Besprechung: Theater (20)

Genannt Gospodin
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 18. Dezember 12 (Premiere)

Go Gospodin go

Quasi als Nachklang zur abgeebbten Kapitalismuskritik der Occupy-Bewegung kann man die Inszenierung von Philipp Löhles Stück „Genannt Gospodin“ verstehen, die jetzt in der Box des Schauspiel Frankfurts Premiere hatte. Nur wenige Meter entfernt demonstriert zwar noch immer eine kleine Gruppe Kapitalismuskritiker, doch ist die Zeit der großen Zeltbelagerung inzwischen vorbei. Das Stück gibt es allerdings schon länger als die Occupy-Bewegung. Es wurde in 2007 am Schauspielhaus Bochum uraufgeführt und erhielt im Jahr darauf eine Nominierung bei den Mülheimer Theatertagen NRW. Im Gegensatz zu manch anderem Uraufführungsstück wird es häufig inszeniert.


Genannt Gospodin
Schauspiel Frankfurt
Daniel Rothaug, Mario Fuchs
© Karolin Back

„Genannt Gospodin“ erzählt von einem absurden Herrn (Gospodin, russisch = „Herr“), der sich bürgerlichen Gewohnheiten gründlich widersetzt und ganz zurückgezogen leben will, vor allem ohne Konsum. Ein Outlaw der ganz besonderen Art. Er hat vier Grundprinzipien, nach deren Erfüllung er strebt und die er plakativ an die Wand schreibt: 1. Ein Weggang ist auszuschließen, 2. Geld darf nicht nötig sein, 3. Jedweder Besitz ist abzulehnen und 4. Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen.

Für die Inszenierung in der Box des Schauspiel Frankfurt übernahm Roscha A. Säidow die Regie. Sie hat es bei ihrem Debüt am Schauspiel Frankfurt weder sich noch den drei Darstellern leicht gemacht. Davon profitiert allerdings das Publikum, das eine ungemein schwungvolle und sehr musikalische Umsetzung erlebt. Ein Mix zwischen Grusical, Komödie und ernstem Spiel. Auf der Bühne der Box sind es gleich drei Herren (Christian Erdt, Mario Fuchs und Daniel Rothaug), die wechselnd den Gospodin und seine Freunde spielen. Sie sind Mitglieder des Schauspiel Studio Frankfurt und wirken derzeit auch noch in der Krabat-Produktion mit (Erdt gar in der Hauptrolle). Im flotten Tempo durchjagen sie die dreizehn Kapitel des Stücks. Dabei tragen sie überwiegend blaue Skihosen und Rollkragenpullis (Kostüme: Jelena Miletic). Mario Fuchs fiel zudem die Rolle von Gospodins Freundin Anette zu, die er bravourös in einem übergestülpten Hochzeitskleid und einem Plastikblumenstrauß gibt: herrlich überzogen und exzentrisch schrill. Wobei sich alle drei hier sehr ins Zeug legen und mit außerordentlich viel Spielleidenschaft aufwarten.

Musik durchzieht die Inszenierung. Wie bei einer Halloween-Party erscheinen die drei Herren zunächst schwarz verhüllt zu den euphorischen Klängen einer Instrumentalversion von Europes „The final Countdown“, ein Auftritt wie ein Boxer zur Siegesfeier. Die Bühne von Paul Faltz besteht in erster Linie jugendgemäß aus einem DJ-Pult, an dem eifrig aufgelegt, Keyboard und E-Gitarre gespielt und Soundeffekte stimuliert werden und natürlich wird auch gesungen. Das fetzt und verbreitet gute Laune (schmissig auch Bonnie Tylers „I need a hero“ und “Go Gospodin go”). Die Handlung droht dabei allerdings, mitunter etwas in den Hintergrund zu rücken. Helden sind im wahren Leben längst out und durch den Konsum überholt. Eigentlich… nicht so für Gospodin. Am Schluss ist er glücklich, denn im Gefängnis sitzend hat er all das gefunden, wonach er sein Leben lang gestrebt hat. Damit ist er zwar nicht weniger egoistisch als andere, stellt aber zumindest eine diskussionsfähige Gegenposition in den Raum. Viel Applaus.

Markus Gründig, Dezember 12

Wir lieben und wissen nichts
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 16. Dezember 12

Nach „Phädra“, „Der nackte Wahnsinn“, „Die Frau, die gegen die Tür rannte“, „Hamlet“ und „Bacon Talks“ folgte nun als sechste Inszenierung von Intendant Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt die Uraufführung von Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“. Das Stück ist eine Boulevard-Farce über die Liebe in unserer heutigen Zeit. Ein Stück zwischen Komödie und Tragödie, so lebendig, als hätte das Leben selbst die Geschichte geschrieben. Zwei Paare treffen zwecks Erfüllung des von Ihnen abgeschlossenen Wohnungstauschvertrags zusammen. Mit einer schnellen Schlüsselübergabe ist das Vorhaben aber nicht erledigt, unter der Oberfläche liegen ernste Probleme (wie unerfüllte Kinderwünsche, Arbeitslosigkeit, Impotenz, Sexfilme im Internet, Cellulitis, Erfolglosigkeit und eine Schwiegermutter, die den Wohnort eines Paares bestimmt). Die Paare merken schnell, dass es „unter jedem Dach, ein Ach“ gibt. Und hier sind es gar mehrere „Achs“.


Wir lieben und wissen nichts
Schauspiel Frankfurt
Roman (Oliver Kraushaar),  Hannah (Claude De Demo), Sebastian (Marc Oliver Schulze), Magdalena (Constanze Becker)
© Birgit Hupfeld

In erster Linie fragt das Stück aber „Was ist Liebe?“ und zeigt dabei, dass eine Beziehung allein keine Liebe ist, zumindest nicht bei diesen unterschiedlichen Mittvierzigern, wo es schon für Außenstehende offensichtlich ist, dass sie gar nicht zusammenpassen können.
Da ist zunächst das Paar Hannah und Sebastian. Hannah sorgt als Zen-Seminarleiterin bei Finanzhäusern für das nötige Geld im Haus und hat auch sonst alles im Haushalt im Griff. Claude De Demo gibt sie als gewissenhafte, tatkräftige und gut organisierte Powerfrau, die allerdings auch ihre kleinen Geheimnisse hat. Ihren Freund hat Hannah allerdings nicht im Griff. Diesen gibt grandios Marc Oliver Schulze, als total lebensfernen, schrulligen und verkappten Poeten und Bankenkritiker. Hochgescheit, aber in anderen Sphären lebend. Was seine Freundin spricht, interessiert ihn nur selten. Wenn er ihr antwortet, dann meist mit einem bissigen Kommentar. Den geschassten, eindimensionalen Computerspezialisten und ständig nach Frauen schauenden Roman spielt Oliver Kraushaar, egozentrisch und aufbrausend, wenn Sebastians Geschwätz ihn zur Weißglut treibt (aber auch schön im Lotussitz, bei Hannahs versuchter Ruhe-Demonstration). Als seine etwas naive Frau Magdalena spielt Constanze Becker hier ihre komische Seite aus. Am Tag der Premiere wurde bekannt, dass sie für ihre Interpretation der Medea mit dem diesjährigen Gertrud-Eysoldt-Ring, dem bedeutendsten Theaterpreis im deutschsprachigen Raum, ausgezeichnet wird. Hier gleicht sie allerdings weniger der Medea als der Figur der „B“ in Lars Noréns „Liebesspiel“, das hier im Januar 2012 seine deutschsprachige Erstaufführung hatte. Als Tierphysiotherapeutin, die auch gerne ein Glas Sekt trinkt, ist sie von allen vieren die Emphatischste. Clou dieser Inszenierung ist, dass die beiden Paare Hannah/Sebastian (Claude De Demo/Marc Oliver Schulze) und Magdalena/Roman (Constanze Becker/Oliver Kraushaar) auch im realen Leben Paare sind (und das schon seit vielen Jahren).

In der einfach gehaltenen Bühne von Anna Sörensen (nur ein weißes Regal mit alten Büchern im Hintergrund und ein Stuhl in der Bühnenmitte) spielen sich die Vier in die Herzen der Zuschauer. Das geschieht hier subtiler als bei „Der nackte Wahnsinn“, dennoch bestimmen auch bei „Wir lieben und wissen nichts“ heitere und komische Momente das mit Sozialkritik angereicherte Stück. Die Welt ist immer mehr vernetzt, es gibt immer mehr Informationen über alles Mögliche, aber das, worauf es auch ankommt, das Zwischenmenschliche, verkümmert immer mehr. Wir meinen zu lieben, interessieren uns aber letztlich nicht füreinander. Viel Applaus zum Schluss. Das Stück wird sicher zu einem Hit, die schwungvolle Inszenierung von Oliver Reese mit diesen herausragenden Darstellern ebenso.

Markus Gründig, Dezember 12

Der Hals der Giraffe
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 7. Dezember 12 (Premiere)

Kaum eine Zeit ist so prägend wie die Schulzeit. Egal in welcher Schulform sie verbracht wird, werden hier doch viele Weichen für das spätere Leben gestellt. Natürlich kann alles noch ganz anders kommen. Können Menschen jemanden positiv oder negativ beeinflussen, können Umstände und Schicksalsschläge in eine vollständig andere Lebensbahn werfen und den Charakter formen. Allerdings nicht für Inge Lohmark. Die pflichtbewusste Gymnasiallehrerin alter Schule sieht das ganz nüchtern, wissenschaftlich analytisch als Vollblutbiologin und Darwinistin. Es gelten die Gesetze der Evolution. Nur der Stärke kommt weiter, wer zu schwach ist oder nichts kann, bleibt auf der Strecke.
Sie ist die Hauptfigur in Judith Schalanskys Roman „Der Hals der Giraffe, der jetzt in einer Dramatisierung von Anika Augustin und Florian Fiedler für das Schauspiel Frankfurt erstmals auf die Bühne kam. Wobei Bühne hier nicht wirklich zutrifft. Denn das Stück läuft nicht innerhalb des Schauspiel Frankfurt, sondern im Senckenberg Naturmuseum. Schon vor der Premiere waren sämtliche Vorstellungen im Dezember 12 und Januar 13 ausverkauft.
Als schöne Hommage an die Schulzeit ist das Programmheft gestaltet, das wie ein Schulheft aufgemacht ist, mit handschriftlichen Eintragungen zum Stück und allerlei humanbiologischen Quizfragen. Auf dem Deckblatt zeigt eine Zeichnung, was nach Inge Lohmark der letzte Mensch mit vier Buchstaben sein wird: ein Affe. Und dieser krümmt sich auf der Innenseite weiter und weiter, die Natur wird die Menschheit überleben, früher oder später… Optisch erinnert das Programmheft in seinem Stil an die ehemalige DDR. Das passt nicht nur zur Figur der Inge Lohmark, sondern auch zur Autorin. Judith Schalansky wurde 1980 in Greifswald geboren und hat somit noch die Polytechnische Oberschule der DDR kennengelernt.


Der Hals der Giraffe

Schauspiel Frankfurt
Inge Lohmark (Heidi Ecks)
© Birgit Hupfeld

Heidi Ecks spielt die Inge Lohmark mit großer Hingabe. Wie bei der Romanfigur empfindet man bei ihr durchaus ein hohes Maß an Anteilnahme. Obwohl sie offensichtlich mit ihrer radikalen Weltanschauung nicht ganz richtig tickt. Vielleicht ist es aber auch, dass man sich als Zuschauer über ihre bissigen und satirischen Bemerkungen über ihre Schüler insgeheim freut, weil man an die eigenen Klassenkameraden von damals denkt oder wie es heute in den Klassenzimmern aussehen mag.
Ecks führt die Inge Lohmark vielseitig vor. Als stark von sich Überzeugte, als toughes Alphaweib und schließlich als einsame und gebrochene Frau. Beinahe 90 Minuten lang spricht sie unentwegt. Lediglich kurze Videoeinspielungen, die sie selber zeigen, allerdings in anderen Rollen (wie der von ihr verachteten, viel zu soften Kollegin Frau Schwanneke), geben ihr kurz Gelegenheit Luft zu holen. Dazu bewegt sie sich dabei reichlich, läuft durch die Reihen und fährt Bus (per Laufband mit Videoeinblendungen von Stadtansichten).
Florian Fiedler, der ehemalige Leiter der schmidtstrasse12, nutzt für dieses Stück mehrere Bereiche des Museums. Die Zuschauer gehen vom Eingang an ausgestopften Tieren und präparierten Dinosauriern vorbei bis zum Elefantenbereich des Museums (auf dem Weg dahin kann man rechts sogar eine Seekuh sehen, die ja auch im Roman und im Stück thematisiert wird). Das Publikum (pro Vorstellung ca. 50 Personen) sitzt in Klassenatmosphäre vor einem Podest, auf dem ein Schultisch, ein Projektor und eine Leinwand stehen (Bühne: Bert Zander). Im Hintergrund steht ein Elefantengerippe (nebenbei: hier ist es kalt und zugig, weshalb es besser ist, entweder einen dicken Pullover anzuziehen oder die Jacke nicht am Empfang abzugeben). Lohmark spricht zum Publikum als wären es ihre Schüler, das führt zu lustigen Situationen, insbesondere ihr „Lieblingsschüler“ Kevin (ein „Nervbolzen“) bekommt öfter was zu hören. Später geht es dann durch das Haus bis zu einer Vitrine, in der das titelstiftende Tier steht. Das Ende findet im großen Dinosaurierraum statt, hier erfährt der Zuschauer von der Schattenseite von Lohmarks Existenz. Ein anrührender Abend, der das Publikum begeisterte. Nebenbei werden Themen wie die Landflucht und Überalterung im Osten angesprochen und letztlich die Notwendigkeit, sich ein soziales Netzwerk zu schaffen, allem darwinistischen Denken zum Trotz.

Markus Gründig, Dezember 12

Der Meister und Margarita
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 7. Dezember 12 (Premiere)

Nach dem großen Faust-Projekt zum Saisonauftakt (mit „Faust der Tragödie erster und zweiter Teil“, „FaustIn and out“ etc.), zeigt das Schauspiel Frankfurt nun den russischen Faust. Als dieser gilt der große Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakov, denn in diesem sucht der Teufel Moskau heim.
Dramatisierungen dieses Romans gab es schon öfters. Für das Schauspiel Frankfurt nahmen Markus Bothe und Nora Khuon die Umsetzung für die Bühne vor. Kein leichtes Vorhaben. Denn der Roman ist zwar flott und unterhaltsam geschrieben, allerdings ist er nicht nur lang, sondern auch komplex. Aufgeteilt in zwei Bücher, mit insgesamt 32 Kapitel und einem Epilog, gibt es drei verschiedene Handlungsstränge. Jedem dieser Handlungsstränge ist eine Dimension zugeordnet. Dabei springen die Kapitel zwischen diesen Dimensionen, durchdringen einander und sind miteinander verflochten. Erst langsam ergibt sich ein Ganzes.
Augenfälligste Dimension ist die satirische Seite, die in Moskau an wenigen Maitagen spielt und bei der die Naivität, die Gier und Verlogenheit der Bewohner und die Schattenseiten des Stalinismus aufgedeckt werden. Dazu gibt es eine Sphäre des Fantastischen, mit Margarita als nackt auf einem Stubenbesen durch die Lüfte fliegende Hexe und Ballkönigin im Schattenreich. Und schließlich noch einen ausgedehnten religiösen Exkurs, der den an seiner Schuld leidenden römischen Statthalter Pontius Pilatus thematisiert. Und alles ist miteinander eng verwoben.


Der Meister und Margarita
Schauspiel Frankfurt
Voland (Michael Goldberg) u.a.
© Birgit Hupfeld

Aus dieser fantasievollen und grotesken Vorlage ließe sich natürlich auch ein riesiges Theaterspektakel zaubern (allein der Umtausch kostenlos alter Damenkleider und Schuhe gegen Pariser Modelle im Rahmen von Volands schwarzer Magiershow böte hierzu vielfältige Möglichkeiten). Die Inszenierung von Markus Bothe (am Schauspiel Frankfurt inszenierte er zuletzt „Sommernachtstraum“ und „Die Physiker“) verzichtet auf großes Brimborium und zeigt das Stück zwar farbenreich, grotesk bis scherzhaft, aber zwangsläufig als ein feines Destillat der Vorlage (auch ohne Videoeinspielungen). Viele Figuren und Geschehnisse wurden gestrichen. Entstanden ist ein Werk für einen publikumsfreundlichen Abend mit 2,5 Stunden Spieldauer und einer Pause; ohne Längen und ohne Aktualisierungen, mit nur wenigen Anpassungen. So gibt es eine Art Prolog, bei dem der Teufel in Form des vermeintlich ausländischen Magiers Voland mit seinen Gefolgsleuten Behemoth und Korowjew (der hier auch die Rolle des weiteren Gefolgsmanns Asasello übernimmt) durch den Publikumssaal auf die Bühne schreitet. Diese besteht in erster Linie aus einem riesigen dreidimensionalen fünfzackigen roten Stern. Dieser nimmt die ganze Hauptbühne ein, ist bis zu geschätzten 2,5 Meter hoch und liegt schräg auf. Die Nischen der Zacken dienen neben der Sternoberfläche als Handlungsorte (wie für das „Gribojedowhaus“ der Literaten-Massolit, der Einzelzelle 117 des Iwan, genannt Besdomny, Verhörraum von Jesus oder für die Wohnung des tragisch verunglückten Berlioz). Mit aufgedeckten Wänden und Blick in die weitläufige Unterkonstruktion ist sie zugleich Ort für den mystischen großen Ball beim Satan (Bühne: Robert Schweer).
Am linken Bühnenrand ist eine kleine Band (Chihiro Ishii, Martin Lejeune, Tim Roth, Martin Standke, Yuriy Sych) postiert, die mit Akkordeon, Rassel, Kontrabass und Geige ausgestattet mitunter auch auf dem Stern Position bezieht. Die Musik stammt vom Musikprojekt „Get Well Soon“ des Konstantin Gropper und sie untermalt einzelne Szenen. Dabei ist die Musik aber auch eng mit dem Stück verknüpft worden, die Darsteller singen Songs, die von Konstantin Gropper passend zum Stück geschrieben wurden (die Liedtexte sind im Programmheft abgedruckt). Das passt nicht zuletzt deshalb, als es von diesem Roman immerhin drei Opern gibt (von Sergej Slonimski, Rainer Kunad und von York Höller).


Der Meister und Margarita
Schauspiel Frankfurt
Korowjew (Viktor Tremmel), Behemoth (Sascha Nathan) u.a.
© Birgit Hupfeld

Zum Erlebnis wird der Abend in erster Linie durch das spielfreudige Ensemble. Michael Goldberg gibt den Volant (genannt Messere) mit viel Charisma und Größe. Sascha Nathans Behemoth, ein fieser schwarzer Kater der gerne auf seinen Hinterpfoten läuft, ist ein biestiges Ding, markerschütternd ertönt sein lautstarker Schrei „Ball!!!“ zur Eröffnung des satanischen Freudenfestes. Viktor Tremmel gibt oberkörperfrei und in einem Schottenrock (Kostüme: Heide Kastler) einen agitationsreichen Korowjew (in der Vorlage als „absurd gekleidet“ beschrieben und hier nicht nur mit extra langen Augenbrauen, sondern auch mit Fellstücken hinter den Ohren und auf dem Bauch ausgestattet).
Mathis Reinhardts Lyriker Besomny lässt sich die Verzweiflung und Not über sein Schicksal gut im Gesicht ablesen. Thomas Meinhardt gibt den Vorsitzenden der Literatenassoziation Massolit mit der nötigen Selbstüberschätzung, Felix von Manteuffel einen machtvollen Pontius Pilatus. Sandra Gerling belegt die offenbar vorzügliche Auffassungsgabe des Klinkarztes Dr. Strawinski und besticht als Varietébuchhalter Stepanowitsch. Vincent Glander amüsiert als lustvoll sich räkelnde Krankenschwester, aber auch als Bossoi, dem Vorsitzenden der Wohngenossenschaft, dem später die Innereien ausgebissen werden. Wie fast alle Darsteller Mehrfachrollen übernehmen (u.a. als illustre Varietébesucher mit Bärchenmasken oder für den Satansball als quasi nackte Lebendtote berühmte Mörder, Könige, Herzöge, Ritter, Giftmischerinnen, Kerkerknechte, Denunzianten, Sittenstrolche etc.).
Die titelgebenden Figuren werden von Bettina Hoppe und Torben Kessler gegeben. Kessler zeigt den Meister entsprechend der Vorlage als einen, der mit allem abgeschlossen hat (und zusätzlich als besonnenen Jesus). Wichtigste Figur des Romans ist die dreißigjährige Margarita Nikolajewna. Aus Goethes Gretchen ist bei Bulgakow eine „Überfrau“ geworden, die von Bettina Hoppe großartig gespielt wird. Liebestoll sitzt sie zunächst oberkörperfrei an der Seite ihres Geliebten, um dann zur furcht- und selbstlosen Hexe zu mutieren (zudem Dank Teufelscreme mal eben um zehn Jahre verjüngt), die bereit ist, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und die bis zur Selbstaufgabe sich das Knie von Hundertschaften Höllenbewohner küssen lässt, dass es nur so blutet.


Der Meister und Margarita
Schauspiel Frankfurt
kniend: Voland (Michael Goldberg), auf dem Stuhl: Margarita (Bettina Hoppe), u.a.
© Birgit Hupfeld

Schon gemäß dem Roman vorangestellten Faust-Zitat von Goethe („Nun gut, wer bist du denn? – Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“) ist der Teufel hier nicht per se böse. Da es im Atheismus keinen Gott gibt, fällt dem Teufel auch Göttliches zu. Er sorgt für eine gerechte Bestrafung, sei es im Diesseits oder im Jenseits. Ähnlich wie im Roman dem einzelnen Kapitel bezeichnende Titel unterstellt sind, lässt Regisseur Markus Bothe analog dazu Kernsätze der Geschichte groß an die Rückwand projizieren.
Und am Ende, man mag es kaum glauben, gibt es sogar so etwas wie ein Happy End. Nicht nur für den Meister und seine Margarita, die der Enge Moskaus entfliehen können, auch die junge Frau die vor 30 Jahren ihr Baby im Wald erstickt, erfährt Freiheit von dem ihr auferlegten Jenseitsfluch.
Boths szenische Lösungen für die Umsetzung dieses Meisterwerkes sind für ein breites Theaterpublikum gemacht und humorvoll, kurzweilig und pointiert umgesetzt. Diejenigen, die den Roman nicht kennen, was nicht wenige sein dürften, werden vielleicht nicht jedes Detail verstehen, werden dafür aber facettenreich unterhalten. Ein vergnüglicher Abend, viel Applaus.

Markus Gründig, Dezember 12

Black Ice: Ein Lügenspiel
Schauspiel Frankfurt, Jugendclub
Besuchte Vorstellung: 28. November 12 (Premiere)

„Man schaut den Menschen auf die Stirn, aber nicht ins Hirn“ heißt es umgangssprachlich. Der Titel „Black ice“ drückt diesen Sachverhalt etwas umständlicher aus. Denn „Black ice“ meint ja nicht einfach übersetzt schwarzes Eis, was es per se gar nicht gibt, sondern die sich oftmals auf Strassen spiegelnde Fläche von Wasser, die je nach Lichteinwirkung wie eine glasierte Oberfläche, eben wie „Schwarzes Eis“ erscheint.
So geht es bei Susanne Zauns, für den Jugendclub des Schauspiel Frankfurt geschriebenem Stück, eben um diesen Sachverhalt. Die Oberfläche gleicht nicht automatisch dem Kern. Das Äußere des Menschen drückt nicht zwangsläufig seinen wahren Gedanken aus. Dies ist erst einmal ganz neutral zu sehen, denn dieses konditionierte Verhalten erfolgt nicht zwangsläufig aus niederen Beweggründen, sondern oftmals eher aus Höflichkeit und um die Contenance zu wahren. Zaun nimmt bei ihrem Projekt deutlich Bezug auf einen der größten Lügner in der Literatur. Auf Patricia Highsmiths Romanfigur Tom Ripley (u.a. „Der talentierte Mr. Ripley”).


Black Ice: Ein Lügenspiel
Schauspiel Frankfurt Jugendclub
© KarolinBack

So gibt es noch bevor die Zuschauer die Box des Schauspiel Frankfurts betreten um Platz zu nehmen, einen knapp einminütigen Romanausschitt zu hören (Lennart Spindler liest, wie ein Mann Kanapees für einen kleinen Empfang vorbereitet). Diese zunächst belanglose Szene hat aber natürlich einen tieferen Sinn. Innen stehen dann fünf junge Frauen des Schauspiel Frankfurt Jugendclubs (Alina Fischer, Lena Köcher, Lidya Miheteab, Banu Öztürk und Britta Wambach) in hübschen Kleidern in einer Gruppe angeordnet und lächeln das Publikum an. Oder auch nicht? Was denken sie wirklich? Alle haben schöne lange Haare. Mitunter verstecken sie ihr Gesicht hinter den Haaren, bewegen sich langsam und formieren sich innerhalb der Gruppe um. Dieses wortlose, circa 10-minütige, Intro wird von sphärischer Musik begleitet (die vielleicht auch einem Film entstammt). Manch eine fasst sich dabei verlegen immer wieder an die Hüfte, einen andere fährt sich durch die Haare. Bei allem äußeren Strahlen bleibt es ein Geheimnis, was in ihrem Inneren vor geht. Es folgen Bilder, bei denen unter Einsatz von Rauch eine schon äußerlich geheimnisvolle und rätselhafte Atmosphäre herrscht. An kleinen quadratischen Tischen sitzend, passieren unterschiedliche Dinge. Eine männliche Barbiepuppe („Ken“) wird von einer weiblichen ermordet. Strassenbefragungen zu „Wann haben Sie das letzte Mal gelogen“ (die Interessanteste Antwort kam von einer Ärztin: „ständig, gegenüber meinen Patienten“) und zur Figur des Tom Ripley werden eingespielt (die Antworten sind ganz wie bei „Frachgenagt“ mit dem Sassenroth von you fm ziemlich hirnlos). Dabei tragen dann alle fünf auch weiße Kittel, was auch ein schönes Bild für Falschheit ist. Denn egal ob bei Ärzten oder auch in der Kosmetik, weiß ist auch nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.
Zur Vorbereitung der finalen Szene erfolgt eine langatmige Sequenz. Auch wieder mit Musik, wobei der Softklassiktitel viermal wiederholt wird. Das passt zu den an den Einzeltischen sitzenden Damen, die jede für sich mit aller Ruhe dieser Welt Gemüse, Obst und Nüsse bearbeiten. Man könnte auch malträtieren sagen, denn beispielsweise wird eine Gurke durch Plätzchenausstechformen gepresst, Gewürzblätter werden mit einem Hammer platt geschlagen. Von außen werden vorbereitete Brotschnittchen auf Tabletts rein getragen und mit dem Gemüse belegt. Die Musik vom Anfang setzt ein und bevor das Publikum nun die Früchte des Lügenspiels probieren kann, ertönt es von den Frauen erneut (wie auch schon zu Beginn erklang): „kann ich Ihnen helfen, sie sehen schlecht aus…“

Eine eigenwillige Performance, die den engagiert agierenden jungen Damen und dem Premierenpublikum viel Spaß bereitet hat.
Eine Dramatisierung von Patricia Highsmiths „Der talentierte Mr. Ripley” hat am 19. Januar 13 in den Kammerspielen Premiere.

Markus Gründig, November 12

Don Carlos
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 24. November 12 (Premiere)

Schillers „Don Carlos“ ist eines der bedeutendsten Bühnenwerke, allein mit seinen 5370 Versen zählt es zu den längsten Tragödien der deutschen Bühnenliteratur. In der Inszenierung des jungen Sarantos Zervoulakos ist es nun in einer packenden und stark reduzierten Fassung (hinsichtlich Text und Personen) am Staatstheater Mainz zu sehen (ähnlich zu Christoph Mehlers kürzlich erfolgten Inszenierung von Zuckmayers „Des Teufels General“ am Schauspiel Frankfurt). Alle Darsteller sind die ganze Zeit über auf der Bühne, die Bühne an sich ist weitestgehend leer, gespielt wird knapp zwei Stunden ohne Pause, der Text wurde gekürzt und die Handlung ergibt sich für Unvorbereitete nicht unbedingt. Allerdings ist „Don Carlos“ in Mainz, anders als der General in Frankfurt, vollkommen rauchfrei und auch heller ausgeleuchtet. Die Spielfläche für den Palast besteht aus einer quadratischen Plattform mit vier vorgelagerten Stufen, eine Begrenzung erfolgt ausschließlich über eine abgehängte Decke (Bühne: Thea Hoffmann-Axtheim; auch Kostüme).

Bei dieser schon rein formalen Fokussierung ist der Blick des Zuschauers stets auf alle Darsteller gerichtet, die, einem Familienporträt ähnlich, hübsch aufgereiht auf der Bühnenplattform positioniert sind. Haben sie zu spielen, treten sie vor oder an die Seite. Wobei „Spiel“ auch hier eingeschränkt ist. Ohne wirklichen szenischen Rahmen ist diese Darstellungsform bei aller Präsenz der Protagonisten doch eingeschränkt. Aus der starren Vorgabe können sich Lisa Mies als Prinzessin Eboli und Stefan Graf in der Titelrolle am stärksten lösen. Sie, anfangs in einem hoffnungsvollen grünen Kleid mit Reifrock und auf funkelnden High Heels, wird später im schwarzen Dessou-Outfit zur Femme fatale. Der zu seinem Vater so unterschiedliche Sohn trägt nicht nur machohaft lediglich ein weißes Unterhemd und eine an einem Bein hochgekrempelte hellblaue Short, sondern auch dunkelrote Leggins, die ihn endgültig der Realität entheben. Stefan Graf spielt ihn mit großer Hingabe und bewältigt die nicht geringe Textmenge souverän, hüpft anfangs beherzt seinen Eltern auf, später versehentlich Eboli in den Schoß. Er zeigt aber auch anrührende Momente, wenn er voller Zweifel und Verzweiflung ist.
Eine große szenische Präsenz ist bei diesem Regiekonzept von allen Darstellern gefordert und das gelingt dem Ensemble des Staatstheater Mainz sehr gut. Die konservativ gekleidete Elisabeth der Karoline Reinke ist voller Empathie und Wärme, André Willmund gibt einen vielschichtigen und sympathischen Freiheitskämpfer Marquis von Posa, Zlatko Maltar in einem leichten Armeemantel einen stattlichen Herzog von Alba und Lorenz Klee einen würdevollen Beichtvater. Im noblen Jackett und als Einziger auf einem pompösen Stuhl sitzend, zeigt Berthold Toetzke als König von Spanien trotz aller Zweifel und Unsicherheit die notwendige Härte. Monika Dortschy gibt erst die Oberhofmeisterin Olivarez, um sich im letzten Bild mit Glatze und Sonnenbrille zum filmreifen Großinquisitor zu wandeln.
Viel freundlicher Applaus, auch für die Regie.

Markus Gründig, November 12

Krabat
Schauspiel Frankfurt

Besuchte Vorstellung: 17. November 12 (Premiere)

Es ist ein Jugendbuchklassiker, ein cineastisches Fantasyabenteuer aus dem Jahr 2008, aber (noch) nicht unbedingt das klassische Weihnachtsstück: Krabat von Erfolgsautor Otfried Preussler (der u.a. auch „Das kleine Gespenst“, „Der Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“ schrieb).
Die Geschichte des jungen Krabat, der am Dreikönigstag, einem geheimnisvollen Ruf folgend, zu einer unheimlichen Mühle bestellt wird und dort nicht nur Schrot und Korn kennenlernt, sondern auch in die Schwarze Magie eingewiesen wird und dem auf seinem Meister liegenden Fluch erfährt, hat ihren ganz eigenen Reiz. Sie bietet die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit den Verführungen der Macht und zeigt auf, dass die Liebe letztlich der größte Zauber ist, den es gibt. Insofern passt es dann doch wieder zu Weihnachten. Nina Achminow hat den Roman für die Bühne bearbeitet, die Uraufführung fand vor bald 20 Jahren (1994) in München statt.


Krabat
Schauspiel Frankfurt
Staschko (Tobias Escher), Krabat (Christian Erdt), Andrusch (Jens Hilzensauer), Petar (Uli Schiffelholz), Lyschko (Daniel Rothaug)
© Birgit Hupfeld

Schon während das Publikum im Saal Platz nimmt und ein roter Samtvorhang den Blick auf die Bühne noch versperrt, fliegen Krähen durch den Saal (nicht wirklich, aber die eingespielten Geräusche wirken sehr real) und verkünden mit ihrem Ächzen drohendes Unheil.
Die Inszenierung von Karin Drechsel wird dem jungen Publikum sehr gerecht, am plastischen Bühnenbild von Julia Hattsein (auch Kostüme) können sich auch alle Gegner des Regietheaters erfreuen. Große Prospekte vermitteln einen Zauberwald in der schlesischen Oberlausitz, dazu gibt es einen großen Baumstumpf, ein sich flott bewegenden Laubwegweiser und ein kleines Lagerfeuer, Festwimpel und Fahnen. Zu Beginn, am Dreikönigstag, fällt Schnee und werden Schneebälle geworfen. Herausragend ist allerdings die aufwendige, große und hölzerne Mühlenkonstruktion auf drei Ebenen mit integrierter Zauberschule und dem Zauberbuch „Koraktor“. Hier geht es richtig laut zu, mit rhythmischen Klängen (Musik: Biber Gullatz). Der Hit sind allerdings die genial echt wirkenden Kostüme für die zu Krähen verzauberten Müllergesellen, die mit ihren großen Schnäbeln und ausladenden Flügeln bestechen.

Es findet keine Interaktion mit dem Publikum statt, dafür ist dieses bei der besuchten Vorstellung jedoch die ganzen 90 Minuten über absolut still gewesen, von Lachern über manch komische Szene (wie bei der Verwandlung des scheinbar dummen Juro in ein Schwein anstelle eines Rinds) abgesehen. Christian Erdt meistert die Rolle des Bettlerjungen Krabat vorbildlich mit jugendlicher Leichtigkeit und erwachsener Beharrlichkeit. Wiebke Mollenhauer besticht mit ihrer hellen Sopranstimme als Befreierin Kantorka. Markus Graf gibt einen finsteren Meister, Christian Bo Salle (Tonda) und Daniel Rothaug (Lyschko) geben polarisierende Müllerburschen. Martin Butzke macht es als vielschichtiger Juro wie die Katzenberger, indem er sich absichtlich dumm stellt. Bis auf Kantorka werden alle weiteren Rollen, auch die der Frauen, von Männern gespielt (was mitunter erst auf den zweiten Blick auffällt).

Ängste überwinden und den Zauber der Liebe zu erfahren, das erlebt am Ende nicht nur Krabat, sondern mit dem fröhlich tanzenden kann das ganze Ensemble und das Publikum in das „Weg ist die Angst“-Lied einstimmen.

Gespielt wird nur im November und Dezember, aber Achtung: fast alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Markus Gründig, November 12

Des Teufels General
Schauspiel Frankfurt

Besuchte Vorstellung: 16. November 12 (Premiere)

In gewisser Weise ist die Inszenierung von Christoph Mehler eine Herausforderung. In ihrer radikalen Erzählstruktur, ihrer Reduzierung und mit ihrem kargen und spärlich ausgeleuchteten Bühnenbild macht er es dem Zuschauer nicht leicht, sich diesem Nachkriegsklassiker zu stellen. Zudem werden die drei Akte („Die Höllenmaschine“, „Galgenfrist oder Die Hand“ und „Verdammnis“) ohne Pause innerhalb von zwei Stunden gezeigt, was dem Publikum ein Höchstmaß an Konzentration abverlangt, wie auch Kenntnisse der Handlung von großem Vorteil sind. Wenn die Inszenierung auch mitunter einer szenischen Lesung gleicht, ist sie auf ihre Art durchaus fesselnd.

Dramaturg Lothar Kittstein gibt im Programmheft einen ungewöhnlich ausführlichen Hintergrundbericht zum Stück und verweist somit auf den Fokus dieser Inszenierung. Auch wenn das Stück wie kein zweites für die Aufarbeitung Nazideutschlands steht, räumt Mehlers Umsetzung mit diesem Bild gründlich auf. Mit schlichtem Schwarz-Weiß-Denken geht das Thema Entnazifizierung nicht. Oberst Harras ist ein Schuldiger, wie Saboteur Oderbruch eine ambivalente Figur und letztlich ein Wohltäter ist. Schuldige Mitläufer sind alle und Widerstand ist nicht zu haben, ohne schuldig zu werden.


Des Teufels General
Schauspiel Frankfurt
Harras (Martin Rentzsch), Hartmann (Nils Kahnwald)
© Birgit Hupfeld

Die Bühne ist eine einzige, dunkle Gefängniszelle mit ausgeprägter Verhöratmosphäre. Nur aus einer kleinen, dazu mit Lamellen versehenen, Öffnung hoch oben dringt karges Licht herein. Neben einem schwarzen Sideboard nebst einer schwarzen Tischlampe, stehen nur zehn dunkle Holzstühle an den Wänden, für jeden Darsteller einen (ein schwarzes Bild gibt es auch noch). Nur Oberst Harras’ Stuhl steht etwas im Raum (Bühne: Nehle Balkhausen). Die wechselnden effektvollen Lichteinstellungen werfen schlaglichtartig irgendwann jede Figur in den Mittelpunkt. Das ist sehr gut gemacht (Licht: Jan Walther). Alle Darsteller sind die gesamte Aufführung über auf der Bühne und beobachten in den Szenen, in denen sie nicht aktiv spielen, wie Gespenster vom abgedunkelten Rand aus das Geschehen. Die Männer tragen schwarze Anzüge (nebst schwarzen Hemden), die Frauen tragen elegante, eng anliegende Kleider, Pützchens ist auch in schwarz (Kostüme: Janina Brinkmann). Weiß ist hier hauptsächlich der schier endlose Qualm vieler gerauchter Zigaretten, der für eine nebulöse Stimmung sorgt.

Vieles der Rahmenhandlung erschließt sich bei diesem Konzept nicht unbedingt, was scheinbar auch gar nicht gewollt ist. Champagner, Hummer und exotische Früchte der rauschenden Party inmitten des Krieges (1941) werden immerhin erwähnt, ebenso werden die Handlungsorte nur erzählerisch aufgeführt. So ist der gespannte Blick ganz auf die Personen gerichtet. In der Heldenrolle des Generals mit Herz und Schnauze (Harras) gibt Martin Rentzsch (als Einziger mit weißem Hemd) keinen Haudegen, wie ihn beispielsweise Tobias Lehmann letzten Sommer bei den Burgfestspielen Bad Vilbel gab. Rentzschs Harras ist sehr viel besonnener und nachdenklicher. Aufbrausender ist dafür sein Chauffeur Korrianke (Peter Schröder). Wobei die anderen männlichen Darsteller mit ihrer dunklen Tracht nicht nur optisch einander gleichen, alle Figuren sind zurückhaltend angelegt, sei es der Oberst Friedrich Eilers des Isaak Dentler, der ideologisch verblendete und unglücklich verliebte Flieger Hartmann des Nils Kahnwald, der Fliegeroffizier Pfundtmayer des Thomas Huber (auch Oderbruch, der Ingenieur aus dem Luftfahrtministerium), der Großindustrielle und Aristokrat Sigbert von Mohrungen des Michael Benthin sowie der gegen Harras gesinnte Dr. Schmidt-Lausitz des Till Weinheimer.
Die Damen sorgen für eine gewisse Auflockerung, wobei auch sie nicht ohne sind. Lisa Stiegler gibt spielfreudig die Ehefrau/Witwe Anne Eilers und die junge Nichte Diddo Geiss. Franziska Junge gibt eine abgründige Waltraud von Mohrungen (genannt Pützchen). Andreas Uhse verleiht der Diva Olivia Geiss tragische Züge.

Die ungewöhnliche Umsetzung erhielt vom Publikum eine breite Zustimmung für Darsteller und das Regieteam.

Markus Gründig, November 12

Das Käthchen von Heilbronnn
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 9. November 12

Das Käthchen von Heilbronn wurde von Christiane J. Schneider am Schauspiel Frankfurt als Stück für Kinder, Jugendliche und Erwachsene inszeniert (in einer Fassung von Jens Gross). Die Premiere fand im November 2008 statt, damals spielten u.a. Nadja Dankers (Käthchen), Bert Tischendorf (Friedrich Wetter, Graf vom Strahl), Felix von Manteuffel (Cherubim) und Leslie Malton (Kunigunde von Thurneck). Jetzt hat sich Philipp Preuss dieses Stückes angenommen, das ein Jahr vor Kleists Suizid am Berliner Wannsee uraufgeführt wurde. Schon im Untertitel wird hier darauf hingewiesen, dass es sich nicht um ein großes historisches Ritterschauspiel handelt. Und auch die Besetzung der an sich über 40 Rollen mit nur zwei Darstellern und einem Chor macht schon im Vorfeld deutlich, dass hier ein unüblicher Inszenierungsansatz zugrunde liegt.
Preuss, der am Schauspiel Frankfurt bereits „Alice im Wunderland“, „Die Kontrakte des Kaufmanns“ und „Roberto Zucco“ inszenierte, hat aus Kleists fünfaktiger Vorlage ein eigenwilliges Destillat gefertigt.


Das Käthchen aus Heilbronnn
Schauspiel Frankfurt
Käthchen (Valery Tscheplanowa), Friedrich Wetter Graf vom Strahl (Nico Holonics), Chormitglieder
© Birgit Hupfeld

Erzählt werden Fragmente der Handlung als Traum von Käthchen, vieles der Geschichte wird dabei nur lose angedeutet. Dabei wird Kleists Intension zu diesem Stück eng mit seinem und Henriette Vogels Suizid in Verbindung gebracht. Also eben kein großes Ritterschauspiel, schon gar kein historisches. Vielmehr durchzieht eine gewisse Todessehnsucht die Inszenierung vom Anfang bis zum Ende. Und der Tod lauert von Anbeginn an im Bühnenbild von Ramallah Aubrecht. Zwei kleine Liliensträuße sind um zwei Mikrofonständer gebunden. Diese begrenzen die vorgelagerte runde Podestfläche, die mit ihrem lila Glitzerboden eine künstliche Welt darstellt. Lilien als Symbol für Reinheit, Tod und Unschuld. Diese drei Eigenschaften charakterisieren auch das unbeirrbare Käthchen der großartigen Valery Tscheplanowa (die diese Rolle bereits probte, als sie noch die nicht minder textlastigen Rollen Helena, Baucis und Die Sorge in „Faust. Zweiter Teil“ spielte). Mit ihrer ungebrochen starken Präsenz in Geist und Körper brilliert sie auch hier. Sie trägt überwiegend ein weißes Hochzeitskleid, eine schwarze Schleife in den Haaren deutet bereits auf die Todesthematik hin (Kostüme: Katharina Tasch). Als Kunigunde von Thurneck zieht sie eine Langhaarperücke auf und ist dann doch sofort wieder das Käthchen.
An ihrer Seite hat Nico Holonics erstmals eine große Rolle im Schauspielhaus inne. Der aus dem thüringischen Gera stammende Darsteller ist seit dieser Saison Ensemblemitglied des Schauspiel Frankfurt. Hier stellte er sich bereits in der letzten Saison in Stockmanns „Der Freund krank“ vor und war dann als Euphorion und Wanderer in „Faust. Zweiter Teil“ zu erleben. Den Grafen von Strahl gibt er mit großem körperlichen Einsatz, mit Charme und Schmiss. Er trägt lose an ritterliche Zeiten anmutende Kleidung (erst eine Schärpe über weißem Hemd und schwarzer Hose, später einen glitzernden Pulli, der an ein Kettenhemd erinnert).
Ein 18 Personen umfassender Chor begleitet das Geschehen zunächst aus der ersten Reihe, dann von der Seite und später aktiv auf und hinter der Bühne. Chorleiter Kornelius Heidebrecht sorgt nebenher noch an der Seite stehend am Synthesizer, Klavier und Mischpult für eine musikalische Untermalung des Ganzen. Lieder wie der Klassiker „Dream a Little Dream of Me“ und Bee Gees „How deep ist your Love?“ werden von allen gesungen und geben Kleists Stück einen zeitgemäßen Bezug.
Der Vorhang dient als Fläche für kunstvolle Videoprojektionen, wie die einer Livekamera von der Decke, die Bilder der Darsteller überträgt, wenn diese auf der Bühne liegen und nach oben schauen. Eingebettet in einen Sternenhimmel entstehen so poetisch schöne Bildmomente, die die Traumatmosphäre betörend unterstreichen (Video: Konny Keller). Faszinierend ist die täuschend echt anmutende Projektion der umgekehrten Bühnenansicht auf den Eisernen Vorhang gelungen. Trugbild oder Realität, man mag es kaum zu unterscheiden.
Letztlich bleibt alles Traum, auch das Liebesglück der beiden. Zum Ende liegen Käthchen und der Graf tot darnieder. Wobei wie zu Beginn auch jetzt ein projiziertes Feuerwerk die Szenerie umrahmt. So haben sie immerhin im Tod ihr gemeinsames Glück gefunden. Womit die Inszenierung nah am inszenierten Doppelsuizid von Kleist und Vogel am Berliner Wannsee angekommen ist.
Viel Applaus bei der besuchten zweiten Vorstellung, wobei vielen im Publikum eine gewisse Verwunderung ob der unerwarteten Umsetzung anzumerken war.

Markus Gründig, November 12

Betty
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 24. Oktober 12 (Premiere)

Der belgische Schriftsteller Georges Joseph Christian Simenon (1903 – 1989) ist vor allem durch seine Figur des Kommissars Maigret bekannt, darüber hinaus war er aber auch ein emsiger Verfasser von Romanen, Essays und Kurzgeschichten. Sein 1960 im schweizerischen Echandens entstandener Kurzroman „Betty“ wurde jetzt in einer dramatisierten Fassung in der Regie von Lily Sykes in der „Box“ des Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Dabei handelt es sich bei „Betty“ weniger um einen Roman als um eine Momentaufnahme. Innerhalb acht Kapiteln schildert Simenon ein paar wenige Tage im Leben einer gefallenen, jungen Frau, die, alkoholabhängig, Mann und Kinder ihrer zweifelhaften Lebenslust opfert.
Aufgegabelt in der Rue de Ponthieu landet die 28-jährige erst in der Bar „Trou“, um dann im Vollrausch von der Arztwitwe Laure Lavancher in deren Hotelzimmer aufgenommen und versorgt zu werden. Details zu Ihrer Vorgeschichte, ihr gelangweiltes Leben, die unnötige Ehe mit Guy, das in flagranti beim Ehebruch ertappt worden sein, erfährt der Leser erst nach und nach. Am Ende ist Betty insoweit wieder stabil, hat Laure deren Freund Mario ausgespannt und Laure findet anstelle von Betty den Tod. Für die Szenen mit Bettys Männern (Florent, Guy und Philippe) werden extra gedrehte Videosequenzen projiziert, ebenso für die Schwiegermutter, zu der Betty überhaupt keinen Zugang hat.


Betty

Schauspiel Frankfurt
Laure (Henrike Johanna Jörissen), Betty (Katharina Bach)
© Karolin Back

Die Bühnenfassung für zwei Schauspielerinnen beschränkt sich auf Szenen im Hotelzimmer von Betty. Hier liegt sie eingekuschelt unter einer Bettdecke, während Laure neben ihr wacht. Handfestes Essen (Rührei), das Laure aus der mit Fächern versehenen Hotelwand zieht, kann ihren Hunger nicht stillen. Dies schafft nur Alkohol in Form von Whiskey, von dem hier einige Flaschen geleert werden. Denn Bettys Glas ist ständig leer. Warum sie trinkt spielt keine Rolle. Katharina Bach verleiht der Betty viele tragische Momente, besticht durch ihr geschicktes Spiel und starker Mimik als gefallene attraktive Frau, die nach Laure eine viel zu große Vorstellung von dem hat, was sie sein könnte oder sein sollte, sodass sie immer tiefer fällt. Bach ist Mitglied des Schauspiel STUDIO Frankfurt, also kein Grund sich über mangelnden Nachwuchs Sorgen zu machen. An ihrer Seite spielt die erfahrene Henrike Johanna Jorissen, die mit kühler Nonchalance und geheimnisvollem Auftreten der Laure größeres Format gibt, als es im Buch geschildert wird. Wie auch eine gewisse homoerotische Ebene hier zart angedeutet wird, die im Buch eher unbestimmt ist.
Beide Frauen tragen elegante, eng anliegende und schulterfreie Abendkleider (Kostüme: Dorothee Joisten). Das modern und elegant anmutende Hotelzimmer, in dem die Handlung spielt, besteht aus zwei Wänden mit einer Vielzahl von Quadraten, mit einem großen Bett in der Mitte (Bühne: Friederike Meisel).
Regisseurin Sykes vermittelt mit diesen zwei großartigen Damen ein intensives Portrait einer regelwidrig agierenden Frau.

Markus Gründig, Oktober 12

X Freunde
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 12. Oktober 12 (Premiere)

Während im Schauspielhaus des Schauspiel Frankfurt erstmals Goethes Klassiker Faust 1 und 2 en suite gespielt werden, .warten die Kammerspiele mit weitgehend unbekannten Stücken bzw. mit Uraufführungen auf und zeigen dabei, dass neue Stücke auch großes Theater bieten können. Nach „Hanglage Meerblick“ und „Die Opferung von Gorg Mastromas“ folgte nun als dritte Neuproduktion der Spielzeit 2012/13 in den Kammerspielen Felicia Zellers „X Freunde“ (das ebenfalls uraufgeführte „Bouncing in Bavaria“ nimmt ja ob seiner Handlungsarmut eine Sonderstellung ein).
Freundschaft ist ein dehnbarer Begriff. Das erfahren in Felicia Zellers neuestem Stück auch drei Freunde. Der Alltag frisst sie auf, jeden auf seine eigene Art. Am Ende gibt es nur noch Verlierer. Das Stück entstand als Auftragsproduktion für das Schauspiel Frankfurt, die Autorin war Gast der Uraufführung.
Mit in die Spitze getriebenen Zeichnungen von Stereotypen ist diese Farce ein erschütterndes wie erheiterndes Spiel um die Frage, was ist Glück und wo ist es zu finden? In der Zweisamkeit oder im beruflichen Erfolg? Aber vor allem, wie ist die ständige Präsenz der Arbeitswelt auch im Privaten zu verkraften, welche Folgen hat das, nicht von der Arbeit abschalten können und wie verantwortungsbewusst gehen wir mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst um?


X Freunde

Schauspiel Frankfurt
Anne Holz (Claude de Demo)
© Birgit Hupfeld

Die Inszenierung von Bettina Bruinier führt mit drei großartigen Darstellern diese Fragen plastisch vor Augen. Die Liste der bisherigen Inszenierungen von Bettina Bruinier am Schauspiel Frankfurt ist schon recht umfassend: „Stadt aus Glas“, „Deutschland. Ein Wintermärchen“, „Romeo und Julia“, „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ und zuletzt im Bockenheimer Depot Jelineks „Winterreise“). Ihre Umsetzung von Zellers „X-Freunde“ setzt jeden Satz stets auf den Punkt sicher in Szene. Dabei ist Zellers, oftmals bruchstückhafte, Sprache nicht auf ein langsames Tempo ausgerichtet. Die Sätze kommen wie Pistolenschüsse in schneller Folge hervor. Entsprechend lebhaft ist die szenische Umsetzung. Schnelle Beats zwischen den 23 Szenen unterstreichen dabei das hohe Tempo, das den drei Darstellern einiges abverlangt. Ruhe, Stillstand, das war gestern. Wer nicht mehr kann, macht einfach einen Neustart und schon kann es weiter gehen…

Dabei fängt der Abend ganz harmlos, ja unterhaltend an. Hobbykoch Holger, ehemaliger Betreiber eines großen Catering-Services, bereitet ein Essen vor. Dies schon, während das Publikum im Saal Platz nimmt (zudem wird es wie bei einer Kochshow involviert). Mit dem Auftreten seiner gut aussehenden und äußerst kompetenten Frau Anne und des sensiblen und sich zu viel hinterfragenden Künstlers Peter beginnt mit einer schnell geleerten Flasche Champagner ein netter Smalltalk, der schon bald in erste Streitgespräche mündet und mit großen Schritten auf das Finale zusteuert. Anne erzählt den beiden, dass sie endlich aus der „Klitsche, dieser Schicki-Micki-wir-sind-alle-beschäftigt-wissen-aber-gar-nicht-warum-Agentur“ raus ist. Nun kann es einen Neustart geben. In der eigenen, neuen Agentur „PRIVATE AID“ wird alles besser, Dank Verwirklichung von völlig neuen Arbeitsstrukturen und einer neuen Arbeitskultur. Von wegen…!
Im Zentrum des Kampfs beim nächsten Projekt, um den nächsten Auftrag, steht die Figur der Anne, die hier ein männliches Alphatierverhalten an den Tag legt. Sie macht unerschütterlich weiter, mag die Welt um sie auch untergehen, sie liebt den Erfolg, sie hat Erfolg und zahlt nur zu gerne jeden Preis dafür. Ihr Handy und ihren Laptop trägt sie wie einen zwingend benötigten Herzschrittmacher stets bei sich und ist rund um die Uhr in Bereitschaft und in Kontakt mit ihrem Geschäftspartner Robert. Als unerschütterliche erfolgsorientierte Jeanne d'Arc des beruflichen Erfolgs besticht Claude de Demo mit großem Spiel. Viktor Tremmel weiß als leidgeplagter und in die Ecke gedrängter Ehemann Holger all seine Freude und sein Leiden in schöne Gesten und Mienen umzusetzen. Wild stampfend und betörend larmoyant gibt Christoph Pütthoff den vor lauter überhöhten Anforderungen an sich gehemmten Künstler Peter.

Das Leben als ständiger Kampf sich beweisen zu müssen, seine Daseinsberechtigung nur im Erfolg zu haben, dies wird hier im Bühnenbild von Justina Klimczyk auch optisch demonstriert. Die Wohnung von Anne und Holger ist ein Art Turnhalle, nur aus zwei großen Turnmatten bestehend (an den Wänden festgemacht) und einem in den Boden eingelassenen Trampolin. Es gibt auch herrlich tragisch-komische Bilder. Etwa bei der Urlaubsszene, bei der der aus lauter Vereinsamung reichlich dick gewordene Holger nun wie in Zeitlupe in die Meeresbrandung schwebt, oder wenn er seiner Anne einen Zahn zieht, weil sie es vor lauter Karrieregeilheit nicht schaffte, zum Zahnarzt zu gehen (kein Wunder, das es bei den beiden auch kein Liebesleben mehr gibt).

Das Premierenpublikum war zu recht ganz außer Häuschen. Die österreichische Erstaufführung von „X Freunde“ findet bereits am 23. Oktober 12 am Schauspielhaus Graz statt.

Markus Gründig, Oktober 12

FaustIn and out
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 27. September 12 (Premiere)

Faust, der Verwerfliche, verführte das junge Gretchen und ließ sie dann sitzen. Ihr Schicksal ist hinreichend bekannt. Und doch geht die Figur des Gretchens in diesem großen Drama ob Mephistos diabolischem Treiben und Fausts wankelmütigem Wesen etwas unter. Höchste Zeit also, einen intensiveren Blick auf das arme Gretchen zu werfen, dachte sich Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und schrieb kurzerhand ihr „Faustin and out“, dass im März 2012 in München uraufgeführt wurde und nun erstmals in Frankfurt gezeigt wird (im Frühjahr ist es zudem in einer Inszenierung von Tilman Gersch am Staatstheater Wiesbaden zu sehen).
In diesem Stück, das sie selbst als Sekundärdrama zu Faust bezeichnet, spinnt sie Gretchens Geschichte bis zur österreichischen Gegenwart weiter. Konkret: bis zum unfassbaren Fall des Josef Fritzl aus Amstetten (der seine Tochter rund 24 Jahre in einem Kellerverlies gefangen hielt, missbrauchte und mit ihr sieben Kinder zeugte). Und wie es ihrem Stil entspricht, ist auch „FaustIn and out“ kein klassisches Drama, sondern eine komplexe Textakkumulation von über 35.000 Wörtern.


FaustIn and out

Schauspiel Frankfurt
Sandra Gerling und Bettina Hoppe
© Birgit Hupfeld

Regisseurin Julia von Sell hat hieraus ein kompaktes Extrakt destilliert, das von nur zwei Schauspielerinnen gegeben wird. Gespielt wird vor dem „Faust. Erster Teil“ Bühnenbild von Barbara Ehnes, das im abgedunkelten hinteren Bühnenbereich steht. Außer einem Mikrofon und einem Keyboard gibt es keine Requisiten, geschweige denn Bühnenbauten. Dafür aber ein mitreißendes Spiel zweier brillanter Darsteller, die selbst zu später Stunde (die Premiere begann an einem Donnerstag um 23.00 Uhr) noch zu Hochform auflaufen.
Während das Publikum im Saal Platz nimmt, spielt eine der beiden immer wieder den Anfang vom Flohwalzer, Bild ungestörter Kindheit. Wie es dann mit ein Paar Takten aus der lieblich klingenden “Morgendämmerung“ aus Edvard Griegs „Peer Gynt“-Suite zum nächsten Bild, d.h. Bildern weiter geht. Per Videoprojektion gibt es eine österreichische Version von „Herrchen gesucht“ zu sehen. Hier geht es dann um einen beißfreudigen Hund, der wechselnde Herrchen hatte und nun in treue Hände soll. Kurze Zwischeneinblendungen eines Phallus sprechen dabei für sich. Zunächst beginnt Sandra Gerling den Abend solistisch, ganz im Sinne von Jelinek als „Einpersonenchor: GeistIn und Faust-In, wer immer das ist“. Dabei steht sie inhaltlich dem depressiven Faust näher, erzählt sie doch neben der gegenwärtigen Vorherrschaft der Frau ironisierend gleich hinten dran von der großen Leidenschaft der Frauen, mit ihren nicht vorhandenen Depressionen zum hochgeschätzten und studierten Arzt zu rennen und von ihm das Unmögliche zu erhoffen. Voller Enthusiasmus und Konfetti werfend gibt sich Sandra Gerling als eine ausdrucksstarke Persönlichkeit und Entertainerin. Denn sie spielt auch ein Quiz mit dem Publikum, das dann geschickt zum ernsten Thema des Josef Fritzl überleitet. Hier kommt dann auch Bettina Hoppe ins Spiel. Zunächst noch wie Gerling im Dirndl mit Plastiküberrock (Kostüme: Michaela Kratzer und David Gonter), zeigt sie dann schnell, wer im Haus die Hosen an hat. Als wild kreischende, Angst einflößende, liebreizende, fürsorgliche oder auftrumpfende Frau, Hoppe gibt eine grandiose Leistung ab. In der Aufarbeitung des Falles Josef Fritzl, des Leidens seiner missbrauchten Tochter, wurden von Jelinek geschickt Faustzitate eingearbeitet. Der Text wechselt zwischen Erzähl- und Versform. Schließlich finden sich die beiden Frauen auch zu einem Einpersonenchor der GeistIn und Faust-In zusammen. Sie erzählen chorisch die Geschichte einer Supermarktregalauffüllerin, die wegen Diebstahls von zwei abgelaufenen Puddings fristlos gekündigt wurde. So ist Jelineks Text vielschichtig und assoziationsreich (inklusive vulgärer Gegenwartssprache wie „scheißen“, „pissen“ und „Fotze“).
Der vollständige Text von „FaustIn and out“ ist derzeit auf Elfriede Jelineks Webseite kostenlos nachzulesen. Doch die Wirkung des szenisch vorgetragenen Textes ist wesentlich intensiver und die schmissige Inszenierung von Julia von Sell vermittelt die im Subtext verborgen liegende Gefühle und Gemütszustände umso plastischer. Es sind kurzweilige 65 Minuten über die Frauen und natürlich auch über die Männer von heute. Ein vitales, erschüttendes, aber auch verlockendes und faszinierendes Spiel, das im kleinen Rahmen Großes bietet. Viel Applaus.


Markus Gründig, September 12

Faust. Zweiter Teil
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 16. September 12

Schon im März 2012 bei der Vorstellung des Faust-Projekts am Schauspiel Frankfurt versprach Intendant Oliver Reese einen ungewöhnlichen Blick auf Faust. Radikaler als im ersten Teil in der Inszenierung von Stefan Pucher, fällt dieser beim zweiten Teil auf. Ursprünglich sollte diesen der im Jahr 2011 mit dem Theaterpreis „Der Faust“ als bester Regisseur Musiktheater (für seine "Intolleranza 1960" an der Staatsoper Hannover) ausgezeichnete Benedikt von Peter inszenieren. Im Sommer 12 wurde dann aber Günter Krämer verpflichtet, der mit seiner „Salome“ im März 12 eine exzellente Inszenierung am Schauspiel Frankfurt vorgelegt hatte. Zusätzlich wird in dem reich betexten Programmheft zu Faust. Zweiter Teil in einem Aufsatz von Jochen Schmidt darauf hingewiesen, dass die Faustforschung sich längst darauf geeinigt hat, dass es keinen inneren Zusammenhang zwischen den beiden Faustteilen gibt. Und so unterscheiden sich die beiden Inszenierungen nicht nur äußerlich deutlich voneinander (gemeinsam ist ihnen wenig, etwa eine zarte Kapitalismuskritik). Wo Stefan Pucher im ersten Teil mit einem Feuerwerk an Aktionen, viel lauter Musik und sich reichlich drehender Bühne aufwartet, zeigt Günther Krämer im zweiten Teil ruhige und bildgewaltige Szenen im weiten, meist leeren Bühnenraum.


Faust. Zweiter Teil
Schauspiel Frankfurt
Faust (Wolfgang Michael), Mephisto (Constanze Becker)
© Birgit Hupfeld

Es gibt sie zwar auch hier, Faust und Mephisto (allerdings mit anderen Darstellern besetzt), sie sind aber keine Individuen. Ihre Figuren stehen für Bilder, für die in sich zerrissene und auseinandergefallene Menschheit. Quasi als Extrakt des umfangreichen Faust 2, mit an sich fünf in sich abgeschlossenen Kapiteln, zeigt Krämer nur das dritte Kapitel (mit Helena) und das fünfte (mit der Landgewinnung und Vertreibung von Baucis und Philemon).
Ungewöhnlich ist schon der Beginn. Statt ätherischer Dämmerung, Luftgeist Ariel und Chor, kommt bei noch eingeschaltetem Saallicht eine Frau wie verspätet in die "Anmutige Gegend", den Saal, im Schlepptau ein Campingzelt, als hätte sie es gerade aus dem ehemals benachbarten Occupy-Camp entwendet. Lore Stefanek, die zuletzt bei Elfriede Jelineks „Winterreise“ als allumsorgende Mutter und resolute Dame im Bockenheimer Depot zu sehen war, spricht, quasi als Brücke zur diesjährigen Goethe-Festwoche unter dem Motto „Goethe und das Geld“, über des Kaisers neue Scheine (und zieht einen solchen geschickt einem Besucher aus dem Nacken). Der Text ist ein Extrakt aus dem ersten Akt (wie Marschalks: „Wir wollen alle Tage sparen Und brauchen alle Tage mehr…“ und Der Abgemagerte: „Doch als in allerneusten Jahren / Das Weib nicht mehr gewohnt zu sparen, / Und, wie ein jeder böser Zahler, / Weit mehr Begierden hat als Taler, / Da bleibt dem Manne viel zu dulden, / Wo er nur hinsieht, da sind Schulden“). Stefanek spricht den Text eloquent und mit starker Gestik, bis sie ein Ordnungshüter des Saales verweist (zu Beginn der zweiten Hälfte wiederholt sie diesen Text, nun aber auf der Bühne sitzend).

Nach diesem Prolog wird der Saal abgedunkelt, der Vorhang fährt hoch und auf der großen leeren Bühne steht in einem Lichtkreis auf lauter Geldscheinen Faust. Wolfgang Michael gibt ihn mit der an ihm hoch geschätzten Schnoddrigkeit, unter der aber auch oft ein jugendlicher Schalk hervorblitzt. Als Vertreter des Öffentlichen bekundet er sein Missfallen an den Umständen lautstark und mit Vehemenz. Und ist ganz der schönen Helena verfallen. Gleichwohl hat er es bei den dieses Spiel dominierenden Damen nicht leicht. Den Mephisto in Hosenrolle gibt Constanze Becker als eine Glanznummer. Ausgestattet mit einem Anzug wie ein Conférencier, mit Melone und auf zwei unterschiedlichen Schuhen (mit und ohne Absatz) gibt sie das Bild eines herrlichen Widersachers, der mit Lust und Laune verführt und hierzu auch Stilmittel des Humors und der Komik verwendet. Diese Mephistokarikatur wird mit Kunstzahn, verklebtem Augenlid und blonden Haaren zusätzlich erhöht (Kostüme: Falk Bauer).
Valery Tscheplanowa, die bei Schäfers Salome die Titelrolle spielte, trumpft auch hier wieder mit ihrer hohen Deklamationskunst auf. Entsprechend ihrem Urbild einer Frau wurde sie in ein Evakostüm gesteckt und spielt in diesem gleich drei Rollen: Helena, Baucis und Die Sorge. Selbst den großen, weiten Bühnenraum überstrahlt sie stets mit ihrer starken Präsenz, bei der ihr inneres Strahlen auch nach außen glanzvoll leuchtet, ganz egal wie oft sie gewollt herniederfällt oder einfach nur auf dem Boden liegt. Unterstützt wird sie von einem Dutzend Helenakopien, dem Chor (Einstudierung: Uwe Hergenröder).

Bühnenbildner Herbert Schäfer schuf viele poetisch anmutende Bilder. Diese reichen bis in den Zuschauerraum, wenn beispielsweise die Jüngerinnen Helenas ein riesiges Tuch über die Zuschauer hinweg auf die Bühne ziehen. Wolkenhimmel, Schneefall, Sommer und goldener („Lebens-) Herbst, die Bilder wirken (wie auch die aus der Tiefe hochfahrende Brücke mitsamt Helena und dem Chor. Nach der Pause befinden sich dann mehrere Occupy-Zelte im hinteren Bereich der großen, offenen Bühne (mit Slogans wie „Das Leben ist kein Bonihof“), an denen ein Wachmann nebst Schäferhund patrouilliert. Ein Schaufelbagger steht links (Bild für die Landgewinnung und die Occupy-Camp-Auflösung gleichermaßen).

Am Ende ist Faust gealtert da angekommen, wo er endlich Frieden findet. Zur Strafe erblindet, endet seine Lebenssuche im Tod.
Die ungeheure Komplexität des Faust. Zweiter Teil wurde von Günter Kremer kunstvoll angeschnitten und in ergreifende Bilder umgesetzt.

Markus Gründig, September 12

Faust. Erster Teil
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 16. September 12

Es ist das bisher ambitionierteste Projekt von Intendant Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt: beide Faust-Teile in Goethes Geburtsstadt nahezu zeitgleich auf die Bühne zu bringen. Als Besonderheit für ein Stadttheater werden beide Stücke für fünf Wochen En-suite gespielt (an ausgewählten Tagen sogar beide Faust Teile). Dieses Großprojekt wird von weiteren Faust-Inszenierungen (wie das Puppenspiel „Doktor Faustus“ und Elfriede Jelineks „FaustIn and Out“) und einem breit angelegten theaterpädagogischen Programm flankiert (Dank großzügiger Unterstützung durch die Deutsche Bank).
Bereits im März 2012, einen Monat vor der Spielplanpräsentation der Spielzeit 2012/13, wurde das Projekt der Presse vorgestellt, der Vorverkauf begann gar schon einen Monat vorher (Februar 12). So ist es kein Wunder, dass die Faust. Erster Teil- Vorstellungen bereits Wochen vor der Premiere ausverkauft waren. Das Interesse an Faust ist ungebrochen. Gerade in einer Stadt wie Frankfurt, wo die Banken vorherrschend sind und sich viele dem Gott Mammon verschrieben haben. Die Banken sind letztlich wir selber mit unseren hohen Ansprüchen an eine hohe Lebensqualität und auch heute hat Mephisto ein leichtes Spiel mit uns.


Faust. Erster Teil

Schauspiel Frankfurt
Mephisto (Alexander Scheer), Faust (Marc Oliver Schulze)
© Birgit Hupfeld

Die Inszenierung von Faust. Erster Teil von Stefan Pucher zielt mit vielen Bühneneffekten und Live-Musik auf ein breites Publikum. Schließlich werden viele Schüler und Schülerinnen, wie auch dem Theater üblicherweise fern stehende Erwachsene die Gelegenheit für einen Theaterbesuch nutzen. Und sie bekommen allerhand geboten: Marc Oliver Schulze als strauchelnder und liebestoller Faust, Gast Alexander Scheer als junger diabolischer Mephisto und Henrike Johanna Jörissen als sinnliche Margarete glänzen allein bei den Hauptrollen. Dazu gibt es eine aufwändige, abstrakte Bühnenkonstruktion (Barbara Ehnes), die unter Verwendung einer Drehbühne und vieler Dreiecke die verschiedenen Spielorte andeutet (bei einem auch das Logo der sponsorenden Bank), viele optische Effekte die über Videoeinspielungen hinausreichen (wie den im Raum schwebenden Faust und ein kleines Feuerwerk) und zahlreiche musikalische Einlagen einer Liveband, so dass das Ganze wie eine kurzweilige Revue erscheint, bei der keine Langeweile aufkommen darf.

So wird manchem dieses Spektakel ob des schnellen Tempos und der lauten Musik vielleicht eine Nummer zu übertrieben erscheinen, grundsätzlich wird der Faust-Stoff aber zeitgemäß und ansprechend vermittelt. Zudem wurde eine enge Verbindung zu Frankfurt gezogen (so findet sich beispielsweise die benachbarte Europäische Zentralbank in Chris Kondeks Videoeinspiegelungen wieder). Ein Theaterspektakel der besonderen Art eben, vielseitig, interessant und mit vielen Anspielungen, die entdeckt werden wollen. Aber immer noch Theater, das aktuelle gesellschaftliche Themen zur Diskussion stellt und von erstklassigen Darstellern gespielt wird.
Marc Oliver Schulze ist zunächst ein herrlich verschrobener Dr. Heinrich Faust, der in seiner Stube mit langen, ins Gesicht hängenden Haaren die innere Verzweiflung auch äußerlich zeigt. Nach dem Zaubertrunk der Hexe (lustvoll: Heidi Ecks) ist er dann zu einem anständigen, biederen Dr. Faust mit kurzen Haaren und im schicken Anzug verjüngt. Durch das Bühnenkonstrukt mit schrägen Räumen, versetzten Türen und Klettersteigen zieht er sich elegant hindurch, ohne seine klare Aussprache auch nur im Geringsten zu vernachlässigen. Sein Vortrag gleicht einer Studie par excellence.
Alexander Scheer ist erstmals am Schauspiel Frankfurt zu sehen. Der Figur des Mephisto verleiht er eine ganz eigene verschmitzte und kecke Note als ein relativ junger, diabolischer Verführer mit Charme und großer Musikalität. Die Margerite der Henrike Johanna Jörissen bietet, wenn man Jörissen schon öfters gesehen hat zwar wenig neue Nuancen (von der äußeren Erscheinung auf High-Heels und in Strapse einmal abgesehen), in der Vermittlung der kindlichen, unbedarften Margarete überzeugt sie natürlich so wie man es von ihr gewohnt ist. Auch die weiteren Figuren werden überzeugend gespielt (Josefine Platt als Marte im prachtvollen Kleid [Kostüme: Marysol del Castillo], Mathis Reinhardt als Wagner, Vincent Glander als Schüler und als Valentin).

Am Ende steht die arme Margarete mit dem Rücken zur Wand, ihr „Heinrich mich graut vor dir“ beendet den Abend, sie tritt ab, während ihr Schatten an der Wand sichtbar bleibt. Es gibt keine Erlösung für sie, wie es auch schon keinen Prolog und keine Walpurgisnacht gegeben hat. Nach einem Moment der Unsicherheit dann langer und stürmischer Applaus.

Markus Gründig, September 12

Die Opferung von Gorge Mastromas
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 13. September 12 (Premiere)

Nur zwei Tage vor der mit Spannung erwarteten „Faust 1“ Premiere im Schauspielhaus hatte Dennis Kellys „Die Opferung von Gorge Mastromas“ Premiere in den Kammerspielen. Es ist das neueste Stück des britischen Dramatikers. Die Koproduktion von Schauspiel Frankfurt und der Ruhrfestspiele Recklinghausen wurde im Mai dieses Jahres in Recklinghausen uraufgeführt. Kelly erzählt in diesem Stück die Geschichte eines Mannes (Gorge Mastromas), der sich ganz der dunklen Seite zuwendet. Wenn man von Geld als dunkle Seite sprechen kann. Ab einem gewissen Punkt in seinem Leben hat dieser Mann verstanden „Du musst ein Schwein sein“ (so wie die Prinzen schon 1995 gesungen haben). Von da an ist er nicht mehr zu bremsen, er wird einer der erfolgreichsten Entrepreneure der Welt und zahlt natürlich einen hohen Preis im Persönlichen dafür (erbringt somit sein „Opfer“). Ein Faust-Thema in zeitgemäßer Reflexion, das Kelly hier vorführt. Mastromas’ Opferung ist keine Sache im ethischen Sinne, denn er gibt grundsätzlich nichts unter Verzicht. Egoistisch und rücksichtslos sind andere Menschen für ihn stets nur Mittel zum Zweck. Der englische Originaltitel „The Ritual Slaughter of Gorge Mastromas“ („Das rituelle Schlachten von Gorge Mastromas“) bezeichnet sein ausbeuterisches, hinterhältiges und verlogenes Handeln genauer.


Die Opferung von Gorge Mastromas
Schauspiel Frankfurt
Louisa (Sandra Gerling), Gorge Mastromas (Isaak Dentler)
© Birgit Hupfeld

Dabei ist das Stück in weiten Teilen eine Erzählung. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Schauspieler tritt vom Zuschauerraum auf die Bühne. Vor einer gläsernen Spiegelwand berichtet er zunächst beinahe eine halbe Stunde von Gorge Mastromas’ Kindheit und Jugend. Mastromas selbst taucht nur wie eine Projektion hinter der Spiegelwand sitzend auf. Dabei ist der Zuschauerraum nur etwas abgedunkelt, das Publikum sieht sich und ist dadurch integrierter Teil des Ganzen. Thorben Kessler ist weit mehr als nur ein Erzähler in weiter Schlabberhose (Kostüm: Anne Hölzinger), denn er performt mit Leib und Seele, mit Mimik, Gestik und seinem ganzen Körper: großartig!
Fesselnd auch wie Hausregisseur Christoph Mehler dann einen immer intensiveren Fokus auf die Titelfigur lenkt. Wird die Bühnenfläche hinter der Spiegelwand erleuchtet, wird die Wand zur durchsichtigen Glasscheibe und der Blick ist frei auf eine kammerspielartige Szenerie in schwarzem, unbestimmtem Raum, in dem sich nur ein Bürosessel und ein Tisch befinden. farbig ist hier nur das Blut von Mastromas und die Schuhe seiner Freundin (Bühne: Jochen Schmidt). Isaak Dentler gibt die Titelfigur zunächst mit dem verhaltenen Charme eines unbeholfenen Außenseiters, entwickelt sich dann aber zu einem gefährlichen Wolf im Schafspelz (mit cholerischen Ausfällen). Großartig auch die weiteren, in kleinen Rollen, beteiligten Darsteller. Da ist zunächst Katja Uffelmann als galant durchtriebene Unternehmerin A, Till Weinheimer als in die Ecke getriebener Unternehmer M, Sandra Gerlin als Mastromas’ Freundin und spätere Ehefrau Louisa (verletzungsbedingt spielte sie tapfer mit Krücken), Arash Marandi als Hotelportier und Thomas Huber mit der Nonchalance eines Udo Lindenberg als rachsüchtiger Bruder Sol. Da die Stimme der Darsteller mit Mikroports übertragen wird, können sie leise reden, fast flüstern (das verstärkt die ohnehin mitreißende Spannung).

Am Ende outet sich der Erzähler als Mastromas’ Enkel Pete und durchbricht fast die Spiegelwand, wenn er dann direkt mit seinem Großvater redet. Er erkennt, dass dieser Lebendtote trotz 280 Zimmer Villa und entsprechend großem Grundstück längst alles was wirklich zählt, verloren hat. Selbst ihn umzubringen, wie angedacht, lohnt sich nicht mehr.
Ein unbekanntes, aber sehenswertes Stück, erst recht mit diesen Darstellern und in dieser Inszenierung von Christoph Mehler.

Markus Gründig, September 12

Hanglage Meerblick
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 8. September 12

Wer träumt nicht davon, von einem wunderschönen Haus in Hanglage und mit Meerblick. In den USA, mit der riesigen Landfläche und Küstenlänge, sind es natürlich ungleich mehr, die davon träumen als hier in Deutschland. Für viele ist es dabei längst kein Traum, zumindest ein kleines Haus ist wird doch wohl möglich sein. Dachten viele und eine ganze Branche inklusive des Bankensektors stürzten sich in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf kaufwillige US-Bürger. Damals wurde der Grundstein für die spätere Immobilienblase gelegt. Weil viele ungesicherte Immobilienkredite bei steigenden Zinsen und schlechterer wirtschaftlicher Entwicklung nicht mehr bedient werden konnten. David Mamets Stück „Hanglage Meerblick“ handelt von der Zunft der Immobilienmakler, die derart unter Druck stehen, dass schnell formale Hüllen des Anstands fallen gelassen werden und das vor nackter Lebensangst dominierte Tier im Menschen zum Vorschein kommt. Inklusive einer vulgären Sprache und zum Teil ebensolche körperliche Demonstrationen.


Hanglage Meerblick
Schauspiel Frankfurt
Shelly Levene (Michale Benthin), Richard Roma (Thomas Huber), James Lingk (Peter Schröder)
© Birgit Hupfeld

David Mamet führt den nüchternen Alltag dieser Zunft vor, bei der ausschließlich der stets notwendige Abschluss neuer Kaufverträge zählt. Die Hauptarbeit leisten die kleinen Leute vor Ort, was die großen Bonzen in der Zentrale dabei verdienen, bleibt im Dunkeln. Ganz so, wie im realen Leben. Wobei dies nicht grundsätzlich ein neues Thema ist. Man denkt an Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, bei dem mehr ein familiärer Aspekt behandelt wird. Ein gnadenloser Verkaufsdruck ist dabei ja nicht nur in der Immobilienbranche gegeben, letztlich ist er überall vorhanden, die Gier und die Notwendigkeit, stets weiter und nach mehr zu streben. Stillstand bedeutet Rückstand.  Im realen Leben brachte der Fall des Versicherungsvertreters Mehmet Göker derartige Machenschaften einem größeren Kreis ins Bewusstsein. Er verdiente mit seiner Firma MEG AG Millionen. Doch viele Verträge waren faul und so folgte 2009 die Insolvenz…

Die Inszenierung von Robert Schuster beschönigt nichts. Er führt zunächst einfühlsam in die Nöte der Vertreter ein, um dann in einem wilden Durcheinander jegliche Illusionen zu nehmen.
Auch wenn die erste Hälfte in der kuscheligen Atmosphäre eines gemütlichen asiatischen Restaurants spielt (roter Teppich, hochwertige Ledersitzgruppen, ein angedeutetes Aquarium, dezentes, warmes Licht und die Pianistin Yan Su an einem Keyboard). Hier schenkt keiner dem anderen auch nur einen Cent. Und wenn doch, dann nur, weil damit ein Deal verbunden ist. Den beschränkten Möglichkeiten der Kammerspiele für wechselnde Bühnenbilder geschickt trotzend, wird für die zweite Hälfte die Decke des Restaurants abgelassen. Diese dient fortan als das verwüstete Büro der Maklerfirma, mit umgestürztem Tisch und Stühlen, zerbrochenem Glas und Kabelwirrwarr (Bühne und Kostüme: Sascha Gross).

Mit Michael Benthin, Thomas Huber, Torben Kessler, Oliver Kraushaar, Peter Schröder, Andreas Uhse und Till Weinheimer wurde das Stück erstklassig besetzt. Hier gibt es Top-Verkäufer mit Verkaufseinbrüchen (Oliver Kraushaar, Till Weinheimer), einen von einer langen Pechsträhne Verzweifelten (Michael Benthin), einen korrupten leitenden Angestellten (Torben Kessler), einen verunsicherten Pantoffelehemann (Peter Schröder) und einen nicht durchsetzungsfähigen Polizisten in langer Jogginghose (Andreas Uhse). Doch einer überstrahlt sie alle: Thomas Huber als hemmungsloser, schmieriger und vulgärer Top-Verkäufer, dem jedes Mittel recht ist, seinen Spitzenplatz zu verteidigen und den in Aussicht gestellten Cadillac Eldorado Special Edition zu gewinnen (wo hingegen dem zweitplazierten nur ein WMF Steakmesser verbleibt). Er zeigt grandios wie geschickt beiläufig er erst das Vertrauen des Kunden gewinnt, um ihn dann für sich zu gewinnen, wie fern Anstand, Moral und Respekt ihm dann aber doch sind. Das Stück bietet zwar nichts grundsätzlich Neues, für viele dürfte dieser durchaus auch amüsante Ausflug in die harte Welt der testosterongesteuerten Vertreterzunft manche Illusion nehmen. Die Realität ist nun einmal banal und hart.

Markus Gründig, September 12

Breaking The Code
English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 7. Septeber 12 (Premiere)

Das Programmheft des English Theatre Frankfurt zitiert US-Präsident Barack Obamas Rede vor dem britischen Haus des Parlaments (Westminster-Palast) im Jahre 2011, wo dieser große Männer der Wissenschaft aus Großbritannien und der USA würdigte: „From Newton and Darwin to Edison and Einstein; from Alan Turing to Steve Jobs, we have led the world in our commitment to science and cutting-edge research.“. Die meisten Namen sind bekannt, aber wer ist Alan Turing? Das Stück „Breaking the Code“ gibt darauf Antwort, es ist ein biografisches Drama (beruhend auf Andrew Hodges Biografie über ihn). Es handelt von einem genialen Wissenschaftler, der seiner Zeit weit voraus war. Nicht nur, was seine wissenschaftlichen Arbeiten anbelangt, auch in seinem persönlichen Leben. Zu einer Zeit, in der Homosexualität noch verboten war und in der schwule Männer den gesellschaftlichen Gepflogenheiten folgten und Frauen heirateten, um nach außen eine heile Welt vorzuspielen, bekannte Alan Turing sich zu seiner Homosexualität und ging damit offen um. Dies brachte ihm zunehmend starke Probleme, war er doch auch Geheimnisträger des britischen Empires. Er starb wenige Tage vor seinem 42. Geburtstag an einem vergifteten Apfel. Ob es Mord oder Selbstmord war, ist bis heute nicht geklärt.


Breaking The Code
English Theatre Frankfurt
Alan Turing (Stephen Fewell)
© Bobby Anders

Diesen Sommer wäre Turing 100 Jahre als geworden. Als einziges Theater Deutschland zeigt das English Theatre Frankfurt Hugh Whitemores Stück über Turing, den Entschlüsseler der Nazi-Funksprüche („Enigma-Code“) und genialen Vordenker des digitalen Zeitalters.
Seine Person steht nicht nur im Mittelpunkt dieses Stückes (das in der deutschen Übersetzung auch nicht „Den Code brechen“ heißt, sondern schlicht „Alan Turing“), er ist auch alle Szenen über auf der Bühne präsent. Der Brite Stephen Fewell verkörpert den eigenwilligen Wissenschaftler, der auch ein großer Disneyfan war, mit einer starken Präsenz. Er zeigt ihn mit seinem Stotterfehlern, seinem partiellen Jähzorn, leicht verschroben und unbeholfen, aber voller Stärke und Leidenschaft, wenn es um seine kühnen Ideen und Visionen geht.

Die Homosexualität wird der Zeit entsprechend stets sehr dezent gezeigt, ein Griff auf eines anderen Mannes Bein ist das Maximum an körperlicher Nähe. Dennoch sind es dichte, berührende Bilder, die Regisseur Michael Hwcroft bei seinem Deutschlanddebüt hier zeigt. Und es ist eine spannende Geschichte, die wie ein Krimi aufgezogen ist (auch wenn das tragische Ende von Anfang an bekannt ist). In verschiedenen Zeitsprüngen wechselt die Handlung zwischen Szenen auf einer Polizeistation (Phil Cole als rauer Officer Mick Ross), den Verhören zu den Beschuldigungen wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“ (Michael Chance als aristokratischer John Smith), den zaghaften und schwerfälligen Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht (Craig Golding als Schwiegermutters Liebling Ron Miller, Danny Whitehead als zwielichtiger Christopher Morcom und Simon Prokopidis als verführerischer Nicos), der Möglichkeit in die „anständige“ Welt durch Heirat zu entfliehen (Sarah Kempton als verliebte und fürsorgliche Pat Green), den Begegnungen mit der herzensguten Mutter (mit Größe: Jemma Churchill), die sein Tun so gar nicht verstehen kann: weder seine wissenschaftliche Arbeiten noch seine sexuelle Ausrichtung und immer wieder verständliche und nachvollziehbare Erläuterungen zu seinen Thesen, die er mit seinem Kollegen Dillwyn Knox (erfahren: Mike Tibbetts) in der militärischen Dienststelle Bletchley Park freundschaftlich diskutierte. Dabei ging es nicht nur um die Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes, sondern um die theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie. Im Vergleich zwischen Mensch und Maschine bezeichnete er das menschliche Gehirn gerne als kalten Haferbrei und traute Maschinen grundsätzlich Intelligenz zu. Alles ‚Denkbare‘ sei durch einen programmierbaren Algorithmus darstellbar. So entwickelte er die Turing-Maschine (berühmt ist sein Aufsatz „On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem“) und den bis heute von keinem Computer geknackten Turing-Test. Bis heute können Computer mit der Mehrdeutigkeit und Interpretationsmöglichkeiten von menschlichen Aussagen nicht perfekt umgehen, werden ab einem gewissen Punkt noch immer als Maschine und nicht als Mensch erkannt. Personalisierte Werbung auf Seiten wie Facebook und Kaufvorschläge bei Onlinehändler zeigen heute, wie weit die Technik aber inzwischen fortgeschritten ist.


Breaking The Code
English Theatre Frankfurt
Nicos (Simon Prokopidis), Alan Turing (Stephen Fewell)
© Bobby Anders

Das Einheitsbühnenbild von Bob Bailey zeigt eine plateauähnliche Szenerie, mit Schreibtisch, Tisch, Stühlen, Bank und Couch in einem schwarzen Raum. An den Wänden sind viele Scheinwerfer angeordnet, sodass das Ganze wie ein großer Verhörraum wirkt. Diese drückende Atmosphäre wird durch viel blaues Licht und Rauchschwaden verstärkt. Eingespielte Geräusche von prasselnden Regen, fernem Straßenlärm, Vogelgezwitscher oder von am Strand aufschlagenden Wellen vermitteln dann eine zur jeweiligen Szene passende Stimmung.

Vorab schien es ein ambitioniertes Vorhaben des English Theatre Frankfurt zu sein, mit diesem Stück die Saison zu eröffnen und nicht mit einem bekannten Klassiker wie „A Streetcar Named Desire“ oder „Cat On a Hot Tin Roof“. Doch schon zur Pause war den ersten Kommentaren im Publikum eine starke Begeisterung zu entnehmen, die sich im lang anhaltenden starken Schlussapplaus bestätigte. Bei der Premiere konnte Intendant Daniel Nicolai zwei besondere Gäste im Publikum begrüßen. Den erst seit Juli 2012 in Frankfurt als US-Generalkonsul tätigen Kevin C. Milas (gemeinsam mit seiner Frau Eileen) und Prof. Dr. Claus-Peter Schnorr, Deutschlands bekanntester Kryptograph ("Schnorr Signature"), der in einer kurzen Ansprache vor Beginn auf die Verbindung zwischen Alan Turnings Arbeit und dieser Dramatisierung über sein Leben hinwies.

Markus Gründig, September 12

Frühlings Erwachen
theaterperipherie, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 1. September 12 (Premiere)

Just Carpe Diem!!!

1891 zunächst als Roman erschienen, 1906 erstmals auf der Bühne aufgeführt, erlebt Frank Wedekinds Werk über die sexuellen Nöte Jugendlicher gerade eine gewisse Renaissance. Ausgelöst wurde sie durch eine Musicalversion am Broadway. Im Rhein Main Gebiet lief das Musical in der Saison 2010/11 am English Theatre Frankfurt und im Frühsommer 2012 auf dem Mainzer Uni-Campus (als Produktion der Musical Inc.). Zu Beginn der Saison 2012/13 wird die Theaterfassung nun von theaterperipherie Frankfurt und vom Staatstheater Wiesbaden gespielt.

Beim freien Theater theaterperipherie Frankfurt stehen programmgemäß junge Darsteller mit Migrationshintergrund im Mittelpunkt einer jeden Inszenierung, so natürlich auch bei dieser. Regisseurin Ute Bansemir hat das Stück dafür stark gekürzt und den Fokus neu ausgerichtet. Viele Szenen und Figuren aus dem Stück fehlen, manches wird nur angedeutet. Die Eltern fehlen genauso wie Rektor Sonnenstich, Gymnasialprofessor Knochenbruch oder der vermummte Herr. Für die Erwachsenen stehen hier drei Frauen, die stets chorisch sprechen. Anders als in der Musicalversion ist dafür das Märchen von der kopflosen Prinzessin Bestandteil der Inszenierung.
Die Nöte Jugendlicher zur wilhelminischen Entstehungszeit unterscheiden sich in weiten Teilen von denen der heutigen Generation. Wobei das Leben der Teenager heute nicht einfacher ist, das will diese Inszenierung deutlich machen. Heute wie damals tun sich Jugendliche schwer damit, ihren Platz in der Erwachsenenwelt zu finden, manche scheitern auch heute noch daran tragisch. Gerade in streng religiös und patriarchalisch geführten Familien haben Jugendliche schlicht ihre Rolle zu erfüllen und es fällt ihnen schwer, den elterlichen Vorstellungen und Repressalien zu entfliehen. Persönliche Belange sind dem Anstand und der Moral unterzuordnen oder ganz zu unterdrücken. Dass dies auf die Dauer nicht gut geht, wird hier ebenfalls deutlich dargelegt.


Frühlings Erwachen

theaterperipherie, Frankfurt
Moritz (Mohammad Salamat) und Chor der Erwachsenen (Nedy Marques Ferreira, Hatice Bayval, Evgeniya Genadieva)
© Seweryn Zelazny

Dabei fängt die knapp 90-minütige Aufführung lebhaft und mit viel Beats untermalt an (Musik: Milan Löwy). Wendlas Geburtstag wird gefeiert. Es wird ausgelassen getanzt. Doch schon der vom Balkon singende Chor der stylischen Erwachsenen (Hatice Bayval, Nedy Marques Ferreira und Evgeniya Genadieva) stimmt mit seinen plakativen Aussagen, das Leben Zug für Zug zu genießen, just „Carpe Diem“ („Genieße den Tag“) , verdächtig. Zumal die attraktiven Damen in ihren Glitzershirts, ihren Haartollen und hohen rosafarbenen Pumps mit Keilabsätzen eine Kunstwelt verkörpern (zusätzlich verkündet auf ihren Gürteln eine Laufschrift ihr Motto „Carpe Diem“; Kostüm: Katja Quinkler). Im Laufe des Abends werden sie gar zum brutalen Kollektiv und nehmen den am Leben verzweifelnden Moritz (erst ansteckend fröhlich befreit lachend, dann schmerzhaft verzweifelt: Mohammad Salamat) an die Kandare. Die lebens- und erfahrungssehnsüchtige Wendla (betörend: Patricia Trageser) stellt sich erfolglos dem rationalen und nüchternen Melchior (gefestigt und fast schon aristokratisch: Emre Resuloglu).

Um das Stück in hier und heute zu versetzen, hat Ute Bansemir die Rolle der Martha erweitert. Meltem Kilinc gibt sie, unter Verwendung von Ausschnitten aus den Schwarzen Jungfrauen von Zaimoglu, als vehemente Anklägerin gegen Kopftuchzwang und elterlicher Willkür. Dabei wird nichts beschönigt. Am Ende sieht sie nur in einer Selbstaufopferung einen Ausweg, Frieden mit sich und Gott zu finden. Maurizio Pellizzon gibt einen euphorischen, übermütigen Liebesträumer Rilow. Clara Schwarz fordert als Partygirl zu wilden Spielen auf, versucht aber auch, dem verzweifelten Moritz zu helfen und ihn vor Schlimmerem zu bewahren.

Die Lebensweisheiten der Erwachsenenwelt („Lebe jeden Tag als wäre er dein Letzter. Setze deine Ziele hoch, deine Erwartungen niedrig und sei positiv überrascht vom Gegenteil. Schenke dir jeden Morgen im Spiegel selbst ein Lächeln. JUST CARPE DIEM!!!!“) wollen erlebt sein, um sie in ihrer Bedeutung verstehen zu können. Doch Erfahrung ist mitunter eine stachelige Frucht. Davon erzählt Ute Bansemir in ihrer Fassung sehr deutlich. Starker und langer Applaus.

Markus Gründig, September 12

Bouncing in Bavaria
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 23. August 12

Erinnerungen sind wie Rosen im Winter

Auf den Punkt gebracht ist “Bouncing in Bavaria“ lediglich eine unspektakuläre Darbietung von zwei Endlosmonologen, bald eineinhalb Stunden lang, mit lediglich zwei Darstellern. Also scheinbar nichts, was einen größer in Bann ziehen kann. Und doch ist gerade dies der Fall. Denn diese ausgedehnte Peformance einer Erinnerungszeremonie ist einfach gut gemachtes Theater. Das Stück ist die erste Premiere der neuen Spielzeit, die mit Faust 1 und 2 im Großen Haus Mitte September ihre großen Eröffnungspremieren haben wird. Alle Premieren zum Spielzeitbeginn umrahmen thematisch Faust-Themen, so auch “Bouncing in Bavaria“. Die zwei lebenserfahrenen Menschen, die ihre Erinnerungen an vergangenen Zeiten reflektieren, lassen sich lose als Bezug zum alten Paar Philemon und Baucis aus dem 5. Akt von Goethes Faust II sehen.
Der Titel irritiert ob seines Anglizismus erst einmal. Manch einer wird sich vielleicht an William Forsyths „White Bouncy Castle“ im Bockenheimer Depot erinnert fühlen. Doch damit hat der Titel nichts gemein. Er ist vielmehr einer Sendung des Armeesenders AFN-München aus den frühen 1950er Jahren entnommen. Insoweit hätte das Stück auch „Americas Top 40“ (einer anderen bekannten AFN-Sendereihe) oder nach einer deutschen TV-Show wie „Dalli Dalli“ oder „Einer wird gewinnen“ benannt werden können.


Bouncing in Bavaria

Schauspiel Frankfurt
Felix von Manteuffel, Traute Hoess
© Birgit Hupfeld

Das Stück wurde auf scheinbar einfacher Bühne in den Kammerspielen uraufgeführt. Auf dieser stehen zwei großartige Theatergrößen: Traute Hoess und Felix von Manteuffel. Regie führt ein Regieduo, das mit ungewöhnlichen Projekten bereits für Aufsehen gesorgt hat: (Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag). Sie arbeiten eng mit Prof. Heiner Goebbels vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Uni Gießen zusammen (Bjoern Auftrag soll im nächsten Jahr gar Goebbels dort vertreten; dieser ist noch bis 2014 künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale). Am Schauspiel Frankfurt inszenierte Auftrag : Lorey 2011 Horror Vacui  mit Kathleen Morgeneyer.

Freude und Schmerz liegen eng beieinander

Auch bei “Bouncing in Bavaria“ gibt es keine klassische Handlung, keine Geschichte, die erzählt wird. Und doch erfährt man außergewöhnlich viel aus vergangenen Zeiten. Denn die beiden Darsteller erinnern sich mit kurzen Sätzen an Vergangenes aus den unterschiedlichsten Bereichen: Kindheit, Jugend, Familie, Arbeit, Politik, Sport und Wissenschaft. Was dabei reale und was fiktive Erinnerungen sind, wissen nur die Darsteller selber. Für den Zuschauer eröffnet sich ein fesselnder Raum, denn Assoziationen werden geweckt, teilweise hilft jemand aus dem Publikum den Darstellern, ihre Erinnerungen zu vervollständigen. Und es wird auch viel gelacht an diesem intim anmutenden Abend. Denn bei aller Schlichtheit und Zurückgenommenheit im Vortrag, schaffen die beiden, eine Art persönlicher Beziehung zum Publikum aufzubauen, so dass die vorgetragenen Erinnerungen schon bald als eigene Erinnerungen empfunden werden. Diese sind so unterschiedlich wie das Leben vielfältig ist. Und so schön sie sind, wie eine blühende Rose im grauen Winter, können sie aber auch schmerzhaft sein wie die Dornen einer Rose.
Äußerlich ist das Vortragen einem Spiel nachempfunden, das auch Eltern mit ihren Kindern auf langen Autofahrten spielen könnten. Abwechselnd geht einer der beiden das Alphabet durch, bis der andere „Stopp!“ sagt. Der jeweilige Buchstabe gibt dann die zu berichtenden Erinnerungen vor, die stets abwechselnd fortgeführt werden. Wie Traute Hoess´ Erinnerung an einen Abend mit Rio Reiser beim Buchstaben „R“. Oder von Manteuffels Erinnerung an das Schleyer-Foto mit dem RAF-Stern im Hintergrund beim Buchstaben „S“.

Darsteller sind Teil einer Gedächtnismaschine

Zu Beginn tritt eine Tänzerin auf die Bühne, hängt einen Bilderrahmen auf und verdeckt dann mittels eines auf einer Stange befestigten Kartons ein Flucht-Notlicht (das aufgrund feuerpolizeilicher Vorschrift nicht ausgeschaltet werden darf und kann). Sie steht die ganze Aufführung über regungslos mit gestreckten Armen da und ermöglicht so, das diese Lampe die gewünschten Bühnenlichtverhältnisse nicht beeinflusst. Meistens sind es jedoch nur zwei Dutzend Neonlampen, die an der Decke für ein eher kaltes Licht sorgen. Zwischendurch wird eine Art Cannabispflanze zum Blühen gebracht, die aus dem Bühnenboden wächst. Die Heizungsrohre verändern mitunter ihre Farbe. Die Maschine Mensch mit ihren Erinnerungen wird hier zu einem interaktiven Etwas.
Bühnenbildner Ralph Zeger schuf dabei einen mitunter surreal anmutenden, lebenden Raum! Die Bühne ist, von zwei Stühlen, einer Puderdose und einem Schuhknecht abgesehen, leer geräumt. Die schwarzen Wände wurden mit weißen Bahnen überzogen (inklusive Heizleitungen). Auf dem Bühnenboden wurde Laminat ausgelegt. So wirkt der Raum wie eine großzügige Loftwohnung. Die beiden Darsteller stehen jeweils auf schmalen Metallfolien und hier wird schnell deutlich, dass der Raum mehr ist, als er scheint. Denn wenn die beiden sich berühren, wenn sie ohne Schuhe auf diesen Kontaktflächen stehen, gibt es ein Elektrosignal zu hören (Sounddesign und Sensoring: Bjoern Auftrag und Joachim Schröder) und zwei Lampen blinken auf. Ihr Tun ist also nie wirklich singulär, sie sind Teil der großen Erinnerungsmaschine. Zweimal wird eine wundervolle Bergwiesenlandschaft mit vorüber laufender Kuh projiziert (Videodesign: Konny Keller), am Ende ein rötliches Blumenmuster. Dann taucht im bis dahin leeren Bilderrahmen das Vorab-Portraitbild der beiden auf, das sie mit zusammengeknoteten Zopf zeigt.
Dem stillen Abgang folgte ein lautstarker und langer Applaus.

Markus Gründig, August 12

The Crucible
English Theatre Frankfurt, Drama Club
Besuchte Vorstellung: 11. August 12 (Premiere)

Hysterie, Denunzierungen und sehnsuchtsvolles Begehren. In Arthur Millers 1953 in New York uraufgeführtem Stück „The Crucible“ geht es heiß her. Wörtlich übersetzt bedeutet „Crucible“ (Schmelz-) Tiegel. Also ein Gefäß zur Erhitzung von Stoffen oder zur Herstellung von Schmelzen. Hier geht es freilich nicht um chemische Stoffe und deren Verwandlung. Der Titel steht vielmehr als Synonym, um „zu des Pudels Kern“ vorzudringen (was geschah im Wald, wo angeblich eine Gruppe Jugendlicher nackt tanzte und wo hat der Teufel seine Finger im Spiel). Der deutsche Stücktitel „Hexenjagd“ ist demgegenüber konkreter. Die auf historischen Tatsachen beruhende Tragödie nutzte Miller als Folie für die Ursachen von Massenhysterie und Unterdrückung. Schließlich war zur Entstehungszeit die nationalsozialistische Periode in Deutschland gerade erst vorbei und in den USA blühte aufgrund der Furcht vor der sowjetischen Stalinbedrohung die Kommunistenhetze des Senators McCarthy.
Am Schauspiel Frankfurt war das Stück zuletzt in der Spielzeit 2006/07 zu sehen (in pausenlosen zwei Stunden, u.a. mit Oliver Kraushaar als John Proctor), lange davor, in der Spielzeit 1985/86, inszenierte es dort Dietrich Hilsdorf. Für einen kurzen Zeitraum ist es nun in einer sorgfältig erarbeiteten Bearbeitung von Michael Gonzar im English Theatre Frankfurt zu sehen. Dies ist noch nicht die Eröffnungspremiere der neuen Saison, sondern eine Produktion des Drama Clubs, quasi ein „Warm up“. Der Drama Club setzt sich aus professionellen und Laienschauspielern zusammen und arbeitet nun bereits im siebten Jahr mit dem English Theatre Frankfurt zusammen.


The Crucible

English Theatre Frankfurt, Drama Club
Ensemble
© Richard Pflaume

Das Stück bietet keine leichte Kost und geht unter die Haut. Dennoch ist die Inszenierung von Michael Gonzar stimmungsvoll (Co-Regie: Lea Dunbar), weil der Gesamteindruck von Bühnenbild, Bühnengeschehen, Beleuchtung (Christopher Beuth, David Paris) und Musik (Ton: David Gumpper) stimmt. David Gonters Bühnenbild nimmt lose Bezüge zur Handlungszeit (1692). Die karge ländliche Atmosphäre des Neuengland-Städtchens Salem (Massachusetts) wird mit fünf sandfarbenen Vorhängen und einem großen, Marterpfahl ähnlichen Holzstamm vermittelt. Dazu passen die historisierend anmutenden Kostüme von Melanie Schoeberl, mit biederen, hochgeschlossenen Kleidern für die Dorffrauen, kurzen Röcken und Springerstiefeln für die gewaltbereiten Mädchen (womit gleichzeitig dezent ins Heute übergeleitet wird).


The Crucible
English Theatre Frankfurt, Drama Club
Abigail Williams (Lisa Ullrich), John Proctor (Mario Mateluna)
© Richard Pflaume

Eine groß angelegte Tanzszene steht zu Beginn (Choreografie: Gabrielle Staiger), dann kommt der Priester und das Drama nimmt seinen Lauf. Wobei zunächst noch gut die Hälfte der Protagonisten an die Rampe treten und ein kurzes Statement abgeben, um sich dann eine Maske aufzuziehen. Diese Form wird zum Ende wiederholt und erinnert an die vergangene Drama Club Produktion (Brechts Dreigroschenoper). Die Abläufe sitzen perfekt. Die Figuren sind klar gezeichnet. Formidabel ist die schauspielerische Leitung, die kaum erkennen lässt, wer nun Profi und wer nur Laienspieler ist. Oftmals wird chorisch gesprochen, wie im kammerspielartigen zweiten Akt, in dem einzelne Darsteller vokal in die Privatsphäre der Familie Proctor eindringen. Immer wieder gibt es beeindruckende Momente. Etwa wenn Mary Warren (Pamina Lenn) von den anderen Mädchen bedrängt wird oder John Proctor (Maria Mateluna) Standhaftigkeit und Größe zeigt, wenn auch sein eigenes Leben damit seinen hohen Ansprüchen wegen geopfert werden muss. Als seine bescheidene und tugendhafte Frau Elizabeth gefällt Maya Pinzolas (die zudem die Inszenierung charmant mit ihrem Klarinettenspiel bereichert). Als selbstgefällige junge Verführerin Abigail Williams besticht Lisa Ullrich und einen grandios gnadenlosen, streitsüchtigen Governor Danforth mit inquisitorischer Härte gibt James Morgan.
Das spielfreudige Team zeigt hoch engagiert, wie Mitläufertum entsteht, wie aus Mädchen streitsüchtige Frauen und aus netten Nachbarn Meuchelmörder werden. Viel zu schade, dass diese Produktion nur zu einem solch kurzen Zeitraum zu sehen ist. Erfreulich sind die günstigen Eintrittspreise. Also schnell hin, ins English Theatre Frankfurt.

Markus Gründig, August 12

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