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Besprechungen: Oper-Extras


Bericht Buchpräsentation: Little Amadeus - Das Leben des jungen Mozart

Schon früh die Grundlage für einen Bezug zu Opern zu legen, ist das Anliegen der Oper Frankfurt. Die Reihe „Werkstatt für Kindern“ läuft seit vielen Jahren und erfreut sich größter Beliebtheit. Die Autorin Deborah Einspieler betreut als Dramaturgin die Kinder- und Jugendprojekte der Oper Frankfurt und hat jetzt ihr Buch „Little Amadeus – Das Leben des jungen Mozart““ am Sonntag nach Mozarts 250. Geburtstag großen und kleinen Kindern in der Oper Frankfurt vorgestellt. Dabei wurde sie von Musikern und Sängern der Oper Frankfurt unterstützt.
Ihr Buch erzählt vom Jungen Valentin. Statt wie es all die anderen Eltern mit ihren Kindern tun, nämlich in den Süden in die Sonne zu fahren, fährt seine Mutter mit ihm jedes Jahr nach Salzburg. Oh Gott. Einmal wäre ja noch okay, aber muss es wirklich jedes Jahr sein?
Mit viel Sympathie für den kleinen Valentin erzählt Einspieler in diesem Buch, was da in Salzburg ungewöhnliches passiert: Florian trifft bei einem seiner Besuche im Mozarthaus mit dem jungen Mozart zusammen und lässt sich von ihm ausführlich Stationen seiner Jugendjahre erzählen. Und am Ende löst sich auch das Rätsel, warum Valentins Mutter jedes Jahr diesen Trip mit ihm nach Salzburg unternimmt.
So vermittelt Einspieler kindgerecht Biografisches von Mozart, u.a. seinen ersten Reisen nach München, Mannheim, Frankfurt, Paris und London. Sie mischt das mit Ihrer Fantasie ein wenig auf und vermittelt nebenbei noch Eindrücke von der Zeit, in der Mozart lebte.
So gut wie Einspieler textet, trägt sie auch vor. Mit ihren großen Augen und dem sympathischen, aufgeschlossenen Lächeln im Gesicht verzauberte sie Jung wie Alt und verpasste dem jungen Mozart gar einen leichten Österreich-Dialekt. Bassbariton Kai Florian Bischoff polterte als verschlafener Leporello (Don Giovannis Diener) auf die Bühne und vermittelte auf musikalischer Seite Eindrücke vom Genius Mozart (begleitet von Hartmut Keil am Flügel und Vanessa Heinrich an der Gitarre).
Dem mit Bildern aus der Zeichentrickserie „Little Amadeus versehenen Buch ist eine CD mit Mozart-Musik beigelegt.

    Markus Gründig, Februar 06  

Deborah Einspieler
„Little Amadeus – Das Leben des jungen Mozart“
18,0 x 22,8 cm, 112 Seiten, Hardcover, vierfarbig illustriert, mit Musik CD, ISBN 3-8339-3567-7, EUR 14,90
www.baumhaus-verlag.de (externer Link)
 


Oper Extra: Werther
Oper Frankfurt, Sonntag 4. Dezember 05

Nach Maskenball und Pique Dame steht mit Massenets “Werther“ nun die dritte Premiere an der Oper Frankfurt an. Hier wurde “Werther“ zuletzt im Jahr 1984 konzertant aufgeführt, längst also Zeit für eine Aufnahme in den Spielplan. Denn eine Neuinszenierung ist diese Aufführungsserie nicht, es handelt sich um die Übernahme der erfolgreichen “Werther“ Produktion der „De Nederlandse Opera“ (Amsterdam) aus dem Jahre 1996 (Regie Willy Decker). Die Frankfurter Inszenierung wird von Johannes Erath szenisch einstudiert. Erath sieht „Werther“ an einer entscheidenden Schwelle im Leben, an der Grenze zum Erwachsenwerden, die für ihn mit dem Verlust von Unbekümmertheit und Leichtigkeit verbunden ist. Doch Werther will nicht erwachsen werden und stirbt deshalb. Charlotte ist für ihn nicht nur Jungfrau, Mutter und Geliebte, sie ist sein Ideal. Wo er unabhängig, frei und niemanden verpflichtet ist, ist Charlotte in eine feste Rolle gebunden. Eine Liebesbeziehung zwischen diesen beiden kann gar nicht funktionieren. Albert allein ist nicht der Grund für diese Unmöglichkeit.

Bühnenbildassistent Stefan Heinrichs erläuterte, dass das Bühnenbild diesen Konflikt widerspiegeln wird. Charlottes Welt ist ein Zimmer, das eine gewisse Schutzfunktion darstellt. Im Kontrast dazu steht Werthers Welt: ungeordnet, endlos in einem naturhaften Umfeld. Eruptivität als Ausdruck für Sturm und Drang.

Journalist Gert Wolff befasste sich in einem Vortrag mit der Frage, wie französisch die Vorlage ist.
 
Carlo Franci (musikalische Leitung) freut sich, dass die Produktion nicht gegen die Musik Massenets ist, sie vielmehr unterstützt. Fortissimo („sehr laut“) ist bei Massenet immer unter Kontrolle. Vorherrschend ist vor allem das Pianissimo („sehr leise“), die Erwartung von Stille. Für iFranci stirbt deshalb Werther mehrfach. Trotz Liebesgeschichte darf keine heiße Erotik erwartet werden, schließlich suche Werther nicht wirklich eine Frau.

Die Einführungsveranstaltung wurde erstmals von Agnes Eggers konzipiert und souverän moderiert.

Die Ensemblemitglieder Simon Bailey und Michael McCown hatten viel Spaß beim Vortrag des Trinkliedes aus dem 2. Akt. Noch mehr lockerte Simon Bailey´s „Bread and Butter“ die sonntägliche Stimmung auf. Das Lied ist eine musikalische Umsetzung der Werther-Parodie William Thackerays von John Dankworth, indem das Unverständnis der Engländer über Werthers unendliche Traurigkeit zum Ausdruck kommt. Nathaniel Webster wird den Albert singen und präsentierte u.a. dessen Ankunftslied (1. Akt).

Markus Gründig, Dezember 05


Oper Extra: Pique Dame
Oper Frankfurt, Sonntag 30. Oktober 05

Noch zweimal ist Mussorgski´s Oper „Chowanschtschina“ in der Oper Frankfurt zu sehen und schon steht die nächste russische Oper in den Startlöchern. Ab kommenden Sonntag wird Tschaikowskij´s „Pique Dame“ gespielt.

Chefdramaturg Dr. Norbert Abels wies bei der Einführungsmatinee zunächst auf die Unterschiede zwischen der Vorlage von Alexander Puschkin und Tschaikowskji´s Version hin. Puschkins „Pique Dame“ ist vor allem eine nüchtern geschriebene Spielernovelle. Tschaikowskij hat zusätzlich eine verhängnisvolle Liebesgeschichte eingearbeitet um gefühlsbetonte Seelenprofile entwickeln zu können.

Es bestehen also deutliche inhaltliche Unterschiede. Beachtenswert sind nicht zuletzt autobiografische Züge seitens des spielsüchtigen und wegen seiner Homosexualität bedrängten Alkoholikers Tschaikowskij.

Regisseur Christian Pade (aufgrund Terminschwierigkeiten nicht persönlich anwesen) sieht laut seinem mitgeteilten Schreiben hier Menschen am Rande des Wahnsinns, gespaltene Persönlichkeiten mit autistischen Zügen.

Über allen menschlichen Schwächen und Nöten steht unumstritten aber die Musik Tschaikowskij´s, die, wie der musikalischen Leiter Sebastian Weigle bekräftigte, phantasievoll und grandios ist.
Die Quarte des Drei-Karten Motivs durchzieht die Oper von der Ouvertüre an, wie Hartmut Keil am Klavier mit entsprechenden Hörproben belegte. Für die notwendige dunkle Farbe im Orchester wird vor allem ein Englisch Horn sorgen, das die schmerzvollen Seelenzustände besonders heraus stellt.

Kostproben aus der „Pique Dame“ trugen Danielle Halbwachs und Johannes Martin Kränzle vor. Die aus Mauritius stammende Danielle Halbwachs gibt in Frankfurt ihr Debüt als Lisa und trug mit großer Ausdruckskraft Lisa´s „Abschiedslied“ vor. Für Habwachs ist Lisa eine Frau die sich nach Liebe sehnt, voller Sehnsucht ist. Nur ist Ihre Sucht eine andere als die von Hermann, weshalb die beiden nicht zusammen kommen können. Johannes Martin Kränzle als Hermanns engster Vertrauter Graf Tomski wird zum zynischen Beobachter aufgewertet, so dass die beiden eine Art Arzt-Patient-Verhältniss entwickeln, Tomski Hermann Hermann aber dann fallen lässt.

Markus Gründig, November 05


Salon im Dritten Rang: Musikalisch-literarischer Abend zu Faust
(Oper Frankfurt, Dienstag, 25. Oktober 05)

Der Magier, Alchimist und Wahrsager Johann Faust übt seit jeher eine besondere Faszination aus. Unter den vielen Werken die sich mit der Faustsage auseinandersetzten, sind Goethes Urfaust, Faust I und Faust II unumstritten die bedeutendsten Werke, die wiederum viele Autoren und Komponisten zu weiteren Werken mit diesem Thema inspirierten. Literarische Auszüge von Heinrich Heine, Thomas Mann, Paul Valéry und „Fernando Pessoa“ zu unterschiedlichen Facetten des Doktor Faustus und Mephistopheles trug der Chefdramaturg an der Oper Frankfurt, Dr. Norbert Abels, an diesem Abend fesselnd mit großer Leidenschaft vor.

Für den passenden musikalischen Rahmen sorgten Lisa Wedekind und Lars Rößler. Die junge Lisa Wedekind (am Klavier begleit von der Frau mit dem coolsten Blick: Pauliina Tukiainen) sang mit hellem, strahlenden Sopran verschiedene Vertonungen einzelner Szene aus Goethes Faust. „Gretchen am Spinnrade“ in den Versionen von Franz Schubert, Carl Loewe, Richard Wagner und Giuseppe Verdi, „Der König in Thule“ von Franz Schubert und Franz Liszt sowie „Ach neige, Du Schmerzenreiche“ (Carl Loewe und Giuseppe Verdi) vor. Meist als bezaubernder Liedvortrag, doch auch halb szenisch und da nicht weniger berührend. Selbst bei der nahezu gesprochen Version vermittelt sie Gretchens Unruhe mit großer Glaubwürdigkeit. Als Pendant und höhnischer Mephistopheles agierte mit betörendem Bass Lars Rößler (mit musikalischen Leckerbissen von Charles Gounod und Arrigo Boito), am Klavier begleitet vom Chordirektor der Oper Frankfurt, Alessandro Zuppardo.

    Markus Gründig, Oktober 05


Bericht: Operngespräch mit Zsolt Horpácsy und Julia Juon
In der Reihe „Salon im dritten Rang“ der Oper Frankfurt (27. September 05)

Die Schweizerin Julia Juon ist heute eine der meistgefragten dramatischen Mezzosopranistinnen. Aktuell gastiert sie zum wiederholten Male als Amme in Strauss’ Die Frau ohne Schatten an der Oper Frankfurt. Trotz großer Erfolge u.a. in Berlin, Frankfurt, Hamburg, Saarbrücken, Barcelona, Kopenhagen, Madrid, Montpellier, New York und Paris war Ihre Karriere als Sängerin keineswegs von vornherein geplant. So arbeitete Sie zunächst als Grundschullehrerin und begann dann mit ein Klavierstudium. Diese mehr „vertikal“ ausgerichtete Beschäftigung mit der Musik reichte ihr nicht. Es galt auch die „horizontale“ Ebene zu erfassen, die ihrer Meinung nach beim Gesang vorliegt. So begann Julia Juon mit Gesangsstunden. Ihrer Lehrerin, Frau Professor Helen Haefeli, blieb sie bis zu deren Tod im hohen Alter treu, insgesamt über 30 Jahre. Nach vielen Jahren als Ensemblemitglied in St. Gallen, Karlsruhe und Kassel arbeitet Sie nun als freie Sängerin, denn sie ist freiheitsliebend, offen und mutig.

Disziplin und harte Arbeit sind Grundlage Ihres Erfolges und begleiten sie noch heute, wenn es beispielsweise um das Erlernen einer neuen Sprache wie tschechisch (wie singt man ein Wort ohne Vokale?) oder ungarisch (wie singt man ein Wort das nur aus Vokale besteht?) geht. Trotz aller Schwere des Erlernens ist sie ohne Frage dafür, Opern in der Originalsprache aufzuführen.
Auch zeitgenössischen Werken ist Julia Juon sehr aufgeschlossen, da diese in der Regel eine große Herausforderung sind, wo es viel zu denken und an sich zu arbeiten gibt. Bedauerlich ist, dass bei Uraufführungen viel Engagement investiert wird, die Stücke es aber oft nicht schaffen an weiteren Orten aufgeführt zu werden. Problematische, zerrissene Figuren reizen sie stets, doch auch mit komischen Rollen hat sie kein Problem. So konnte sie sich im Sommer als Magdelone in der Maskerade Inszenierung der Bregenzer Festspiele herrlich austoben.
Während einer Aufführung ist sie körperlich wie stimmlich in höchsten Maß angespannt, beides ist gleich wichtig und das eine hilft dem anderen. Auf körperliches Training (Sport) verzichtet sie.

Von Zsolt Horpácsy auf die Möglichkeit zur Anpassung einer Rolle in einer laufenden Aufführungsserie angesprochen: die Möglichkeit auf eine Rolle einzuwirken sind gering, aber möglich. Größtenteils ist dies von den jeweiligen Regisseuren abhängig. So war bei Ruth Berghaus stets alles bis ins kleinste Detail festgelegt: jede Aktion, jede Bewegung, jedes Detail. Das lag daran, dass sich Ruth Berghaus einem Werk „äußerlich“ genähert hat. Christof Nel, der Regisseur der aktuellen Die Frau ohne Schatten Inszenierung an der Oper Frankfurt, nähert sich einem Werk mehr von innen, mehr psychologisch. Dadurch ist es möglich auch während der Aufführungsserie noch kleinere Sachen zu ändern und anzupassen. Opern sind ein großer Farbklecks und jeder Regisseur pickt sich seine Farben heraus, damit entziehen sich die verschiedenen Inszenierung eines Stückes einem objektiven Vergleich. Interessant ist, dass sie die Rolle der Amme (Die Frau ohne Schatten) erst bei der Frankfurter Nel Inszenierung richtig verstanden hat. Grund hierfür ist, dass in Frankfurt die ungekürzte Fassung gegeben wird, die insbesondere den Teil der Amme nicht schmälert.

Noch immer nimmt sie selber Gesangsstunden zur Korrekturhilfe, möchte aber selber auch wieder Gesang unterrichten, auch für Anfänger. Denn Gesang bildet den Menschen und muss nicht als Beruf ausgeübt werden.
Mit typisch Schweizer Zurückhaltung äußerte sie sich bezüglich ihrer Träume und Ziele: das was jetzt ist, noch ein wenig weiter machen; alles kann passieren, es gibt keine Grenzen, denn sie singt gerne.

    Markus Gründig, September 05

 


Salon im Dritten Rang: Musikalisch-literarischer Abend zu Macbeth
(Oper Frankfurt, Dienstag, 7. Juni 05)

An der aktuellen Macbeth (Verdi) Inszenierung an der Oper Frankfurt scheiden sich die Geister. Lehnen manche Besucher die Regie des Spaniers Calixto Bieito schlichtweg ab, sorgte doch gerade die Regie für eine große Resonanz in der Presse (nicht zuletzt in der Tageszeitung mit den vier Buchstaben). Die Oper Frankfurt kann sich darüber nur freuen, denn die Vorstellungen sind hervorragend besucht und das Publikum ist mehrheitlich sehr begeistert.
Abseits der Frage über Sinn oder Unsinn von Bieito´s Regie bot die jüngste Veranstaltung in der Reihe „Salon im dritten Rang“ nun die Gelegenheit, einen anderen Blick auf Macbeth zu werfen, jenen Schotten, der vor genau 1000 Jahren geboren wurde und sich vom Getreuen zum Königsmörder entwickelte.
Die Dramaturgie der Oper Frankfurt hatte für diesen Abend ein buntes, abwechslungsreiches Programm zusammengestellt.
Anfangs noch sehr theoretisch mit Thomas de Quincey´s „Über das Pochen an der Pforte“, stellten sodann Deborah Einspieler und Norbert Abels unterhaltsam alle bisherigen Sichtweisen auf den Kopf, schließlich galt es den Fall Macbeth mit kriminalistischen Mitteln aufzuspüren (James Thurber´s „Das Geheimnis um den Macbeth-Mord“).
Auch Eugéne Ionesco hat in Bezug auf Macbeth, „das As“, eine differenzierte Sicht. Wilfried Elste (Duncan in der aktuellen Produktion) las die weiteren Textausschnitte einfühlsam und mit einem verschmitzten Lächeln vor, die mir Thomas Bernhards „Holzfällen“ endeten.

Sehr gemischt auch die musikalischen Leckerbissen. Hartmut Keil am Flügel spielte Ausschnitte aus Verdi´s & Bloch´s Macbeth und begleitete Sonja Mühleck und Gregorij Kulba. Letzterer trug die Arie des Banco aus dem 2.Akt stimmgewaltig vor.
Die Sopranistin Sonja Mühleck zeigte mit Liedern von Mendelssohn-Bartholdy, Schubert, Schumann, Duparc und der „Szene der Katerina Ismailowa“ (aus Schostakowitsch´s „Lady Macbeth von Mzensk“) ihre große Bandbreite. Dabei überzeugte sie sowohl bei den stillen, zarten Tönen als auch mit Strahlkraft  und Ausdruck bei Mendelssohn-Bartholdy´s „Andres Maienlied“ und vor allem als Katerina Ismailowa.

Dieser Abend bewies einmal mehr, dass Oper mehr als ein oberflächlicher Blick auf eine Inszenierung ist und für denjenigen der offen ist, viele interessante Facetten bietet.

Markus Gründig, Juni 05

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