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Besprechungen: Theater (19)

Des Teufels General
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 7. Juli 12 (Premiere)

Chapeau, chapeau, wer hätte das gedacht? Carl Zuckmayers 1946 in Zürich uraufgeführtes Stück „Des Teufels General“ ist zwar ein Bühnenklassiker. Aber wie viele Klassiker teilt auch er das Schicksal, eher in verstaubter Erinnerung zu verweilen, als durch Aktualität zu fesseln. Doch die Inszenierung von Harald Demmer bei den Burgfestspielen Bad Vilbel schafft es vom ersten bis zum letzten Bild (nach beinahe drei Stunden) auf ganzer Linie zu überzeugen. Langeweile? Von wegen!
Carl Zuckmayers im amerikanischen Exil geschriebenes Stück war gerade in der Nachkriegszeit neben Borcherts „Draußen vor der Tür“ eines der wichtigsten Stücke hinsichtlich der jüngsten Geschichte. Zu diesem Zeitpunkt war Zuckmayer durch „Der fröhliche Weinberg“ und „Der Hauptmann von Köpenick“ schon längst ein bekannter Autor. Das Drama des deutschen Widerstands, Mitläufertum, Denunziation und Judenhass, Kriegsgeschehen und Überlebenskämpfe in einer aus den Fugen geratenen Welt treffen hier aufeinander.


Des Teufels General
Burgfestspiele Bad Vilbel
Harras (Tobias Lehmann)
© Eugen Sommer

In der schönen Bad Vilbeler Wasserburg wirkt schon das erste Bild gewaltig, wenn zu Kriegsberichten vom Band die vierzehn Darsteller an den Bühnenrand treten und einen dreifachen Hitlergruss sprechen. Automatisch ist man zunächst versucht zu befürchten, hier würde der Nationalsozialismus glorifiziert. Doch der Gruß gehört nun einmal zu der Zeit dazu und wird im Stück mehrfach ausgesprochen. Auch gibt es den einen oder anderen Witz über Juden, doch diese dienen nur als Portrait der damaligen Stimmung. Es gibt es auch Witze über Homosexualität, gleichzeitig knutschen sich aber auch zwei Kellner im Restaurant. Was zeigt, dass das Leben damals vielschichtig war. Wie dies auch die ausgelassene Feier Harras’ über den Erfolg von Eilers’ Fliegerstaffel zeigt. Mitten im Krieg wird hier Luxus pur aufgeboten: Etageren mit Obst, Hummer und Champagner satt. Elegant und unwiderstehlich geben sich hier die Damen (die Herren tragen Uniformen), mit engen, modisch geschnittenen Kleidern und top gestylten Haaren: eine Augenweide (Kostüme: Marion Hauer).

Überaus geschickt ist auch das Bühnenbild, obwohl ja die Möglichkeiten auf der relativ kleinen Bühne der Burg nicht unbegrenzt sind. Vier große, versetzt stehende, graue Rahmen dienen als Hintergrund. In der Mitte sind sie mit schwarzen Vorhängen bespannt und tragen in altdeutscher Schrift die Wörter „Arbeit“, „Macht“ und „Freiheit“ (zusätzlich zeigen goldfarbene Girlanden, dass es so schlecht noch nicht um Deutschland bestellt ist, das Stück spielt ja im Jahre 1941). In jedem Akt fällt einer der Vorhänge, bis am Ende die nackten Rahmen das technische Büro auf einem Militärflugplatz darstellen. Die an Beton anmutenden Rahmen passen daher so gut, weil Beton ja auch an den Atlantikwall und die vielen Luftschutzbunker allerorten erinnert (Bühne: Oliver Kostecka).


Des Teufels General
Burgfestspiele Bad Vilbel
Ensemble
© Eugen Sommer

Angeregt durch die Geschichte des legendären Kampffliegers und Luftwaffengenerals Ernst Udet, schuf Zuckmayer mit der Figur des Harras eine überragende Bühnenfigur, die in der Verfilmung mit Curd Jürgens in der Titelrolle (1955) vielen bekannt wurde. Auch wenn die Bad Vilbeler Inszenierung eine großartige Ensembleleistung darstellt, Tobias Lehmann in der Titelrolle ist überragend. Als Frauenheld, Kumpeltyp, Genussmensch und General hat er das Herz nicht nur auf den rechten Fleck, er spielt ungemein intensiv und vermittelt die Rolle glaubwürdig und voller Leidenschaft.
Das große Ensemble besticht bei der trefflichen Besetzung jeder Rolle. Björn Geske als der trinkfreudige und stets gut gelaunte Chauffeur Korrianke, Tilmar Kuhn als gefeierter Friedrich Eilers, Harald Heinz als Unternehmer und Bolschewistenfeind von Mohrungen, Antonio Lallo als Baron Pflungk, Andreas Krämer als schön schmieriger Dr. Schmidt-Lausitz, Florian Lenz als tragischer Hartmann und Christian Higer als Saboteur Oderbruch (sowie in Mehrfachbesetzungen Gerold Ströher und Jens Wachholz). Die Damen bezaubern jede auf ihre Art: Natalie Forester als gefasste Anne Eilers, Iris Atzwanger als lebenslustige Operndiva und Eva-Maria Kapser als verliebte Diddo. Bei Danielle Greens „Pützchen“ ist man versucht, zunächst an Gina Lisa zu denken, so lustvoll gibt sie sich ihrer Rolle hin. Wie gefährlich sie sein kann, zeigt sie dann aber im dritten Akt (und nebenbei kurz ihre Brüste, ein seltener Moment bei den Burgfestspielen Bad Vilbel).

Packendes Theater, spannende Unterhaltung, viel Applaus! Chapeau!

Markus Gründig, Juli 12

Golden Girls
Die Schauspieler e.V. im Theatrallalla Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 6. Juli 12 (Premiere)

Die letzten Jahre sind die Besten

“Mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluss…“ heißt es in einem Song von Udo Jürgens, „..da fängt das Leben erst richtig an“. Dieser Song könnte in gewisser Weise auch als Motto für die US-Serie „Golden Girls“ stehen, die in Deutschland zu Beginn der 90er Jahre erstmals ausgestrahlt wurde. Als Eigenproduktion der Stadt Hanau (Fachbereich Kultur) und der Theatergruppe Die Schauspieler e.V. entstand 2010 eine Bühnenfassung der beliebten Serie, für die Corinna Maria Lechler und Marc Ermisch verantwortlich zeichnen.
Im Rahmen des Theatersommers im Frankfurter Theater Theatrallalla ist diese Produktion in den Juli-Wochenenden dort zu sehen.


Golden Girls (Wir können noch )
Die Schauspieler e.V.
Rosalie (Barbara Pierson), Bärbel (Monika Hessenberg), Senta (Anette Krämer), Dorothee (Ute Ehrenfels)
© Die Schauspieler e.V.

Eine schlüssige Story

Einleitend kommen die Alltagsprobleme zur Sprache. Wie bei der Teilzeitlehrerin Dorothee, der im Bus eine vier Jahre ältere Frau ihren Platz angeboten hat: Oh mein Gott, warum ist nur das äußere Alter nicht deckungsgleich mit dem gefühlten Alter? Oder was soll man tun, wenn plötzlich viel Zeit zur Verfügung steht? So gehen die Freundinnen mit Rosalie zum Gesangsunterricht. Bärbel schwingt hingegen lustvoll einen Golfschläger. Das hat nur indirekt mit ihrem sexuellen Hunger zu tun, sie hat einen Anlageberater kennengelernt und will mit ihm gemeinsam spielen. Und hieraus entsteht der eigentliche Plot der Bühnenfassung. Sie legt ihre gesamten Ersparnisse bei einer Bank an, die kurz darauf pleite geht. Alles ist verloren, das Haus, in dem die vier Damen wohnen, gehört der Bank, der Anlageberater hat eine fette Provision kassiert und sich aus dem Staub gemacht. Nach einem gescheiterten Versuch über illegales Glückspiel zu Geld zu kommen, ist der Gang zum Reality-TV der Ausweg. Zum Glück hat Bärbel auch da einen Kontakt… So kommt es, dass ein Sender die ungewöhnliche Frauen-WG eine Woche lang filmt und mit überzogenen Interpretationen über das Leben in der WG seine Zuschauerzahlen puscht.
Die Bühne, ebenfalls von Corinna Maria Lechler, zeigt ein einfaches Wohnzimmer, mit einer Couch samt weißem Überwurf und einem kleinen Tisch (samt Plastikdecke) mit drei Hockern. Schlicht aber sehr effektiv dann das Bild für das TV-Studio, mit grauen Hockern und einer großen Ziffer „1“ in der Mitte.

Vier bekannte Damen und eine Neue

Einen großen Teil ihres Lebens haben die vier Frauen bereits hinter sich, haben ihre Männer teilweise überlebt, teilweise sind sie geschieden, haben Kinder groß gezogen und sind jetzt alle Singles. Inklusive Sophia (die Älteste), die gerade aus dem Altenheim abgeschoben wurde, da dies abgebrannt ist. Sie hat damit nichts zu tun, ein elektrisch betriebenes Liebesspielzeug einer Mitbewohnerin soll die Ursache gewesen sein. Wie es natürlich viele sexuelle Anspielungen in dieser überaus amüsanten Komödie gibt. Deren Trumpf ist, wie in der TV-Serie, die unterschiedlichen Charaktere, in denen man sich in Teilen wieder finden kann, sei es als Problem oder als Traumvorstellung. Wobei keine vollkommen ist, aber gerade ihre Schwächen zeichnen sie aus und machen sie liebenswert. Dies ist auch in dieser Bühnenfassung nicht anders, die zudem mit vier großartigen Darstellerinnen aufwartet. Sei es die zu Beginn in einer Illustrierten blätternde Rosalie (Rose), die widerspruchslos hin nimmt, dass die energische Dorothee (Dorothy) ihr die Illustrierte entreißt, um während ihrer Sitzung auf dem WC Lesestoff zu haben, oder die mannstolle Bärbel (Blanche) und die senile Senta (Sophia).
Als letztere zeigt Anette Krämer unter rauer Schale, dass sie noch immer eine starke Frau ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt wenn es darum geht, zu sagen was sie denkt. Als „ihr Täubchen“ Dorothee glänzt Ute Ehrenfels, mit pessimistischer Einstellung, emotional gehemmt und viel zu anspruchsvoll, was das Thema Männer angeht. Bärbel ist dies bezüglich das andere Extrem, nicht zuletzt Dank ihrer beiden Brüste, die ihr schon so manches Mal geholfen haben. Monika Hessenberg gibt die vermeintliche „Professionelle“ gut gelaunt mit Verve. Und die Rosalie der Barbara Pierson schwebt auch hier auf irgendeiner Himmelswolke, der Realität so ziemlich entrückt. Liegt das vielleicht nicht einfach an ihrer Schottischen Trinkschokolade, die guten Whiskey enthält?
Zu den Rollen passen auch die Kostüme von Anke Küper (Kostümwerk Offenbach), ein schlichter grauer Rock und Pullover für Senta, ein dünnes erdfarbenes Hängekleidchen über einer schwarzen Hose für Dorothee, ein hell beiger Rock und eine weite rosafarbene Jacke für Rosalie und natürlich ein feuerrote Bluse und ein ebensolcher Rock und Schuhe für Bärbel.
Für frischen Wind beim Damenquartett sorgt die sentimentalitätsfreie TV-Moderatorin, die Verena Wüstkamp mit elegant stylischer Frisur und ärmelloser Weste auf schwarzem T-Shirt in enger Hose mit einer starken Präsenz gibt (auf grünen und spitz zulaufenden Schuhen). Sie könnte locker die Enkelin einer der Damen sein.

Die Geschichte ist unterteilt in viele einzelnen Bilder, die nicht nahtlos verbunden sind, der Vorhang geht ständig auf und zu. Das stört manchmal ein wenig. Das Spiel der fünf Damen ist aber stets köstlich und sehr unterhaltsam. Treffend ist auch die Szene, in der die Damen im TV-Sender einzeln vorsprechen und ihre süffisanten Statements über ihre Mitbewohner abgeben. Wobei die Geschichte ganz im hier und heute spielt und nicht in Miami. Das deuten ja schon die Vornamen an, dazu gibt es dezente Bezüge zu Bankenskandalen, Sarkozy und Sushi. Hier haben sich Freunde fürs Leben gefunden, wenn Käsekuchen mit Eiscreme alleine nicht als Seelentröster reicht. Oder am besten beides, in gemütlicher Runde, egal zu welcher Uhrzeit. Am Ende haben sie alle ihren großen Auftritt. Zur Musik von „I will survive“ zeigen und singen sie, dass noch lange nicht Schluss ist, denn „die Post geht ab in der WG“ und „Die letzten Jahre sind die Besten“.

Markus Gründig, Juli 12

Ladies Night
Die Schauspieler e.V. im Theatrallalla Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 16. Juni 12

Mit viel Testosteron von der Hoffnungslosigkeit ins strahlende Rampenlicht

Seit Jahren ist das kleine Privattheater Theatrallalla im Frankfurter Nordend Heimstätte von Thomas Bäppler-Wolf alias Bäppi La Belle. Schon immer sind hier aber auch Gastkünstler zu erleben, wie einst Brigitte Mira oder Gaines Hall. Zudem findet hier seit zwei Jahren jeden zweiten Mittwoch im Monat „Bäppis Couch Gebabbel“ statt, die Lädneit Show mit viel Lokalkolorit, Musik und illustren Gästen (wie mit Let´s Dance Juror Joachim Llambi, dem hessischen Innenminister Boris Rhein oder Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth). Diesen Sommer erweitert das Haus sein Programm und bietet erstmals die Theatrallalla Sommerwochen an (was auch damit zusammenhängt, dass Thomas Bäppler Wolf derzeit als Albert/Zaza in „La Cage aux Folles“ im Volkstheater Frankfurt zu erleben ist). Neben Wolfgang Kaus, Mathias Münch, Lars Ruth und Jörg Zick, Bärbel Schäfer und Achim Winter sind auch zwei Produktionen von „Die Schauspieler e.V.“ zu sehen, die an verschiedenen Spieltagen von Juni bis August gegeben werden. Es sind Produktionen, die als Eigenauftrag der Stadt Hanau in 2007 (Ladies Night) und 2010 (Golden Girls“) entstanden sind. „Die Schauspieler e.V.“ haben kein festes Ensemble, für die einzelnen Produktionen werden Darsteller stückspezifisch besetzt, sie kommen aus der gesamten Rhein-Main Region.



Ladies Night
Die Schauspieler e.V. im Theatrallalla Frankfurt
Harry (Benedikt Selzner), Günther (Detlev Nyga), Norbert (Rüdiger Schade), Wolfgang (Oscar U. Ehrlich)
Foto: Die Schauspieler e.V.

Aus der Not wird eine Tugend gemacht und das Publikum ist in Ekstase

Die Geschichte von “Ladies Night“ ist vielen durch den Film „Ganz oder gar nicht“ bekannt, oder auch aus dem Musical „The Full Monty“, das vom November 2009 bis Februar 2010 im English Theatre Frankfurt gespielt wurde: Arbeitslose Männer beschließen, sich als Stripteasetänzer zu versuchen. Der große Charme dieses Stücks liegt weniger an den nackten Tatsachen, sondern daran, dass es sich hier stets um ganz durchschnittliche Männer ohne Traumkörper wie jenen der „Chippendales“ oder der "California Dream Boys” handelt. Männer, wie sie jede Frau im Publikum bei sich zu Hause haben könnte. Männer, die Angst haben, ihrer Frau die Arbeitslosigkeit einzugestehen, Männer, die als gehörnte Partner längst die zweite Geige spielen, Männer, die die Finanzsorgen zu zwielichtigen Personen führt und Männer, die gar über den Suizid nachdenken. Pure Männlichkeit wird hier erst ordentlich demontiert. Im Frankfurter Theatrallalla stürmen die Darsteller im Streit durch das Publikum auf die Bühne und schnell wird klar, dass zu viel Testosteron auf einem Fleck eine explosive Mischung sein kann (die Frauen der Männer kommen bei “Ladies Night” nicht ins Spiel) .
Ein großes Bühnenbild gibt es für die ohnehin kleine Bühne nicht. Braucht es auch nicht. Drei Stapel Bierkisten und eine Dartscheibe, mehr braucht „Mann“ nicht als Ort der Glückseligkeit mit seinen Kumpels. 
Regisseurin Corinna Maria Lechler lässt die „Wilden Stiere“ (wie sich die Stripteaseformation im Stück nennt) schon als gestrauchelte Männer groß raus kommen, chargiert die Figuren geschickt zwischen rührseliger Anteilnahme und unterhaltsamer Komödie. Und die Darsteller von “Die Schauspieler e.V.” setzen dies glänzend um. Da ist in erster Linie der wortgewandte Chris des Dieter Gring (der jüngst die Rolle des Raymond in „Rain Man“ im Fritz Rémond Theater innehatte). Er ist treibende Kraft für die Umsetzung der Striptease-Idee, auch wenn sein Leben völlig aus dem Ruder läuft. Gring beeindruckt mit seiner kräftigen Stimme und seinem intensiven Spiel. Dem steht auch der Großmacho und dreckige Witze reißende Harry des Benedikt Selzner nicht nach. Der den leiblichen Genüssen aufgeschlossene Norbert des Rüdiger Schade sorgt schon bei den Showproben mit seinen tänzerischen Einlagen für viel Zwischenapplaus. In dieser Männergruppe findet Günther seinen Platz, ein schwules Muttersöhnchen, das nur zu gerne im Rampenlicht stehen möchte und mit den größten „Tatsachen“ das Casting gewinnt. Detlev Nyga gibt ihn mit großem Format. Stil und Tanzvermögen bringt Wesley (Ardell Johnson) in diese Truppe ein. Wolfgang (schön definierter Körper: Oscar U. Ehrlich) hängt die meiste Zeit über als Dauerbetunkener in einer Ecke ab, gibt dann aber die entscheidenden Tipps zur Umsetzung.
Am Ende strahlen alle im Scheinwerferlicht und sehen in ihren Showanzügen blendend aus. Wobei dann natürlich unter kräftiger Anteilnahme des überwiegend weiblichen Publikums alle Hüllen fallen… Viel Applaus.

Markus Gründig, Juni 12

Arsen und Spitzenhäubchen
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 7. Juni 12 (Premiere)

Nach einem schwülen Nachmittag fing es gegen 19.00 Uhr an kräftig zu regnen. Doch pünktlich um 20.15 Uhr, dem Aufführungsbeginn bei den Burgfestspielen Bad Vilbel, zeigte sich Petrus gnädig und ließ sogar noch einmal die Sonne vortreten. Dabei hätten dunkle Wolken durchaus zum Stück gepasst. Denn die zwei ehrwürdig anmutenden und gastfreundlichen Schwestern Brewster entpuppen sich als eiskalte Mörderinnen. Ein Dutzend einsame Männer haben sie bereits als Gäste in ihr Haus aufgenommen, nun ruhen diese alle in einem Kellergrab ihrer Villa im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Und dann kommt auch noch ein weiteres Dutzend Ermordeter ins Spiel…
Die parodistische Kriminalkomödie ist, wie auch die Verfilmung mit Cary Grant, ein Klassiker und quasi ein Selbstläufer.


Arsen und Spitzenhäubchen
Burgfestspiele Bad Vilbel
Abby Brewster (Brigitte Janner), Martha Brewster (Christiane Bruhn)
© Eugen Sommer

Die Inszenierung der Burgfestspiele Bad Vilbel besticht mit einem großen Maß an Charme. Schon die Bühne vermittelt eine heimelige Atmosphäre, das Abgründige hingegen lauert hinter dunklen Ecken. Im Vordergrund befinden sich ein Sessel, eine Rattansitzgruppe und ein Klavier (auf dem verträumt der Neffe Teddy improvisiert). Zum erhöhten Wohnzimmer führt eine kleine Treppe. Links weist eine große Fensterfront ins Grüne, davor befinden sich eine Sitzbank (in der sich geschickt Leichen verbergen lassen) und ein Tisch, natürlich mit einer Spitzendecke, sowie eine Kommode. Eine große Treppe führt in die obere Etage der Villa, kleinere in die Küche und in den Keller. Auf der Galerie hängen Bilder der Vorfahren. Die Bühne ist somit relativ neutral gehalten, es gibt keinen direkten Bezug zu Brooklyn oder zu einem anderen Ort (Ausstattung: Doris Engel).
Und so lebt die Inszenierung ganz von den Darstellern, die schnell die Publikumsgunst für sich gewinnen. Allen voran Brigitte Janner (Abby Brewster) und Christiane Bruhn (Martha Brewster) als liebenswürdiges Mörderduo mit fragwürdiger Doppelmoral. Bezüglich Ihrer Opfer, die sie mit ihrem selbst gemachten und mit Arsen, Strychnin und Zyankali vergifteten Holunderwein ins Jenseits befördert haben, plagen sie keine Gewissensbisse, sie handeln quasi auf höheren Befehl. Einen toten Ausländer in ihrem Keller können sie hingegen nicht dulden. Die meiste Energie bringt Eva-Maria Kapser als Pfarrerstochter und Geliebte des Theaterkritikers Mortimer Brewster ein. Schwungvoll bewegt sich ihre Elaine Harper durch die Villa und kontert geschickt und vehement Mortimers Vertröstungen. Diesen gibt mit Jerry Lewis Qualitäten Tilmar Kuhn. Der Teddy Brewster des Andreas Krämer gibt sich als musikalischer Präsident Roosevelt, der nicht nur Klavier, sondern zum Leidwesen der Nachbarn, auch Trompete spielt (um das Parlament einzuberufen). Björn Geske gibt dem durch diverse Operationen entstellten Ausbrecher und Massenmörder Jonathan Brewster ein gewisses tragisches Format, gleicht er doch offensichtlich dem Darsteller des Monsters des Dr. Frankenstein (Boris Karloff).
Als sein Kumpane Dr. Einstein ist Publikumsliebling Jens Wachholz mit von der Partie, ausgestattet mit Mütze und Brille allerdings nicht so leicht zu erkennen. In weiteren Rollen zeigen sich souverän Hans-Jörg Frey, Marcus Kaloff, Antonio Lallo und Kai Möller.
Im Publikum gibt es immer wieder viele starke Lacher, auch wenn die Inszenierung von Adelheid Müther kein reines Feuerwerk der Slapstick ist. Mitunter könnte die Regie durchaus etwas mehr Tempo vertragen. Dennoch vergehen die fünf Akte rasend schnell und am Ende gab es großen Applaus.

Markus Gründig, Juni 12

Lasst euch nicht umschlingen ihr 150000000!
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 2. Juni 12 (Premiere)

Theater soll oder kann stets mehr bewirken als nur für eine kurze Zeit zu unterhalten. Im Idealfall natürlich beides. Kevin Rittberger behandelt in seinem neuesten Stück Themen wie Anarchie, Kapitalismuskritik, Kommunismus und Revolution. Oder kurz ausgedrückt: Er begibt sich auf die Suche nach neuen Gesellschaftsformen. Das aus drei Teilen bestehende Stück wurde Ende Mai 2012 bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen uraufgeführt, als eine Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt, wo es jetzt, eine Woche später, seine Premiere hatte. Unter Rittbergers Regie entpuppt sich das Stück als ein kleines Kunstwerk, das Anregungen zur gesellschaftspolitischen Diskussionen bühnenwirksam verpackt präsentiert.


Lasst euch nicht umschlingen ihr 150000000!
Schauspiel Frankfurt
Assistentin (Lisa Stiegler), Fotograf (Oliver Kraushaar)
© Birgit Hupfeld

Komödie trifft Ambition
Der Abend beginnt zunächst komödienhaft und sehr unterhaltsam. Ein attraktives Model (Franziska Junge, die kürzlich als Herodias in Wildes Salomé  schon gut wusste ihren attraktiven Körper zu präsentieren) posiert zu Queens „Mustapha“ auf Highheels in Jeans und weißem T-Shirt vor einem Vorhang, während ein Fotograf mit Macho-Allüren (Oliver Kraushaar als Meister der Grimassen) als Vertreter der Hölle aberwitzige Anweisungen gibt. Bis es ihr reicht und sie irgendwann obergenervt brüllt (nach dem Motto „hör auf mit dem Scheiß“) und er darauf sogar dankbar reagiert. Im Folgenden labert sie dann von vergangenen Aufnahmesessions, bis er dann brüllt „halt die Fresse“ (ihr inhaltsschwaches Gerede gemahnt mehrfach an die Oberflächlichkeit der heutigen Zeit). Die eigentliche Szene spielt dann in einer Bananenplantage. Hierfür wurden 16 Palmen auf die Bühne gestellt (Bühnenbild: Christoph Ebener), die von den dreien, neben Fotograf und Model gibt es noch eine Assistentin (mit jugendlichem Elban: Lisa Stiegler), dann erklommen werden. Wie die berühmten drei Affen hocken auf den Palmen: nichts sehend, nichts hörend und nichts sagend. Eine Kleingesellschaft, die das Schlechte nicht wahrhaben will. Dem turbulenten Treiben der drei konträr steht die Figur des „Steinalten Mannes“. Er sitzt in einem klassischen Lotterieverkaufshäuschen der spanischen Blindenorganisation „Once“. Der Traum von Glück, von unbeschwerten Reichtum, ist bei ihm längst ausgeträumt. In seinen Selbstgesprächen geht er intensiv auf gesellschaftliche Grundsatzfragen ein. Dieser erste Teil hat den größten Anteil am Abend, er dauert eine Stunde und 20 Minuten. Die beiden weiteren Teile dauern jeweils rund 30 Minuten. Im zweiten Teil trifft der „Steinalte Mann“ auf eine Gruppe beseelter Anarchisten, die in friedlicher Eintracht fern von Konsumzwang und Einkaufsrausch leben. Janina Brinkmann verpasste Ihnen einheitliche gestaltete Umhänge und Pilzfrisuren, Individualität ist bei dieser ironisierend dargestellten Gesellschaftsform nicht Primärziel.
Im dritten Teil sind die Palmen gefällt, die Bühne gleicht einem grünen Schlachtfeld. Es spielt in der Realität Tunesiens im August des Jahres 2011.


Lasst euch nicht umschlingen ihr 150000000!
Schauspiel Frankfurt
Steinalter Mann (Andreas Uhse)
© Birgit Hupfeld

Kevin Rittberger, der das Stück geschrieben hat, führt auch selbst Regie. Es wird zwar nicht von Anfang bis Ende eine geschlossene Geschichte erzählt, aber seine angesprochenen Fragestellungen zur Gesellschaft werden in einen unterhaltsamen Handlungsrahmen gestellt.
Für diese gelungene Umsetzung sind nicht zuletzt die vier großartige Darsteller verantwortlich (die von Volker Zander am Mischpult musikalisch unterstützt werden). Sie zeigen ein großes Maß an Präsenz. Rittbergers Text erfährt eine kurzweilige Umsetzung. Ein abendfüllendes und dennoch kurzweiliges Stück modernen Theaters, das vom Premierenpublikum begeistert aufgenommen wurde.

Markus Gründig, Juni 12

Der blaue Engel
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 24. Mai 12 (Premiere)

Kein Film der Weimarer Republik schaffte einen Bekanntheitsgrad wie „Der blaue Engel“ von Josef von Sternberg. Selbst die Vorlage, Heinrich Manns 1905 erschienener Roman „Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen“, wurde zunächst lediglich als Schulsatire eingeordnet, während der Film Weltruhm erlangte und bis heute vielen bekannt ist.
Zwar weicht die Filmversion hinsichtlich ihrer satirischen Zuspitzung vom Film ab und auch der Schluss ist anders gestaltet. Doch mit Emil Jannings in der Hauptrolle des Professor Rath, der damals 29-jährigen Marlene Dietrich als Rosa / Lola-Lola und nicht zuletzt durch die Musik Friedrich Hollaenders wurde die Filmversion zu einem Kultfilm.


Der blaue Engel
Schauspiel Frankfurt
Lola Lola (Mathis Reinhardt), Professor Immanuel Rath (Michael Goldberg)
© Birgit Hupfeld

Die Dramatisierung die jetzt am Schauspiel Frankfurt Premiere feierte, nimmt deutlichen Bezug zum Film, ohne ihn aber schlicht zu kopieren. Regisseurin Jorinde Dröse, zeigt das Stück, angereichert mit vielen humoristischen Einlagen, als eine musikalische Farce über einen überforderten Lehrer voller Ängste und unter Realitätsverlust leidend, über engstirnige Kleinbürger und unterhaltungs- und liebessüchtige Pennäler. Dröse ist Hausregisseurin am Berliner Maxim Gorki Theater. Dort inszenierte im Juni 2009 Sebastian Baumgarten das Stück (in einer von ihm und Carmen Wolfram erstellten Textfassung die sich stark an der literarischen Vorlage orientierte).

Musikalische Tragikomödie
In der Frankfurter Inszenierung wird viel gesungen, fast jeder hat einen eigenen Song (Musik: Norma Bek). Das erhöht den Unterhaltungswert, auch wenn nicht von einem Musical gesprochen werden kann. Filmsongs wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und „Kinder, heut' Abend da such´ ich mir was aus“ (-> „einen Mann, einen richtigen Mann“) werden leicht verfremdet wiedergegeben. Es gibt auch zeitgemäße Songs, wie „Alles aus Liebe“ von den Toten Hosen (hier von Ertzum [Katharina Hackhausen] auf englisch gesungen).
Eine kleine Liveband (Karsten Süßmilch, Rainer Süßmilch und Matthias Schmidt) sorgt mit Gitarre, Trompete und Tuba für eine feinfühlig unterlegte musikalische Untermalung. Szenen wie das feucht fröhliche „The-Training“ zwischen Professor Rath und Ertzum sind leicht wieder zu erkennen, wie auch Raths Demütigung am Ende als notgedrungener Clown oder auch Lolas spätere Offenherzigkeit fremden Männern gegenüber.
Die Kenntnis des Films oder gar des Buchs ist aber keineswegs nötig. Dröse erzählt die Geschichte mit einem großen Maß an Leichtigkeit und Humor. Die Tragik Raths wird nicht geleugnet, aber sie steht nicht im Mittelpunkt. So ist es nicht so sehr die Geschichte über einen einst sehr geachteten Lehrer, dessen Leben völlig aus dem Ruder läuft. Es ist vielmehr die Erinnerung eines jeden einzelnen Zuschauers an seine eigene Schulzeit. Denn gespielt wird nicht nur auf der Bühne. Für die Szenen im Klassenzimmer wird der Publikumssaal mit einbezogen. Dann ist dort auch das Licht an und die Schüler sitzen mitten im Publikum und treten von dort nach vorn, um ihrem Lehrer zu zeigen, dass sie längst keine kleinen Kinder mehr sind, „sondern die zukünftige Elite Deutschlands“ (mitunter fühlt man sich auch wie im Zirkus und fragt sich, ist die angesprochene Person nun Zuschauer oder ein Schauspieler?). 

Illustre Personen übertönen spartanische Bühne
Die leicht verengte Bühne ist relativ spartanisch gehalten. Vor einer Wand aus grauen Platten mit einem blauen Vorhang in der Mitte, hängt eine Holzwand. Auch sie besteht aus einzelnen Platten. Schulische Strenge und Formate werden so frei umgesetzt wieder gegeben (Bühne: Susanne Schuboth, auch Kostüme). Für die Szene im Nachtlokal „Der blaue Engel“ wird nur mit Vorhängen gespielt, wodurch schnell ein Backstage-Bereich mit entsteht (nebst eingeschobener kleiner Showtreppe). Hier gibt es ein illustres Volk: wie die ansteckend fröhlich strahlende Verena Jockel im Tüllrock (und Roswitha Lehmann und Stefan Bieasch als weitere Statisten).

Moderner Körperkult
Für stimmungsvolle Momente sorgt nicht nur das oftmals intime Licht von Ellen Jäger, sondern auch das großartige Spiel der Beteiligten. Michael Goldberg schafft als Professor Immanuel Rath eine glaubwürdige Entwicklung von aristokratischer Strenge zu lotterhaft selbstzerstörischer Haltlosigkeit. Sascha Nathan glänzt auf hohen Schuhen als energischer Entertainmentdirektor Kiepert in einem hautengen altrosafarbenen Anzug, mit silberumkränzten Löchern für Pobacken und Bauchnabel. Schon durch sein Äußeres sorgt er für viele Lacher im Publikum. Souverän die Schuldirektorin der Mareike Hein und der Kieselack des Christian Erdt. Cornelius Schwalm sorgt als Clown mit roter Pappnase für tragik-komische Heiterkeit. Nils Kahnwald gibt dem Gedichte schreibenden Schüler Lohmann großes Format. Ganz in schwarz gekleidet, mit langen schwarzen Haaren, wirkt er ein wenig wie Bill Kaulitz von Tokio Hotel (allerdings ohne so stark geschminkt zu sein wie dieser). Oberkörperfrei zeigt er seine angewachsenen Muskeln und ist als Alptraum Raths nahezu omnipräsent. Später erscheint er in einem Anzug, mit zugeknöpftem blauen Hemd und mit seinen normalen Haaren. Dann ist er weniger Rebell, schließlich absolvierte er inzwischen ein Wirtschaftsstudium in Brüssel und ein Volontariat in England...

Ambivalente Lola Lola
Für die Besetzung der großen Figur der „Barfußtänzerin“ Lola Lola, die einst Marlene Dietrichs Weltruhm begründete, fiel die Wahl auf einen Mann! So liegt auf keiner Frau die Bürde in diese Fußstapfen treten zu müssen. Mathis Reinhardt ist somit wesentlich ungezwungener. Er gibt diese Rolle mit großer Intensität, feinfühlig, innerlich stark, überaus verführerisch und singt nebenbei noch gut. Zudem kommt so eine weitere Ebene hinzu, denn er gibt sich auch als Mann. Rath also ein verkappter Homosexueller? Die Frage bleibt offen. Denn seine Liebe ist ohnehin gescheitert, da spielt es letztlich keine Rolle ob sie nun einem Mann oder einer Frau galt.

Eine schöne Inszenierung, mit Discokugeln, Fummel, Glitter und viel Musik, aber auch mit Aktualitätsbezug und Tiefgang: zwei schöne Stunden.

Markus Gründig, Mai 12

Mein Freund krank
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 27. April 12 (Premiere)

Die Wirklichkeit ist komisch

Seit Beginn der Intendanz von Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt gibt es dort erstmals einen Hausautor: Nis-Momme Stockmann, der Dank Sponsorenhilfe für drei Spielzeiten verpflichtet werden konnte. In den ersten beiden Spielzeiten schrieb er fleißig seinen auf der Webseite des Theaters veröffentlichten „Stockmanns Appendix“ und in jeder Spielzeit auch ein neues Stück. So auch in der aktuellen, seiner letzten Spielzeit als Hausautor am Schauspiel Frankfurt. Der Titel seines neuesten Stücks („Mein Freund krank“) ist zunächst so offen wie bei den vorherigen („Das blaue blaue Meer“ und „Die Ängstlichen und die Brutalen“). Das erneut als Auftragswerk des Schauspiel Frankfurt entstandene Stück folgt zwar einer gewissen Dramaturgie, die eigentliche Handlung um einen kranken Menschen dient aber lediglich als loses Gerüst für Stockmanns Gedankenflut, die in weit ausschweifenden Textausflüssen mündet und den Darstellern einiges abverlangt.


Mein Freund krank
Schauspiel Frankfurt
Ich (Christian Bo Salle, Marek Harloff, Nico Holonics), im Hintergrund: Nora (Henrike Johanna Jörissen)
© Birgit Hupfeld

Wohl kanalisierte exzessive Gedankenflut

Vom Schauspiel Frankfurt wurde das Werk als „neoromantische Groteske“ bezeichnet und Stockmann eine „exzessive Gedankenflut“ bescheinigt. In der Inszenierung von Martin Schulze und dem Bühnenbild von Daniel Roskamp wirkt Stockmanns Stück humorvoll umgesetzt, ein wenig gezähmt und für das Frankfurter Publikum auf Hochglanz gebracht. Anarchisches, Wildes gibt es nicht bzw. nur in knapp dosierter Form. Das Regieteam holt den Zuschauer da ab, wie er nach seinem Bürojob in einem der Hochhäuser der Stadt angezogen ist. Die Hauptfigur trägt einen engen und edlen Anzug (Kostüme: Ulrike Obermüller), die Atmosphäre ist gehoben. Vor Beginn ist der Bühnenraum zwar schon einsehbar, allerdings durch leichte Vorhänge noch verhangen. Auf diese werden Schwarz-Weiß-Bilder von Wohngebäuden der unterschiedlichsten Art projiziert. Wobei es überwiegend gutbürgerliche, gehobene Mehrfamilienhäuser sind, manche könnten auch ein Hotel oder ein Siedlungsbau sein. Dazu gibt es ein leises Schrammen zu hören, dass sich als Geräusch einer vor diesen Häusern verlaufenden Schnellstraße („B1“) entpuppt (allerdings so gedämpft, als käme es von einer Carrera-Kinderautorennbahn und nicht von einer stark befahrenen realen Autobahn). Schulze macht von Anfang an deutlich, dass das gezeigte Spiel lediglich eine Hülle für Stockmanns Text ist. So schnallt sich Nora (Henrike Johanna Jörissen) für ihre Rolle als Schwangere erst einmal künstliche Brüste und einen Schaumstoffbauch um. Auch die Bühne von Daniel Roskamp deutet mit Zentimeter hohen Ytonsteinen Räume nur an.

Charmantes Männertrio umschwärmt sehnsuchtsvolle Frau

Die Figur des Ich, die die ihren kranken Freund pflegende Nora besucht, ist hier ob der großen Textmasse auf drei Personen aufgeteilt. Sie sprechen abwechslungsreich, stets im Fluss, geraten dabei in Rage und finden Momente des Innehaltens, des Flüsterns. Sie warten mit einer breiten Palette schauspielerischen Könnens auf. Schulze setzt bei seiner energetischen und schmissigen Umsetzung der Stockmannschen Textmassen auf drei junge Darsteller: Marek Harloff, Nico Holonics und Christian Bo Salle. Charmant und adrett wirken sie alle drei. In ihren schnieken Anzügen mit braunen Schuhen machen sie alle eine gute Figur. Das Jackett wird zwar öfter ausgezogen und auch die Ärmel hochgekrempelt, es bleibt aber jugendgerecht beim Öffnen des ersten Hemdenknopfes. Harloff und Salle werden in der kommenden Saison am Schauspiel Frankfurt als Gäste zu sehen sein, Nico Holonics ist (neben Lisa Stiegler und Vincent Glander) ab der nächsten Saison neues Ensemblemitglied. Mit seinem sympathischen Lächeln fiel er schon jetzt angenehm auf und weckte Vorfreude, mehr von diesem aus München nach Frankfurt wechselnden Darsteller sehen zu können.
Henrike Johanna Jörissen, die an der Seite von Nils Kahnwald bereits bei Stockmanns „Das blaue blaue Meer“ spielte, ist hier Nora. Eine junge, hoch schwangere Frau, deren Freund „verrückt“ geworden ist, sich einfach so in eine Art Wachkoma verabschiedet hat. „Das Arschloch“ ist da und ist es doch nicht (entsprechend wird immer wieder ein Negativ-Bild eines liegenden männlichen Körpers mit Slip auf die Rückwand projiziert). Was soll sie jetzt machen, in dieser von der Stadtentwicklung vernachlässigten Gegend, nah an der „B1“. „Warum muss alles so scheiss wehtun?“, fragt sie verbittert und gibt sich einem Schattenspiel hin. Sie ist wütend, weil sie keine Liebe erfährt, keine Hoffnung und keine Kraft mehr hat und dann nagt auch noch der Zahn der Zeit an ihrer jugendlichen Schönheit. Jörissen besticht auch hier wieder mit ihrer starken Präsenz und intensiven Darstellungskunst. Und wirkt dabei doch ganz natürlich in der von ihr als komisch empfundenen Wirklichkeit.

Alles nur ein großer Tumor?

„Was ist Leben, was der Sinn des Lebens?“, lässt Stockmann die Figuren fragen und erinnert damit ein wenig an das an gleicher Stelle im Januar dieses Jahres gezeigte Stück „Liebesspiel“ von Lars Norén (allerdings ist Stockmanns Stück wesentlich intellektueller/kopflastiger). Und wie einen nihilistischen Kommentator lässt er isoliert Trullmann (Peter Schröder) über die Bühne ziehen, der die Balance zwischen den Kräften Nora und „Ich“ wieder herstellt. Zweifelsohne ist für den zweifachen Vater Stockmann die Geburt eines Kindes purer Lebensausdruck. Dennoch bleibt auch bei ihm am Ende die Frage, ob nicht doch alles nur ein großer Tumor ist. Uneingeschränkter und starker Applaus.

Markus Gründig, April 12

Alles für Mama
Volkstheater Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 20. April 12

Das Werbeplakat für die jüngste Neuinszenierung am Volkstheater Frankfurt zeigt eine festliche Geburtstagstorte, neben der die Zündschnur einer Bombe bereits Feuer gefangen hat. Treffender könnte ein Werbeplakat für dieses Stück in dieser Zeit nicht sein. Denn knapp eine Woche nach der Premiere des Stücks, die zugleich auch eine Uraufführung war, platzte im Volkstheater Frankfurt eine Bombe. Nicht physisch, aber inhaltlich. Die traditionsreiche Frankfurter Mundartbühne sieht für sich keine Zukunft mehr und wird am 31. Mai 2013 seinen Betrieb für immer einstellen (siehe auch kulturfreak.de News vom 21. April 12).
Nun, es bleibt zu hoffen, dass die Bürger der multikulturellen und prosperierenden Stadt Frankfurt sowie die verantwortlichen Politiker dies nicht so einfach hinnehmen. Leben ist schließlich Problemlösen und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Es bleibt also die Hoffnung, dass sich in den nächsten Monaten diesbezüglich vielleicht doch noch eine Änderung ergibt. Bis zum 31. Mai 2013, dem avisierten Schlusstag, fließt ja noch reichlich Wasser den Main hinab…


Alles für Mama
Volkstheater Frankfurt
Konstanze Papenburg (Anette Krämer)
Foto: STU GRA PHO

Die Firma geht vor

„Alles für Mama“ kann in diesem Zusammenhang auch als vorweggenommene Hommage an Liesel Christ verstanden werden, der Mutter der beiden Geschwister Gisela Dahlem-Christ und Bärbel Christ-Heß, die das Theater 1972 gegründet hat (und als „Mama Hesselbach“ bundesweite Bekanntheit erlangte). Denn in Stefan Vögels Kriminalkomödie, die von Wolfgang Kaus für das Frankfurter Volkstheater in eine hessische Fassung gebracht wurde, geht es um Kind-Mutter-Verhältnisse. Dabei spielen zwei sehr unterschiedliche Mütter eine Rolle (wobei physisch nur eine anwesend ist). Die eine Mutter hat in einfachen Verhältnissen ihre drei Söhne alleine großgezogen. Dabei muss sie ihnen viel Liebe gegeben haben, denn jetzt, als sie ihren Job verloren und die Werkswohnung gekündigt bekommen hat, nehmen die erwachsenen, aber mittellosen Söhne alles in Kauf, um ihre Dankbarkeit der Mutter gegenüber mit einem Häuschen im Grünen auszudrücken. Die andere ist eine eiskalte Geschäftsfrau, eine „Superwoman“, die ihr 150-jähriges Familienunternehmen überaus erfolgreich führt, doch dabei ihre mütterliche Seite stark vernachlässigt. Stefan Vögels Stück, das hier zur Uraufführung gebracht wurde, zeigt dabei nicht nur einfaches Schwarz-Weiß-Denken, sondern überrascht mit vielen Einfällen und einem turbulenten Handlungsverlauf mit stets neuen Wendungen (und natürlich einem Happy-End).
Die Bühne von Rainer Schöne zeigt den verlebten und schon weitestgehend geräumten Wohnraum der Werkswohnung von Herberts, Leos und Wolfis Mutter. Ein Fenster gewährt den Blick zu Wohnhäusern auf der anderen Straßenseite, von der die Sonne hereinscheint. Schönes Detail: Als Konstanze Papenburg das marode Heizrohr abgebrochen hat, dampft es aus diesem kurz hervor. Wobei sich das Volkstheater Frankfurt auch neuen Inszenierungsformen gegenüber offen zeigt. So werden dezent live Videoaufnahmen auf zwei Bildschirmen übertragen, wodurch die Inszenierung schön aufgelockert wird und ein aktuelles Format bekommt.


Alles für Mama
Volkstheater Frankfurt
Leo (Thomas Koob), Herbert (Thomas Hessdörfer), Wolfi (Emanuel Raggi)
Foto: STU GRA PHO

Zum Wohl der Mutter vereint

Sylvia Hoffmann, die künstlerische Leiterin des Volkstheater Frankfurt, konnte bei der Besetzung auf ein eingespieltes Team beliebter Darsteller aufbauen. In der Hauptrolle der Geschäftsfrau Konstanze Papenburg gibt sich Anette Krämer im schwarzen Kostüm, ebensolchen Pumps, goldenem Schmuck und mondän nach hinten gestylten Haaren (Kostüme: Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde) als elegante Geschäftsfrau. Knallhart, unbelehrbar und mit sicherem Gespür für Menschen durchschaut sie die Lage, weiß Rat in allen Situationen und zeigt sogar verspätete mütterliche Gefühle.
Konstanze Papenburgs Sohn Christian ist, passend zum Thema, TV-Moderator bei einem lokalen Sender und präsentiert dort eine Familienzusammenführungsshow. Nebenbei hat er seine Last mit seiner eifersüchtigen Freundin und ebensolche Schwierigkeiten, es rechtzeitig zum Sendebeginn in das Studio zu schaffen. Steffen Wilhelm gibt ihn mit Souveränität und Coolness. Das Brüdertrio könnte nicht unterschiedlicher sein. Zum Glück eint sie die starke Liebe zur Mutter, derer sie sich mehrfach mit Handschlägen erinnern („Alles für Mama“). Thomas Hessdröfers Herbert ist der nachdenklichste von den Dreien, Emanuel Raggi der jugendliche Draufgänger Wolfi und Thomas Koob ein unter „Spitzphobie“ (fürchtet sich vor allem, was spitz ist) leidender Leo. Damit sorgt er für viele unfreiwillig komische Momente.

Viel Applaus, für ein Stück, das berührt und schön unterhält. Unter dem Motto „Ei Mama“ läuft jetzt ein Sympathie-Angebot: Beim Kauf von zwei Eintrittskarten gibt es eine Dritte gratis zu. Aber beeilen, „Alles für Mama“ wird nur noch bis zum 28. Mai 12 gespielt.

Markus Gründig, April 12

Medea
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 14. April 12 (Premiere)

An den Städtischen Bühnen Frankfurt gibt es fast schon inflationär viele Medea-Produktionen. An der Oper Frankfurt waren zuletzt Charpentiers (im Juni 2011) und Reinmanns (September 2010) Vertonungen des Medea-Stoffes zu sehen, am Schauspiel Frankfurt inszenierte zuletzt im September 2007 Urs Troller den über 2000 Jahre alten „Medea“-Stoff von Euripedes. Die Inszenierung in den Kammerspielen (ehemals Kleines Haus) war ein großer Erfolg. Die Hauptrollen spielten damals Friederike Kammer und Oliver Kraushaar. Bei der jetzigen Neuinszenierung spielt Constanze Becker, die Ehefrau von Oliver Kraushaar, die Medea. Auch diese Inszenierung, diesmal im Schauspielhaus (Großes Haus) hat das Nötige, um Zuschauerrekorde zu brechen. Verantwortlich zeichnet Michael Thalheimer, der am Schauspiel Frankfurt bereits „Ödipus / Antigone“ (Oktober 2009) und „Maria Stuart“ (März 2011) inszeniert hat. Die Figur der Medea zieht per se schon viele Interessierte an, mehr als Ödipus, Antigone oder Maria Stuart. Schließlich ist das Thema (fatale Eifersucht) für jeden viel präsenter und die Medien ohnehin ständig voll mit Schreckensmeldungen über Familientragödien. Euripedes’ Stoff kann man aber nicht nur auf die krasse Eifersuchtstat (Mutter ermordet ihre eigenen Kinder, um den Vater zu demütigen) reduzieren. Die Sache ist komplexer. Auch und vor allem in Thalheimers ebenso schlichter wie bildgewaltiger Umsetzung.


Medea

Schauspiel Frankfurt
Medea (Constanze Becker)
© Birgit Hupfeld

Zeitlupenhafter Auftakt auf Kothurnen

Für das Bühnenbild zeichnet, wie bei den meisten Inszenierungen von Thalheimer, Olaf Altmann verantwortlich. Zunächst gibt es nur die große leere Hauptbühne zu sehen, was einer Zuschauerin den Ausruf entlockte „Guck mal die Bühne, oh jeh“. Doch derart schlimme Befürchtungen erfüllen sich nicht. Auch wenn sich die Bühne im weiteren Geschehen nur unwesentlich füllt. Zunächst sind nur schwere Schritte zu hören. Eine Frau (Josefin Platt) auf Kothurnen-Schuhen schleppt sich zeitlupenhaft mühevoll über die Bühne, mal mit gekrümmtem Körper, mal mit weit geöffneten Armen. Nur ein Scheinwerfer strahlt sie von hinten an, so dass ihr Schattenbild gespenstisch auf der Rückwand vergrößert abgebildet wird. Großes Unheil kündigt sich hier schon an. Nach gut 10 Minuten gesellt sich der Chor der korinthischen Frauen, hier auf eine Person beschränkt, dazu. Bettina Hoppe zeigt hierbei nicht nur ihre gewohnt ungemein starke Bühnenpräsenz, sondern lässt auch ihre überaus kräftige Stimme hören. Der Bühnenraum ist ja nicht gerade klein (24 x 23 Meter, bei einer Höhe von 26 Meter). Dennoch ist sie selbst auf den hinteren Plätzen im Zuschauerraum noch extrem laut zu vernehmen. Dabei klingt sie nicht als würde sie schreien, sondern nur einfach beeindruckend laut. Denn sie spricht sehr kultiviert, langsam und deutlich (das Stück wird in der Übersetzung von Peter Krumme gespielt). Wie auch Josefin Platt mit ihrer leicht rauchigen Stimme gefällt. Sie vermittelt als Amme mit dem Blick auf manch Verborgenes viel Lebenserfahrung.


Medea
Schauspiel Frankfurt
Medea (Constanze Becker)
© Birgit Hupfeld

Traumrolle für Constanze Becker

Medea ist lange Zeit nur weit hinten zu sehen. Auf einem Wandvorsprung kauernd, der sich kaum von der richtigen Rückwand unterscheidet. Doch fährt die Wand später in Stufen bis an den Bühnenrand vor und senkt sich dann sogar noch vollkommen ab. Die Medea ist eine Traumrolle für jede Schauspielerin und Constanze Becker kostet sie voll aus. Becker war im vergangenen Januar in Lars Noréns „Liebesspiel“ in den Kammerspielen als entscheidungsblockierte, überforderte Mutter zu sehen. Als Medea erscheint sie wie ausgewechselt. Lebendig und energetisch aufgeladen, bis in die kleinste Körperpore, liefert sie ein beeindruckendes Portrait einer vielschichtigen Frau, die durchaus auch mütterliche Gefühle auszudrücken weiß, aber eben auch tiefes Leid, Hass, Hochmut und Rachedurst. Regisseur Thalheimer weist auf ihre Außenseiterrrolle im Land der Korinther hin, bis auf die Schlussszene ist sie stets allein, hat keinen Kontakt zu den anderen, thront in luftiger Höhe auf ihrem Wandvorsprung und schreit sich, mit starken Gesten, die Schmerzen aus der getroffenen Seele. Medea konnte Jasons Verrat an ihr (so wie sie die Geschichte sieht) nicht ungesühnt lassen. Die Kinder mussten nicht zwangsweise geopfert werden, sie überlegt sogar, sie leben zu lassen. Als aber die Geliebte durch ihre Zauberei gestorben ist, muss sie die Kinder töten, bevor die anderen Lynchjustiz üben. Folglich ist für sie Jason der Mörder der Kinder, denn er verübte den Verrat.
Als Jason zeigt Marc Oliver Schulze als den Geschehnissen ohnmächtig Gegenüberstehender starke Präsenz. Seine gut gedachten Absichten für die Familie erwiesen sich als Schuss nach hinten, jetzt zieht er vor Leidensschmerzen gekrümmt durch seine neue Heimat. Er trägt als einziger Farbe. Wo Medea einen beigefarbenen Mantel bzw. einen schlichten weißen Unterrock trägt, viel Schwarz bei den anderen zum tragen kommt, hat er einen Anzug in königsblau an. So als wolle er damit von einer neuen, besseren Zeit künden (Kostüme: Nehle Balkhausen). Michael Benthin (als ernüchterter Aigeus), Martin Rentzsch (als erboster Kreon) und Viktor Tremmel (als erstarrter Bote) fügen sich stimmig ein.

Piktogramme weisen ins Heute

Die Kinder Medeas und Jasons sind, anders als bei der Inszenierung von 2007, nicht präsent. Für die Tötungsszene werden Piktogramme auf die Rückwand projiziert, die Medeas Erinnerungen an die Kinder und deren Heranwachsen zeigen. In immer schnellerer Folge wechseln die Piktogramme und weisen mit aktuellen Bildern ins Heute über  (Video: Alexander du Prel). Dazu gibt es ohrenbetäubend laute Musik, die die Szene unter die Haut gehen lässt (Musik: Bert Wrede).
Am Ende zieht Medea, nun im kurzen Schwarzen, selbstbewusst und lässig davon. Was für eine Frau!
Es folgte der wohl längste und stärkste Premierenapplaus für Darsteller und Regieteam seit langem.

Markus Gründig, April 12

Roberto Zucco
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 4. April 12 (Premiere)

„Ich habe heute leider kein Bild für dich“

„Attentäter tötet sieben Personen und stellt sich“, „Polizei entdeckt zwei verscharrte Leichen im eigenen Garten, Täter offenbar der Ex-Freund der Tochter.“ und „Mann stößt Wildpinkler vor U-Bahn“: Dies sind nur drei Schlagzeilen der aktuellen Woche. Meldungen wie diese schockieren immer weniger, vor allem, je weiter weg sie geschehen. Dabei könnte man auch sagen, die Mörder sind unter uns, denn die Medien sind jeden Tag voll davon. Muss man sie aber jetzt auch noch auf die Bühne bringen?
Ein Massenmörder war zuletzt mit Martin Baaschs Projekt „patriot act“ in 2006 am Schauspiel Frankfurt zur Diskussion gestellt worden (mit Martin Butzke als UNA-Bomber Theodore Kaczynski). Der französische Autor Bernard-Marie Koltés nahm bereits in den 80er Jahren die reale Geschichte des italienischen Gewaltverbrechers und Mörders Roberto Succo als Grundlage für sein letztes Drama „Roberto Zucco“ (das im April 1990 in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz unter der Regie von Peter Stein uraufgeführt wurde). Bekannte Stücke von Koltés sind „Der Kampf des Negers und der Hunde“ (das als Gastspiel der Berliner Volksbühne im Januar 2007 am Schauspiel Frankfurt zu sehen war) und auch „Quai West“ (das in 2007 vom Frankfurter Theater Willy Praml inszeniert wurde).


Roberto Zucco

Schauspiel Frankfurt
Roberto Zucco (Benedikt Greiner)
© Birgit Hupfeld

Goldener Käfig für einen schöngeistigen Killer

Für die Regie von „Robert Zucco“ verpflichtete das Schauspiel Frankfurt Philipp Preiss. Er hat zuletzt für das Haus Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ in der ehemaligen Diamantbörse inszeniert. Dort wurde im Foyer, auf den Rolltreppen und in Räumen der 1. Etage gespielt (am Rouletttisch sogar im wahrsten Sinne des Wortes). Die aktuelle Inszenierung in den Kammerspielen dagegen ist begrenzt auf einen Raum. Es ist ein eleganter Raum mit goldenen Wänden, die aus einzelnen Rechtecken bestehen. Diese wirken fast ein wenig wie leere Pralinenpackungen, könnten aber auch ein Gitter darstellen, quasi ein goldener Käfig für den Titelhelden (der ja nicht nur ein schöngeistig veranlagter Killer, sondern auch ein mehrfacher Gefängnisausbrecher ist). Und das viele Gold kann auch als Sonne interpretiert werden, eine helle, lichte Welt, der sich Zucco am Ende zuwendet (damit wäre er quasi ein Sonnengott in seiner eigenen Welt).
Dabei ist der Bühnenraum deutlich als solcher ausgestellt, die Seitenstützen sind zu sehen und auch die schmalen Fronten sind nicht verkleidet (Bühne: Ramallah Aubrecht, auch Kostüme). Es ist eben die Welt von Zucco, nicht die unsrige. Auf- und Abtritte erfolgen über vier Fotoautomatenkabinen (je zwei auf jeder Seite). Somit ist es ohne Vorkenntnisse unmöglich, die Orte der fünfzehn Szenen des Stückes zu erkennen (spielt es doch u.a. in einem Gefängnis, an der Rezeption eines Stundenhotels, in einem Park oder in einer Küche).

Verführerische, sinnliche „elegante Dame“ ,weitere Ebene

Roberto Zucco (Benedikt Greiner) steht anfangs im Hintergrund, während zwei Gefängniswärter (Sébastien Jacobi und Christoph Pütthoff) am Bühnenrand Position bezogen haben. Schon diese erste Nummer zeigt Preuss´ Faible für slapstickartige Umsetzungen, denn die beiden wirken schon wie zwei große Tollpatsche. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Koltés die Figuren in diesem Stück polarisierend angelegt hat und die beiden Gefängniswärter ebenso als dümmlich und erbärmlich gezeichnet hat wie alle weiteren Figuren. Dem an sich ernsten Thema über einen Mörder („mit hübscher Fresse“) wird mit sarkastischen und überzeichneten Szenen begegnet. Was daran liegt, dass Koltés in seinem Stück auch gar nicht den Versuch unternommen hat, der Psyche Zuccos auf den Grund zu gehen. Dieser tötet ohne jegliches Schuldbewusstsein. Seine Morde geschehen ohne erkennbaren Grund, scheinbar aus Langeweile. Entsprechend „normal“ gibt sich der smarte Zucco des Benedikt Greiner, der sich passend zur Bühne (und seiner „entrückten“ Innenwelt) in einem goldenen Anzug präsentiert (inklusive goldfarbener Schuhe). Dabei zeigt Greiner, der wie Lisa Stiegler (als junges Opferlamm „Das Mädchen“) noch Mitglied des Schauspiel STUDIOs ist, schon ein großes Maß an Bühnenpräsenz. Sébastien Jacobi spielt neben einem Polizisten und einem Wachmann u.a. auch „Die Patronne“, eine Puffmutter. Im engen, silberfarbenen Kleid erinnert er hier lustvoll an seine Performance bei „Red Light! Red Heat!“ im Frankfurter Rotlichtbezirk. Christoph Pütthoff präsentiert in der Rolle des aggressiven Bruders eines von Zucco geschändeten Mädchens eindrucksvoll seine kräftige Stimme. Heidi Ecks ist als ohnmächtige Mutter zunächst eine etwas verhärtete Frau, wie man sie schon öfter auf der Bühne gesehen hat. Weitere Facetten zeigt sie dann aber als verführerische, sinnliche „elegante Dame“ (Zucco mag Frauen sehr), die gerne dumm sein möchte.
 
Musik und Video heben das Stück in eine weitere Ebene

Die Einbeziehung von Musik (an Gitarre, Mikro, Percussion und Sampler: Thomas Esser) und Video lockert die Inszenierung auf. Auf die Wand projizierte Livevideobilder der in einer Fotokabine stehenden, hinter der Bühne oder aus den Zuschauerreihen agierenden Personen sorgen für eine plastischere Vorstellung der schrägen Welt um Zucco herum (an der Live-Kamera: Konny Keller). Die Morde auf der Bühne werden stets nur dezent, fast schon belustigend angedeutet (nur einmal fällt ein Schuss). Gewalt wird plakativ vorgeführt. Aber nicht durch brutale Schläge, sondern durch Farbspiele auf dem Rücken des Mädchens, die Wirkung auf die Zuschauer wird dadurch nicht gemindert.
Am Ende ist Zucco kein Held, kaum noch Mensch, nur noch ein Stück Fleisch, das zusammengekauert nackt auf dem Boden hockt und sich zum Suizid eine Plastiktüte über den Kopf zieht, während vier Stimmen am Bühnenrand im Stile eines alten griechischen Chores über ihn erzählen, mit durchaus aktuellen Ausdrücken (wie „Ich habe heute leider kein Bild für dich“; Heidi Klums Spruch für Mädchen, die aus ihrer Castingshow fliegen).
Koltés’ boulevardeske Utopie, die auch als „Anarcho-Märchen“ bezeichnet wurde, erhält in der Umsetzung von Philipp Preuss ein zeitgemäßes Gewand, wenn leider auch manche Szene eines stimmigen äußerlichen Gesamtbildes wegen geopfert wurde. Langer Applaus.

Markus Gründig, April 12

Königreich
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 30. März 12

Was ist ein Königreich? Was ist ein Leben? Welche Bedeutung haben die Menschen um uns herum, die Familie, die Freunde? Vor allem aber: Wer bin ich?
Direkte Antworten werden in Lisa Danulats neuestem Stück nicht gegeben. Die Spurensucherin begibt sich hier in das persönliche Königreich eines Einzelnen, des eigenen Ichs. Sie trifft hierbei vor allem auf Angst, Schuld und Versagen. Themen, die in unserer Gesellschaft gerne verdrängt werden und schon gar nicht öffentlich angesprochen und diskutiert werden. Doch es sind wichtige Themen, die unser Leben stärker beeinflussen, als wir gemeinhin annehmen. Insoweit ist der Titel „Königreich“ eine schöne Umschreibung für das innere Seelenleben, für die eigene, facettenreiche Persönlichkeit eines jeden Einzelnen. So geht es konsequenterweise in erster Linie nur um das Ich, das hier eine große Bühne zur Selbstdarstellung bekommt. Es ist dazu gleich dreifach vertreten: in weiblicher Form und in drei Lebensstufen. Dazu gibt es weitere Figuren, wie eine Mutter, einen Vater oder einen Psychiater. Doch nicht in Form einer erzählenden Geschichte. Es sind Textfragmente, die Danulat wie ein Memoryspiel ständig neu mischt und bei dem auch Wiederholungen bewusst nicht ausschlossen sind. Kein Ich ohne Du und so spiegelt sich das Ich in der weiten Welt, die hier lose eingestreut erscheint (wie mit historischen Filmaufnahmen aus Hiroshima).

Multimediale Umsetzung

Die Uraufführung des Stücks fand jetzt im TiC Werkraum des Staatstheater Mainz statt, einer kleinen Studiobühne mit rund 100 Sitzplätzen. Hier waren schon Danulats „Too low Terrain“ (2009) und „Uns kriegt ihr nicht“ (2010) zu sehen (in der Spielzeit 2010/2011 war Danulat zudem Hausautorin am Staatstheater Mainz). Die szenische Umsetzung von „Königreich“ erfolgte relativ aufwendig und wartet mit allerhand Überraschungen auf, denn Regisseur Johannes Schmit hat sich viel einfallen lassen. Wobei zu den Fragen aus Danulats Textvorlage nun noch die eine oder andere Frage an die Regie dazu kommt. Unterhaltsam ist das 75-minütige Stück auf jeden Fall, trotz aller ernster Themen. Musik (wie Udo Jürgens „Und es war Sommer“ oder Richard Wagners „Lohengrin“-Ouvertüre), Video (live und vom Band) und Schauspielkunst geben ein Potpourri der Verwirrung einer ganz besonderen Art. Die drei weiblichen Ichs spielen drei Männer (Stefan Graf, Tilman Rose und Matthias Spaan) in schwarzen Unterröcken und Lackschuhen, weißen Strumpfhosen, roter Schärpe und mit grell überzeichneten Augenkonturen. Die andere Figur spielt eine Frau (Andrea Quirbach), die mit einem Vollbart auf Mann getrimmt wurde oder als kranke Patientin wie nach einer Chemotherapie aussieht.


Wahrnehmungsirritationen

Die Bühne besteht zunächst nur aus einer Art schwarzem Laufsteg, vor dem eine Brüstung montiert wurde, von einer Leuchtbirne tropft als Bild für die zerrinnende Lebenszeit unregelmäßig Wasser herab. Zu Beginn steht ein „Ich“ stumm an einem Mikrofon, die Mimik drückt Anspannung, Leid und Qualen aus. Ein anderes „Ich“ liegt flach auf dem Steg, ein weiteres kauert dahinter. Inspiriert wurde Danulat von Lars von Triers „Hospital der Geister“, einer kleinen dänischen TV-Serie aus den 90ern, die im englischen „The Kingdom“, also „Das Königreich“ heißt. Dabei geht es mit viel schwarzem Humor um Geschehnisse in einer Klinik. Danulats Welt ist hingegen nicht so konkret, es sind stets nur Versatzstücke, die Hinweise auf Geschehenes und auf Personen geben. Wie ein Gagern-Gymnasium erwähnt wird oder die Jagdfreuden des Vaters. In welchem Zusammenhang diese stehen, wird nicht deutlich. Gesprächsszenen beim Psychotherapeuten wechseln mit skurrilen Szenen ab. So brauen sich die drei Ichs einen Tee und drücken dabei plakativ ihre Ängste vorm Altern aus. Gleichzeitig erwähnen sie das hochgiftige Polonium (dieses soll dem ehemalige KGB-Agent und späteren russischen Regimekritiker Alexander Litwinenko im November 2006 in einem Tee verabreicht worden sein, woran er ein Jahr später starb).
Nicht alles ist so, wie es den Anschein hat. Der Boden des Stegs erweist sich als nicht gleichmäßig stabil. Es gibt Bereiche, die wie aus Schaumstoff zu bestehen scheinen. Es sind Löcher, in die die Darsteller, akustisch verstärkt, hineinplumpsen. Der kargen Szenerie zu Beginn folgt später eine Wohnzimmeratmosphäre wie bei Großmuttern (dunkle Möbel, dicker Vorhang, warmes Licht). Zwei Spiegel werden zum Finalbild mit einer kranken Frau (ein weiteres Polonium-Opfer?) in den Mittelpunkt gerückt und fokussieren damit den Blick auf sie (Bühne und Kostüme: Markus Wagner).
Thematisiert werden Verlustängste („wenn du vor mir gehst, trinke ich deine Asche“) und auch Zwischenmenschliches (“Fahr los!“ folgt „Halten Sie an“ und .... ich dachte, du liebst mich“). Wenn die Psychotherapeutin „DrDr“ nachfragt, ob die Tabletten eingenommen wurden antworten die Ichs mit einem vehementen dreifachen „Nein“. Selbst der Weltuntergang wird erwähnt, doch zum Glück kann dieser noch von einer Schlechtwetterfront unterschieden werden. Es besteht für uns also noch ein klein wenig Hoffnung (wie sich am Ende auch an sich bissfeste Elektrokabel als durchaus appetitlich erweisen).
Langer Applaus für die engagiert und leidenschaftlich spielenden Darsteller. Auch die derzeit hochschwangere Autorin zeigte sich mit einem glücklichen Lächeln.

Markus Gründig, März 2012

Salomé
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 24. März 12 (Premiere)

Hättest du mich angeschaut,
du hättest mich geliebt...
und das Geheimnis der Liebe
ist größer als das Geheimnis des Todes...

Oscar Wilde in “Salomé”

Oscar Wildes Stücke „Bunbury“ und „Der ideale Gatte“ sind regelmäßig auf deutschen Bühnen zu sehen. Sein 1891 geschriebenes und 1896 in Paris uraufgeführtes Stück „Salomé“ hingegen eher seltener. Die gleichnamige und inhaltsgleiche Oper von Richard Strauss (1905 in Dresden uraufgeführt) ist da wesentlich populärer. Dabei muss die Theaterfassung nicht hinter der Oper zurückstehen. Schon gar nicht in der jetzigen Neuinszenierung des Schauspiel Frankfurt mit der fulminanten Valery Tscheplanowa in der Titelrolle.

Deutsche Übersetzung von 1900

Anders als Wildes lustige Gesellschaftskomödien ist seine „Salomé“ eine Tragödie. Die Tragödie einer ganz besonderen Frau. Sie beruht auf der neutestamentarischen Figur der jüdischen Prinzessin Salomé, der Tochter der Herodias aus ihrer ersten Ehe mit Herodes Philippus. Wobei der Name „Salomé“ in dem recht kurzen biblischen Bericht gar nicht genannt wird (Matthäus 14, 3-11 und Markus 6, 17-28). Die Schwäche des Stiefvaters Herodes Antipas, der entgegen dem alttestamentarischen Verbot (3. Mose 18, 16) die Frau seines Bruders heiratete, wie die unmenschliche Forderung der jungen Salomé, ihr den Kopf Johannes des Täufers in einer Schale zu präsentieren, hat Oscar Wilde zu einem eineinhalbstündigen Einakter dramatisiert. In England war das Stück lange verboten. Heute hat es zwar von seiner Sprengkraft (u.a. Thematisierung sexueller verbotener Gelüste) eingebüßt, aktuell ist es noch immer. Das Schauspiel Frankfurt zeigt es recht werktreu in der Erstübersetzung von Hedwig Lachmann (aus dem Jahr 1900). Herodes Zuruf an Herodias: „schweigt“ heißt zwar hier „Halt die Fresse“, doch dies ist eine der wenigen Aktualisierungen (wie das Tetrachenpaar auch mit einem MP3-Player spielt).


Salome
Schauspiel Frankfurt
Salomé (Valery Tscheplanowa), Jochanaan (Atheer Adel)
Probenfoto © Birgit Hupfeld

Avantgardisten ihrer Zeit: Wilde und Rousseau

Günter Krämer, der am Schauspiel Frankfurt bereits Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und Shakespeares „König Lear“ inszenierte, zeigt hier sein bisher stärkste Umsetzung. Die Textgrundlage steht absolut im Mittelpunkt, die Bühne ist stark reduziert und wirkt dennoch groß. Bühnenbildner Jürgen Bäckmann positionierte eine treppenähnliche Anlage mit hohen Stufen, die in ähnlicher Form auch bei Juliane Kanns „Bleib mein schlagendes Herz“ vor zwei Jahren in den Kammerspielen zu sehen war. Statt weiß ist der Bühnenraum im Schauspielhaus mit riesigen roten und schwarzen Streifen geziert (je Stufe eine Farbe). Dabei kann die Farbwahl auch programmatisch verstanden werden: Rot für die Wollust, Schwarz für die seelischen Abgründe. Bäckmann folgt damit Wildes Vorgabe, der die Szene als „große Terrasse im Palast des Herodes“ bezeichnete. Das Ganze wird mit einem Bild von Wildes Zeitgenossen Henri Rousseau kombiniert. „Der Traum“ wurde großflächig auf einen Gazevorhang gebracht und dieser ist noch vor dem eigentlichen Bühnenbild zu sehen. Anfangs erst in Teilen, mit mehr Licht später dann auch vollständig. Das Bild zeigt eine nackte liegende Frau (Yadwigha), die friedlich mit offenen Augen auf einem Plüschsofa träumt. Sie befindet sich mitten in einem Urwald, eingerahmt von exotischen Pflanzen mit farbenfrohen Blüten, Farngewächsen, einem Flöte spielenden Urwaldbewohner und zwei neugierig blickenden Löwen. Verbindendes Element zu Wildes „Salomé“ ist nicht nur, dass Rousseau mit seiner naiven Malerei auch eine Kultfigur der Avantgarde seiner Zeit war (wie Wilde im Bereich der Literatur), sondern Bild wie Bühnenbild nächtliche Szenen sind, die rechts oben je einen Mond zeigen. Für Salomé steht der Mond für Unschuld und Reinheit, sie vergleicht ihn mit einer Jungfrau, „die rein geblieben ist, die sich nie den Männern preisgegeben hat wie die anderen Göttinnen“. Die Zuschauer werden unfreiwillig zu Betrachter, die wie Herodes nicht den Blick von einer Frau abwenden können.

Androgyne Salomé

Das Wort Salomé hängt mit hebräisch „Gedeihen“, „Friede“ zusammen. Zumindest ersteres trifft auf die Figur Salomé zu. Freilich ist sie eine „femme fatale“ par excellence und entspricht in keinster Weise den üblichen Gesellschaftsdamen in den anderen Stücken von Wilde. Gleichzeitig ist sie aber auch noch Kind, ein naiv unschuldiges Mädchen. Nur mit tragisch lolitahaften Attitüden. Valery Tscheplanowa, die für ihre „Maria Stuart“ im vergangenen Jahr eine Nominierung als beste Darstellerin beim Deutschen Bühnenpreis „Der Faust“ erhalten hatte, überbietet sich als Salomé selbst. Wie eine Schlange bewegt sie sich gestenreich auf der Terrassenanlage auf und ab, spricht dabei mit lauter Stimme klar und deutlich, bietet eine facettenreiche Mimik, wo die harten Worte gar nicht zum lieblichen Gesicht passen wollen. Sie trägt schlichte Kleidung, eine Art Overall, bis zum Hals zugeknöpft und mit langen Ärmeln. Ganz in weiß, ganz in Unschuld (nur ihre schwarzen Stiefel zeugen davon, dass noch etwas anderes in ihr schlummert). Prägnantestes Merkmal ist aber ihre Glatze, die interessanterweise sogar echt ist: Respekt! So wirkt sie fast androgyn und zieht magisch die Blicke auf sich. Ihre Mutter Herodias dagegen trägt ein zeitgemäßes kurzes Abendkleid, Stöckelschuhe und Glitzerschmuck um Hals, an den Ohren und auf dem Kopf. Franziska Junge gibt sie lasziv als kreischende Xanthippe, so dass man mit Herodes Mitleid hat und das Publikum fast Lachkrämpfe bekommt. Wolfgang Michael, der jüngst als Kaufmann aus Venedig eine hervorragende Charakterstudie bot, spielt hier wieder mehr seine komische Seite hervor. Mathis Reinhardt gefällt als junger Syrer und Hauptmann der Garde (Narraboth). Etwas abgeändert wurde die Rolle des Jochanan (wie Johannes der Täufer im Stück heißt), die der gebürtige Iraker Altheer Adel spielt. Er spricht zunächst nur aus seiner Zisterne heraus, zu sehen sind nur Teile des Gesichts, eine schwarze Kutte liegt über seinem Kopf. Mit seinen anklagenden Worten („Tochter der Ehebrecherin“, „Tochter Sodoms“ und „Die Hure“… ) erinnert er an aktuelle arabische Hassprediger, denn er spricht sie nicht auf Deutsch. Sein schönes Antlitz ist erst am Schluss, nach seiner Köpfung, zu sehen. Amin Haile, der bereits bei Alexander Brills theaterperipherie gespielt hat, gibt oberkörperfrei einen muskulösen Urteilsvollstrecker mit Säbel im Mund (Naaman).


Salome

Schauspiel Frankfurt
Salomé (Valery Tscheplanowa), Chor
Probenfoto © Birgit Hupfeld

Attraktive Jüngerschar

Alle weiteren Rollen wie Römer, Soldaten, Juden, Sklavinnen, werden hier von einem Chor gegeben. Dieser besteht aus elf attraktiven jungen Männern, womit ein Bogen zu Oscar Wilde gespannt ist. In Jackett und Krawatte, mit gestylten Haaren machen sie schon eine gute Figur. In Shorts und mit langen Socken zeigen sie aber gerade so viel Haut, dass der Anstand gewahrt bleibt und das Auge dennoch was davon hat (Kostüme: Falk Bauer). Sie sprechen rhythmisch (wie das Programmheft bekannt gibt, angelehnt an die Rhythmisierung von Richard Strauss’ Oper Salomé), als eine Gruppe wie im Duett oder wie bei einem Kanon versetzt (Einstudierung: Uwe Hergenröder). Sätze wie „Wie schön ist die Prinzessin Salomé heute Nacht“ wirken so intensiver. Zusammen mit Amin Haile sind sie zwölf, fast so wie die zwölf Jünger Jesu.

Traum und Wirklichkeit verschmelzen

Eine Person fehlt noch. Wobei sie keine wirkliche Person ist. Eine menschengroße Puppe in einem Hochzeitskleid liegt auf einer der Stufen. Sie wird während der Tanzszene zum vermeintlichen Liebesobjekt Herodes. Während Herodias tänzelt, umschwärmen die Jünglinge Salomé, ihre puppenhafte Abbildung und Herodes. Die Grenzen seiner Wahrnehmung sind nun erloschen. Das Bild einer Frau, das er so lange vor sich gesehen hat, hat sich erfüllt. Ganz egal, ob das nun Realität war oder nur eine Puppe. Die Kraft liegt im Geiste, will die Puppe sagen. Später sitzt sie der Salomé gegenüber. Diese wiederum in der ersten Reihe im Publikum, tritt vor, um „ihren“ Jochanaan zu küssen und spricht die letzten Worte zu ihm.
Eine starke Inszenierung, der langer und starker Applaus folgte (ganz ohne Buhrufe).

Markus Gründig, März 12

Wir sind schon gut genug!
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 7. März 12

Ein Besuch im Theater gilt immer als chic. Beliebt sind Klassiker, denn die kennt man, wenn auch nur vom Titel her. Am besten auch keine zu komplizierte Handlung und bitte viel Drama, Herzschmerz und gerne auch etwas Humor. Das Ganze aber bitte nicht zu modern und ja schön werktreu… Wenn Theater ausschließlich nach solchen Vorgaben gespielt würde, wäre es von den ständigen Wiederholungen im Fernsehen nicht weit entfernt. Doch die Theaterleute wollen mehr. Schon in früheren Zeiten und erst recht heute. Theater kann und soll unterhalten, dazu aber auch den Geist und die Sinne anregen. Dabei kommt es zu vielfältigen Stilblüten, die oftmals durchaus als „diskussionswürdig“ beurteilt werden können.

Keine Einheit von Zeit, Raum und Handlung

René Pollesch, dessen Stück „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Regie zu überzeugen“ im 9. Oktober 2010 am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde, ist einer der kreativsten Gegenwartsautoren und Regisseure, den die Bundesrepublik Deutschland zu bieten hat. Dabei erfüllen seine Werke die Anforderungen der aristotelischen Einheit von Zeit, Raum und Handlung eines Dramas keinesfalls. In Polleschs Stücken gibt es keine klassische Handlung, keine Rollen. Text schon, doch dieser entsteht erst während der Proben als kreativer Prozess. Dadurch unterscheidet er sich von der Österreicherin Elfriede Jelineck, deren Werke ebenfalls einen starken Textfluss aufweisen.
„Wir sind schon gut genug!“ behandelt auf höchst amüsante Weise eine gewisse postmoderne Theaterkritik. Der Zuschauer ist eingeladen, seine eigene Position zum Theater zu hinterfragen und sich Gedanken zu machen, wie Leben heute gestaltet werden kann, im Theater, im Nahbereich des Privaten, im offenen Bereich des öffentlichen Lebens.
Untermalt von viel Musik werden hier mit allerhand Textkaskaden Bühnen- und reale Weltanschauungen hinterfragt. Der zynische Stücktitel impliziert, dass dem Ganzen ja dann doch nicht so ist und dringend Handlungsbedarf besteht. Es spielt nahezu das gleiche Team wie bei „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Regie zu überzeugen“ (Constanze Becker, Traute Hoess, Michael Goldberg, Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar), nur Bettina Hoppe ist anstelle von Valery Tscheplanowa dabei.


Wir sind schon gut genug!

Schauspiel Frankfurt
Traute Hoess, Oliver Kraushaar, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Constanze Becker, Nils Kahnwald
© Birgit Hupfeld

Superwoman und Superman entern die Bühne

Der Auftakt ist schon einmal fulminant. Barocke Klänge verdeutlichen auf schnelle Weise, dass man als Besucher in einer anderen Welt, im Theater angekommen ist. So kann man den Alltag schnell vergessen und „umschalten“. Dies tut auch die Musik, die nach wenigen Takten noch etwas lauter und vor allem moderner wird, fast wie in einem Hollywood-Action-Thriller. Dazu passt dann auch, dass vom Bühnenhimmel drei Darsteller (Constanze Becker, Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar) in einer Art Superman-Kostümen herabschweben (währenddessen nehmen sie noch erhabene Posen ein). Die anderen Darsteller (Traute Hoess und Michael Goldberg) laufen auf die Bühne, oder kommen auf einem Fahrrad daher (Bettina Hoppe), ebenfalls in der Art von Superman-Kostümen (Unterschiede gibt es nur bei den Farben auf dem Rücken der Damen und im Zuschnitt bei den Herren). Zunächst herrscht Verwirrung, denn eigentlich sollte Brechts „Mutter Courage“ gespielt werden. Doch dafür passt die bunte Bühnenkulisse genauso wenig wie das warme Licht von Frank Kraus, geschweige denn die Kostüme von Nina Kroschinske.

Die Bühne von Anina Audick zeigt einen Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Es ist kein in sich geschlossener Raum. Eher eine Ausstellungshalle, die verschiedene vom Publikum gewünschte Elemente karikaturhaft zur Schau stellt. Wie einen Ausschnitt, einer in strenge Form geschnittenen englischen Buchsbaum Gartenanlage, einen Springbrunnen, die Spitze eines Glasdachs wie vom Pariser Louvre, ein überdimensionales Eis am Stil wie für einen Kinobesuch oder eine elegante Hausfassade (mit der Bezeichnung „Apfelstrasse 99“ und einem Fahrverbotsschild für Fahrräder). Kurzum, das Bildungsbürgertum, das sich aus dem chicen Frankfurter Westend, Holzhausenviertel oder vom Lerchesberg hier eingefunden hat, kann sich gut wiederfinden. Im Hintergrund leuchtet in Neonröhren eine Skyline für alle anderen Menschen der Großstadt auf.


Wir sind schon gut genug!
Schauspiel Frankfurt
Jos Diegel, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Constanze Becker
© Birgit Hupfeld

Inszenierung wie ein Youtube-Film

Innerhalb sechzig Minuten, länger dauert das Stück nicht, entspinnt René Pollesch (in Personalunion von Autor und Regisseur) ein turbulentes Geschehen, das fast wie ein einziger Film auf Youtube wirkt. Viele Themen werden angeschnitten. Es geht um den Kapitalismus, die Krise der Künstlerkritik”, um P-R-O-F-I-T (was sich aus den einzelnen Buchstaben auf der Brust der Darsteller ergibt) und um den sogenannten „Mehrwert“. Der passt ja so gar nicht zum selbstgefälligen Stücktitel, doch wird er stets auf neue eingefordert, weil nun einmal alles im Leben einen „Mehrwert“ haben muss.
Wenn nach rund 30 Minuten die ersten Zuschauer einzuschlafen drohen, robben und ziehen sich Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar als traumschlafendes Paar über die Bühne und in den Springbrunnen, was im Publikum für viele Lacher sorgt. Die drei Damen reagieren auf derlei Spielereien mit Ernst und zeigen sich in eleganten Abendroben. Sie packen im Folgenden praktisch an, denn sie betätigen sich als Raumpflegerinnen und vernichten die Spuren der Komiker. Nur die ernste Kunst hat nicht wirklich was zu sagen. So sitzen sie später auf dem Springbrunnenrand und schauen dumpf vor sich hin. Die Souffleuse wischt an einer Hauswand alles weg, der Text ist überflüssig.
Unterbrochen werden die kreativen Textflüsse und Botschaften durch live übertragende Videoszenen (Video und Mitarbeit Bühne Sascha Benedetti) und von gemeinschaftlichen Tänzen, die trotz aller Individualität gut choreographiert sind. Das Stück endet auch mit einer solchen Tanzszene, begleitet von Musik, die einem Terence Hill / Bud Spencer Film entstammen könnte. Frohgemut wird allem Ernst getrotzt. Dem überwiegend jungen Publikum in der besuchten Vorstellung gefiel der Abend ausgesprochen gut. Dafür sorgten auch Textbezüge zur Gegenwart, wie mit dem bunten Charakter, nein grauen, von Lady Gaga oder der Hinterfragung von Ausbildungskosten, wo doch über Castingshows viel günstiger nicht ausgebildete Stars gefunden werden können. Oder der Bezug zum populären Thema soziale Netzwerke, mit dem Trieb sich öffentlich zu zeigen (untermauert von Sascha Benedettis live Videoeinspielungen).
Die Menschheit hat die Unschuld verloren, so sitzt sie auf einem Einhorn mit verknotetem Horn und lila Mund, während Platon über allem wacht und ruhig vor sich hin raucht. Ein bildgewaltiger Abend mit einem lustvoll agierenden Schauspielerteam, bei dem Sozialkritik fast schon comicartig verpackt ist.

Markus Gründig, März 12

Die Dritte Generation
Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschue für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M
Besuchte Vorstellung: 18. Februar 12 (Premiere)

Die Bombe platzt im MyZeil

Norwegen am 22. Juli 2011, Madrid am 11. März 2004 und New York am 11. September 2001: dies sind nur ein paar Beispiele terroristischer Anschläge in den letzten Jahren. Auch in Deutschland gab es in den letzten Jahren und Jahrzehnten Anschläge. Die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren davon ganz besonders geprägt und sind vielen noch in Erinnerung. Unrühmlicher Höhepunkt war „Der deutsche Herbst“ 1977, mit der Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers, der Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ und dem Selbstmord von drei Terroristen im Stuttgarter Gefängnis Stammheim. Rainer Werner Fassbinder, für viele einer der wichtigsten deutschen Nachkriegsregisseure (Bühne & Film; zeitweise auch Intendant des Frankfurter TAT), beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Terrorismus bzw. wie dieser in der Bundesrepublik Deutschland von staatlicher Seite bekämpft wurde.
Dabei entstand auch seine Politkomödie „Die dritte Generation“. Ob des heiklen Themas wurden ihm eigentlich zustehende Fördergelder gestrichen, auch der WDR und der Berliner Senat zogen ihre Filmförderung zurück und so entstand ein Low-Budget-Film, der heute etwas bizarr anmutet, aber gerade deswegen auch fasziniert (aus der Sicht von Terroristen war es wohl eher eine Verunglimpfung). In den Kinos lief der von November 1978 bis Februar 1979 im damaligen West-Berlin gedrehte Film nur kurze Zeit und das Fernsehen mied ihn auch. Es war für Fassbinder also kein großer Erfolg wie „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ oder die nachfolgend entstandenen Filme „Berlin Alexanderplatz“ und „Lili Marleen“. Wie stets, so spielten auch bei „Die dritte Generation“ viele Fassbinder-Stammschauspieler mit (wie Eddie Constantine, Günther Kaufmann oder Hanna Schygulla).


Die Dritte Generation

Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschue für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M
Fritz (Rajko Geith), Ilse (Marlene Hoffmann)
© Birgit Hupfeld

Vom Film zur Bühne

In Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M und der Hessischen Theaterakademie ist nun eine Dramatisierung dieses Films am Schauspiel Frankfurt zu sehen. Es spielen ausschließlich Studenten des 3. Jahrgangs. Regie führt Alice Buddenberg, die mit dem Solo „Das Scarlett O´Hara-Syndrom“ bereits Erfahrung mit der Umsetzung von Filmen für die Bühne gewonnen hat. Die Studenten können dabei auf ein professionelles Umfeld zugreifen, was Bühne, Licht und Ton anbelangt. Anders als bei den Jugendtheaterinszenierungen gibt es auch ein mehrseitiges Programmheft (und kein Faltposter). Abgesehen vom jungen Alter der Darsteller fällt aber auch kaum auf, dass es sich hierbei um Studenten handelt. Sie spielen schon sehr professionell und nutzen diese Gelegenheit, ihr bisher Gelerntes zu zeigen.
Die Filmfassung beginnt mit einem Blick aus dem Büro des Computerhändlers Lurz auf das verschneite Gebiet auf und um die Berliner Gedächtniskirche. Für den Beginn der Bühnenfassung wurde auf die im Film unüberhörbare Kritik Fassbinders am Medienkonsum und die darauf folgende Hysterie Bezug genommen (im Film sind über lange Strecken stets damals aktuelle Tagesschau-Nachrichten im Hintergrund zu hören). Hier sind es jetzt statt TV-Nachrichten die Schlagzeilen der heutigen Tageszeitungen, sei es die FAZ, die Bild oder die der Offenbach Post: Whitney Houstons Tod, Wulffs Rücktritt oder die Gründung einer Selbsthilfegruppe von Mitarbeitern der Drogeriekette Schlecker.
Die Bühnenrückwand ist mit Tageszeitungen gepflastert, Stapel von Tageszeitungen stehen im Hintergrund und werden zusätzlich herein getragen. An den Wänden hängen zahlreiche Überwachungskameras. Dazu steht eine riesige Zeitungspapierrolle auf der Bühne von Sandra Rosenstiel. Die Handlung spielt auch nicht in Berlin, sondern in Frankfurt. Statt im Berliner Rathaus soll hier im Einkaufscenter MyZeil die Bombe der Möchtegernterroristen hochgehen, Kommerz ist nunmehr heute ein wichtigeres Thema als die Politik. Ein paar wenige Szenen werden auch per Video eingespielt bzw. aus dem Untergrund übertragen (Video: Benno Listing und Constantin Braml).


Die Dritte Generation

Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschue für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M
Fritz (Rajko Geith), Petra (Marlene Hoffmann)
© Birgit Hupfeld

Die Stars von morgen?

Die Geschichte um die Terroristen aus Langeweile, von spießigen Bürgern (darunter mehreren Ehepaaren, bei denen noch die klassische Rollenverteilung herrscht: sie kocht und bringt ihm das Bier), die das ganze Geschehen lediglich des besonderen „Kick“ wegen machen, wird in einem rasanten Tempo gespielt. Dabei sitzt jede Szene. Die einzelnen Teile (Fassbinder teilte den Film in sechs Kapitel ein, denen er mottoartig Zitate aus Berliner Toilettenwänden voranstellte) werden hier durch musikalische Versatzstücke unterbrochen (Musik: Stefan Paul Goetsch; mit Gesang von den Beteiligten Marlene Hoffmann und Rajko Geith). Zum Film gibt es viele Wiedererkennungsmerkmale, über den identischen Text hinaus (auch wenn einzelne Figuren und Szenen gestrichen bzw. verkürzt wurden). Selbst die Stimme der jungen französischen Selbstmörderin, die sich Hilde (impulsiv: Kathrin Berg) so gerne anhört, fehlt nicht.
Die Darsteller spielen mehrfache Rollen, sind dann aber auch entweder farbig angemalt (wie Rajko Geith, der einen kernigen Franz gibt und dem man seine Ausbildung im afrikanischen Trainingslager gerne abnimmt). Oder sie tragen große Schwellköpfe auf aufgeblähten Körpern, wie Herr Lurz (unter dem sich Marlene Hoffmann versteckt, die auch charaktervoll die drogensüchtige Ilse spielt, ohne allerdings wie diese im Film nackt herumzulaufen). Der Figur des südländischen Machos Paul kommt Tom Bartels nicht nur optisch mit seinem Oberlippenbart nah. Daniel Rothaug gibt einen couragierten und rechtschaffenen Bernhard (und zeigt dabei viel Haut). Christoph Bahr ist u.a. der von seiner Frau und seinem Vater hintergangene Edgar (bei der Ehebruchsszene ejakuliert der Vater aus einer Mayonnaisenflasche, da ist die Bühnenfassung ausnahmsweise frivoler als der Film). Karoline Stegemann verkörpert lustvoll die Strippenzieherin Susanne. Zum Schluss hin im Skelettdress (Kostüme: Martina Küster), schließlich spielt die letzte Szene mit der Entführung des Unternehmers Lurz an einem Faschingsdienstag.
“Die dritte Generation“ ist ein Stück, das den jungen Darstellern viel abverlangt und viele Chancen bietet und dabei noch mit Spaß unterhält. Wobei Fassbinders Kritik am Umgang des Staates mit der Terrorismus-Bekämpfung bei all dem turbulenten Bühnengeschehen etwas zu stark in den Hintergrund gerät. Zu Recht viel Applaus für das glaubwürdige und leidenschaftliche Spiel der zukünftigen Bühnenstars.

Markus Gründig, Februar 12

Iwanow
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 17. Februar 12 (Premiere)

In der Endphase der Faschingskampagne 2012 setzte das Schauspiel Frankfurt mit der Premiere von Anton Tschechows „Iwanow“ auf ein Kontrastprogramm. Das in nur elf Tagen entstandene vieraktige Stück war zwar ursprünglich als Komödie konzipiert, wurde nach schlechten Kritiken aber zum Drama umgearbeitet. Es ist, wie seine späteren Werke, ein typisches Portrait Tschechows über die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit. Die Handlung spielt in einem in Mittelrussland gelegenen Landkreis im Jahr 1880. Dort lebt der 30-jährige Intellektuelle und pathologische Melancholiker Nikolai Alexejewtisch Iwanow, der bis vor wenigen Jahren noch kraftstrotzend und voll ungestümen Tatendrangs war. Doch nun droht er nicht nur zu verarmen. Zusätzlich ist seine Frau tödlich an Tuberkulose erkrankt und die Liebe zu ihr ist erloschen. So ist es ihm schon zu viel, in einem Raum von rechts nach links zu gehen. Müde sitzt er auf seinem Gut am Ende einer langen Tafel (die im ansonsten leeren Hauptbühnenraum wie auf einem flach liegenden Bilderrahmen steht) und schafft es nicht, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Dabei begreift er eigentlich alle Umstände sehr wohl. Aber seine Depression zehrt an ihm und er ekelt sich vor sich selbst. Er will lieber untergehen, als seinen Allerwertesten auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Isaak Dentler schafft es ihm das tragisch tiefe Profil eines Verlierers zu geben, der nicht nur Anna und Sascha in seinen Bann zieht.


Iwanow

Schauspiel Frankfurt
Iwanow (Isaak Dentler)
© Birgit Hupfeld

Ein Einsamer in illustrer Runde

Eine Zeitlang war es, nicht nur am Schauspiel Frankfurt, üblich, Stücke auf ein pausenloses Spielformat von zwei Stunden zu stutzen. Mittlerweile ist dies erfreulicherweise immer seltener der Fall. Die Regisseure trauen sich wieder verstärkt, eine Pause einzuplanen. Wenn die Inszenierung gut ist, werden die Massen auch nicht zur Pause aus dem Theater gehen. So auch nicht bei „Iwanow“, das mit knapp drei Stunden Spieldauer (inklusive einer Pause) schon seine Länge hat. Etwas langatmig ist in der Inszenierung von Hausregisseur Christoph Mehler nur der erste Akt mit der Einführung in Iwanows Gutsherrenmelancholie. Dann aber geht es von Szene zu Szene spannend weiter, bis hin zum ungewöhnlichen Schluss.
Neben der Figur des Iwanows, der in seiner Passivität selbst noch den Hamlet (mit dem er sich gerne vergleicht) um Längen schlägt, gibt es allerhand schräge und schrille Figuren um ihn herum. Wie die hysterisch kreischende, heiratswillige und rasend durch den Raum eilende Marfa der Sandra Gerling oder dem zwar noch recht mittellosen, dafür aber mit umso mehr Sinn fürs Geschäftsleben ausgestatteten Michail (selbstbewusst, aufgeschlossen und visionär: Sascha Nathan). Die lebensfrohe zweifache Witwe und achtfache Mutter Awdotja (fröhlich singend: Josefin Platt) hätte nichts gegen eine weitere Ehe. Nicht zu vergessen der viel lachende und glücksspielfreudige Dimittrij des Matthias Scheuring.
Komödienreif sind Saschas Eltern. Thomas Huber gibt einen einfachen, aber mit viel praktischem Sinn ausgestatteten Vater (dem man seine Trinkfreudigkeit nicht anmerkt). Heidi Ecks ist die strenge, sich um das Wohl sorgende Frau im Haus. Sie besitzt das meiste Geld und dementsprechend bestimmt sie, wo es langgeht.
Mehler gibt auf der großen, offenen Bühne seinen Darstellern auch ausreichend Raum, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Dies zeigt Lisa Stiegler als jugendliche ungestüme und fröhliche Sascha wunderbar. Tief berührend ist auch Claude De Demos Anna, die über ihre Krankheit hinaus ja noch von ihrem Mann verraten und verlassen wurde. Auf allen Vieren kriecht sie heran, schlägt mit dem Kopf immer wieder auf den Boden, jede Pore ihres Körpers drückt ihr tiefes Leiden aus. Für die alte Generation, die ihr Leben für die anderen geopfert hat und nun mittellos keinen Platz mehr in der Gesellschaft hat und fort will, steht Graf Matwej (enttäuscht, fassungslos und lebensmüde: Ernst Alisch).


Iwanow

Schauspiel Frankfurt
Anna (Claude De Demo), Iwanow (Isaak Dentler)
© Birgit Hupfeld

Das Ende verbindet hier quasi beide Fassungen

Der Zuschauer ist zugleich Gast in beiden Häusern, das von Iwanow und das der Lebedews. Die einzig auf der Bühne stehende lange Tafel ist links fast leer (Iwanow-Seite), rechts dagegen umso üppiger gedeckt (Lebedew-Seite). Dass die Welt aus den Fugen geraten ist, wird nach dem ersten Akt deutlich, denn die innere, an vier Stahlseilen aufgehängte Spielfläche, ist nun erst nach vorne gekippt, nach der Pause dann nach hinten (Bühne: Nehle Balkhausen). Im kürzeren Teil nach der Pause geht es dann recht schnell zur Sache. Chefankläger Lwow (schneidig und unerbittlich: Martin Rentzsch) ist fest davon überzeugt, dass Iwanow ein ausgesprochener Heiratsschwindler ist, der die gute Seele von Anna leichtfertig fallengelassen hat, nachdem sie von ihren Eltern enterbt worden war. Wobei dieser Punkt im Stück stets offen bleibt, es keine Beweise dafür gibt. Aber so wie unerschütterlich gewisse Kräfte jetzt an Christian Wulffs Stuhl gesägt haben, so beißt sich Lwow fest. Der Teil nach der Pause ist kürzer. Es geht dann alles recht schnell. Anna ist inzwischen gestorben und Iwanow wird von Saschas Vater zur Heirat genötigt. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten platzt bei ihm ein innerer Knoten. Die Feier hat eine kathartische Wirkung auf ihn: Alle Sorgen sind nun wie weggeblasen. Doch dann kommt Lwow. Er fackelt nicht lange rum und schießt den frisch gebackenen Ehemann kurzerhand ab. Zuviel Glück darf es nicht geben, nicht für so einen Hund wie Iwanow. Christoph Mehler weicht hier von der Tragödienfassung Tschechows ab, bei der sich Iwanow selbst erschießt.

Die heilende Kraft der Musik

Zugrunde liegt die deutsche Fassung von Elisabeth Plessen (nach einer Übersetzung von Ulrike Zemme). Die Sprache ist unauffällig zeitgemäß, sehr lebendig. So kommt das Stück als sehr gegenwärtig herüber. Schließlich gibt es auch bei uns im hier und heute erschreckend viele junge männliche Selbstmörder und wird das Thema Depression gerne tabuisiert. Die heilende Kraft von Musik wird auch in dieser Inszenierung deutlich. Denn ein Musiker (Oliver Urbanski) ist fast die ganze Zeit auf der Bühne. Erst im Hintergrund dezent am Klavier, später mit fröhlichen Tönen vom Akkordeon als Begleiter der alten Awdotja und als Hochzeitsmusiker im Nebenraum. Zum Teil kommt die Musik auch vom Band, wie bei Iwanows Kapitulation über seine Krankheit. Erst sitzt er frontal vor dem Publikum auf einem Stuhl, um dann in der Musik einen tranceähnlichen Zufluchtsort zu finden.
Das pralle Leben mit seinen Höhepunkten und Niederlagen, wird hier vorgeführt. Durch die Genesung Iwanows hätte es fast ein Happy End gegeben, wäre da nicht die vernichtende Realität in Form des Doktors. Viel Applaus von einem Publikum, das in Teilen vom sonst üblichen Premierenpublikum abwich. Auffallend viele Damen im chicen Kostüm und Herren im edlen Anzug fehlten. Vielleicht hatten sie ja eine Depression und konnten nicht kommen. Gelohnt hätte es sich für sie schon.

Markus Gründig, Februar 12

Frau Sperlings Raritätenladen
Volkstheater Frankfurt Liesel Christ
Besuchte Vorstellung: 11. Februar 12 (Premiere)

Mit einer wunderbaren Inszenierung von „Frau Sperlings Raritätenladen“ zeigt das Frankfurter Volkstheater, dass es auch im Jahr 2012 sein Publikum erreicht und neues hinzugewinnen kann. Dabei gibt es rund um diese Neuproduktion im von Gisela Dahlem-Christ geführten Haus weitere Optimierungen. Für die Pressearbeit ist jetzt der Journalist, Autor, Betreiber der artig galerie und dialog GmbH, Heinz-Frank zu Franken zuständig. In seinem und Sabine Börchers Verantwortungsbereich liegen auch die Programmhefte, die sich nicht nur optisch sehr hochwertig geben, sondern auch wesentlich ausführlichere Informationen zu den Stücken liefern (und nebenbei schöne Möglichkeiten für Anzeigenkunden, Kulturengagement mit Werbung zu verbinden).


Frau Sperlings Raritätenladen
Volkstheater Frankfurt Liesel Christ
Klara Sperling (Erika Strotzki)
© StU GRA PHO

Für Erwin Krekers dreiaktiges Lustspiel „Frau Sperlings Raritätenladen“ verpflichtete das Frankfurter Volkstheater die Schauspielerin, Regisseurin und Wahlberlinerin Peggy Lukac, die sich mit großem Eifer in Frankfurter Verhältnisse eingearbeitet hat. In der hessischen Bearbeitung von Natascha Retschy kommt Erwin Krekers Stück wie ein Frankfurter Original daher. Im Mittelpunkt steht die patente Powerfrau Klara Sperling (unerschütterlich: Erika Skrotzki), die durch keine noch so große Katastrophe aus der Fassung zu bringen ist und stets eine Lösung parat hat. Im Haus der Familie Sperling, die einen einfachen Raritätenladen in Dribbdebach führt, herrscht Emanzipation. Mama schmeißt den Laden, Papa Alex (Heinz Harth) hat die Küchenschürze umgebunden und sorgt sich um den Haushalt. Wie er auch sonst manch traditionell weibliche Eigenschaften zeigt: das sich Sorgen und Gedanken machen, kein Risiko eingehen wollen und ja den Hausfrieden wahren wollen. Mama Klara ist da ungestümer, der Zweck heiligt die Mittel ist ihr Motto. So wird beispielsweise ein historisch anmutendes Bett flugs Madame de Pompadour zugeschrieben, das Kundin Elvira Dorsch (lustvoll quiekend: Verena Wüstkamp) gut als Liebesnest gebrauchen kann. In ihrem sexy Korsett (Kostüme: Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde) zeigt sie ihre gute Figur. Tochter Anna (überlegt: Iris R. Hassenzahl) schlägt nach der Mutter, ihr Herz aber einzig für Paul (charmant und mit jugendlichem Elan: Tino Leo): Er ist der Sohn des ehrwürdigen Antiquitätenhändlers aus Hippdebach: von Schönebaum (aristokratisch: Helmut Potthoff). In kleinen Rollen noch dabei: Thomas Hessdörfer als Professor Dr. Weilersheimer und als Kameramann, Steffen Wilhelm als Rechtsanwalt Dr. Langner und als für den Ton zuständigen TV-Mitarbeiter.


Frau Sperlings Raritätenladen
Volkstheater Frankfurt Liesel Christ
Klara Sperling (Erika Strotzki), Elvira Dorsch (Verena Wüstkamp)
© StU GRA PHO

Die Handlung spielt zwar im mit allerhand kuriosen Antiquitäten voll gestopften Verkaufsraum der Sperlings (Bühne: Rainer Schöne) und es gibt reichlich Musik von Bill Ramsey und Elvis, allerdings im hier und heute. So gibt es Bezüge zu griechischen Staatsanleihen, Laptops und Handys. Im dritten Akt nach der Pause lösen sich alle Verwicklungen und Probleme mit manch unerwarteter Wendung auf. Viel Applaus für ein turbulentes Spiel, vor allem für Erika Skrotzki als unermüdliche Überlebenskämpferin Klara Sperling.

Markus Gründig, Februar 12

Die Unerhörten
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 10. Februar 12 (Premiere)

Natürlich muss alles billig sein, auch wenn in Deutschland “Geiz ist geil“ nicht mehr gilt. Die Deutschen kaufen gern und viel, am liebsten günstig und bei Discountern. Dort gibt es inzwischen zwar auch vereinzelt Produkte aus dem Bereich Fairen Handel, doch meistens geht es um günstige Produkte, wie beispielsweise Fleisch oder auch Bekleidung. Dabei ist es gerade die industrielle Fleischproduktion, die Auswirkung bis hin zu den Schwellenländern hat. Denn um den hohen Fleischbedarf der Industrieländer bedienen zu können, werden viele Ressourcen benötigt (wobei beispielsweise ein Großteil der Weltgetreideproduktion allein für die Viehfütterung verwendet wird). Und für günstige Kleidung bei uns führen Menschen in fernen Ländern wie Bangladesh ein Leben unter dem Existenzminimum. Keiner fühlt sich schuldig und doch hat das Weltwirtschaftssystem mehr als einen Haken.


Die Unerhörten
Staatstheater Mainz
Schlussapplaus der Premiere (Mitte: Matthias Fontheim Marc Thurow)
© Markus Gründig

Der amerikanische Autor und Pulitzer-Preisträger Bruce Norris hält seinem Publikum gerne einen Spiegel vor und entlarvt so manch Zivilisationskrücke. So auch in „Die Unerhörten“, bei dem sich westliche Entwicklungshilfebestrebungen als sehr eigennützige bzw. egoistische Maßnahmen herausstellen. In Mainz ist Bruce Norris längst kein Unbekannter mehr. Michael Fontheim, Intendant am Staatstheater Mainz, brachte mit „Reiz und Schmerz“ (2008) und „Clybourne Park (2010) bereits zwei seiner Stücke auf die Bühne, beides als deutschsprachige Erstaufführungen. Auch die Komödie „Die Unerhörten“ erfolgt jetzt als deutschsprachige Erstaufführung. Wobei es sich nicht um ein neues Stück des amerikanischen Autors Bruce Norris handelt. Die Uraufführung fand 2006 in Chicago statt. Aktuell sind die behandelten Themen dennoch. Der Spagat zwischen einem nicht näher genannten Land am afrikanischen Äquator und zu uns heute ist dabei gut gelungen, auch wenn die Lebenssituation der Menschen in Afrika nur sehr grob gestreift wird. Die nur an einem Tag (und dessen Nacht) spielende Handlung findet ausschließlich in einem der vier Schlafzimmer in der Villa eines amerikanischen Industriellen statt (der sich seinen Reichtum durch die Ausnutzung billiger Arbeitskräfte, die er zu schlechten Arbeitsbedingungen schuften lässt, verschafft hat). Marc Thurow (Bühne und Kostüme) hat einen mit reichlich afrikanischen Einrichtungsgegenständen ausgestatteten Raum geschaffen, mit viel dunklem Holz und einer Glastür zum Garten, in dem eine Palme und auch starker Regen zu sehen sind. In diesem Zimmer ist ein anderes amerikanisches Paar zu Gast, zwangsweise, ihr Haus (eine Missionsstation) wurde Opfer eines Brandanschlags.
In weiten Teilen überwiegt ein bissiger, komödienhafter Stil, etwa wenn zu später Stunde die Paare ihre Gehässigkeiten austauschen. Doch Bruce Norris will stets mehr als nur unterhalten. Er will eine Message vermitteln. Hier macht er dies sogar ganz offensichtlich. Das Publikum wird im Foyer durch Klänge von Baloji (einem in Belgien aufgewachsenen, aber im Kongo geborenen Musiker) bereits auf den afrikanischen Kontinent eingestimmt. Im Saal begrüßt ein vorlauter jugendlicher Darsteller (Jonathan Kwesi Aikins) das Publikum: „Leute, geht nach Hause, schaut TV, das ist spannender und ihr habt mehr davon…“. Was sich zum Schluss dann ähnlich wiederholt. Dazwischen gibt es aber unbeschwerte Unterhaltung mit Tiefgang. Denn unter dem Deckmantel vermeintlicher Nächstenliebe und guter Taten lauern Angst, Eigensinn und Gier. Matthias Fontheim lässt es harmlos mit gepflegter Gesellschaftskonversation beginnen und gibt im ersten Teil den Protagonisten Gelegenheit, sich und ihre kleinen und größeren Macken darzustellen. Da ist das Geburtstagskind und Gastgeber Don (tiefenentspannt: Marcus Mislin), der zunächst die Etikette wahrt, doch später gehen ihm die Ereignisse dann doch stark zu Herzen. Seine Frau Nancy (charmant: Andrea Quirbach) ist eine wahre Quasselstrippe und kann auf ein intensives Liebesleben zurückblicken. Jane, die Verlobte des Missionars (das Paar ist erst zwei Monate zusammen), hat mit einem schweren, „hypothetischen“ Frauenleiden zu kämpfen. Die ehemalige US-Schauspielerin hat ihre Karriere aufgegeben, um sich um die Kinder in der 3. Welt zu kümmern, doch so ganz eingliedern will sie sich dann doch nicht, schon gar nicht in einen Schuppen ziehen, wo es im Haus von Don und Nancy doch so viel komfortabler ist. Jele Brückner gibt sie vielschichtig, kämpferisch, dabei reichlich Schimpfwörter gebrauchend. Ihre vermeintlichen Schmerzen weiß der bei Don angestellte Doktor und Paradiesvogel (im weißen Anzug, blauen Schuhen, grünem Brillengestell und Rastalocken gerne einen Joint rauchend, Jean Claude Mawila) zu lindern: mit in Wasser aufgelöstem Puderzucker… Tilman Rose kommt als Missionar Dave auf der Bühne kerniger rüber, als er auf den Probefotos im Programmheft wirkt: als beflissener Kämpfer für das Wort Gottes (für das es im Gegenzug für die Einheimischen Cornflakes, Unterricht und mehr gibt). Als Vertreterin des korrupten politischen Systems (das auch Homophobie, Genitalverstümmelungen, Kinderprostitution etc. nicht nachhaltig bekämpft) fungiert Tante Mimi, die auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist. Lara-Sophie Milagro zeigt in ihrem Kampf in der Demokratie, die ja so schrecklich langatmig ist, Härte und Strenge. In ihrer langen bunten Bluse über dunkler Hose kommt sie dennoch sympathisch rüber. Die beiden Soldaten (Leander Graf und Felix Frenken) haben sichtbar Spaß, an dem was sie tun, wobei das nicht immer nur Gutes ist. Die Darsteller der afrikanischen Personen wurden für diese Produktion eigens vom Berliner Theater-Ensemble Label Noir engagiert (dessen künstlerische Leiterin Lara-Sophie Milagro ist).
Mit der Äußerung eines der beiden Soldaten „Wir haben ein Problem“ endet der erste Teil. Wie sich herausstellt, ist der Missionar Dave verschwunden und dies führt im dichteren, zweiten Teil zu großen Konflikten. Aber wie es sich für eine Komödie gehört, lösen sich diese zum Ende hin auf. „Leute, das war’s“, geht nach Hause…“ spricht Jonathan Kwesi Aikins, der sich inzwischen von seinen Misshandlungen durch die Soldaten erholt hat, erneut vom Saal aus zum Publikum. Das ist aber doch froh, geblieben zu sein und spendet freundlichen Applaus.

Markus Gründig, Februar 12

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Theaterperipherie Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 27. Januar 12

Mit dem im Jahr 1813 im hessischen Goddelau (bei Darmstadt) geborenen Georg Büchner beschäftigte sich theaterperipherie bereits bei seinem letzten Stück („Woyzeck und Marie“). Für „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ dienten Büchners agitatorische Flugschrift „Der hessische Landbote“ und sein Drama „Dantons Tod“ als Grundlage. Der Fokus liegt also auf den politischen und sozialen Verhältnissen, denn der vor 175 Jahren jung gestorbene Naturwissenschaftler Büchner setzte sich bei diesen Werken auch intensiv mit der Französischen Revolution und den sozialen Missständen im Deutschland seiner Zeit (19. Jahrhundert) auseinander. Dabei ist man geneigt, auch an Shakespeares Hamletspruch zu denken: „Etwas ist faul im Staate Dänemark“. Denn Büchner konstatierte ein dramatisches Ungleichgewicht zwischen den armen und hart arbeitenden Bauern und den „Melkern und Schindern“ (die Großherzogliche Regierung und ihren Beamten).


Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Theaterperipherie Frankfurt
Adil Khadri
Foto: Theaterperipherie Frankfurt

Für theaterperipherie ist es Programm, junge Laiendarsteller mit Migrationshintergrund als Darsteller zu verpflichten, so auch bei diesem Stück. Der Abend im Bockenheimer Titania-Theater beginnt ungewöhnlich. Das Publikum wird in kleinen Gruppen (à 15 Personen) von einem „Reiseführer“ zunächst in einem Vorraum herzlich willkommen geheißen. Dieser gibt dann eine kurze Einführung über sein (Heimat-) Land. Anschließend nimmt das Publikum im Saal platz. Aber nicht auf den Stuhlreihen, sondern auf einer Tribüne gegenüber. So schaut das Publikum auf die Stuhlreihen, in denen verteilt sieben Darsteller sitzen. Sie tragen alle Kapuzensweatshirts in unterschiedlichen Farben, dazu schwarze Zunfthosen (ohne Schlag) und schwarze Schuhe mit einer weißen Banderole (Ausstattung: Jana Lünsmann-Messerschmidt/ Verena Polkowski). Auf ihrem Schoss befindet sich jeweils ein Laptop. Sie sind gewissermaßen alle gleich, trotz unterschiedlicher Färbung. Und wie soziale Netzwerke im arabischen Frühling Machthaber gestürzt haben, wollen auch sie eine Veränderung. Ihre Probleme, ihre Nöte, kommen sie nun aus Bulgarien, Iran, Irak, Libanon, Marokko oder der Türkei, sind letztlich ähnlich. Wie choreographiert sprechen sie wechselnd einzeln und gemeinsam „Den hessischen Landboten“. Gesprochenes wird zum besseren Verständnis zusätzlich in Laufschrift auf der Rückwand projiziert. Der Kampfaufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ ertönt dabei u.a. auf bulgarisch, arabisch, kurdisch und türkisch. Abschnitt für Abschnitt nähern sie sich Reihe um Reihe dem Publikum. Bis sie diesem ganz nah gegenüberstehen. Der gut gemachte Rap „Steht auf“ ist wörtlich zu nehmen. Denn nun geht es zurück zum jeweiligen „Reiseführer“, der per Videoliveschaltung auf seinem Laptop mit einer Person aus seinem Heimatland verbunden ist. Gelegenheit mehr zu erfahren und Fragen zu stellen, beispielsweise über die Situation von Frauen im Iran oder über die Demütigungen von Kurden in der Türkei (galante Umschreibung für einen Bestechungszwang an der Grenze: „Ihrem Paß fehlt eine Seite!“, d.h.: ein Geldschein!). Ein pragmatischer interkultureller Austausch par Excellence. Nach ca. 20 Minuten folgt der letzte Teil, die Stühle sind nun zur Bühne gerichtet, auf der Tribüne lehnen die Sitzkissen und zeigen das Konterfei der Protagonisten. Die stürmen alsbald wild los, denn nun ist man bei Danton und Robespierre angekommen, in der Spätphase der Französischen Revolution, im Paris des Jahres 1794. Wobei aus den 32 Szenen nur eine Quintessenz gegeben wird. Regisseur und Theaterleiter Alexander Brill gibt den Danton, der müde und lustlos herumlungert, obwohl seine Lage ein aktives Vorgehen erfordert. Damit hält er gleichermaßen uns heute einen Spiegel vor, die satt und träge die mitunter katastrophalen Geschehnisse und Verhältnisse auf der Welt und in unserer unmittelbaren Umgebung nichtstuend hinnehmen. Und auch die Figur des tatgehemmten Hamlet spiegelt sich in Danton. Am Ende viel Applaus für das spielfreudige Ensemble (das zum Teil richtig viel Textmenge bewältigen musste) und Begeisterung für den aktuellen Bezug zu Büchner.

Markus Gründig, Januar 12

Liebesspiel
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 20. Januar 12 (Premiere)

Im weißen Umhang sitzt ein Kind auf einer Couch, die zur Hälfte vom samtroten Bühnenvorhang verdeckt ist. Wie es Kinder gerne machen, steht es auf und gibt Schreie von sich, so als wolle es die nicht anwesenden Eltern aufschrecken. Es zieht dann den Vorhang auf und begibt sich in sein kuscheliges Zimmer (hier ein Baumhaus mit vielen Lichtern und vielen Zetteln an den Wänden). Die Eltern stehen verteilt unten, auf einer kahlen Holzbretterbühne, neben der Couch steht lediglich eine Stehlampe in einer Ecke. Dazu gibt es fünf große Löcher im Boden, aus denen Auf- und Abtritte erfolgen. Bühnenbildner David Gonter hat für die deutschsprachige Erstaufführung von Lars Noréns „Liebesspiel“ einen abstrakten Raum gewählt. Wo das Kind noch einen Ort der Zuflucht hat, haben die Erwachsenen diesen nicht. Orientierungslos irren sie mit ihren Träumen und Sehnsüchten durch das Leben.


Liebesspiel
Schauspiel Frankfurt
B”, Constanze Becker
© Birgit Hupfeld

Sie tragen keine Namen, nur alphabetische Bezeichnungen und stehen so als Synonym für eine Gesellschaft, die mehr in ihren Träumen lebt, als fest verankert mitten im Leben zu stehen. Einzig „A“ hat einen Sinn fürs Praktische, will seine Wäsche selber waschen und ist bemüht, seinen Traum von einem Haus zu verwirklichen. Sein einziges Manko scheint seine Neigung zu einem gewissen Jähzorn zu sein. Till Weinheimer gibt ihm ein sympathisches Profil. Seine Frau „B“ wirkt in ihrem rötlichen Kleid sehr sinnlich. Sie ist von allem schlichtweg überfordert. Auf nahezu jede Frage antwortet sie „Ich weiß nicht“. Constanze Becker vermittelt ein eindringliches Bild einer Frau, die in sich gefangen ist, alles richtig machen will und doch alles irgendwie vermasselt. Fast schon grotesk wirkt ihre Bereitschaft für eine Liebesnacht mit „A“, nur um ihm einen Gefallen zu tun (nach dem Motto „du willst doch“). Bezeichnenderweise hilft dem Paar „A“ und „B“ auch nicht, dass sie ein Kind haben. Sie machen sich zwar Gedanken um ihren Jungen, sorgen sich, wie sie ihm die Nachricht über ihre Trennung beibringen können. Doch das Kind an sich hilft ihnen bei ihren Problemen miteinander nicht. So bleibt es alleingelassen in seiner Bude, ohne Berührungen und Nähe zu den Eltern.
„C“ und „D“ hätten gerne ein Kind, also eigentlich nur „D“. Wenn es aber dann sein soll, macht sich „C“ Gedanken über all die Adoptivkinder, die wegen ihres Alters, Aussehens oder ihrer Krankheit auf der Strecke bleiben. Andreas Uhse gibt den Lehrer „C“ mit markanter Härte. Birte Leest ist „D“, die es immerhin schafft, ihre Kinderlosigkeit zu akzeptieren und einen neuen Partner findet („F“, auch Till Weinheimer).
In 23 kurzen Szenen behandelt Norén die Beziehungen dieser Paare, die auch noch untereinander eine Beziehung aufbauen („B“ mit „C“). In der Darstellung dieser zwei gescheiterten Beziehungen folgt Norén der Tradition seiner schwedischen Kollegen Strindberg und Bergmann. Trotz manch humorvoll wirkender Sätze hat das Stück ein langsames Tempo und eine gewisse trübsinnige Stimmung. Es gibt viele Zeitsprünge, wodurch die Geschichte an Fahrt und Tiefe gewinnt. Regisseur Alexander Frank vermittelt diese Momentaufnahmen über Kinder- und Liebeswahn in kurzweiligen 90 Minuten. Viel Applaus.

Markus Gründig, Januar 12

Red Light Red Heat
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 17. Januar 12

Eines der nachhaltig in Erinnerung gebliebenen Stücke der Intendanz von Dr. Elisabeth Schweeger am Schauspiel Frankfurt ist Wanda Golonkas „For Sale“, das im Oktober 2005 Premiere hatte. Bei dieser „Vor-/Ausstellung“ wurde in kleinen Zuschauergruppen das Schauspiel Frankfurt erkundet. Mit Einblicken in abseits gelegenen Treppenhäusern, den Schnürboden (unter dem Dach) bis hin zu den katakombenähnlichen Gängen im Keller. Dabei ging es für die Zuschauer u.a. auch durch einen mit rohem Fleisch und grünem Gras ausgestatteten Flur, konnten Darsteller in Vitrinen stehen oder fast nackt in Ecken sitzend entdeckt, oder aber auch ganz gemütlich ein Glas Rotwein in einer kuscheligen Rauminstallation goutiert werden. Gegenstand war die körperliche Umsetzung von gesellschaftlichen Fragen. Die als „Überbelichtungsmenagerie“ untertitelte Schauspiel Frankfurt Box-Tour ins Frankfurter Bahnhofsviertel von Pedro Martins Beja (Regie) und Paul Wiersbinski (Text und Video) führt Golonkas „For Sale“ gewissermaßen fort. Denn auch bei dieser Tour geht es um die Erkundung von Unbekanntem, um Essentielles und Existentielles. Jetzt, im Jahre 2032, haben herzlose Cybermenschen die Herrschaft übernommen. Echte Gefühle und biologische Fortpflanzung gibt es nicht mehr. Nur noch wenige Digitalverweigerer leben. Sie haben ihre Zelte vis à vis der Städtischen Bühnen Frankfurt stehen, in einem als Occupy bezeichneten Dorf.


Red Light Red Heat
Schauspiel Frankfurt
Sébastien Jacobi, Henriette Blumenau
© Birgit Hupfeld

Ausgestattet mit MP3-Player, Kopfhörern und einem Stadtplanauszug (mit eingezeichneten Routen) begeben sich die Zuschauer in Zweiergruppen erst über das Occupy-Zeltlager und dann in das unmittelbar an die Gallusanlage angrenzende Bahnhofsviertel, Frankfurts urbansten Stadtteil. Noch immer gibt es hier viele Bordelle, Nachtclubs, Sex-Shops und Druckräume (vor denen die Junkies herumlungern). Aber es gibt auch eine Unmenge an Cafés und Restaurants, an Boutiquen, Geschäften und Hotels. Die von der Stadt Frankfurt seit fünf Jahren jeweils im August organisierte Bahnhofsviertelnacht bietet eine hervorragende Gelegenheit, das Revier zu erkunden. Beim entspannten Gang während der „Red Light Red Heat“ Veranstaltung, kann zumindest ein erster optischer Eindruck gewonnen werden. Alle Routen enden vor dem legendären Nachtklub Pik Dame. Als Geheimtipp für Kabarett, klasse Livemusik und Soul in der von Gabriel Groh und Thorben Leo initiierten Reihe Pik-Sonntag ist er außerhalb der Szene schon lange bekannt.
Hier stehen schon die ersten Roboterautomaten und es gibt, bevor es in den Club geht, eine russische Begrüßung (von der in schwarzen Highheelstiefeln bestückten strahlenden Bambi Lovedoll). Innen übernimmt dann der temporäre Hausherr Sébastien Jacobi (im weißen Kunstfellmantel und spitzen weißen Schuhen ganz auf Lude gemacht) die Führung und begrüßt seine Gäste charmant und eloquent. Dies ist die Gelegenheit sich einen Drink zu kaufen (z.B. ein Glas Rotwein für Euro 6,00) und Platz auf einen der gemütlichen Stuhlsessel (oder im Separée) zu nehmen. Oder auch das Etablissement zu erkunden, denn ab jetzt ist die vierte Wand aufgehoben. Damit geht man hier noch einen Schritt weiter als in Bernhard Mikeskas und Lothar Kittsteins Projekt „Je t'aime :: Je t'aime“, das im September letzten Jahres im Bockenheimer Depot gezeigt wurde. Zuschauer werden, so sie wollen, zu Akteuren, auf der Bühne gibt es Showeinlagen (von einer Tänzerin, aber auch Sébastien Jacobi beweist Talent an der Pool-Stange und scheut sich kaum, die Hüllen fallen zu lassen). Wie das ganze Ensemble und die „Bio-Menschen“ alle gut drauf sind, um Gefühle und Sehnsüchte zu erspüren (den Androiden "ACAB Taten" zum vollkommenen Moment zu verhelfen). Im Keller wütet hinter einem Vorhang ein Mann, eine Domina (mit reizend betörendem Blick: Lorena) zieht ihren Sklaven auf vier Beinen an der Leine hinter sich her und züchtigt ihn mit ihrer Peitsche. Ein Roboter mit Bewegungen ganz wie C-3PO (Henriette Blumenau, mit verengten Pupillen und leuchtenden Fingerköpfen und Rückenpanzer; Kostüme: David Gonter) sucht Kontakt. Ein Mann (Benedikt Greiner) sträubt sich vehement dagegen, dass in die in uns geschaffenen Löcher keine glänzenden und funkelnden Bioports eingeführt werden. Clubsounds untermalen die mitunter bizarr anmutende Atmosphäre, wobei das ganze umso spannender ist, je mehr „Bio.Menschen“ sich aktiv beteiligen. So wird jeder Abend unterschiedlich verlaufen.
Am Ende war das Publikum eingeladen, einem „halbtrunkenen“ Mann noch kurz auf seine Bahnhofsvierteltour zu folgen. Dies war Regisseur Pedro Martins Beja höchst persönlich. Schamgrenzenfrei sprach er bei dieser Führung Passanten wie Türsteher an und bewies seine Qualität als charismatischer Verführer. Finale Station war bei der besuchten Vorstellung eine einfache Pizzeria. Nach einem weiteren (Überraschungs-)Trunk wurde sich glücklich umarmt und Beja tanzte gar mit einer Besucherin auf einem der wackeligen Stehtische. Hurra, unsere analogen Bedürfnisse sind doch gar nicht so schlecht!

Markus Gründig, Januar 12

P.S. Ein Besuch im bunten Milieu der Kontraste ist auch ohne Theatervorstellung jederzeit möglich (zum Essen gehen oder günstig ausländische Lebensmittel zu kaufen ist das Bahnhofsviertel ohnehin wärmstens zu empfehlen).

Der Kaufmann von Venedig
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 14. Januar 12 (Premiere)

William Shakespeares 1596/97 entstandene fünfaktige Komödie „Der Kaufmann von Venedig“ gehört zu dessen mittlerer Schaffensperiode, in der auch Komödien wie „Ein Sommernachtstraum“, „Die lustigen Weiber von Windsor“ und „Wie es euch gefällt“ entstanden sind. Der jetzt am Frankfurter Schauspiel gezeigten Fassung von Barrie Kosky (auch Regie) und Susanna Goldberg ist jedoch der komödiantische Teil weitestgehend entzogen worden (wie auch einzelne Rollen und Szenen). Sie konzentriert sich ganz auf den alten christlich-jüdischen Konflikt, der breit, intensiv und plakativ dargestellt wird. Da helfen selbst die Auflockerungen durch den revuehaften Auftritt von Barbara Spitz als Chansonsängerin Sophie (Zusatz im Programmheft: „geboren in Vitebsk, lebt in Brooklyn“) und die Jazzkombo Contrast Quartett (als dessen Solistin sie das Trio Yuriy Sych am Piano, Tim Roth am Bass und Martin Standtke an den Drums zum Quartett vervollständigt) wenig. Zumindest  lockern sie die Atmosphäre temporär auf (wie mit Friedrich Holländers satirischem Chanson „An allem sind die Juden schuld“ zu der Melodie von Bizets „Haberna“-Arie aus „Carmen“). Aber es schadet ja auch nicht, einmal etwas nachdenklich aus dem Theater zu gehen und nicht immer beschwingt. Und es ist schön, wenn, wie hier, Theater auch heute noch betroffen macht und berührt, sei es auch etwas zu sehr mit der Holzhammermethode.
Regisseur Barrie Kosky ist längst kein Unbekannter mehr. Der 1967 im australischen Melbourne Geborene inszenierte in der Saison 2010/11 Purcells „Dido und Aeneas“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ an der Oper Frankfurt. In der kommenden Saison wird Kosky den nach Zürich wechselnden Andreas Homoki als Intendant der Komischen Oper Berlin ablösen. So war das Interesse bei der Premiere ganz besonders groß und überregional. Auch der Hessische Rundfunk war mit einem Kamerateam für die Hessenschau anwesend, 3sat für seine wochentägliche „kulturzeit“-Sendung.


Der Kaufmann von Venedig
Schauspiel Frankfurt
Shylock (Wolfgang Michael), Antonio (Michael Goldberg)
© Birgit Hupfeld

Gezeigt wird großes, streitbares Theater auf einer letztlich kammerspielartigen Bühne. Klaus Grünberg schuf nicht wirklich einen sakralen Raum, dennoch wirkt das voluminöse halbe Oval an bis in die Zuschauerreihen reichenden dunkelbraunen Wänden wie ein Kirchenschiff (selbst drei kleine Emporen gibt es). Vor diesem Halboval befindet sich eine runde (Welten-) Scheibe mit ca. sieben Meter Durchmesser. Mehr an Bühne gibt es nicht. Die Darsteller kommen über Treppen aus dem Untergrund oder turnen über die Emporen herab. In ihren modernen schwarzen Anzügen und Kleidchen (Kostüme: Klaus Bruns) wirken sie sehr zeitgemäß. Wobei von ein paar wenigen Bezügen zu Frankfurt sich anbietende aktuelle Themen (wie Staatsverschuldungen, Finanzkonstrukte etc.) vermieden werden.
Dafür gibt es einen halbstündigen (!) Monolog des Reformators Martin Luther (der 18 Jahre vor Shakespeares Geburt gestorben war), in dem dieser seine ursprüngliche Juden freundliche Gesinnung gegen eine krasse antisemitische geändert hat. Peter Schröder trägt den Text sitzend, die Hände im Schoß gefaltet, eindringlich vor (in einem Talar, aber ohne Beffchen). Über ihm hängt eine goldene Glocke, mit deren Läuten er seinen Monolog beginnt und beendet. Eindringlich auch das darauf folgende Bild, wenn eine große („Juden“-) Sau an einem Seil hängend herabgelassen wird, aus derem Anus sodann noch Christoph Pütthoff Sätze aus Richard Wagners „Rheingold“ auf jiddisch spricht (Textauszüge aus weiteren Opern Wagners hat Michael Felsenbaum eigens für das Schauspiel Frankfurt ins Jiddische übersetzt). Ein eindringliches, erschütterndes und gleichzeitig aberwitziges Bild. Eine rituelle Beschneidung eines Erwachsenen steht gar zu Beginn der Aufführung. Michael Benthin als Shylocks Freund Tubal führt sie aus und spricht nebenbei Franz Kafkas Türhüterparabel („Vor dem Gesetz“). Plakativ wird das abgeschnittene Stück Vorhaut dann eingetütet und das Beutelchen an einer Wand befestigt. Am Ende dient die Vorhaut dem gescheiterten Shylock zum erzwungenen Übertritt zum Christentum. Das Schlussbild zeigt ihn blutend, wie er sich dies Stück an sein Glied annäht. 
Kosky konzentriert sich ganz auf die beiden tragischen Figuren des Stücks, auf den Geldverleiher Shylock und den Kaufmann Antonio, der aufgrund seiner Liebe zu Bassanio auch ein Außenseiter ist. Wobei der Abend zweifelsohne der Abend des brillanten Wolfgang Michael ist. Was für ein Charakterdarsteller! Famos wie er den durch seine christliche Umwelt verursachten Wandel vom eigentlich ganz freundlichen, selbstgefälligen und viel lachenden Juden zum von Gram und Hass erfüllten unerbitterlichen Kämpfer um sein Recht vollzieht. Michael Goldberg ist der verliebte Antonio, der sich glücklich in den Schoss seines Freundes Bassanio (offenherzig: Christoph Pütthoff) kuschelt. Henrike Johanna Jörissen gibt eine sensible Jessica, Viktor Tremmel deren energiegeladenen Liebhaber Lorenzo. Nils Kahnwald tänzelt als Lanzelot durch das Geschehen.
Das Ende folgt nicht Shakespeare, es gibt kein wirkliches Happy End, auch wenn die Rechtsprechung am Ende das Leben Antonios gerettet hat. Verloren haben hier alle etwas, sei es Freundschaft, Familie oder Vermögen. Und alle sitzen im gleichen Boot.
Viel Applaus für die Darsteller und nicht unerwartet, einzelne Buhrufe für das Regieteam.

Markus Gründig, Januar 12

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