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Besprechungen: Theater ( 5)


Peer Gynt - Im Norwegerpulli ans Ende vom Ich
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 17. November 06 (Premiere)

Henrik Ibsens Peer Gynt ist heute weitgehend von der Vertonung Edvard Griegs bekannt. Grieg schrieb die Musik zu dem fünfaktigen Versdrama von Ibsen, konnte sich aber mit dem Stoff nie wirklich anfreunden. Einzelne Teile führte er daher in zwei Orchesterstücken zusammen, den berühmten Peer Gynt Suiten 1 und 2 (u.a. mit den Stücken „Morgenstimmung“ und „In der Halle des Berglöwen“).
Ibsens Drama spielt unter anderem in Norwegens längstem Tal (dem Gudbrandstal) und seinen Bergen, teils an der Küste von Marokko, in der Wüste Sahara, im Tollhaus zu Kairo und auf der See. Phantastische Welten und blanker Realismus treffen hier aufeinander. Peer Gynts lebenslange Suche nach seiner Identität und die Erlösung durch eine junge Frau gaben den Stück auch den Untertitel „Faust des Nordens“.
Viele Darsteller können dabei eingebunden werden. Die Produktion „Peer Gynt – Im Norwegerpulli ans Ende vom Ich“ des schauspielfrankfurt konzentriert sich ganz auf die Figur des Peer Gynt (Aljoscha Stadelmann). An seine Seite gestellt ist einzig Johanna Bantzer: als zarte, zurückgenommene und manchmal summende Begleiterin, als Mutter und als Freundin Solvejg. Für Auflockerung sorgt ein Zwischenspiel mit zwei Damen aus dem Publikum, die Peer Gynt als erfolgreichen Geschäftsmann vorführen.
Joep van Lieshouts Grundraum der Außenspielstätte schmidtstrasse 12 mit ihren naturnahen Überlebenselementen inmitten unserer technisierten und digitalisierten Welt, passt als äußerer Rahmen. Schnell ist auf dem Blockhausdach ein Zelt aufgebaut oder es quillt die Wüste aus Peer Gynts Hosentaschen (Ausstattung: Julia Plickart).
Der 90-minütige Monolog frei nach Henrik Ibsen, entstand in der Reihe „One Night Shots“ (anarchistische Kleinstprojekte, höchstens eine Woche Probenzeit) unter der Regie vom jungen Florian Fiedler.
Für Fiedler wie auch für Stadelmann ist Peer Gynt an sich kein unbekanntes Stück, denn im März waren beide an einer Peer Gynt-Produktion des Theater Basel maßgeblich beteiligt. Anders wäre es auch kaum möglich gewesen, ein solch komplexes und umfassendes Stück innerhalb nur einer Woche Probezeit auf die Bühne zu bringen.
Aljoscha Stadelmann führt den Peer Gynt als liebenswerten Sonderling vor, der sich für nichts zu schade ist, alleine tanzt, tobt, sich mit einem Packband selber einwickelt, vor Affen flieht und beinahe selbst zu einem wird... Was er auch unternimmt, am Ende erkennt er, das sein Leben einer Zwiebel gleicht (die er gleichzeitig kraftvoll verschmatzt): eine Hülle nach der anderen fällt, doch einen Kern, einen Sinn hat sein Leben nicht. Zum Glück ist da noch Solvejg, die unverdrossen auf ihn wartet. So ist das Ende vom Ich zugleich ein Neuanfang und die Chance, sich zumindest in der Zukunft mit sich auseinander zu setzen.
Dank Stadelmanns glanzvoller Leistung und ununterbrochenem Enthusiasmus entstehen die phantastischen Welten Ibsens, mit ihrem frühen Bezug zum absurden Theater und zu den Schrammen einer jeden Existenz. Ein „Treffer“ für mehr als für nur eine Nacht.

Markus Gründig, November 06


König Arthur
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 4. November 06 (Premiere)

Heerscharen von vor Begeisterung tobenden Kindern sind tausendundeinmal besser als das Loblied eines Kritikers. So konnte das schauspielfrankfurt am Ende der Premiere von „König Arthur“ schnell resümieren, diese Inszenierung ist ein Volltreffer, quasi ein Nachschlag zur Orestie vom Oktober.
Die 35jährige Regisseurin Corinna von Rad inszenierte zuletzt Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ im Kleinen Haus. Zusammen mit dem Team des schauspielfrankfurt gelang ihr nun im Großen Haus eine wunderbare Umsetzung der Artus Sage, basierend auf Henry Purcells Semi-Oper „King Arthur, or The British Worthyzu dem Schauspiel von John Dryden. Wolfgang Deichsel, dessen „Barock am Main - Der hessische Moliére im Sommer für Furore sorgte, schrieb die für Kinder ab acht Jahren geeignete Fassung. Wie auch schon bei Purcell steht König Arthurs Bemühen für ein vereinigtes Britannien und seine Liebe zu Emmeline im Mittelpunkt (also keine Ritter der Tafelrunde, kein Heiliger Gral).

Gefahren und Scherze, eine Liebesgeschichte, schräg schrille Typen, prächtige und ausgefallene Kostüme (Sabine Blickenstorfer), Verwendung von viel Bühnentechnik, Tiere, Zauberei, Musik von einer Liveband und Gesang, die direkte Ansprache und Einbezug des Publikums (der Kinder) und last but not least: großartige Schauspieler, die sich mit großem Engagement für die Jungen stark machen, all dies bietet die „König Arthur“ Inszenierung vom schauspielfrankfurt.


König Arthur
schauspielfrankfurt
Tamara Weimerich, Ensemble
Foto: Alexander Paul Englert

Die Bühne von Ralf Käselau zeigt zunächst einen Dachboden mit großen Regalen, auf denen Teile von Musikinstrumenten und abgedeckte Sachen zu sehen sind. Aus einer Luke entsteigt ein Mann, der seinen Hut sucht. Als er diesen, ein sehr ungewöhnlichen, gefunden hat, erwachen beim Aufsetzen des selbigen zaghaft die auf den Regalen liegenden Musikinstrumente und Gegenstände, die sich als Arthur, Emmeline, Gefährten und Krieger entpuppen. Der Mann selber ist Merlin, der weise Zauberer (sanft: Andreas Haase). Schnell ist der Dachboden vergessen und der Kampf beginnt. Während der Suche von Arthur (verträumt: Daniel Christensen) nach der entführten Emmeline (einfühlsam und mit vielen Gesten: Ruth Marie Kröger) geht es durch weite Landschaften und Wälder.
In einer dunklen Gefängniszelle aus Stahlgittern sitzt Emmeline und ihre Freundin Mathilda (Sascha Icks). Doch sie sind nicht allein, zwei große, furchterregende Tiere lauern ihnen auf. In der frostigen Eiswelt sorgen drei große Ventilatoren für Kühlung, während die Frostwesen und der hinterhältige, wilde und ungestüme Zauberer Gillamar (fabelhaft finster: Joachim Nimtz) sich durch das Vorspielen falscher Tatsachen die Zuneigung Emmelines zu erzwingen versuchen. Finster gibt sich auch Oswald, der König der Sachsen (Özgür Karadeniz).
Auszüge aus Purcells Oper erklingen unter der musikalischen Leitung von Rainer Süßmilch, wobei die Musiker als Gefährten Arthurs stets in die Handlung eingebunden sind. Unterstütz werden sie vom Trompete spielenden Albanact (Stefko Hanushevsky). Der gute Luftgeist Philidel (gelöst, verzückt und im weißen Federkostüm: Mathias Max Herrmann) stellt sich im Zweikampf mit dem Erdgeist Grimbald (kämpferisch: Sebastian Schindegger), wobei beide in die jeweils für den Anderen gedachte Falle tappen und für etliche Lacher sorgen.
In die Welt des Gesangs, zu einer andere Ebene, führt der Liebesbote Cuido (mit hellem Sopran: Tamara Weimerich).

Am Ende sind nicht nur der bislang erblindeten Emmeline die Augen geöffnet. Jeder Zuschauer kann spüren, Theater verzaubert, lässt einen Anteil nehmen, den Alltag vergessen und in neue wie alte Welten führen.

Markus Gründig, November 06


Quai West
Theater Willy Praml
Besuchte Vorstelung: 2. November (Premiere)

Im August hatte Bertold Brechts selten gespieltes „Im Dickicht der Städte“ seine Premiere beim Theater Willy Praml. Diesem Stück folgte nun, als Fortsetzung der Auseinandersetzung über den Menschen im Moloch der Großstadt, das noch seltener gespielte Stück „Quai West“ von Bernard-Marie Koltés (1948 - 1989), in der Übersetzung von Heiner Müller.
Abseits der Großstadt, in einer rund 20 Kilometer entfernten Halle leben Gestrandete, von denen nur die Vornamen bekannt sind. Aufgrund eines Autoschadens treffen der lebensmüde Geschäftsmann Maurice Koch (passend ernst und formal: Michael Weber) und Monique Pons (mit einer ungemein erfrischenden Natürlichkeit: Gabriele Maria Graf) auf diese heterogene Gruppe, die neben der Familie noch Fak (aufgeschlossen und mit viel Elan: Nazir Abdaly) und Abad (gebrochen: Yaya Camara) umfasst. Konflikte durch das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Milieus sind da unvermeidlich und auch innerhalb der „Hallengemeinschaft“ hat das Leben einen jeden gezeichnet und Spuren hinterlassen. Etwa bei der Mutter Cecile, die Birgit Heuser mit ergreifender Intensität spielt oder bei ihrem Mann Rodolfo (authentisch schwermütig: Reinhold Behling). Auch Sohn Charles (prägnant: Tim Stegmann) resigniert, nur Tochter Claire (frohgemut: Emilie Stefaner) konnte sich ihre Unbekümmertheit erhalten, fast ein kleines Wunder bei diesem Umfeld.


Quai West
Theater Willy Praml
Tim Stegemann
Foto: Seweryn

Michael Weber ist auch für die Bühne und die Kostüme verantwortlich. Er nutzt für dieses Stück die weite Fläche der Bornheimer Naxoshalle, die sich mit ihrem nüchternen, verlebten Industriecharakter für dieses Stück bestens eignet. Eine große Plane, eine Matratze, ein umgeworfener Einkaufswagen und ein paar mehr Gegenstände auf dem Boden vermitteln deutlich, hier gibt es keine klaren Strukturen mehr, hier leben Menschen abseits der Gesellschaft. Auf der linken Seite steht eine Bretterhütte, am Ende der Halle deutet eine hell erleuchtete Leinwand einen Fluß an. Hier lebt jeder vom Augenblick zu Augenblick. Gemeinschaft gibt es nur als unvermeidbares Zweckbündnis. Und doch sorgen diese Begegnungen immer wieder für starke Momente (Regie: Willy Praml).

Wer schon einmal in der Naxoshalle war, weiss, dass sie über keine Heizung verfügt. Ein hartes Los für die Schauspieler, die zudem oft lange Zeit stumm auf der Spielfläche anwesen sind und dort ausharren. Das Publikum sitzt hinter Glasscheiben im beheizten Zuschauerraum und kann sich mit bereit liegenden Bundeswehrdecken zusätzlich gegen die von unten aufsteigende Kälte mollig einwickeln. Da fehlt bei den aktuellen kalten Temperaturen eigentlich nur noch ein Glühwein im Angebot der Theaterbar.

Markus Gründig, November 06


Die Orestie
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 14. Oktober 06 (Premiere)

Beinahe 2.500 Jahre ist es her, dass der Grieche Aischylos seine Tragödientrilogie „Orestie“ geschrieben hat. In der Inszenierung von Karin Neuhäuser erlebte das Stück am schauspielfrankfurt jetzt eine umjubelte Premiere. Regisseurin Karin Neuhäuser zeigt nicht nur eine Verbindung von der Antike in die Moderne auf, sondern präsentiert eine Abhandlung über politische Systeme und ein Lehrstück über die Frauen (wie Intendantin Frau Dr. Elisabeth Schweegers bei der Premierenfeier bemerkte).
Ein starkes Ensemble, mit einer erneut herausragenden Friederike Kammer im Mittelpunkt, sorgt für packende Theaterstunden. Dabei hat das Stück das Format einer Wagner-Oper: mit zwei Pausen (davon eine mit 1 Std. Dauer) dauert es fünfeinhalb Stunden. Theaterhardcore also? Mitnichten, man muss auch kein Spezialist für griechische Mythologie sein, um den Stückverlauf folgen zu können.
Von Anfang an sitzt die Wächterin (lautstark anklagend: Cornelia Niemann) auf einer Mauer, die zum Hause des Agamemnon gehört und beherrschendes Element im ersten Akt ist (Bühne: Franz Lehr). Die rostfarbene Mauer geht nahezu über die gesamte Bühnenbreite. Mit lautstarken Marschbefehl „Links zwei drei vier“ tritt der 16-köpfige Kinderchor als Volk auf (mit Marschanführerin Sandra Bayrhammer). In zeitlosen grauen Kostümen mit weißen Krawatten und schweren Stiefeln (Kostüme: Franz Lehr) steht die Schar nebst laut pfeifendem Chorführer (Falk Rockstroh) vor dieser Mauer und sorgt mit dem präzisen Vortrag für ein erstes Erstaunen, so sicher sagen selbst die ganz Kleinen ihren Text auf. Der Eindruck den sie vermitteln, geht über bloße Sympathie weit hinaus.
Je nach verwendetem Licht (Lichtkonzept: Frank Klaus) werden die Umrisse des Hauses, ein großes Rechteck, deutlich, das Raum ergreifend im ansonsten offenen Bühnenraum steht. Eindrucksvoll fährt diese Mauer nach oben und gibt Einblick in das Innenleben frei: ein großes Bad, einem Schwimmbecken gleich. Meisterlich werden bei strenger Formhaltung großartige optische Eindrücke gesetzt. Am stärksten ist der, als Klytaimestra durch das Wasser watet, ihren weißen Schleier hinter sich herziehend und je nässer der Schleier wird, umso blutroter färbt er sich. Oder auch der Lichtwechsel während der Läuterung der Rachegöttinnen kurz vorm Ende.

Im zweiten Akt sind einem Kreuz gleich diagonal und vertikal weiße Steinblöcke in diese Wasserebene aufgestellt. Ein Fernseher in der Mitte zeigt bei Geldeinwurf ein Erinnerungsbild an den ermordeten Agamemnon (Matthias Redlhammer). Die Grabspenderinnen lässt Neuhäuser als Putzfrauen auftreten, die mit ihrem Ausländerdeutsch sehr jetztzeitig wirken.


Die Orestie
schauspielfrankfurt
Friederike Kammer (Klytaimestra)
Foto: Alexander Paul Englert

Gestärkt von der längeren zweiten Pause begibt man sich gefasst zum dritten und letzten Akt. Fröhliche Countrymusik (Musik und Klänge:Paul Lemp) reißt einen von schweren Gedanken los und die pythische Seherin (Sandra Bayrhammer) eröffnet Orestes (Christian Kuchenbuch) Verhandlung als moderne Entscheidungs-Show. Dem burlesken Treiben setzt Athene (Rainer Frank) dann noch die Krone auf. Bislang war er, wie Apollon (Falilou Seck), nur entfernter Beobachter aus der Ferne. Barfüßig, im zart rosafarbenen Dress mit glänzendem Hemd und Mäntelchen fällt er durch bis zum Po reichendes blondes Haar auf und ist unter seiner modischen, rötlich gefärbten Brille kaum zu erkennen. Wortreich, galant und gewinnend spricht er das Volk, die Zuschauer an, denn es ist ja das gewöhnliche (Frankfurter) Volk, dass über Orestes Schicksal urteilen soll. Währenddessen fluchen und schimpfen die Rachegöttinen und Rachegötter kräftig und kommen so richtig in Fahrt. Heitere Momente, mit Freudenlichtstrahlern quer durchs Publikum, die sich dann jäh wandeln. Denn nach Athenes Urteilsspruch gilt es noch, die Rachegöttinen und Rachegötter nicht nur zu besänftigen, sondern sie auf den rechten Weg zu geleiten.
Stark endet schließlich auch das Stück. Während Athene verkündet „Freut Euch“ lacht der Schatten Klytaimestras markerschütternd auf und aus dem Boden sprudeln kleine Blutquellen. Die Grundlage der Demokratie ist zwar geschaffen, doch das Böse ist noch immer unter uns.

Am Ende gab es uneingeschränkte Zustimmung zu dieser von Karin Neuhäuser schlüssig dargebotenen Sichtweise und viel Applaus für die großartige schauspielerische Leistung aller an diesem Abend. Da ist man beim Schlussapplaus nur verwundert bei so vielen Rollen, so wenige Schauspieler zu sehen. Doch das liegt daran, dass Roland Bayer, Sandra Bayrhammer, Cornelia Niemann, Abak Safaei-Rad, Matthias Redlhammer und Falk Rockstroh, mehrere Rollen zu spielen haben.
Für die laufende Saison gilt: die nachfolgenden Inszenierungen haben eine harte Nuß zu knacken, wenn sie diese rundherum gelungene Inszenierung noch toppen wollen.

Markus Gründig, Oktober 06


Das Haus sagt
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 11. Oktober 06 (Premiere)

Harmlos fing alles an: die Geräusche der Bratschenspielerin, die aus der Nachbarwohnung herüber drangen erregten zunächst nur eine schwache Aufmerksamkeit. Doch schon bald setzten sie sich wie ein Bazillus im Gehirn fest und das Leben von Mathias Max Herrmann war nicht mehr das, was es bisher war. Diese Geräusche forderten ihn mehr und mehr und nahmen von ihn Besitz wie einst der Forschungsdrang bei Mr. Jeckyl. Das er Schauspieler wurde ist auch nur dem Umstand zu verdanken, dass er die Geräusche des schauspielfranfurts genau erforschen wollte, schließlich ruft es ihn sogar bei seinem Namen. Um unauffällig möglichst oft und lange darin sein zu können, wählte er vordergründig den Beruf des Schauspiels. Und das mit der Bratschenspielerin ergab sich dann sowieso von selbst.

Auf ironische Weise erzählt begeistert Matthias Max Hermann, getreu dem Spielzeitmotto der aktuellen Nachtschwärmerreihe „Hart am Rand der Hirnrinde“, von seinen akustischen Spurensuche, seinen Forschungen über die Geräusche der Gebäude und seinen Erfahrungen als Akustikologe. Wegen Verbreitung seiner Thesen ist er ins Visier des VDA (Verband deutscher Akustikologen) geraten. Abmahnbriefe hat er deswegen sogar vom VDA erhalten und reicht diese dem Publikum zur Einsichtnahme in die Hände (wie auch weiteres Forschungsmaterial).

In der Kargheit des Zwischendecks stehen ihm verschiedene technische Apparate und Installationen zur Verfügung. Ein Labor zwischen Klassik und Moderne mit elektronischen und mechanischen Instrumenten (Ausstattung: Britta Kloß, Nina Zoller). Dumpfe Bässe und helle Pfeiftöne dringen da zunächst hervor. Ein Mikrophon im Streichholzschachtelformat verdeutlicht auf der Grundsteinlegungsplatte die im Haus enthaltenen Grundgeräusche. Mit einem sehr viel größeren und längeren Mikrophon lassen sich Geräusche der nahe liegenden U-Bahnstation (wie die der Rolltreppe und einer einfahrenden U-Bahn), sowie des Opernhauses einfangen. Das da auf einmal Musik von Wagner herauszuhören ist, obwohl heute gar kein Wagner auf dem Spielplan steht, hängt mit der Speicherung der Geräusche im Haus zusammen! Wirklich interessant wird es dann bei der Erforschung mit Hilfe des Wassers (Verflüssigungmethode zur Rückführung gespeicherter akustischer Inhalte) und dem abschließenden Selbstversuch, bei dem er als Antenne für die Geräusche fungiert. Für die Wissenschaft ist kein Opfer zu groß.
Zusammen mit dem Dramaturgen Marcel Luxinger hat Matthias Max Hermann eine feinsinnige Abendunterhaltung geschaffen, bei dem er sich selbst und den Kunstbetrieb beherzt in Frage stellt.

Markus Gründig, Oktober 06


Kleiner Mann was nun ?
schauspielfrankfurt, laiensclub
Besuchte Vorstellung: 6. Oktober 06 (Premiere)

Die Mutter mit ihrer anrüchigen Partnervermittlung und der Kollege, der Aktfotos von sich verkauft, beide sind sie finanziell erfolgreich, trotz der verruchten Tätigkeit. Nur der anständige Pinneberg kriegt nicht die Kurve, fällt immer tiefer. Selbst seine ihn rührend liebende Frau kann ihn vor seiner Selbstaufgabe nicht bewahren. Zu schwer drückt ihn die Arbeitslosigkeit und das damit verbundene soziale Stigma.
Hans Falladas Roman von 1932 wurde für diese laiensclub Produktion von Alexander Brill für die Bühne bearbeitet und mit einem perspektivlosen Ende versehen. Auch nach 70 Jahren hat das Stück noch eine große Aktualität, wenn auch die soziale Absicherung und das gesellschaftliche Denken sich geändert haben. Doch allein die in den letzten Jahren immer stärker sinkende Krankheitsrate zeigt, dass auch heute noch die Leute Angst um ihren Job haben.


Kleiner Mann was nun ?
schauspielfrankfurt, laiensclub
Myriam Tancredi, Anja Arncken, Lion Howitsch, Florian Stamm, Cia Torun, Jochen Döring, Elisabeth Leistikow (v.l.n.r.)
Foto: Alexander Paul Englert

Brill, der auch die Regie führt, nimmt Fallada ernst, und gibt der Tragik breiten Raum. Wobei die Inszenierung nicht den Charakter eines Trauerspiels hat. Das liegt vor allem an dem ungeheuer spielfreudigen Ensemble, dass Brill als Pinnebergs Umwelt mit Showcharakter auftreten lässt. Für gute Töne und Mehr sorgt zusätzlich Günter Lehr. Für kurze Augenblicke rufen sie aus Fenster und Türen Pinneberg „you can get it, if your really try“ zu, was diesem wie ein schlechter Tagtraum erscheint. Ihr Gesang von „The Winner takes it all“ oder „Oh happy day“ konterkariert seine Situation. Von diesen Sequenzen abgesehen sind die Charaktere nicht nur deutlich herausgestellt, sie sind auch herrlich überzeichnet, schrill und komisch. Wie beispielsweise die Mutter, die Elisabeth Leistikow slapstickreif gibt, oder wie die drei herzhaft bösartigen Frauen im Kaufhaus (Myriam Tancredi, Anja Arnck en, Hanna Werth), bei denen Pinneberg von vornherein keine Chance bekommt. Sachlicher und mit kühlem Kopf geben sich die Herren, die Pinneberg mit ihrer Überlegenheit fertig machen. Allen voran Kleinholz, Lehmann, und Herr Schlüter, die in Mehrfachbesetzung alle hervorragend fies von Michael Haase gespielt werden (in weiteren Rollen ebenso gewinnend: Metin Akyol, Jochen Döring, Lion Howitsch, Marvin Rehbock, Leon Schröder und Cia Torun ).
Die Stars des Abends sind aber die beiden Hauptdarsteller: Asta Nechajute als Lämmchen (die Ehefrau) und Florian Stamm als Pinneberg. Nechajute ist ganz die liebende, empfindsame Ehefrau und Mutter, mit Sinn für die praktischen Dinge im Leben. Florian Stamms Pinneberg vermittelt starke Momente emotionaler Ausbrüche, wie er sich gegen sein Schicksal aufbäumt und schließlich zerbricht. Bewegend die Szene im Kino, wo sie die Geschichte eines Mannes verfolgen, der für seine Frau zum Dieb wird.


Kleiner Mann was nun ?
schauspielfrankfurt, laiensclub
Asta Nechajute
Foto: Alexander Paul Englert

Henrike Bromber hat für dieses Spiel einen mit Packpapier verkleideten Raum geschaffen. Drehbare Wandelemente zaubern hölzerne Möbelteile schnell auf die Bühne, eine elektrische Ziffernanzeige symbolisiert, dass der Mensch längst nur noch eine Nummer ist. Diesem Raum vorgesetzt ist ein sich deutlich absetzender Rahmen mit glatten Flächen, der fast als Laufsteg durchgeht und auf dem auch mal lautstark „If you want it go out and get it“ gesungen wird.
“Kleiner Mann was nun?” ist ein sehenswerter sozialkritischer und unterhaltsam umgesetzter Abend für alle Altersstufen.

Markus Gründig, Oktober 06


Kampfchor Galaktika
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 5. Oktober 06 (Premiere)

Mehrwertsteuererhöhung, verkorkste Gesundheitsreform, Islamisierungsdebatte… Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst und wächst, doch Protest, zumal einen organisierten Massenprotest, gibt es nicht. Das war früher anders. Nicht nur zu Zeiten der 68er, auch später noch, bei Hausbesetzungen im Frankfurter Westend oder beim Bau der Startbahn West. Wie die Intendantin vom schauspielfrankfurt, Frau Dr. Elisabeth Schweeger, in Ihrer Einführung zur Spielzeit 2006/07 ausführt, hat Theaters nicht nur die Aufgabe, der kulturellen Amnesie und der fortschreitenden geistigen Verarmung, sondern auch der daraus folgenden Ausblendung der soziale Kompetenz und der Verantwortung, entgegenzuwirken. Hier setzt der szenische Liederabend „Kampfchor Galaktika“ an.
Bevor die Zuschauer den Einheitsbühnenraum der schmidtstrasse12 betreten können, sind die Schuhe auszuziehen oder Plastikhauben über die Schuhe zu streifen. Die Zuschauer werden so in gewisser Weise schon vorab entwaffnet. Im großen Raum selber wurde mittig eine große Fläche mit schmalen Matratzen und Kissen ausgelegt, eine Atmosphäre fast so wie früher bei „Lieder im Park“. Um diese Sitz- und Liegefläche herum stehen die Installationen von Joep van Lieshout (vgl. Kritik “Fahrenheit 451”).
Nach dem einführenden Lennon Song „Imagine“, desillusioniert vorgetragen von einer Menschenfrau (Susanne Böwe), landen effektvollen vier Außerirdische (und ein Nachzügler). Der Potpourri aus „Ein bißchen Frieden“, „We are the world“, „99 Luftballons“ und anderen Songs wirkt zunächst belustigend. Für die Menschenfrau gar störend, denn die Außerirdischen (Nadja Dankers, Max Landgrebe, Anne Müller, Moritz Peters und Marco Schmedtje) werden kurzerhand abgeknallt, das glaktische Friedensliederbuch hat ihnen nicht geholfen. Doch die Waffen der Menschen können den Außerirdischen nicht wirklich etwas anhaben und so machen sie sich schon bald wieder auf die Reise, die Menschheit auf den rechten Weg zurück zu bringen. Hierbei nutzen sie den gesamten Raum der schmidtstrasse, beziehen alle Seiten und auch die Publikumsfläche ein.
Die Menschenfrau trägt ein bequemes Kleid, die Außerirdischen weiße Raumfahrtanzüge. Mit ihren spitzen Ohren erinnern sie an Vulkanier wie Mr. Spock (Raumschiff Enterprise), Moritz Peters optisch an Indiana Jones (Ausstattung: Julia Plickat). Anne Müller mit farbiger Hochfrisur zeigt eine neue Facette ihrer vielseitigen Persönlichkeit. Marco Schmedtje ist vor allem der musikalische Begleiter an der Gitarre.
Kampfchor ist hier mehr bildlich zu verstehen, denn vokale Großattacken stellen die gesungenen Lieder nicht da, stimmlich überzeugt vor allem Max Landgrebe (auch am Cello).

Regisseur Florian Fiedler hat sich für die Präsentation der 30 (Protest-) Songs aus drei Jahrhunderten eine nette kleine Geschichte einfallen lassen, die gewinnend umgesetzt wurde. Die Atmosphäre und die Songs gewinnen von Moment zu Moment an Dichte. Gibt es auch heute noch immer Kriege, Lieder wie „Dann gibt es nur eins: sag nein“ und „Aufstehn“ (Bots) sprechen jeden einzelnen direkt an. Eine bessere Welt beginnt mit Veränderung in einem selber.

Markus Gründig, Oktober 06


Fahrenheit 451
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 30. September 06 (Premiere)

In zwei Tagen beginnt in Frankfurt die wichtigste Buchmesse der Welt, in fünf Hallen präsentieren sich auf rund 174.000 Quadratmetern über 7.000 Einzelaussteller und 70 National- und Kollektivausstellungen. Im Begleitprogramm gibt es Unmengen von Autorenlesungen, Preisverleihungen, Signierstunden, Diskussionen, Vorträge u. v. m. Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Buch nicht tot zu kriegen. Ray Bradbury erzählt in seinem 1953 veröffentlichten Roman „Fahrenheit 451“ von einer Gesellschaft, die Bücher verboten hat, denn Bücher regen zum Nachdenken an, stellen Positionen in Frage und womöglich merken die Leute dann noch, das die Welt auch ganz anders sein könnte. Bücher gelten als gefährlich und müssen deshalb verbrannt werden. Dies ist die Aufgabe der Feuerwehr, denn Hausbrände gibt es schon seit langen Zeiten nicht mehr. Dass die Feuerwehr einst Feuer löschte, wissen nur noch ganz wenige.
Mittelpunkt des Romans ist der Feuerwehrmann Guy Montag, der durch eine junge Frau die Augen geöffnet bekommt und sich nach der Denunzierung durch seine Ehefrau, einer Gruppe Widerständler anschließt.
Das schauspielfrankfurt eröffnete mit diesem Stück die diesjährige Saison in der Außenspielstätte schmidtstrasse12, der Ort, der in den vergangenen drei Jahren durch Armin Petras überwiegend jungen Regisseure und Regisseurinnen ein Arbeitsumfeld bot, bei eingeschränkten technischen und zeitlichen Produktionsbedingungen. Der trotz seiner jungen Jahren bereits mehrfach ausgezeichnete Florian Fiedler ist nicht nur neuer Kurator dieser Spielstätte, die diese Saison unter dem Motto „Prinzip Hoffnung“ steht. Fiedler führte auch Regie bei „Fahrenheit 451“. Die Bühnenfassung des Romans zeigt er in kurzweiligen 100 Minuten (ohne Pause), überwiegend werktreu mit ein paar Aktualisierungen und Kürzungen. Den Schwerpunkt legt er auf den ersten Teil des Romans, auf die Portraitierung der Personen und der Gesellschaft, die nur noch Oberflächlichkeit kennt, die Wirklichkeit mit der Fernsehwelt ausgetauscht hat und bei Bedarf eine Glückspille schluckt. Life is easy, Problemen wird grundsätzlich aus dem Weg gegangen.

Zwar hatte in den fünfziger Jahren das Fernsehen in den USA schon eine dominante Stellung, das Internet gab es damals freilich auch dort noch nicht. Weshalb in dieser Aufführung zahlreiche TV-Spots laufen (die mit einem verführerischen, sinnlichen Kussmund eingeläutet werden) und stets auf die Internetadresse der alles besitzenden Firma „Family Industries.com“ verweisen. Individuen gibt es nicht mehr, sie wurden mundtod gemacht, ermordet oder für tod erklärt, wenn sie sich dem Untergrund anschlossen. Dafür gibt es die „Familie“ im Fernsehen, die als reale Welt anerkannt wird. Eindrucksvolles Opfer dieser Scheinwelt ist Montags Frau Mildred, herrlich naiv von Nadja Dankers verkörpert. Martin Butzke, der mit der Rolle des Feuerwehrmanns Montag sein Debüt am schauspielfankfurt gibt, schafft glaubhaft die Entwicklung vom sorglosen Angestellten zum fragenden, ja hinterfragenden Außenseiter, zum stillen Helden. Großen Anteil hat daran die sonderbare junge Frau Clarissa, die nichts einfach so hin nimmt, wie es ist, die sich noch über ein Zwitschern der Vögel, über eine Blume und den Regen freut, dafür mit dem Inhaltsleeren Geschwätz der Leute im Café nichts anfangen kann. Anne Müller gibt die Clarissa mit viel positiver Energie, antreibend, sehr sinnlich und in Doppelbesetzung als Telefonistin auch humoristisch. Mit dabei und neu im Ensemble des schauspielfrankfurts zudem Heiner Stadelmann (Faber) und Aljoscha Stadelmann (Beatty).

Der Reiz dieser Inszenierung ist die gelungene Synthese verschiedener künstlerischer Mittel, insbesondere die harmonische Einbindung von Film und Videoeinspielungen auf TV-Monitoren, die zum Teil mit einer Kamera live eingefangen werden. Die emotionale Seite wird mit eingespielter Musik angesprochen, Songs aus den 60er und 70er Jahren. Einige Szenen werden mittels eines lautstark überfliegenden Flugzeugs verbunden, wobei auch immer wieder direkt aus der Buchvorlage vorgelesen wird. Gerade die schwierige Szene der Selbstverbrennung der alten Frau wird so elegant szenisch umschifft. Im abgedunkelten Raum lesen die Schauspieler abwechselnd diese Passage vor, werden dabei immer leiser bis sie gar nicht mehr gehört werden und der restliche Text auf einer Videowand im zu lesen ist, wie eine (Lebens-) Flamme die langsam erlischt.
Das Einheitsbühnenbild der schmidtstrasse12 für die aktuelle Saison wurde vom Niederländer Joep van Lieshout (Jahrgang 1963) gestaltet. Dem Frankfurter Publikum ist van Lieshout bereits vom Februar 06 bekannt, wo er auf dem schauspielfrankfurt Kongress „I will survive“ das „Atelier van Lieshout Ville“ vorgestellt hat, ein temporärer Freistaat mit autarken Wirtschaftsstrukturen im Hafen von Rotterdam.
Die schmidtstrasse12 gestaltete er ganz im Stil des Atelier van Lieshout, wobei für diese Produktion die in den Raum gestellten Objekte und Gebäude noch nicht voll genutzt werden. Am stärksten fällt ein rotes Objekt auf, mit einem kugeligen Zentrum mit Liegefläche (Cervix), trichterförmigen Eingang (Vagina) und seitlichen Ballons (Eierstöcken). Diese überdimensionale Plastik der inneren weiblichen Geschlechtsorgane dient Clarissa als Spielfläche und Versteck für sie und Montag. Von einer Blockhütte wird nur das Dach genutzt, es ist der Ort Widerständler Farmer.
Ein Objekt sieht von der Ferne wie ein großes Holzregal aus, entpuppt sich aber als geniale Gruppensitz- und Liegefläche (die Installation einer Badeanstalt, eines hölzernen Dusch-, Wasch- und sechsfachen Plumpsklo wird erst in den nächsten Produktionen eingebunden).
Die Feinarbeit innerhalb der Raumnutzung mit Wandvorhang und Kleinmöbeln, wie auch die Kostüme, wurde von Bernd Schneider in die 60er Jahre verlegt.

Bei aller Bitterkeit und Zynismus gibt es aber Hoffnung, denn die im Untergrund lebenden Individualisten bewahren die Bücher auswendig gelernt in ihren Köpfen und bewahren damit das Leben. So macht dieses Stück nicht nur Lust aufs Lesen, sondern vermittelt auch Freude auf all die vielen positiven Kleinigkeiten zu achten, die unser Leben auch heute noch reich machen können, so sie wahrgenommen werden.
Am Ende scheint es so, als habe das schauspielfrankfurt den Regen absichtlich bestellt. Der Weg vom Theater zum Auto ist zwar feucht und nass, doch gleichzeitig durchzieht einen eine große Dankbarkeit das Wasser, die Quelle des Lebens zu spüren, ganz so wie im Stück Clarissa und Montag das Wasser als Lebenselement genossen haben.

Markus Gründig, Oktober 06


Hörst Du mein heimliches Rufen
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 16. September 06 (Uraufführung)

Eine ganz normale Familie ?!

Fünf Ausgänge hat das Wohnzimmer der namenlosen Familie, um die es bei Thomas Jonigks jüngsten, für das schauspielfrankfurt geschriebene, Stück geht. Damit liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Komödie handeln muss. Wo sonst gibt es derart viele Möglichkeiten für Auf- und Abtritte. Ort der Handlung ist das Wohnzimmer dieser Familie, das vom Grundriss einem verzerrten Rechteck gleicht. Die Wände sind mit einer konservativ gemusterten Tapete im tiefem Rot und silbernen Ornamenten behangen und geben dem Raum ein leidenschaftliches Ambiente. Rot sind auch die beiden großen Ledersofas, die den Bühnenraum im Kleinen Haus füllen. Von Spots angeleuchtete Pflanzbehälter an zwei Ecken geben dem Raum eine Atmosphäre wie zu hause (Bühnenbild: Magdalena Gut).
Trotz einiger komödiantischer Elemente könnte das Stück aber auch als Tragödie bezeichnet werden. Ein aus seiner gewohnten Erfolgsbahn herausgeschleuderter Manager erlebt durch das Eingreifen eines Engels einen Rückblick auf die letzten Stationen seines Lebens. Rücksichtnahme, Wertschätzung, Taktgefühl oder gar Achtung für sein Gegenüber kannte er nicht oder wurde nur da angewendet, wo es für ihn von Vorteil war. Seine zum Krebstod verurteilte Frau trifft er mit seinen zynischen verbalen Attacken weit unterhalb der Gürtellinie, seinem aus Protest arbeitsunwilligen, aber finanziell von ihm abhängigen, Adoptivsohn gibt er eh keine Chance und die junge Prostituierte ist auch nur angesagt, bis er sie ausgiebig benutzt hat. Doch nach und nach wird deutlich, dass seine vermeintlichen Opfer seiner Willkür keinesfalls nur Unschuldslämmer sind. Da hat jeder eigenen Dreck und Unvollkommenheiten am Stecken.
Detailliert und mehrfach vorgetragene Erinnerungen der Prostituierten aus der oralen Befriedigung ihrer Freier wirken bedrückend, ebenso wenn sie spermaerbrechend aus dem Schlafzimmer gekrochen kommt. Doch sind dies die einzigsten Unannehmlichkeiten, nötig und legitim um den Zuschauer auch mit den hässlichen Seiten des Lebens zu konfrontieren.

Hörst du mein heimliches Rufen
schauspielfrankfurt
Mathias Max Herrmann, Silvia Fenz
Foto: Alexander Paul Englert

Für Begeisterung sorgen die fünf Schauspieler als authentische Charaktere, die übertriebenen gegenseitigen Verletzungen, Kämpfe und neuen Bündnisse haben gar Kinoqualität (Regie: Tina Lanik). Wilhelm Eilers als „Der Mann“ beginnt die Vorstellung mit einem Vortrag zu der Zeit, wo er noch leitender Angestellter einer Firma in der Rüstungsindustrie war. Er spricht so eloquent und verführerisch die inhaltsleeren Sätze auf der Arbeitskonferenz seiner Firma (die erfolgreich im Rüstungsgeschäft tätig ist), dass sie wie die Worte eines Weisen klingen. Ein gestandener Mann, den nichts umwerfen kann. Wenig später zeigt er dann seine andere, dunkle Seite und ist am Ende ganz der Verlassene (und auch noch äußerlich gedemütigt). Fabelhaft die energetische Silvia Fenz als seine zierliche Frau, wie sie herumwirbelt und trotz aller Widerstände um ihr oberflächliches Leben kämpft. Sabine Waibel, zuletzt schon stark als Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ zu erleben, gibt die junge Frau vom Straßenstrich, den neuen, naiven Platzhirsch in dieser Familie. Georgia Stahl ist der menschliche, unvollkommene, Engel (verführerisches schwingt sie ihre Hüfte und verschwindet auch mit „dem Mann“ im Separée). Matthias Max Herman ist hier diesmal alles andere als ernst, sondern als durchgeknallter, befreiter Protestsohn zu erleben, der sich beinahe totlacht und kraftstrotzend durch die Gegend hüpft (glücklich wer so frei sein kann).

Hörst du mein heimliches Rufen
schauspielfrankfurt
Wilhelm Eilers, Georgia Stahl 
Foto: Alexander Paul Englert

Musikalisch werden immer kleine Songs eingespielt, auch das titelgebende Rudi-Schuricke-Liebeslied von 1940, in dem sehnsuchtsvoll an glückliche Zeiten erinnert wird („Denkst du noch an jene schönen Stunden, da wir für das Leben uns gefunden“). Diese sind vorbei. Doch wenn man die zu Schicksalsgemeinschaft der Trauernden sieht, weiss man auch, jeder Neuanfang ist die Chance aus der Vergangenheit zu lernen. Somit ist “Hörst du mein heimliches Rufen“ eine gelungene und sehenswerte Unterhaltung zwischen Komik und Alptraum.

Markus Gründig, September 06


Die Jungfrau von Orleans
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 15. September 06

Die Passion einer Frau, als Bild vom Konflikt zwischen religiöser Idee und Wirklichkeit, steht im Mittelpunkt von Schillers „Die Jungfrau von Orleans“, mit dem das schauspielfrankfurt jetzt seine neue Saison eröffnete. Die Bühne von Natascha von Steiger zeigt im großen, schwarz abgehängten, Raum eine nach hinten hin ansteigende Rampe. Mehr nicht. Es gibt keine ländliche Wiesenlandschaft, keinen königlichen Hofstaat und weder Wald noch eine felsige Gegend. Die Atmosphäre ist kühl und nüchtern.

Die Jungfrau von Orleans
schauspielfrankfurt
Özgür Karadeniz, Susanne Buchenberger, Stefkko Hanushevsky, Ben Daniel Jöhnk (v.l.n.r.)
Foto: Alexander Paul Englert

Simone Blattner, mit Beginn dieser Spielzeit Hausregisseurin am schauspielfrankfurt, fokussiert ihren Blick auf Schillers Jungfrau ganz auf den Text, den sie leicht gekürzt in zwei pausenlosen Stunden ablaufen lässt. Viel zu laufen haben dabei auch die Schauspieler, die die Rampe immer wieder aufs Neue erklimmen müssen, wenn sie die Rampe nicht gerade herumbewegen oder herumschieben. Am Anfang helfen sie noch mit verschiedenen vokalen Geräuschen, indem sie kunstvoll eine Wiesenlandschaft imitieren. Faszinierend ist, wie Simone Blattner es schafft, dass trotz der äußeren Kargheit die Geschichte Johannas an Gestalt gewinnt und sogar fesselt. Maßgeblichen Anteil hat dabei Susanne Buchenberger in der Hauptrolle. Sie gibt die Johanna anfangs gefühlvoll und mit viel menschlicher Wärme, später kämpferisch und schließlich verzweifelt. Zusätzlich zu den weiteren fünfzehn Darsteller ist ein Chor im Publikum quer verteilt, wodurch die Bühne mit dem Zuschauerraum zu einer Einheit wird.
Blattners “Johanna” ist ein Klassiker im schlichten Gewand, mit einem raffiniert arrangierten und packenden Spiel.

Markus Gründig, September 06  

Infos zum Stück


36,9 ° / Houellebecq.Brecht
Theater Willy Praml, Frankfurt
Besuchte Vorstellung:  27. August 06

Mit Brechts „Im Dickicht der Städte“ präsentierte das Theater Willy Praml am vergangenen Freitag die erste Premiere zu der Jubiläumswoche „15 Jahre Theater Willy Praml“. Dem folgte am Sonntag als zweite Premiere ein Abend mit Worten und Lieder „um die Liebe und das Loch, das bleibt, wenn Sie nicht mehr da ist“.

Für dieses Programm wurde erstmals das Foyer als Spielstätte genutzt. Die Zuschauer sitzen auf Bänken und Stühlen großzügig um die beiden Musiker herum, Getränke können auf Bistrotischen abgestellt werden, auf denen Teelichter die stimmungsvolle Atmosphäre verstärken. Die zwei Vorleser und die drei SängerInnen sitzen verteilt inmitten des Publikums. Ihr Platz ist aber nicht zufällig, sondern wie alles beim Theater Willy Praml, natürlich bestens vorbereitet und ausgewählt. Denn einzelne Scheinwerfer sind auf die jeweilig singenden oder sprechenden Akteure gerichtet. Indirektes grünes Licht oder ein greller Spot aus dem rückwärtigen Bereich des Foyers wechselt mit den auf die Vortragenden gerichteten Lichtkegeln in unterschiedlicher Intensität.

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (Jahrgang 1958) ist durch seinen Roman „Elementarteilchen“ international bekannt geworden. Der Roman wurde bereits verfilmt, ebenso wie sein im Jahr 1994 veröffentlichter Roman „Ausweitung der Kampfzone“.
Letzterer ist Gegenstand der Lesung bei diesem Programm, aus dem Michael Weber („Ich-Erzähler“) und Reinhold Behling („Kollege Tisserand“) ausgewählte Passagen vorlesen. Dies geschieht nicht als stures Ablesen, sondern nahezu auswendig, locker und frei gesprochen. Trotz allem Schwermut der dem Buch zugrunde liegt, kommt es nicht zuletzt durch den virtuosen Vortragsstil immer wieder auch zu einzelnen Lachern.
Liebeslieder von Paul Dessau, Bertolt Brecht, Kurt Weil und Anderen wechseln mit den Romanpassagen. Birgit Heuser, Gabriele Maria Graf, Gregor Praml und Tim Stegemann singen, mal ernst, mal heiter und stets mit großem Engagement Lieder wie „Barbara-Song“, „Nanas Lied“ oder „Über die Verführung von Engeln“. Gregor Praml spielt zusätzlich am Bass, Vassily Dück ein Bajan (russische Form des chromatischen Knopfakkordeons). Der Abend hält, was er im Untertitel ankündigt, er ist in der Tat ein schöner und besinnlicher Abend „um die Liebe und das Loch, das bleibt, wenn Sie nicht mehr da ist“.

Markus Gründig, August 06


Im Dickicht der Städte
Theater Willy Praml, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 25. August 06

“Die Sprache reicht zur Verständigung nicht aus”

Große Namen sorgten bei der Berliner „Dreigroschenoper“-Produktion im Berliner Admiralspalast in den vergangenen Wochen für ein großes Medieninteresse und ausverkaufte Vorstellungen. Ist die „Dreigroschenoper“ auch Brechts erfolgreichstes und bekanntestes Stück, hat er darüber hinaus doch ein umfangreiches Gesamtwerk hinterlassen, darunter auch viele Theaterstücke. Eines seiner frühen Werke ist das selten gespielte „Im Dickicht der Städte“, das jetzt vom Theater Willy Praml inszeniert, in der Frankfurter Naxoshalle Premiere feierte (zuletzt wurde es diesen Februar an der Berliner Volksbühne von Frank Castorf inszeniert).
Mit diesem Stück läutet das Theater Willy Praml nicht nur die neue Spielzeit ein, sondern feiert gleichzeitig auch sein 15-jähriges Bestehen.

„Im Dickicht der Städte“ handelt von der Vereinsamung des Individuums im Moloch der Großstadt, von Entfremdung, vom einander vorbeireden,  und von Auflösung der traditionellen familiären Lebensform. Eine bessere Welt gibt es nur im Traum. So endet das Stück hoffnungslos, ohne auch nur eine Perspektive aufzuzeigen. Der Holzhändler Shlink (berechnend und mit großer darstellerischer Präsenz: Birgit Heuser) bekämpfte sich drei Jahre lang (1912-1915) mit dem Leihbüchereiangestellten George Garga (mit nicht minder starker Präsenz und sehr guter Aussprache: Michael Weber).
Realist Shlink kämpft dabei scheinbar ohne Motiv, vollkommen passiv. Er nimmt Leiden in Kauf, um Macht zu bekommen. Erst am Schluss gesteht er George seine Liebe, der Kampf ist sein Ausweg um Nähe zu einem unerreichbaren Liebhaber zu halten.
George Garga und alle anderen reagieren lediglich auf äußere Umstände und werden so zu schuldlos Schuldigen. Wie Georges Geliebte Jane, die sich in ihrer Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit dem Alkohol und den Männern hingibt (äußerst lustvoll gespielt von Anneli Reichel) oder Georges Schwester Marie (erst diszipliniert, dann befreit: Gabriele Maria Graf), die auch von Shlink in seinen Bann gezogen wird und darin untergeht.
Der Vater (Reinhold Behling, auch Wurm und Hotelbesitzer) gibt auf, die Mutter (Hertha Georg )verschwindet einfach im Dickicht der Stadt. In weiteren Rollen: Nazir Abdaly, Klaus Gößwein und Tim Stegemann.


Im Dickicht der Städte
Theater Willy Praml, Frankfurt
Michael Weber und Anneli Reichel
Foto: Seweryn

Willy Praml lässt seine Schauspieler nicht nur irgendwie den Text aufsagen, sondern führt sie punktgenau und bewegungsreich durch das dreistündige Stück. Das ganze wirkt denn auch wie virtuos durchchoreografiert: mit großartigen Lichteffekten (Mirjam Lüdecke und Guntram Naurath) und musikalischen Einlagen von Hanns Eislers (musikalische Einrichtung: Gregor Praml).
Michael Weber, auch für das Bühnenbild und die Kostüme zuständig, nutzt den weiten Raum der Naxoshalle. Acht stehende, rückwendige Plakatwände bilden eine Häuserschlucht in Chicago, mit Wasser und blauen Licht später auch den Michigansee. Weiße Plastikbalkonstühle stehen für das heruntergekommene Zuhause der Familie Garga und rote Matratzen für ein Hotel, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Kostüme veranschaulichen den Charakter der Figuren und helfen diese zu verstehen: der Zuhälter im Anzug und mit Sonnenbrille, Jane in weißen Strapsen (die unschuldig Gefallene), Shlink auf chinesischen Pantoffeln und mit langem, dünnen Zopf, George mit jugendlicher Strickmütze.

Einsamkeit, aneinander vorbeireden, Auflösung der Familie, Brecht kam der Realität bei diesem Stück sehr nahe. Was zunächst etwas wirr wirkt, entpuppt sich in der Inszenierung von Willy Praml als ein sehr gegenwärtiges Stück, denn es zeigt auf, was heute im Großen und im Kleinen oftmals fehlt: Taten, Ziele und vor allem Hoffnung, als die treibende Kraft für unser Dasein.

Markus Gründig, August 06

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