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Besprechungen: Theater ( 24)

Helden
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 21. Dezember 14 (Premiere)

Der liebste Platz für Sohnemann David ist die Bank am Elterngrab. Wobei diese sich im besten Alter befinden. 50 plus, ein paar Jahre Arbeit noch und dann noch viele Jahre geruhsamer, verdienter Ruhestand. Doch für David sind seine gebildeten und verständnisvollen Eltern (sie: Französisch- und Turnlehrerin, er ein gut situiertes Redaktionsmitglied eines Fotografiejournals) das Spiegelbild der Gesellschaft, in der er keinen Platz für sich sieht. Mangels Projektionsfläche für seine Wut, frisst er den Ärger in sich rein oder entlädt ihn, indem er mit seiner jüngeren Schwester Judith Molotowcocktails in Ladengeschäfte wirft. Denn die Gesellschaft gleicht für sie einer Schaumstoffzelle, in der nichts mehr weh tut. Also braucht es Gewalt, um aufzuwachen.


Helden

Schauspiel Frankfurt
Nachrichtensprecher (Lukas Rüppel), David (Carina Zichner), Judith (Paula Skorupa)
© Birgit Hupfeld

Mizgin Bilmen hat den Text des österreichischen Dramatikers Ewald Palmetshofer für die Aufführung in der Box des Schauspiel Frankfurt etwas eigenwillig umgesetzt. Nicht nur, dass die Spielrollen der Eltern gestrichen wurden (lediglich die Stimme der Mutter wird eingespielt) und dass die Szenefolge geändert wurde. Befremdlich ist, dass etwas über die Hälfte der 70-minütigen Aufführung die Handlung per Videoprojektion (Video: Oliver Rossol) gezeigt wird. Dies ist per se gut gemacht, ob der Länge aber fragwürdig. So sieht man auf einem transparenten Vorhang und aus der Perspektive einer Überwachungskamera, das Geschwisterpaar in einer Schaumstoffzelle (mit schwarzen Wänden und Parkettboden), wie sie über den Sinn bzw. den Unsinn des Daseins philosophieren. Das Geschwisterpaar fühlt sich durchsichtig und hat kein Verständnis für seine Mitmenschen, egal ob alt oder jung. So werden sie zu selbsternannten „Helden“, zu Spiderman und Catwoman. Ihre Taten sind aber nicht das Verhindern von Verbrechen, sie werden selber zu Gewalttätern. Die SchauspielSTUDIO Mitglieder Paula Skorupa und Carina Zichner geben das Geschwisterpaar Judith und David mit großer Intensität im Ausdruck und Spiel. Ensemblemitglied Lukas Rüppel bringt sich zunächst als ein seriöser Nachrichtensprecher (den man mittels Videoprojektionen u.a. auch auf der Frankfurter Zeil und in einer U-Bahn sieht) und als eine Art Kommentator ein, der sich zu einem anspruchsvollen und längeren Haß-Monolog steigert. Zehn Jahre später entpuppt er sich als Paul, der frühere Kumpel von David und Lover von Judith.

Vielen Älteren wird dieses Geschwisterpaar sicher fremd vorkommen („Gedanken, die sich nur ein weißer, gesunder Westeuropäer macht“), jüngere können sich da wohl durchaus wiedererkennen, wenn auch nur partiell. Denn es gibt sie durchaus, die Generation Y (Nachfolgegeneration der Boomers und der Generation X), die, die alles haben und doch vor dem Nichts stehen, die trotz Bildung ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben, denen das Wissen um die Existenz einer Handlungsmöglichkeit fehlt. Hier haben Sie zumindest ein Sprachrohr erhalten. Ein Abend, der insbesondere durch Carina Zichners wechselndem Spiel zwischen Fragilität und Aggressivität berührt und nachdenklich stimmt.

Markus Gründig, Dezember 14

Container Paris
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 19. Dezember 14 (Premiere)

Üblicherweise ist im Theater die Bühne anfangs aufgeräumt, alles hat seinen festen Platz, seine Ordnung und erst am Ende ist die Bühne verwüstet. In der jetzt am Schauspiel Frankfurt uraufgeführten Kriminalkomödie „Container Paris“ von David Gieselmann in der Regie von Christian Brey und im Bühnenbild von Anette Hachmann und Elisa Limberg (beide auch für die Kostüme zuständig) herrscht schon zu Beginn das blanke Chaos. Auf der Bühne: Ein nahezu den gesamten Raum einnehmender Berg von Büropapierblättern und Umzugskartons, auf dem sich, wild verteilt, drei Bürostühle und ein Tisch befinden. Im Hintergrund ist eine viergliedrige Wand mit Lamellenvorhängen aufgestellt (hinter der später dann ein großstädtisches Häuserensemble, aber auch ein Schweizer Seeidyll zu sehen sind).
Die Handlung läuft bereits beim Eintreten des Publikums. Das Ehepaar Grothe (als bedächtige Gattin: Vera Bukal, als pflichtbewusster Gatte: Thorben Kessler) führt, Salzstangen knabbernd, einen lockeren Smalltalk mit Herrn Schaub (verschroben, aber auch aus der Haut fahrend: Sascha Nathan; er gibt auch Grothes schrägen Assistenten), dem Chef von Herrn Grothe. Letzterer befand sich zum Speisen bei dem Ehepaar und wird beim Verabschieden darum gebeten, sich finanziell am Essen zu beteiligen, schließlich gelte es, möglichen Korruptionsverdächtigungen keinen Raum zu geben. Dies ist die erste Anspielung auf unsere heutige Gesellschaft mit ihren zu hinterfragenden Eigentümlichkeiten, zum überzogenen Hang zur Political Correctness.

David Gieselmann („Herr Kolpert“, 2005 von Jan Neumann im Zwischendeck des Schauspiel Frankfurt inszeniert) hat mit „Container Paris“ eine spritzige, moderne, zeitgeistige Komödie abseits des Boulevards geschrieben, bei der, der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen gleich, ein abhandengekommener Container in Paris gesucht wird. Das ist an sich nichts Besonderes. Die Suche allerdings, und das ist der zeitgeistige Moment, wird zu einem gewinnträchtigen Hype gepuscht, krasser noch, als heute Marken oder IT-Girls aus dem Nichts zum Global Player werden.
Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner von Rottkamp (vorher noch im Foyer, dann zunächst von einem Publikumsplatz aus kommentierend: Nico Holonics) bringt es auf den Punkt: „Das Unsichere lässt sich präziser kapitalisieren als das, was als sicher bezeichnet werden kann“.


Container Paris
Schauspiel Frankfurt
Gustav von Streseman (Thomas Huber), Lynn Preston (Katharina Bach), Linda Grothe (Verena Bukal),
Hans-Peter Grothe (Torben Kessler), Petra Tegert (Picco von Grothe), Wolf Schaub (Sascha Nathan

© Birgit Hupfeld

Christian Brey, Schauspieler und Regisseur, hat die Geschichte in einem rasanten Tempo glänzend umgesetzt. Gesprochen wird meist sehr schnell, die einzelnen Szenen sind recht kurz. Da jagt eine schräge Szene die nächste und davon gibt es während der pausenlos gespielten 105 Minuten viele. Wie mit dem globalen Flittchen Lynn Preston, die in ihrer Unbeholfenheit sehr verführerisch wirkt. Katharina Bach gibt sie zunächst als Discoqueen der 80-iger, später dann als cool singendes Popsternchen. Ihren leicht tuntigen Assistenten Gustav von Stresemann, der gar nicht so recht weiß, womit er eigentlich sein Geld verdient, gibt humorvoll Thomas Huber (er spielt zusätzlich auch einen Pater). Picco von Grothe ist als adrette und hysterische Mitarbeiterin eines Logistikunternehmens und als Apothekerin zu erleben. Live-Videoeinspielungen fehlen ebenso wenig wie schmissige Sounds, die einem Krimi entstammen könnten (Musik: Matthias Klein).
Das Ende mit einem „Ach“ ist überraschend, auch wenn nicht alle Fragen gelöst sind. Zumindest das Ehepaar Grothe kann sich, erneut Salzstangen knabbernd, besonnen und bereichert in den Alltag zurückziehen.
Sehr viel Applaus für diesen humorvollen Beitrag zum Thema „Überleben“ in der heutigen Zeit.

Markus Gründig, Dezember 14

Endstation Sehnsucht
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 6. Dezember 14 (Premiere)

Blanche du Bois ist eine der traurigsten Figuren des Theaters und Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“, das dazugehörige Stück, ist eines der erfolgreichsten Werke. Dabei zeigt es schonungslos den Fall einer nach außen zunächst sehr souverän, ja vornehm und chic wirkenden Frau. Die Verfilmung von Regisseur Elia Kazan von 1951, vier Jahre nach der Uraufführung, brachte Marlon Brando (als Stanley) den Durchbruch. Auch heute noch, bald 70 Jahre nach der Uraufführung, hat das Stück nicht an Reiz verloren.

Die Neuinszenierung am Schauspiel Frankfurt durch den Intendanten des Theater Dortmund, Kay Voges, zeigt es chargierend zwischen Kammerspiel und Breitwandkino. Der Einsatz von Live-Videokameras erreicht hier einen Höhepunkt. Zwei Kameramänner nehmen, nach vorher festgelegtem Script, die gesamte Handlung auf. Einem Triptychon ähnlich, ist dabei die dreigeteilte Bühne von Daniel Roskamp gestaltet. Rechts und links befindet sich jeweils eine große Leinwand, auf der die Bilder im XXL-Format übertragen werden (Live-Kamera: Jos Diegel und Alexander Dumitran). Dabei wird eine Kamera gespiegelt wiedergegeben, sodass die Szenerie durch das gespiegelte Bild noch beeindruckender wirkt (mitunter zeigen die Außenwände aber auch unterschiedliche Bilder). Das reale Geschehen findet in der Mitte statt, in der drei Bilder zu sehen sind, die ständig hin und her geschoben werden: der Außenbereich von Stellas und Stanleys Wohnung, sowie die beiden Zimmer in Stellas und Stanleys Wohnung, alles entsprechend heruntergekommen und schäbig, den einfachen Lebensstil der beiden treffend abbildend, die sich vom schönen Schein des amerikanischen Establishment krass absetzen.


Endstation Sehnsucht

Schauspiel Frankfurt
Blanche (Stephanie Eidt), Mitch (Viktor Tremmel)
© Birgit Hupfeld

Als Zuschauer hat man die Qual der Wahl entweder der großformatigen Live-Videobilder oder dem Live-Geschehen zu folgen, beides fasziniert auf seine eigene Art, ist auf Dauer aber auch anstrengend (zumal das aus drei Akten bestehende Stück in pausenlosen 140 Minuten gegeben wird). Wo das Videobild die Protagonisten schonungslos nah heranzoomt, ist mitunter ein distanzierterer Blick nicht so belastend. Die übertragenden Bilder werden bei jeder Vorstellung neu ausgewählt, weshalb es einen Live-Video-Schnitt (Daniel Hengst und David Wesemann) gibt. Dazu kommt als weiteres künstlerisches Element, neben kurzen musikalischen Versatzstücken von Klubsounds bis zum Donauwalzer (Musik: T.D. Finck von Finckenstein), das absichtliche temporäre Verzerren der Videobilder. Im Programmheft wird zu dieser absichtlichen Störung der Begriff „Glitches“ angeführt. Entscheidende Szenen des Stückes werden dadurch zusätzlich fokussiert und untermauert. Am Ende fragte man sich dann, war man nun im Kino oder im Theater. Nun wohl beides.

Gespielt wird großartig und das ist zum Glück noch immer der größte Trumpf. Allen voran brilliert Stephanie Eidt als labile und trinksüchtige Blanche. Sie alleine macht den Abend groß. Schonungslos stellt sie die Not und Verzweiflung der gescheiterten Nymphomanin dar, die an Attraktivität nachlässt und sich schon mit einem Minderjährigen eingelassen hat. Dabei bewahrt sie aber stets einen Funken Würde und Noblesse. Die Stella der Claude De Demo ist kein Blatt im Wind, sondern eine recht starke Frau, auch wenn das Zusammenleben mit ihrem Stanley eine Herausforderung ist. Diesen gibt betont lässig wie prollig, aber auch mit abrupt wirkenden cholerischen Anfällen, Oliver Kraushaar. Sympathisch kommt der Rosenkavalier Mitch des Viktor Tremmel rüber.
„Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ gilt nicht nur für die Kowalskis, sondern auch für ihre Nachbarn Eunice (Susanne Buchenberger) und Steve (Ralf Drexler).

Für das Ende verbindet Regisseur Kay Voges auch wieder Theater und Film. Blanche steht in einem Hochzeitskleid an der Bühnenrampe. Die Spielfläche selbst wurde mit einer weiteren großen Leinwand geschlossen. Per Video sieht man nun hinter Blanche diejenigen im Hof stehen, die sie in ein Heim einweisen wollen. Die Kamera fährt aus dieser Perspektive heraus, bis hoch in die Sterne, der neuen Heimat der entrückten Blanche.
Sehr viel Applaus, insbesondere für Stephanie Eidt.

Markus Gründig, Dezember 14

Penthesilea
Staatstheater Darmstadt
Besuchte Vorstellung: 28. November 14 (Premiere)

Vom Kampf zwischen der Amazonenkönigin Penthesilea und dem griechischen Heroen Archilles berichtete schon die Aithiopis. Dieses Gedicht wird dem Epiker Arktinos von Milet zugerechnet, es stammt aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Der Stoff inspirierte durch die Jahrhunderte Literaten, bildende Künstler und Musiker gleichermaßen. Dabei ist Heinrich von Kleists 1808 erschienenes Trauerspiel in vierundzwanzig Auftritten die bekannteste Umsetzung dieser brutalen mythischen Liebestragödie.

Für das Staatstheater Darmstadt hat sich die Regisseurin Simone Blattner (während der Intendanz von Elisabeth Schweeger auch Hausregisseurin am Schauspiel Frankfurt), nun dieses Stückes angenommen. Es gilt als schwer zu inszenieren. Blattner hat es in zweifacher Hinsicht außergewöhnlich umgesetzt.
Zum einen wird über die Hälfte der Zeit an einem vertikal aufgespannten großen Netz gespielt (das Publikum sitzt auf beiden Seiten, wofür auf der Bühne eine große Zuschauertribüne aufgebaut wurde). Zum anderen werden alle Rollen von Frauen gespielt, was dem ohnehin vorhandenen Emanzipationscharakter des Stücks zusätzlich Ausdruck verleiht.


Penthesilea
Staatstheater Darmstadt
Saskia Taeger, Karin Klein, Nadja Stübiger, Yana Robin la Baume, Jeanne Devos, Hanna Eichel
© ju_ostkreuz

Das Netz aus Tauwerk reicht vom Bühnenboden bis in den Bühnenhimmel, die Darstellerinnen sichern sich mit Halteseilen doppelt ab und können so ihre Körper in alle Richtungen recken und strecken. Es entstehen faszinierende Optiken, die über die bloße Position weiterreichen. Schließlich wirkt das Ganze auch wie ein Schachbrett, bei dem alle nur Spielfiguren einer nicht sichtbaren Macht sind. Gleichsam ist so ein Netz auch als verbindendes, helfendes Werk zu sehen, aber auch als Falle, in dessen Stricken man sich verfangen kann (Bühne: Eva Veronica Born).
Nach dem Kuss zwischen Penthesilea und Achilles fällt das Netz krachend zu Boden. Die Kraft der Liebe bewirkte ein Wunder. Doch kann sie die Natur des Menschen auch nicht überwinden. Es kommt dennoch zum tragischen Tod beider.

Blut spritzt bei dieser Inszenierung keines, es gibt auch keine Gewaltszenen, Kämpfe finden nur im Off statt. Durch das beschränkte szenische Spiel steht das gesprochene Wort umso mehr im Fokus. Insoweit mutet der Abend auch wie ein imposantes Hörspiel an. Denn die sechs Darstellerinnen sprechen hervorragend, einzeln und chorisch. Es wird in unterschiedlichen Nuancen geklagt, gejubelt, gezischelt und gehaucht (Stimm-Coach: Deborah Ziegler), aber auch klangschön gesungen, etwa zur Begrüßung der Amazonenkönigin („Heil dir Siegerin“). Zwischen den Auftritten gibt es auch immer wieder musikalische Klangsequenzen, von mythisch anmutenden Trommeln bis hin zu modernen Clubsounds.

Die Titelrolle gibt Jeanne Devos mit markantem Profil. Als einzige barfüßig, trägt sie eine Pelzstola und eine Glitzerhose (die anderen ärmelfreie Tops zu braunen bzw. schwarzen Jeans; Kostüme: Teresa Vergho). Mit ihrer schlanken und zarten Figur wirkt sie dennoch kraftstark. Auch zum Schluss, wenn sie blutüberströmt erscheint. Zu dem Zeitpunkt liegt Achilles bereits tot auf dem zu einem Klumpen zusammengehäuften Netz. Nadja Stübinger gibt ihn durchaus männlich, im schwarzen Freizeitanzug, ausdrucksstark und sehr geerdet. Ihre leicht rauchige und tiefe Stimme verleiht der Figur die nötige Tiefe. Karin Klein kann sich als die Oberpriesterin am stärksten abheben, umweht doch schon ihre Aussprache eine verruchte Atmosphäre. Drei Darstellerinnen sind in Doppelrollen zu erleben, sie spielen Amazonen wie Griechen (der Wechsel erfolgt durch Tragen einer Mütze bzw. mit offenem Haar). Hanna Eichel ist als kämpferische Prothoe und starker Odysseus zu erleben, Yana Robin la Baume als Meroe und Antilochus, sowie Saskia Taeger als Asteria und Diomedes.

In Blattners Inszenierung wird dem Zuschauer der Boden quasi unter den Füßen weggerissen. Sicherheit gibt es nicht wirklich, nichts ist so, wie man es erwartet. Damit setzt sie Kleists moderne Sicht radikal in die Gegenwart. Ein intensiver Abend.

Markus Gründig, November 14

Silent Noise
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 23. November 14 (Premiere)

Sie ist eine der berühmtesten amerikanischen Schriftstellerinnen und eine der bekanntesten depressiv Erkrankten: Sylvia Plath. 1963, im Alter von 30 Jahren, gelang ihr zweiter Suizidversuch, wenige Wochen nachdem ihr erfolgreich rezensierter Erstlingsroman „Die Glasglocke“ („The Bell Jar“) erschienen war.

Für das Schauspiel Frankfurt unternahm jetzt Laura Linnenbaum den Versuch, mit dem Projekt „Silent Noise“ ein Schlaglicht auf die rätselhafte Figur der Sylvia Plath und ihre Erkrankung zu werfen. Die Dramaturgin Henrieke Beuthner führt dazu im Programmheft aus: „Der Abend ist eine Ursachenforschung nach dem Unaussprechlichen in ihrem Werk, das sie hinterlassen hat. Und der Versuch, eine so vehemente Todessehnsucht zu verstehen“.


Silent Noise
Schauspiel Frankfurt
Psychotherapeuth (Timo Fakhravar), Sylvia (Miriam Strübel)
© Jessica Schäfer

In rund 75 Minuten wird zwar etwas vom Leben der Sylvia Plath beleuchtet, doch um ihrem Wesen etwas näherzukommen oder gar ihr Leiden zu verstehen, reicht das nicht. So ist man als Zuschauer hinterher auch nicht sehr viel schlauer als vorher. Allerdings ist der Abend ob der hochkarätigen Besetzung, allen voran mit der großartigen Constanze Becker und dem energetisch aufgeladenen Vincent Glander, sowie mit Miriam Strübel und dem Schauspiel STUDIO Neuling Timo Fakhravar, schon ganz nett. Was angesichts des Themas allerdings keine passende Aussage ist. Wie es auch Vincent Glander schon im Prolog (der im Foyer stattfindet), nicht auszudrücken weiß, nachdem er mit Timo Fakhraver nach Indizien aus Plaths Biografie gefischt hat und er danach die Zuschauer in die Box bittet: „Viel Spaß“ oder „viel Vergnügen“ passt hier jedenfalls nicht. Obwohl das Thema Tod ja schon sehr oft im Theater vorkommt, doch selten so unmittelbar, so sinnlos.
Denn Syvia Plath hatte alles, wovon andere träumen. Schon ihre ersten schriftstellerischen Versuche waren von Erfolg gekrönt, sie lernte einen tollen Mann kennen und hatte mit ihm zwei Kinder. Da ist es schwer zu verstehen, warum ausgerechnet so jemand Suizid begeht.

Ist das Wissen (allein Google liefert unter diesem Stichwort ungefähr 226.000.000 Ergebnisse) und die Behandlungsmöglichkeiten der Volkskrankheit Depression inzwischen auch verbessert worden, die Anzahl der Erkrankten steigt aber dennoch von Jahr zu Jahr an. In Deutschland sollen rund 4 Millionen Menschen daran erkrankt sein, weltweit über 120 Millionen, mit nicht zuletzt großen Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Das Spiel in der Box findet in todesschwarzem Ambiente statt, die drei Frontaltüren sind fast durchgehend geöffnet. Hinter ihnen steht eine Leinwand, auf der Schattenspiele zu sehen sind und auch Livebilder projiziert werden. Zwei Glastische, eine Schreibmaschine, ein Musikpult mit Plattenspieler und ein Bücherstapel von Plates Œuvre befinden sich auf der Bühne von David Gonter.
Zu Beginn ist die Welt noch in Ordnung, also scheinbar, denn Plath war eine Meisterin in der Außenrepräsentation. Sie wahrte amerikanische Freundlichkeit im Gesichtsausdruck, bis es gar nicht mehr ging, und das dauerte etwas. Miriam Strübel verkörpert diese nach außen stark wirkende Frau mit großem Charme. Constanze Becker gibt nicht nur ihre ferne Mutter, sondern auch die dunkle Seite der Plath, liegt anfangs und zum Ende apathisch auf dem Boden, spiegelt das Leiden der depressiven Plath, das nur schwer zu vermitteln ist, mit stumpfem Blick wider. Vincent Glander gibt mit spielfreudiger Leidenschaft Plaths Ehemann, den englischen Lyriker Ted Hughes, Timo Fakhravar einen besonnenen, viele Fragen stellenden Psychiater.

So gibt es zwischendurch durchaus Momente, die betroffen machen, ob der Ohnmacht der inneren Gefühle und der mangelnden Ausdrucksmöglichkeit der Erkrankten. Am Ende viel freundlicher Applaus.

Markus Gründig, November 14

Peter Pan
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 15. November 14 (Premiere)

Ob als Musical, Oper, Spielfilm oder Theaterstück, James Matthew Barries Märchen Peter Pan, über einen Jungen der nicht erwachsen werden will, ist ein beliebtes Sujet. Am Schauspiel Frankfurt ist jetzt eine auf 90 Minuten gestraffte Fassung von Bernd Willms (ehemaliger Intendant des Theater Ulm, des Maxim Gorki Theater Berlin und des Deutschen Theater Berlin) für Groß und Klein zu erleben. Als großes Stück für ein junges Publikum wurde das Stück mit 50 Vorstellungen bis Weihnachten in das Programm aufgenommen. Der Vorverkauf läuft hervorragend, die Mehrzahl der Vorstellungen war schon vor der Premiere ausverkauft. Also schnell noch Karten für die wenigen Vorstellungen sichern, für die es noch Karten gibt, es lohnt sich! Viel Applaus und Getrappel gab es im ausverkauften Schauspielhaus zur Premiere und die einhellige Bekundung: Das ist eine super Inszenierung! Selbst für kleine Kinder (empfohlen ist die Aufführung ab 7 Jahren), denn das Schauspiel Frankfurt bietet eine suggestive Bilderwelt voller Bühnenzauber und Musik und zudem mit dem SchauspielSTUDIO Mitglied Jan Breustedt einen charismatischen und sehr agilen Titelhelden.


Peter Pan
Schauspiel Frankfurt
Tiger Lilly (Paula Hans), Tootles (Anton Rubtsov),Curly (Julia Sylvester),
Slightly (Carina Zichner), Peter Pan (Jan Breustedt), Wendy (Paula Skorupa)

© Birgit Hupfeld

Das Schlafzimmer der Darling-Kinder fährt imposant in den Bühnenhimmel, die Tannenbäume schweben in den Wald von Niemalsland, wie auch das große Segelschiff von Kapitän Hook imposant von der Decke herabfährt und Peter und Wendy begeistert durch die Lüfte kreisen (Bühne: Volker Thiele). Der Hund, und gleichzeitiges Hausmädchen, Nana und das große Krokodil (beide: Gregor Andreska; Kostüme: Adriana Braga Peretzki) fehlen ebenso wenig wie die zauberhafte und hübsche Fee Tinker Bell (Puppenspielerin Marta Petö). An der Bühnenseite sorgt das Contrast Trio (Timn Roth, Martin Standke und Yuri Sych) für eine moderne musikalische Begleitung. Wie auch von den Darstellern musiziert wird. So greift Wendy (liebreizend: Paula Skorupa; auch Mitglied des SchauspielSTUDIO) zu einer Geige, es wird aber auch schön als Gruppe im Niemalsland musiziert.

Gleichwohl hat die Inszenierung von Michael Schweighöfer (der vor allem als Schauspieler bekannt ist, wie auch als Vater von Matthias Schweighöfer) auch allerhand surreal anmutende Elemente. Die Videoprojektionen von Sami Bill auf der Rückwand zeigen nicht nur die Skyline der Großstadt Frankfurt, sondern auch kaleidoskopartige Figuren und bedrohlich wirkende Schwärme von kleinen Käfern. Auf einen Gazevorhang wird eine Unterwasserwelt samt Nixen projiziert. Peters Freunde kommen mit einem alten Volkswagen auf die Bühne gefahren.
Leerlauf gibt es in der pausenlosen Aufführung nicht, denn im Niemalsland ist das Leben von Peter, das der „verlorenen Jungs“ in Gefahr. Letztere geben spielfreudig Anton Rubtsov (Tootles), Julia Sylvester (Curly) und SchauspielSTUDIO Mitglied Carina Zichner (Slightly). Die Indianerin Tiger Lily (anmutig: Paula Hans) wird vom brutalen Kapitän Hook (kämpferisch und ausdrucksstark: Meinolf Steiner; auch Mr. Darling) und seinen Mannen Smee (Lukas Rüppel) und Starkey (Hanna Binder) entführt, er will über sie zu Peter Pan finden, um sich an ihm zu rächen. Bei der großen finalen Kampfszene (Kampfchoreografie: Annette Bauer) geht es dann noch einmal richtig zur Sache, eine große Rap-Nummer mit Breakedance-Einlage von Peter Pan beschließt das Stück über die Kraft der Fantasie, Freundschaft und große Mutterliebe.

Markus Gründig, November 14

Liquidation
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 14. November 14 (Premiere)

„Jeder verdient es, nicht nur zu überleben, sondern zu leben.“
Steve McQueen

Vorstehendes Zitat führt der Intendant des Schauspiel Frankfurt, Oliver Reese, zu seinen Einführungsworten zur Spielzeit 2014/2015 an, die das Motto „Über Leben“ hat. Im kommenden Jahr jährt sich nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 70. Mal. Das Schauspiel Frankfurt stellt sich daher intensiv der Frage des Erinnerns und wie dies künftig geschehen kann. Einer der letzten Zeitzeugen ist der ungarische Schriftsteller Imre Kertész. Er wurde 1929 in Budapest geboren (er feierte in dieser Woche seinen 85. Geburtstag), 1944 nach Auschwitz deportiert, dann nach Buchenwald gebracht, wo er 1945 befreit wurde. Im Jahr 2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Bekannt wurde er durch seinen „Roman eines Schicksallosen“. 1990 erschien sein Roman „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“, ein Schlüsselwerk über den Holocaust. Seine „Tetralogie der Schicksallosigkeit“ fand mit dem 2003 erschienenen Roman „Liquidation“ ihren Abschluss. Er behandelt vielschichtig gleich mehrere Geschichten und inkludierte eine Komödie in drei Akten (die auch den Titel „Liquidation“ trägt). Die Handlungsstränge im Roman sind verwoben, Fiktion und Realität gehen nahtlos ineinander über, die Erzählperspektive wechselt schlagartig, es gibt große Zeitsprünge und Überblendungen. „Liquidation“ wurde nach seinem Erscheinen als „kluger und kunstvoller Roman“, ja als „Meisterwerk“ beurteilt. Die kompakte Vorlage ist komplex, keine leichte Kost, auch wenn sie flüssig zu lesen ist.


Liquidation
Schauspiel Frankfurt
Keserü (Till Weinheimer), Bé (Wolfgang Michael)
© Birgit Hupfeld

Eine szenische Umsetzung ist, ob der besonderen Vorlage, schon keine leicht zu bewältigende Aufgabe. Für das Schauspiel Frankfurt hat sich die Regisseurin Stephanie Mohr dieser Aufgabe gestellt (sie ist u.a. zweifach mit dem höchsten österreichischen Theaterpreis, dem „Nestroy“ ausgezeichnet worden). Die Figuren des Romans hat sie auf drei Schauspieler aufgeteilt: Wolfgang Michael, Sabine Waibel und Till Weinheimer (ursprünglich waren zusätzlich auch Hanns Jörg Krumpholz, Max Mayer und Linda Pöppel eingeplant).
Wolfgang Michael gibt den im Konzentrationslager Auschwitz geborenen Schriftsteller Bé, dem die Häftlingsnummer ob der kleinen Gliedmaße auf den Oberschenkel statt auf den Oberarm tätowiert wurde. Die Rolle des grantigen, verbitterten, stets mit dem Leben kämpfenden und die Chiffren von Auschwitz entschlüsseln Bemühten, passt sehr gut zu Michael, Bés Seelenqualen verleiht er einen tiefen Ausdruck.
Till Weinheimer gibt voller Leidenschaft die Hauptfigur des Romans, Bés „Freund“ und Kollegen, den passionierten Lektor Keserű (übersetzt „der Bittere“), der sich erst in Bés Komödie „Liquidation“ wiederfindet und dann die Fortsetzung und Auflösung in einem Abschiedswerk von Bé obsessiv sucht. Später gibt er auch noch zitierend Judits Ehemann Ádám.
Sabine Waibel ist zunächst als ermittelnde Kommissarin zu erleben, dann als Bés Geliebte Sára und schließlich als seine Exfrau Judit, die Dermatologin, die ihm zum Suizid verholfen hat, ohne sich vor dem Gesetz schuldig gemacht zu haben. Sie ist, wie Bé, jüdischen Glaubens und bekennt ob des Holocausts betroffen „Es ekelt mich, Jüdin zu sein, und noch mehr, es zu verleugnen“. Als Vollstreckerin von Bés Büßerwerk findet sie quasi posthum wieder mit ihm zusammen. Waibel spielt all das mit einer scheinbaren Leichtigkeit und charmantem Lächeln, gleichwohl mit berührender Tiefe (durch ihre ausdrucksstarke und facettenreiche Mimik, sowie ihrem Körpereinsatz).

Oftmals mutet die Inszenierung an eine kunstvolle szenische Lesung an. Denn gewisse Teile werden, meist in einer frei stehenden Badewanne, vom Blatt gelesen. Das hilft die unterschiedlichen Ebenen des Romans besser unterscheiden zu können. Da schon der Roman keine gradlinige Geschichte erzählt, ist es zum Verständnis des Bühnengeschehens dennoch nicht von Nachteil, Kenntnis der Grundstruktur des Romans zu haben.
Die Bühne von Miriam Busch zeigt nicht nur ein Budapester Verlagsbüro zur Zeit der Wende am Ende des 20. Jahrhundert, sondern auch die Wohnung von Bé, Keserű, Sara und Judit in Form von verschiedenen Wohnzimmergarnituren. Nicht nur die Bühne ist vollgestellt, auch die Rückwand und selbst an der Decke kleben Tisch und Stühle, was eine besondere Perspektive ergibt. Man schaut teilweise wie aus der Vogelperspektive auf das Treiben der Protagonisten. Zum Schluß wird Keserűs kleine Welt noch kleiner, die Gegenstände kommen ihm entgegen und er steht, wie im Buch, vor der Frage des Textverarbeitungsprogramms auf seinem Bildschirm „Abbrechen oder weiter gehen“, was freilich weitere Gedankenräume öffnet...

Einmütiger Applaus für Darsteller und Regieteam bei dieser deutschsprachigen Erstaufführung von Kertészs „Liquidation“.

Markus Gründig, November 14

Frankfurt ~ Ein Abend von Rainald Grebe und vielen Frankfurtern
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 1. November 14 (Premiere)

Spätestens nach dem Besuch von „Frankfurt“ wird einem beschämend bewusst, wie wenig man über Frankfurt weiß, also über das andere Frankfurt, das an der Grenze zu Polen (auf der gegenüberliegenden Seite der Oder befindet sich die polnische Stadt Słubice), und gute 80 Kilometer vom Großraum Berlin entfernt, liegt. Umso dankbarer kann man da jetzt dem Schauspiel Frankfurt sein, das den Städten mit gleichen Namen nun einen Abend im Schauspielhaus widmet.
Der von Rainald Grebe gestaltete Abend ist eine überzogene Collage von einzelnen, mal kurzen, mal längeren, Blicken auf die Städte, es wird abwechselnd zwischen der Stadt an der Oder und der am Main gewechselt. Oftmals ist zunächst gar nicht klar, um welche Stadt es gerade geht, was durchaus beabsichtigt ist, um den Blick zu schärfen. Comedy-Elemente, viel Musik (Musikalische Leitung: Jens-Karsten Stoll), etwas Tanz, Bild- und Filmprojektionen (Video: Marc Schnellbach) und natürlich Gesprochenes, geben einem ernsten Thema ein heiter anmutendes Äußeres.
Denn wo in Frankfurt/M auf hohem Niveau gejammert wird, die Stadt aber grundsätzlich prosperiert, ist die Lage in der gleichnamigen Stadt im Osten genau umgekehrt. Sie kämpft gegen einen krassen Bevölkerungsrückgang an (1/3 in 25 Jahren). Überalterung und eine schrumpfende Wirtschaft sind nur einige der großen Herausforderungen, vor denen die Stadt steht. Vom Glanz der einstigen Halbleiter-Industrie ist nicht mehr viel übrig. Als jetzt der Karstadt-Konzern die ersten Filialen nannte, die demnächst geschlossen werden, war ausgerechnet auch der Karstadt Schnäppchenmarkt in Frankfurt/Oder dabei. Folgt man der Intension von Grebes Abend, ist die Lage nicht ernst, sondern katastrophal. Dabei darf nicht übersehen werden, dass dies nicht ein alleiniges Problem von Frankfurt/Oder ist. Viele Städte und Gebiete im Osten (und einige im Westen) haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen, insoweit steht Frankfurt/Oder als Beispiel für viele.


Frankfurt ~ Ein Abend von Rainald Grebe und vielen Frankfurtern
Schauspiel Frankfurt
Christoph Pütthoff, Martin Rentsch, Monika Barakat, Manuela Koik
© Birgit Hupfeld

Gespielt wird im großen Schauspielhaus, doch nicht auf der großen Bühne. Vor dem Eisernen Vorhang wurde eine Bühnenfläche installiert (und die ersten Sitzreihen demontiert), auf der eine Reihe Theaterstühle steht (Bühne: Jürgen Lier). Zum Beginn und am Ende fährt der Eiserne Vorhang hoch und gibt den Blick frei auf eine schöne Skyline. Im schattenspielartigen Dunkel sind genaue Umrisse zunächst nicht auszumachen, doch bei etwas mehr Licht wird schnell deutlich, um welches Frankfurt es sich hier handelt. Nach einem ernsten Intro von Martin Rentzsch fährt bzw. fegt Christoph Pütthoff als überdrehter Touristenbusführer über die Bühnenfläche und beweist mit großen Gesten seine multilingualen Fähigkeiten. Insbesondere seine überzogenen japanischen Ausführungen kommen beim Publikum gut an (bis er kurzerhand von Rentzsch platt gemacht wird). Die vielseitige Franziska Junge steht zunächst an einem seitlich platzierten Klavier, dehnt und streckt sich (und ist dabei richtig gut). Später nimmt sie mehrfach Bezug zu Carl Philipp Emanuel Bach (dem 5. Kind und 3. Sohn von Johann Sebastian Bach und seiner 1. Frau Maria Barbara) und beweist hier auch ihr musikalisches Talent am Klavier. Carl Philipp Emanuel Bach wurde 1714 zwar in Weimar geboren, studierte allerdings vier Jahre Jura in Frankfurt/Oder. In weißer Bluse und Tutu-Röckchen mit Trauerflor (Kostüme: Kristina Böcher) gibt sie eine Ballerina, der selbst ein loser Absatz an einem ihrer Schuhe nicht den Spaß verdirbt..

Den bekanntesten Sohn trägt Frankfurt/Oder seit 2009 im Namenzusatz: „Kleist-Stadt“: Heinrich von Kleist. Er erblickte am 18. Oktober 1777 das Licht der Welt in Frankfurt/Oder. Vom ehemaligen Kleist-Theater ist indes nicht mehr viel übrig, die letzte Vorstellung wurde am 29. April 2000 gegeben. Ein Videobeitrag zeigt den verfallenen Zustand des leer stehenden Gebäudes. Dem wird die Lage am Schauspiel Frankfurt gegenübergestellt, wo beispielsweise vor zwei Jahren die Deutsche Bank das Faust-Projekt mit Euro 500.000,00 unterstützt hat. Theaterkunst scheint es an der Oder nicht mehr zu geben, die leichte Muse in Form der populären Musicals ist wohl einzig da zu sehen, glaubt man dem närrischen Treiben der drei Darsteller (mit Anspielungen auf „Cats“, „Das Phantom der Oper“ und „Rocky Horror Show).

Rainald Grebe, deutscher Liedermacher, Schauspieler, Kabarettist und Autor, zeigt den Abend vielseitig und als Mix zwischen Theater und großer Show. Mehrmals geht das Licht im Saal an und das Publikum ist aufgefordert mitzusingen oder mitzumachen. Es gibt ein Gewinnspiel, bei dem eine Übernachtung mit Frühstück in einer Pension in Frankfurt/Oder ausgelobt ist, mit Fischplatte im schönsten italienischen Restaurant der Stadt. Als Trostpreis gibt es das Nudelkochbuch „Kochen mit Biss“ des Boxers Axel Schulz, der viele Jahre beim ASK Vorwärts Frankfurt/Oder trainiert hat.

Der Song „Diese Stadt ist tot“ wird als harter Rocksong eingespielt, aber auch dezent von den drei Schauspielern gesungen. Diese tragen, wie die Bürger, gerne auch rote Storchennasen, als Anspielung auf das Prinzip Hoffnung: Mögen demnächst doch mehr Kinder in diesem anderen Frankfurt geboren und groß werden, allen Unkenrufen zum Trotz.
Die sieben beteiligten Frankfurter Bürger kommen alle aus der Stadt an der Oder, sind dort aber schon lange weggezogen. Wie Anita und Monika, die sich seit der Grundschule kennen und seit ihrer Jugend miteinander befreundet sind. Wie Manuela und Georg, die erst eine Fernbeziehung führten und nun glücklich verheiratet sind. Oder wie Stephanie, die mit 14 Jahren zunächst nach Hannover zog und dort mit den unglaublichsten Vorurteilen konfrontiert wurde. Heute bekennt sie, ist sie vollkommen akzeptiert, aber weiß, dass sie eine Ossi ist. Jörg ist erst später nach Frankfurt/Oder gezogen, nach der Wende, aus beruflichen Gründen. Er zieht ein positives Fazit aus seiner Zeit dort. Das gleiche tat das Publikum bei der Premiere: Viel Applaus für alle Beteiligten.

Markus Gründig, November 14

Menschen im Hotel ~ Ein theatraler Parcours
Theater Willy Praml zu Gast im Grandhotel Hessischer Hof Frankfurt/M
Besuchte Vorstellung: 18. Oktober 14

Für ungewöhnliche Spielstätten hatte das Frankfurter Theater Willy Praml schon immer ein großes Faible, wie für die Paulskirche, das alte Gallus-Theater in der Kriftelerstraße oder die Fachhochschule. Seit 2002 ist es fest in der Naxos-Halle ansässig, doch wird auch von dort das Gelände („Ariadnes Faden, Arthurs Schwester Marie & der “ächte” Naxos-Schmirgel“) und die Stadt einbezogen („Heine wacht auf und erzählt seinem Freund Karl Marx, wie er in einem Kahn die Kurt-Schumacher-Strasse rauf und runter fuhr. Stationen eines Traumas“).
Nun begab sich das Theater Willy Praml für zwei Vorstellungen exklusiv in das Grandhotel Hessischer Hof in der Friedrich-Ebert-Anlage, vis-a-vis der Messe. Das 1952 eröffnete Haus wurde in den letzten Jahren umfassend modernisiert. Das individuellste Fünf-Sterne-Hotel und das einzige privat geführte in Frankfurt, präsentiert sich heute in stilvollem Art-Déco-Ambiente mit moderner Note (wie dem trendigen „FINEST Medical I Fitness I Health“-Club) und ist nicht zuletzt durch seine legendäre Cocktailbar „Jimmy’s“ bekannt.
Für dieses besondere Ambiente stand ein ganz besonderes Skandalstück auf dem Programm, Arthur Schnitzlers 1920 uraufgeführte Komödie „Reigen“.


Menschen im Hotel ~ Ein theatraler Parcours

Theater Willy Praml zu Gast im Grandhotel Hessischer Hof Frankfurt/M
Süßes Mädel (Lisa Zanaboni), Gatte (Reinhold Behling)
Foto: Markus Gründig

Der Untertitel, „Ein theatraler Parcours“ machte schon im Vorfeld deutlich, dass auch dieses Spiel kein gewöhnliches werden würde. Der Eintrittspreis mit Euro 49,00 lag auf Niveau vom Schauspiel Frankfurt (bezogen auf eine Repertoirevorstellung im Schauspielhaus in der besten Platzkategorie). Für die rund 120 Zuschauer im Grandhotel Hessischer Hof waren allerdings ein Sektempfang und Fingerfood inkludiert. Nach freundlichen und kurz gehaltenen Begrüßungen durch den Generaldirektor des Grandhotel Hessischer Hof Eduard M. Singer und dem Theaterprinzipal Willy Praml im Festsaal des Hauses, ging es dann für alle Zuschauer erst einmal hinab, runter in die Tiefgarage. Hier wurde, auf Bierzeltbänken sitzend, der erste von zehn Dialogen verfolgt: „Die Dirne und der Soldat“. „Der Soldat“ trug hier zwar Uniform, aber die des Grandhotels Hessischer Hof und bezeichnete sich denn auch selbst als Hoteldiener. Er wachte über eine exklusive Luxuslimousine und bei geschlossener Tür fanden sie unter Gunter Gabriels „Komm' unter meine Decke“ kurz zusammen.
Nach dieser Eingangsszene teilte sich das Publikum in vier Gruppen (die Einteilung erfolgte über die zugewiesenen Einlasskarten). Die nächsten acht Szenen (Dialoge) spielten an vier verschiedenen Orten: in einem der exklusiven Gästezimmer, im Atrium, im Wintergarten und im Fitnessstudio (hoch oben im siebten Stock, mit fantastischem Blick auf die Messe).
Natürlich machte jede Gruppe an allen Orten halt. Diesbezügliche organisatorische Ablauferfahrungen hatte das Theater ja bereits bei seinem großen Heine-Projekt gesammelt, da klappt es in diesem kleineren Rahmen auch perfekt.

Schnitzlers „Reigen“, ein Liebesreigen von zehn sexuellen Begegnungen, passt zu einem Hotel, als ein Ort von sich zufällig begegnenden Menschen, ganz hervorragend. Dabei findet die sexuelle Vereinigung nur spaßhaft angedeutet (Mann liegt stumm und bewegungslos auf der Frau) oder hinter Mauern und unter einer Bettdecke statt. Frivol ist allein der Text von Schnitzler. Von wenigen Aktualisierungen und lokalen Bezügen (wie Erwähnung der Frankenallee als Wohnort des Stubenmädchens oder der Stadt Offenbach als vermeintliche Heimat vom verheirateten Herrn Karl) ausgenommen, wird er wortgetreu wiedergegeben.
Das Publikum lauschte und beobachte mit großer Freude im Gesicht das facettenreiche Spiel um Betrügereien, Sehnsüchte und Verführungen.

Vom Stammensemble des Theater Willy Praml spielten Reinhold Behling (Gatte), Jakob Gail (Junger Herr) Birgit Heuser (Schauspielerin), Tim Stegemann (Hoteldiener), Michael Weber (Dichter), sowie die Gäste Petra Fehrmann (Stubenmädchen), Juliana-Rachel Fuhrmann (Junge Frau), Sam Michelson (Graf), Katarina Schmidt (Dirne) und Lisa Zanaboni (Süßes Mädel).

Der Reigen mit Blicken in fremde Betten schloss sich für alle Teilnehmer wieder in der Tiefgarage. Großer Applaus für ein lustvolles Spiel in dem außergewöhnlich schönen Ambiente des Grandhotels Hessischer Hof.

Markus Gründig, Oktober 14

Schinderhannes
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 3. Oktober 14 (Premiere)

Der Abend beginnt spektakulär. Fragte man sich noch im Foyer, warum kostümierte Leute herumlaufen und einen weit vor der Zeit in den Zuschauersaal locken wollen („In Kürze beginnt das Spektakel“), wird es einem beim Betreten desselben klar. Im Kleinen Haus des Staatstheater Mainz wurde der Publikumssaal zur heiteren Wirtsstube umfunktioniert (da ist man versucht zu denken, man sei in einem Oktoberfestzelt gelandet). Die Sessel der unteren Sitzreihen wurden komplett entfernt, stattdessen wurden sechs Bahnen Bierzeltgarnituren in Längsrichtung aufgestellt, selbst der Boden wurde mit Holzdielen ausgelegt, die Wände mit Sandsteinmauern verziert. Zwei mittelalterlich anmutende Kronleuchter schweben über den Tischen. Die Rangsitzreihen wurden in der Mitte geteilt, sodass ein Gang vom Foyer in den Saal führt (Bühne: Julia Kurzweg).
Ein Wirt (ausgelassen: Armin Dillenberger, gibt auch den Vater vom Schinderhannes) sorgt mitsamt seiner Frau (schön strahlend: Monika Dortschy, auch Gottverdippilche und Zoppi) und Angestellten (für mächtig Stimmung, ein Musiker (vielseitig: Anton Berman, gibt auch den Seibert) spielt ein Akkordeon, zwei Mädels in Trachtenkostümen tanzen ausgelassen auf Bänken und Tischen (ausgelassen: Leoni Schulz, auch Gretchen; lebensfroh und verletzlich: Ulrike Beerbaum, auch Julchen). Das Publikum wird, zu fairen Preisen, mit Wasser und Schoppewein bewirtet. Besser kann man wohl kein Publikum für einen Schinderhannes-Abend begrüßen und einstimmen.

Doch wer war dieser, „die Kräfte der Erotik und der Anarchie beglückende“, Schinderhannes eigentlich? Ein Räuber und Totschläger, der dennoch viele begeisterte Anhänger hatte, oder ein sozial engagierter Kämpfer für die Gerechtigkeit, quasi der "Robin Hood der Deutschen"? Letzteres legt Carl Zuckmayers romantisierende, vieraktige Räuberballade von 1927 nahe, die auch heute noch gerne auf Freilichtbühnen aufgeführt wird oder der Spielfilm von 1958 mit Curd Jürgens und Maria Schell in den Hauptrollen. Jan-Christoph Gockel, einer der Hausregisseure des Staatstheater Mainz, sieht die Figur des Schinderhannes differenzierter und so heißt das Stück hier im Untertitel auch „nach dem Volksstück von Carl Zuckmayer“. Gewissermaßen präsentiert er seine ganz eigene, stark erweiterte Fassung (in drei Akten), die auch historisches Material verwendet.


Schinderhannes
Staatstheater Mainz
Schinderhannes (Sebastian Brandes), Julchen (Ulrike Beerbaum), Adam (Johannes-Schmidt)
© Bettina Müller

Am Anfang geht es feucht fröhlich zu. Gefeiert wird des Schinderhannes‘ Guillotinierung. Sein Haupt und die Häupter seiner engsten Kumpanen werden auf einer Stuhlreihe und einem Kamin präsentiert. Dabei sitzen die Darsteller unter den Zuschauern. Der erste Akt besteht aus einem sehr lebendig geführten Disput über „das System Schinderhannes“, die Figur und den Mythos des Schinderhannes (auch um seinen Antisemitismus, wobei offen bleibt, ob dieser verwurzelt war oder lediglich am Vermögen einzelner Juden lag), bis hin zur Kapitalismuskritik.
Im zweiten Akt wird aus einem zunächst Unbekannten (Herr Overloch) dann der legendäre Johannes Bückler, der Schinderhannes. Seine Erscheinung entspricht nicht der Erwartung an einen Räuberhauptmann. Nicht nur, dass er ja nur 24 Jahre alt wurde, also entsprechend jung besetzt werden muss, auch von der Statur und von der Kleidung her (im Mantel mit Fuchspelz und verzierten Stiefeln; Kostüme: Sophie du Vinage) entspricht dieser Schinderhannes (als großer Manipulierer und Herzensbrecher: Sebastian Brandes) nicht unbedingt dem gewohnten Bild, das man an einen rauen Räuberhauptmann hat. Aber das muss er auch gar nicht, immerhin sind Schinderhannes „nur“ 130 Straftaten nachweisbar. Geschickt wusste er andere für seine Ziele zu manipulieren und einzusetzen. Wie den Bendum (kraftstrotzend: Henner Momann), den Zughetto (wortgewandt: Lorenz Klee) oder den lautstarken Iltis Jakob (Daniel Friedl), den er allerdings ob seiner sexuellen Exzesse auch hart bestraft, indem er seinen erigierten Penis zweiteilt. Ja, mitunter geht es auch derb zur Sache, nichts wird beschönigt. Masken kommen reichlich zum Einsatz, wie auch die Stimmen bis zur Unverständlichkeit elektronisch verfremdet werden.
Dem Schinderhannes stets hart auf den Fersen ist der Gendarm Adam (mit Charme und Härte gleichermaßen: Johannes Schmidt), was schließlich zum eindrucksvollen Abbrennen vom Haus des Vaters von Schinderhannes führt (Licht: Peter Meier).

Nach der Pause, zum dritten Akt, herrscht quasi eine apokalyptische Stimmung. Das Wirtshaus wurde umgebaut, die Tische entfernt und die Bänke frontal zur Bühne ausgerichtet. Zunächst erscheint der sich nun auf der Flucht befindliche Schinderhannes mitsamt seiner Truppe als Videoprojektion. Untermalt von einem Rap-Song auf Deutsch, ziehen die jungen Männer durch die aktuelle Mainzer Innenstadt. Dann fährt die Leinwand zurück, ein Panzer erobert die Bühne, die ansonsten nur aus einem Menschenhaufen besteht. Jetzt geht es mit viel Lärm (Schüsse) auch um den im nahen Nackenheim 1896 geborenen Carl Zuckmayer und seine Erfahrung im Ersten Weltkrieg, die Geburt von Schinderhannes‘ Sohn Franz Wilhelm und um die plakativ zur Schau gestellte Guillotinierung (die historische fand in Mainz statt).

Jan-Christoph Gockel ist mit „Schinderhannes“, trotz über drei Stunden (inklusive Pause) Spieldauer, ein überaus gelungener Spagat zwischen romantisierendem Abbild und modernem Regietheater gelungen, ein imposanter Spielzeitauftakt. Da im schönen rheinhessischen Dialekt gesprochen wird, sogar ganz besonders volksnah.
Der Schlussapplaus ging nahtlos in die aktive, lautstarke und musikalisch begleitete Einladung aller Darsteller zur öffentlichen Premierenfeier über.

Markus Gründig, Oktober 14

Sucht
Schauspiel Frankfurt ~ Jugendclub
Besuchte Vorstellung: 28. September 14 (Premiere)

Ronettes´ „Be My baby“ läuft von einer LP, dazu schwingen acht junge Damen verträumt ihre Hüften. Sie stehen um große weiße Schaumstoffbuchstaben herum, die sich im Bühnenbereich der Box wahllos verteilt vorfinden (teilweise stehen diese Buchstaben auf dem Kopf oder wurden übereinander geschichtet). Kleinere Buchstaben hängen, wie Spiegelbilder, zusätzlich an den Wänden. Die großen Schaumstoffbuchstaben werden im Laufe der Vorstellung immer wieder neu positioniert. Erst zum Ende hin ergeben sie das Wort „Love“, mit nachgestellten „?!“ (Bühne: Julia Scheurer).


Sucht

Schauspiel Frankfurt ~ Jugendclub
Natascha Wechselberger, Ibtissam Hajji, Saskia Frank, Katharina Candia Avendaño,
Alisa Larma, Thea Philine Richter, Johanna Posenenske, Luzia Renner-Motz

© Jessica Schäfer

Denn so einfach ist es mit der Liebe nicht. Nicht nur in oder nach einer Beziehung, sondern auch schon davor. Wenn Liebe nur ein Traum ist, der sich im Kopf im Dauerschleifenmodus festgesetzt hat. Wie bei der romantiksüchtigen Cecilia (elegant: Thea Philine Richter), die von ihrem imaginären Freund Tom spricht, aber ständig Woody Allans Film „The Purple Rose of Cairo“ im Kopf hat (bei dem die „vierte Wand“ durchbrochen wird).
Oder wie bei Mrs. Loneyheart (beherzt: Saskia Frank), deren Chakren ins Stocken geraten sind oder bei der Physikerin mit Drogenerfahrung (souverän: Natascha Wechselberger), deren rationales Denken zwar beim Analysieren des endlichen Lebens hilft, die es aber nicht schafft, ihr eigenes Leben zu leben. Katha (besonnen: Katharina Candia Avendaño) geht da modern und pragmatisch vor. Sie fragt einfach iPhone Assistenten Siri um Rat. Manch eine ist auch etwas verpeilt, wie Betty (lebensfroh: Luzia Renner-Motz) die vom Royal Ballett kommt. Johanna Posenenske agiert unter den jungen Frauen als eine Art Interviewerin.

In „Sucht“, das in Zusammenarbeit mit dem FeM Mädchenhaus Frankfurt entstanden ist,. geht es um Beziehungssucht in vielen Facetten. Das Jugendclub-Projekt von Leonie Kubigsteltig (inszenierte für das Schauspiel Frankfurt zuletzt im Mai 2014 Vivienne Franzmanns „Der Zeuge im MMK) gibt dafür acht jungen Frauen (Katharina Candia Avendaño, Saskia Frank, Ibtissam Hajji, Alisa Larma, Johanna Posenenske, Luzia Renner-Motz, Thea Philine Richter und Natascha Wechselberger) die Gelegenheit, der Frage nach der wahren, ewigen Liebe nachzugehen. Das tun alle souverän und mit sehr viel Engagement. Erschreckend an ihren Berichten ist, dass dabei auch immer wieder Alkoholprobleme thematisiert werden. Nicht bei den Liebeskranken, sondern in deren Elternhaus. Bindungsprobleme haben demnach ihre Ursachen auch im Elternhaus.
Am Ende wird ein Ausblick in die Zukunft gewagt, der überwiegend positiv ausfällt: Wie leben die acht Damen in 20 Jahren? Da kommt schon Hoffnung auf, wie bei Mrs. Loneyheart, die wiedererweckt einen Mann gefunden hat, der zur Abwechslung sie bekocht.

Viel Applaus für einen berührenden und kurzweiligen Abend.

Markus Gründig, September 14

Mysterien
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 23. September 14 (Premiere)

„Ich bin ein Lachs und muss gegen den Strom schwimmen“

Knut Hamsun gilt als Romantiker und Rebell der Norwegischen Literatur. Der 1859 geborene und 1952 gestorbene Schriftsteller erhielt 1920 den Literaturnobelpreis für seinen Roman „Segen der Erde“ („Markens Grøde“). Wegen seiner Kollaboration mit den Nationalsozialisten wurde er wegen Landesverrats angeklagt und war als Autor viele Jahre nicht beachtet worden. Bereits 1892, im Alter von 33 Jahren, schrieb der als höchst komplexe Persönlichkeit bezeichnete Autor den Roman „Mysterien“, nicht ohne autobiografische Bezüge.
Das Stück handelt vom 30-jährigen, sehr wohlhabenden Agronom Johann Nils Nagel. Per Liniendampfschiff landet er in einer kleinen norwegischen Küstenstadt und fällt bei der Bevölkerung ob seines polarisierenden und sonderbaren Verhaltens schnell auf. Er ist ein Sonderling, ein Querdenker und gewissermaßen ein Anarchist. Er hinterfragt festgefahrene Verhaltensmuster, sie sind ihm ein Gräuel. Er erhebt das Unerwartete zur Lebensmaxime. Die sehr lose behandelte Geschichte ist mit zwei Liebesaffären verwoben, die freilich nicht glücklich enden. Wie es auch mit Nagel selbst traurig endet.

Hans Block und Rebecca Lang haben diesen Roman, der seinen Titel nicht ohne Grund trägt, nun für das Schauspiel Frankfurt bearbeitet, die Premiere fand jetzt in der Spielstätte Box statt. Diese wurde für die Saison 2014/2015 von außen in pink bemalt, zwei große weiße Federbüsche hängen an einer Tür, das sieht ein klein wenig nach Showbiz aus. Dieses gibt es bei „Mysterien“ nicht zu sehen, auch wenn dort etwas gesungen wird.


Mysterien
Schauspiel Frankfurt
NN
© Birgit Hupfeld

Hans Bloch hat das Stück inszeniert und zeichnet auch für das Bühnenbild verantwortlich. Er ist eines der drei neuen Schauspiel REGIEstudio-Mitglieder (neben Mizgin Bilmen und Laura Linnenbaum) und er eröffnete mit „Mysterien“ die Spielzeit in der Box, dies gar nicht mal so schlecht!
Er stellt die ohnehin verrückte Welt in der Kleinstadt auf den Kopf und die Inszenierung erlebt gleich im zweiten Bild einen ersten Höhepunkt, nachdem der verkrüppelte Neffe des Kohlenhändlers, Minutes (mit kindhafter Stimme sprechend und leicht spastischen Bewegungen, berührend als von der Gesellschaft ausgenutzt und Misshandelter: Elias Ellinghoff) die Eröffnungsworte gesprochen hat.
Hans Bloch spielt auch mit der Erwartungshaltung des Publikums. Der Exzentriker Nagel trägt zwar nicht einen gelben Anzug, wie im Buch beschrieben, aber immerhin sieht er aus wie ein typischer Bürger aus besserem Haus. Skurril sind hingegen die Bewohner der Küstenstadt, die vor einer verspiegelten Wand auf einfachen weißen Plastikstühlen sitzen (die im Laufe des Abends ob des großen schauspielerischen Einsatzes reihenweise zertrümmert werden). Fünf sitzen da, dem Publikum gegenüber, lesen Zeitung, trinken etwas, angeln an der imaginären Pier oder öffnen und schließen verträumt einen Regenschirm. Drei von ihnen tragen Masken alter Menschen und sind nackt, mit Körpern, denen man auch die Spuren des Lebens ansieht (allerdings ist die jeweilige Nacktheit ein Kostüm), wie dicke Bäuche und leichte Buckel (Kostüme: Raphaela Rose).

Gastdarsteller Moritz Kienemann ist in der Rolle des Herrn Nagel stark gefordert. Nicht nur von der Textmenge her. Auch szenisch muss er die ganze Klaviatur der Gefühle geben, was ihm gut gelingt. Paula Skorupa spielt die im Ort so beliebte Pfarrerstochter Dagny Kielland, mit Anmut und strahlend wie eine echte Prinzessin, kann aber auch ihre Krallen ausfahren. Sie ist, wie Carina Zighner, neues Mitglied im Schauspiel STUDIO. Zighner gibt, neben einer der skurrilen Bewohner, die verarmte, altjüngferliche Martha Gude, die dennoch mit Reizen aufwartet und wie Dagny, Nagels Liebes- bzw. Hochzeitsangebot ausschlägt.

Am Ende großer Applaus für einen zwar etwas langen (knapp 150 pausenlose Minuten), aber die Mysterien des Lebens lebhaft zur Diskussion stellenden Abend.

Markus Gründig, September 14

Glaube Liebe Hoffnung
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 20. September 14 (Premiere)

Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ führt plakativ die Verstrickung von Politik und Wirtschaft vor. Das Schauspiel Frankfurt eröffnete damit in den Kammerspielen grandios die Saison 2014/15. Wenige Jahre vor diesem Stück entstand Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ („Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“), das auf die Auswirkung der Wirtschaftskrise auf die einfache Bevölkerung hinweist und „ein Stück gegen die bürokratisch-verantwortungslose Anwendung kleiner Paragrafen“ (Horvárth) sein soll. Das Schauspiel Frankfurt zeigte es einen Tag nach der „Arturo Ui“-Premiere als erste neue Produktion der Spielzeit im Schauspielhaus.


Glaube Liebe Hoffnung
Schauspiel Frankfurt
Elisabeth (Lisa Stiegler) und Ensmble
© Birgit Hupfeld

Ein großartiges Bühnenbild, erstklassige Schauspieler, eine durchdachte Inszenierung und doch springt der Funke nur teilweise über. Dabei inszenierte der gefeierte und mehrfach ausgezeichnete Andreas Kriegenburg, der hier zuletzt im Mai 2013 eine poetische und schöne „Möwe“ präsentierte. Für „Glaube Liebe Hoffnung“ lässt er die Darsteller überzogen spielen und sprechen. Er zeigt groteske Typen, keine Individuen. Oftmals treten sie als Gruppe auf, kaum von der Bühne ab. Gesprochen wird meist ohne Blickkontakt zum Gegenüber, viel frontal zum Publikum hin. So wirkt die optisch bezaubernde Szenerie mitunter leblos, wie ein Marionettentheaterstück, fern vom Hier und Heute. Ihm reicht die Aktualität von Horváths Stück.

Die Bühne, auch von Andreas Kriegenburg, beherrscht ein riesiges rechteckiges Podest, auf dem das Bild einer nackten Frau abgebildet ist, die wie ein Embryo im Mutterleib zusammengerollt daliegt. Dies Podest wird nach vorne und nach hinten gekippt, dahinter befindet sich eine große Wand mit einer kleinen quadratischen Öffnung. An den offenen Seiten stehen ein Flügel, ein Harmonium und allerhand Tische mit Aktentaschen, Konservendosen und Schuhen, die später auf die Podestfläche geworfen werden (zudem Berge von alten Radios). Aus diesem Haufen wird sodann das Heim des Schupo Alfons Klostermeyer (einnehmend: Lukas Rüppel) ausgeformt. Über dem Podest hängen schön aufgereiht 30 Hallenleuchten. Die Korsettvertreterin Elisabeth liegt anfangs schon tot auf dem Boden. Die Geschichte wird quasi nacherzählt. Lisa Stiegler gibt die Elisabeth engagiert, mit dem ihr eigenem Stil, lachend, weinend und schreiend, bleibt einem aber in ihrer großen Not etwas distanziert. Sascha Nathan kommt gut als strenge Irene Prantl, die sittsam über ihr Geschäft wacht. Felix von Manteuffel gibt einen glaubwürdigen, tierfreudigen Präparator. Untermalt wird das Geschehen von Live-Musik, die Gaby Pochert u.a. am Klavier (Chopins Trauermarsch), am Harmonium und an der Violine spielt. Franziska Junge überrascht mit ihrer schönen Sopranstimme, dabei ist sie in der Figur der Maria kaum zu erkennen. Das ist bei vielen der Fall, alle, bis auf Elisabeth, wurden auf muffige Kleinbürger und Duckmäuser gestaltet, mit dunkeln Augen und bis zu den Ohren ausstaffierten Jacketts und Mäntel (Kostüme: Katharina Kownatzki).
Vom Publikum gab es großen Applaus.

Markus Gründig, September 14

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 19. September 14 (Premiere)

„Über Leben“ ist das Spielzeitmotto der Saison 2014/15 am Schauspiel Frankfurt, der sechsten Spielzeit von Intendant Oliver Reese am Main. Das Motto steht im Bezug zum Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, beides jährt sich in 2015 zum 70. Mal. Anfang Februar wird es mit den Themen-Tagen „Leben mit Auschwitz – danach“ einen Schwerpunkt geben. Davor und danach werden in allen Spielstätten große wie kleine Werke zum Spielzeitmotto gegeben. Den Anfang machte jetzt in den Kammerspielen Bertolt Brechts Parabel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, die auf plakative Weise Hitlers Aufstieg durch die unheilvollen Verstrickungen von Politik und Wirtschaft nachzeichnet (wofür die Geschichte im Chicagoer Gangstermilieu zur Zeit der Prohibition spielt). Brecht zu seiner „Historienfarce“ : „Die großen politischen Verbrecher sind keine politischen Verbrecher, sondern die Verüber großer politischer Verbrechen, was etwas ganz anderes ist“.

Die Inszenierung des Schweizers Samuel Weiss macht Lust auf Brecht. Auch oder gerade, weil sie wunderbar überzogen ist und Brechts Thema der Verfremdung exzessiv darstellt. Das Ensemble ist mit unbändiger Spielfreude dabei, was Weiss vielleicht auch deshalb gelang, da er selber ebenfalls Schauspieler ist (während seiner Schauspielausbildung war er vor Jahren sogar auch am Schauspiel Frankfurt engagiert).


Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Schauspiel Frankfurt
Arturo Ui (Max Mayer)
© Birgit Hupfeld

Auf der spärlich dekorierten Bühne der Kammerspiele stehen drei große quadratische Glasvitrinen, davor drei Bänke in einem Halbkreis. Die drei Vitrinen stehen für die drei Machtblöcke Politik, Wirtschaft und Arturo Ui. Entsprechend befinden sich deren Vertreter darin. Zunächst wirken sie wie in einem Museum ausgestellt, bizarr wie ein Fötus im Einmachglas und wie in einem Kuriositätenkabinett (Bühne: Ralph Zeger). Janina Brinkmann hat Ihnen dazu aufwendige Roben kreiert, die eine gewisse martialische Derbheit widerspiegeln (eine abgewandelte Offiziersstiefelhose in Reiterhosenform, dazu Jacketts mit ausgeprägten Schulterbereichen und für die Männer einen überdimensionaler Intimschutz. Die Männer des Karfioltrusts tragen blond gelocktes Haar, Ui und seine Mannen dagegen kurz geschorenes Seitenhaar und einen top gestylte weiß/silbrige Haupthaarmitte (in Anspielung an Hitlers Seitenscheitel).
Die vorderen Seitenwände der Bühne sind verkleidet und stellen ein altes Radio und einen Benzinkanister aus. Eine Pistole ist in einer kleineren Vitrine exponiert.

Arturo Ui gleicht zunächst einem Wurm. Nackt und mit brauner Farbe beschmiert kommt er aus einem Loch aus dem Boden seiner Kammer hervorgekrochen. Ein jämmerlicher Nichts, der zusammengekauert in einer Ecke vegetiert und sich nur schlecht artikulieren kann. Doch peu à peu wandelt er sich, lernt seine Aggressionen zu beherrschen, und nachdem er ausgiebig geduscht hat und sich, nur äußerlich, von seiner braunen Farbe befreit hat, unternimmt er, nur mit Handtuch bekleidet, seine ersten Schritte Richtung Machtergreifung. Schnell wächst er zum maliziösen Monster heran. Max Mayer (der in letzter Saison seinen Einstieg beim Schauspiel Frankfurt mit Oliver Reeses Bearbeitung von Nijinskys-Tagebücher „Ich bin Nijinsky. Ich bin der Tod“ gab) vollführt hier eine grandiose schauspielerische Leistung. Aus einem anfänglichen Golom, der sich in einer Ecke seines Glaskastens ganz klein macht und für kurze Momente vehement gegen die Scheiben schlägt, um dann wieder in sich zusammenzufallen, macht er einen eiskalten Machtmenschen, der seinen Charme und sein Lachen nur als Mittel zum Zweck einsetzt.
Als sein wichtiger Helfer, Freund, Leutnant und Scherge an seiner Seite bringt sich der glänzende Vincent Glander als kaum minder agitationsaktive und machtgeile Ernesto Roma ein.
Der alte Dogsborough hängt von Anbeginn an einem Tropf, Meinolf Steine gibt ihn, wie auch den Ignatius Dullfeet, mit würdigem Format. Roland Bayer ist ein eloquenter Clark. Die Anderen fügen sich trefflich ein (Hanna Binder als Giuseppe Givola, Jan Breustedt als Manuele Giri, Hanns Jörg Krumpholz als der Ui in der Schauspielkunst unterrichtende Schauspieler und Christian Bo Salle als Flake. Linda Pöppel gibt strahlend die Prologaufsagerin und genauso überzeugend den Reedereibesitzer Sheet, den Untersuchungsbeauftragten Sheet und Betty Dullfeet, die Frau des Medienmoguls Dullfeet).

Trotz der Überzogenheit dieser Inszenierung, wird dennoch viel von Brechts Intension vermittelt und viele Bilder werden in Erinnerung bleiben. Wie beispielsweise die humorvolle Schauspielunterrichtungsszene oder das schön intonierte, vermeintlich friedfertige, Singen in der Gruppe („My heart will go on“ aus dem Film „Titanic“), alles stets mit makabrem Subtext. Zum Schluss ist Arturo Ui im Heute angekommen. In seinem weißen Nike-Shirt und Jeans weist er darauf hin, dass das Böse auch heute noch überall lauert (Paulchen Panther zitierend: „Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät? Schade, dass es sein muss, ist für heute wirklich Schluss? Heute ist nicht alle Tage, ich komm' wieder. Keine Frage!“). Sehr viel Applaus für diesen großartigen Spielzeitauftakt in den Kammerspielen.

Markus Gründig, September 14

Strangers on a Train
The English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 12. September 14 (Premiere)

William Shakespeare steht in der neuen Saison im Fokus des English Theatre Frankfurt, der größten englischsprachigen Bühne Kontinentaleuropas. Zwar nicht in Form eines seiner Stücke, sondern mit einem Zitat aus seiner Tragödie „Macbeth”: “Something Wicked This Way Comes”. Und mit “Wicked” ist nicht das Musical von Stephen Schwartz gemeint, sondern einer der multiplen Übersetzung des Wortes: boshaft, gemein, heimtückisch, niederträchtig, unverschämt, übel...
Um diese Themen kreist der Spielplan der Saison. Bevor im November die Deutschlandpremiere des Erfolgsmusicals “Ghost” (nach dem Film “Ghost - Nachricht von Sam”) gefeiert wird, steht zu Beginn ein Klassiker von Patricia Highsmith auf dem Programm: “Strangers on a Train”. Der Kriminalroman über zwei über Kreuz ausgeführte Morde wurde 1951, schon ein Jahr nach Veröffentlichung, von Alfred Hitchcock verfilmt. Der 1964 geborene Dramatiker Craig Warner erarbeitete 1996 zunächst eine Hörspielfassung für das Radio. Vor noch nicht einmal einem Jahr (November 2013) wurde seine Bühnenfassung im Londoner Gielgud Theatre uraufgeführt.

Die Inszenierung dieses Stückes durch den jungen britischen Regisseur Tom Littler bietet einen fantastischen Auftakt in diese “Wicked”-Saison. Packend führt er vor, wie aus der zufälligen Begegnung zwischen zwei Fremden im Zug mehr und mehr ein hoch psychologischer Kampf entsteht, führt die beiden Hauptprotagonisten vielschichtig vor und zaubert dazu eine abgründig düster und dennoch fesselnde Atmosphäre der Bedrohung und der Spannung.


Strangers on a Train

The English Theatre Frankfurt
Guy Haines (Alex Mann)
© Martin Kaufhold

Bühnenbildner Bob Bailey ist kein Unbekannter am English Theatre, hier sorgte er schon bei Stücken wie “Rent”, “Breaking the Code” oder “An Ideal Husband” für außergewöhnliche und überraschende Optiken. Für “Strangers on a Train” stellte er zwei große graue Wände auf, die Fragmente von Fensterrahmen andeuten. Doch Fenster gibt es keine. So herrscht eine Atmosphäre der Bedrückung und des Eingeschlossenseins. Für die verschiedenen Ortswechsel fahren Teile der Wände kurz hoch oder werden gedreht, dann werden Kulissenteile wie Sitzgarnituren oder Schlafzimmer eingeschoben.
Für die vielen, mal längeren mal kürzeren Szenen gibt es stets eine punktgenaue Ausleuchtung (Lichtdesign: Ben Cracknell), die zusammen mit den eingespielten Klangeffekten (Tondesign Max Pappenheim) schon bei der audiovisuellen Wahrnehmung unter die Haut gehen. Angesiedelt ist das Stück zur Zeit seiner Entstehung, also in den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, was insbesondere in den Kleidern der Frauen zum Ausdruck kommt (Kostüme: auch Bob Bailey, mit Assistenz von Melanie Schöberl).


Strangers on a Train
The English Theatre Frankfurt
Charles Bruno (James Sheldon)
© Martin Kaufhold

Bühnenbildner Bob Bailey ist kein Unbekannter am English Theatre, hier sorgte er schon bei Stücken wie “Rent”, “Breaking the Code” oder “An Ideal Husband” für außergewöhnliche und überraschende Optiken. Für “Strangers on a Train” stellte er zwei große graue Wände auf, die Fragmente von Fensterrahmen andeuten. Doch Fenster gibt es keine. So herrscht eine Atmosphäre der Bedrückung und des Eingeschlossenseins. Für die verschiedenen Ortswechsel fahren Teile der Wände kurz hoch oder werden gedreht, dann werden Kulissenteile wie Sitzgarnituren oder Schlafzimmer eingeschoben.
Für die vielen, mal längeren mal kürzeren Szenen gibt es stets eine punktgenaue Ausleuchtung (Lichtdesign: Ben Cracknell), die zusammen mit den eingespielten Klangeffekten (Tondesign Max Pappenheim) schon bei der audiovisuellen Wahrnehmung unter die Haut gehen. Angesiedelt ist das Stück zur Zeit seiner Entstehung, also in den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, was insbesondere in den Kleidern der Frauen zum Ausdruck kommt (Kostüme: auch Bob Bailey, mit Assistenz von Melanie Schöberl).

Markus Gründig, September 14

Bernada Albas Haus
Theater Willy Praml, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 22. August 14 (Premiere)

Es ist sein meist gespieltes Stück und doch recht unbekannt: Federico García Lorcas „Bernarda Albas Haus ~ Tragödie von den Frauen in den Dörfern Spaniens“. Der spanische Autor, Komponist, Musiker und Zeichner schrieb es 1934. Wenige Wochen darauf wurde er von Kämpfern der Falangisten verhaftet und ermordet.
Es zählt mit seinen Stücken „Bluthochzeit“ und „Yerma“ zu einer Trilogie über die Rolle der Frau und deren Unterdrückung im Spanien der 1930er Jahre. Der Komponist Aribert Reimann nutzte die Geschichte für seine gleichnamige Oper, deren Uraufführung am 30. Oktober 2000 im Nationaltheater München stattfand.

In Zeiten der Bedrohung durch die Organisation IS (Islamischer Staat), Gaza-Konfikt und Ukrainekrise fragt jetzt das Theater Willy Praml, was hat die Außenwelt mit unserem Leben zu tun? Was bedeutet uns heute die Geschichte von fünf, von ihrer tyrannischen Mutter unterdrückten, Frauen aus einem spanischen Dorf?


Bernada Albas Haus
Theater Willy Praml
Bernarda (Birgit Heuser), La Poncia (Reinhold Behling)
© Seweryn Zelazny

Das Besondere an García Lorcas „Tragödie des ungelebten Lebens“ ist, das sich zwar alles um das Thema Mann dreht, insbesondere um den attraktiven Pepe El Romano, der aus finanziellem Kalkül heraus die älteste Tochter (Angustias) heiraten will, aber in die jüngste (Adele) verliebt ist. Er ist, genauso wenig wie andere Männer, gar nicht auf der Bühne anwesend. So handelt es sich um ein Stück nur für Darstellerinnen.
Regisseur Willy Praml hat sich für die Besetzung einen besonderen Clou ausgedacht. Frei nach „Das Weibliche kann nur ein Mann vorspielen“ (Jan Kott), werden die fünf Töchter und die Magd Poncia von Männern gespielt. Das machen Sie ernst und gewissenhaft, fern von jeglichem Travestieklamauk. Sie tragen enge, schwarze Kleider, aber keine Damenschuhe, sondern schwarze Boots. Das verleiht ihnen nicht nur Bodenständigkeit, sondern spiegelt auch eine gewisse Geschlechteräquivalenz wider (Kostüme: Michael Weber).

Zu Beginn fällt die Zweitälteste, Magdalena (Demjan Duran), auf den Boden, doch stehen im weiteren Spiel vor allem die vermögende Angustia (unbekümmert wirkend: Jakob Gail), die Intrigantin Martirio (mit heimtückischen Qualitäten: Michael Weber) und die junge Adele (liebesblind: Sam Michelson) im Mittelpunkt. Die schweigsame Amelia (Andreas Bach) zeichnet lieber ein Pferd, wie es Adele vorgibt, beherrschen zu können.
Von Bernardas zweitem Ehemann Antonio María Benavides, sind zu Beginn nur noch Anzug, Krawatte und Stiefel zu sehen, sie hängen hoch oben an einer Glaswand. Nachdem die lebenskluge Magd Poncia (mit spitzer Zunge: Reinhold Behling) ausführlich Bernarda als tyrannische Frau beschrieben hat und die Töchter währenddessen wie Marionetten ihre Position vor der Glaswand zwischen Publikum und Halle wechseln, tritt dann die bislang mit dem Rücken zum Publikum stehende Bernarda selbst vor und macht unmissverständlich deutlich, dass sie jetzt die neue Prinzipalin im Haus ist, zieht sich dafür Benavides Anzug über und steigt in seine Stiefel. Birgit Heuser gibt sie als gefühlstote, starke Frau, die einzig auf Wahrung der Fassade abzielt. Ihre einzige Handlungsmaxime ist, was die Dorfgemeinschaft denkt oder denken könnte. Persönliche Gefühle sind irrelevant („Die Herzen gehen mich nicht an, aber ich will eine schöne Fassade und Einigkeit in der Familie)“. Maria Niessen gibt im weißen Kostüm die verrückte Mutter Maria Josefa, die in ihrer realitätsfernen Wahrnehmung das Diesseitige schon verlassen zu haben scheint.

Die von Michael Weber karg ausgestattete Naxos-Halle, kann nicht zuletzt durch die akzentuierte Ausleuchtung (Johannes Schmidt, Brett Nancarrow und Guido Eggert) erneut ihre magische Ausstrahlung zeigen. Weitestgehend leer, reichen für das große Zuhause der Familie lediglich eine Bank und ein paar Wäscheleinen nebst einer handvoll Tücher, um eine zarte andalusische Atmosphäre hervorzuzaubern. Letzter wird zusätzlich durch eingespielte Musik (wie von dem Bassisten Renaud Garcia-Fons oder des Gitarristen Jordi Gaspar; Musikalische Einrichtung: Gregor Praml) untermalt. Zeit ist im andalusischen Dorfleben kein Thema, weshalb ob der reduzierten Sprache das Stück auch als „Tragikkomödie des Schweigens“ bezeichnet wird.

Spanisches Volkstheater und antike Tragödie treffen hier eindrucksvoll zusammen. Am Ende der zeitlosen Themen Scheinmoral und Wahrung eines Bildes von sich selbst gegenüber anderen, gibt es ein starkes Schlussbild. Die gefasste Bernarda Alba sitzt stolz auf einer Bank, kann sich moralisch nichts vorwerfen, während ihre Tochter Augustias, die einen kaum noch zu korrigierenden Schicksalsschlag erlitten hat, von hinten mit langsamen Schritten zu ihr hervortritt, umsonst ihr weißes Hochzeitskleid tragend.
Viel Applaus.

Markus Gründig, August 14

Der Bürger als Edelmann
Barock am Main, Frankfurt/M
Besuchte Vorstellung: 14. August 14 (Premiere)

Seit 2004 gibt es das Sommerfestival „Barock am Main“ , das in dem außergewöhnlichen Ambiente des Höchster Bolongaropalasts und seinem Park unter der Leitung des vielseitigen Schauspielers, Kabarettisten und Regisseurs Michael Quast veranstaltet wird. Die Erfolgsgeschichte begann aber schon viel früher. Seit 1970 hat Wolfgang Deichsel (1939-2011) die Komödienklassiker von Molière ins Hessische übertragen (was ihm den Titel „Der hessische Molière“ bescherte), die seitdem an verschiedenen Standorten aufgeführt wurden, stets eng verbunden mit Michael Quast, mit dem Deichsel das Festival gründete.

Nach „Der Geizige“ (in 2012) und „Don Juan“ (in 2013) wird in 2014 die Ballettkomödie „Der Bürger als Edelmann“ gespielt, die der promovierte Literaturwissenschaftler Rainer Dachselt, quasi Deichsels Nachfolger, leicht gekürzt und mit Frankfurter Lokalkolorit schwungvoll ins Südhessische übertragen hat und die hier als Uraufführung zu sehen ist.
Gründe für den Erfolg des Festivals (in 2013 kamen mit 16.154 Besuchern so viel wie nie zuvor), zeigen sich schon in kleinen Dingen. Wie die freundliche Begrüßung durch die strahlende Verena Jockel (bekannt vom Jungen Schauspiel Frankfurt) am Einlass des Bolongaroparks, die bei der besuchten Premierenvorstellung jedem Besucher ein Programmheft überreichte. Dazu kommen schon rein formal: die zauberhafte Atmosphäre des unmittelbar am Mainufer gelegen Bolongaroparks mitsamt seines Brunnens, barocke Live-Musik zur Einstimmung und eine vielfältige gastronomische Auswahl.
Bei der Premiere konnte Michael Quast zu Beginn nicht nur Vertreter der Festival-Sponsoren begrüßen, sondern auch den Frankfurter Kulturdezernenten Prof. Dr. Felix Semmelroth und den Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann.

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Der Bürger als Edelmann
Barock am Main
Herr Jordan (Michael Quast)
© Maik Reuß


„Der Bürger als Edelmann“ ist eine Komödie par excellence, ein Gesamtkunstwerk aus Theater, Musik und Tanz. Das Barock-am Main-Ensemble setzte sie unter der Regie von Sarah Gross bravourös und mit einer lebensfrohen Energie um, die ungemein ansteckend wirkt und der man sich unmöglich entziehen kann. Während der Vorstellung gab es im Publikum viele herzhafte Lacher und zahlreichen Zwischenapplaus.
Im Zentrum des Stücks steht mit der Figur des bürgerlichen Jordan eine eigenwillige Gestalt. Sie ist gewissermaßen die Gegenfigur zum „Geizigen“. Herr Jordan wirft nur so mit dem Geld um sich („Sein Hirn ist leer, sein Säckl ist voll“). Er will einen gesellschaftlichen Aufstieg und dafür benötigt er Kultur. So nimmt er Kurse in Gesang, Tanz und Fechtkunst, alles nur, um bei einer Gräfin Eindruck zu schinden (obwohl er verheiratet ist und nebenbei noch seine Tochter erfolgreich unter die Haube bringen will). Michael Quast präsentiert den Jordan mit anrührender Herzlichkeit und mit vielen, nur zu menschlichen Zügen und besticht mit seiner einzigartigen Eloquenz. Mit seinen mimischen Kunstfertigkeiten schafft er wie kein anderer, Herzen zu berühren und die Gefühle des sehnsuchtsvollen und um sein Glück kämpfenden Jordan ausdrücken. Auch von seiner bunten Kleidung her zeigt er alles andere als Stilsicherheit und wird zum Gelächter aller (Kostüme Raphaela Rose).

Doch ist „Der Bürger als Edelmann“ keine One-Man-Show. Das Ensemble zeigt sich als wunderbar homogene Einheit. Herausragend Katerina Zemankova als bodenständige Frau Jordan, Philipp Hunscha als kopflastiger Philosoph Magister Schopp (spielt auch Adels Geliebten Herman) und Matthias Schring als adliger Serenus von Selbold (spielt auch den Musiklehrer). Wie üblich sind alle Darsteller überzeichnet geschminkt (Maskenbildnerin: Katja Reich) und es gibt zahlreiche Tanzeinlagen (Choreografie: Katharina Wiedenhofer). Nicht nur von den engagierten Künstlern (Jan-Markus Dieckmann und Katharina Martin), sondern auch vom Ensemble, wie bei der großen
„Mamamouchi“-Szene (bei der sich auch die unter der musikalischen Leitung von Rhodri Brittonv spielende Capella Bolongaro in osmanischer Verkleidung beteiligt).

Am Ende lang anhaltender, tosender Applaus für einen bezaubernden Abend in Vertrautheit anmutender hessischer Mundart. Gespielt wird täglich außer montags noch bis zum 7. September 14.

Markus Gründig, August 14

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