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Besprechungen: Theater ( 31)

Amphitryon
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 9. Februar 18 (Premiere)

 

Nach Richard III, Woyzeck, Das siebte Kreuz, Romeo & Julia und Das Schloss geht im Schauspielhaus des Schaupiel Frankfurt die Auseinandersetzung mit Klassikern munter weiter. Und dies im wahrsten Sinn des Wortes. Denn Heinrich von Kleists Amphitryon, das jetzt Premiere feierte, ist ein Lustspiel (in drei Akten, nach Molière). So die offizielle Bezeichnung. In Wahrheit ist es aber eher eine Tragikomödie. Denn am Ende gibt es nur Verlierer. Nachdem Gott Jupiter in Gestalt des Feldherrn Amphitryon dessen Frau Alkmene verführt hat, kann er als Gott Jupiter aber nicht ihr Herz erobern. Amphitryon wurde betrogen und Alkmene ist nun nicht nur ungewollt schwanger, sondern auch zutiefst verstört.

Amphitryon wurde am Schauspiel Frankfurt zuletzt in der Spielzeit 2008/09 von Florian Fiedler inszeniert. Für die aktuelle Neuinszenierung wurde Erfolgsregisseur Andreas Kriegenburg verpflichtet, der nicht nur schon 2010 im Bockenheimer Depot Der Diener zweier Herren, in der Oper Frankfurt 2011 Puccinis Tosca inszenierte, sondern auch im Schauspielhaus Tschechows Möwe (2013), Shakespeares Sturm (2016) und im vergangenen Jahr Marbers Drei Tage auf dem Land. Sein poetischer, oftmals träumerischer Inszenierungsstil ist auch bei Amphitryon unverkennbar, wenn auch er sich hier ganz anders zeigt. Er lässt den Figuren viel Zeit, sodass die Aufführung fast drei Stunden dauert (inklusive einer Pause, die es aber erst nach gut zwei Stunden gibt).

Amphitryon
Amphitryon
Schauspiel Frankfurt
Alkmene (Patrycia Ziolkowska), Jupiter (Fridolin Sandmeyer),
hinten: Sosias (Christoph Pütthoff), Charis (Friederike Ott)

© Birgit Hupfeld

Die Vorstellung beginnt im Dunkeln mit einer kurzen Sequenz von eingespieltem Großstadtlärm in Form von Gehupe und amerikanischen Polizeisirenen. Dann wird der Blick frei auf zwei Tunnelröhren mit großen Öffnungen, ähnlich wie man sie aus den Alpen kennt. Die übereinanderliegenden Röhren beinhalten jedoch keine unmittelbaren Straßen, dafür fehlen Bodenmarkierungen, Leitplanken und Fluchtwegsignale. Die Röhren nehmen durch ein paar Möbel schnell zeitgemäßen Wohncharakter an, da ist das Schloss Amphitryons fast schon ein mondäner Betonbungalow mit Wohn-, Arbeits- und Körperpflegebereichen. Dieser unwirkliche Raum weckt unterschiedliche Assoziationsräume (auch Verbindungsgänge an Flughäfen oder U-Bahn-Stationen sind denkbar). Einerseits ist so eine Röhre ja ein geschützter Raum. Durch die großen Öffnungen ist er gleichsam öffentlich. Nichts von dem was sie sagen oder tun bleibt verborgen (Bühne: Harald B. Thor).

Ist die Inszenierung auch weit von einer possenhaften Inszenierung entfernt, heitere Momente gibt es zuhauf. Schon gleich zu Beginn, wenn das Dienerduo als gewissenhafte Büroangestellte mit Aktentasche (vielseitig: Christoph Pütthoff als Sosias und Sebastian Reiß als latent gewaltbereiter Merkur/Sosias) aufwartet oder wenn später die puppenhafte Charis der Friederike Ott von ihrem Sosias ruhiggestellt wird, um sodann vom vermeintlich gleichen herzhaft angesprochen wird und sich in eine Abwehrposition bringt.

Amphitryon
Amphitryon
Schauspiel Frankfurt
Alkmene (Patrycia Ziolkowska), Jupiter (Fridolin Sandmeyer), Sosias (Christoph Pütthoff),
Merkur (Sebastian Reiß), Amphitryon (Max Simonischek), Charis (Friederike Ott)

© Birgit Hupfeld

Prägendstes Merkmal der Inszenierung ist ein sehr körperlicher Ansatz, ohne Kleists einmaligen Versstil zu leugnen (es gibt nur marginale Textaktualisierungen). Insbesondere die Alkemene der Patrycia Ziolkowska spielt dadurch fast doppelt. Einmal durch das gesprochene Wort, oftmals aber auch viel intensiver durch ihre Körpersprache. Sei es als in der Hocke Nachdenkende oder sich an einer Brüstung Windende. Am Ende ist sie über sich selbst mehr als desillusioniert.
Es gibt sogar ein gut 10-minütiges musikalisches Intermezzo, bei dem zu lieblichen Klängen (die aber von reichlich Dissonanzen konterkariert werden) die Figuren quasi pantomimisch spielen und so ihren Fragen nach ihrem eigenen Selbst Ausdruck verleihen. Nicht zuletzt durch die sporadisch eingesetzten, die ganzen Röhren durchlaufenden, Laufbänder hetzen sie den Ereignissen, dem Leben, hinterher.
Als verführerischer Jupiter/Amphitryon entwickelt sich Fridolin Sandmeyer vom leidenschaftlichen Liebhaber zum wütenden und zornigen Gott. Max Simonischek, im schwarzen Anzug (Kostüme: Andrea Schraad), ist über weite Teile ein besonnener Feldherr der Thebaner, bis auch er am Ende, durch zusätzliche Gewalteinwirkung, zusammenbricht.

Sehr viel und langer Applaus, bei dem sich Christoph Pütthoff allerdings nur beim ersten Auftritt zeigte. Wie das Schauspiel Frankfurt später auf seiner Webseite bekannt gab, erblickte ein Kind Pütthoffs kurz vor dem Ende der Premiere das Licht der Welt, was den jungen Vater nicht beim Schlussapplaus verweilen ließ. Auch von hier aus herzliche Glückwünsche an die Eltern!

Markus Gründig, Februar 18

Infos zum Stück

8BAR LEBEN! Lieder für eine bessere Verfassung
Schauspiel Frankfurt ~ Studiojahr Schauspiel
Besuchte Vorstellung: 28. Januar 18 (Premiere)

 

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

(aus „Deine Schuld“ von Die Ärzte)

Einst waren sie Mitglieder des Schauspiel Frankfurt STUDIOs, heute sind sie Ensemblemitglieder: Katharina Bach (am Schauspiel Frankfurt), Christian Erdt (am Residenztheater München) oder Carina Zichner (am Berliner Ensemble). Für sie, wie für viele andere, war der Weg über das Schauspiel Frankfurt STUDIO ein wichtiger Schritt für ihre berufliche Entwicklung. Mit der Spielzeit 2017/18 und unter der Intendanz von Anselm Weber gibt es das Schauspiel Frankfurt STUDIO nicht nur weiterhin, es wurde inhaltlich und personell erweitert und heißt jetzt Studiojahr Schauspiel. Durch Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Frankfurt/M sind deren Schauspielschüler des 3. Ausbildungsjahres gewissermaßen Ensemblemitglieder auf Zeit, können also schon während der Ausbildung reale Praxiserfahrung sammeln.
Nun präsentierten sie in der Panoramabar ihr erstes gemeinsames Programm: 8BAR LEBEN! Lieder für eine bessere Verfassung.

8BAR LEBEN
8BAR  LEBEN! Lieder für eine bessere Verfassung

Schauspiel Frankfurt ~ Studiojahr Schauspiel
Lisa Eder, Nicolas Matthews, Christina Thiessen, Kristin Alia Hunold,
Nelly Politt, Felix Vogel, Philippe Ledun, Vincent Lang
© Jessica Schäfer

Die im Programmflyer als „Hopeful Eight“ bezeichneten NachwuchsschauspielerInnen (Lisa Eder, Kristin Alia Hunold, Vincent Lang, Philippe Ledun, Nicolas Matthews, Nelly Politt, Christina Thiessen, Felix Vogel) begeben sich dabei mit großem Eifer auf einen Diskurs, der Grundfragen des Daseins behandelt. Wer will ich sein, wie will ich sein, wie kann die Welt verändert werden…
Unter der musikalischen Leitung von Günter Lehr, der auch am Klavier begleitet, werden 29 unterhaltsame wie tiefgründige Lieder gesungen, das Programm dauert inklusive einer Pause kurzweilige 100 Minuten. Die Lieder mit Botschaft stammen u. a. von Großstadtgeflüster, Rio Reiser, Tocotromnic und vielen mehr. Eingebunden wurde das Ganze in das Schicksal von Maskottchen aus Freizeitparks (wie Europapark, Holiday Park, oder Phantasialand). Bei den zur Freude von Kindern gedachten Figuren, sieht es unter den Kostümen längst nicht so unbekümmert aus, wie ihr äußerer Anschein es vermitteln will. Redeverbot, Dauergrinsen und oftmals schwere Gesichtsmasken, die auf den Rücken drücken, setzen den jeweiligen Mitarbeitern oftmals hart zu, auch wenn die vorgetragene Stellenausschreibung von einer entspannten Arbeitsatmosphäre kündet. Bei 8BAR LEBEN! sind Micky Maus, Schweinchen Dick, eine Biene, ein Schaf, ein Gockel und weitere Figuren vertreten. Regisseurin Daniela Kranz (auch Austattung) lässt sie stets im ganzen Raum singen, auf Rollschuhen Runden drehen oder am Publikum vorbeirennen. Selbst die Theke der Panoramabar ist vor den Akteuren nicht sicher. Egal ob solistisch oder als Ensemble (mit etwas Startschwierigkeit beim ersten Ensemblelied), die Nähe zum Publikum ist immer gegeben. Und es gibt auch ruhigere Songs, vor allem im Teil nach der Pause (in dem sie sich zunächst im lila Glitzerkleid präsentieren, später in schwarzen Shirts und Shorts). Gesungen wird überwiegend auf deutsch, etwas in englisch und der Jaques Brel Song Dans “le port d´Amsterdam“ auf französisch (von Philippe Ledun). Manche bringen sich zudem mit einem Musikinstrument ein, wie Nicolas Matthews mit dem Saxofon. Und dass sie sich in Frankfurt wohlfühlen, beweisen sie nicht zuletzt mit einem, teilweise auf hessisch gesungenen, „Frankfurt“-Song von Rio Reiser, den sie in Kurzfassung auch als Zugabe gaben. Großer Applaus vom begeisterten Publikum.

Markus Gründig, Januar 18

Das erste Stück mit allen Acht feiert am 17. März 18 in den Kammerspielen Premiere: Einige Nachrichten an das All von Wolfram Lotz.

Romeo ud Julia
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 20. Januar 18 (Premiere)

 

Keine Liebesgeschichte ist so bekannt, wie Shakespeares tragische von Romeo und Julia aus dem späten 16. Jahrhundert. Keine wurde so erfolgreich in weiteren literarischen und musikalischen Werken verarbeitet, wie diese. Wer sie heute auf die Bühne bringt, muss sich deshalb schon einiges einfallen lassen, um das Publikum in den Bann zu ziehen. Am Schauspiel Bochum feierte im März 2017 eine Neuinszenierung des Stücks in der Regie von Marius von Mayenburg (der auch als Autor, Übersetzer und Dramaturg arbeitet) Premiere, diese Inszenierung wurde von dem zu Spielzeitbeginn von Bochum nach Frankfurt gewechselten Intendanten Anselm Weber mit nach Frankfurt gebracht, wo sie ab sofort zu sehen ist. Marius von Mayenburg hat sich für seine Inszenierung des Klassikers der Weltliteratur einiges einfallen lassen und gründlich bearbeitet, um es für heutige Sehgewohnheiten packend zu präsentieren.
Das fängt schon bei der eigenen Übersetzung und Fassung an, die traditionelle Shakespearesprache mit zeitgemäßer Jugendsprache verbindet. Auf korrekte Umgangsformen wurde dabei verzichtet, schließlich geht es hier nicht nur um die Hinterfragung, was Liebe ist, sondern auch um den verbitterten Kampf zweier verfeindeter Familien, die der Montagues (Romeos Seite) und Capulets (Julia). Deren Spaltung steht hier nicht zuletzt für die Zerrissenheit der Welt. Eine hemmungslose Spirale der Gewalt nimmt immer raschere Fahrt auf, bis am Ende nicht nur das bekannte Liebespaar tot ist.

Romeo und Julia
Romeo und Julia
Schauspiel Frankfurt
Juliet (Sarah Grunert), Romeo (Torsten Flassig)
© Thomas Aurin

Eine große hohe weiße Mauer teilt in Marius von Mayenburgs Inszenierung die verfeindeten Familien (Bühne: Stéphane Laimé) und schützt sie voreinander. Das Unheil abwenden kann diese Mauer freilich nicht. Als Clou der Inszenierung wurde sie auf der Bühne in voller Breite errichtet, während das Publikum auf beiden Seiten, also auch auf der Bühne, sitzt. Mit Kauf der Eintrittskarte ist entschieden, ob man die Tragödie ausschließlich von Seiten der Montagues (Saal) oder Capulets (Bühne) sieht. Dank Videoprojektionen (Live-Video: Oliver Rossol, Lena Reidt und die Darsteller) wird das Geschehen der jeweils gegenüberliegenden Seite jedoch auf die Mauer projiziert. Für den als hemmungslose Splatterorgie gezeigten Ball bei den Capulets, bei dem lustvoll Innereien roh verspeist werden, gibt es zusätzliche Projektionen einer feiernden Bande im Fetischoutfit (Video: Sebastien Dupoueyu).
Eine weitere Besonderheit dieser Inszenierung ist, dass die Figur von Julias Amme und ihrer Mutter jeweils von Männern gespielt wird. Dies ist nicht nur eine erheiternde Bereicherung, sondern verdeutlicht zugleich die Allgemeinheit ihrer Aussagen. Eine gewisse Todessehnsucht ist omnipräsent, nicht zuletzt in den Kostümen von Miriam Marto und durch den Bezug zu Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll.
Für die rasante und lebhafte Inszenierung, die die performative Ebene stets offen zeigt, wurden von Matthias Grübel zahlreiche Songs neu arrangiert und eingespielt. So gibt es Musik von Leonard Cohen, Kavinsky, Conor Oberst, den Fugees (bzw. Fox/Gimbel), Mike Oldfield bis hin zu Michael Jackson (und auch etwas Chopin und sich ins düstere entwickelnde Soundscapes).

Romeo und Julia
Romeo und Julia
Schauspiel Frankfurt
Paris (Fridolin Sandmeyer), Capulet (Matthias Redlhammer )
© Thomas Aurin

Inzwischen hat man ja die seit Spielzeitbeginn neu am Schauspiel Frankfurt engagierten Darsteller schon gesehen, wie beispielsweise Matthias Redlhammer in Invisible Hand und Hubands and Wifes, Torsten Flassig in Das Ministerium der verlorenen Züge, Fridolin Sandmeyer in Woyzeck und Tintenherz oder jüngst Sarah Grunert und Nils Kreutinger in Am Königsweg. Ihre Wandelbarkeit zeigen hier alle großartig. Sarah Grunert ist eine starke, vielschichtige Juliet, Torsten Flassig ein zunächst verträumter, dann immer skrupelloserer Romeo. Beide zusammen bilden ein ergreifendes Paar, abseits klassischer Klischees. Jakob Benkhofer gefällt als Fürst Escalus und Freund Mercutio, Michael Schütz als Oberhaupt Montague und vor allem als Bruder Lorenz (in Gestalt des Prince of Darkness Ozzy Osborne, dem Leadsänger von Black Sabbath). Nils Kreutinger gibt neben Benvolio die umtriebige, naschfreudige und geschäftstüchtige Amme mit starkem Einsatz. Als die Fäden im Hause Capulet zusammenhaltendes Familienoberhaupt zeigt Matthias Redlhammer beeindruckend die volle Härte dieser Figur. Dass die Premierenaufführung überhaupt stattfinden konnte, ist vor allem Fridolin Sandmeyer zu verdanken, der sich am Tag davor bei einer Probe am Knie verletzt hatte und zunächst ins Krankenhaus kam. Er spielte die Premiere mit Einschränkung des rechten Beins und großer Beinohrthese, die aber gar nicht so fremd wirkte, schließlich ist sein Tybalt auch eine finstere Figur (er gibt auch den Grafen Paris und stirbt so gleich zwei Bühnentode).
Am Ende, das die Versöhnung der Familien vorenthält, starker Beifall für die plakative Umsetzung und zumindest auf der Seite der Capulets zusätzliches lautstarkes Getrampel und Standing Ovations. Hinsichtlich der Intensität des Beifalls auf beiden Seiten, kann nahezu von einem Battle der Zuschauer gesprochen werden.

Markus Gründig, Januar 18

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Das Schloss
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 13. Januar 18 (Premiere)

 

Mit einer Dramatisierung von Franz Kafkas Romanfragment Das Schloss stellte sich jetzt Regisseur Robert Borgmann dem Frankfurter Publikum vor (am Staatstheater Mainz war von ihm u. a. 2014 bereits ein Urfaust zu sehen). In Anbetracht der umfassenden 25 Romankapitel ist es nicht verwunderlich, dass der Abend mit gut dreieinhalb Stunden auch eine gewisse Länge hat. Zudem nimmt sich Borgmanns Inszenierung sehr viel Zeit, um in die geheimnisvolle, brüchige, bedrückende und oftmals irrsinnig anmutende Welt des Landvermessers K. einzutauchen. Der düsteren Grundstimmung des unvollendeten letzten Romans von Kafka hat sich Borgmann gewissenhaft und gründlich genähert. Das erfordert vom Publikum allerdings auch Durchhaltevermögen (insbesondere im zweiten Teil nach der Pause, mit mehreren langen Monologen). Gab es zur Pause zwar auch einen Buh-Ruf, so folgte am Ende ein starker und lang anhaltender Applaus, für Darsteller und Regieteam gleichermaßen (vielleicht war der Buh-Rufer auch in der Pause gegangen, wie manch andere auch, denn nach der Pause waren manche Plätze leer).

Das Schloss
Das Schloss
Schauspiel Frankfurt
K. (vorne: Max Mayer), Lehrer (hinten: Isaak Dentler)
© Birgit Hupfeld

Anstrengend ist schon der Beginn in der Winternacht. Ein nackter, extrem fettleibiger alter Mann (Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm) kauert in einer nur schwach erleuchteten Ecke. Er schleppt sich mühevoll zu einem WC, zu Wasserhähnen (aus denen nur Sand, als Bild für die Zeit, fließt) und dann langsam wieder zurück in seine Ecke, dies alles nicht nur einmal. Dazu ertönt ein schwerfälliges Atmen, später ein wimmernder elektronischer Sound (Live-Musik: Philipp Weber; Musik: Robert Borgmann / Philipp Weber). Borgmanns kahle Bühne, verschlissener Asphaltboden, feine Sandfläche und ein aus dem nichts kommendes und ins nichts führendes Stück Eisenbahnschiene, dazu hohe Wände aus schwarzen Ziegelsteinen, greifen die im Roman beschriebene düstere Atmosphäre auf, die vom grellen Licht (aus dem Off oder vom riesigen Bogen aus Neonröhren im vorderen Bühnenbereich) ab und an unterbrochen wird . Alle wichtigen Figuren des Romans treten bei K.‘s Versuch in das Schloss zu kommen bzw. im Dorf sesshaft zu werden, auf. Dabei ist ganz besonders Max Mayer als K. ob seiner bedingungslosen Rollenhingabe ein Erlebnis. Sehr präsent zeigen sich Katharina Bach (Frieda / Amalia), Katharina Knap (Wirtin / Olga) und Heiko Raulin (Gerstäcker / Barnabas / Momus). Rollenbedingt leider nur jeweils kürzer dabei: Isaak Dentler (Lehrer / Wirt / Archivar), Altine Emini (Pepi / Mizzi), Stefan Graf (Gehilfe Jeremias), Wolfgang Pregler (Vorsteher / Bürgel) und Samuel Simon (Gehilfe, Arthur). Die schon im Roman angelegten unterschiedlichen Erzählperspektiven werden auch in der Inszenierung fortgeführt, sodass am Ende nicht nur K. am Ende ist, auch wenn es in Borgmanns Fassung mit einer Art Nachfolger weitergeht.

Markus Gründig, Januar 18

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Am Königsweg
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 12. Januar 18 (Premiere)

 

Es ist eine Weile her, dass Stücke der vielfach ausgezeichneten österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek (2004: Nobelpreis für Literatur, 2017: deutscher Theaterpreis Der Faust für ihr Lebenswerk), am Schauspiel Frankfurt gezeigt wurden. Zuletzt war das in 2011. Seinerzeit inszenierte Philipp Preuss ihre Wirtschaftskomödie Die Kontrakte des Kaufmanns im MA-Gebäude und Bettina Bruinier im Bockenheimer Depot ihre Schubert-Hommage Winterreise. Ihr aktuelles Stück Am Königsweg, im Oktober 2017 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt, wird in den Kammerspielen gespielt. Es ist die dritte Inszenierung dieses Stückes, das bereits auch am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg und, verwoben mit Alfred Jarrys König Ubu, am Theater an der Ruhr in Mülheim zu sehen war (und als nächstes in Zürich, Heidelberg und Berlin zu sehen sein wird).

Für die Regie konnte das Schauspiel Frankfurt den jungen Belgrader Regisseur Miloš Lolic gewinnen (der im Dezember 2016 am Volkstheater Wien Jelineks Rechnitz inszenierte). Es ist seine erste Arbeit für das Haus. Zusammen mit dem Dramaturgen Konstantin Küspert und den beteiligten Darstellern wurde ein Extrakt aus Jelineks umfangreichen Text gefiltert (ca. 30 %), sozusagen die Highlights. Ein übliches Stück ist auch Am Königsweg nicht. Auch hier gibt es keine Geschichte die erzählt wird, keine Figuren. Aber ein Thema, und das ist der US-amerikanische Präsident Donald Trump, auch wenn sein Name kein einziges Mal fällt. Wie konnte es passieren, dass ein solch polarisierender Multimillionär zum Präsidenten gewählt wurde? Ihr Gedankenfluss entstand in der Zeit zwischen seiner Nominierung (Juli 2016) und seiner Amtseinführung (Januar 2017). Jelinek zieht auch Parallelen zu mythischen Figuren, wie König Oedipus und stellt schon im Untertitel zu ihrer Textcollage die Frage nach einem guten (Vespasian) oder schlechten (Cola di Rienzo) Volkstribun zur Disposition.

Am Königsweg
Am Königsweg
Schauspiel Frankfurt
Nils Kreutinger, Heidi Ecks, Sarah Grunert, Wolfgang Vogler (v.l.n.r.)
© Robert Schittko

Jelineks Texte wollen von jedem Zuschauer erschlossen werden, Gedankenräume öffnen und zum Nachdenken anregen. In seiner farbenfrohen, lebhaften und temporeichen Inszenierung, die ohne Musik und Video auskommt, bietet Regisseur Miloš Lolic dem Publikum einen passenden und überaus zugänglichen äußeren Rahmen. Zu Beginn tritt ein Mann in einem Raumfahrtanzug von der linken Seite des Saals zur Bühne vor. Diese besteht aus einem plüschigen und schwülstigen rosa gefärbten massiven Vorhang mit Goldbordüren (Bühne: Evi Bauer). So startet der Abend gewissermaßen mit einem Blick von außen auf unsere Welt (später wird die Frage nach der Weltanschauung auch inhaltlich thematisiert), die auf den ersten Blick schön verträumt aussieht. Doch schon bald tut sich ein großes Loch auf und zahlreiche Figuren aus US-amerikanischen Unterhaltungsfilmen beherrschen die Szenerie, die nach und nach dekonstruiert wird, bis zum Schluss hin die Bühne ganz leer ist. Als sexy Rettungsschwimmerin C. J. (Baywatch), amerikanischer Football Star, FBI Agentin, Freddy Krüger (A Nightmare on Elm Street), Volkstribun, barocker Adliger, Spock (Star Trek), Latex-Domina, Carrie, Pinhead (Hellraiser) u.v.m. (Kostüme: Jelena Miletic), erscheinen Heidi Ecks, Sarah Grunert, Nils Kreutinger, Michael Schütz und Wolfgang Vogler alle in mehrfachen Rollen. Es sind gewissermaßen Filmpaten für die im Text Erwähnten (wie der Nachbar oder die Mutter von Oedipus). Jelineks artifizieller Text bekommt dadurch eine weitere Ebene. Die jedoch nicht vom Text ablenkt, sondern das Zuhören erleichtert. Zumal alle fünf Jelineks Text hervorragend vortragen (und manche sich dazu schon fast artistisch betätigen).
Jelineks oftmals rhythmischer Sprachstil wird besonders deutlich, wenn alle als japanische Geishas über die Bühne trippeln. Zwischendurch schleicht auch immer wieder Alf, der außerirdische Gordon Shumway vom Planeten Melmac, über die Bühne. Zum Ende hin entpuppt er sich als der junge Tänzer Luciano Hiwat (der schon als 13-jähriger bei Das Supertalent die Jury und das Publikum begeisterte). Mit seiner dunklen Hautfarbe hebt er sich äußerlich von allen Hellhäutigen ab und präsentiert mit seinen Tanzbewegungen ein Gegenbild zu den intellektuellen Fragestellungen. Zum Schluss gibt es ein deutliches Symbol für die Ohnmacht der Intellektuellen angesichts Trumps Aufstieg: Das, was als Rettung der Welt dienen sollte, wird zertrümmert (hier in Form eines Feuerlöschers aus Gips).
Am Ende starker Applaus für alle Darsteller und für Miloš Lolics vielschichtige und rasante Umsetzung des Destillats von Jelineks Am Königsweg.

Markus Gründig, Januar 18

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