kulturfreak

Besprechungen: Theater ( 2)


Blithe Spirit
English Theatre Frankfurt

Premiere: 5. März 06
Besuchte Vorstellung: 7. März 06

Zwei Hände auf einer Zauberkugel, in deren Mitte sich verführerisch eine vollmundige blonde junge Schönheit zeigt. Dies ist das Plakatmotiv für Noël Coward´s Komödie „Blithe Spirit“, die noch bis zum 19. April 06 im English Theatre Frankfurt zu sehen ist. Der Schriftsteller Charles Condomine, glücklich in zweiter Ehe verheiratet, nimmt zu Studienzwecken die Dienste der Wahrsagerin Madame Arcati in Anspruch, und eh er sich versieht taucht seine bereits vor sieben Jahren gestorbene erste Frau auf. Eine Dreiecksgeschichte spiritistischer Art, denn sie wieder los zu werden ist gar nicht so einfach und dann erhebt jeder der Frauen natürlich ihren Anspruch auf Charles…

Noël Coward schrieb diese Komödie inmitten des 2. Weltkrieges um seine Landsleute von der harten Realität abzulenken und Ihnen zwei Stunden Heiterkeit zu geben. Die Wirkung von „Blithe Spirit“ heute ist nicht anders. Das fängt schon beim Betreten des Theatersaales an, dessen beleuchtete Bühne schon vor dem eigentlichen Beginn offen ist: ein typisch englisches Wohnzimmer wohlhabender Bürger. Ein Flügel, eine Couch, ein Schreibtisch mit Bücherhochregal und schwere Teppiche. Das ganze durch Stofftapeten in ein zartes Blau gehaucht und mit grell grünen Vorhängen ergänzt (Bühne Beate Voigt), ganz so, als wäre man im Hause der Bellamy´s am Eaton Place. Und schon huscht das Zimmermädchen Edith (Polly Conway) durch die gute Stube um ja alles in guter Ordnung zu halten.
Regisseurin Heather Davies erzählt die gute Story flott mit mancherlei Zauberei auf der Bühne, doch ist der Trumpf dieser Inszenierung ist die klasse Besetzung. Gay Lambert als leicht schrullige doch äußerst energetische Madame Arcati ist für sich schon ein Besuch wert. Mit großen Gesten und ausgiebigen Einsatz ihrer Hände und Arme fasziniert sie alle, dass selbst die Ungläubigsten trotz aller Vorbehalte ihrer Kunst vertrauen. Julien Ball gibt ganz den britischen Gentleman Charles, der zwischen leichter Arroganz und Unbeholfenheit angesichts der zwei Ehefrauen schwankt.
Jane Arden seine elegante, selbstbewusste liebe Frau Ruth. Als bereits sieben Jahre tote Elvira ist Sarah Desmond komplett in ein helles grau getaucht, was ihrem Biss und Zickigkeit aber keinen Abbruch tut, sie strahlt als eigentlich Tote mehr Lebenslust aus als die Lebenden.

Nicht immer sind die Dinge so wie sie scheinen und es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als gemeinhin angenommen. Und welche Rolle spielt Edith und Irving Berlin´n Song “Always” bei alledem? Um dies zu klären am besten nix wie hin zum English Theatre. Und nebenbei noch zwei Stunden köstlicher britischer Humor as it’s best mitnehmen.

    Markus Gründig, März 06  


Wer hat Angst vor Virginia Woolf
schauspielfrankfurt

Premiere: 4. März 06

Ein Spiel ohne Sieger, denn am Ende hat nicht nur jeder sein Fett abbekommen, sondern auch sein Gesicht verloren. Erbarmungslos fallen Martha und George über einander her und reißen das junge Paar Putzi und Nick mit in ihren Untergang. Im Großen Haus des schauspielfrankfurt hatte Edward Albee´s Weltklassiker aus den 60er Jahren Premiere. Die riesige Bühne des Hauses wurde für dieses Kammerspiel erhöht und verkleinert. Bei voller Breite ist die Bühne von Wandplatten nach hinten nur wenige Meter tief, ebenso auch nach oben beschränkt. Panoramamäßig blickt der Zuschauer auf das leere, mit grauen Wänden versehene einrichtungslose Wohnzimmer. Vier Stühle aus den 60ern, eine kleine Musikanlage auf dem Boden und imLaufe des abends immer mehr Flaschen Alkohol, mehr nicht. Olaf Altmann lenkte in seinem Bühnenbild die Augen des Zuschauers geradezu auf die vier Darsteller hin, wechseln tut lediglich pro Akt der Wandspalt der als Tür dient.

Bei einer derart reduzierten Inszenierung steht und fällt das Stück ganz besonders mit den Darstellern von Martha und Georg, die hier bis an die Grenze des Machbaren gefordert sind. Sabine Waibel und Joachim Nimtz schaffen dies mit Bravour, so dass es bei der Premiere am Ende auch kräftigen Jubel im Publikum gab.


Wer hat Angst vor Virginia Woolf ?
schauspielfrankfurt
Sabine Waibel, Joachim Nimtz
Foto: Alexander Paul Englert

Sabine Waibe ist so richtig schön die fiese, verwöhnte und unausgeglichene Tochter des Rektors, die um Ihren Einfluss wissend George klein hält, um von ihrer eigenen Leere abzulenken. Anfangs noch spassig und bissig steigert sie sich mit jedem Schluck (und davon gibt es etliche) immer mehr in ihren Wahn der Kränkung und des Hasses. Wo sie merkt dass Georg auf einmal nicht mehr auf ihr Spiel eingeht, sie zum Zuchtbullen in die Küche ziehen lässt, verliert sie ihre Stärke, bis sie schließlich zerbrochen in der Schlafzimmerecke kauert.
Joachim Nimtz muss als Georg erst allerhand wegstecken, bis er die Fäden in den Händen hält. Wenn Martha in die Küche zu Nick geht um von ihm gefickt zu werden, bleibt Georg weinend und arg an sich haltend auf seinem Stuhl kauernd sitzen.
Jan Neumann kämpft als Nick zwischen Anstand und der Triebe, gerät mit Putzis ständigen Brechattacken konfrontiert in eine eindrucksvolle wilde Raserei über sich selbst und sein nicht minder verkorkstes Leben. Glück hat nur die naive Putzi (Nadja Dankers), die mit stoischer Ignoranz vergangenes Unrecht vergisst und weitermacht, als wäre nichts passiert und selbstverliebt dahintänzelt.

Alle vier Darsteller lassen das Theaterspiel vergessen, so lebendig zeichnen sie ihre Charaktere. In ihren Verletzungen und Hieben sind sie mitunter überzogen komisch, doch immer real. Emotionsgeladene zwei Stunden Hochspannung, von Martin Nimz packend vorgeführt.

Markus Gründig, März 06


Hercules @work
schauspielfrankfurt

Premiere: 3. März 06

Um die Geschichte von Herkules zu erzählen bräuchte es eigentlich mehr wie ein Theater. „Der durch Hera“ (= Herakles = Herkules) berühmte Lieblingsheld der griechischen mythologischen Dichtung gilt als Verkörperung des mühevollen Kampfes und des Sieges des Guten über das Böse.
Um seine Herrscherposition betrogen hat Hercules ersatzhalber Mut und übermenschliche Stärke erhalten, weshalb sein Vetter Eurystheus ihn fürchtet und mit zwölf schwierigen und eigentlich aussichtslosen Aufgaben betraute (z.B. Kampf mit der neunköpfigen Hydra, Entführung des Höllenhundes Kerberos). Doch statt zu scheitern erhöhten sie seinen Ruhm.

Die knapp einstündige Kollage hercules @work des schauspielfrankfurt nähert sich mit Text, Show, Video, Gesang und etwas Klamauk dieser Heldenfigur. Der junge Regisseur Paul-Georg Dittrich hat sich hierfür einige Stationen aus Hercules Leben herausgepickt und temporeich arrangiert.
Die verzerrte Darstellung in einer Nahaufnahme des Gesichts zeigt den Helden schon von Anfang an als Suchenden und von der Außenwelt kritisch beobachteten. Unausgeschlafen wirkend, das Hemd nur flüchtig in die Hose gestopft und die Haare zu Berge stehend, kommt er aus seiner Festung herausgestürmt, die zwei legendären Schlagen von sich werfend. Der derzeit jüngste Darsteller am schauspielfrankfurt, Moritz Peters, gibt diesen jugendlichen Held Hercules als eine um seine Identität ringende Person, der den Machenschaften Heras und Eurystheus ausgesetzt ist. Den Nemeischen Löwen bekämpft er nahezu nebenbei, tritt von seinem Vater erzählend vor das Publikum, kann sich seine Gemahlin in einer Herzblatt-Show aussuchen um sie später dann im Wahn umzubringen und dafür angeklagt und am Kreuz verurteilt zu werden.


hercules @work
schauspielfrankfurt
Sandra Bayrhammer, Moritz Peters
Foto: Alexander Paul Englert

Als Eurystheus treibt Multitalent Stefko Hanushevsky, hier mit zartem Schnauzer, sein Spiel. Im weißen Anzug und schwarzen Hemd ist er gleichzeitig der Herzblatt-Showmoderator, bekundet DSDS reif wunderbar seinen Schmerz über Hercules´ Abschied und bringt sich anfangs als Zeus vor Hera immer wieder in Abwehrhaltung.
Sandra Bayrhammer ist die zischende, starke Hera, aber auch doppelte Herzblatt-Kandidatin. Als Konservative nach einem Mann suchend, für den Altruismus kein Fremdwort ist und als Lebefrau. Als Deianeira durchleidet sie einfühlsam die Attacke ihres Mannes („Bang Bang – My Baby Shot Me Down“ singend).

Die große Spielfläche des Zwischendeckfoyers ist für diese Aufführung nahezu leer. Weiße Grenzlinien auf dem Boden markieren Ländereien, ein Dutzend Signallichter sind darauf verteilt, möglicherweise als Standortangabe für Hercues´ Aufgaben. Die Festung Hercules ist ein Nomadenzelt, in dem auch mal Hera und Eurystheus verschwinden und wie Pat und Patterchen herausschauen. Erstaunlich immer wieder wie mit den wenigen Möglichkeiten allein durch das Licht die verschiednsten Stimmungen hervorgezaubert werden, wie hier beispielsweise wenn Hercules im Spotlicht fixiert ist (Bühne: Sabrina Henssen).

Am Ende hat Hercules alle Aufgaben gelöst und sogar erfahren, was Schrecken ist. Darüber beglückt ist er nicht mehr zu halten, rennt hinaus auf den Willy-Brandt-Platz und will die ganze Welt umarmen (eine Videokamera überträgt das ganze live in das Zwischendeck), wer wollte es ihm da nicht gleich tun ?

    Markus Gründig, März 06


Die Nibelungen
Schauspiel Essen

Premiere: 18. Februar 06

Als Abschluss seines Lebenswerkes fasste Friedrich Hebbel (1813-1863) Deutschlands Nationalepos über die Nibelungensage in ein bühnenwirksames Werk mit einer spannenden Geschichte um Liebe, Macht, Verrat und Rache.

Regisseur Anselm Weber verzichtet in seiner Inszenierung von „Die Nibelungen“ am Schauspiel Essen (an dem er auch Intendant ist), auf eine neuzeitliche Interpretation und auf Effekthascherei, zeigt Kriemhilds Geschichte in gut drei Stunden (zzgl. einer Pause) als groß an gelegtes Heldendrama in mittelalterlich anmutender Optik.
Bühnenbildner Thomas Dreißigacker nutzte vor allem einfach Prospekte (mit Fototapeten, Stoffschnipseln und  Fell). Eine große Leinwand im Hintergrund gibt per Projektor angestrahlt das Kaminfeuer in König Etzels Burg wieder, später wird es zum Saal ergreifenden Feuer. Einfache Mittel die aber stark wirken und sich stets ein wenig steigern. Bis hin zum großzügig wirkenden Saal am Hofe Etzel, der Macht, Erhabenheit und Wärme ausstrahlt. Drei große ledernde Sitzsäcke stehen im hinteren Bereich, mehr ist nicht, braucht es aber auch nicht. Die große Schlussschlacht findet teilweise hinter verschlossenen Türen statt (herabgelassener Eiserner Vorhang), eingesperrt sind die Kämpfer und nur einzelne können die schwere Tür öffnen, aus der das Feuer lodert und Discosound hämmert.
Für Bildwechsel auf der Bühne wird jeweils ein Vorhang herabgelassen, währenddessen dann Szenen nah am Bühnenrand gespielt werden, von dessen Seiten die Darsteller auch immer wieder auftreten. Insgesamt stimmungsvolle und schöne Bilder.
Viel Aufwand wurde von Gesine Völlm in die zeitlosen Kostüme gesteckt. Schwere Baumwollstoffe herrschen vor, unterstützen die archaische Stimmung.


Die Nibelungen
Schauspiel Essen
Ensemble
Foto: Thomas Aurin

Fast alle Darsteller des Schauspiel Essen sind an dieser Produktion beteiligt, Anselm Weber führt sie sicher und mit feinem Gespür durch diesen Kraftakt.
Den größten Eindruck hinterlässt Andreas Grothgar als Hagen Tronje: ganz in der Rolle aufgegangen, spielt er den Fiesling nicht als bedrohlich finstre Figur, sondern als Kumpel der bei seinen Mannen beliebt ist, doch hinter dessen Freundlichkeit unerbitterliche Härte lauert.
Der Essener Jungstar Sascha Göpel (Tatort) gibt den kühnen Siegfried im selbstbewussten Sonnyboyformat, doch auch mit viel Ernst und kraftvollen Gesten. Raiko Küster verleiht Gunther ein kantigen Profil.
Die junge Anja Boche entwickelt sich als Kriemhild vom einfältigen Mädchen zur starken Frau, die die Regel der Männer assimiliert und ihrem Schmerz über Siegfrieds Tod allein durch unnachgiebige Rache befriedigen kann, auch wenn sie dabei Ihrer Familie auslöscht. Als reife Kriemhild kann sie noch etwas zulegen, um den unter ihrem schwarzen Kopftuch lauernden Wahn stärker herauszustellen.
Lustvoll, ein wenig verrückt und herrlich erfrischend: die unbändige Brunhild von Bettina Engelhard, die mit soviel Energie auftritt, dass nicht nur die Männer einen Schritt nach hinten machen. Auch optisch ist sie herausgestellt, wird deutlich, dass sie aus einem fernen Ort kommt. Wilde Haartracht mit kleinem Geweih, einem Fellähnlichen, ärmellosen Überhang und weitem Dekolleté vermittelt sie Sinnlichkeit und Stärke bis sie schließlich mit ihrer Amme Frigga (mystisch und geheimnisvoll: Tatjana Clasing) in den Wahn fällt.
Herausragend auch Günter Franzmeier (König Etzel), Christoph Finger (Markgraf Rüdeger) und Carsten Otto (als gewaltiger Dietrich von Bern).

Eine publikumsnahe Inszenierung, die es leicht macht einen Zugang zum Stoff zu bekommen, mit schöne Bildern, Kostümen und vor allem, einem spielfreudigem Ensemble.

Markus Gründig, Februar 06


Beeing Lawinky
schauspielfrankfurt

Premiere: 16. Februar 06
Besuchte Vorstellungen: 16. & 23. Februar 06

Noch nie hat eine Aufführung in der Außenspielstätte des schauspielfrankfurt im deutschsprachigen Raum eine so große Diskussion hervorgerufen, wie „Beeing Lawinky“, das zunächst unter dem Ionesco Titel „Das große Massakerspiel“ gespielt wurde. Aufgrund einer Intervention des zuständigen Theaterverlages läuft es seit der dritten Aufführung unter neuem Titel. Ursache der Namensänderung war nicht die Entgleisung eines Schauspielers bezüglich der Integrität eines Kritikers bei der Premiere. Der Verlag sah vielmehr in dieser Inszenierung zu wenig von dem eigentlichen Ionesco Stück und musste aufgrund des Urheberrechts diese Änderung anregen.

Regisseur Sebastian Hartmann und die Darsteller haben sich die Ionesco Vorlage intensiv vorgeknöpft und auf ihre heutige Interpretation hinterfragt. Steht das Stück jetzt auch nicht mehr unter der Autorenschaft von Eugène Ionesco, basiert es zumindest auf dessen Idee. Der gebürtige Rumäne Ionesco (1909 – 1994) gilt als einer der wichtigsten Vertreter des „absurden Theaters“. Absurd bedeutet widersinnig und sinnlos. Absurdes Theater erzählt keine Geschichten, bietet keine psychologischen Studien und vermittelt auch keine politische Ideen. Für Ionesco ging es darum Bewusstseinszustände und Situationen aufzuzeigen, die sich entwickeln um sich zuspitzen oder aufzulösen. Das Groteske und Absurde als Mittel um die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit und Zerbrochenheit aufzuzeigen. Die Darsteller sind ohne Identität, tragen im Spiel keine Namen.

Im Hallenähnlichen Raum der Spielstätte schmidtstrasse 12 herrscht vor den Aufführungen meist eine gemütliche intime Lounge-Atmosphäre. Davon ist hier zunächst nichts zu spüren: Arbeitsatmosphäre ist angesagt. Keine Spots sind an, dafür sämtliche Leuchtstoffröhren. Auf der Spielfläche vor der Alufolienwand seitlich ein großer Tisch mit Wasserflaschen, Kaffeekannen und Keksen, als sei das Regieteam noch mitten in der Arbeit. Stühle sind aufgereiht, doch es ist auch möglich sich auf einen der Tribünenplätze oder der Clubsessel zu setzen. Hinweise wo sich hinzusetzen ist, werden jedenfalls keine gegeben, ebenso wenig „läutet“ es oder wird bei Beginn des Stückes das Licht gewechselt. Offenheit des Zuschauers wird hier groß geschrieben.

Aus dem Durcheinander der Besucher kristallisiert sich mitten im Raum ein Pärchen heraus. SIE ist sichtlich nervös, aufgeregt und verstört. Es geht ihr nicht gut. Aus der großen Wasserflasche trinkt sie immer wieder einen Schluck. Doch das Wasser will nicht in ihr bleiben, die Krankheit schleudert es heraus, dem Mann oft ins Gesicht und auf die Brust. Ihre Verzweiflung steigert sich, die Qualen werden immer intensiver, sie sinkt zu Boden und stirbt allein (beklemmend authentisch von Nicole Stelten vorgeführt) während Ihr Mann aus der Ferne irritiert zuschaut, genauso wie ein weiteres Paar. Ein Mann stopft der Toten Geldscheine in die Klamotten, als wolle er sich postum sein Gewissen erleichtern.

Dann schneller Wechsel, es geht im vorderen Teil weiter. Das Publikum folgt den vier Darstellern, wie es dies im Laufe des Abends immer wieder tun muss, denn die Spielorte innerhalb des Saales ändern sich mehrfach.
Das Publikum wird so zum Teil der Inszenierung, wobei die Aufführung kein Mitmachtheater ist (abgesehen vom Hereintragen eines großen Kreuzes durch einen Teil des Publikums).

Die vier Darsteller sind bei diesem Stück stark gefordert und geben alles, schreien sich ihre Leiden aus der Seele und bewegen sich dabei noch ständig im Raum, liegen auf dem Rücken mit einem riesigen Fels auf der Brust, tanzen barfüßig in der Nacht und erklimmen das Kreuz Christi. Insbesondere Thomas Lawinky als grober Macho geht ganz in diesem Spiel auf, als Choleriker (Fusel an Jacke), Mann mit Paruresis-Problem (nicht öffentlich Pinkeln können), Kotbeschmierter Leuchtketten-Indianer, Patient und als Jesus/Ionesco.
Bei der Premierenvorstellung überschritt er allerdings die Grenze von dem, was ihm als Schauspieler zugestanden ist und von ihm erwartet wird: spontan auf neue Situationen zu reagieren. Ein Kritiker wollte sich nicht wie der Rest des Publikums auf die Spielfläche stellen und sich auch nicht eine Mißgeburt (in Form eines gerupften Kunsthoffhuhns) auf den Schoss legen lassen, worauf Lawinky ihm nicht nur dessen kleinen Spiralblock entriss, sondern den Kritiker als der daraufhin das Theater verließ übel und lautstark beschimpfend nachlief.

Aufgrund des großen Wirbels den dieser Vorfall nachfolgend auslöste, verzichtete Lawinky auf eine Fortführung seines Gastvertrages für dieses Stück. Seinen Part übernahm bei der zweiten Aufführung konsequenterweise der Regisseur, Sebastian Hartmann. Wo Lawinky bei seinem Pinkelproblem noch sein Glied vorm Publikum in eine Flasche steckte, nutzte Hartmann eine große Stoffpuppe alá Lawinky und nahm als Glied ersatzhalber ein Frankfurter Würstchen. Gleichwohl war er sich für die weiteren Aktionen auch zu nichts zu schade und belegte so eindrucksvoll seinen Anspruch als Regisseur. Bei den weiteren Vorstellungen wird jeweils ein anderer Gastschauspieler den Part von Lawinky übernehmen, so dasss jede Vorstellung zu einer Premiere werden wird.

Anita Iselin sieht stets mit leuchtenden Augen das Schöne: die Schwäne die Vorüberfliegen (auch wenn sie Seuche weiter tragen) und das von ihr leidvoll geborene, entstellte Baby. Alles ist schön, das ganze Leben. Daneben ist sie ein strenger US-Sergeant und engagierte Interviewerin.
Dem kann Andreas Leupold nicht folgen, das Leben macht ihn krank, depressiv, es zerrinnt wie Sand in seiner Hand und Sisyphus´gleich kämpft er mit dem großen Fels, der Last des Lebens.
Nicole Stelten als an allen Fronten kämpfende Frau sorgt sich nicht nur um die hysterische Schwangere sondern besorgts den Männern gleichzeitig mit beherzten Griffen in deren Hose, dabei wollten die doch bloß ein Bier: Kommunikation heute. Ihr Blasenkrankheitstrauma lässt sie nicht los, verdammt noch mal. Schließlich bekommt sie auch noch ein Messer in den Rücken gerammt, obwohl sie kurz vorher noch als Krankenschwester eine Spritze verabreicht hatte.

Viele Dinge passieren an dem Abend, die selten aufeinander aufbauen, aber dennoch rund wirken . Mit den übertriebenen Mitteln in der Darstellung lockt Regisseur Sebastian Hartmann das Publikum aus der Reserve, damit es nicht stirbt, bevor es Tod ist.

Markus Gründig, Februar 06


Macbeth
schauspielfrankfurt

Premiere: 11. Februar 06


Knapp vierhundert Jahre liegen zwischen der ersten Aufführung dieses Stückes und heute, rund sechshundert Jahre zwischen der Entstehung des Dramas und der Regentschaft(1040 bis 1057) des realen schottischen Königs Macbeth. Shakespeare bemühte sich weniger um historische Authentizität, als er auf Darstellungen des Chronisten Raphael Holinshed zurückgriff. Das Drama von Macbeths Machtergreifung und seines Untergangs inspirierte auch viele Komponisten, dies zu vertonen, am bekanntesten ist die gleichnamige Oper von Giuseppe Verdi. Da jede Übersetzung auch ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit ist und um die Sprache Shakespeares lebendig und zeitnah zu vermitteln wurde das Stück vom Chefdramaturg des schauspielfrankurt, Jens Groß, neu übersetzt (und dabei auch mit einem anderen Ende versehen). Groß übersetzte bereits 2004 Shakespeares „Sommernachtstraum“, der im November 04 unter der Regie von André Wilms im schauspielfrankfurt Premiere feierte und beim Publikum großen Anklang fand.


Macbeth
schauspielfrankfurt
Macbeth: Christian Kuchenbuch
Foto: Alexander Paul Englert

Die erquickliche Zusammenarbeit zwischen Groß und Wilms fand nun bei Macbeth ihre Fortsetzung. Dabei verzichteten sie gemeinsam mit Bühnenbildner Nicky Rieti auf plakative oder gar provozierende Bilder, obgleich das blutrünstige Drama viele Gelegenheiten dazu böte. Sie zeigen eine äußerlich nüchterne Inszenierung, die sich ganz auf die Charaktere konzentriert.
Handlungsort ist hier allein Macbeths Schloss im schottischen Inverness, einzig dargestellt als zeitgemäßes Wohnzimmer mit Ledersitzgruppe und einer coolen überdimensionierten Couch (wegen der großen Bühne). Das Wohnzimmer als Bild des privaten Schutzraumes in unserer Gesellschaft, der von Eindringlingen verletzt wird.
Unterschiedliche Gazevorhänge unterteilen mitunter den großen Raum und sorgen Nebel-ähnlich für das Erscheinen und Verschwinden einzelner Personen. Seitlich stehen hohe eckige Säulen (in einem warmen grau gehalten, wie die Vorhänge), schließlich sind wir immer noch am königlichen Hofe. Blitz und Donner fehlen natürlich auch nicht. Dietmar Wiesner sorgt mit zuweilen heftigen Klangkollagen für eine stimmige Überleitung zwischen den Szenen. Blut gibt es auch, auf dem Boden, an Händen und Kleidern, stets dezent gezeigt und in Bezug auf das Stück gesetzt, kleinen Rationen.

Dunkel bis zu schwarz sind nicht nur die Bühne und die Geschichte, sondern auch die überwiegenden Kostüme der männlichen Darsteller. Adriane Westerbarkey wählte dunkle Ledermäntel und hohe Stiefel für die Männer um deren Grobheit auch äußerlich zu zeigen (manche zusätzlich sogar mit dunkel geschminkten Gesicht).
Sexy in Dessous, farbenfroh im engen Partykleid gehüllt sind dagegen die die drei Hexen (Abak Safaei-Rad, Ruth Marie Kröger und Anne Müller). Sie sind keine wilden Furien auf einem Besenstiel sondern junge moderne Frauen, die sich aus persönlichem Leid an Macbeth rächen. Selbst mit Maske (die sie in zwei Szenen tragen) sprechen sie nicht nur einwandfrei klar und synchron, sondern auch mit einer unterschwelligen verführerischen Lust. Dabei gebrauchen sie ihren Körper, Arme und Beine äußerst gestikreich.

Womit sie bei Macbeth (Christian Kuchenbuch) auf offene Ohren stoßen. Kein Wunder also, dass er ihrem Zauber erliegt. Mann denkt er ist stark, am stärksten von allen. Doch nichts ist, wie es scheint, wie Macbeth dann erkennen muss. Christian Kuchenbuch gibt den Macbeth glaubhaft vom anfänglichen Graf bis zum Macht besessenen König, der weiß dass das was er tut, nicht richtig ist, und dennoch nicht anders kann und will.

Ausdrucksstark und mit markanter, ernster Mimik gibt Oliver Kraushaar den Rechtschaffenden Macduff. Seine tiefe kraftvolle Stimme gibt dem Charakter zusätzlich Gewicht, seine hervorragende Aussprache steht eh außer Frage.
Verführerisch wie die Hexen ist auch Lady Macbeth (Katrin Grumeth) als kleiner Teufel in Engelsgestalt.
Fleance, Banquos Sohn, (Sven Prietz) überlebt nicht nur, er erwies sich auch als aufrichtiger und uneigennütziger Mensch und stellt in der Sicht von Jens Groß den würdigeren König dar.
Robert Kuchenbuch als tougher Banquo, mit roter blutverschmierter Kopfbinde Lennox (Michael Lucke) und verzweifelt Andreas Haase als Rosse.

Aus kleineren Rollen viel zu machen weiß wieder einmal Stefko Hanushevsky, der den Seyton und einen Mörder gibt und mit seiner ihm eigenen Bühnepräsenz glänzt und nebenbei noch zwei Lieder wohlklingend zum besten gibt.
In weiteren Rollen: Roland Bayer, Wolfgang Gors, Mathias Max Hermann, Moritz Peters, Eva-Christine Waibel und Manuel Zschunke.

Am Ende leuchtet die Sonne im kräftigen Farbspiel. Ein Wechsel steht an: die Welt mit ihren alten Strukturen und Machtkämpfen ist Vergangenheit (Sonnenuntergang), Licht und Wärme dringen in die Welt ein, in der jetzt die Zeit für eine neue Art des Handelns und des Regierens beginnt (Sonnenaufgang).
“Wüst ist schön, und schön ist wüst“ („Fair is foul and foul is fair“) lautet der Hexen Eingangsspruch. Macbeth am schauspielfrankfut ist wohl geordnet, alles andere als wüst. Schauspiel pur.

    Markus Gründig, Februar 06


Sterne
Theater Bielefeld

Uraufführung: 28. Januar 06

Bereits beim Berliner Theatertreffen 2003 mit dem Preis der Dresdner Bank für junge Dramatik ausgezeichnet, wurde Anja Hillings Stück „Sterne“ jetzt vom Theater Bielefeld szenisch uraufgeführt.
Im kleinen Saal des TAM zwei (Theater am Markt) saß das Publikum ob des geringen Platzes gar zur guten Hälfte auf der Erde, nah dran an den vier jungen Akteuren, nah dran an Tobias Schunck´s Bühne. Eine schmale Sperrholzpodestlandschaft, an deren Rückwand viele kleine Leuchtstrahler einen großen Sternenhimmel andeutend. Orte wie Obstwiese, Wohnungen oder Waschsalon, Objekte wie Pizza, Goldfisch oder Slipl, werden von den Schauspielern mit kopierten und ausgeschnittenen schwarz-weiß Bildern je nach Bedarf an die Wände geklebt. Einfach und trotzdem sehr plastisch.

Anja Hillings „Sterne“ zeigt einfühlsam vier unterschiedliche Charaktere, vier Freunde zwischen Heiterkeit und Liebe, zwischen Not und Tod. So wie die Szenen wechseln, ändern sich auch die Positionen der Darsteller auf der Bühne und die Beziehungen in sich. Hillings Textvorgabe allein ist dabei schon eine Herausforderung, für die Spieler wie für die Regie gleichermaßen. Denn Hillings ist eine Meisterin des Verknappens. Sie bietet lediglich doppeldeutige Textminiaturen an, die oft nur aus zwei, drei Wörtern bestehen. Gespräche gleichen da fast einem verbalen Ping-Pong-Spiel, für den Zuhörer kurzweilig und angenehm.

Das das Stück trotzt des Gefühlschaos seiner Personen so lebendig und leicht daherkommt, liegt zum einen am Können der vier jungen Darsteller, die den Figuren mit großer Leidenschaft ein tiefes Profil geben. Eine sich wiederholende melancholische Melodie zwischen den Szenen sorgt für Momente des Innehalten, bevor die recht bald aus dem Totenreich kommentierende Susann (Claudia Mau) immer wieder mit einem kräftigen Niesen fort fährt, die Geschichte weiter zu erzählen, was jeweils in das Spiel mit den anderen übergeht.
Feenhaft begleitet und beobachtet sie ihre Freunde (Matthias Beitmann, Viola Pobitschka & Sebastian Thrun), die mit ihrem Tod höchst unterschiedlich umgehen.
Der Anteil der Regisseurin Daniela Kranz für diese flott erzählte Geschichte ist nicht zu unterschätzen. Kranz inszenierte bereits 2004 Anja Hillings „Mein junges, idiotisches Herz"an den Münchener Kammerspielen, wofür sie mit dem Förderpreis für Regie im Rahmen des Gertrud-Eysoldt-Rings ausgezeichnet wurde. In "Sterne" setzt sie Gefühlswelten frei und macht aus der kantigen Vorlage eine faszinierend runde Geschichte, die sie von Anfang bis Ende spannend erzählt.

    Markus Gründig, Januar 06


Die Liebe zur Leere
schauspielfrankfurt

Uraufführung: 26. Januar 06

In Zeiten wo jede Sekunde Freizeit zur Ablenkung von sich selbst gefüllt wird, irritiert ein Stücktitel, der die Leere in den Mittelpunkt rückt, ja sogar durch die vorangestellte „Liebe“ noch verstärkt.
Liebe zu etwas, was einst vorhanden war und nun nicht mehr? Liebe zu Nichts, zum Belanglosen oder Oberflächigen ?
„Die Liebe zur Leere“ entstand als Auftragsarbeit für die Frankfurter Positionen 2006, eine Initiative der BHF-Bank Stiftung, die dieses Jahr unter dem Motto „Gut ist was gefällt – Versuche über die zeitgenössische Urteilskraft“ noch bis zum 28. Februar 06 neue Werke im Bereich Theater, Musik, bildende Kunst und Film präsentiert.  Für den Bereich Theater bildete die Uraufführung von „Die Liebe zur Leere“ gleichsam den Abschluss einer erfolgreichen Aufführungsserie.


Die Liebe zur Leere
schauspielfrankfurt
Hans Müller: Rainer Frank
Foto: Alexander Paul Englert

Hauptfigur in dem Stück ist der in einer Krise steckende Alleinunterhalter Hans Müller, der aufgrund geänderten Publikumsgeschmacks nun nicht mehr angesagt ist. Hatte er bei Frauen bislang leichtes Spiel und konnte er sie als Gegenleistung für die Einladung in seine Show anschließend vernaschen, so werden sie ihm jetzt, wo erst einmal was schief läuft, gar zum finalen Verhängnis. Rainer Frank spielt den gefallenen Showstar Hans Müller mit viel Aktionismus als demagogischen Verführer der Neuzeit, der unter der Maske seines erhabenen Strahlens all das lebt und ausspricht, was sein Publikum selbst nicht zu leben und auszusprechen wagt.
Sebastian Schindegger sorgt als Parkplatz- & Schwesterwächter Arne mit aufbrausendem Temperament nicht für Recht, sondern für Ordnung um jeden Preis. Einen klasse Eindruck bei Ihrem Debüt am schauspielfrankfurt hinterlässt Annedore Bauer in der Rolle der trauernden Eva. Mit ihren funkelnden großen Augen und starker Mimik macht sie deutlich, dass hinter ihrer biedernden schwarzen Erscheinung ein Bündel Energie wartet, entladen zu werden. Einen sehr berührenden Moment schafft sie in ihrer verzweifelten Situation, wo sie gefallen in der Ecke kauert. In weiteren Rollen Ursula Dol, Felix Römer und Ben Daniel Jöhnk.

Mit virtuosem Sprachstil wechseln die Szenen Schlag auf Schlag, selbst die Schüsse fallen per Text und nicht per Pistole. Heckmann wird seinen Ruf als Hoffnungsträger des jungen deutschen Theaters erneut gerecht, so spielerisch kunstvoll behandelt er gegenwärtige Oberflächlich- und Unverbindlichkeiten, hinterfragt nebenbei Konsumrausch, Kapitalismuskritik und Fundamentalismus. Ein volles Programm also für dieses rund 1 ¼ -stündige Stück.
Wie bei den Uraufführungen seiner früheren Werke hat auch jetzt wieder Simone Blattner die Regie übernommen. Gemeinsam mit Bühnenbildnerin Sieglinde Reichhardt schuf sie im Kleinen Haus des schauspielfrankfurt einen nüchternen, leeren Raum. Vorne ein Laufsteg, dahinter der Backstage-Bereich im typischen theaterschwarz, ungewohnt nur die Klappstühle an den Wänden. Trotz aller formalen Nüchternheit ist bei dieser Inszenierung von Tristesse keine Spur, im Gegenteil. Schon Hanns Müllers Kostüm im blau glitzernden Showanzug mit zuschaltbarer Ganzkörpersternenbeleuchtung (Kostüme: Heidi Walter) sorgt für schillernde Momente. Rotierende Discokugeln und eine drei Sänger A-Capella Gruppe im Zuschauerraum unterstützen die ohnehin gut aufgelegten Darsteller. Heckmanns Sprachwitz paart sich gut mit Blattners Kreativität, die die Figuren behutsam und unterhaltend vorführt, ohne in die Unverbindlichkeit abzurutschen.

Leer sind wir alle irgendwie, irgendwann. Heckmanns Stück verdeutlich, dass dies viel eher der Fall ist, als wir es bei uns selbst erkennen.

Markus Gründig, Januar 06


abalon, one nite in bangkok
schauspielfrankfurt

Uraufführung: 8. Januar 06
Besuchte Aufführung: 11. Januar 06


Werther goes Fernost

Nicht dumm, nicht untalentiert, nicht ohne Chancen bei Frauen. Der junge Abalon hat einen Job (wenn auch nur des Visa´s wegen), er zeichnet so gut Vorlagen für Comics, das ein Verlag sie ihm regelmäßig abnimmt, er hat eine eigene Wohnung, kein Grund zum Klagen, eigentlich. Doch Abalon ist am Ende, entmutigt, kraft- und willenlos, ohne einen Schimmer Hoffnung und Perspektive. So steht er schwitzend an seinem Pult und malt und malt und malt, dass sich bereits ein riesiger Berg an Bleistiftspitzabfall angehäuft hat. In den Bildern kommt immer wieder ein Zauberer vor, der ihn in eine andere, bessere Welt bringen möge.


abalon, one nite in bangkok
schauspielfrankfurt
Abalone (Bert Tischendorff)
Foto: Alexander Paul Englert


Doch die Realität ist nüchtern und die Welt kalt. Inneren Frieden und Harmonie sieht Abalon, der die Einsamkeit ja schon im Namen trägt, nur noch im Suizid. Über Menschen wie ihn wird in unserer Gesellschaft nicht gesprochen, obwohl es weit mehr davon gibt, als gemeinhin angenommen wird. Niemand nimmt sie wahr, erkennt ihre Bedeutung und bestärkt sie in dem was sie tun. So bleibt der Blick ausschließlich auf sich selbst gerichtet und der Suizid wird als einziger Ausweg gesehen. Erst durch ein schreckliches Unglück (an dem er nicht unbeteiligt ist) gibt es für Abalon´s Denken einen neuen Impuls (mehr ist es zunächst nicht).

Bert Tischendorf geht dabei ganz in der Rolle dieses stillen und zurückgezogen lebenden Abalon auf, spielt ihn als authentische Figur mit großer Intensität, voll Resignation aber auch voller Emotionalität, so dass er sich seinen Schmerz aus der Seele schreit (akustisch beklemmend verstärkt durch das Einspielen eines eisig scharfen Alien-Schreis, das es einen kalt den Rücken runter läuft).

Sein ihn nicht mögender Bruder (Gunnar Teuber) ist ganz bodenständig, akzeptiert sein eigenes langweiliges Wesen und ist dennoch rastlos auf der Reise seines Lebens. Diesen, den deutschen Schwermut und Gleichgültigkeit repräsentierenden, Brüdern stellt Fritz Kater zwei sehr unterschiedliche Schwestern gegenüber. Lin und Mia.
Da das Stück nicht nur ein Stückauftrag im Rahmen der Frankfurter Positionen (eine Initiative der BHF-Bank Stiftung) ist, sondern auch eine Koproduktion des schauspielfankfurt mit dem National Theatre Taipeh (Taiwan), wurden für diese beiden Rollen auch zwei junge taiwanesische Darstellerinnen engagiert: Hsiao yin Wang und Chun hui Hsieng.
Sie sprechen taiwanesisch, etwas englisch und ganz wenig deutsch (was dann richtig lieb klingt). Meist wird der Text übersetzt auf einen Gazevorhang, doch das ist eigentlich überflüssig, da die beiden mit so viel Engagement und Leidenschaft spielen, dass man förmlich von ihren Lippen lesen kann. Lin ist stark genug, den Unglücksverursacher vielleicht nicht zu vergeben, aber ihn zu akzeptieren und Achtung entgegenzubringen (vom uneigennützigen Liebesdienst als Dank fürs Aufräumen mal ganz zu schweigen).
Die unverwüstliche Mia ist am Schluss, trotz abgefahrener Beine, noch stark genug den diese Geschichte kommentierenden Drachen (Sandra Bayrhammer, mit viel Anmut und äußerst geschmeidig wie gelenkig im roten Drachenkostüm von Magdalena Musial) hinauszutragen.

Schwache Männer, starke Frauen? Immerhin gibt es in Taiwan eine andere Sicht bezüglich der hochmütigen Europäer. Für die Taiwanesen liegt Europa unten, wer zu ihnen kommt, kommt zu ihnen herauf.
Welche Weisheiten man aus dem fernen Osten für sein eigenes Leben übernimmt, dazu lädt Kater nur indirekt ein. Auf jeden Fall weist er mit „Abalon, ohne nite in bangkok“ intensiv auf die stets notwendige Hinterfragung nach dem, was uns antreibt und uns am Leben hält, hin. Marke Mensch - was tust Du? Opfer der Gegebenheiten, des Zufalls ?

Die Bühne von Michael Graesser spiegelt das Seelenklima von Abalon und Lin wieder: einerseits ein kühler, nackter, kalt beleuchteter und aufgeräumter Raum, andererseits eine lockere, zum Abhängen einladende, Couchlandschaft und bunte Neonröhren an der Seite.
Großen Anteil am starken Eindruck den dieses Stück hinterlässt hat der Regisseur Peter Kastenmüller, der den Figuren trotz der vielen auf mehrschichtigen Gazevorhängen projizierten Videosequenzen und rasanter Szenenwechsel (die flashartig mit einem coolen Sound und grellen Licht ins Publikum erfolgen) immer wieder genug Zeit gibt für einen Moment des Innehaltens und der Reflexion und so Unterhaltung und Anspruch genial verbindet.

    Markus Gründig, Januar 06  

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