kulturfreak

Besprechungen: Theater ( 7)

insel_SFriday, I’ m in love
schauspielfrankfurt, schmidtstrasse 12
Besuchte Vorstellung: 3. Mai 07 (Premiere)

Was sind die wichtigsten Dinge die du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest? Eine beliebte Frage, gibt sie doch Gelegenheit zu prüfen, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Daniel Defoe (1660-1731) hat in seinem bereits 1719 veröffentlichten Roman „Robinson Crusoe“ die Geschichte eines einsam Gestrandeten erzählt und damit den Begriff Robinsonade geprägt. Moralphilosophische Fragen, der Konflikt zwischen Natur und Kultur, Natürlichkeit und Zivilisation, Individuum und Gesellschaft ist nicht nur bestimmendes Thema in diesem Roman, sondern auch in der Performance „Friday I`m in love“ des schauspielfrankfurt. Fünf spielfreudige Darsteller (Martin Butzke, Matthias Max Hermann, Ruth Marie Kröger, Anne Müller und Aljoscha Stadelmann) zeigen in einer Mischung von ernstem und schrägem Spiel  einen Robinson Crusoe Film. Hierbei verwenden sie zusätzliche Texte von Johannes Schrettle (Jg. 1980). Seit drei Wochen leben sie in einer Gemeinschaft in der schmidtstrasse 12 und drehen diesen Film, der zur Aufführung noch nicht fertig ist. Ihm fehlen noch einzelne Sequenzen, diese werden dann kurzerhand in der Vorstellung gedreht.
Es soll nicht nur einfach ein Robinson Film gemacht werden, vielmehr soll der Film auch ein ganz persönlicher Robinson Film eines jeden Darstellers sein. Da  ist eine ausgesprochene Gruppendynamik und Konflikte vorprogrammiert. Und wie es sich für einen guten Film gehört, gibt es auch hier reichlich Musik: im symphonischen Bombastgetöse und innig nur mit den Klängen einer Gitarre.

Nach seinem einsamen Schiffsbruch hisst Robinson als erstes eine Flagge, auf der er stolz „Zivilisation“ verkündet und sich über die gewonnene Freiheit von aller Alltagslast, von allen to-do-Listen freut. Spuren im Sand lassen ihn schnell Freitag finden und die Schwierigkeiten des Miteinanders beginnen.
Die Übergänge zwischen Spiel und Spiel im Spiel sind nahezu fließend, die Rollenbesetzung tauscht je nach Erfordernis oder Bedürfnis. Die Darsteller sprechen sich jeweils mit ihren realen Vornamen an. Bewusste Provokation setzt Energien frei, doch es gibt auch Selbstreflektion, Angst vor Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, die Frage nach Lebensinhalten und die Realisierbarkeit von Utopien.
Das Saisoneinheitsbühnebild von Joep van Lieshout mit seinen Behausungsinstallationen wurde von Julia Plickat in ein buntes Filmset verwandelt. Zwei riesige Leinwände, ein Studioschirm, Palmen und eine Hängematte, Partylichterketten und Reislampen, eine Verpflegungsstation und mehr füllen den gesamten Hallenraum aus, Trockeneis hüllt das ganze schließlich in eine Traumwelt.
Der in der schmidtstrasse 12 beliebte Einsatz von Videotechnik ist hier zwangsläufig weit ausgeprägt (Video: superjeans / Bert Zander). Gleichzeitig wird dem Zuschauer damit vor Augen geführt, wie beim Film gearbeitet wird, mit welchen geringen Mitteln optisch eine ganz neue Welt entsteht und wie leicht man als Zuschauer getäuscht werden kann.
Und immer wieder gibt es trotz optischer Highlights (wie zwei Duschszenen, eine heiße Liebesszene oder das Schminken als Kannibale) und heiteren Szenen auch Momente die berühren und zu Gedanken anregen, die man gerne mit nach Hause nimmt (Regie: Robert Lehniger). Nach Resignation und beinahe Kapitulation folgt, eingeleitet von Anne Müllers „"Ich könnt' schon wieder", neue Energie und neue Lebenslust. Das Fahnenmotto: „Keine Angst“ beschließt diese Robinsonade und derart gestärkt, erwartet man gerne den kommenden (All-) Tag.

Markus Gründig, Mai 07

Friday, l'm in love
nach Motiven aus Daniel Defoes Roman Robinson Crusoe und mit Texten von Johannes Schrettle

Premiere: 3. Mai 07

Regie:
Robert Lehniger
Grundraum: Joep van Lieshout
Ausstattung: Julia Plickat
Video: superjeans (Bert Zander)
Licht: Matthias Rößler
Dramaturgie: Sibylle Baschung, Maike Gunsilius
Regieassistenz: Benjamin Eggers
Videoassistenz: Daniel Franz
Ton, Beleuchtung, Technik: Marcel Heyde
Technische Einrichtung: Matthias Rößler, Joachim Schröder
Maske: Anke Scharlach (Bühne), Patricia Dietz (Video)
Requisite: Uschi Trella, Anja Becker
Dramaturgiehospitanz: Tobias Langenbach

Mit:
Martin Butzke
Mathias Max Herrmann
Ruth Marie Kröger
Anne Müller
Aljoscha Stadelmann

Hundeherz
schauspielfrankfurt, nachtschwärmer
Besuchte Vorstellung: 2. Mai 07 (Premiere)

Ein Hund verwandelt sich zum Menschen, das ganze im Rahmen der nachtschwärmer-Reihe des schauspielfrankfurt: das wird bestimmt amüsant - könnte man denken. Tatsächlich zeigt Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner Michail Bugakows bissige Satire von 1920 zwar durchaus mit humorvollen Anmerkungen, der Grundtenor ist indessen ernsthaft und aktuell dazu. Des Menschen liebstes Tier, der Hund (erst nachhaltig leidend, dann forsch fordernd: Özgür Karadeniz) wird gar selbst zum Menschen, dabei sollte die Operation doch eigentlich ein Verjüngerungsprodukt hervorbringen und den Medizin-Nobelpreis für den Erfinder, den Professor Preobraschenskij (als lehrhafter Bourgeois: Wolfgang Gorks) bringen. Da kann selbst der zugeknöpfte, devote und mitunter zu krassen Gefühlsausbrüchen neigende Assistent, Dr. Bormental (optisch zunächst kaum zu erkennen: Bert Tischendorf) auch nichts mehr richten. Der Neue Mensch (entstanden durch Einpflanzung von Hoden und Hypophyse eines eben verstorbenen Kleinkriminellen) fordert als radikaler Proletarier nicht nur einen Personalausweis und Arbeit, er fordert auch seinen Anspruch auf 11,7 m² Wohnfläche ein und tyrannisiert den bürgerlichen Haushalt des Professors. Michail Bugakow nutze das Stilmittel der Satire, um lakonisch und bitterböse seine Kommunismuskritik zu vermitteln (wobei er zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden hatte). 


Hundeherz
schauspielfrankfurt
Bert Tischendorf
Foto: schauspielfrankfurt


Hundeherz
schauspielfrankfurt
Bert Tischendorf, Wolfgang Gorks (hinten) und Özgür Karadeniz
Foto: schauspielfrankfurt


Hundeherz
schauspielfrankfurt
Wolfgang Gorks und Özgür Karadeniz
Foto: schauspielfrankfurt

Heute ist weniger die Kritik an der russischen Revolution interessant, als vielmehr die Entwicklung der Medizin zu hinterfragen, schließlich dringt die Gentechnik mittlerweile in ungeahnte Möglichkeiten unaufhaltsam vor. Was bei Bugakow noch eine Utopie erschien, ist heute greifbar nah. Doch mit der medizinischen, wissenschaftlichen Entwicklung hat die geistige Entwicklung des Menschen nicht mitgemacht. Wie die Wissenschaftler mit ihren Forschungsergebnissen von morgen umgehen werden, bleibt abzuwarten. Und überhaupt, wo sind die Grenzen zu setzen? Lilli-Hannah Hoepner zeigt anregend und szenisch sehr überzeugend, wie aktuell auch heute im 21. Jahrhundert Bugakows Novelle "Hundeherz" ist. Gelungen ist auch das Bühnenbild von Jana Lünsmann. Zwei Reihen transparenter Plastikvorhängen dazwischen ein Gang, in dem wie in einer Vitrine verschiedene Versuchsmaterialien in kleinen Gläsern und modernes wie historisches OP-Besteck von der Decke herabhängen: ein kleines frankensteinsches Labor. Im Hintergrund ist verschwommen ein OP-Saal zu erkennen. Dieser klinischen, reinen Atmosphäre ist der Wohnbereich des Professors entgegengesetzt: ein Perserteppich, ein Ohrensessel, ein Kerzenleuchter und eine gemusterte Tapete (nebst versteckter Minibar) reichen aus, um heimelige Stimmung zu vermitteln.

Markus Gründig, Mai 07

Hundeherz
nach der Novelle von Michail Bulgakow (1891 - 1940)

Zur Inszenierung des schauspielfrankfurt, nachtschwärmer-Reihe:

Premiere:
2. Mai 2007
Regie: Lilli-Hannah Hoepner
Dramaturgie: Marcel Luxinger
Bühne: Jana Lünsmann
Kostüme: Nadja Rudert

Besetzung: 

Bello/Bellow: Özgür Karadeniz
Professor Preobraschenskij: Wolfgang Gorks,
Dr.Bormental: Bert Tischendorf

Die Marquise von O...

Theater Willy Praml, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 20. April 07 (Premiere)

Die Glanzleistung der Birgit H

In den Jahren 1806/07 schrieb Heinrich von Kleist die Erzählung „Die Marquise von 0…“, wahrscheinlich angeregt durch das Motiv der rätselhaften Empfängnis in Cervantes Novelle „Macht des Blutes“.
Die Erzählung wurde zwar von Ferdinand Bruckner bereits im Jahr 1933 dramatisiert, in der Produktion des Theater Willy Praml wird jedoch die reine Textfassung gegeben. Das sind immerhin achtzehn engst bedruckte DIN A4 Seiten Text, die hier einzig und allein von Birgit Heuser gesprochen werden. Eine Darbietung ist der Abend trotz engster Konzentration auf die Textvorlage aber allemal, eine grandiose dazu.
Anfangs steht die Marquise von O (Birgit Heuser) mittig in der Halle, in einem eng anliegenden schwarzen Kleid mit Schulterhängern und lockerem, offenem rotem Haar. Langsam nähert sie sich dem Publikum, nutzt die Trennwände zwischen Halle und Bühnensaal um sich und ihre Umwelt auszudrücken. Da die Erzählung in Reinform wiedergegeben wird, ist Birgit Heuser nicht nur die Marquise von O, sondern auch Mutter, Vater und Graf F. Die ganzen neunzig Minuten der Aufführung über schafft sie es neue Positionen, Stellungen und Haltungen zu finden und dabei Kleist´s Text plastisch vor Augen aufleben zu lassen, egal ob sie dabei in der Ecke kauert, sich rückwärts über einen Stuhl lehnt oder um die Türen herum windet. Dazu erfährt jede Phrase, jeder Satz eine unterschiedliche Nuancierung, wodurch die Spannung bis zum Ende gehalten wird.
An ihrer Seite agieren als stumme Cheruben (Engelswächter) der besonderen Art Michael Weber (auch Bühne & Kostüme) und Tim Stegemann (ebenfalls in schwarz gekleidet und mit glatt gegeltem Haar und mit dunkel geschminkten Augen). Als Verkörperung des Sinnlichen erscheinen sie der Marquise mit nacktem Oberkörper und prallem rotem Lustmund und stellen in des Prinzen F. von H. Manier fest „Ist es ein Traum. Ein Traum. Was sonst!“.


Die Marquise von O...
Theater Willy Praml, Frankfurt/M
Birgit Heuser
Fotos: Seweryn

Regisseur Willy Praml bewies wieder einmal nicht nur sicheres Gespür den einmaligen Industriehallencharakter der Naxoshalle mit einem Stück zu verbinden, sondern auch stets neue visuelle Effekte zu zeigen (hier beispielsweise fünf großen Säulen für die Macht des Hauses von O, die erst gekippt, später dann flach in der Halle liegen, dabei mal magisch lila oder kontrastreich in weiß angestrahlt werden; Licht: Nico Rocznik), mit kurzen musikalischen Unterbrechungen das Stück aufzulockern (Charlie Haden Quartet West & Richard Strauß) und die Darsteller punktgenau durch die Erzählung zu choreografieren. Eine Standuhr, eine Staffelei, rote Luftballons, ein paar Stühle, natürlich auch Zeitungen und die Videoprojektion eines Embryos ergänzen das Spiel.

Am Ende gibt es bei sogar ein Happy End, fast in Disney-Manier. Die erlittene Schmach weicht nachhaltiger Liebe, der Glaube an menschliche Güte besteht (auch wenn diese Verzeihung nur „um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willens“ geschieht). Und so folgten noch weitere junge Russen (…sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage). Starker, langer Beifall!

Markus Gründig, April 2007

Die Familie Schroffenstein
schauspielfrankfurt, schmidtstrasse 12
Besuchte Vorstellung: 29. März 07 (Premiere)

Krieg unter Homies

Jungregisseur Simon Solberg, am schauspielfrankfurt bisher vor allem als Regieassistent tätig, inszenierte nun nach „ Odyssee Reloaded“ im Zwischendeck jetzt erstmals in der Außenspielstätte schmidtstrasse 12 (wobei er seit dieser Spielzeit auch Hausregisseur am geschichtsträchtigen Nationaltheater Mannheim ist) und legt gleich einen echten Knaller hin.
Dank Förderung durch den Heimspiel-Fond der Kulturstiftung des Bundes konnten für diese Produktion Fighter, Capoeira- und Krumping-Tänzer engagiert werden. Krumping ähnelt teilweise dem Breakdance, allerdings werden hier aggressiver emotionale Zustände verarbeitet (KRUMP = Kingdom Radically Uplifted Mighty Praise; s.a. Madonnas „Hung up“-Video oder Tommy the Clown „You can dance“). Statt Ritter gibt es also jugendliche Tänzer, mit deren Hilfe die von Gewalt aufgeladene Stimmung zwischen den Häusern Rossitz/Warwand hautnah zu spüren ist. In schwarzen Kampfanzügen (die an Ninja-Turtles erinnern) kämpfen Sie mal für die eine Seite (mit roten Mützen) oder für die andere (mit blauen Mützen) und legen dabei bestaunenswerte artistische Kunststücke hin. Die Schauspielprofis Stefko Hanushevsky, Sebastian Schindegger und Bert Tischendorf schonen sich nicht und haben wohl ein paar Extrastunden Kampftraining genommen, denn Sie mischen bei diesen Fights ordentlich mit. Lautes Trommeln auf Metallfässern (die auch mal zur  Darstellung eines Pferdes oder Autos dienen) heizt die ohnehin hochenergetische Stimmung weiter an. Kleists Text bleibt bei dieser Form der Interpretation zwar etwas auf der Strecke (die fünf Akte wurden auf pausenlose anderthalb Stunden gekürzt), insbesondere für jugendliche Besucher bietet sich dadurch aber ein grandioser blockadefreier Zugang zu einem Klassiker der deutschen Literatur.
Von der Weite des Raums der schmidtstrasse12 ist wenig zu spüren. Sebastian Hannak (Ausstattung) hat dem Publikum die große Wohnhütte des Saison-Einheitbühnenbildes von Joep van Lieshout gegenübergestellt, an den Eingangstüren der beiden Räume hängt jeweils der Familienname (im Laufe der Handlung werden Türen und Fenster vergittert und zugenagelt, die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter), das Dach dient als Liebesnest von Agnes (Ruth Marie Kröger) und Ottokar im Gebirge.
An den Seiten stehen jeweils die weiteren Joep van Lieshout Multifuktionsinstallationen in Verbindung mit Leinwänden für TV-Übertragungen der TV Sender R-24 (Rossitz) und W-24 (Warwand) (mit Reality-TV-Einspielungen). Hohe Laufstege führen bis hinter das Publikum. Insgesamt ein geschlossener, nahezu intimer Raum.
Bestechend ist nicht nur das schnelle Tempo der Inszenierung, die gelungene Einbindung der Kämpfer und Kämpfer, sondern auch die schauspielerische Leistung, allen voran mit ungeheuer starke Präsenz Stefko Hanushevsky als Ottokar, vor dessen Kampfgeist man selbst in der letzten Reihe noch Angst bekommt. Roland Bayer und Sascha Icks sind Eltern in Doppelfunktion, d.h. sie spielen sie jeweils in beiden Häusern.
Die TV & Werbeeinblendungen sind natürlich sehr gegenwärtig. Als zum Ende als Breaking-News die Fusion beider Häuser verkündet wird, gibt es im Textband die Zusatzinfo, das die Börse positiv reagiert und es zweistellige Wachstumsraten gibt, aber auch Massenentlassungen.

Kleist kämpferisch, multimedial und neuzeitlich, erfrischend anders.

Markus Gründig, März 07

Die Quelle oder: G8 transparent gemacht
schauspielfrankfurt
Besuchte Aufführung: 28. März 07 (Uraufführung)

„Theater bietet Begegnung, Berührung, persönliche Kommunikation und emotionale Auseinandersetzung. Und vielleicht auch den Mut, gemeinsame Utopien zu ersinnen und die soziale Phantasie der Zuschauer anzuregen und zu bereichern.“, so Intendantin Dr. Elisabeth Schweeger in ihrem Begrüßungsworten zur Spielzeit 2006/07. Ganz in diesem Sinne gibt sich Marcel Luxingers Polit-Show „Die Quelle oder G8 transparent gemacht“, das jetzt im Glashaus vom schauspielfrankfurt seine Uraufführung hatte. Präsentiert von der Compagnie für präemptive und nachhaltige Auseinandersetzung (PNAC) und in Koproduktion von schauspielfrankfurt mit dem Berliner Hebbel-am-Ufer-Theater und dem Societätstheater Dresden, ist die Globalisierung das beherrschende Thema. Globalisierung ist längst nicht nur auf die Wirtschaft beschränkt, internationale Verflechtungen gibt es zunehmend in fast allen Bereichen (also auch in Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation etc). Globalisierung bedeutet nicht nur die Näherin in Kalkutta, die meine Kleidung fertigt, sondern auch der Nachbar nebenan, ist Ikea, H&M und Addidas. Kurz, sie betrifft heute jeden.

Der Politjournalist und TV-Moderator Adrian Karge-Wieseling (wendig und eloquent: Robert Schupp) begrüßt zunächst den vehementen Globalisierungsgegener Stephan Schnitz vom Forum 07 und Alternatives Zukunftsmoratorium ALZUMA (von soft zu hart kämpferisch: Marcus Reinhardt) und freut sich sodann, den Globalisierugsverfechter N° 1, Bodo Graf Roxfeldt zu begrüßen. Doch an dessen statt erscheint lediglich seine PR-Sprecherin Djamillah Meisleitner (elegant gekleidet und mit verführerischen Dauerlächeln: die wunderbare Anne Müller). Als gälte es die höchste TV-Zuschauerquote zu toppen, streiten die Drei über das Für und Wieder der Globalisierung, die Liberalisierung des Welthandels und über GvO (Gentechnisch veränderte Organismen). Meisleitner versucht Schnitzs scheinbare Aufrichtigkeit zu demontieren, ist davon überzeugt, dass private Laster dem öffentlichen Nutzen dienen und weiss jedes Argument ihres härtesten Gegners mit einer schlagkräftigen Allgemeinfloskel („Alles Leben ist Geschäft“ )zu zerlegen, jeden Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Und ihr Chef konnte beispielsweise gar dank seiner Macht und Beziehungen drei Frauen in der Sahelzone retten.


Die Quelle oder: G8 transparent gemacht
schauspielfrankfurt
Adrian Karge-Wieseling (Robert Schupp), Djamillah Meisleitner (Anne Müller)
& Stephan Schnitz (Marcus Reinhardt)

Foto: schauspielfrankfurt

Als Spielfläche dient den Drei ein rotes Bühnenpodest, das zum Ende hin mit Hilfe eines dickes Seils nach hinten umgeklappt wird. Mit diesem Wechsel ist die Truppe schließlich in der Dritten Welt angekommen, wo sie nach einigem hin und her dann tatsächlich noch eine Quelle finden, die sämtliche Energieprobleme der Menschheit lösen wird! Doch Bürokratismus, Machtstreben, Umweltschutzgesichtspunkte etc. etc. verhindern eine Nutzung…, was soll’s, die Chinesen haben eh schon alles aufgekauft.

Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner lässt den zum Teil sperrigen und mit vielen Infos gefüllten Text flott erzählen, die drei Darsteller immer wieder auch durch das Publikum ziehen oder singen, so dass die angeschnittenen Fragen unterhaltsam vermittelt beim Publikum ankommen; kein Besucher kann anschließend sagen, er habe von all den Problemen nichts gewusst. Das Schlusscredo „Bereichert Euch!“ trägt unterschwellig den Zusatz „…auf dass es uns allen gut geht“. Nach welcher Facon? Das muss jeder für sich entscheiden.

Markus Gründig, März 07

Infos zum Stück

Hinkemann
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 24. März 07 (Premiere)

O-Mensch, dein kümmerliches Dasein

Expressionistische Dramen zeichnen sich durch die Wiedergewinnung der Innerlichkeit und die Wiederentdeckung des Menschen als Kreatur aus. Der Mensch ist hier kein determiniertes Individuum, sondern der „Bruder Mensch“. Ein Beispiel für ein expressionistisches Drama ist Ernst Tollers „Hinkemann“, das er während seiner Haft im Festungsgefängnis Niederschönenfeld (Landkreis Donau-Ries) im Zeitraum 1921-1922 geschrieben hat. Wegen seiner Mitarbeit an der Münchner Räterepublik war der Pazifist und Sozialist zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.
Hinkemann ist der Name der Hauptperson seines gleichnamigen Stücks, ein entmannter Kriegsinvalide, der am Hohn der Gesellschaft und der scheinbaren Untreue und Herzlosigkeit seiner Frau zerbricht. Ihm kann kein Staat, keine Gesellschaft, keine Gemeinschaft Glück bringen. Dem gesellschaftlich Ausgegrenzten ist das Dasein letztlich eine Qual, die Hoffnung auf eine vom Geist bestimmte Menschheit eine Utopie. Damit geht Ernst Toller weit über Ödön von Horváths sozialkritisches Volksstück „Kasimir und Karoline“ hinaus, das ursprünglich vom schauspielfrankfurt gezeigt werden sollte.
Der Inszenierung von Christof Nel ist es gelungen, das Leben des geschundenen Hinkemanns und daraus folgend, die Hinterfragung unserer heutigen Gesellschaft, dem Zuschauer packend zu vermitteln. Dies geht soweit, dass das Stück nicht auf der großen Bühne, sondern komplett innerhalb der leeren ersten sieben Stuhlreihen im Zuschauerraum spielt. In der Mitte wurde eine große, runde und kahle Holzkonstruktion (Bühne: Thomas Goerge) installiert, die auf zwei Ebenen mit Rampe und Steigleiter, als Wohnhaus und Schaustellerbude dient.

Hinkemann
schauspielfrankfurt
Christian Kuchenbuch und Sabine Waibel
Foto: Alexander Paul Englert

Darin sitzt das Ehepaar Hinkemann bereits eng umschlungen, als die Zuschauer eintreten. Als letztes kommen die weiteren Schauspieler von den beiden Seitentüren herein, beobachten das Paar oft mindestens genauso kritisch wie es die Zuschauer tun. Abgesehen vom Ehepaar Hinkelmann sind die Rollen mehrfach besetzt, weshalb die einzelnen Figuren auch zu namenslosen Arbeiter und allerlei Typen und Volk der deutschen Strasse werden. Diese Übergänge zwischen einer bestimmten Figur und Allgemeinen erfolgen fließend und sind nicht immer leicht zu erkennen. Einfach hat es Ernst Toller dem Zuschauer aber mit den Hauptpersonen seines Stücks gemacht: das Typische der Person ist schon in ihrem Namen angedeutet (nicht nur bei der Titelfigur). So gibt es beispielsweise den Nachbarn Großhahn (Joachim Nimtz, als famoser Hallodri), Herrn Immergleich (Aljoscha Stadelmann, als lässiger Prolet) und Michel Unbeschwert (Susanne Böwe, die Gutmütige). In weiteren Rollen der hochkarätig besetzten Inszenierung: Nadia Dankers, Friederike Kammer, Matthias Redlhammer, Felix von Manteuffel und Moritz Peters. Mit wilden Schlägen umherliegender Gegenstände sorgen sie immer wieder für aggressive Zwischentöne, die Gewalt findet aber ansonsten im Kopf statt. Trotz aller Präsenz nehmen sie sich vornehm zurück und geben dem Ehepaar Hinkelmann (in Bestform: Christian Kuchenbuch und Sabine Weibel) Gelegenheit, eindrucksvoll die existentiellen Leiden dieser Figuren zu zeigen.

Markus Gründig, März 07

Infos zum Stück

Reineke Fuchs
Theater Willy Praml
Besuchte Vorstellung: 22. März 07 (Premiere)

Spielt die Geschichte vom Reineke Fuchs auch zu Pfingsten und beschäftigt sich das Theater Willy Praml auch immer wieder ernsthaft mit biblischen Themen, so hat die neuste Inszenierung keinen unmittelbaren biblischen Bezug. Vielmehr würdigt das Theater (als eines der wenigen) mit dieser Inszenierung dem 175. Todestags Goethes, der nicht zufällig auf den Tag der Premiere fiel (und wofür das Theater seine Frühlingssaison extra vorgezogen hat). Ein zweites geschichtsträchtiges Datum erwähnte Regisseur und Theaterleiter Willy Praml in seiner kurzen Ansprache zu Beginn: der große Bombenangriff der Alliierten auf Frankfurt am Main im Jahr 1944, bei dem am 22. März auch Goethes Geburtshaus zerstört wurde. Diese Katastrophe hat sich jedoch nicht auf die Inszenierung ausgewirkt. Vielmehr geht es auf höchstem Sprachniveau heiter und ernst zugleich um den Meister der Verführung, der Wortgewandtheit und des sich stets seines Vorteils ziehenden Reinke Fuchs. Goethes, in der Tierwelt spielende, zwölf Gesänge werden hierbei reduziert szenisch umgesetzt, unter Beibehaltung von Goethes Originaltext, mit nur geringen Änderungen und größeren Kürzungen in den Teilen neun bis elf. Was einst als Kritik des höfischen Lebens gedeutet werden konnte, offenbart sich heute mit unveränderter Aktualität als Parabel auf Macht und Ohnmacht.
Reineke Fuchs weiß jede Situation zu seinem Vorteil zu nutzen, er lügt, verleumdet, futtert sich rücksichtslos durch und stiehlt. Doch mit dem Mord an der Henne Kratzefuß hat er es zu weit getrieben: er muss sich dem König stellen, weshalb sich der Bär Braun auf dem Weg zu seinem Heim, dem Malepartus, macht…

Reineke FuchsBild3M®Seweryn
Reineke Fuchs
Theater Willy Praml
Michael Weber (Reineke Fuchs)
Foto: Seweryn

Reinhold Behling, Birgit Heuser und Tim Stegemann sind zugleich Bär, Dachs, Hahn, Hase, Kaninchen, Kater, Widder, Wolf und König. In grauen, karierten oder gestreiften Anzügen mit hellgrünen Hemden und Socken, sowie dunkelgrüner Krawatte, zeigen sie sich enorm wandlungsfähig und flexibel und verdeutlichen, dass der moderne Mensch noch immer nicht viel weiter in seiner Entwicklung ist, als die Tiere.
Wahrlich auftrumpfen kann Michael Weber (auch für die Bühne und Kostüme zuständig) im grauen Jogginganzug und Melone: als jugendlicher, leichtherziger Charmeur Reineke Fuchs, der die Gier seine Widersacher nach Honigscheiben und Mäusen ausnutzt, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und sich den fettesten Braten zu sichern, schließlich ist hier jeder Opfer und Verbrecher zugleich.

Gespielt wird im großen Foyer (wie auch bei 36,9° Houellebecq/Brecht), das Publikum sitzt bei bester Sicht von allen Plätzen in Hufeisenform, das Spiel beginnt an der Stirnseite und erweitert sich dann auf den gesamten Raum. Des Königs Burg wie Reineke Fuchs Malepartus wird jeweils angedeutet (in Form einer goldenen Ritterburg und einer Mülltonne. Die „traurige Bahre“ des Hahns Henning ersetzt ein Einkaufswagen (in dem auf einem Plastikteller die Henne Kratzefuß) liegt und der kurz drauf als Falle für den Bären Braun dient. Für musikalische Intermezzi sorgt am Flügel Sona Talian.

Goethes "unheilige Weltbibel" Reineke Fuchs zeigt Regisseur Willy Praml mit Witz und Spannung in kurzweiligen 2 ¼ Stunden (inkl. 1 Pause).

Markus Gründig, März 07

Infos zum Stück

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