill Calhoun/Lucentio und Verena Mackenberg eine attraktive, sportliche und spielfreudige Louis Lane/Bianca. Zunächst noch etwas verhalten wirkend, spielen sich Dirk Hinzberg und Raphael Koeb als das Ganovenpaar dann schnell in die Gunst des Publikums und erhalten für ihre Nummer „Schlag´ nach bei Shakespeare“ tosenden Applaus.

Regisseur Egon Baumgarten ging mit großen Effekten sparsam um, wie auch die Bühne und die Kostüme (Ausstattung: Thomas Pekny) nicht im farbenfrohen Allerlei versinken. So ist das Auge von äußeren Einflüssen nicht abgelenkt, die spielfreudigen Darsteller kommen umso stärker zur Geltung. Die Bühne zeigt eine schlichte Stahlkonstruktion auf zwei Ebenen, die die Rückwand eines Bühnenaufbaus andeutet. Auf ihnen kann sich das große Ensemble glanzvoll präsentieren (zusammen mit dem VilbelCanto Chor sind es 30 Personen). Erst in schwarzen Anzügen, dann in teils weißen, teils schwarzen und zum großen Finale dann komplett in weiß, das sieht dann richtig chic aus. Wobei die Farbunterscheidungen auch zur Kennzeichnung genutzt werden (im Theater bzw. Theater im Theater). Ansonsten gibt es wenige Requisiten. Zwei Schminktische und Eingänge zu den Künstlergarderoben werden mehr lose angedeutet und legen das Spiel vom Theater im Theater offen. Das unter der Leitung von Thomas Lorey fidel musizierende Orchester sitzt verdeckt im Hintergrund. Das Tanzensemble hat beim Klassiker „Es ist viel zu heiß!“ seinen großen Auftritt (Choreographie: Stephan Brauer). Auch hier zunächst ein verhaltener Auftakt. Bei dem nasskalten Wetter des besuchten Abends rief der Satz „Es ist viel zu heiß!“ zunächst ein paar Schmunzler im Publikum hervor. Doch schnell griff die Leidenschaft und die Energie der Tänzer auf das Publikum über, auch hier ein großer Zwischenapplaus (Choreografie: Stephan Brauer).
Groß natürlich auch der Schlussapplaus, auch wenn so manche Frau verdutzt und mancher Mann erfreut war über das antiquierte Rollenbild, in das sich zum Schluss die Hauptprotagonistin Lilli Vanessi/Katharina fügt. Aber auch das ist ja nur Theater.

Markus Gründig, Juni 12

Infos zum Stück

La Cage aux Folles
Volkstheater Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 9. Juni 12 (Premiere)

Broadwayglanz am Main

Ein lang gehegter Traum von Bäppi la Belle alias Thomas Bäppler-Wolf ist nun endlich in Erfüllung gegangen. Das Musical „La Cage aux Folles“ in seiner Heimatstadt in hessischer Mundart. Von November 1989 bis März 1999 war das Stück im English Theatre Frankfurt zu sehen (mit Michael McLean als Albin und Kenn Derby als George), im Januar 2005 feierte es seine Premiere am Staatstheater Wiesbaden (mit Urs Affolter als Albin und Ansgar Schäfer als George). Das Volkstheater Frankfurt eröffnet nun damit seine letzte Spielzeit. Es ist ein überaus glanzvoller Auftakt, für das relativ kleine Haus schon eine Sensation. Auf der Bühne sind neben den sieben Darstellern sechs Tänzer (die Caschelscher) und vier Musiker beteiligt. Nicht zu vergessen vier Kulissenschieber, die hier ironisch neudeutsch als Stage Assistance Manager bezeichnet werden.
Auf der einen Seite ist man versucht zu sagen, hier wurde nicht gekleckert, hier wurde geklotzt. Denn derart viele prachtvolle Kostüme, Tanznummern und eine Liveband sind für ein Haus dieser Größe nicht selbstverständlich. Auf der anderen Seite bleibt die Produktion bodenständig, hebt nicht ab. Dabei ist sie die erste Produktion dieses Musicals, die in Deutschland in Mundart gegeben wird (wobei die Liedtexte der Stimmigkeit wegen im Hochdeutschen belassen wurden). Zu verdanken ist die Produktion vor allem Thomas Bäppler-Wolf, und Gisela Dahlem-Christ vom Volkstheater Frankfurt, die gemeinsam dieses Wagnis eingegangen sind.


La Cage aux Folles
Volkstheater Frankfurt
Zaza (Thomas Bäppler-Wolf)
© STU GRA PHO

Glamour, Glanz und viele Lokalbezüge
Die Hessische Fassung erarbeitete Thomas Bäppler-Wolf gemeinsam mit Gaines Hall, der auch für die Regie und die Choreografie verantwortlich zeichnet. Er hat einen ganz besonderen Bezug zu diesem Stück. Im Berliner Theater des Westens gab er hier in der legendären Produktion von Helmut Baumann die Sopranistin Chantal, die er auch am Theater Bremen und am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz verkörperte (dazu die Rolle des Albin in einer Produktion des Landestheater Eisenach).
Für das Bühnenbild zeichnet Rainer Schöne verantwortlich, der den ganzen Raum gut ausnutzt. Zwei Treppenelemente dienen als Showtreppe und als Teil des Wohnzimmers von Albert und Schorsch, das natürlich mit eindeutig homosexuellen Einrichtungsgegenständen dekoriert wurde (wie mit erotischen Bildern und einer Jünglingsstatue, der Wohnzimmertisch wird von einem goldenen Muskelboy getragen, dessen Gemächt ein Feigenblatt bedeckt).
Die Tänzerinnen treten durch Rundbögen mit Streifenvorhängen hervor, die Musiker wurden auf einem hohen Podest im Bühnenhintergrund platziert. Bei den Szenen im Club sind sie stets zu sehen (ansonsten verdeckt durch einen dünnen Vorhang). Das kleine Liveorchester (Klavier: Cordula Hacke; Saxophon, Klarinette, Flöte: Tansie Meyer; Bass: Götz Ommert; Schlagzeug: Robert Strobel) spielt unter der Leitung von Cordula Hacke nicht einfach die Noten nach, Hacke sorgte auch für ein eigenes Arrangement. Der Stil ist mitunter leicht jazzig, den bekannten Songs wurde so ein frischer, moderner Ausdruck verliehen.
Das eigentlich in St. Tropez spielende Stück wurde für die hessische Fassung nach Frankfurt verlegt. Und so heißt es dann auch treffend zum Beginn „Willkommen in Frankfurt, von jetzt an bis zum Finale nur noch Äppler“ (statt Champagner wie im Originalbuch). Statt von der Strandpromenade von St. Tropez wird hier vom Eisernen Steg und vom Main gesprochen.


La Cage aux Folles

Volkstheater Frankfurt
Schorsch (Wolf von Lindenau), Rosa (Marc Trojan), Karla (Eva Völl),
Berta (Keith Wilson), Hannah (Robert Schmelcher), Wilhelmina (Fausto), Ortrud (Nina Henrich)

© STU GRA PHO

Traumpaar Bäppler-Wolf und von Lindenau
Schlagfertigkeit beweist Thomas Bäppler-Wolf schon seit vielen Jahren in seinen Soloshows als Bäppi la Belle, wo er Abend für Abend das Publikum in seinen Bann zieht, ohne besonders auf Contenance zu achten. Auch als legendäre Hauptattraktion des Nachtklubs La Cage aux Folles lässt er es sich nicht nehmen, durch die Zuschauerreihen des Volkstheater Frankfurt zu gehen und spitze Bemerkungen abzugeben (und das Publikum schüttelt sich vor Lachen). Dabei nimmt er sich auch selber auf die Schippe (zu einem Gast im Publikum: „Wär die Zaza nicht so schwer, hätten wir Geschlechtsverkehr“). Thomas Bäppler-Wolf glänzt als Gesamtpaket, sei es mit seinem frechen Schlappmaul und derben Witzen, als Esprit versprühende und zickige Zaza, gehemmter Onkel Albert oder als bekümmerte und liebende Mutter. Neben seinem einzigartigen Mimikspiel und dem deutlich verbesserten Gesang, glänzt er in eleganten Roben, für die Bärbel Klaesius verantwortlich zeichnet. Sei es im blauen Abendkleid samt einem Kunstwerk als Kopfschmuck, im rot glitzernden Partykleid a là Liza Minelli oder auch nur in schwarzer Hose und mit einfachem grünen Jäckchen als Mutti, trotz seiner großen Statur macht er stets einen umwerfenden Eindruck. Alle anderen Kostüme, insbesondere die der Caschelscher, kommen von Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde
Wolff von Lindenau gibt als „normaler“ Homosexueller einen bodenständigen und diskreten Vollblut-Schorsch. Von seiner Begrüßung bis zum Schlussbild mit Albert („Wir sind jung und verliebt“) liefert er die beste und souveränste schauspielerische Leistung ab. Als Nachtklubbesitzer und Conférencier muss er ja für den Besuch der Schwiegereltern in spe seinen Beruf ändern. Hier wird er kurzerhand zum Kulturdezernent von Gießen ohne Tischmanieren. Zusammen geben Bäppler-Wolf und von Lindenau ein zu Herzen rührendes Traumpaar ab.
Dass, wenn es um Travestie geht, nicht alles so ist, wie es den Anschein hat, ist bekannt. Es geht aber auch anders herum. Der stets für exaltierte Auftritte sorgende obertuntige Butler Jacob (Patrick Dewayne) ist im echten Leben heterosexuell (am Tag der Generalprobe wurde er Vater einer Tochter).
Als erzkonservativer Abgeordneter und Generalsekretär Heinz Bembel der UOM, der Union Ordnung und Moral, versucht Publikumsliebling Steffen Wilhelm dem sündigen Etablissement zu entfliehen. Seine Frau Lisbeth Bembel (auch immer wieder gern gesehen: Sabine Isabel Roller) schwingt sich hingegen in Strapsen lustvoll galant die Showtreppe herab. Benedikt Ivo spielt und singt sich als Jan Michael nicht nur in das Herz von Biggi (anmutig und tänzerisch: Julia Leinweber), sondern in alle Zuschauerherzen.
Die Caschelscher, die Paradiesvögel des Nachtclubs „La Cage aux Folles“ kommen hier natürlich auch aus der Region: Berta aus Bad Homburg (Keith Wilson), Wilhelmine aus Wixhausen (Fausto Israel), Rosa aus Rüsselsheim (Marc Trojan), Ortrud aus Offenbach (Nina Henrich), Karla aus Kassel (Eva Völl), und Hannah aus Hanau (Robert Schmelcher) singen, strahlen und tanzen was das Zeug hält. Sie tanzen Can-Can, schlagen Rad, steppen und demonstrieren stehendes Spagat. Dies alles bei hohem Tempo und ohne aus der Puste zu kommen. „Bravo“ auch an Gaines Hall für diese Choregografie.


La Cage aux Folles

Volkstheater Frankfurt
Albert (Thomas Bäppler-Wolf), Schorsch (Wolf von Lindenau)
© STU GRA PHO

Am Ende tosender Beifall für einen wundervollen Abend. Und das ist nicht als leere Worthülse gemeint. La Cage aux Folles im Volkstheater geht zu Herzen, unterhält glänzend und macht richtig gute Laune. Standing Ovations gab es schon nach wenigen Sekunden.

Markus Gründig, Juni 12

Infos zum Stück

Frühlings Erwachen
Musical Inc., Mainz
besuchte Vorstellung: 1. Juni 12 (Premiere)

Seit Jahren bereichert die Mainzer Musical Inc. nicht nur das kulturelle Angebot auf dem Gelände der Johann Gutenberg Universität Mainz, die Produktionen ziehen auch viele Musicalfans aus der Umgebung an. Nach den Musicals Rent und Pinkelstatt in den vergangenen Jahren folgte jetzt im Frühsommer 2012 das Musical „Frühlings Erwachen“. Das Musical heimste am Broadway im Jahr 2007 acht Tony Awards (die höchsten US-Theaterpreise) ein, darunter die Auszeichnung als „Best Musical“. Auch wenn es auf Frank Wedekinds gleichnamigen Stück aus dem Jahre 1891 beruht, sind die angesprochenen Themen Pubertätsprobleme und der Übergang von der Kindheit zum Erwachsen werden, auch heute noch aktuell. In der Saison 2010/11 war das Stück im English Theatre Frankfurt unter seinem englischen Titel „Spring Awakening“ zu sehen. Die Musical Inc. zeigt es jetzt ungekürzt und komplett auf deutsch (in der Übersetzung von Nina Schneider).


Frühlings Erwachen
Musical Inc., Mainz
Ensemble
© Philipp Masurert

Stimmiges Umfeld
Schon beim Betreten des Foyers zum Hörsaal P1 fällt positiv auf, mit welch liebevoller Akribie hier gearbeitet wurde. Auf den Stehtischen liegen historische Porträts aus, ganz so, wie man sie von der Großmutter bzw. Urgroßmutter her kennt. Dazu alte Bücher, wie eine Kurzfassung von Homers Odyssee oder verschiedene Romane, alle natürlich in altdeutscher Schrift. Historisierend wirken selbst die Getränkekarten. Das Glas- bzw. Flaschenpfand kann zugunsten des Mainzer Mädchenhauses gespendet werden (was passt, da es im Stück ja auch eine Jugendliche gibt, die von ihrem Vater misshandelt wird). Souvenirs wie Handytaschen, Stifte, Notizbücher gibt es zudem zu günstigen Preisen (was auch für das Programmheft mit auf alt getrimmten Fotos gilt, das nur 1 Euro kostet).
Derart auf vergangene Zeiten eingestimmt, geht es auf der Bühne nicht ganz so historisch zu. Das Einheitsbühnenbild besteht aus zwei aneinander stehenden dreistöckigen Etagenbetten (mit farbigen Matratzen). Dazu gibt es eine Vielzahl an Sitzkartons, die mit großen Buchstaben versehen wurden und aus denen sich stets neue Wörter ergeben, je nachdem wie die Kartons stehen (Bühnenbild: Alexandra Granieczny u.a.).

Stimmige Regiearbeit
Das Regieduo Frederic Jenewein und Steffen Storck hat es geschafft, die über 40 Mitwirkenden (darunter sie selber) gut und plausibel durch die dreistündige Aufführung zu bringen. Dabei ist zu bedenken, dass hier ja nicht Profidarsteller agieren, sondern Studierende der unterschiedlichsten Fachrichtungen. Viel Probenarbeit wurde geleistet und das Ergebnis zeigt, dass sich aller Aufwand gelohnt hat. Viel Applaus zum Schluss der Premiere und auch mehrfach zwischendurch (wie nach „So`n verficktes Leben“ und „Völlig im Arsch“).
Wilhelminische Strenge, Zucht und Ordnung bestimmte das Leben der Jugendlichen damals, da ist es nur zu verständlich, dass daraus allerhand Probleme folgten. Und diese werden hier gezeigt. Seien es unbekümmerte Schläge in den Genitalbereich, die bei einem der Jugendlichen zu einem steifen Glied führen, sei es die heimliche Masturbation im WC, Gruppenwichsen oder die Gelüste eines Schülers seiner vollbusigen Klavierlehrerin gegenüber. Wo die männlichen Jugendlichen stark triebgesteuert agieren, sind die jungen Frauen eher die emotional Berührten. Eine Mutter versagt darin, ihre Tochter aufzuklären und diese gibt sich schon bald nur zu offenherzig ihrer ersten großen Liebe hin, mit verhängnisvollen Folgen für alle. Es ist wahrlich kein oberflächliches hippo happy Musical. Dennoch weht stets eine Brise Unbekümmertheit mit, die einfach zur Jugend dazugehört (zudem gibt es auch einen versöhnlichen Schlusssong: „Das Lied vom neuen Sommer“).
Für Szenen im Klassenzimmer werden die Sitzkartons einfach geometrisch streng aufgereiht, umgedreht und zusammengestellt dienen sie später auch als Särge. Eine alte Kommode reicht als Bezug für die Szene im Haus der Familie Stiefel, eingespieltes Vogelgezwitscher für die Szenen auf der Wiese. Viel Sorgfalt wurde auf die Kostüme gelegt, hier sind es vor allem die Kleider der jungen Damen, die ausdrücklich zur Entstehungszeit der Buchvorlage Bezug nehmen (Kostüme: Lea Dannenberg u.a.).


Frühlings Erwachen
Musical Inc., Mainz
Alexandra Granieczny, Ulrich Jungblut
© Philipp Masurert

Stimmige darstellerische Leistung
Die meisten Rollen sind zweifach besetzt worden. Die nachfolgend Erwähnten spielten bei der besprochenen Premierenaufführung. Wie Sarah Potrafke, die der unaufgeklärten Wendla Bergmann ein naives und zerbrechliches Äußeres gab. Aber auch eines einer Frau, die mehr wissen will und vor allem, mehr erfahren will. Als kleiner Wolf im Schafspelz spielte Thomas Lang den intelligenten und bei toleranten Eltern aufgewachsenen Melchior Gabor. Stimmlich überraschte er mit dem Erreichen hoher Töne. Eine starke Präsenz mit starker Stimme bot Lukas Witzel als verunsicherter Moritz Stiefel. Isabelle Stettler gefiel als kämpferische und anpassungsfähige Bohemie Ilse Neumann, Verena Bonnkirch als von ihrem Vater geschlagene Martha Bessel. Bei ihrem berührenden Duett wurden sie schön von zwei Tänzerinnen in weißen Kleidern begleitet. Wie es generell erfreut, dass es bei dieser Produktion neben den vielen Darstellern und der Liveband auch ein kleines Tanzensemble gibt (Choreografie: Sina Eckardt). Das schauspielernde Regieduo gab ein überzeugendes Portrait über eine junge homosexuelle Liebe (Frederic Jenewein als Hänschen Rilow und Steffen Storck als Ernst Röbel). Die stärkste schauspielerische Leistung boten Alexandra Granieczny und Ulrich Jungblut, die die verschiedenen erwachsenen Rollen spielten. Granieczny als strenge, sittsame wie verständnisvolle Mutter (Bergmann / Gabor), als züchtige Lehrerin mit wirren Blicken und als sinnliche Verführerin am Klavier. Jungblut als kläffender Schuldirektor, strenger Vater und als Mediziner in Not. Wobei am überzeugendsten eigentlich die ansteckende, große Spielfreude aller, also die Gesamtleistung, zu nennen ist.

Gelegenheiten, das Musical mit rockigen Songs in der leidenschaftlichen Darbietung der jungen Darsteller zu erleben, bestehen noch bis zum 15. Juni 2012.

Markus Gründig, Juni 12

Infos zum Stück

Best of Musical Gala 2012
Festhalle Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 13. Februar 12 (Frankfurt-Premiere)

Auch 2012 beweist Stage Entertainment, dass sie die führende Kraft im Musicalgeschäft ist. Mit Shows in Berlin, Hamburg, Obernhausen und Stuttgart begeistert sie jeden Abend aufs Neue das Publikum.
Die exzellente Show „Best of Musical“ präsentiert einen bunten Querschnitt beliebter Songs aus aktuellen Produktionen und aus der Musicalschatzkammer. Erstmals 2004 vorgestellt, ist derzeit die fünfte Ausgabe unterwegs in zwölf deutsche Großstädte (nach 2004. 2006, 2007 und 2010). Wobei es nicht nur ein „Best of“ von eigenen Stage Entertainment Musicalproduktionen ist (von denen dieses Jahr „Dirty Dancing, Disneys „König der Löwen“, „Sister Act, „Tanz der Vampire“ und Disneys „Tarzan“®¨ vertreten sind).
Dieses Jahr trägt die Show den Untertitel „Musical meets Movie“ und präsentiert u.a. zusätzlich Songs aus „Burlesque“ und „Moulin Rouge“. Auch das Musical „Dreamgirls“ ist vertreten, bekannt wurde dieser Klassiker durch die Verfilmung mit Jamie Foxx, Beyoncé Knowles und Jennifer Houston in den Hauptrollen.
Auch „Rebecca“ fehlt nicht, das im Dezember 2011 seine Deutschlandpremiere im Stuttgarter Stage Palladium Theater hatte. Und als ein besonderes Highlight präsentiert die Best of Musical Gala 2012 bereits einen Ausblick auf die nächste Eigenproduktion: ROCKY, die im November im Hamburger TUI Operettenhaus-Theater ihre Uraufführung erleben soll.


Best of Musical Gala 2012

Festhalle Frankfurt, 13. Februar 12
Opening „Hunderttausend Watt“
© Markus Gründig

Großer Aufwand und Live-Orchester
In jeder Vorstellung präsentieren nicht nur acht Top-Solisten aus den Original-Produktionen 47 Songs aus 20 verschiedenen Hit-Musicals und Musical-Filmen. Sie werden auch von 16 Tänzerinnen und Tänzern begleitet. Ebenso anerkennenswert ist, dass die Musik nicht vom Band kommt, sondern wieder von einem 19 Musiker umfassenden Live-Orchester unter der Leitung von Bernhard Volk gespielt wird. 380 aufwendige und maßgeschneiderte Kostüme sorgen neben der akustischen Verzauberung auch für eine optische (Kostüme Reto Tuchschmid / Masken und Perücken: Harold Mertens). Die riesige Bühne besteht aus LED-Wänden, die meisterhaft stets aufs Neue Szenen imaginieren. Wie eine düster, geheimnisvolle für „Rebecca“ oder eine gruselig bläuliche für „Tanz der Vampire“ (Bühnenbild Jürgen Schmidt-André / Lichtdesign Manfred „Ollie“ Olma). Das Kreativteam ist nahezu dem von 2010 gleich. So zeichnet auch wieder Jani Walsh-Weber für Regie und Choreographie verantwortlich.


Best of Musical Gala 2012
Festhalle Frankfurt, 13. Februar 12
Opening „Hunderttausend Watt“ mit Elisabeth Hübert und Tanzensemble
© Markus Gründig

100.000 Watt in der Frankfurter Festhalle
Nach einer kurzen Ouvertüre eröffnete der von Sebastian de Domenico (Musik) und Heiko Wohlgemuth komponierte Song „Hunderttausend Watt“ den Abend. Jeder der acht Top-Solisten kam, effektvoll von Tänzern begleitet, aus den Tiefen der Bühne hervor und alle fanden sich zu einem schönen Gruppenbild zusammen. Von da an ging es Schlag auf Schlag weiter, mit meist drei Songs pro Musical/Musicalfilm. Keiner der acht Solisten wurde dabei besonders in den Vordergrund gestellt, das taten sie alle, jeder für sich, auf seine Art. Dabei war oftmals die Einbeziehung der Tänzer fließend, d.h. kaum zu erkennen. Eine überaus harmonische Gruppenleistung also.


Best of Musical Gala 2012
Festhalle Frankfurt, 13. Februar 12
Das Orchester bei “Rebecca”
© Markus Gründig

Sexy Damen und Herren
Fürs Auge gab es natürlich auch einiges. Die Damen zeigten sich beispielsweise bei „Dreamgirls“ in schulterfreien, elegant glitzernden blauen Kleidern (ein wenig an Meerjungfrauen anmutend), die Herren präsentierten oftmals oberkörperfrei ihre großen Muskeln und starken Körper. Top-Solist Alexander Klaws muss sich diesbezüglich übrigens nicht hinter seinen Tanzkollegen verstecken. Der ehemalige DSDS-Sieger macht auch im knappen und luftigen Tarzan-Kostüm einen überzeugenden, sportlichen Eindruck.
Ob acht Tänzerinnen nun zeitgleich ein Spagat am Bühnenrand hinlegen oder die Tänzer Handstände, Mehrfachsalti oder Spagatsprünge hinlegen, die Choreografie von Jani Walsh-Weber ist stets ausgefallen, sportlich orientiert und sehr rasant. Das verlangt den Tänzern einiges ab. Von Anspannung ist in den Gesichtern aber keine Spur zu erkennen (selbst von der ersten Reihe aus nicht). Sie strahlen immer mit ihrem schönsten Lächeln. Bravo!


Best of Musical Gala 2012
Festhalle Frankfurt, 13. Februar 12
Yngve Gasoy Romdal, Elisabeth Hübert und Tänzer bei: Tanz der Vampire
© Markus Gründig

Top-Solisten
Die Szenen greifen nahtlos ineinander über. Einzelne Blöcke werden charmant von den Solisten im Duo anmoderiert. Die Grand Lady der Musicalszene, Pia Douwes übernimmt keine Moderatorentätigkeit. Glänzt dafür aber als intrigante Mrs. Danvers im engen schwarzen Kleid (Musical „Rebecca“) bei ihrem Song „Sie ergibt sich nicht“, gibt sich gut gelaunt im Blaumann und mit Bohrmaschine ausgestattet im Musical „Mamma Mia!“ („Mamma Mia!“) und zeigt umrahmt von jungen sexy Tänzern bei „Burlesque“ ihre schönen Beine.
Alexander Klaws gibt sich inzwischen als alter Hase des Musicalbusiness ganz entspannt und souverän, vor allem bei „Fremde wie ich“ (Musical „Tarzan“®¨). „Draußen ist Freiheit“, im Duett mit Elisabeth Huber, scheint ihn gar zu unterfordern.


Best of Musical Gala 2012
Festhalle Frankfurt, 13. Februar 12
Moderation: Patricia Meeden und Mathieu Boldron
© Markus Gründig

Seine Deutschkenntnisse erheblich verbessert hat der Franzose Mathieu Boldron. Wo er bei „Endlose Nacht“ (Disneys „Der König der Löwen“) noch etwas unsicher wirkte, war er als Polizeibeamter Eddie Fritzinger bei „Tief in mir“ (Sister Act“) ganz in seinem Element als Comedian. Konstant auf hohem Niveau war natürlich auch Yngve Gasoy-Romdal, sei es als Graf Krolock (Tanz der Vampire) oder als ?„Kein Lächeln war je so kalt“ (Musical „Rebecca“). Wobei die Kälte ihn wohl etwas stark beeinflusst hat, insgesamt wirkte er nicht so leidenschaftlich dabei wie die anderen. Sabrina Weckerlin hat sich inzwischen stark entwickelt. Hier gefiel sie besonders bei den Songs aus „Dirty Dancing“. Patricia Meeden fiel besonders bei „Dreamgirls“ und „Sister Act“ auf. Bester Song war das höchst eindrucksvoll gesungene Duett „Roxane“ („aus „Moulin Rouge“) mit „DMJ“ David-Michael Johnson und Alexander Klaws, bei dem die Violinistin Annika Litzendorf die Gelegenheit bekam, ihr Solo am Bühnenrand zu geben.
Als einziges Ärgernis kann man ihn zwar nicht beurteilen, eher als etwas überflüssig: Der Exkurs zu „Rapunzel neu verföhnt“ und dem Disney Mix. In so einer Abendshow wirkt ein derartiger Kinderausflug fehl am Platz.

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Best of Musical Gala 2012
Festhalle Frankfurt, 13. Februar 12
Schlussapplaus
© Markus Gründig

Höhepunkt des Abends war der Ausblick auf „Rocky“, mit boxenden und fleißig trainierenden (Bauchübungen, einarmigen und einbeinigen Liegestützen, Seilspringen etc.) Protagonisten. Die beiden Songs „Eye of the tiger“ und „What about us“ weckten große Lust auf die Uraufführung im November. Da hielt es dann auch keinen mehr auf seinem Platz: Standing Ovations und viel Applaus für einen großartigen Abend!

Markus Gründig, März 12

The Who’s Tommy
English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 12. November 11 (Premiere)

Well a young man
He ain't got nothin' in the world these days
(aus “Young Man Blues”, covered von The Who, Original von Mose Allison)

Tommy is back in town. Naja, nicht ganz, denn schließlich fand im Sommer 1995 die deutsche Erstaufführung (in englischer Sprache) im benachbarten Offenbach statt (einen Ausschnitt des Bühnenprogramms gab es allerdings im Sommer 1995 beim „Sound of Frankfurt“ Openair auf der Zeil). Im eigens umgebauten Offenbacher Musicaltheater, dem heutigen Capitol-Theater, wurde die Original Broadwayinszenierung von Regisseur Des McAnuff im Bühnenbild von John Arnone für 1 ¼ Jahre gezeigt. Nachfolgende Produktionen müssen inzwischen nicht mehr die Originalinszenierung übernehmen, was den Regisseuren mehr Freiräume gibt. Und Ryan McBryde, der am English Theatre Frankfurt bereits fast schon als Hausregisseur angesehen werden kann, macht sich dies bei seiner Umsetzung zugute. Zuvor inszenierte er am Haus bereits sehr erfolgreich die Musicals „Spring Awakening“, „The Full Monty“ und „Hair“, wie auch die Theaterstücke „Hysteria“, „Deathtrap“ und „The Fox“.


The Who’s Tommy

English Theatre Frankfurt
Tommy (Leo Miles) und Ensemble
© Bobby Anders

Bei The Who’s Tommy werden eingefleischte Tommy-Fans mit einigen Überraschungen und neuen Liedern konfrontiert, denn McBryde hat die Geschichte des tauben, stummen und blinden Flipperspielers Tommy Walker in ein stringenteres dramaturgisches Gerüst gepackt. Mit der Konsequenz, dass einzelne Nummern in einer anderen Reihenfolge gezeigt werden. Schließlich weicht schon Pete Townshends und Des McAnuffs Musicalfassung von Ken Russels Filmfassung von 1975 (u.a. mit Eric Clapton, Roger Daltrey, Elton John, Jack Nicholson, Pete Townshend und Tina Turner) ab und die wiederum vom 1969 veröffentlichten Album. Der Bettler ist bei McBryde ein christlicher Priester, der Tommy dann natürlich keine unter Drogen stehende Prostituierte, sondern die heilige Madonna anpreist (die Gypsy Queen steht hier zu Beginn des 2. Akts auf der Bühne). Auffälligster Unterschied ist aber, dass Tommy von Anfang bis Ende als Patient der Psychiatrie gezeigt wird, das Flipperspielen als therapeutisches Mittel empfohlen wird. Gefangen in einem schmalen Käfig steht er zunächst im Raum, schwebt dann kurzzeitig darüber, erlebt sodann die Geschichte als düstere Erinnerung an vergangene Zeiten, um schließlich wieder dort zu landen, wo es begann: im Käfig. Kein offen glückliches Finale. Und dennoch eine gigantische Inszenierung, die sehr detailverliebt die Geschichte herausgearbeitet hat, die mit einem jungen, energetisch aufgeladenen Ensemble mit starken Stimmen glänzt und mit einem atemberaubenden Tempo die durchkomponierte „Musical Journey“ einfallsreich und modern in ihrem historischen Rahmen zeigt. Witzig das „Ballett“ der Kriegsbomber auf Drahtstäben, schön die weihnachtliche Illumination mit bunten Lämpchen, ergreifend die angedeutete Misshandlung Tommys von Uncle Earnie und seinen Abbildern auf einer Fetisch-Drehscheibe (der umfunktionierten Weihnachtstafel), belebend die impulsiven Tanzszenen (wie bei „Pinvall Wizard“ und „Sensation“; Choreografie: Drew McOnie) und schön die stets der Zeit entsprechenden Kostüme von Eva Weinmann.


The Who’s Tommy
English Theatre Frankfurt
Tommy (Leo Miles) und Ensemble
© Bobby Anders

Das Trauma von Tommy steht für McBryde für das Trauma Großbritanniens nach dem 2. Weltkrieg. Aus dem ist das Land zwar als Sieger hervorgegangen, aber viele Ortschaften wurden von deutschen Bombern zerstört, markiert die Zeit zudem einen Wendepunkt der ehemaligen kolonialen Großmacht zu einem problembeladenen Staat, der sich zunehmend isoliert (immerhin ist der EU-Staat bis heute nicht der Eurozone beigetreten). Dazu sieht er auch Parallelen zu uns heute, wie beispielsweise die Fluch in digitale Scheinwelten.
Die Bühne von Diego Pitarch (der am English Theatre auch längst kein Unbekannter mehr ist), zeigt ein detailverliebtes Abbild der Harfield Gardens, einer kleinen Straße im westlichen London (in der die Familie Walker wohnt). Die Spuren des 2. Weltkrieges sind unverkennbar, denn die Backsteinbauten sind noch nicht wieder aufgebaut. Der Ruß klebt noch an ihnen. Es ist eine düstere Trümmerlandschaft, die Assoziationen zu Gotham City oder der Adams Family weckt (Lichtdesign: Ben Cracknell). Im Hintergrund gibt eine große Öffnung, die multipel genutzt wird (als runde Projektionsfläche, Spiegel und für effektvolle Auf- und Abtritte). Den Boden ziert großflächig ein schäbiges Abbild des Union Jack (der britischen Nationalflagge). Auf einer Galerie befindet sich eine weitere runde Projektionsfläche (auf der u.a. Kriegsszenen, Londonimpressionen, surrealistisch anmutende Traumbilder und ein Datumsticker gezeigt werden; Video: Tapio Snellman). Dort oben sitzt leicht versteckt auch die fünfköpfige Band, die unter der Leitung von Thomas Lorey für einen kräftigen, satten und rockigen Sound sorgt. Viele akustische Spezialeffekte, wie Kriegsgeräusche, Herzschläge und zersplitternde Spiegel (Sounddesign: Stephan Weber / David Horn) reichern die Musik an (und übermalen sie mitunter, wie bei der „Ouvertüre“, die der Rückblende wegen nach „It´s a Boy“ gespielt wird).
Tommy ist auch hier in drei Altersstufen zu erleben, wobei er als deutliches Merkmal seiner Behinderung fast die ganze Zeit über gesichtslos ist (also eine Maske trägt). Als erwachsener Tommy gibt Leo Miles diesem ein ganz eigenes Profil. In einem roten Rollkragenpulli ist er äußerlich zwar „zugeknöpft“, aber gerade im 2. Akt kann er stimmlich umso freier auftrumpfen. Kimmy Edwards erhielt für ihr intensiv gegebenes Lied „Acid Queen“ als Zigeunerbraut unterm großen schwarzen Liebeszelt den ersten Zwischenapplaus. Als treu sich um ihren Sohn bemühende Eltern gefallen Natalie Langston (Mrs Walker) und Mark Powell (Captain Walker). Jamie Tyler gibt einen einzigartigen schrägen Uncle Ernie, Giovanni Spanó einen ungezügelten Cousin Kevin. Wobei die meisten Darsteller mehrfach besetzt sind, also noch andere Rollen spielen. Wie vor allem die anderen Beteiligten (Jemma Alexander, James Ballanger, Kimmy Edwards, Shimi Goodman, Katy Hard, Simon Hardwick und Callum Train).
The Who’s Tommy ist dank Regisseur Ryan McBryde weit mehr als nur eine schöne Nummernfolge, sondern künstlerisch perfekt aufbereitetes Musiktheater, das zudem mit großen Hits aus der goldenen Zeit des Rock glänzt. Auf der Bühne des größten englischsprachigen Theaters auf dem Kontinent ist es noch bis zum 12. Februar 2012 zu erleben (an den Adventsamstagen 2011 gibt es zusätzliche Nachmittagsvorstellungen).

Markus Gründig, November 11

Infos zum Stück

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