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Besprechungen: Oper (6)

La Bohéme
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 14. Juni 08

“Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist.“ Niccolò Machiavelli

Künstler im Jahr 2008: was macht sie aus, wie unterscheiden sie sich zu dem idealisierten Künstlerbild des 19. Jahrhunderts? Für Vera Nemirova, Regisseurin der „La Bohéme“ Neuinszenierung am Staatstheater Mainz, hat sich das Bild der Künstler deutlich geändert, ist die Trennung zwischen Bürgertum und non-konform lebende Künstler längst aufgehoben. Die heutige Selbstinszenierung der Künstler, die sich, mit Laptop im Café sitzend, im World Wide Web präsentieren und sich vernetzen (so genannte „digitale“ Bohéme), ihre Bereitschaft, die Öffentlichkeit an ihrem Leben teilhaben zu lassen und auch ihre Unbefangenheit offen über die eigenen Schulden zu sprechen (ihre Kunst auf anderer Leute Kosten zu leben), war die Grundlage für Nemirovas Interpretation von Puccinis populärem Meisterwerk. Ihre „La Bohéme“ spielt in der heutigen Zeit, in allen vier Bildern in einem großen ehemaligen Café, das von den Künstlern als schlichtes Fotostudio genutzt wird und wo gebrauchte Großkabelrollen als Tische umfunktioniert werden. Eine breite Front mit hohen Fenstern lässt Außenstehende Einblick nehmen (Bühne: Werner Hütterli). Hier wird aber auch nach einem Kaufrausch, mit Mainzer Feierlaune, fröhlich ein buntes Weihnachtsfest gefeiert und räkeln sich junge Frauen hüfteschwingend an der Fensterfront (hinter der leichter Schnee fällt). Doch diese grellen Momente sind die Ausnahme, schließlich geht es um die tragische Liebe zwischen der kranken Mimi und dem oberflächlichen Rodolfo.

boheme1m_StaatstheaterMainz_©MPipprich
La Bohéme
Staatstheater Mainz
Rodolfo (Sergio Blazquez) und Mimi (Abbie Furmansky)
Foto: Martina Pipprich

In der Kargheit des Cafés kommen Puccinis bezaubernde Melodien nicht nur voll zur Geltung, sondern gehen erst recht ganz tief zu Herzen. Catherine Rückwardt entlockt dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz die liebreizenden Melodien, die Puccini so genial komponiert hat, mit viel leuchtenden Farben und Liebe zum Detail.
Stimmlich steht der mexikanische Tenor Sergio Blazquez glanzvoll im Mittelpunkt und überzeugt als Rodolfo. Abbie Furmanskys Mimi lotet stimmlich die Bandbreite zwischen Leichtigkeit und Melancholie aus. Mit großer darstellerischer Präsenz gibt Tatjana Charalgina eine aufregende Musetta: frivol, spritzig und auch gesanglich treffsicher. Von Rodolfos Künstlerfreunden ragt der Fotograf (eigentlich Maler) Marcello des Richard Morrison am stärksten hervor. Stimmlich gewinnend, aber mit nicht ganz so markant gezeichnetem Profil: Vadim Volkov als Schaunard, Hans-Otto Weiß als Colline, sowie Ion Grigorescu als Hauseigentümer Benoit.
Als Hoffnungsschimmer fährt am Ende erneut der Spielzeugverkäufer Parpignol (Patrick Hörner) mit bunten Luftballons auf seinem Roller draußen entlang. Das Leben geht immer weiter, trotz großer und kleiner Krisen und noch so schweren Schicksalsschlägen. Ob Rudolfo aus seiner Passivität dem realen Leben gegenüber gelernt hat, bleibt für Vera Nemirova offen, aber das war auch schon bei Puccini so. Reichlich Applaus am Ende, wie bereits auch schon vielfach zwischendurch.

Markus Gründig, Juni 08

L’ espace dernier
Oper Frankfurt in Kooperation mit der Alten Oper Frankfurt und Köln Musik
Besuchte Vorstellung: 17. Mai 08 (Premiere / Deutsche Erstaufführung)

Ich ist ein anderer

Ein vierteiliges Werk für die Bühne, aber keine Oper im herkömmlichen Sinn; großes Musiktheater mit Sängerensemble und 16 Vokalsolisten und Orchester, aber kein Libretto, kein Handlungsverlauf. Matthias Pintschers „L’ espace dernier" entstand als Auftragswerk für die Pariser Opéra Bastille, wo es am 23. Februar 2004 uraufgeführt wurde. Für die Deutsche Erstaufführung in der Alten Oper Frankfurt (Pintscher, Jahrgang 1971, war hier im Jahr 2003 im Rahmen der “Auftakt“-Veranstaltungsreihe bereits mit einem Komponistenportrait gewürdigt worden) wurde jetzt eine konzertante Umsetzung gewählt, die den Vorteil bot, Pintschers ausgefeilte Klangwelt wesentlich konzentrierter zu Gehör zu bringen. Um insbesondere den raumklanglichen Aspekt Genüge zu tun, wurden Musiker zusätzlich auf den Emporen positioniert, ebenso wie auch die beiden Sprecher (Isabelle Menke als „Die Frau“ und Christoph Waltz als „Der Mann“).

L’ espace dernier, der letzte Raum, handelt vom Leben und Schaffen des französischen Dichter Arthur Rimbaud (1854-1891), mit dem sich Matthias Pintscher in der Vergangenheit mehrfach thematisch beschäftigt hat. Dieses Stück Musiktheater ist gleichzeitig Höhe- und Schlusspunkt der Auseinandersetzung Pintschers mit Rimbaud. Dabei ist es keine Rimbaud-Oper, die chronologisch oder episodenhaft sein abenteuerliches Leben erzählt, wie die Flucht von Zuhause, die leidenschaftliche Beziehung zu Paul Verlaine, das Beenden der schriftstellerischen Tätigkeit oder seinen Aufenthalten in den afrikanischen Kolonien (davon handelt u.a. die szenische Ballade „Das trunkene Schiff“ von Paul Zech, die genau vor einem Jahr Premiere im schauspielfrankfurt feierte). Pintscher vermittelt mit seiner Musik Rimbauds lebensbestimmenden Aspekt des Getrieben-Seins. „Eine Projektion auszubauen, wohin dieses Rastlose ohne absichernde Definition führen kann, das ist das Thema: das Ortlose.“ (Pintscher). Geräusche, Töne und Stimmen leben auf, immer dem Themen Bewegung und Bewegungslosigkeit folgend.
Musik und Text haben bei Pintscher ein äußerst komplexes Verhältnis zueinander, insbesondere bei „L’ espace dernier“. Die verwendeten Texte stammen aus Rimbauds Lebens- und Werkraum. Vorgetragen in der französischen Originalsprache gerät der Text fast zu einem Teil der Musik. Das exquisite Sängerensemble (Ashley Holland, Anu Komsi, Alexandra Lubchansky, Claudia Mahnke, Peter Marsh und Barbara Zechmeister) erhielt Unterstützung durch das von Denis Comtet einstudierte SWR-Vokalensemble Stuttgart. Frankfurts Generalmusikdirektor Paolo Carignani hatte hierbei nicht nur das in drei Blöcke aufgeteilte Frankfurter Museumsorchester zu leiten, sondern das komplexe Zusammenspiel von Solisten, Chor, Orchester und Live-Elektronik (Christian Cluxen) zu einem akustischen Gesamtkunstwerk zu formen. Am Ende: lang anhaltender Applaus für ein brillantes Stück Musiktheater.

Markus Gründig, Mai 08

Fidelio
Festspielhaus Baden Baden
Besuchte Vorstellung: 10. Mai 08


Die Liebe siegt, die Unterdrückung bleibt
 

“Chris Kraus erzählt in seinem zweiten Kinospielfilm leidenschaftlich, kraftvoll und mit großer Nähe zu seinen Figuren von der Begegnung zweier ungleicher Frauen, von Auflehnung und Hingabe, Schmerz und der Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit - und von der ungeheuren Kraft der Musik, die nicht versöhnt, aber den Kern der Freiheit in sich trägt.“ So heißt es im Pressetext zum vielfach ausgezeichneten Gefängnisdrama „Vier Minuten“, des 1963 in Göttingen geborenen Autors und Regisseurs Chris Kraus. Der Film, mit Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung in den Hauptrollen, startete im Februar 2007 und beeindruckte den italienischen Dirigenten Claudio Abbado derart, dass er bei Chris Kraus anfragte, ob er die Regie für eine Neuproduktion von Beethovens Befreiungsoper „Fidelio“ übernehmen wolle (als Koproduktion des italienischen Teatri di Reggio Emilia, dem spanischen Teatro Real Madrid und dem Festspielhaus Baden Baden). Hatte Kraus bisher weder ein Opernhaus noch je eine Oper gesehen, stellte er sich dieser Herausforderung. Schließlich handelt ja auch „Fidelio“ von leidenschaftlichen Figuren, Gefangenschaft und Freiheit.


Fidelio
Festspielhaus Baden Baden
Leonore (Gabriele Fontana, links) und Chorensemble
Foto: Andrea Kremper

Entsprechend dunkel gefärbt gibt sich Kraus Interpretation, die zentral auf die Historie (Französische Revolution) Bezug nimmt und dabei kleinbürgerlichen Realismus und Idyll außen vor lässt, die weder zu Beginn lieblich, noch zum Schluss idealistisch, ist: kein Singspiel zu Beginn, sondern Musikdrama nonstop. Die Handlung wurde vom spanischen Sevilla nach Paris verlegt.
Bereits in der eigentlich leichten und scherzhaften Anfangsszene vor der Wohnung des Gefängnismeisters Rocco (den facettenreich der Baß Giorgio Surian gibt) nimmt Kraus jede Illusion einer intakten Welt. So treffen sich Marzelline (charmant und mit kultivierter Stimme: Julia Kleiter) und Jaquino (temperamentvoll: Jörg Schneider) für ihr Duett „Jetzt Schätzchen, jetzt sind wir allein“ bereits an einer Guillotine (die wichtigste Requisite dieser Inszenierung), als Symbol für die herrschende staatliche Willkür.
Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Maurizio Balò nutzt Chris Kraus bemalte, transparente Vorhänge und erdfarbene Wände um faszinierende, düstere Räume zu erzeugen, famos unterstützt vom stimmungsvollen Licht von Gigi Saccomandi. Die historischen Kostüme von Anna Maria Heinreich fügen sich passend in diese Szenerie ein und runden die eindrucksvollen, das Böse heraufbeschwörenden, Optiken bestens ab.
Die Gefangenen erscheinen mitunter wie unzählbare Massen, die, wie in einem riesigen Auditorium sitzend, aus dem Bühnenhintergrund furchtsam hervor scheinen. Als körperlich lädierten, aber nicht desto trotz despothaften Gouverneur ist der in einem Rollstuhl sitzende Don Pizarro (mit dämonischer Stimmfarbe Albert Dohmen) gezeichnet. Der Don Fernando des Diogenes Randes (mit sonorem Wohlklang) verdeutlicht, wer damals wirklich im Land das Sagen hatte, denn er erscheint als Kardinal im samtroten Mantel.
Florestans Gefangenenlager ist zunächst ein kleiner, dunkler Raum im Hintergrund, der nur durch einen fahlen Lichtstrahl erkennbar ist. Während seiner packenden Darbietung der Arie „Gott! Welch Dunkel hier!“ kommt Florestan (mit durchschlagkräftigen Tenor: Clifton Forbis) in den Vordergrund und gewinnt an Kontur.
Kraus lässt die Sänger stets gut zur Wirkung kommen, stellt sie teilweise gar in einen Lichtkegel wie bei einem Konzert. Bezeichnend ist dann auch die Schlussszene, bei der eigentlich allenthalben Jubel und Freude herrscht. Doch in Chris Kraus Sicht ist die Freue auch hier eingetrübt. Während sich Leonore und Florestan glücklich in den Armen liegen und der Minister Beethovens Credo von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündet („Es sucht der Bruder seine Brüder, und kann er helfen, hilft er gern.“), verdeutlichen aufziehende Soldaten und empor fahrende Guillotinen: Freiheit mag es für den Einzelnen zwar geben, das System ändert sich dadurch aber noch lange nicht.
Als grandiose Singschauspielerin begeisterte die junge, aus Innsbruck stammende, Gabriele Fontana in der Rolle der Leonore mit ihrem frischen und kräftigen Sopran. Sie bildete den Trumpf dieser Aufführung (wer keine Gelegenheit hatte, sie in Baden Baden zu erleben, kann dies bald in Frankfurt nachholen, dort wird sie ab dem 3. Oktober 08 bei der 1. Wiederaufnahmeserie des Fidelio erneut diese Rolle übernehmen).


Fidelio

Festspielhaus Baden Baden
Don Pizarro (Albert Dohnen), Rocco (Giorgio Surian), Florestan (Endrik Wottrich),
Leonore (Anja Kampe) und Don Fernando: Diogenes Randes

Foto: Andrea Kremper

Unter der leidenschaftlichen Leitung des jungen norwegischen Dirigenten Eivind Gullberg Jensen (Jahrgang 1972) überzeugt das Mahler Chamber Orchestra, das bei den ersten beiden Aufführungen bereits von dessen Gründer Claudio Abbado bestens eingespielt worden war (wie bereits auch bei den Aufführungen in Reggio Emilia und Madrid). Jensen, der sich in Baden Baden bereits mit dem Silvesterkonzert 2006 und Puccinis Tosca bei den Sommerfestspielen 2007 vorstellte, sorgte nicht nur für einen vitalen Klang, sondern auch für zart leuchtende Spannungsbögen.
Kraftvoll und souverän präsentierten sich die vereinigten Chöre unter der Gesamtleitung von Erwin Ortner: der Wiener Schoenberg Chor und der Coro de la Comunidad de Madrid.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Fidelio für den Regisseur Chris Kraus kein einmaliger Ausflug in die wunderbare Welt des Musiktheaters war und bald weitere Inszenierungen folgen werden.

Markus Gründig, Mai 08

Die Ausflüge des Herrn Broucek
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 26. April 08 (Premiere)

Mit der Inszenierung von „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ ist die Oper Frankfurt das erste deutsche Opernhaus, das dieses Werk in der Originalsprache aufführt. Kaum vorstellbar für ein Werk, das in seiner ersten Fassung seine Uraufführung bereits im Jahr 1920 hatte. Und auch die deutschsprachigen Inszenierungen (in Deutschland) halten sich in Grenzen (München 1959 + 1995, Berlin 1969, Düsseldorf 1976 und zuletzt in Gera 2004). Als Hauptgrund für die seltenen Aufführungen gelten die nur schwer umsetzbaren lokalen Bezüge und die Verschiedenartigkeit der sich dabei ergebenden Geschehnisse (bei denen sich Groteskes mit Religiösem und Politischem vermischt). Die beiden surrealistisch unterlegten Ausflüge des Herrn Broucek führen diesen vom Prager Stadtteil Hradschin im Jahr 1888 auf den Mond, wo er auf eine Karikatur der Prager Künstlerszene trifft und per Zeitreise zurück ins Böhmen des XV. Jahrhunderts, zu den von Jan Hus (von dem sich der Begriff Hussiten ableitet) angestifteten Glaubens- und Befreiungskämpfen.

Die aus zwei Teilen bestehende Oper (nach Novellen von Svatopluk Cech) wurde von Janacek auch als "Opernbilogie" bezeichnet. Der erste Teil entstand im Zeitraum von 1908 bis 1917, wobei Janacek mehrfach nach geeigneten Librettisten Ausschau hielt und auch selber in die Textgestaltung eingriff, um prägnante Sprechmotive zu erhalten. Seine „Jenufa“ (1904 uraufgeführt in Brünn) wurde nicht zuletzt durch die Argumente des Musikwissenschaftlers Zdenék Nejedlý im Prager Nationaltheater nicht aufgeführt. Erst 1916 änderte der Opernchef Karel Kovarovic seine ablehnende Haltung. Die Aufführung seiner „Jenufa“ in Prag motivierte Janacek dann, den ersten Teil von „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ zu vollenden und den zweiten Teil innerhalb weniger Monate zu komponieren. Musikalisch bietet die Oper einen außergewöhnlichen Schatz an himmlischen Klangfarben, ohne jedoch im Vergleich zur Jenufa oder Osud, wesentlich neue Elemente zu beinhalten. Beide Teile sind im Musikalischen unterschiedlich angelegt: der erste ist geprägt von Walzeranklängen, der zweite von Chorälen und Märschen. Kapellmeister Johannes Debus entlockte dem Frankfurter Museumsorchester die ganze Bandbreite der Janacek ´schen suggestiven Klangvielfalt, die allein schon einen Besuch lohnt (auch wenn von der Option Gebrauch gemacht wurde, statt des vorgesehenen Dudelsacks Oboen und ein Fagott zu verwenden).

Verbunden sind die beiden Teile durch die ungewöhnliche Figur des Hausbesitzers Matej Broucek (im Gegensatz zu den anderen Opern Janaceks steht hier keine Frau im Mittelpunkt). Broucek (übersetzt „Das Käferchen“) ist weder Held noch wirklicher Antiheld. Er ist ein Bier und Würstel liebender Spießbürger, ein Mensch ohne Rückgrat. Obwohl Janacek ihn als Warnung an seine Mitbürger zeichnete, schuf er für ihn die schönsten musikalischen Verzierungen. Der Niederländer Arnold Bezuyen präsentiert sich bei seinem Hausdebüt in der Rolle des letztlich unauffälligen Zeitgenossen Broucek mit ungebrochener tenoraler Kraft und feiner Nuancierung. Aus dem Ensemble stechen Juanita Lascarro (Málinka / Etherea / Kunka) und Peter Marsh (Komponist / Harfoboj / Miroslav) hervor. Interessantes Detail: Die Figur des Mondästetikers Lunobor (Simon Bailey, auch Sakritán und Domsik) ist von Janacek als Satire auf den Musikwissenschaftler Nejedlý angelegt. Präzis und impulsiv gibt sich der von Alessandro Zuppardo einstudierte Chor, sei es als Künstler, Hussiten oder Volk.

Für die szenische Umsetzung entschied sich das Inszenierungsteam (Regie: Axel Weidauer, Bühnenbild: Moritz Nitsche, Kostüme: Berit Mohr) für einen Einheitsbühnenraum, der genug Platz für die surrealistischen Traumwelten bietet. Ein überwiegend dunkler, sich nach hinten verengender Bühnenraum dient als Spielfläche für die beiden Teile. Eine Biertischgarnitur, ein Fahrrad und ein großes Schaukelpferd (Pegasus) dienen als Requisite, dazu kleine, vom Himmel auf den Mond gefallene, Meteroiten, ein TV (mit Countdown-Zählung), Bilderrahmen, Quaderrahmen... Keine Optik, die einen in den Sessel drückt, die dafür aber umso mehr zum Nachdenken anregt. Plakativ wirken die ganz in blau getauchten Künstlerkolonnisten, die Hussiten kommen dagegen eher nüchtern im schlichten Weiß und Beige daher.

Eine Musik, die süchtig machen kann, in einer Inszenierung, die sich auf einer intellektuellen Ebene erschließt: ein doppelt lohnendes Gesamtkunstwerk.

Markus Gründig, April 08

Cosi fan tutte
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 30. März 08

Nach Opern von Verdi, Britten, Puccini und Dukas feierte mit Mozarts "Cosi fan tutte" die vermeintlich "leichteste" Opernneuinszenierung der Saison ihre Premiere an der Oper Frankfurt. Die Geschichte der beiden Liebespaare mit der Infragestellung der Treue, ist nicht nur schnell und leicht zu verstehen, sondern auch ein zeitloses Thema, dass sich bestens für eine komische Oper (Dramma giocoso) eignet. Mozart erteilt hier durch die im Widerspruch zur Handlung stehenden schönen Musik, eine „ästhetisch subversive Lehre“ (Leo Karl Gerhartz).
Dabei ist die Oper für die wenigen beteiligten Sänger alles andere als leicht zu bewältigen. Und auch der Regisseur Christoph Loy macht es dem Publikum nur bedingt leicht. Er läßt die knapp vierstündige, aus zwei Akten bestehende Oper nur in einem schmalen, weißen Raum spielen: Eine wie von einer Zauberhand hell erleuchtete, kühle, nüchterne Guckkastenbühne mit zwei Flügeltüren an den Seiten (Bühne und Kostüme: Herbert Murauer), die Schlichtheit von „Simone Boccanegra“ (Loys letzte Inszenierung an der Oper Frankfurt) konsequent weiterführend.
In diesem von jeglichen Gegenständen befreiten, ort- wie zeitlosen Raum treffen die Liebenden aufeinander, hier sorgt der Spieler Don Alfonso (viril und bissig: Johannes Martin Kränzle) mit Hilfe des Zimmermädchens Despina (temperamentvoll, wandlungsfähig, mit einer unübertroffenen Bühnenpräsenz und stets angepasster Stimmfärbung: Barbara Zechmeister) für ein kräftiges Liebesdurcheinander, bei dem die Damen lediglich ein kurzes Schwarzes tragen, die Herren erscheinen zunächst in schwarzen Hosen und mit weißen Hemden, nach der „Verwandlung“ in grell leuchtender Freizeitkleidung.
Die beiden Paare wurden mit einem jungen Quartett besetzt: Agneta Eichenholz (mit verführerischer Sinnlichkeit als Fiordiligi), Topi Lehtipuu (mit jugendlicher Frische als Ferrando), Jenny Carlstedt (als attraktive und etwas nachdenkliche Dorabella) und Michael Nagy (als Sonnyboy Guglielmo).
Die sechs Sänger wurden von dem um etliche Musiker reduzierten Frankfurter Museumsorchester bestens unterstützt, das unter der Leitung der britischen Dirigentin Julia Jones Mozarts „Verführungsmusik“ farbenfroh ausmalte.
Für traditionell eingestellte Opernbesucher kommt dieser genügsame Inszenierungsstil möglicherweise einer konzertanten Darbietung gleich. Andererseits zeigt diese Beschränkung auf das eigentliche Geschehen dank der brillanten Sänger (die allesamt in darstellerischer wie sängerischer Hinsicht eine außerordentliche Leistung boten), dass „Cosi fan tutte“ auch nahezu ohne Ausstattung funktionieren kann. Im Gegenteil: Die immense Spielfreude überträgt sich unmittelbar auf das Publikum und in ihren großen wie kleinen Sorgen sind die Figuren plastischer als jedes naturalistisches Bühnenbild es je vermitteln könnte. Loy lässt auch den bufforesken Momenten ausreichend Raum, so dass sich das Dramma giocoso voll entfalten kann.
Gewarnt sei allein vor dem enthusiastischen Publikum, dass bei der besuchten Vorstellung keine Gelegenheit ausließ, kräftig zu applaudieren.

Markus Gründig, März 08

Werther
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 29. März 08 (Premiere)

Jules Emile Frédéric Massenet (1842 – 1912) war zu seiner Zeit unbestritten der erfolgreichste unter den französischen Opernkomponisten: Mit seiner ihm eigenen musikalischen Sprache bediente er den Geschmack eines spätbürgerlichen Publikums. Von seinen rund dreißig Opern wurden mehr als zwanzig szenisch realisiert. Heute sind noch zwei davon in den Spielplänen vertreten. „Manon“ (mit der er seinen künstlerischen Durchbruch feiern konnte) und „Werther“ (nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“). Dem Sog seiner lyrischen Musik kann man sich auch heute nicht entziehen. Und wer war noch nie in seinem Leben unglücklich verliebt?


Werther
Staatstheater Mainz
Charlotte (Patricia Roach) und Werther (Sergio Blazquez)
Foto: Martina Pipprich

Für die 1973 in Berlin geborene Regisseurin Tatjana Gürbaca bietet diese Oper ganz normale Menschen, die „uns mit ihren Träumen und Ängsten erstaunlich nah sind und aus der Realität zu kommen scheinen“. Zusammen mit Marc Weeger und Silke Willrett (Bühne und Kostüme) wurde Massenets „Werther“ am Staatstheater Mainz dann auch entsprechend ins Heute versetzt. Der geschickt gestaltete Einheitsbühnenraum zeigt ein modern gestaltetes Heim der Familie Bailli. Ein karges Wohnzimmer im Vordergrund, eine Wohnküche im Hintergrund und die Schlafbereiche (anfangs drei Doppelstockbetten für die Kinder, später ein Ehebett) an der Seite. Im Wechsel von naturalistischer Ausbildung und kahlen Wänden stehen für die unterschiedlichen Gefühls- und Seelenlagen der Figuren jeweils getrennte Bereiche zur Verfügung. Vom anfänglichen heiteren Spiel der Kinderschar (mit reichlich Stofffiguren, als Symbol für die heute mit Spielsachen voll gestopften Kinderzimmer) bis zum tragischen Finale (Kontrastreich mit dem sterbenden Werther und der zum leuchtenden Weihnachtsbaum laufenden Familie), weiss Gürbaca den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten und lässt auch durch den Verzicht auf zu viel Aktionismus der Musik ausreichend Raum.
Als gesellschaftlicher Außenseiter Werther hinterlässt Sergio Blazques am Premierenabend einen gemischten Eindruck. Schon optisch wirkt er eher wie ein südländischer Romeo als ein deutscher, sehnsuchtsvoller Werther. Seine mimische Gestaltung und Ausdruck, wie auch die sängerische Leistung, dürfte noch steigerungsfähig sein. Des Öfteren kämpfte er stark gegen das Orchester an, wobei ihm die populäre Schmachtarie „Pourquoi me réveiller?“ gut gelang. Patricia Roach zeigt die Charlotte als gefühlsverwirrte Frau, intensiv und berührend. Herausragend die Leistung der in Russland geborenen Sopranistin Tatjana Charalgina als Sophie  und in den kleineren Rollen Richard Morrison (Albert), Dietrich Greve (Schmidt) und Patrick Probeschin (Johann). Thomas Dorsch, der 1. Kapellmeister des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz, ließ die Klangfarbenpracht Massenets emotionsstark zur Geltung kommen und sorgte für expressive Steigerungen und Entladungen.
Stürmischer Applaus am Ende verdeutlichte, dass dieser Werther beim Publikum bestens angekommen ist.

Markus Gründig, März 08

The Rape of Lucretia
Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
Besuchte Vorstellung: 21. März 08

Juli 1946: Deutschland liegt noch in Schutt und Asche, die Nürnberger Prozesse laufen seit einem dreiviertel Jahr und im englischen Glyndebourne wird Benjamin Brittens neuste Oper, „The Rape of Lucretia“, uraufgeführt. Die Oper erzählt die Geschichte der treuen Lucretia, die aus einer Laune und um Rechthaberei willen, vergewaltigt wird und sich, da sie mit dieser Schmach nicht leben kann, umbringt.
Eine schreckliche Geschichte, die Benjamin Britten und sein Librettist Ronald Duncan unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges geschaffen und in einen christologischen Erlösungskontext gestellt haben. Wie kann es beim Leiden Unschuldiger noch Glaube, Liebe und Hoffnung geben?

Die im Jahr 510 v. Chr. spielende Geschichte hat der amerikanische Bariton und Regisseur Dale Duesing für die Oper Frankfurt (in der Spielstätte Bockenheimer Depot) in die Neuzeit versetzt. Das ehemalige Straßenbahndepot besitzt ja schon an sich eine sakrale Atmosphäre. Für diese Inszenierung wurde das Depot zu einer großen amerikanischen Evangelisierungskirche umgewandelt (Bühnenbild: Boris Kudlička). Eine weiße Podiumsfläche mit eleganten Blumenschmuck, Plexiglasrednerpult und mondänen Sesseln als Bühne, Kameraübertragung auf den Seitenwände und auf Flatscreen-Bildschirmen im Zuschauerraum. Das Frontfenster des Depots wurden gar mit kleinen, farbigen Folien versehen und gleicht so einem Kirchenfenster. Ein besänftigendes Orgelspiel aus dem Hintergrund des Zuschauerraums (so als würde wie in einer Kirche auf der Empore hinten im Kirchenschiff die Orgel stehen) steht zu Beginn der Aufführung, während zunächst das Predigerehepaar („der Chor“) mit Bibeln in der Hand erscheint und zum Publikum geht, freundlich Hände schüttelt und kurzweiligen Smalltalk betreibt: moderne Heilsbringer und Wahrheitsverführer unter einem christlichen Deckmantel.
Für die Szene im Haus von Collatinus und Lucretia öffnet sich ein Vorhang und gibt den Blick auf ein Halbrund frei. Ein mondänes Schlafgemach, mit drei Skulpturen an den Wänden, sechs Türen und hinter einem durchsichtigen Vorhang in der Mitte ein Bett. Das viele Weiß der Bühne konterkariert die düstere Geschichte, die vom „Chor“ begleitend erläutert wird. Der „Chor“ besteht lediglich aus zwei Sängern: dem Male Chorus (präzise und virtuos: Peter Marsh) und dem Female Chorus (Anja Fidelia Ulrich). Die Kostüme von Nicky Shaw sind ebenfalls neuzeitlich (mit Armeeuniformen für die römischen Offizieren und farbenfrohen Kleidern für die Damen).

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The Rape of Lucretia
Oper Frankfurt
Prince Tarquinius (Nathaniel Webster) und Lucretia (Claudia Mahnke)
Foto: Barbara Aumüller

Die Oper Frankfurt kann sich glücklich schätzen, ein Publikum zu haben (und/oder es sich erzogen zu haben), dass offen und interessiert ist an den Werken von Benjamin Britten, der hier wie in keinem anderen Opernhaus in Deutschland, selbst mit seinen kleineren und weitestgehend unbekannten Stücken, fortwährend im Spielplan berücksichtigt wird (wenn sich auch die offenen Ohren für Unbekanntes in Grenzen halten und die Ökonomie den Taktstock mitbestimmt, wie die aktuellen Spielplanänderungen hinsichtlich der ursprünglich geplanten Wiederaufnahmen von Tiefland und Volo di notte / Il prigioniro zeigen).
Unter der Leitung von Maurizio Barbacini erweckte das aus lediglich dreizehn Musikern bestehende Instrumentalensemble Brittens besonderen tonmalerischen Klang. Und auch bei dieser kleinen Produktion überzeugten die sängerischen Leistungen. In den kleinen Rollen gefielen die beiden Dienerinnen Bianca (Arlene Rolph) und Lucia (Krenare Gashi) sowie Andrew Ashwin als Junius. Simon Baileys warm timbrierter Bariton verlieh dem Collatinus friedfertige Züge und Nathaniel Webster überzeugte mit markanten Stimmprofil als Prince Tarquinius. Äußerst berührend in ihrer intensiven Darstellung: Claudia Mahnke (die vom Magazin „Opernwelt“ mehrfach als Sängerin des Jahres nominiert wurde) in der Rolle der Lucretia.

Die Oper endet nicht mit Lucretias Suizid, sondern mit einem hoffnungsvollen Ausblick. Im Epilog verkünden die Erzähler die Erlösung durch Christus.
Auch bei dieser dritten Vorstellung: langer und stürmischer Beifall am Ende.

Markus Gründig, März 08

Il Trittico
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 17. Januar 08

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen
 
Es muss nicht immer La Bohème, Tosca oder Madame Butterfly sein. Giaccomo Puccinos „Il Trittico (Das Triptychon) steht zunehmend als Einheit auf den Spielplänen. Im Rhein-Main-Gebiet war Il Trittico zuletzt ab Oktober 05 im Staatstheater Mainz unter der Regie von Anouk Nicklisch zu erleben. Nach über 30 Jahren stehen die unter diesem Titel zusammengefassten drei Einakter Il Tabarro, Suor Angelica und Gianni Schicchi nun in der Oper Frankfurt wieder auf dem Spielplan.
„Il Tabarro“ (Der Mantel) ist von den drei Stücken dasjenige, das am meisten veristische Elemente aufweist. Der italienische Tenor Carlo Ventre erfüllt mit seinem strahlkräftigen Stimme die Rolle des Luigi mustergültig. Fans von impulsiv vorgetragenen Arien kommen bei ihm voll auf ihre Kosten. Eine konträre Darstellung bietet die famose Julia Juon, die in allen drei Stücken eine Rolle innehat. Am eindruckvollsten ist sie als Fürstin in „Suor Angelica“: Wenn Blicke töten könnten, dann schnell in Deckung gehen. Mit minimalen Gesten baut sie als strenge, um das Ansehen der Familie sich sorgende Tante eine Präsenz auf, die selbst manch Stummfilmdiva in den Schatten stellt. Bestens fokussiert ist zudem ihr modulationsreicher Mezzo. Elza van den Heever gibt im klischeehaften roten Kleid eine leidenschaftliche Giorgetta (Il Tabarro“). Juanita Lascarro bezaubert als junge Lauretta (Gianni Schicchi), verzückt an der Reeling ihr „O mio babbino caro“ singend. Der Tenor Massimiliano Pisapia überzeugt in der Rolle des Liebhabers Rinuccio. Ihm obliegt die bekannteste Arie aus Il Trittico „Avete torto!“ (Gianni Schicchi), die er mit packender Impulsivität vermittelt. Früheres Ensemblemitglied und jetzt gefeierter Gaststar, Zeljko Lucic kann sich als Michele (Il tabarro) und Gianni Schicchi vor allem von seiner schauspielerischen Seite präsentieren. Sein hier etwas unterforderter Bariton erfreut aber allemal.
Überraschungssängerin der Produktion ist die junge Angelina Ruzzafante, die aufgrund Erkrankung von Danielle Halbwachs erst wenige Tage vor der Premiere die Rolle der Suor Angelica übernommen hatte. Die Chance von der zweiten in die erste Reihe zu gelangen, nutze sie mit einer anmutigen Darstellung und ihrem jugendlichen, in der Höhe wunderbar aufblühenden, Sopran .
Der Elan des Dirigenten Nicola Luisottis übertrug sich nicht nur bestens auf die Sänger, sondern auch auf das Frankfurter Museumsorchester.
 
Die drei inhaltlich sehr unterschiedlichen Stücke wurden von Puccini allgemein unter Il Trittico zusammengefasst. Für das Inszenierungsteam unter Claus Guth verbindet diese drei Stücke vor allem der Tod, stirbt doch in jedem Stück ein Mensch (oder ist bereits gestorben). Auf geniale Weise wurde der Tod in diese Inszenierung aufgenommen. Nicht als plumper, schwarzer Sensemann, sondern in Form von weiss gekleideten Toten, die die Welt der noch Lebenden beobachten, Verbindungen halten und einzelne mit zu sich nehmen. Mit zeitlupenhaften Bewegungen sind sie wie Geister anwesend. Sie zeugen nicht vom Ende, das mit dem Tod einhergeht. In ihrer weißen Kleidung (Kostüme: Anna Sofie Tuma) veranschaulichen sie, dass nach dem Tod nicht Schluss ist, das da noch irgendetwas auf uns wartet. Statt den Tod zu verbannen, ist er hier Angst nehmend, ein treu sorgender Freund. Ganz besonders berührend ist die Schlussszene von Suor Angelica, wenn sich Suor Angelica nach dem Todestrunk zu dem Kreis der Toten setzt.
Christian Schmidt hat für die drei Stücke ein Bühnenbild entworfen, das jegliches Verismus-Klisché über Bord wirft: die Szenerie bestimmt ein moderner, nobler Luxusdampfer, mit kleinen, klaustrophobisch anmutenden Räumen, die Beengtheit der Protagonisten widerspiegelnd. Die Drehbühne ist bei der fast vierstündigen Aufführung (mit zwei Pausen) ständig im Einsatz. Zusammen mit der Beleuchtung von Olaf Winter entstehen ständig neue Raumeindrücke. Eine toskanische Landschaft gibt es dabei nur auf einem kleinen Bild im Schlafzimmer von Betto di Signa zu sehen.

Die hochdramatischen und sehr emotionalen Werke in Il Trittico sind in der Regie von Claus Guth eine einzige feinsinnige und zeitlose Fabel über die Reise des Lebens, die den Tod als natürliches Element einschließt, so wie es schon im alten Kirchenlied „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangenheißt.

Markus Gründig, Januar 08

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 12. Januar 08 (Premiere)

Alle Macht dem Geld

Das Duo Brecht/Weill ist vor allem durch die „Dreigroschenoper“ bekannt, welche ja keine Oper, sondern ein Theaterstück mit Musik ist. Auch das nur wenige Jahre nach der „Dreigroschenoper“ uraufgeführte Werk „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist keine Oper im klassischen Sinn mehr, schließlich steht Kurt Weill, neben Hindemith und Krenek, für eine rigoros anti-romantisch ausgerichteten Komponistengeneration. Weill hatte sein Ohr stets am Puls der Zeit, Kunst musste für ihn real und aktuell sein (er sah die Oper als „soziologischer Raum“). Verschiedenste Musikstile wurden von ihm zu etwas Neuem zusammen gefügt. Bei den Gesangsstimmen beschränkte er sich auf Ariosi und Rezitative und verzichtete auf Elemente wie Koloraturen und Melismen (damit über der schönen Musik nicht der Text vergessen wird).
Intendant und Regisseur Matthias Fontheim folgt mit der Inszenierung des Staatstheater Mainz dem Weillschen Credo der Aktualität, in dem das Stück den Zuschauer in eine Zeitreise von der Nazi-Zeit bis zur Gegenwart mit nimmt. Passend zur aktuellen Meenzer Fassenacht kommt das ganze als schwungvolle Revue daher, bei der ordentlich gefeiert wird. Das Einheitsbühnenbild von Susanne Maier-Staufen (auch Kostüme) besteht aus einem großen Auge, auf dessen Netzhaut vielfältige Videoprojektionen (Christoph Schödel) begleitend zu sehen sind. Sie reichen von Kriegsfliegern, Menschen auf der Flucht, Wirtschaftswunder, Kaltem Krieg und Einmarsch der Roten Armee (=Taifun), Massendemonstrationen, Mauerfall bis hin zur Werbung und zum Comic. Ein breiter Steg reicht über den Orchestergraben fast bis zum Publikum, so dass die Darsteller dem Publikum ganz nah kommen können. Zentrale Sätze Brechts werden zudem auf einem Gazevorhang reflektiert:  Theater als moralische Anstalt, die epische Form Brechts fortführend. Mit Frivolität wird nicht gegeizt, so schweben zwei Gogo-Girls in Stahlkäfigen herab und die Gäste in Mahagonny treiben es hemmungslos miteinander. Alexander Dölling sorgte für eine warme Ausleuchtung der Szenen, die allerdings oft hart übergehen.


Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Staatstheater Mainz
Jim Mahoney (Kor Jan Dusseljee), Herrenchor
Foto: Martina Pipprich

Als Glücksfall für den Premierenabend erwiesen sich die kurzfristig eingesprungenen Sänger. Timo Päch (anstelle von Ks. Jürgen Rust) gab einen herrlich trockenen Prokuristen Fatty. Kor Jan Dusseljee (anstelle von Alexander Spemann) einen perfekten Jim Mahoney (er verkörperte diese Rolle bereits am Staatstheater Darmstadt und an der Komischen Oper Berlin).Neben seiner gut geführten und kraftvollen Stimme beeindruckte er vor allem darstellerisch mit großer Intensität und ansteckender Spielfreude.
Die Sopranistin Abbie Furmansky steigerte sich im Laufe der Aufführung. Beim Alabama Song noch zurückhaltend und etwas zu brave Hure Jenny, war sie dann bei „Denn wie man sich bettet“ entfesselt. Souverän meisterte Edith Fuhr die Rolle der Leokadja Begbick, mit Charme führte Lukas Piloty als Sprecher durch die Wirrnisse in Mahagonny. Der von Sebastian Hernandez-Laverny einstudierte Chor hatte sichtbaren Spaß, vor allem die Männer hatten ausreichend Gelegenheit zum ausschweifenden Allotria. Für stimmige Auftritte sorgte die Choreographie von Richard Weber. Zu diesem bunten Treiben wurden die Darsteller mit viel Esprit von Catherine Rückwardt und dem (verkleinerten) Philharmonischen Staatsorchester Mainz angestiftet.

Markus Gründig, Januar 08

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