kulturfreak

Besprechungen: Theater (17)

Ganze Kerle
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 6. Juli 11 (Premiere)

„„Ganze Kerle“ kenne ich. Das ist doch das Stück, wo sie sich am Ende ausziehen!“ „Nein, das gibt es bei ‚Ganz oder gar nicht’.“
„Ganze Kerle“ klingt ähnlich, ist ähnlich und doch anders. Auch hier wird auf eine große Show hingearbeitet, um zu Geld zu kommen, doch ziehen sich hier die Männer nicht aus, sondern um. Und tauschen dabei noch nebenbei das Geschlecht. Denn sie präsentieren sich am Ende in Röcken und auf High-Heels, als funkelnde Damen des Showbiz. Grund ihres Tuns ist, dass die kleine Tochter vom Chef am Herzen operiert werden muss, das kann nur ein teurer Spezialist in der Schweiz. Nichts geht über Kollegenkameradschaft und da der Verdienst der Männer, allesamt einfache Mitarbeiter des imaginären Logistikunternehmens ITS im amerikanischen Halifax, keine großen Spenden erlaubt, soll mit einer Travestieshow das nötige Geld gesammelt werden. Bis es aber zum großen Finale kommt, haben die Männer allerhand Hürden zu überwinden. Und die meisten erst einmal bei sich selbst, gilt es doch Vorurteile über die Kunst des Verkleidens abzubauen und Hemmungen zu überwinden. Der Reiz des Stücks liegt natürlich darin, dass die Charaktere Durchschnittsbürger ohne schwule Attitüden sind. Und Regisseur Christian H. Voss zeigt mit einem guten Gespür für komische Momente die Lust und Last der Herren an der Verwandlung, so dass die Frauen im Publikum nur so vor Begeisterung klatschen und kreischen (während es die Männer gelassen bei einem Schmunzeln belassen).


Ganze Kerle
Burgfestspiele Bad Vilbel
Paul (Christian Hilger), Frank (Sebastian Gerasch), Sam (Jens Wachholz), Manuel (Martin Brücker), George (Voker Niederfahrenhorst)
© EugenSommer

Ort des Geschehens ist die Lagerhalle der Firma ITS, mit Industriecharakter, Backsteinwänden, Tisch mit Stühlen, Spinden und Pin-up Kalender (wo sich bis zur Pause eine attraktive Blondine räkelt, nach der Pause ist es dann eine männliche Sahneschnitte). Eine rückseitige Tür eines Citroen Jumper verleiht der Bühne zusätzlich Tiefe, auf die schon vor Beginn durch eine Luke Versandkartons fliegen (Ausstattung: Oliver Lühr).
Manuel (eloquent: Martin Brücker) ist der jüngste der Truppe, der mit einer coolen Umhängetasche herumläuft, Veganer ist und auch noch die längsten und schönsten Beine hat (das nützt dem Metrosexuellen natürlich auch als GoGo-Tänzer in seinem Nebenjob). Der herzensgute, buddhistische George (anschmiegsam: Volker Niederfahrenhorst, gleichzeitig auch als barscher König Philipp II bei den Burgfestspielen Bad Vilbel zu sehen) hat noch immer am Tod seiner Frau zu knabbern, während der trinkfreudige Hallodri Paul (ungestüm: Christian Hilger) sich vor seiner Frau Heather bös in acht nehmen muss (legt sie scheinbar doch gerne mal Hand an, wenn er nicht so spurt, wie sie es gern hätte). Muttersöhnchen Sam (Publikumsliebling Jens Wachholz abermals in einer komischen Rolle) ist ein Hypochonder mit schwacher Blase. Über diese vier unterschiedlichen Männer wacht der Niederlassungsleiter Frank (besonnen: Sebastian Gerasch). Wie gut, dass es da noch die Mutter Elaine (als ganz entspannte Frau mit Format: Harald Heinz) von Sam gibt.
Die Show im Fummel fällt auch viel länger aus, als das Finale bei „Ganz oder gar nicht“, denn jeder hat zwei Songs zu präsentieren und der Chef steht dann auch seinen Mitarbeitern nicht nach… Die Show zum Ende ist der Höhepunkt des Abends. Alle Auftritte sind groß in Szene gesetzt, die Mädels sind top geschminkt und gekleidet. Sie machen ihren Job richtig klasse. Folge: Das Publikum gerät mindestens genauso in Extase wie die Leute auf der Bühne. Die Songs reichen von „Lets get this party started“ (Mama Elaine), „I will survive“ (Georgett), über “Guten Morgen Sonnenschein” (Paula), „Flimmerndes Herz“ (Franka)  bis zu einer Domina Nummer (Sammy). Die Bühne rockt, aber Manuela in „These boots are made for walking“, dabei nicht nur auf high-heel Stiefeln im US-Flaggenmuster perfekt laufend, sondern auch mit verführerischen Lippen das Publikum betörend. Zu den Playbacks wurde sehr gut der Gesang imitiert, am besten von Elaine als Frank N. Furter („Sweet travestie“), auch auf krassen High-Heels. Zum Schluss dann eine schöne Gemeinschaftsnummer zu „It’s raining man“.
Viel Applaus für den spaßigen und gut unterhaltenden Abend, der zum Renner der Saison in Bad Vilbel werden kann.

Markus Gründig, Juni 11

Don Karlos
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 17. Juni 11 (Premiere)

Im Dezember 2006 inszenierte Armin Petras Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ komplett im Regen. Auf der großen Bühne des Schauspiel Frankfurt regnete es unaufhörlich, vom Anfang bis zum Ende. Ähnlich war es jetzt auch bei der Premiere von Schillers „Don Karlos“ bei den Burgfestspielen Bad Vilbel. Nur mit dem Unterschied, dass der Regen kein Teil des Inszenierungskonzepts war, sondern von Petrus geschickt. Für die Darsteller und den weit überwiegenden Teil des Publikums hatte dies dank Überdachung keine bzw. nur geringe Auswirkungen. Den auf den vorderen, unbedachten Plätzen Sitzenden wurden von freundlichen Hostessen gratis einfache Regencapes zur Verfügung gestellt (den Hohn der geschützt sitzenden Gästen gab es dann als Bonus dazu). Wobei sich die Darsteller beim Schlussapplaus für die im Regen Ausharrenden auf ihre Art bedankten: Sämtliche Rosengestecke, die Ihnen vom Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr und Intendant Claus-Günther Kunzmann kurz zuvor überreicht worden waren, wurden dem Publikum in den vorderen Sitzreihen zugeworfen. Vielleicht schaffen es die Burgfestspiele ja in den nächsten Jahren eine komplette Überdachung anzubringen, manch Pressevertreter würde sich das wünschen. Also kein leichtes Umfeld für die Premiere von „Don Karlos“, jenem Stück, mit dem schon Friedrich Schiller seine Probleme hatte, schrieb er doch lange Zeit daran. Dies führte auch zu der viel diskutierten Frage, ob es nun ein Liebes-, Freundes- oder Ideendrama sei.


Don Karlos
Burgfestspiele Bad Vilbel
Elisabeth von Valois (Alexandra Finder), Philipp II. (Volker Niederfahrenhorst)
© EugenSommer

In der Vilbeler Fassung von Harald Demmer (der hier auch Regie führt), wird das Stück in gut drei Stunden (zuzüglich Pause) gespielt, gut verständlich, fesselnd von der ersten bis zur letzten Szene. Auf Modernisierungen wurde weitestgehend verzichtet, die Kostüme von Marion Hauer haben historische Bezüge zum spanischen Hof. Prächtig ausgefallen sind die Kleider der feinen Damen, formell die Anzüge der Herren. Don Karlos sticht mit seiner roten Lederhose heraus (was zu seiner Rolle als Querdenker natürlich gut passt). Zu Beginn stehen auf der Bühne nur ein kleiner Bistrotisch und ein Terrarium, in das die Marquise von Mondekar (würdevoll: Zeljka Preksavec) eine Maus als Futter hineinwirft. Schließlich befinden wir uns im Garten von Aranjuez, südlich von Madrid. Der Hintergrund ist mit weißen Tüchern verhangen, eine Treppe ohne Geländer führt auf eine breite Galerie, auch hier sind die Wände zunächst verhangen. Das ändert sich im zweiten Akt, der im Palast von Madrid spielt. Im Hintergrund ist jetzt ein Arkadengang mit offen stehenden, lamellenförmigen Holzlatten zu sehen. Er reflektiert eine gewisse coole Atmosphäre. Wenig ausgeleuchtet eignet er sich hervorragend als Ort für Aufpasser, Bespitzler und Lauscher (wie für Don Raimon von Taxis, geheimnisvoll agierend: Alexander Weikmann). Ein kleiner Aktencontainer für Hängemappen und Drinks steht seitlich. Als Kerker für Don Karlos reicht eine Burgmauer mit anmontierter Kette (Bühne: Oliver Kostecka). Keine Ausstattungsorgie also, aber sehr gutes Theaterspiel in passendem Ambiente. Dabei wird das Ideal der Freiheit in den Mittelpunkt gestellt (denkbare aktuelle Bezüge zu den Freiheitsbestrebungen im Nahen Osten gibt es nicht).
Als despotischer König von Spanien überzeugt Volker Niederfahrenhorst, der mit kräftiger Stimme und Ausdruck für ein großes Maß an Respekt sorgt. Als seine Gemahlin besticht Alexandra Finder, da sie mit minimaler Mimik ein Maximum an sinnlicher Ausstrahlung erzeugt und die Balance zwischen innerer Stärke und Unsicherheit der Figur bestens widerspiegelt. Den Kronprinzen Don Karlos zeigt Sebastian Gerasch überaus vital, trotz all seiner Zerrissenheit und Ohnmacht dem Alphatier Philipp II. gegenüber. Als geschickt agierender Marquis von Posa sorgt Clemens Giebel für viel Wind im Geschehen, voller Inbrunst für die „Ideen von Freiheit und Menschenadel“ kämpfend. Ein Höhepunkt ist das Audienzgespräch zwischen dem König und Posa, bei dem Letzterer fordert „Geben Sie Gedankenfreiheit“. Dieser Vorbote der Französischen Revolution fasst die Situation zusammen: Klerikal-absolutistische Tyrannei trifft auf bürgerlich-humanitäre Ideale. Gefangen im Gefühlswirrwarr ist die Prinzessin Eboli (liebreizend: Claudia Kraus), effektvoll der Auftritt des Großinquisitors (mystisch: Volker K. Bauer), bei dem er aus gleißendem Licht frontal auf die Bühne läuft. Für zusätzliche Untermalung der Stimmung sorgen zwischen den Szenen immer wieder brachiale Klänge (Bühnenmusik: Bernd Keul).
Die anderen Figuren runden das formidable Ensemble bestens ab (Graf von Lerma: Hans-Jörg Frey, Herzog von Alba: Christian Higer, Domingo: Daniel Kuschewski, Page: Arne Obermeyer).
Mit dieser dritten Abendproduktion der laufenden Jubiläumsspielzeit präsentieren die Burgfestspiele Bad Vilbel nicht nur einen deutschen Klassiker, sondern zeigen auch erneut, wie sehr große Dramen und Schauspielkunst faszinieren können.

Markus Gründig, Juni 11

Das Scarlett-O´Hara-Syndrom
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 5. Juni 11

Zwei Filmklassiker, zwei völlig unterschiedliche Umsetzungen. Bei den Burgfestspielen Bad Vilbel wurde jetzt der deutsche Filmklassiker „Die Feuerzangenbowle“ nah am Film szenisch umgesetzt. Am Schauspiel Frankfurt wählten Alice Buddeberg und Thomas Huber bei ihrer Bezugnahme auf einen anderen Filmklassiker, dem amerikanischen„Vom Winde verweht“, eine sehr freie Form, was schon durch die Änderung am Titel und dass es sich nur um ein Einpersonenstück handelt, zum Ausdruck kommt. Beide Filme entstanden zur Zeit des 2. Weltkrieges bzw. kurz davor. Letzterer wurde erstmals am 15. Dezember 1939 in Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) vor Publikum gezeigt. Der Meilenstein der Filmgeschichte (mit riesigen Massenszenen und luxuriösen Kulissen) von Victor Fleming (nach der gleichnamigen Romanvorlage von Margaret Mitchell) entwickelte sich rasant zu einem weltweiten Hit.


Das Scarlett-O´Hara-Syndrom
Schauspiel Frankfurt
Thomas Huber
Foto: Birgit Hupfeld

In den Kammerspielen hat das Publikum zunächst einen ungewohnten Gang zu nehmen, um auf seinen Platz zu kommen, denn es sitzt auf der Bühne und der Darsteller sitzt im Zuschauerraum (Bühne: Cora Saller). Um auf die Bühne zu kommen, geht es entlang von mit flackernden Kerzenarmleuchtern versehenen Seitengängen (quasi eine kleine Einstimmung auf beschauliche Südstaatenatmosphäre). Auf der Bühne wird dann auf einem gepolsterten und rückenlehnenfreien Podest Platz genommen, während hinter einem Gazevorhang auf den eigentlichen Publikumsplätzen ein sitzender Mann erkennbar ist. Er ist modern gekleidet, mit Anzug und Aktenkoffer. Er greift lustvoll in eine Tüte Popcorn und nimmt ein paar Schlucke aus einem Cola-Becher. Intensiv schaut er sich „Vom Winde verweht an“, leidet und lacht herzlich mit. Es ist ein Geschäftsmann in finanziellen Nöten. Wie aus einem ihn störenden Handytelefonat hervorgeht, soll ein Hof verkauft werden (später stellt es sich heraus, dass es sich um den Hof der Großmutter handelt, der auch das Stück gewidmet ist). Jahreszeitlich auftretende Probleme mit hochdrückendem Grundwasser sollen einem potenziellen Käufer verschwiegen werden. Also ganz sauber ist dieser Mann nicht. Aber wer ist das schon?! Ohne Unterbrechung wechselt der Mann seinen Charakter und ist plötzlich eine Figur aus „Vom Winde verweht“ oder jemand, der den Produktionsprozess begleitete. Das 224 Minuten dauernde Filmepos wird hier lose in weniger als 90 Minuten halb erzählt, halb szenisch im Schnelldurchgang angespielt und kommentiert. Thomas Huber bewältigt dabei nicht nur Unmengen von Text, sondern zeigt auch sehr viele Positionen, Grimassen und Figuren. Er nutzt die gesamten Publikumsreihen der Kammerspiele, durch die er zaghaft schreitet, sich zwischen ihnen hineinkauert und wild wütet (indem er prachtvolle Kleider durch die Reihen wirft). So ist der Abend auch nebenbei eine schöne Lehrstunde der Schauspielkunst.
Um eine Brücke vom Film zum Heute zu schaffen, wird auch immer wieder Bezug zu dem Geschäftsmann und seiner Großmutter genommen, denn der Hof steht für die Heimat und diese spielt auch im Film eine wichtige Rolle. Am Ende steht Huber in einem großen Reifrock vor dem Publikum und kommentiert Familienbilder, die auf den weiten Rock projiziert werden. Und in gewisser Weise ist er gleichzeitig auch wieder Scarlett, denn Probleme werden wie bei Scarlett nicht heute gelöst: morgen ist schließlich auch noch ein Tag.
Starker Applaus für das leidenschaftliche Spiel und den leichtfüßigen Ausflug in die Filmgeschichte.

Markus Gründig, Juni 11

Die Feuerzangenbowle
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: 4. Juni 11 (Premiere)

Eine Kleinstadt schreibt Erfolgsgeschichte: Vor 25 Jahren fanden in der Bad Vilbeler Wasserburg die ersten Burgfestspiele statt. Damals wurde nur ein Stück gespielt: Dario Niccodemis Komödie „Scampolo“. Seitdem haben sich die Burgfestspiele behutsam und beständig erweitert. Die Jubiläumsspielzeit wartet mit sieben Eigenproduktionen auf, darunter das Spätprogramm im Theaterkeller und erstmals eine eigene Produktion für Kinder: Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ (in einer Fassung speziell für junge Zuschauer). Zum 25. Jubiläum wurde auch viel in die Infrastruktur und Sicherheit der Spielstätte investiert. So wurde ein zweiter Zugang zur Burg geschaffen, der Zuschauerbereich durch eine neue Tribüne deutlich vergrößert, die Fluchtwege verbreitert und Sicherheitsvorrichtungen auf neuesten Stand gebracht. Für das gastronomische Angebot wurden die hölzernen Pavillons durch stabilere und technisch besser ausgerüstete Pavillons ersetzt, die Treppe zur Terrasse neu angelegt und der Theaterkeller neu gestaltet.
Die Jubiläumsspielzeit wartet mit allerhand Klassikern auf, wie mit Schillers Drama „Don Carlos“ oder dem sentimentalem Musical „Anatevka“. Eröffnet wurden die diesjährigen Bad Vilbeler Burgfestspiele mit einer Komödie, die vielen vom Film bekannt ist: „Die Feuerzangenbowle“. Die Romanvorlage von Heinrich Spoerl wurde mehrfach verfilmt, am bekanntesten ist die Verfilmung aus dem Jahr 1944 mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle des jungen Pfeiffer. Die speziell für Freilichttheater geschriebene Bühnenfassung von Wilfried Schröder orientiert sich eng am Original, sie wurde 1983 in Hamburg uraufgeführt.


Die Feuerzangenbowle
Burgfestspiele Bad Vilbel
vlnr: Pfeiffer (Tilmar Kuhn), Ackermann (Dennis Pfuhl), Husemann (Martin Brücker), Eva (Alexandra Finder), Melworm (Daniel A. Kuschewski), Der kleine Luck (Alexander Weikmann), Knebel (Arne Obermeyer), Rosen (Martin Küpper)
Foto: Eugen Sommer

Als gut gemachte, liebevolle Reminiszenz an die „gute alte Zeit“ lässt sich die Inszenierung von Adelheid Müther kurz beschreiben. Hier herrscht noch Respekt in der Schule (davon können Lehrer heute nur noch träumen) und außerhalb. Auf Bezüge zur Gegenwart wurde verzichtet und die Kostüme haben schon beinahe historischen Charakter. Von der ersten Szene an rührt die Inszenierung der Burgfestspiele Bad Vilbel mit ihrem spiel- und singfreudigem Ensemble die Herzen der Zuschauer, die sich schnell an die Freuden und Schrecken der „schönsten Zeit im Leben“ erinnert fühlen. Im Mittelpunkt steht der attraktiv, jugendlich und smart wirkende Tilmar Kuhn in der Rolle des erfolgreichen Schriftstellers und Pennälers Pfeiffer („mit drei „f“, eins vor dem EI, zwei hinter dem Ei“), der nicht nur das Herz von Eva (reizend und mit Pfiff: Alexandra Finder), der Tochter des Schuldirektors, sondern auch die Herzen seiner Kameraden und manchen Lehrers erobert. In den Mittelpunkt der Inszenierung stellten Regisseurin Adelheid Müther und Ausstatterin Doris Engel einen Pennälerraum in der idyllischen Kleinstadt Babenberg (fern von Berlin). Auf grünem Rasen mit kleinen bunten Blumen stehen auf einem Podium ein Katheder, eine Tafel und historische kleine Schulbänke. An den Wänden hängen weitere Tafeln mit Angaben der Unterrichtsfächer (Geographie, Mathematik und Musik). Die Wohnstube Pfeiffers bei Frau Windscheid (elanvoll und mit überschwänglichen Muttergefühlen: Zeljka Preksavec) mit Chaiselongue und Kommode, wird von der Seite herein- und herausgeschoben, wie auch die Burgmauern auf der gegenüberliegenden Seite für kurze Auftritte genutzt werden.


Die Feuerzangenbowle
Burgfestspiele Bad Vilbel
Eva (Alexandra Finder), Pfeiffer (Tilmar Kuhn)
Foto: Eugen Sommer

Bezaubernd sind vor allem die kleinen Marotten der Lehrer und Schüler.  Da ist beispielsweise der mit rheinischem Dialekt sprechende (Autor Spoerl wurde in Düsseldorf geboren) und musikalisch veranlagte Rosen (Martin Küpper), der in der legendären Betrunken-Szene am überzeugendsten torkelnde Husemann (Martin Brückner) und der um Anerkennung ringende, gescheite Luck (Alexander Weikmann), der sich zudem mehrfach nahezu in ekstatische Zustände ereifert. Auch ihre Mitschüler (Melworm: Daniel Kuschewski; Rudi Knebel: Arne Obermeyer; Ackermann: Dennis Pfuhl) sind für jeden Spaß zu haben. Auf Seiten der Lehrer fällt vor allem der in Ringelsocken und etwas verträumt daher kommende Physiklehrer Bömmel (Jens Wachholz, auch Bankier Etzel) auf, der sich gerne auch einmal dumm stellt, damit die Geschehnisse ihren Lauf nehmen und große Aufregung vermieden wird. Das gelingt Chemielehrer Prof. Crey (autoritär und mit Würde: Hans-Jörg Frey, auch Apotheker Fröbel) bei seiner Erklärung der alkoholischen Gärung bekanntermaßen nicht. Hier haben alle ihren Spaß, nur der vollbärtige Direktor Knauer (Volker K. Bauer, auch Justizrat Fleisch) und der Oberschulrat (Harald Heinz, auch Dr. med. Hellwig) können sich nicht mit den Späßen der Oberprimaner anfreunden. Auch Pfeiffers Verlobte Marion (Claudia Kraus) zieht die Konsequenzen, die sie für richtig hält.
Die Klassiker „Wat is'n Dampfmaschin?“, und „Ba, watt habt ihr für e'ne fiese Charakter!" fehlen natürlich ebenso wenig und lockten großen Teilen im Publikum ein breites Grinsen ab. Und dies nicht nur bei den Besuchern, die den Film kennen! Trotz vorbeiziehender Gewitterwolken war auch Petrus der Jubiläumsauftaktpremiere wohl gestimmt, es fiel kein Tropfen und die Enten im Burgweiher kommentierten auf Ihre Art das Geschehen. Viel Applaus für das „Loblied auf die Schule“.

Markus Gründig, Juni 11

Ein Sommernachtstraum
Schauspiel Frankfurt ~ Theaterzelt am Honsell-Dreieck
Besuchte Vorstellung: 1. Juni 11 (Premiere)

Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“, „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum“ und „Horror Vacui“ sind nicht nur sperrige Titel, sondern auch noch weitestgehend unbekannte Stücke. Mit Shakespeares Klassiker „Ein Sommernachtstraum“ verhält es sich dagegen anders. Dieses Stück kennt nicht nur jeder, es zaubert so manchem auch ein sentimental, verträumtes Lächeln hervor. Da das Schauspielhaus wegen Erneuerung der Obermaschinerie vorübergehend nicht bespielt werden kann, hat das Schauspiel Frankfurt kurzerhand ein Theaterzelt am Honsell-Dreieck (nah am Ostbahnhof bzw. der ehemaligen Großmarkthalle) aufgebaut. Dort wird den Juni über der Selbstläufer „Ein Sommernachtstraum“ gespielt. Schaffte Regisseur Markus Bohle die temperamentvolle, wie voller zauberisch-schwebender Leichtheit aufwartende Traumwelt Shakespeares überzeugend, vergnüglich und dennoch mit Tiefgang zu zeigen? Die Antwort ist ja, aber kein uneingeschränktes. Der erste Teil bis zur Pause wartet mit vielen humorvollen Einfällen auf, hat aber auch manch Belanglosigkeit und Länge. Fesselnder und dramatisch zugespitzter geht es dann im zweiten Teil zu, der den Abend rettet und das Publikum vollends begeistert.


Ein Sommernachtstraum
Schauspiel Frankfurt
Puck (Sascha Nathan), Zettel (Viktor Tremmel), Titania (Bettina Hoppe), Torben Kessler (Elfe)
© Birgit Hupfeld

Für diese temporäre Spielstätte wurde nicht nur ein großes Zelt aufgebaut, sondern auch ein sommerlich anmutendes Strand-Foyer erstellt. Von der Straße geht es über einen Pfad, der von Lichterketten gesäumt ist, zu einem von Sand aufgefüllten Bereich, mit Zelten für Drinks und Snacks und rot lackierten Biertischgarnituren für geselliges Beisammensein. Mitarbeiter laufen herum und verkaufen von ihrem Bauchladen aus Programmhefte und Süßigkeiten. Aufgestellte Heizstrahler sorgen für Wärme, sollte trotz sommerlicher Temperaturen jemand frieren. Es herrscht eine entspannte und lockere Atmosphäre, die wahrscheinlich selbst Shakespeare gefallen hätte. Im Zelt dann eine kleine Überraschung, gespielt wird nicht in einer kreisförmigen, sondern auf einer rechteckigen Bühne, um die das Publikum auf unbequemen Sitzen u-förmig sitzt.
Regisseur Markus Bohle, der am Schauspiel Frankfurt bereits „Roter Ritter Parzival“ inszenierte (ausgezeichnet mit dem Theaterpreis „Der Faust“), lässt den „Sommernachtstraum“ ungewöhnlich beginnen. Puck (im weißen Plisseerock und ebensolchen Haaren: Sascha Nathan mit gewohnt gutem Gespür für publikumswirksame Gestik und Mimik) betritt zusammen mit einer Elfe (auch im weißen Plisseerock und mit weißen Haaren: Thorben Kessler) die leere Bühne, die nach hinten lediglich von einer Holzwand begrenzt ist. In der Hand ein kleines Päckchen, das sie lustvoll und mit Spannung beobachten, bis es explodiert. Dies muss wiederholt werden und das zweite Päckchen ist dann größer. Der unendlichen Gier folgend, tragen sie schon bald einen großen Karton herein. Doch dieser explodiert nicht, auch nicht mit Verspätung. Ihm entsteigen vielmehr die ehemalige Königin und Heerführerin der Amazonen Hippolyta (Bettina Hoppe, die auch die reifere Titania spielt und somit ihre komische Seite zeigen kann) und der Heerführer und Herzog von Athen Theseus (Michael Goldberg, der auch den Herrscher der Elfenwelt, Oberon spielt).
Die nachfolgenden Szenen sind solides Theaterspiel, für Farbtupfer sorgen die Kostüme von Heide Kastler. Leben kommt mit dem wuchtigen Auftritt der Handwerker ins Spiel. Im Mittelpunkt der Star der Truppe: Zettel, von Viktor Tremmel mit überzeugender Spielleidenschaft bravourös gegeben.
Konflikte und eine Tragik, die über gefälliges Liebesspiel hinausgeht, dann im zweiten Teil. Amüsant ist das Versteckspiel der Paare im mit Packpapierfetzen angedeuteten Wald (Bühne: Robert Schweer). Dramatisch dann die Demütigung Titanias. Ein Eselskopf allein reicht heute dafür nicht aus. So trägt der verzauberte Zettel dann nicht nur eine eng anliegende und furchterregende Maske, Titania gibt sich voller Lust ganz seinem Urinstrahl hin, und wird dann von ihm vergewaltigt und in den Untergrund gezogen.
Am Ende gibt es aber auch hier Versöhnung auf allen Ebenen.
Das Stück ist groß besetzt, auch wenn Viele mehrere Rollen spielen. Insgesamt überzeugen seltsamerweise die Männer mehr als die Frauen. Letztere legen sich zwar mächtig ins Zeug, schreien und kämpfen (Hermia: Marie Burchard; Helena: Lisa Stiegler), aber Figuren wie der mit zarter Stimme sprechende Schock (Benedikt Greiner), der raubeinige Flaut (und verliebte Thisby: Joachim Nimtz) oder der eine Wand darstellende Schauz (Oliver Kraushaar) bleiben präsenter in Erinnerung (abgesehen vom omnipräsenten Duo Torben Kessler und Sascha Nathan). Sébastien Jacobi gibt trotz Muskelfaserriss einen auf Krücken mit Demetrius (Christian Bo Salle) um die Liebe Kämpfenden.
Markus Bohle führte nicht nur Regie, sondern übersetzte das Stück auch neu. Herausgekommen ist eine zeitgemäße Sprache, die dennoch Shakespeares Stil in den Mittelpunkt stellt. Der Zauber einer Sommernacht, die Frage nach den Herrschaftsverhältnissen zwischen den Geschlechtern und den Irrungen und Wirrungen der Liebe werden hier vergnüglich und modern vorgeführt. Dafür gab es starken Applaus.

Markus Gründig, Juni 11

Ein Blick von der Brücke
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 7. Mai 11 (Premiere)

„Der Tod eines Handlungsreisenden“ und „Hexenjagd“ sind Arthur Millers bekannteste Stücke. Schon kurz nach diesen beiden verfasste er „Ein Blick von der Brücke“, das allerdings nicht an die großen Erfolge der Vorgängerstücke anknüpfen konnte. Dennoch ist es ein großartiges und sehenswertes Stück, wie jetzt Florian Fiedler in den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt mit seiner sich von Moment zu Moment an Dramatik und Spannung steigernden Inszenierung zeigte. In den Kammerspielen hatte Fiedler (ehemaliger Kurator der schmidtstrasse 12 und jetziger Hausregisseur des Schauspiels Hannover) bereits im Dezember 2006 „Der Tod eines Handlungsreisenden“ inszeniert.


Blick von der Brücke
Schauspiel Frankfurt
Eddie (Martin Rentzsch), Catherine (Henriette Blumenau), Rudolpho (Mathis Reinhardt)
© Birgit Hupfeld

Diesmal nutzt er den vollen Raum (und lässt nicht nur vor einer Klinkerwand spielen). Ein großer Laufsteg hängt quer über die Bühne, Bild für die legendäre New Yorker Brooklyn Bridge (eine Hängebrücke, die seit 1883 die Stadtteile Manhatten und Brooklyn miteinander verbindet). Große Teile der Bühne sind leer und liegen im Dunkeln. So entsteht eine gewisse Weite, eine kühle Atmosphäre, die zum rauen Klima von Brooklyns Arbeiterviertel und zum Hafengebiet Red Hook passt. Unter dem Steg und auf der rechten Seite befindet sich, eingelassen in den Boden, die einfache Wohnung der Familie Carbone. Besonderer Clou von Bühnenbildnerin Vanessa Eder: zur deutlichen Darstellung der engen und einfachen Verhältnisse gehen die Darsteller nicht durch Türen in die verschiedenen Räume (wie Wohnzimmer oder Küche), sondern immer beschwerlich durch den Keller. Drei große Eisenträger durchziehen den Boden der Behausung, die mit ein paar Möbeln aus den 50er Jahren ausgestattet ist. Die Eisenträger sind nicht ebenerdig eingelassen, sondern stehen weit über. So werden sie zu gefährlichen Stolpersteinen und erheben die Wohnung zur Milieustudie über die vielen armen und ungelernten US-Einwanderer. Miller schrieb ja nicht nur ein Liebesdrama, sondern auch ein Sozialdrama. Zur Entstehungszeit des Stücks passen auch die Kostüme von Selina Peyer, die die einfachen Verhältnisse untermauern. Anfangs ist der Raum so voller Staub, dass es scheint, er sei lange Zeit nicht bewohnt gewesen. Jedenfalls wirbelt der die Geschichte stets beobachtende Anwalt Alfieri (souverän: Michael Benthin) anfangs ordentlich Staub auf (bei so patenten Frauen im Haus der Carbones kann man sich ohnehin nicht vorstellen, dass es hier unordentlich zugeht).
Von Anfang an liegt auch eine gewisse Spannung in der Luft. Ein Knistern zwischen den Charakteren, das sich zu einem unentrinnbaren Sog, zu einem unlösbaren Konflikt steigert.  Dafür sorgt allen voran Martin Rentzsch als einfacher und fürsorglicher Hafenarbeiter Eddie. Er ist nicht falsch, gut, mitunter etwas jähzornig. Lediglich was seine Nichte Catherine anbelangt ist er total geblendet. Irgendwann kann er vor lauter Verlustangst nicht mehr klar denken. Seine Frau Beatrice (kämpferisch: Heidi Ecks) fügt sich einerseits ihrer Hausfrauenrolle, ist sich aber auch der Verantwortung ihres Ehe- und Familienlebens gegenüber bewusst und greift oft aktiv in die „Familienpolitik“ ein. Henriette Blumenau, Mitglied des Schauspiel STUDIO Frankfurt, ist hier in der Rolle der achtzehnjährigen Nichte Catherine zu erleben, mit kindlichen wie fraulichen Attitüden. Ebenfalls Mitglied des Schauspiel STUDIO Frankfurt ist Johannes Kühn, der hier den tragischen, für seine in Sizilien lebende Familie illegal arbeitenden, Marco gibt. Dessen Bruder, gewissermaßen ein Luftikus, der als talentierter Koch, Sänger und Tänzer nicht so recht in die Arbeiterwelt passt, zeigt Mathis Reinhardt mit vielen Facetten (von freundlich bis ausfallend). Als Beamtin der US-Einwanderungsbehörde hat Nadja Dankers  eine kleine Rolle, an der Seite ihrer freundlich lächelnden Kollegen (den Statisten Naomi Arimura, Bich Hy Henkel, Ayako Ogata, Calia Stadahl-Fu).
Großer, einhelliger Beifall.

Markus Gründig, Mai 11

Die Katze auf dem heißen Blechdach
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 15. April 11

Am 26. März 2011 wurde dem 100. Geburtstag des großen amerikanischen Dramatikers und Schriftstellers Tennesse Williams gedacht. Ihm zu Ehren haben viele Theater ein Stück von ihm im laufenden Saisonprogramm. Neben vielen Neuinszenierungen von „Endstation Sehnsucht“ wurde sein bekanntes Stück „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ zuletzt in Dresden, Kiel und Mannheim neu auf die Bühnen gebracht. Vielen ist das Stück vom gleichnamigen Film von 1958 mit Elizabeth Taylor (die drei Tage vor Williams 100. Geburtstag verstarb) und Paul Newman bekannt. Obwohl es ein großer Klassiker ist, eignet es sich nicht unbedingt für eine große Bühne. Es spielt an einem Spätnachmittag und wird nur von wenigen Darstellern gespielt. Für Atmosphäre und Dichte eignet sich dafür eher eine kleinere Bühne. Wie beispielsweise für das English Theatre Frankfurt, wo „Cat on a hot tin roof“ im Spätsommer 2009 gespielt wurde (mit eigens aus den USA eingeflogenen Südstaatendarstellern).


Die Katze auf dem heißen Blechdach
Schauspiel Frankfurt
Margaret (Franziska Junge), Brick (Torben Kessler)
© Birgit Hupfeld

Das Schauspiel Frankfurt zeigt das Stück nun auf der großen Bühne des Schauspielhauses, in der Regie von Bettina Bruinier. Die Hausregisseurin des Schauspiel Frankfurts inszenierte bisher in den Kammerspielen („Stadt aus Glas“, „Deutschland. Ein Wintermärchen“, „Romeo und Julia“ (das allerdings aktuell im Schauspielhaus gespielt wird) und „Die Sehnsucht der Veronika Voss“.
Für „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ entstand in Zusammenarbeit mit Bühnenbildnerin Barbara Ehnes eine allein schon szenisch fabelhaft gelungene Umsetzung, die auf moderne Weise dezent einen Hauch von Südstaatenatmosphäre, vom Reichtum Big Daddys und seiner großen Plantagen im Mississippi-Delta andeutet. Dabei werden die bühnentechnischen Möglichkeiten des Theaters genutzt, was im angesagten Regietheater ja viel zu selten gemacht wird. Im Vordergrund steht die Fassade eines prächtigen Herrenhauses, ganz in weiß, mit vielen Türen und Fenstern, die sich nur mit viel Kraftaufwand öffnen lassen. Diese Fassade ist nicht vertikal, sondern liegt schrägt nach hinten auf, endet auf einer Veranda mit grüner Tapete, deren blumiges Muster verspielt das Thema Baumwollplantage reflektiert. Diese schräg aufliegende Fassade verdeutlicht schon optisch, dass im Hause von Big Daddy nichts ist, wie es eigentlich sein sollte. Jeder Schritt ist ein Problem, für Gesunde und erst recht für Kranke (wie Brick), denn zusätzliche Planken erschweren das Gehen ganz erheblich. Auf der Veranda tänzeln bei Saalöffnung bereits zwei ältere Herren mit Cowboyhüten und karierten Baumfällerhemden. Später beobachten sie das ganze Geschehen still in ihren Rollstühlen sitzend (und stehen für die schwulen Vorbesitzer, die einst Big Daddy hierher gebracht haben). Als Pendant steht auf der linken Seite eine Bar aus Bambus, hinter der ein junger Mann (Thomas Prazak) zunächst Drinks ausschenkt. Später nimmt er mit seinem Musikinstrument vage Bezug auf den Jazz von New Orleans, hauptsächlich steht er aber als Geist für Bricks verstorbenen Freund Skipper.
Später öffnet sich die Fassade von Big Daddys Prachtbau und aus der Mitte fährt ein Wohnbereich empor (der grün/weiße Stil wird hier mit ebensolchen Möbelstücken konsequent fortgeführt). Für das intime Gespräch zwischen Big Daddy und Brick wird die Fassade flach abgesenkt, wodurch ein ablenkungsfreier, kahler Raum zutage tritt. Feuerwerksilluminationen und Klangeffekte runden die optische Vielfalt ab.
Großes Theater wird auch von Seiten der Darsteller geboten. Wie im wahren Leben stets zwischen Drama und Komik pendelnd (wobei das ja schon von Tennesse Williams so ins Stück geschrieben wurde). Als Katze auf dem heißen Blechdach, die vehement um Brick wirbt, glänzt im roten Kleid und ebensolchen Stöckelschuhen (später im Negligé) Franziska Junge als fauchende Margaret, die ihre Krallen ausfährt um zu retten, was zu retten ist. Torben Kessler legt in Schlafanzughose und T-Shirt viel Tragik und Hoffnungslosigkeit in die Figur des in sich selbst gefangenen Brick (Kostüme: Justina Klimczyk). Dem steht herrlich überdreht und in gewisser Weise die Komik von „Der nackte Wahnsinn“ fortführend, das Paar Gooper und Mae gegenüber. Birte Schrein spielt die gebärfreudige Mae mit überragender Mimik großartig überzogen und Sascha Nathan steht dem als peinlicher Sohn Gooper in orangefarbenen Strümpfen in Nichts nach, zeigt aber dann auch als Anwalt seine harte Seite.
Traute Hoess gibt eine elegante, gluckenhafte Big Mama, voller Esprit und Lebenslust. Felix von Manteuffel als Big Daddy kämpft sich tapfer durch all die Lügen seiner Umwelt durch. Alexander Beck als Reverend Tooker und Wilfried Elste als Doktor Baugh sind die Gäste der Familie Pollit, die mit entsprechender Befindlichkeit auf das Familiendrama reagieren. Vollkommen überzogen, aber als Schreckgespenst von Margaret und Brick durchaus passend: die fünf kreischenden „halslosen Monsterkinder“, die mit Plastikpistolen die Familie tyrannisieren.
Das Stück endet in der Version der Erstfassung, Big Daddy tritt im dritten Akt nicht mehr auf, man hört nur noch seine Schmerzensschreie. Ob Margarets Vorhaben tatsächlich gelingt, ihre aktuelle Empfängnisbereitschaft nutzen zu können, bleibt offen. Ein überraschend plötzliches Ende, dennoch ein faszinierender Klassiker-Abend für ein breites Publikum.

Markus Gründig, April 11

Wenn, dann: was wir tun, wie und warum
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 9. April 11

Vor fünf Jahren begannen umfangreiche Umbauarbeiten am Schauspiel Frankfurt. Ein von 1951 stammendes Werkstattgebäude wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Gleichzeitig wurden die Gebäude an der Neuen Mainzer Straße aufgestockt und aus einer zunächst nur aus statischen Gründen geplanten Auskragung mit Stützpfeilern entstand eine Säulenarkade samt erweiterten Flächen in den oberen Geschossen. Zudem erhielten die Kammerspiele einen neuen, vergrößerten Eingangsbereich. Die Arbeiten sollten ursprünglich 2009 beendet sein, inzwischen sind sie immerhin weit fortgeschritten und sollen im Sommer dieses Jahres mit Erneuerung der Obermaschinerie und dem Äußeren des Bühnenturms abgeschlossen werden. Manches scheint aber auch vollständig zu ruhen, wie der Außenbereich vor den Kammerspielen. In diesen fand jetzt die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Stück „Wenn, dann: was wir tun, wie und warum“ statt. Schon der sperrige Titel deutet darauf hin, dass es kein herkömmlicher Theaterabend werden könnte. Dabei ist Roland Schimmelpfennig der meistgespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands, seine Theaterstücke werden in über 40 Ländern mit großem Erfolg gespielt. Für das Schauspiel Frankfurt übertrug er in der ersten Saison von Oliver Reese alle dreißig Songs des Weißen Albums der Beatles ins Deutsche (Florian Fiedler inszenierte) und sein neuestes Stück war eine Auftragsarbeit für das Haus.


Wenn, dann: was wir tun, wie und warum
Schauspiel Frankfurt
Ricki (Viktor Tremmel), Marek (Thomas Huber), Uli (Oliver Kraushaar)
© Birgit Hupfeld

Was haben die eingangs erwähnten Baumaßnahmen und das Stück gemeinsam? Scheinbar hatten die Darsteller genügend Gelegenheiten, den Bauarbeitern zuzusehen. Vor allem während ihrer Pausen. Denn das machen sie im Stück gut nach. Sie sitzen auf Bierkisten bzw. einer Holzlatte, die auf zwei Bierkisten lagert und sinnieren vor sich hin. Dabei wird eine Flasche Bier nach der anderen getrunken. Ricki (mit handwerklichem Geschick: Viktor Tremmel) unterbricht mit „Wir passen nicht zueinander“ das lange Anfangsschweigen, nach dem er erst Putz gerührt und aufgetragen hat. Wobei seine Aussage nicht zu einem Dialog führt, den es eigentlich den ganzen Abend über nicht gibt. Vielmehr äußern er und seine Kollegen Uli (smart zurückhaltend: Oliver Kraushaar) und Rudi (resigniert: Michael Abendroth) gewisse Befindlichkeiten und Überzeugungen. Angefangen von persönlichen Liebesproblemen und Treffen mit der Traumfrau, über Rekorde im Fremdgehen, geht es schnell zu Themen aus der weiten Welt, zu politischen und philosophischen Grundfragen, die angerissen, aber nicht weiter behandelt werden. Gesprochen und gespielt wird in einem abstrakten leeren Raum eines Stadthauses, dessen Rückwand gerade einen neuen Putz erhält, weil jemand ein Loch eingeschlagen hat (Bühne: Nehle Balkhausen). Und darum wird gestritten, weil es unklar ist, ob es eine tragende Wand ist, oder nicht. Und was ist, wenn doch? Ja wenn, dann… So schlägt der eine ein, was der andere zumauert bzw. verputzt. Schließlich bleibt ein kleines Loch, als Bild für die Zerstörung im Persönlichen und in der Welt.
Vom vierten Rad am Wagen wird immer wieder gesprochen, Kumpel Marek wird vermisst. Als immer wieder massiv aus der ersten Zuschauerreihe mit einem Hammer auf die Bühne einschlagend aufgefallen, stürmt er (gespielt von Thomas Huber) nach gut der Hälfte der Spielzeit auf die Bühne, zieht sich flugs vollständig aus und schmiert sich mit Wandputz ein. Wer dachte, Nils Kahnwald hätte als Peer Gynt die längste Zeit nackt auf der Bühne verbracht, kommt hier ins Grübeln. Denn bis zum Ende bleibt auch Huber nackt, ist allerdings durch die Farbe „geschützter“. Dafür zieht er alle Register seines schauspielerischen Könnens und schafft es, selbst nackt viele Facetten zu zeigen, tänzelnd, feixend und nebenbei ein Märchen über einen König erzählend. Nach dem in Diskretion zelebrierten Teil ohne, kommt der Teil mit der skurrilen Figur des schrillen Marek sehr lebhaft rüber (Regie: Christoph Mehler). Die philosophisch anmutende Grundfrage des Titels wird zum Spielball, der an das Publikum weitergegeben wird, das aus diesem dramaturgisch zurückhaltenden Abend ganz persönlich seine Schlüsse ziehen kann.

Markus Gründig, April 11

Clybourne Park
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 8. April 11 (Premiere)


Das schon mehrfach ausgezeichnete Stück „Clybourne Park“ des US-amerikanischen Dramatikers Bruce Norris (u.a. mit dem wichtigsten britischen Theaterpreis, dem Laurence Olivier Award, als „Best New Play“) wurde erst im Februar 2010 in New York uraufgeführt. Die West End Premiere in London folgte im September 2010 und jetzt fand die deutschsprachige Erstaufführung (in einer Übersetzung von Barbara Christ) statt. Wie bereits bei Bruce Wills Stück „Reiz und Schmerz“ fand auch diese am Staatstheater Mainz statt, in einer Inszenierung von Mathias Fontheim, Intendant des Hauses, der zuletzt am Theater Bonn Arthur Millers Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ inszeniert hat.

Clybourne Park ist ein Drama über latent vorhandenen Rassismus, eine Farce über die sich nie wandelnde, scheinbar so aufgeklärte, Menschheit, die auch in modernen Zeiten nicht reifer ist als in früheren, eher schlimmer. Das Ganze wird in einer unterhaltsamen, komödienhaften Form dargeboten. Der Clou des Stücks ist, dass es einerseits zwei getrennte Geschichten sind, die in den beiden jeweils knapp einstündigen Akten erzählt werden, es aber inhaltliche und personelle Verflechtungen gibt. Es spielt in Chicago, zunächst an einem Samstagnachmittag im September 1959. Die Atmosphäre der Zeit hat Bühnenbildner Marc Thurow (auch Kostüme) schön wiedergegeben. Warm leuchtet die Sonne von außen in das Wohnzimmer von Russ und Bev herein. Die aus einem kleinen Transistorradio tönende Musik weckt nostalgische Gefühle an eine vermeindlich bessere und schönere Zeit. Auch wenn die Tapeten bereits von den Wänden entfernt wurden, der Kamin kalt ist und überall Umzugskartons stehen, erkennt man, dass dies einmal ein gemütliches Zuhause war. Jetzt wollen die beiden das Wohnviertel „Clybourne Park“ verlassen, eine schwarze Familie wird einziehen, was Unmut bei den anderen Bewohnern des Viertels auslöst, sehen sie doch schon den Preisverfall ihrer Immobilien kommen, durch dann nachfolgend herziehende Schwarze. Im zweiten Akt, fünfzig Jahre später, ist es wieder Samstagnachmittag (15 Uhr) im September. Die Handlung spielt im gleichen Wohnzimmer, nur ist es inzwischen deutlich abgewohnter, zudem steht der Abriss des Hauses bevor. Das junge Paar Lindsey und Steve wollen ein neues Haus bauen. Jetzt sind es Schwarze, die dagegen aufbegehren und eine Petition für eine Erhaltungssatzung anregen. In beiden Akten ist der Anfang jeweils eine Art Exposition, es dauert etwas, bis nach formellem Smalltalk die eigentlichen Probleme hervorbrechen. Das tun sie dann aber mit starker Vehemenz. Da ist zum Beispiel der sarkastische Russ (desillusioniert: Marcus Mislin) und seine enervierend gut gelaunte, harmoniesüchtige Frau Bev (charmant: Nicole Kersten), die fürsorglich alle eintreffenden Gäste mit Eistee versorgt. Der Sohn der Beiden erhängte sich vor zwei Jahren im Obergeschoss. Als US-Soldat im Koreakrieg tötete er in Erfüllung eines Befehls auch Zivilisten, in der Heimat wurden er und seine Familie dann geächtet. Hilfe wurde der Familie von der ach so gutbürgerlichen Gemeinschaft der Weißen nicht angeboten. Da ist der Schwarze Albert (zupackend: Toks Körner) ganz anders: ohne groß nachzudenken, hilft er beim Herabtragen einer großen und schweren Kiste. Sehr zum Leidwesen seiner aufstrebenden Frau Francine (beherrscht: Lara-Sophie Milagro), die als Haushälterin bei Russ und Bev arbeitet. Als dann der selbstlos dienende und für Völkerverständigung eintretende Rotarier und Sprecher der Hauseigentümer von Clybourne Park, Karl (rechthaberisch: André Willmund), mit seiner taubstummen Frau Betsy (Johanna Paliatsou) erscheint, nimmt das Chaos seinen Lauf, da kann auch der smarte Prediger Jim (Lukas Piloty) nicht mehr vermitteln. Im zweiten Teil spielen die gleichen Darsteller wieder, allerdings andere Figuren. Marcus Mislin betätigt sich nun als engagierter Handwerker Dan, Nicole Kersten gibt mit intellektueller Attitüde die stets „schlaue“ Bemerkungen einwerfende Kathy (die mit ihren polyglotten Erfahrungen aufwartet, aber vieler Länder Hauptstädte nicht nennen kann). Die Lena der Lara-Sophie Milagro hat als bildungsbeflissene, wohlerzogene und integrierte Schwarze Probleme, mit ihrer höflichen und zurückhaltenden Art ihre Absichten in klare Worte zu fassen und auf den Punkt zu bringen. Ihr Mann Kevin (entspannt: Toks Körner) hilft da nur wenig, ebenso der schwule Anwalt Kenneth (Lukas Piloty). Die Lindsey der Johanna Paliatsou ist bemüht, alles richtig zu machen und auf „political correctness“ zu achten. Damit hat sie aber gerade so manches Problem mit ihrem wortgewandten Mann Steve (aufbrausend: André Willmund), der mit einem Witz über Schwarze die beidseitig vorhandenen Klischees ans Tageslicht bringt.
Hinter der formalen Geschichte hat Bruce Norris mit viel Sprachwitz ein Auge auf unterschwellige Absichten und Einstellungen gelegt, die Matthias Fontheim sensibel ausgearbeitet hat und die von einem spielfreudigen Ensemble umgesetzt wurden. Am Ende nicht nur viel Begeisterung im Publikum, auch der anwesende Autor Bruce Norris zeigte sich hoch erfreut.

Markus Gründig, April 11

Der zerbrochene Krug
Theater Willy Praml, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 19. März 11

Dieser Auftakt des Theaters Willy Praml zum Kleist-Jahr 2011 (200. Todestag am 21. November) zeigt, wie gut gemachtes Theater beeindrucken kann. Perfekt inszeniert ist jede Szene ein mitreißender Sog feinster Schauspielkunst, wohldosiert gesprochen, mit poetischen Bildern, perfekter Ausleuchtung und mit stimmungsvollen kurzen musikalischen Einlagen (Gregor Praml) ergänzt. Dabei ist Kleists Lustspiel von 1808 kein leicht umzusetzendes Stück, hatte doch schon Goethe seine Probleme damit. Trotz vieler Parallelen zu Sophokles´ „König Ödipus“ (der in der von ihm geführten Ermittlung sich selbst als Täter entlarvt), gestaltete Willy Praml seine Umsetzung mehr vom Hintergrund der biblischen Schöpfungsgeschichte aus. Gut und böse, Gott und Teufel, Vertrauen und Gerechtigkeit sind Themen, die hier anklingen.


Der zerbrochene Krug
Theater Willy Praml, Frankfurt
Eve (Gala Winter), Walter (Andreina Coatto), Frau Marthe Rull (Rinhold Behling, Adam (Michael Weber)
© Seweryn Zelazny

Die volle Größe der Naxoshalle wird nur wenig genutzt, lediglich zu Beginn und am Ende humpelt Dorfrichter Adam hindurch. Der Boden der Gerichtsstube im niederländischen Dorf Huisum besteht aus staubigen Steinbrocken, Sinnbild für den ländlichen Bezug, aber auch für die Ausgangslage: Der Dorfrichter hat sich bequem eingelebt, es hat sich eine dicke Staubschicht gebildet, da wird es Zeit, mal richtig sauber zu machen (was mit dem Erscheinen des Gerichtsrats Walther aus Utrecht dann auch geschieht). Dazu steht an den Seiten ein Bett und eine Hochbank, vorne ein Podest und in der Mitte ein Holzstamm. Eine lange Leiter hilft, zu den weit oben lagernden Lebensmittel und dem Wein zu kommen, sie ist gleichzeitig aber auch Instrument im verbalen Kampf zwischen dem Dorfrichter und seinem aufstrebenden Schreiber.
Was ist das für ein ungezügelt, grobschlächtiger Dorfrichter Adam, den Michael Weber (auch Bühne und Kostüme) hier gibt? Oberkörperfrei poltert er herein, das Gesicht ist von zwei großen Platzwunden lädiert, zieht sich seinen Schlafrock über und wirft sich geschafft in sein Bett, die Beine werden nach oben gestreckt. Wie er sich später in der Richterrobe windet und bis zuletzt darum kämpft, die Wahrheit zu verdrängen und zu verhindern, dass sie ans Licht kommt, ist herrlich anzuschauen. Er ist ebenso gerissen wie erbärmlich, in seiner Niedrigkeit fast schon liebenswert. Eve ist gewissermaßen die Gegenfigur. Wie die Eva der Schöpfungsgeschichte ist auch sie am Sündenfall beteiligt, doch nicht als Täterin, sondern als Opfer. Die Analphabetin ist und bleibt rein. Gala Winter verleiht mit viel Emphase der an sich eher blassen Figur ein zauberhaftes Interesse, die sich ihr Geheimnis bewahrt, bis es am Ende aus ihr nur so herausplatzt. Sehr viel mehr Redegewandtheit zeigt Eves Mutter, Frau Marthe Rull, die hier von Reinhold Behling im schwarzen Reifrock gegeben wird. Eine herzlose, selbstbewusste und schlagfertige Verfechterin um ihren zerbrochenen Krug.
Eloquent ist auch der gutartige, wie aufbrausende Verlobte Eves, Ruprecht Tümpel, den facettenreich Jakob Gail spielt. Als selbstsicherer und selbstgefälliger Schreiber Licht zeigt Tino Leo im weißen Faltenrock stets ein lausbubenhaftes Grinsen (und in Doppelbesetzung ein charmantes Lächeln als liebreizende Frau Brigitte). Der ermittelnde Gerichtsrat Walther ist hier nicht als plumper Abgesandter höherer Macht gezeichnet, dem mehr das Glück als die eigenen Fähigkeiten weiterhilft. Als rätselhaftes Wesen im goldenen Mantel und mit verschmiertem Gesicht und Haaren gleicht der Walther der Andreina Coatto fast einer magischen Figur, voller Autorität und analytischem Scharfsinn. Durch die teilweise ungewohnte Rollenbesetzung entfaltet das Stück eine tiefere Dimension, ohne die komischen Elemente zu vernachlässigen. Der letzte Blick ist allein auf den Krug gerichtet, der, wiederhergestellt, für den Glauben an das Gute in der zerrütteten Welt steht.

Markus Gründig, März 11

Antigone
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 18. März 11 (Premiere)

Die Bühne ist von Anfang an offen und in dunkel gehüllt. Vor einer großen Wand hängt ein schwarzer Vorhang, am Bühnenrand liegt ein Körper. Nachdem Licht die Bühne erhellt, ertönt aus den Lautsprechern eine tiefe, kräftige Männerstimme. Wir sind im Theater, die Personen, die nacheinander vortreten, sind die Darsteller, die jetzt „Antigone“ spielen werden. Der Erzähler erweist sich als der Bote. Philip Tiedemann, der am Staatstheater Mainz bereits in 2008 „Ödipus“ und in 2010 „Die Perser“ inszeniert hat, ist „Antigone“ die dritte Umsetzung eines antiken Stoffes. Unter Verwendung der Textfassung von Jean Anouilh aus dem Jahre 1942 zeigt Thiedemann kein großes Antikentheater, sondern stellt kammerspielartig gekonnt den Konflikt zwischen Kreon und Antigone in den Mittelpunkt seiner Interpretation. Das Recht des Einzelnen auf Widerstand gegen die Staatsräson. Wie weit darf Eigennutz gehen, wer ist eigennütziger, Antigone oder ihr Onkel Kreon? Kann man einen Menschen zum Leben zwingen? Diese Fragen der Protagonisten werden unmittelbar an den Zuschauer weitergegeben, wodurch das Stück einen zeitlosen Bezug erhält. Zeitlos sind auch die Bühne und die Kostüme. Zur Antike gibt es nur ganz zarte Andeutungen. Gespielt wird vor einer weißen Wand, die sieben schmale Türen, drei Fenster und einen Dachsims hat (Bühne und Kostüme: Stephan von Wedel). Diese die weiße Hausfront hat eine Struktur, die verschiedene Interpretationen anbietet. Von Spuren im Strand, nachdem eine Welle über den Sand gezogen ist, über einen Blick unter ein Reagenzglas, um die Struktur zu erkennen oder nur um keine glatte Fläche zu zeigen. So ist der Blick ganz auf die Personen konzentriert, bei dem die Figuren der Antigone und des Kreon im Mittelpunkt stehen.
Antigone, Tochter von Ödipus, ist eine Außenseiterin, sie fühlt sich als nicht attraktiv genug, als zu dünn und zu klein. Die Haare (wie auch die von Ismene und der Amme) sind zu dicken Strähnen flach nach hinten gelegt, auch eine kleine Anspielung an archaische Zeiten, die Hände und Füße schmutzig von der Erde, mit der sie ihren Bruder begraben wollte. Pascale Pfeuti zeigt die sensible wie eigensinnige Antigone mit viel Körpereinsatz und Mimik, insbesondere der Augen, die sie oftmals wild und genervt wirkend in alle Richtungen dreht.
Kreon ist wie Antigone hochmütig. Als Herrscher hat er die Macht im Staate zu erhalten und so stellt er persönliches Familienglück hinten an. Stefan Walz gibt ihn mit starker Autorität und feinfühligem Wesen. Für emotionale Wärme sorgen Ismene (Lisa Mies) und die Amme (Monika Dortschy). In weiteren Rollen sind dabei: Stefan Graf (Haimon), Zlatko Maltar (Bote) Felix Mühlen (Wachmann), Johanna Liebrich/Teresa Townsend (Page).
Die Stimme des Volkes, den Chor, lässt Tiedemann verhüllt auftreten und kann so die meisten Rollen doppelt besetzen. Die chorischen Passagen werden sehr gut gesprochen und sind stets etwas mystisch umgesetzt. 
Am Ende hängen im kleinen Türausschnitt plakativ die Beine der Antigone herunter und Haimon starrt nach oben. Ein bedrückendes Bild. Das letzte Wort richtet Kreon aber an das Kind, als Stellvertreter für die Menschheit. Die Darsteller treten vor, das Spiel ist vorbei. Sehr viel Applaus.

Markus Gründig, März 11

nach oben