kulturfreak

Besprechungen: Theater (4)


Othello
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: Premiere vom 22. Juni 06

Othello light

Die um das Jahr 1603 entstandene Shakespeare Tragödie über den Feldherrn Othello, seinen rasanten Aufstieg, die Ehe mit Desdemona und seinen tiefen Fall aufgrund blinder Eifersucht, ist ein zeitloses Stück über Außenseiter, Macht und Gefühle. Einen grandiosen Othello „light“ hat nun Corinna Bethge auf die Bühne der Bad Vilbeler Burgfestspiele gezaubert, indem sie das Stück auf zwei Akte zusammengestaucht und beinahe eine Komödie daraus gemacht. Mit viel Situationskomik, einer zeitgemäßen Sprache, modernen Kostümen und viel Musik (einem ROCKY-würdigen Triumphmarsch und sanftem Klavierspiel) kommt dieser Othello alles andere als Altbacken daher und bietet so auch demjenigen, der kein Theaterprofi ist, einen leichten Zugang zum Stück.


Othello
Burgfestspiele Bad Vilbel
Othello (Sebastian Wirnitzer) und Desdemona (Anna Eger)
Foto: Eugen Sommer

Die Bühne von Mechthild Feuerstein besteht aus großen, silbernen Wellblechwänden. Eine Palme auf der Bühne und eine auf der seitlichen Burgwehr vermitteln mediterrane Wärme, auch fehlt der Strand Zyperns nicht. Die Blechwände lassen sich seitlich fensterartig öffnen und geben den Blick frei in das Schlafzimmer Desdemonas und Othello (links) und auf einen Bierkiosk (rechts). Vor einem Gazevorhang, auf dem groß (Tagesschau mäßig) die Welt abgebildet ist, stehen zunächst fünf Stühle und ein Sprechpult, die Sitzung des Senats von Venedig erfolgt ganz weltmännisch. Doch mit dem Aufruhr des Senator Brabantio (explosiv: Ulrich Cyran) stürzen die Stühle und bleiben als Bild für die aus den Fugen geratene Welt die Aufführung über am Boden liegen. Bevor Fähnrich Jago (großartig humoristisch: Daniel Ris) sein fieses Intrigenspiel so richtig beginnen kann, wird der Zuschauer erst einmal mit dem zärtlichen Liebespiel von Desdemona (unschuldig und im eleganten Kleid: Anna Eger) und Othello (mit großer Textverständlichkeit: Sebastian Wirnitzer) berührt. Bei Leonard Cohen´s „I'm Your Man“ fallen sich die beiden immer wieder jung-verliebt in die Arme und schon bald schwingt auch der Zuschauer gerne mit, genauso wie Jago und Cassio (Leidenschaftlich: Sascha Rotermund) den beiden neidvoll nachschauen. Die von Jago gesponnen Fäden ziehen sich schnell zu und schon bald ist Othello Opfer und Täter und am Ende gibt es trotz aller komisch heiterer Momente, vier Tote zu beklagen.


Othello
Burgfestspiele Bad Vilbel
Othello (Sebastian Wirnitzer) und Jago (Daniel Ris)
Foto: Eugen Sommer

Mit großer Spielfreude sind auch die anderen Darsteller dabei. Als gestandene Emilia: Katerina Poadjan, als entfesselte Bauchtänzerin Bianca: Anke Schüler, als naiver Strandpoet Rodrigo: Herbert Schöberl und als militanter Montano: Kai Möller.
Zwar ist „Othello“ die längste Burgfestspiel-Produktionen in diesem Jahr, doch die fast drei Stunden inkl Pause sind so rasant in Szene gesetzt, dass sie wie ein Videoclip vorbeirauschen.

Markus Gründig, Juni 06


The Syringa Tree
English Theatre Frankfurt
Besuchte Vorstellung: Premiere vom 7. Juni 06

Das mehrfach ausgezeichnete Stück „“The Syringa Tree“ (von Pamela Gien) handelt von der Geschichte einer jungen Frau und von der Geschichte eines großen Landes: Südafrika. Bei diesem pausenlos gespielten knapp zweistündigen Einpersonenstück nimmt der Zuschauer Anteil am Leben der zunächst sechs jährigen Elizabeth zu Zeiten der Apartheid in Südafrika (hier ab 1963) und begleitet sie bis sie schließlich verheiratet ist, selbst einen kleinen Jungen hat und die Apartheid offiziell abgeschafft ist.
1950 wurde in Südafrika der „Group Areas Act“ erlassen, der die Trennung der Wohngebiete festschrieb. Seitdem wurden Schwarze nur im Wohngebiet der Weißen geduldet, wenn sie dort arbeiteten. Gelebt haben diese „Gastarbeiter“ in den Townships am Stadtrand. Als Nachweis dass sie berechtigt waren sich im Gebiet der Weißen aufzuhalten, mussten sie Pässe mit sich tragen. Die kleine Elizabeth bekommt dies und vieles mehr alles unmittelbar mit, da ihre weißen Eltern u.a. eine schwarze Haushälterin beschäftigt haben.
Dabei klagt das Stück niemals an, sondern beschreibt die damaligen Verhältnisse, die noch gar nicht so lange zurück liegen. Gleichzeitig ist das Stück aber auch ein berührendes Plädoyer für Mitmenschlichkeit und Hoffnung.
Shannon Koob spielt dabei nicht nur die junge Elizabeth, mit kindlichem Gemüt und großen fragenden Augen, freudig erregt und ängstlich, forsch und einfühlend, sondern mehr als zwanzig (!) weitere Rollen. Innerhalb Bruchteilen einer Sekunde wechselt sie zwischen den Figuren Elizabeth, der schwangeren Haushälterin Salamina (und spricht dabei dann mit entsprechendem Akzent), der Mutter, dem Vater, dem Großvater, und auch einem jungen Polizisten. Koob gibt jeder Figur den treffenden Ausdruck und Körperhaltung, so dass diese Figuren tatsächlich alle auf der Bühne aufleben. Standing Ovations waren der Dank des Premierenpublikums für diese herausragende Leistung.
Dabei spielt sie die ganze Zeit bei nahezu leerer Bühne. Narelle Sissons schuf eine große rostige Metallwand aus mehreren Einzelstücken zusammengefügt, davor liegt ein Haufen großer Steine. Auf einigen Steinen bewegt sich Elizabeth immer wieder hin und her oder hüpft von einem zum anderen Stein. Vom Titelgebenden Syringa Tree (Fliederbaum) ist nichts zu sehen, dafür hängt eine große Schaukel von oben herab, die den Baum ersetzt und Elizabeths Zufluchtsort ist. Für viel Abwechslung sorgt auch die Beleuchtung von James Sale, die zwischen intimen Momenten mit wenig Licht und greller Ausleuchtung wechselt und stets die jeweilige Szene prächtig unterstützt, etwa wenn ein Spot umher schwingt und so den Taschenlampen der Polizei gleicht, die auf der Suche nach Schwarzen im weißen Wohngebiet ist. Passend dazu werden vereinzelt Soundcolaggen eingespielt, Stimmen aus der Vergangenheit, Autogeräusche, Hundegebell und Musik, die Afrika ganz nah heran holt.

Eine intensiver Theaterabend und beste Gelegenheit, dem aktuellen Fußballrummel rund um die WM zu entfliehen. Übrigens: die nächste Fußballweltmeisterschaft findet 2010 in Südafrika statt.

Markus Gründig, Juni 06  


Pension Schöller
Burgfestspiele Bad Vilbel
Besuchte Vorstellung: Premiere vom 6. Juni 06

Die „Pension Schöller“ eröffnete jetzt die 20. Burgfestspiele in der romantischen Wasserburg in Bad Vilbel. Die Eröffnungspremiere bot dem Bad Vilbeler Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr die Gelegenheit, zur Begrüßung auf das reichhaltige Programm der diesjährigen Festspiele und die rasante Entwicklung seit den Anfängen der Festspiele hinzuweisen, dem sich zurecht mit Stolz Festspielleiter Claus-Günther Kunzmann anschloss.

Dem Publikum einen Spiegel vorhalten, ist das Ziel vieler Autoren. Das Duo Carl Laufs und Wilhelm Jacoby gelang dies bestens mit der bereits im Oktober 1890 uraufgeführten „Pension Schöller“. Ein Komödienhit der zum zeitlosen Klassiker wurde und landauf und landab immer wieder gerne gespielt wird. Auf liebevoller Weise werden hier scheinbar normale Bürger zu Irren und der Zuschauer kann sich schmunzelnd darüber amüsieren, wie nah Normalität und Wahnsinn sein können.
Die „Pension Schöller“ in der Inszenierung von Karl Friedrich bietet die besten Voraussetzungen, einen neuen Rekord für die Burgfestspiele aufzustellen: eine tolle eingängige Geschichte, Bühnenbilder die den Alltag vergessen lassen und einen mit nach Berlin nehmen und vor allem großartige Schauspieler, die allesamt begeistern. Eine super Stimmung bei der Premiere, mit vielen Lachern zwischendurch und begeisterten, langen Beifall zum Schluss, der mit kräftigen Fußtrampeln unterstützt wurde.


Pension Schöller
Burgfestspiele Bad Vilbel
Ensemble
Foto: Eugen Sommer

Eleganz vermitteln die schweren roten Samtvorhänge im Café, die durch helle Wandfarben und dank der notwendigen Türen für die verschiedene Auf- und Abtritte aber nicht dominieren. Schick dazu der Aufgang zur „Pension Schöller“ auf der rechten Bühnenseite. Hell und freundlich ist auch das ländliche Heim von Philipp Klapproth in Rüdersdorf geraten (Bühne: Jens Hübner).
Für herrlich frischen Wind sorgt gleich zu Beginn die forsche, entzückende Anna Eger als wohl gescheite Kellnerin Franziska Schöller, welcher Man wollte sich von ihr nicht auch einen Cuppucchino servieren lassen? Zygmunt Apostol als ihr Vater bekommt gar einen Auftrittsapplaus. Mächtig ins Zeug legen sich Ulrich Cyran als schließlich an sich selbst zweifelnder Philipp Klapproth und der unverwüstlich an seinem schauspielerischen Talent arbeitenden Daniel Ris alias Leid geplagter Eugen.
Für das stimmige Gesamtbild sorgen aber auch Anke Schüler (als erst kühle, aber dann umso herzlichere Ida Klapproth), Sascha Rotermund (als Mitverursacher der Verwirrung und Schwiegersohn in spe), Joachim Lautenbach (als unverwüstlicher Major a.D.), Ellen Schulz (als alles wissen wollende Schriftstellerin Zillertal) und Herbert Schöberl (als energisch aufgeladener Großwildjäger).
Ein Abend der selbst bei kühlen Temperaturen Spaß macht.

    Markus Gründig, Juni 06


Die Verwandlung / Gregor Samsa und das Traumfresserchen
Landungsbrücken Frankfurt
Besuchte Vorstellung. Premiere vom 2. Juni 06

Träume können stimulieren, lassen den Alltag vergessen und beflügeln die Seele. Doch es gibt auch die andere Seite: Alpträume, wo der Alltag gesteigert zur Bedrohung wird. Regisseur Peter Eckert hat für diese Produktion zwei Traumgeschichten miteinander verbunden bzw. aneinandergereiht: Kafkas „Die Verwandlung“ und Michael Endes „Das Traumfresserchen“.
Schräg geht es bei den Samsas zu, wo sich der Alltag am surrealen Tisch im immer gleichen Rhythmus unselig wiederholt und ins manische steigert. Kein Wunder also, wenn Gregor dann in seinem verkehrten Bett (Bühne Florian Hübscher) Alpträume bekommt (per Videoeinspielung: ein Atompilz) und sich im unvorteilhaften, engen Astronauten ähnlichen silbern glitzernden Vollkörperanzug samt Fliegenbuckel (Kostüme Thomas Dohm) wieder findet.
Bis das Traumfresserchen ihn und Prinzessin Schlafittchen rettet, die Familienglückseligkeit wieder hergestellt ist und gemeinschaftlich mit Wunderkerzen stimmungsvoll John Lennons „Imagine“ gesungen wird, hat Gregor noch einige Stationen zu durchleben.


Die Verwandlung / Gregor Samsa und das Traumfresserchen
Landungsbrücken Frankfurt
Grete (Selina Schwank), Mutter (Bernd Winter),
Vater (Jens Eichler & Gregor (Florian Stamm)
(v.l.n.r.)
Foto: Veranstalter

Aufgelockert wird die anderthalb Stunden dauernde und pausenlos gespielte Vorstellung durch sorgsam ausgewählte Gesangseinlagen der musikalischen Familie (Vater: Schlagzeug, Mutter: Orgel; Sohn: Sänger, Tochter: Geige) aus Klassik und Pop-Rock. Den Anfang macht passend schwermütig „Die Rast“ aus Franz Schuberts Winterreise, doch es wird auch heiter, u.a. mit Evis „It`s now or never“ oder dramatisch zugespitzt bei The Doors´ „The End“(wo der übermächtige Darth Vadder Vater getötet und die Mutter zum Sexualopfer wird; was hier aber nicht erfolgt).
Langeweile lässt Regisseur Peter Ecker also nicht aufkommen, seine vier Darsteller führt er mit Geschick durch die Geschichte. Die Mutter (Janusköpfig halbseitig weiß geschminkt) mit einem Mann (Bernd Winter) zu besetzen, passt gut für diese durcheinander geratene Traumwelt. Selina Schwank ist nicht nur die geigende Tochter Grete sondern auch das Traumfresserchen. Als mampfender, nervig überzogener Vater gibt sich stark Jens Eichler. Die Hauptrolle des Gregor spielt und singt souverän Florian Stamm.
Ein Theaterspaß für jedes Alter, ein Plädoyer für eine bessere Welt dank (der richtigen)Träume.

Markus Gründig, Juni 06
 


Quartett
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: Premiere vom 31. Mai 06

Die Sternstunde der Friederike Kammer

Geht eine Tür zu, geht sie wo anders wieder auf. Das Leben als Wechselspiel von Gut und Böse. Das Negative als notwendige Energie für das Kreative, für die Weiterentwicklung, für die Zukunft...
Angeregt durch Heinrich Manns Vorrede zu Pierre A. Choderlos de Laclos „Gefährliche Liebschaften“ geht es in diesem Crashkurs der Liebe und des Lebens um das gescheiterte Paar Merteuil und Valmont, das unvermittelt die Rollen tauscht und weitere spielt und so ein Quartett bildet. Heiner Müllers tief- wie leichtsinnige Wortspielereien um Täter- und Opferrollen sind nicht nur eine große Herausforderung für die beiden Schauspieler, auch die Regie hat es nicht leicht, in diesem „Salon vor der französischen Revolution / Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ einen bühnen- und publikumstauglichen Abend zu gestalten.
Regisseur Urs Troller zeigt das Stück im Kleinen Haus des schauspielfrankfurt auf den Text konzentriert in einer Stunde. Das ist nicht viel und doch ist der Zuschauer stark gefordert, denn jeder Satz, jeder Hieb, den sich das triebstarke Paar gegenseitig an den Kopf wirft, bedarf einer Reflexion, sei der Satz nun mit Bosheit oder mit einer humoristischen Note ausgesprochen.

Quartett
schauspielfrankfurt
Merteuil (Frederike Kammer) & Valmont (Oliver Kraushaar)
Foto: Alexander Paul Englert

Die Bühne von Adriane Westerbarkey verzichtet auf Türen die auf oder zugehen, sie wurde lediglich diagonal abgetrennt und so steht nur die rechte Seite als Sielfläche zur Verfügung. Eine hohe graue Betonwand reicht bis in den Zuschauerraum hinein. Die Wand weist zarten Farbtöne der auf ihr eingekritzelten Schmierereien auf, die sich bei genauerem Hinsehen als die Schlagwörter der Französischen Revolution (Liberté, Egalité, Fraternité) entpuppen und diesen Kampf um Macht und Stärke, Obsiegen und Unterliegen konterkarieren. Der Boden besteht aus einem Trümmerfeld von Steinplatten. Der Kontrast zwischen Ordnung (glatte Betonwand) und Chaos (aufgebrochener Boden) reflektiert den Dualismus des Stückes.
Vor die Bühne ist zusätzlich mit schmalen Plastikstreifen ein Rahmen gezogen, der den Effekt der Zurschaustellung verstärkt.
Oliver Kraushaar gibt mit glatt gegelten Haaren, in schwarzer Hose, hochgekrempelten weißen Hemd und Hosenträgern einen überlegenen und erhabenen Vicomte de Valmont, ein ganzes Mannsbild.
Graziler, im schwarzen, weichen Kleid mit Beinausschnitt: Friederike Kammer als Marquise de Merteuil. Barfüssig und mit strubbeligem Kurzhaarschnitt wirkt sie nahezu jugendlich, aber auch offener und dadurch verletzbarer. Wie eine Katze umgarnt sie Valmont, kauert nieder, legt sich zu Boden, zieht sich erschrocken zurück, beobacht und hüpft auf Valmonts kräftige Arme. Ein grandioses Spiel und äußerst lebendiger Vortrag.

Markus Gründig, Juni 06


Jason
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: Premiere vom 28. Mai 06

„Helden in Tüten“ lautet das Saisonmotto der nachtschwärmer-Reihe am schauspielfrankfurt. Odysseus, Herakles, Penelope, Hera, Zeus und Kain, waren einige der modernen Helden bei den bisher gezeigten Stücken, die gleichzeitig einen Einstieg in die umfassende griechische Mythologie boten. Als letzte Produktion der laufenden Spielzeit inszenierte nun der Schauspieler Rainer Frank im Zwischendeck des schauspielfrankfurt das Stück „Jason“ –nach Motiven der Argonautensage mit Texten von Christa Wolf und anderen.

Während das Publikum um kurz vor 22h sich im Zwischendeck seinen Platz sucht, steht ein Mann bereits auf der „Bühne“ und wartet andächtig, bis das Licht aus und der Spot an geht; zwei weitere Personen stehen abseits im Dunkeln. „Herzlich Willkommen“ heißt er (eloquent wie stets: Stefko Hanushevsky, später auch als musizierender Orpheus) das Publikum, willkommen nicht zu einer Theateraufführung, nein, zur Trauung von Jason und Medea. Und weil es nun mal alter Sitte Brauch ist, erfüllt er als guter Freund des Bräutigams die Pflicht, ein paar Wörter zum Paar zu sagen. Der Abend beginnt. Zusammen mit Jason (kämpferisch: Sebastian Schindegger) begibt er sich zurück auf die Reise, auf die Suche nach dem legendären Goldenen Vlies von Kolchis.
Rainer Frank erzählt einen kleinen Ausschnitt des Mythos um das Liebespaar Jason und Medea, das vor langer Zeit lebte, und doch ein Paar von heute ist. Dabei schafft er mehrfach wunderbare und intime Momente der ersten Liebe, des sich ins Herz schließen. Etwas wenn Medea Jason´s Freudentanz im Wasser nachahmt und ihn sehnsuchtsvoll nachschaut oder wenn sie sich im Spiel der Nachtleuchten gegenseitige ihre Liebe füreinander mitteilen. Auf den Boden der Tatsachen sind sie bei diesem knapp einstündigen Spiel aber auch wieder schnell: Medea für die Liebe und für sich kämpfend tötet ihren Halbbruder und Jason sagt sich von ihr los.

Nina Zollers Bühne ist im strengen schwarz/weiß gehalten, die Wände sind unten mit schwarzen Borden versehen. Eine Art schmaler Laufsteg wird zum abstrakten Schiff umfunktioniert, ein anderer, schräger Steg dient als variable Fläche im Königshaus oder mit herausgerissenen Holzlatten für den Ausdruck der Zerstörung und des Bruchs zwischen dem Paar. Durch den geschickten Lichteinsatz (Johannes Richter) entstehen vielfältige Stimmungen, nicht nur durch die Kerze im seitlichen Hintergrund, die wie ein Leuchtturm allen Stürmen trotz und stets Ruhe und Harmonie ausstrahlt. Ein Kontrast, der passt und Stimmung schafft.
Der Bühne passen sich die Kostüme von Madeleine Hasselmann gut an. Jason und Medea in schwarzer moderner Kleidung, der Freund als Grieche in heller Hose mit blauem Langarmshirt.

Jason ist der Held dieser Geschichte, dessen Position hinterfragt wird, was beispielsweise, wenn es das Goldene flies gar nicht gibt und alles nur eine Täuschung ist? Doch letztlich ist es eigentlich der Abend der Medea. Dies liegt an der jungen Anne Müller, die sich hier erstmals am schauspielfrankfurt groß zeigen kann: als zärtlich Liebende, als Helferin in der Not und kühle, betroffene Verlassende. Ihr Spiel mit Mimik und Bewegung vermittelt großen Ausdruck und lässt die nächste Spielzeit mit Freude erwarten.

Markus Gründig, Mai 06


Glaube Liebe Hoffnung
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: Premiere vom 14. Mai 06

“Alles wird aufhören; nur Glaube, Hoffnung und Liebe nicht. Diese drei bleiben; aber die Liebe steht am höchsten“… so heißt es schon im Hohelied der Liebe in der Bibel (Neues Testament, 1. Korintherbrief, 13,13, Übersetzung der „Guten Nachricht“). Lieben tut auch Elisabeth. Am meisten liebt sie sich, dabei glaubt sie auch an sich und hofft noch viel mehr. Nützen tut ihr das alles nicht. Am Ende ist sie verzweifelt und meint nur noch im Freitod einen Ausweg zu finden. Die Schauspielerin Sandra Bayerhammer zeigt in der jüngsten Produktion des schauspielfrankfurts eine anfänglich selbstbewusste, lebensfrohe Frau. Etwas planlos steht sie in ihrem fahlen Kostüm (Sabine Blickenstorfer) unvermittelt im Raum und überlegt, wie sie ihr Schicksal nun in die Hand nehmen soll. Je mehr sie an der Gesellschaft, den vielen kleinen Paragraphen, scheitert und sich immer tiefer in den Strudel reißen lässt, umso ernster, mutloser und verzagter wird sie. Bayerhammer zeigt den langsamen (Ver-) Fall der jungen selbstbewussten Miederwarenverkäuferin mit intensiven, feinfühligen Spiel (und nebenbei mit schönem hellem Sopran bei ihren Gesangseinlagen, die sie ganz zart vorträgt). Als einzige ist sie die ganze zweistündige Aufführung auf der Bühne und verliert auch äußerlich immer mehr: am Ende steht sie wieder allein im Raum, jetzt beinahe nackt und wüst, kaum noch etwas ist von ihr übrig, während die „bessere“ Gesellschaft im Hintergrund eine Party feiert.


Glaube Liebe Hoffnung
schauspielfrankfurt
Elisabeth: Sandra Bayrhammer, Frau Amtsgerichtsrat: Ruth Marie Kröger
Foto: Alexander Paul Englert

Ödön von Horváth hat für dieses Volksstück unterschiedliche Versionen geschrieben (in fünf, in sieben Bildern). Regisseurin Corinna von Rad entschied sich für die längere Version, mit Tierparkszene und einem Überleben Elisabeths. Zusammen mit Bühnenbildner Ralf Käselau zeigt sie diese Sozialsatire aus den Zeiten zwischen den Weltkriegen in einem nüchternen und kalten Rahmen: die Bühne des Kleines Hauses ist mit blauen Wänden umschlossen, ansonsten weitgehend leer. Im Hintergrund sind fünf kleine Raumminiaturen zu sehen. Bis auf ein Raum sind sie zur Bühne hin offen, überwiegend weiß, einer mit Badmarmormuster.
Alle Räume haben eine hässlich graue Tür mit breitem Briefkastenschlitz, der als Sehschlitz zum Beobachten, Tiergeräuschlautsprecher oder als Küchendurchreiche dient.
Ein Hauch von Idylle ist einzig im rechten, meist verschlossenen Zimmer auszumachen, wo es sich die Musiker, Arbeitslosen und Kriminellen (Rainer Süßmilch & Matthias Schmidt) es sich mit blinkenden Jesusbild und Postern gemütlich gemacht haben. Für die Biergartenszene gibt es ganz traditionell entsprechende Garnituren. Musikalische Einlagen (Märsche) hat schon von Horváth für dieses Stück vorgesehen, hier sorgen (wie auch schon bei „Fool for love“ Rainer Süßmilch und Matthias Schmidt für Klangcollagen, stehen auch in halber Bayerntracht mit Schlagzeug und Trompete unter einer Regenbogengirlande, das Ensemble bringt sich zusätzlich mit  kleinen A-Capella Choreinlagen ein.

Der nüchterne Rahmen des Bühnenbildes unterstützt von Horváth´s Blick auf die Situation der kleinen Leute, auf die Einzelne, die verloren kämpft und die illustre Gesellschaft, in der sie sich befindet. Außer Elisabeth und einem Blumenmädchen sind da noch zwölf weitere Darsteller. Das sind zwar nicht so viele wie bei von Horváth vorgegeben, aber für das Kleine Haus doch eine ganze Menge. Womit auch klar ist, dass nicht jeder die Möglichkeit hat, sich hier groß zu beweisen. Dennoch sind auch die kleineren Rollen groß besetzt. Wilhelm Eilers gibt einen starken Oberinspektor und für Recht und Ordnung sorgenden Oberkommissar, ganz im Stile eines Edgar Brock (Schließer bei „Hinter Gittern“). Roland Bayer ist ein resignierter Amtsgerichtsrat, der sich nur noch im Abkippen von Bier behauptet, so dass seine Frau (Ruth Marie Kröger) die Lebensfreude und Wärme von Frau Prantl (Susanne Buchenberger) lieber ist. Andreas Haase ist ein herrlich verbissener, giftiger Tierpfleger und Wolfgang Gorks ein gefasster Baron. Sebastian Schindegger gibt als ehrloser Joachim Prantl mit großem Einsatz eine Autopanne vor, die er vor Elisabeth und dem Publikum aus dem Nichts gestaltet.
Mehr Spielraum haben die verbleibenden drei: Rainer Frank als glücklicher, liebestoller Kleinbürger-Schupo, Sascha Ö. Soydan mit Bauernschläue als Maria und Wirtin gleichsam klasse komisch wie tüchtig, und Stefko Hanushevsky als köstlicher Präparator/Oberpräparator. Er spricht von allen Darstellern mit dem besten bayrischen Dialekt und zeigt eine starke Bühnenpräsenz, egal ob er in Erinnerung schwelgend von seinem verstorbenen Rehpinscher Buschi erzählt oder sich wütend und fassungslos ob Elisabeth´s Betrug gibt.

Der Vorwurf an Elisabeth, ohne Gewerbeschein verkauft zu haben und die daraus folgende soziale Ächtung ist heutzutage kaum noch nachzuvollziehen, wo selbst Mörder mit geringen Haftstrafen davon kommen und Betrügereien in allen Schichten an der Tagesordnung sind. Corinna von Rad lenkt den Blick bei allem Ernst mit einem großen Maß an Humor gezielt auf die Personen, die Opfer und Täter zugleich sind und macht das Stück so zur zeitlosen Parabel.

Markus Gründig, Mai 06


Die Möwe
Landungsbrücken, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: Premiere vom 12. Mai 06

Das Leben mit Sinn füllen ist ein zeitloses Thema. Die einen machen zu viel, die anderen zu wenig. Wo liegt der Mittelweg? Čechovs Drama „Die Möwe“ handelt von einer kleinen (russischen) Provinz-Gesellschaft, die im täglichen Einerlei dahinvegetiert und mehr oder weniger lustlos die Zeit totschlägt, von Liebes- und Lebenssehnsucht und nicht zuletzt von Problemen künstlerischen Schaffens.
Die Inszenierung von Torge Kübler des Frankfurter Theaters Landungsbrücken (in der Übersetzung von Thomas Brasch) zeigt, das das Stück auch 110 Jahre nach seiner Uraufführung nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und bei aller im Stück liegenden Langatmigkeit auch mit wenig Mitteln packend gezeigt werden kann.
Das Theater Landungsbrücken ist eines der jüngsten Theater innerhalb der Stadt Frankfurt, mit Spielräumen im westlichen Gutleutviertel, Hinterhofcharakter und dem Charme neuzeitlicher Bohème.
Noch während das Publikum über die Spielfläche, an der seitlichen Bar vorbei, auf die Sitzplätze läuft, sorgt Johannes Kiem (auch Dorn) am E-Klavier vorbereitend für eintönig sich ständig wiederholende Klänge. Die Schauspieler sind als solche nicht auszumachen. Hier könnte es jeder sein. Nur oben links liegt ein Mann im Licht von mehreren Spots, er macht von Anfang an deutlich, dass er außerhalb der Anderen steht. Wie später deutlich wird, ist es Konstantin (Michael Haase), der auf diesem Scheunenboden des Landguts seinen Rückzugsraum, sein kleines Schloss auf das er immer wieder fliehen kann, gefunden hat. Haase spielt den Konstantin hinter seiner schmalen Hornbrille äußerst mitfühlend als verunsicherten, innerlich gebrochenen und der Verzweiflung nahen Autor und Sohn der Irina. Schon äußerlich, im leicht schmutzigen und viel zu großen Jogginganzug, dazu mit wilder Haartracht, macht er einen verlorenen Eindruck. Wo er also innerlich und äußerlich der Loser ist, setzt Irina (Michaela Conrad) entsprechend an Stärke und Eleganz entgegen. Mehrfach wechselt sie ihre Perücken und gibt eine glänzende, mondäne, nie alternde, egozentrische Diva. Ein ungeheuer dichter Moment ist, wo die beiden auf einer Sonnenliege sitzen und sich erst aus inneren Verletzungen heraus kräftig Beschimpfen, um dann voller Schmerz eine familiäre Zwangsgemeinschaft bilden, die beide überfordert.

Torge Kübler verzichtet auf grelle Regieeffekte und gibt den Schauspielern viele Gelegenheiten, ihr Können zu zeigen. Er lässt die Schauspieler nur selten von der Bühne gehen, meist bleiben sie irgendwo im Raum, etwa Mascha (Sandra Lühr, die sich in ihre Natur-/Pflanzenwelt zurückzieht oder Tabak schnupfend in der Ecke kauert, wenn sie sich nicht gerade mit Medwedenko (Mario Krichbaum) beim Ballspiel streitet.
Der erfolgreiche Trigorin (Paddy Twinem) ist zeitgemäß ein Golfspieler, unsensibel und grob. Warum ihm die junge Nina (erfrischend: Katharina Poensgen) verfällt, hat wohl vor allem mit ihrer großen Leidenschaft für das Theater, das Schauspielen zu tun.

Judith Philipp´s (Universität der Künste, Berlin) Bühne ist spartanisch, aber nicht einfallslos. Für die Theaterszene lässt sie beispielsweise die Bretter die die Welt bedeuten, in Form von Papierbahnen auf den Boden bringen, ein Vorhang und ein paar Plastikhocker und schon ist die Bühne auf der Bühne hergezaubert. Ansonsten wird im unveränderten Grundraum der Halle gespielt, mit Blick auf die nicht mit einem Vorhang verdeckte Bar. Die aktuelle Kleidung der Darsteller (auch Judith Philipp) unterstützt den Gegenwartsbezug dieser Inszenierung. Statt einer ausgestopften Möwe gibt es Papierflieger satt, auch der Programmflyer ist mit aufgedruckter Bauanleitung versehen.

Tragödie oder Komödie? Diese Frage stellt sich auch bei diesem Čechov Stück. Zwar endet es mit einem finalen, nicht gezeigten und nur akustisch wahrgenommenen Todesschuss des Konstantin, doch schon wenige Sekunden später tritt er wieder mit den anderen an die Bar. Das Leben geht weiter, was auch immer passiert. So vermittelt Kübler bei allem Lebensschmerz in dieser pausenlos gespielten, knapp zweistündigen, Aufführung auch eine gehörige Portion Lebensfreude, die auch das Publikum erreicht und bei der Premiere mit stürmischem Beifall belohnt wurde. Ob nun Komödie oder Tragödie, das ist wie mit dem Wasserglas, ist es nun halb voll oder halb leer? Die Antwort trifft jeder für sich.

Markus Gründig, Mai 06

nach oben

Home
Besprechungen
Kontakt
Musical
News
Oper
Operette
Show & Event
Theater
TV Tipps