kulturfreak

Besprechungen: Theater (15)

Kalender Boys
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstelllung: 11. Juli 10

In „Kalender Boys“ geht es heiß her. Geht es doch um Männer, die schnell einen Fitnesscrashkurs ablegen, sich gegenseitig die Pobacken enthaaren und sich aktfotografieren. Liest man die kurze Inhaltsangabe, kommt einem zwangsläufig in den Sinn: Moment einmal, Männer die sich entblättern, dass gab es neben den Chippendales doch auch schon im Film und auf der Bühne („Ganz oder gar nicht“, „The Full Monty“ bzw. „Ladies Night“ – von 2007 bis 2009 bei den Burgfestspielen Bad Vilbel). „Sex sells“ und Frauen machen sowieso den größeren Besucheranteil in den Theatern aus. Warum nicht ein weiteres Stück darüber schreiben, mögen sich wohl auch die Autoren Kay Kruppa und Frank Pinkus gedacht haben, die mit „Kalender Boys“ ein weiteres Männerstripstück geschrieben haben. Trotz mancher Parallele ist es aber kein Abklatsch von „Ganz oder gar nicht“/ „Ladies Night“, sondern ein ganz eigenes Stück in bester Boulevardtheatertradition. In Bad Vilbel fand jetzt die Uraufführung statt und sicher wird auch dieses Stück zu einem Publikumsrenner.


Kalender Boys

Burgfestspiele Bad Vilbel
Svenja (Anna Eger) und Achim (Jan Käfer)
Foto: Eugen Sommer

Die Gruppe der freiwilligen Feuerwehr ist so bunt gemischt wie das Leben selber. Es sind Männer in großer Not, unbeholfen und mehr Pantoffelhelden als Mannsbilder. Getreu ihrem Motto „Alle für einen, einer für alle“ beißen sie sich nicht nur durch Feuerschwaden, sondern überwinden schließlich auch ihr eigenes Ego und sind bereit, sich im Adamskostüm von einer attraktiven Frau für einen Kalender ablichten zu lassen. Daraus entstehen allerhand urkomische Szenen, die das Publikum immer wieder zu lautstarken Lachern und Applaus animieren.
Die Burgbühne wurde für dieses Stück vollkommen eingekleidet und in einen großen Aufenthaltsraum der dörflichen Feuerwehrhalle verwandelt (Ausstattung: Haitger M. Böken). Grün geflieste Wände, verkohlte Fenster und davor ein Schreibtisch, Kühlschrank und Spinde. Christian H. Voss, der erst bei den Endproben die Regie von Ellen Schulz übernommen hat, lässt das Spiel langsam beginnen, doch von Szene zu Szene steigert sich die Spannung. Mit viel Witz und großer Spielleidenschaft geht es bis zum großen finalen Fotoshooting. Die sechs Feuerwehrleute sind detailliert und liebevoll gezeichnet. Peter, der Brandmeister, ist zwar der Älteste, aber auch der erfahrenste und klügste der Truppe. Heinz Harth gibt den Versicherungsvertreter als soliden Ehemann und Familienvater, liberal und offen.
Markant auch sein Sohn Achim, der, wenn er nicht bei den Jungs der freiwilligen Feuerwehr ist, als Speditionskaufmann arbeitet. Sein praller Popo wird ihm fast zum Verhängnis, weil der gegenseitige Bodycheck zunächst gründlich missverstanden wird. Jan Käfer spielt ihn voller Leidenschaft und mit großer Herzenswärme.
Der herzkranke Schuhverkäufer Siegfried, vom Schuhparadies Siegfried Schön, liebt eher die Gemütlichkeit, es reicht, wenn die Anderen sich anstrengen und ihr Fett abtrainieren. Schließlich muss er für seine Uschi fit sein. Vor den Jungs hat er so sein kleines Geheimnis. Thomas Kornack besticht dabei nicht nur mit seinem kleinen Bauch, sondern auch mit starker Mimik (vor allem beim großen Fotoshooting am Ende).
Von sich überzeugt ist der nicht ganz so schlaue Postbeamte und ehemalige Hobbykegler Rudi. Neben Verstand mangelt es ihm auch noch etwas an Erfahrungen, was das andere Geschlecht anbelangt. Cyrus Rahbar gibt ihn als liebenswerten Sonderling. Schwiegermutters Liebling ist der potente Sonnyboy und dreifache Vater Uwe (Dennis Laubenthal). Den größten Einsatz zeigt aber Jens Wachholz als Programmierer Silvio (seinen Laptop ziert kein Apfel, sondern eine Birne). Auch er hat so seine Geheimnisse, die beim Entblättern den Jungs gleich in die Augen springen. Der streng erzogene DDR-Nostalgiker (schaut immer noch die Aktuelle Kamera) ist geübt im Yoga (während der Trainingsszene deutet er u.a. energetische Sonnengrüße an, zeigt galant eine Brücke, Spagat und den Pfau).
Das Huhn im halben Dutzend Männer ist Anna Eger, als überaus attraktive Fotografin Svenja. Kein Wunder dass Uwe da Befürchtungen hat, der grad gegessene Sellerie entfalte möglicherweise viel zu schnell seine aphrodisierende Wirkung.
Svenjas Versprechen, sie schärfer, besser und begehrenswerter als George Clooney erscheinen zu lassen, hat der Truppe der Nicht-Models Flügel verliehen. Ihr Eintreten für die Gemeinschaft und die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, wird beim mit Spannung erwarteten Fotoshooting fett belohnt, denn sie machen alle eine glänzende Figur. Nacheinander werden sie zu Bonnie Tylers „Holding Out for a Hero“ auf einem Wagen hereingeschoben, wobei Frauenträume wahr werden. Ihr „Gemächt“ ist stets verdeckt, sei es von einer Feuerwehrspritze, einem Verkehrsschild oder einem großen Leitkegel. Sie sind einfach super in Szene gesetzt: erotisch, prickelnd und die Phantasie anregend, egal wie dick oder dünn sie nun sind, ob jung oder nicht mehr ganz so jung, ob spindelig und steif oder drahtig und muskulös. Wie viel oder wie wenig man dann tatsächlich sieht, ist vollkommen unerheblich (maximal übrigens ein paar Pobacken). Das Publikum kreischt und begrüßt jeden Feuerwehrhelden einzeln frenetisch und mit tobendem Applaus.
Vielleicht werden ja noch zusätzliche Aufnahmen gemacht, dann kann von dieser Produktion ein Kalender für das Jahr 2011 zu Gunsten der Freiwilligen Feuerwehr Bad Vilbel oder des Förderverein "Besucherinitiative Burgfestspiele Bad Vilbel" aufgelegt werden. Käufer/innen werden sich garantiert genügend finden.

Markus Gründig, Juli 10

Marine Parade
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstelllung: 19. Juni 10 (Premiere)

Gib mir den Blues im „23“

So wenig wie Tschechows als Komödien bezeichnete Stücke dem weitverbreiteten Bild von Komödien entsprechen, so wenig Musical ist im Stück „Marine Parade“ (weshalb Letzteres nach ersten Ankündigungen nun als „Stück mit Musik“ ausgegeben wird). Es ist das neueste Werk des britischen Dramatikers Simon Stephens (bekannt von Stücken wie „Motortown“, „Pornographie“ und „Harper Regan“). Erst im vergangenen Mai wurde es beim Brighton Festival uraufgeführt, die deutschsprachige Erstaufführung erfolgte jetzt als Eröffnungsbeitrag des Staatstheater Mainz zur diesjährigen Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“.
“Marine Parade“ ist bereits das fünfte Stephens-Stück, das Matthias Fontheim als deutschsprachige Erstaufführung bzw. deutsche Erstaufführung inszeniert. Zusammen mit Bühnenbildner Marc Thurow (auch Kostüme) entstand eine die Handlung konterkarierende Szenerie. Vom Hotel „23“ (vom Inhaber Steve einfallsreich nach der Hausnummer benannt), das seine guten Zeiten längst hinter sich gelassen hat, ist, von ein paar Bettlaken und Kissen abgesehen wenig Konkretes zu sehen. Die in den Zuschauerraum hineingezogenen hellen Holzbohlen suggerieren einen liebreizenden maritimen Bezug (der mit eingelegtem Meeresrauschen untermalt wird). Die Bretter führen nach hinten bis in die Höhe, an der in großen Lettern ein Hotel-Neonschild leuchtet (mal mehr, mal weniger, manchmal auch gar nicht). Vor dieser Rückwand ist eine fünfköpfige Liveband platziert, die von Multitalent Sebastian Hernandez-Laverny (Dirigent, Chorleiter-Jazz-Musiker und mehr) geführt, für einen stimmungsvollen Livesound sorgt. Dieser ist von einem intensiven Blues-Gefühl geprägt. Die acht Lieder wurden vom amerikanischen Musiker Mark Eitzel (Leadsänger und Komponist der Band „American Music Club“) geschrieben. Die Schauspieldarsteller singen sie überwiegend unpathetisch, ganz aus ihren desillusionierten Rollen heraus. Eröffnet und beendet wird „Marine Parade“ mit dem Song „Hier bei uns… spürt man immer schon das Lebwohl“, dazwischen sorgen sieben weitere melancholische Balladen zur Verstärkung der wehmütigen Stimmung, die die Menschen im selten ausgelasteten Hotel „23“ auf der Brightoner Marine Parade (also der Strandpromenade) erfasst hat.


Marine Parade - Staatstheater Mainz (Schlussapplaus)
vorne: Simon Stephens und Matthias Fontheimer
Foto: Markus Gründig

Dort gibt es den 35-jährigen, zu viel denkenden Betreiber Steve (Lorenz Klee), der sich stets nur für eine Nacht mit dem aufgeweckten Zimmermädchen Sally (Lisa Mies) einlässt und ihr erst seine Liebe gesteht, als sie ihn verlässt, um in Newcastle zu studieren (Sally: „Mein Leben hätte ich dir geschenkt, doch kein Jahr mehr in Brighton“). Und so ein Hotel bietet natürlich Platz für illustre Paare. So wie für die verzweifelte und hoch verschuldete Claire (Pascale Pfeuti), für die der Exfreund Christopher (Felix Mühlen) die letzte finanzielle Rettung darstellt. Oder für das Paar Alison (Nicole Kersten) und Michael (Marcus Mislin), die seit über 20 Jahren eine Beziehung haben, bei der aber Michael jetzt feststellt, dass dies ein Fehler ist, denn für seine Ehefrau habe er noch noch immer so etwas wie Gefühle (Alison: „Es reicht nicht aus / Ist das ein Witz“). Und für ein junges Paar: der unerfahrenen und aufgeschlossenen Ellie (Katharina Knap) und dem vorsichtig agierenden Gary (Lukas Piloty), deren „erstes Mal“ dann auch weniger spektakulär verläuft, als erwartet („Ich hab geliebt heut Nacht“). Selbst der am Pier sitzende Berufsoptimist Archie (Stefan Walz) scheitert am eigenen Leben, verschweigt er seiner Frau doch bereits seit über sechs Monaten seine Arbeitslosigkeit.
Tschechow lässt grüßen, so in sich selbst gefangen sind die Figuren, das Leben zerrinnt, ohne das etwas Entscheidendes passiert. Und doch gibt es auch lustige Momente, tragikkomische.
„Die größte Liebesgeschichte, die er je geschrieben habe“ sagt Simon Stephens über „Marine Parade“. Diese kleinen Liebesepisoden wurden von Matthias Fontheim und den mit großer Spielfreude aufwartenden Darstellern berührend umgesetzt.

Markus Gründig, Juni 10

The Fox
English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 4. Mai 10

Bevor die DramaClub-Produktion „Brave New World“ die 30. Jubiläumsspielzeit des English Theatre Frankfurt im Juni beschließen wird, zeigt das Haus eine deutsche Erstaufführung: „The Fox“ („Der Fuchs“) von Allan Miller. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von David Herbert Lawrence, der im Jahr 1923 veröffentlicht wurde. Die Dramatisierung von Allan Miller (geb. 1929, Autor, Schauspieler und Regisseur; der an Lee Strasbergs legendärem Actors Studio u.a. Meryl Streep und Barbra Streisand unterrichtete) wurde im Jahr 1981 uraufgeführt.
Mit lediglich drei Rollen hat es einen deutlichen Kammerspielcharakter. Die phantastische Inszenierung des English Theatre Frankfurt adelt es aber zu einem großem Bühnenwerk. Erneut wurde auf die relativ kleine Bühne des Hauses ein großartiges Bühnenbild gestellt. Es zeigt gleichzeitig das Innere und das Äußere von Jill und Ellens einfachem und gemütlichem Waldhaus (mit einem Pumpbrunnen, Holzstapeln und Erde davor). Eine Holzleiter führt von der Wohnstube (mit Kamin und zwei roten Ohrensesseln) zum Dachboden, dessen große Fenster auf das Publikum ausgerichtet sind. Baumstämmen deuten den nahen Wald an, der mitunter auch an der Rückwand zu sehen ist. Auch der Mond setzt die Szenerie einmal zusätzlich in eine mysteriöse Stimmung. Innen ist es hell, warm und kuschelig, draußen ist es dunkel, schließlich lauert da die Gefahr. Diese Grundstimmung wurde schon rein äußerlich vortrefflich umgesetzt, zusätzliche Klangkollagen (wie von entfernt bellenden Hunden) untermauern die spannungsgeladene Atmosphäre (Bühne: Diego Pitarch, Licht: Frank Kaster).


The Fox

English Theatre Frankfurt
Ein Fuchs (John McKeever) und Ellen (Rebecca Reaney)
Foto: Anja Kühn

Allan Millers Dramatisierung wurde vorgeworfen, gerade im ersten Teil etwas kraftlos und spannungsarm zu sein. Dass man dies bei der Inszenierung des English Theatre Frankfurt zu keiner Sekunde empfindet, ist das Verdienst des Regisseurs Ryan McBride, der mit „The Fox“ bereits das 5. Stück am English Theatre Frankfurt inszeniert (und sich somit fast zum Hausregisseur gemausert hat). Abweichend von Millers Drama hat McBride Traumsequenzen szenisch eingebaut (die im Buch allerdings erwähnt sind). Es sind Altraumsequenzen von Ellen, die dem Fuchs in die Augen schaut und, obwohl er ihr Feind ist und getötet werden muss, ihn dennoch nicht umbringt. Später wird sie von ihm im Traum verführt.
Drei sehr unterschiedliche Darsteller sorgen für zwei spannende Stunden, bei denen es immer wieder darum geht, Macht über den Anderen zu gewinnen und seine eigene Position zu verteidigen.
Emely Pollet gibt eine sympathische und warmherzige Jill. Eine Frau, der Leidenschaft und Sensualität fremd ist, die sich umso mehr ihren häuslichen Pflichten hingibt. Konträr dazu die kühle, scheue, ja extrem verschlossene Ellen der Rebecca Reaney. Anfangs mit einer Nuance zuviel an Bärbeißigkeit, merkt man ihr schon bald an, dass unter ihrer rauen Oberfläche eine tiefe Emotionalität nur darauf wartet, freigelegt zu werden. Mit John McKeever wurde die Rolle des Henry perfekt besetzt. Einerseits strahlt er ganz die für diese Rolle vorgesehene Jugendlichkeit, ja beinahe kindliche Unschuld aus, andererseits zeigt er aber auch seine starke virile Seite.
Am Ende hält sich McBride stark an die Vorlage mit ihrer längst überholten moralischen Vorstellung. Hier wäre auch ein anderes Ende denkbar gewesen. Gezeigt wird aber Lawrences Weltanschauung (Henry Miller bezeichnete das Gesamtwerk D.H. Lawrences als ein einziges überlebensgroßes Selbstporträt), wonach der Mann auch vor unmoralischen Taten nicht zurückzuschrecken braucht, um seine Leidenschaft erfüllt zu bekommen, die Frau hat sich widerspruchslos zu fügen. Gleichzeitig wird der heterosexuelle Liebesakt als einzig gültiger Weg betrachtet. Für eine Fortsetzung einer, wie auch immer gearteten, Beziehung zwischen Jill und Ellen bleibt leider kein Platz.

Markus Gründig, Mai 10

Tartuffe
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstelung: 17. April 10 (Premiere)

Nach einem allein schon vom Bühnenbild aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fallenden „Der Diener zweier Herren“ im Bockenheimer Depot (mit einer Zirkusarena als Spielfläche), zeigt das Schauspiel Frankfurt nun, als letzte Neuinszenierung der Spielzeit im Schauspielhaus, eine weitere klassische Komödie: Molières „Tartuffe“. Mit dem Stück wurde schon im 17. Jahrhundert den bürgerlichen Scheinfrommen ein Spiegel vorgehalten. Molières Klassiker war in Frankfurt zuletzt in der hessischen Fassung von Wolfgang Deichsel bei „Barock am Main“ mit Michael Quast in der Titelrolle zu erleben.


Tartuffe
Schauspiel Frankfurt
Elmire (Franziska Junge), Tartuffe (Wolfgang Michael), Damis (Isaak Dentler)
© Birgit Hupfeld

Auch bei dieser vollkommen barockfreien Neuinszenierung am Schauspiel Frankfurt, die eine moderne Übersetzung des Dramaturgen Wolfgang Wiens verwendet, überrascht zunächst das Bühnenbild. Auf weiter Fläche hat Volker Hintermeier ein herrschaftliches, mondänes Wohnzimmer von heute platziert. Mit hohen Fenstern, eleganten Gardinen, Couchlandschaft mit Lounge-Charakter, Kronleuchter, einem Flügel und Stehlampen. Der Raum ist stimmungsvoll ausgeleuchtet (Jan Walther), ob der schönen Szenerie wähnt man sich für kurze Augenblicke im benachbarten Boulevardtheater (oder auch wie in manch einer Operninszenierung). Schon kurz darauf wird ein weißer Vorhang wellenförmig vor dieses Wohnzimmer gezogen. Er reduziert die Spielfläche bis kurz vor das Schlussbild, auf eine übliche, schmale und weitestgehend leere Rampenfläche (es verbleiben lediglich ein paar Sitzelemente und ein Couchtisch).
Zu Beginn des Stücks, noch im eleganten Wohnzimmer, sind die meisten Beteiligten bereits präsent. Das Liebespaar Mariane (zwischen väterlichem Gehorsam und den eigenen Gefühlen hin und her gerissen: Henriette Blumenau) und Valére (mit jugendlicher Unbeholfenheit: Christoph Pütthoff) singt am Flügel wehmütig ein Lied, melancholisch bevorstehendes Unheil vorankündigend. Das singen sie gar dreimal, während die anderen wie versteinert da stehen. Für den Zuschauer genügend Zeit, den Alltag hinter sich zu lassen und sich ganz auf das bevorstehende Spiel einzulassen. Das sodann Cléante (behutsam: Sébastien Jacobi) eröffnet. Molières Text wird in Versform zunächst extrem verlangsamt und überdeutlich deklamiert. Wie auch das Spiel zunächst mit großen Gesten übertrieben dargeboten wird. Scheinbar will Regisseur Staffan Valdemar Holm (der sich mit dieser Produktion am Schauspiel Frankfurt vorstellt; ab der Saison 2011/12 wird er Nachfolger von Amélie Niermayer als Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses) es dem Zuschauer erleichtern, sich auf Molières Welt einzulassen. Schon bald sorgen ersten Lacher im Zuschauerraum für eine ausgelassene Stimmung.
Auf dem Flügel im Wohnzimmer befindet sich eine Vase mit weißen Calla Blumen. Die Calla steht als Sinnbild für Schönheit und Bewunderung. Und mit Bewunderung ist noch milde ausgedrückt, was der unselige Orgon (als gewissenhafter, moderner Geschäftsmann total verblendet: Michael Abendroth) für Tartuffe empfindet. Obsession passt da schon besser, auch wenn Regisseur Holm keine deutlichen Hinweise gibt, was nun Tartuffes magische Anziehungskraft ausmacht. Rein äußerlich gibt ihn Wolfgang Michael zunächst eher als hilfsbedürftigen Sonderling, der zudem schlecht zu verstehen ist. Doch von Äußerlichkeiten darf man sich nicht täuschen lassen, er hat es dicke hinter den Ohren. Einen dicken Bauch hat er dagegen nicht, ganz im Gegenteil. Davon kann sich Elmire überzeugen, die von Franziska Junge mit Stil und Klasse gegeben wird. Sohn Damis (stürmisch: Isaak Dentler) kämpft vehement gegen den Betrüger Tartuffe an. Als Powerfrau glänzt Josefin Platt in der Rolle der klar denkenden Zofe Dorine.
Das Stück endet hier nicht mit der üblichen Aufdeckung der wahren Gesinnung und Verhaftung Tartuffes, sondern bereits mit dessen Triumph über Orgon. Zu diesem Zeitpunkt, nach 90 pausenlosen Minuten, hat das starke Schauspielensemble bereits den Beweis erbracht, dass es noch immer Spaß macht, sich über das Unvermögen anderer zu amüsieren.

Markus Gründig, April 10

Lulu
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 26. März 10 (Premiere)

Lulu – Realität gewordene Männerphantasie par excellence: perfekte Liebespartnerin,: Femme fatale, Kindfrau, Jungfrau, Hure… Die Figur der Lulu ist weit über Wedekinds Stück hinaus zu einem Synonym geworden. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Frank Wedekind (1864-1918) vor allem eins wichtig war: ein freier Umgang mit der Sexualität (denn in der Natur gibt es keine unanständigen Vorgänge).
Das Stück wurde von ihm mehrfach formal und stilistisch bearbeitet, da es immer wieder von der Zensur betroffen war. Dem ersten Entwurf folgte eine Aufteilung in die Stücke „Der Erdgeist“ (1898) und „Die Büchse der Pandora“ (1904), um schließlich 1913 wieder zu einer Tragödie zusammengefügt zu werden.


Lulu
Schauspiel Frankfurt
Lulu (Kathleen Morgeneyer), Schigolch (Michael Benthin)
Foto: Alexander Hoppe

Die Frankfurter Neuinszenierung von Stephan Kinmmig (der bisher u. a. am Deutschen Theater in Berlin, am Thalia-Theater in Hamburg und am Wiener Burgtheater inszenierte und sich mit dieser „Lulu“ erstmals in Frankfurt vorstellt) bezieht sich auf den ursprünglichen Text und zeigt fünf Akte, mit Stationen in Wien, Paris und London (die Uraufführung dieser Fassung erfolgte erst 1988 durch Peter Zadek am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg).
Ortsangaben erfolgen lediglich in Form von Diaprojektionen, ansonsten zeigt die Bühne von Martin Zehetgruber fast ausschließlich leere weiße Räume, die sich geschickt in der Tiefe verändern oder einen Spalt öffnen. Die Szenerie ist fast die ganze Zeit über extrem hell ausgeleuchtet (Licht: Johan Delaere). Intime Rückzugsorte gibt es nicht. Plakativ wird der weißen Unschuld die extreme Figur der Lulu gegenübergestellt. Im ersten Akt als Ehefrau von Dr. Goll noch für wenige Augenblicke im strengen Kostüm, läßt sie schon bald alle Hüllen fallen, einzig ein halbes Dutzend Ketten als Körperschutz tragend. Kathleen Morgeneyer gibt sich schonungslos dieser Rolle hin, so wie sich Lulu den Gelegenheiten und dem Markt hingibt. Kindlich verspielt, hüpft und tanzt sie herum, lustvoll mit allen Körperteilen alles verschlingend, was ihr an Männern zu Gesicht kommt. Das von ihr ausgehende Unheil passiert mehr so nebenbei, fast zufällig. Und die Männer um sie herum sind extrem auf äußerliche Reize, ihre Nacktheit und Unbekümmertheit fixiert. Am deutlichsten zeigt dies mit obsessiven Zügen Michael Goldberg als Kunstmaler Eduard Schwarz. Dagegen kommt der von Till Weinheimer gespielte Dr. Franz Schöning mit geschäftsmäßiger Routiniertheit daher. Sein Sohn Alwa (Andreas Uhse) ist umso verstörter ob all der Reize. Entspannter dagegen ist der Rodrigo Quast des Viktor Tremmel und Joachim Nimtz mimt als Casti-Piani einen italienischen Mafiosi, der sich an Lulus Geheimnis bereichern will. Mit kühler Zurückhaltung schließlich Torben Kessler als Jack the Ripper, der als einer der wenigen Lulu nicht verfällt. Bezugspunkt Lulus mit dunkler Vorgeschichte ist ihr Vater (eindringlich: Michael Bentlin).
Lulu ist nicht nur die große Verführerin, die Männer, die sie liebte, sterben nur so unter ihren Fingern. Und so fließt reichlich Blut, werden Rasiermesser gezückt und Schüsse abgefeuert. Am Ende zeugt ein Meer von aufeinandergehäuften Schaufensterpuppen von all den Opfern Lulus. Darunter befinden sich nicht nur männliche, sondern auch weibliche. Denn gleichgeschlechtliche Liebe ist auch Teil natürlicher Sexualität (wenn auch von einem kleineren Teil). Und so hat Wedekind mit der Figur der Gräfin von Geschwitz den Kreis der an Lulu Verfallenen eine Frau an die Seite gestellt. Constanze Becker spielt sie ganz als liebende Frau, leidenschaftlich begehrend, förmlich zergehend, aber im Wissen um die Unmöglichkeit der Traumerfüllung gleichzeitig ungemein beherrscht, kontrolliert und traurig.
Ein Jahrhundert nach der Urfassung der Lulu ist das Thema freier Umgang mit der Sexualität nicht abgeschlossen, auch wenn sich die äußeren Bedingungen und gesellschaftlichen Einstellungen wesentlich geändert haben. Täglich neue Schreckensmeldungen aus kirchlichen Kreisen und Internaten sind nur ein kleiner Teil all der unausgesprochenen Probleme, die die Menschheit auch im 21. Jahrhundert noch mit der Sexualität hat. Stephan Kimmigs in die Gegenwart versetzte „Lulu“ unterhält, macht betroffen und schockiert, auch wenn hier gerade nichts unterdrückt wird oder unausgesprochen bleibt. Am Ende tiefe Betroffenheit ob Lulus Blut, auch wenn jeder weiß, dass es so kommen musste.

Markus Gründig, März 10

Der Diener zweier Herren
Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot
Besuchte Vorstellung: 19. März 10

„Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsere einsamen Stunden vergiftet,
wenn uns Welt und Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seele drücken
und unsre Reizbarkeit unter Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne –
in dieser künstlichen Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wieder gegeben,
unsre Empfindung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur und treiben das Blut in frischeren Wallungen.“
(Friedrich Schiller in „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“)

Diese Inszenierung polarisiert wie keine andere in der noch jungen Intendanz von Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt. Entweder man liebt sie oder kann rein gar nichts damit anfangen. Auch die Kritiker der Tageszeitungen waren nach der Premiere gespalten. Für die einen ist sie eine Beleidigung der Zuschau-Intelligenz und Betrug, andere sehen darin Frankfurts Renner der Saison. Am Stück liegt es jedenfalls nicht, denn Goldonis „Diener zweier Herren“ ist ein Komödienklassiker, der im Herbst 1745 in Mailand uraufgeführt wurde. Es ist ein gern gespieltes Stück, bietet die Komödie doch ein unterhaltsames Rollentauschspiel, das es auch Theater Fernstehenden leicht macht, sich mal eine Aufführung anzuschauen.
Wer bei der Inszenierung von Andreas Kriegenburg althergebrachtes Schauspiel erwartet, mit tiefgründigen Dialogen und ebensolchen geistigen Herausforderungen, wird enttäuscht sein. Vom Zuschauer gefordert ist vielmehr ein offenes Herz und die Bereitschaft, sich dem intensiven Spiel des Schauspielerkollektivs hinzugeben: um in eine Welt der großen Gefühle und der Träume einzutauchen. Schließlich ist Andreas Kriegenburg der „Stilist unter den zeitgenössischen Theatermachern“ (wie Peter Michalzik in seinem Buch „Die sind ja nackt! – Gebrauchsanweisung fürs Theater“ anmerkt) und für manche, ob seiner großen Gefühlsaufwühlereien, deren größte „Heulsuse“.


Diener zweier Herren
Schauspiel Frankfurt
Ensemble
Foto: Alexander Hoppe

Bevor die Darsteller im Stile des Cirque du Soleil beginnen, das Publikum auf den Abend einzustimmen, sie von ihrem Alltag in einen imaginären Raum zu führen, fällt das ungewöhnliche Bühnenbild auf. Zu sehen gibt es weder das Haus des Kaufmanns Pandolfo oder noch Tebaldos Gasthof in Venedig. Vielmehr ist der Zuschauer Gast in einem großen Zirkuszelt, das Harald Thor als Spielfläche in das Bockenheimer Depot aufgezogen hat. Mit einem steil abfallenden Trichter und einer spitz zulaufenden kleinen schrägen Drehbühne in der Mitte. Zu- und Abgänge erfolgen über die Empore des Trichters oder über die Seiten. Trotz des Verzichts auf einen realen Ort vermittelt das Bühnenbild und die weiße Kleidung der Darsteller mediterranes Ambiente und Wärme (Kostüme: Katharina Kownatzki, Licht: Frank Kraus).

Die Darsteller sind nicht nur mit intensivem Spiel gefordert (der dem der Frankfurter Dramatischen Bühne ähnelt), sondern auch musikalisch und artistisch. Ein großer metallener Reif gleitet wie für eine Varieténummer vom Bühnenhimmel herab. Er dient Rosaura und Blandina als Platz für verträumte und melancholische Momente. Später auch als Computertomograf und Pandolfos Flugobjekt über die Köpfe des Publikums. Derartige Verfremdungen gibt es mehrfach, so wird u.a. ein großer Ballon mal plötzlich zum Airbag. Varietéreif ist die Nummer mit Truffadinos durchbohrter Brust, durch die Fäden gezogen werden oder durch die Mundharmonika gespielt wird. Auf eine zeitgemäße Übersetzung wurde verzichtet, verwendet wird die alte deutsche Textfassung von Friedrich Ludwig Schröder aus dem Jahre 1794. Dennoch sind heutige Elemente eingewoben, wie Textfragmente aus Schlagern.
Eigentlich stellt „Diener zweier Herren“ die Rolle des Truffaldino in den Mittelpunkt. Bei dieser Inszenierung von Andreas Kriegenburg gibt es jedoch keine Hauptrolle. Jeder Darsteller bringt sich ganz ein und so ist ein äußerst rundes, harmonisches, ja fast familiäres Team zu sehen (es spielen: Bettina Hoppe, Thomas Huber, Henrike Johanna Jörissen, Nils Kahnwald, Roland Koch, Sascha Nathan, Mathis Reinhardt, Christian Bo Salle und Valery Tscheplanowa).

Kriegenburg verbindet die Welt des Theaters lustvoll mit der Welt des Zirkus, der Illusion, der Täuschung, der Verführung und der Sehnsucht. Das geht natürlich zulasten der Vorlage. Wird die Werktreue durch die vielen Regieeinfälle und die Umwandlung des Gesprochenen zum Gefühlszustand (von Publikumsansprachen in Englisch, bis hin zu einer unverständlichen Kunstsprache) ad absurdum geführt oder erfüllt sich gerade darin eine gelungene Wiederbelebung eines Schauspielstils im Sinne der Commedia dell`Arte?
Wer vor dem Theaterbesuch den Inhalt nicht kennt, wird hinterher vom Stück nicht sehr viel mehr wissen. Hat man sich auf dieses Spiel eingelassen, hat man jedoch zweifelsfrei einen großen Gewinn aus, und Spaß an diesem virtuosen Abend: an dem neu geschaffenen Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Comedy und Chanson.

Markus Gründig, März 10

Bleib mein schlagendes Herz
Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M und der Hessischen Theaterakademie
Besuchte Vorstelllung: 13. März 10 (Uraufführung/Premiere)

“Jugend ohne Gott“ hieß es einst bei Ödön von Horváth. „Jugend ohne Sinn“ könnte es bei Juliane Kanns neuestem Stück heißen, exakter „Junge Erwachsene ohne Sinn“, denn in ihrem Stück steht die gefährdete Species Homo sapiens in ihrem besten Alter in Gefahr: die Mittzwanziger. Orientierungslos, überfordert von der Realität, verwöhnt und nicht für das Leben vorbereitet, voller Bindungsangst und Liebessehnsucht, erfasst sie weit vor der Midlife-Crisis die sogenannte Quarterlife Crisis (QLC).


Bleib mein schlagendes Herz
Schauspiel Frankfurt in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M
v.l.n.r. Cyril Sjöström, Denise Matthey, Sigrid Dispert, Peter Volksdorf
© Birgit Hupfeld

Juliane Kann erzählt in diesem als Auftragsarbeit für das Schauspiel Frankfurt geschriebenen Stück keine Geschichte. Es sind kleine Miniaturen, die Episoden von neun Protagonisten zeigen (allesamt von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/M, Ausbildungsbereich Schauspiel kommend).
“Bleib mein schlagendes Herz“ ist Teil von Juliane Kanns Triologie „Kommen Gehen Bleiben“.
Da ist beispielsweise Julischka (Rebekka Aue), die in ihrem Froschprinzessinenkostüm als die Liebessehnsüchtigste erscheint. Als Prostituierte ist sie nur fähig, es der Kundschaft richtig hart zu besorgen. Kuschelsex? Von wegen! Danka (Liza Jakob) versenkt sich lieber in ihrem Tüllkleid, als ihr Leben in die Hand zu nehmen, heiraten tut sie nur, um ihre Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Die junge Mutter Larissa (Denise Matthey) ist vollkommen überfordert, ist sie doch selbst noch fast ein Kind. Gitte (Sigrid Dispert) ist zu klein, um Model werden zu können und Lucy (Luise Audersch) hat Krebs und noch tausend andere Krankheiten. Bei den Kerlen sieht es nicht besser aus: Der eifrig singende Tilman (Daniel Kozian), Schreiber Symon (Peter Volksdorf), Gelegenheitsdieb Caspar (Cyril Sjöström) und der Autoscooter Betreiber Eddie (David Müller), sie alle kämpfen sich wacker durch den Lebensdschungel.
Gespielt wird auf schmalen Stegen, auf einer vierstufigen, bis in den Bühnenhimmel ragenden, hellblauen Anlage (Bühne und Kostüme: Claudia Kalinski). Regisseurin Daniela Löffner lässt die neun Darsteller zu Beginn wie Aliens aus dem Bühnenboden heraufkraxeln, sie bleiben alle die gesamte 1,5-Stunden-Spielzeit über präsent und sitzen dem Publikum fast Aug in Aug gegenüber. Das schafft eine dichte Atmosphäre, die vom leidenschaftlichen Spiel des Schauspielnachwuchses begleitet wird. Junge Menschen ohne Sinn und Ziel? Zumindest diese neun Studenten der Frankfurter Hochschule beweisen mit ihrem Entschluss für den Beruf des Schauspielers eine gehörige Portion Idealismus.

Markus Gründig, März 10

Die 39 Stufen
Fritz Rémond Theater Frankfurt
Besuchte Vorstelllung: 12. März 10 (Premiere)

Im März 1996 feierte Claus Helmer sein 50-jähriges Bühnenjubiläum, im März 2010 sein 15-jähriges Direktionsjubiläum im Frankfurter Fritz Rémond Theater, dem Haus, in dem er 1965 (damals war es noch das „Kleine Theater im Zoo“) an der Seite von Fritz Rémond in „Telemachos Clay“ erstmals spielte. Durch sein außerordentliches, auch finanzielles, Engagement konnte das traditionsreiche Haus, an dem schon Größen wie Karlheinz Böhm, Martin Held, Curd Jürgens, Hans-Joachim Kulenkampff, Inge Meysel und Heinz Rühmann gespielt haben, gerettet werden. Und so waren zur Premiere der Jubiläumsinszenierung viele Freunde und Weggefährten gekommen, aber auch Vertreter der Stadt, die mit ihren Besuch ihre Anerkennung und ihren Dank ausdrückten. Allen voran Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, Stadtverordnetenvorsteher Karlheinz Bührmann und Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth.
Zu seinem 15-jährigen Direktionsjubiläum im Frankfurter Fritz Rémond Theater inszenierte Claus Helmer jetzt ein ganz besonderes Stück: „Die 39 Stufen“ nach dem Buch von John Buchan und Alfred Hitchcocks Film von 1935, das vom Autorenteam Patrick Barlow, Simon Corble und Nobby Dimon für die Bühne bearbeitet wurde und seine Uraufführung 2006 in London hatte. Das Besondere hierbei: Vier Darsteller (1 Dame, 3 Herren) spielen über 100 Rollen, wie einen Conférencier, Bäckermeister, Bobby, Bauer, Dessousverkäufer, Hausfrau, Rezeptionist. Erschwerend kommt hinzu, dass die Handlung nicht nur in einem Londoner Theater, einer Wohnung und auf der Straße spielt, sondern auch in einem Auto, in der Eisenbahn und in verschiedenen Orten der Schottischen Highlands. Claus Helmer, sein Ausstatter Marc Löhrer und das gesamte Team des Fritz Rémond Theaters haben in unermüdlicher Arbeit eine Inszenierung geschaffen, die all diesen Ansprüchen an Ort und Personen gerecht wird. Auf der Bühne des Theaters ist im Laufe des Abends alles zu erleben, was aus dem Film bekannt ist: Die Szene im Londoner Palladium Theater fehlt ebenso wenig, wie die Fahrt im "Flying Scotsman" (dem zwischen London und Edinburgh verkehrenden Schnellzug) und die Flucht über die Forth-Bridge (Eisenbahnbrücke zwischen den schottischen Lowlands und den Highlands), noch die berühmte Handschellen-Szene im Gasthaus. Dabei zeigt das Theater viel getreue Detailarbeit mit hohem Wiedererkennungsfaktor, sei es in Hannays Wohnung (mit den von Tüchern bedeckten Möbeln), der Mantel von Annabella (mit weißer Schärpe) oder in der schottischen Gaststube (in die die Hausherrin Whiskey und Sandwiches auf einem Tablett in das Zimmer von Pamela und Richard hereinträgt).
Das meiste wird freilich nur angedeutet und das macht den großen Reiz dieser rasanten Inszenierung aus. Wie eine kleine Eisenbahn über die Bühne fährt, Richard Hannay an der riesigen Forth-Bridge hängt oder wenn mit Schattenspiel die Flucht durch die Highlands gezeigt wird. Ein Feuerwerk an Slapstick wird hier geboten (akustisch unterstützt von allerlei Soundeffekten), eingebunden in eine spannende Geschichte, schließlich will der Kanadier Richard Hannay seine Unschuld beweisen und das Rätsel der 39 Stufen lösen. Jerry Marwig gibt ihn mit britischem Understatement. Die Frauen an seiner Seite spielt Isabel Scholz facettenreich: als mysteriöse Agentin Annabella mit osteuropäischem Dialekt, als attraktive Landpomeranze Margaret und als ihn nicht loslassende Zufallsbekanntschaft Pamela. Die meisten Rollen teilen sich jedoch bravourös Stefan Schneider und Gerhard Mohr (wie Putzfrau, Kontrolleur, Professor Jordan, Landwirt oder Mann mit einem phänomenalen Gedächtnis, aber auch Moor und Felsspalte).
Am Ende nicht nur langanhaltender Applaus, sondern auch eine persönliche Dankesrede der Oberbürgermeisterin Petra Roth an Claus Helmer.

Markus Gründig, März 10

An Ideal Husband
English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 26. Februar 10 (Premiere)

”There is nothing but love”

”A man’s life is of more value than a woman’s.” („Das Leben eines Mannes ist mehr wert als das einer Frau.“) Dieser Satz von Lady Chiltern bringt das herrschende patriarchalische Rollenverständnis am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Punkt. Diese Zeit des viktorianischen Bürgertums ist vielen vor allem durch die britische 70er Jahre TV-Serie „Das Haus am Eaton Place“ bekannt. Oscar Wilde (1854-1900), erfolgreicher Schriftsteller und exaltierter Dandy, geißelt in seinen Stücken die Konventionen dieser Epoche, so auch in „An Ideal Husband“, aus dem der Eingangssatz stammt. Dies geschieht freilich nicht so direkt, wie man Kritik heute ausdrücken würde. Er kleidet das Ganze in geistreiche, geschliffene Dialoge, mit vielen spitzen Noten.


An Ideal Husband
English Theatre Frankfurt
Viscount Goring (Gregory Finnegan) und Robert Chiltern (Richard Grieve)
Foto: Anja Kühn

Das English Theatre Frankfurt setzt damit seine erfolgreiche Jubiläumsspielzeit (30 Jahre) fort. Im größten englischsprachigen Theater auf dem Kontinent werden Stücke meist sehr nah am Originaltext inszeniert, oftmals mit entsprechenden historisch anmutenden Bühnenbildern. So konnte man eigentlich auch für „An Ideal Husband“, das in den Häusern der wohlhabenden Herren Sir Robert Chiltern und Viscount Goring spielt, von entsprechend viktorianisch gestalteten Szenerien ausgehen. Doch nach einem Louis Seize Sofa und einem französischen Wandteppich (wie von Wilde vorgesehen) sucht man auf der nahezu leeren Einheitsbühne von Bob Bailey vergeblich. Diese gibt sich ganz nüchtern, aber in mondäner Eleganz: in Form von glänzenden schwarzen Wänden (zum Teil leicht versetzt) und ebensolchen Bodenplatten. Historischen Bezug nehmen nur sechs Stühle und ein Kronleuchter. Dennoch geht von diesem schlichten Raum eine eigentümliche Faszination aus. Historisierend sind auch die aufwändigen Kleider der Damen (Kostüm-Design: Constanze Walldorf), sowie deren Frisuren und ausgefallenen Hüte.
Die kurzweilige Geschichte um Liebe und Intrige, um Lug und Trug, lässt Regisseur Simon Green mit großer Emphase spielen. Vier Figuren stehen im Mittelpunkt: Das „ideale Ehepaar“ Chiltern, der fehlerfreie Dandy Goring und die Intrigantin Mrs. Cheveley.
Sarah Desmond gibt die Lady Chiltern ganz als Dame der „besseren Gesellschaft“: förmlich, leichtgläubig und bedingungslos ihren Mann verehrend. Kein Wunder, dass sie bei Bekannt werden der dunklen Vorgeschichte ihres Mannes zusammenbricht. Den Mann, der sein Vermögen auf betrügerischen Geschäften gründete, spielt Richard Grieve mit aristokratischen Zügen. Am Ende ist er geläutert und erkennt die Bedeutung der Liebe: „I used to think ambition the great thing. It is not. Love is the great thing in the world. There is nothing but love." („"Ich hielt Ehrgeiz für das Größte, aber das war falsch. Liebe ist das Größte auf der Welt. Es gibt nichts als Liebe.").
Kunstvoller Jongleur im Spannungsfeld der zwischenmenschlichen Beziehungen, der zu guter Letzt auch noch sein eigenes Liebesglück findet, ist Viscount Goring (charmant: Gregory Finnegan). Wie kein anderer spiegelt er die geschwätzige, aber letztlich nichts sagende höhere Gesellschaft wider: I love talking about nothing […]. It is the only thing I know anything about." („Am liebsten spreche ich von nichts, denn das ist das Einzige, wovon ich wirklich etwas verstehe.").
Die Mrs. Cheveley der Emma Pallant ist mit ihrer bösen Art die interessanteste Figur. Mit Witz und Sympathie überzeugen Hayward Morse (The Earl of Caversham), Marjorie Hayward (Lady Markby) und Ellie Turner (Miss Mabel Chiltern).
Das Stück handelt lediglich während einer Zeitspanne von 24 Stunden. Am English Theatre Frankfurt wird es in zwei Stunden bester klassischer Unterhaltung gegeben.

Markus Gründig, Feb. 10

Die Pest
Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot
Besuchte Vorstellung: 30. Januar 10 (Premiere)

Schon Mitte Januar war nicht nur die Premiere von „Die Pest“ ausverkauft, sondern auch alle Folgevorstellungen im Februar (der Vorverkauf für den März startet erst am 10. Februar). Dabei hatte es für dieses Stück keine Werbung gegeben, lediglich Hinweise im Spielplan. Scheinbar übt Albert Camus noch immer eine besondere Anziehung aus, auch wenn Anfang des Monats bereits seines 50. Todestages gedacht wurde (er starb am frühen Nachmittag des 4. Januar 1960 bei einem Autounfall südlich von Paris: der dunkelgrüne Facel Véga seines Verlegers, mit Camus auf dem Beifahrersitz, prallte auf einer von Platanen gesäumten Strasse gegen einen Baum und wurde dabei total zerstört, vermutlich war bei hoher Geschwindigkeit zuvor ein Reifen geplatzt).

Obwohl Camus auch Theaterstücke geschrieben hat (wie „Caligula“ und „Die Gerechten“), sind es vor allem seine Erzählungen und Romane, die ihm früh Weltruhm und 1957 den Literaturnobelpreis eingebracht haben. Für seinen Roman „Die Pest“ erhielt Camus im Jahr 1947 den französischen Literaturpreis „Prix des Critiques“ (der Roman erschien im gleichen Jahr, also relativ kurz nach dem 2. Weltkrieg).
Auch wenn er sich selbst nicht als Vertreter des Existenzialismus sah, wird Camus heute dennoch dieser literarisch-philosophischen Strömung zugerechnet und „Die Pest“ gilt als eines ihrer Hauptwerke. Camus modifiziert in diesem Roman sein Konzept der Absurdität (wonach der Zerfall tradierter Wertvorstellung zur Sinnlosigkeit des Lebens führt). Erfahrungen während seiner Tätigkeit für die Résistance führten ihn zu der Überzeugung, dass es sich trotz aller Widersprüche des Lebens und Seins lohnt, mit Taten gegen die Sinnlosigkeit des Lebens anzukämpfen.


Die Pest

Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot
Dr. Bernard Rieux (Martin Rentzsch)
Foto: Alexander Paul Englert

Vordergründig geht es im Roman um die Bedrohung durch eine Krankheit, die Pest. Heute würde er vielleicht den HIV-Virus oder den Influenza-A-Virus H1N1 („Schweinegrippe“) verwenden. Auch die jüngste Kriegserfahrung und Nazibesetzung Frankreichs sind im Roman unverkennbar. Doch hinter dieser Folie geht es um das Verhalten des Menschen in Grenzsituationen, in Situationen ohne Kompromiss, wo über den gegenwärtigen Augenblick hinaus nicht geplant werden kann, wo es keine Zukunft und somit keinen Sinn mehr gibt.
Die Hinnahme des Gegebenen ist in der Person des Atheisten und Aufklärer Rieux („Das Unheil der Welt kommt von der Unwissenheit“) verkörpert, die Möglichkeit der Vermeidbarkeit des Gegebenen im Jesuitenpater Paneloux. Angesichts des sinnlosen Todes eines Kindes erweisen sich beide Richtungen als unzulänglich. Was also, wenn eine derartige Grenzsituation zur Dauerbelastung wird? Die Quellen des Bösen, Gleichgültigkeit, Abstumpfung und eine allgemeine Nivellierung stellen sich ein. Kein Leben ohne Hoffnung, wie aber ohne Hoffnung leben? In friedlichen, normalen Zeiten gibt es weniger Grenzsituationen, das Böse lauert aber immer und überall. Umso mehr zählt Solidarität und guter Wille, auch wenn beides nicht immer ausreicht.

Die Aufführungen von „Die Pest“ finden im Bockenheimer Depot statt. Allerdings wird die besondere Atmosphäre des ehemaligen Strassenbahndepots mit seinem Kirchenschiff ähnlichen Baukörper nicht genutzt. In einer Seitenecke wurde eine Tribüne für das Publikum aufgestellt, die nach hinten abfallende Bühnenfläche ist ein quadratischer Kasten, der aus leicht abgenutzten weißen Wänden besteht. Ein Schreibtisch mit Telefon und Ventilator links für den Doktor, eine Waschmaschine rechts und ein paar Stühle, mehr gibt es nicht an Ausstattung (dafür noch ein großes Fenster auf der Rückwand, hinter dem bei der Szene mit dem sinnlosen Tod eines Kindes auch einmal kurz unter einem Notzelt ein Krankenbett zu sehen ist). Das passt gut, schließlich beschreibt Camus die algerische Küstenstadt Oran (die Stadt, in der die Pest ausbricht) als einen kargen und neutralen Ort, ohne Tauben, ohne Bäume und Gärten (Bühne und Kostüme: Esther Hottenrott). Geräusche der Strasse, Verkehrslärm, Menschenaufläufe werden dezent zwischen den Szenen eingespielt (Musik: Kornelius Heidebrecht).
In diesem Roman gibt es keinen Helden, auch keinen, der eine größere Wandlung durchmacht. Frauen spielen nur eine kleine Nebenrolle. Das ist auch auf der Bühne nicht anders, hier besticht bei ihren kurzen Auftritten Gabriele Köstler mit ihren intensiven Blicken als Concierge Michelle und Madame Rieux.
Als Hautperson gilt Dr. Bernard Rieux, der als leidenschaftlicher Kämpfer gegen das Böse nachdenklich von Martin Rentzsch verkörpert wird. Um ihn herum besticht eine kleine Schar wunderbar eigenwillig gezeichneter Charaktere: als engagierter Jean Tarrou (und Jesuitenpater Paneloux): Michael Goldberg; als hoffnungsloses Häufchen Elend, doch mit der Pest an Lebenslust emporsteigend: Michael Benthin als Cottard (und Mutter); als verliebter Reporter Raymond Rambert: Vitor Tremmel und dem Ganzen eine Krone des leisen Humors aufsetzend: Michael Abendroth als Autor Joseph Grand.

Die Bühnenfassung wurde von Martin Kloepfer und der Dramatugin Nora Khuon erarbeitet. Viele Episoden des Buches wurden dabei übernommen, so wird selbst die Badeszene Rieuxs und Tarrous kurz gestreift (bei der Camus quasi zwei in Widerstreit liegende Teile seiner selbst vereinte). Das Stück des „Optimisten ohne Hoffnung“ läuft ohne Pause knapp 90 kurzweilige Minuten.

Markus Gründig, Januar 10

Mutter Courage
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 23. Januar 10 (Premiere)

In “Mutter Courage”, einem der größten Bühnenwerke des 20. Jahrhunderts, erzählt Bertolt Brecht von Krieg und Ökonomie, von Mutterliebe und Tugenden. Nach wie vor erfreut sich das Stück, nicht zuletzt an den Schulen, als überaus populär. Regisseur Robert Schuster (der von 1999 bis 2002 gemeinsam mit Tom Kühnel und Bernd Stegemann in Frankfurt das TAT im Bockenheimer Depot leitete) und Bühnenbildner Hartmut Meyer folgen bei ihrer Umsetzung im Schauspiel Frankfurt den Gedanken von Brechts epischem Theater in konzentrierter Form, mit dezenten Anpassungen und ohne sich in überflüssigem Firlefanz zu verlieren. Die Spielfläche (ohne Drehbühne) wurde in der Tiefe begrenzt. Eine mit einer grünen Plastikfolie überspannte Mauer lässt nur ein paar Meter Raum bis zum Publikum, gleichzeitig ist die Bühne circa einen Meter erhöht. Als von Brecht vorgesehene halbhohe Leinengardine fungiert eine Girlande von Marlboro Päcken (bzw. deren Frontcover), die quer über die erste Zuschauerreihe hängt. Auf der rechten Seite steht vor der Bühne ein Hochsitz für den Trompeter des Orchesters. Ihm vis-à-vis sitzt auf der Bühnenkante ein Akkordeonspieler, das Schlagzeug wurde auf die Bühnenmauer verbannt, während die vier Streicher und die Dirigentin (Susanne Blumenthal) zentral vor der Bühnenmitte platziert sind. Sie spielen in weißen Anzügen, wie auch die Militärs zunächst in weißer Kleidung erscheinen (Kostüme: Emily Laumanns, Stefanie Lindner und Matthias Winkler).
Mutter Courages Wagen wird mit in gelb und grün angemalten Styroporplatten und einer roten Plane angedeutet. Statt mit Leinen und Schinken handelt hier die Courage mit Wasser und Spirituosen, schließlich ist das heute kostbarer denn je. Und so schmücken große Kanister die karge Szenerie.
Die kurzen Szeneneinleitungen für die zwölf Szenen werden von jeweils einem Schauspieler vorgetragen, der sich vorab mit seinem realen Namen, Geburtsdatum und seiner Militärdiensterfahrung vorstellt. Zehn ohrwurmfreie Lieder von Paul Dessau kommentieren und kontrastieren das Geschehen und regen zusätzlich zum Nachdenken an.


Mutter Courage
Schauspiel Frankfurt
Mutter Courage (Heidi Ecks)
Foto: Alexander Paul Englert

Das Leben ist an ihr nicht spurlos vorübergegangen und dennoch schlägt sie sich kühn mit all den ihr gegebenen Mitteln durch die Welt, die ihr überwiegend als Welt der Männer begegnet. Schließlich ist Krieg, der Dreißigjährige Krieg. Und da ist es nicht leicht, sich als Marketenderin mit drei Kindern (die von unterschiedlichen Vätern stammen) durchzuschlagen. Doch sie beherrscht die Spielregeln der Männer und des Wirtschaftens gleichermaßen gut, ihren Namen „Mutter Courage“ hat die „Hyäne des Schlachtfeldes“ nicht umsonst bekommen… Heidi Ecks gibt ihr ein glaubwürdiges und markantes wie vielseitiges Profil, besticht mit einer starken Präsenz und hervorragender Diktion.
Courages Lieblingssohn (der kühne und „kluge“ Eilif) mimt Frankfurts Publikumsliebling Oliver Kraushaar, als ehrlicher und gewissenhafter Schweizerkas ist Christian Beermann zu sehen. Als verängstigte, misshandelte und sehnsuchtsvolle Tochter Kattrin sticht Kathleen Morgeneyer hervor (die mit ihrer eindringlichen „Irina“ in „Die drei Schwestern“ bereits auffiel). Bestens fügen sich die weiteren Darsteller ein: Andreas Uhse als Feldprediger, Joachim Nimtz als Feldkoch, Franziska Junge als Prostituierte Yvette Pottier sowie in verschiedenen Rollen: Martin Butzke, Katharina Hackhausen, Johannes Flachmeyer und Nicholas Reinke.

Markus Gründig, Januar 10

Das blaue blaue Meer
Schauspiel Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 22. Januar 10 (Premiere)

Seit Beginn der Spielzeit 2009/10 ist Nis-Momme Stockmann Hausautor am Schauspiel Frankfurt, zuvor wurden Stücke von ihm beim Heidelberger Stückemarkt und beim tt Stückemarkt Berlin ausgezeichnet. Mit drei Uraufführungen innerhalb von drei Monaten kann er eine hervorragende Zwischenbilanz ziehen: „Der Mann der die Welt ass“ am Theater Heidelberg (Dezember 09), „Das blaue blaue Meer“ am Schauspiel Frankfurt (Januar 10) und „Kein Schiff wird kommen“ am Schauspiel Stuttgart (Februar 10). Zudem sind weitere Aufführungen geplant.
Der 28-jährige Nis-Momme Stockmann ist bereits zweifacher Vater und wurde auf der Nordseeinsel Föhr geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Nach Studienaufenthalten („Sprache und Kultur Tibets“ in Hamburg und im dänischen Odense folgte eine Ausbildung zum Koch, anschließend studierte er in Berlin „Szenisches Schreiben“. 
Die grüne Insel Föhr liegt hoch im Norden im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, hat einen 15 km lange weißen Sandstrand und lädt Familien und Individualreisende das ganze Jahr über zu einem abwechslungsreichen Inselurlaub ein. Thema des Stückes „Das blaue baue Meer“ ist aber nicht eine sehnsuchtsvolle Rückbesinnung an die schöne grüne Heimat, sondern die Isolierung, Tristesse und Verödung in den Brennpunkten des sozialen Wohnungsbaus in den Trabantensiedlungen der Republik.


Das blaue blaue Meer
Schauspiel Frankfurt
Motte (Henrike Johanna Jörissen), Darko (Nils Kahnwald)
Foto: Alexander Paul Englert

In einer dieser Wohnsilos lebt der junge Darko (Nils Kahnwald), der säuft, säuft und säuft, bis sich sein Gehirn nach außen stülpt. Wie seine Eltern, die nur 400 Meter entfernt leben, für ihn aber tot sind. Ein Fuß musste ihm wegen eines nicht rechtzeitig behandelten Wundbrands und daraus folgender Blutvergiftung amputiert werden und auch sonst ist sein Leben so ziemlich kaputt. Trinkkumpane gibt es zuhauf, die wenigen Menschen zu denen er so etwas wie einen gewissen Kontakt hat, springen vom Hochhaus in den Tod oder rutschen in der Badewanne tödlich aus. Nur eine schafft es ganz unvermittelt in sein Leben einzudringen und ihm den Horizont temporär zu öffnen: die Wohnungsprostituierte und mit Narben übersäte Motte.
Das Stück besteht zu weiten Teilen aus inneren Monologen Darkos, die Nils Kahnwald (mit markanterem Äußeren durch kurz geschorene Haare) intensiv ausgestaltet. Immer wieder steht er frontal mit Mikrofon vor dem Publikum, spricht einfaches wie philosophisch Anmutendes, singt und schreit sich dabei den in ihm schlummernden Groll heraus (allein schon für die Beherrschung des großen Textvolumens gebührt ein Lob).
Schuld an seiner Situation haben überwiegend die Anderen und die Verhältnisse.
Henrike Johanna Jörinssen verleiht der Motte eine fast sphärische Aura, kein Wunder, dass Darko von ihren sinnlichen und verwegenen Blicken befangen ist. Mitunter haut sie auch kräftig aufs Schlagzeug ein und verbindet sich so mit Darkos Wut. Musikalisch mit meist zarten Tönen und Gesang kommentieren die Musiker Jan Weichsel und Daniel Brandel das Geschehen. Regisseur Marc Lunghuß sorgt auch für viele komische Szenen, vor allem passiert dann doch  recht viel auf der Bühne, so dass diese am Ende in bester Armin Petras Manier einem Schlachtfeld gleicht (mit einem zerfetzten Hund, Erbrochenem, Blumen, Erdhügel etc.). Die Bühne von Tobias Schunck spiegelt mit raumhohen quadratischen Eierkartons das Gefühl der in den Hochhaussiedlungen Eingeschlossenen wider, zusätzlich werden auf die Rückwand bedrückende Hochhausbilder projiziert.
Zu Beginn stellt Darko die Frage nach einem klaren Sternenhimmel, doch dieser bleibt ein Traum, genauso wie Mottes vom blauen blauen Meer in Norwegen. Gebratene Tauben kommen aber nun mal nirgendwo geflogen, weder auf der grünen Insel Föhr, noch in der Hochhaussiedlung. Langer Beifall.

Markus Gründig, Januar 10

nach oben