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Besprechungen: Oper (17)

Peter Grimes
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 8. Oktober 17 (Premiere)

 

Die Bodenlosigkeit des Outcast
(Norbert Abels)

Peter Grimes ist zurück in Frankfurt, allerdings nicht in Form einer Wiederaufnahme. Die letzte Neuinszenierung dieser Oper gab es unter der Intendanz von Dr. Martin Steinhoff im Juni 2001 (unter der Musikalischen Leitung von Sian Edwards und in der Regie von David Mouchtar-Samorai, die Titelrolle gab John Treleaven). Unter Intendant Bernd Loebe wurden zwar schon fast alle Bühnenwerke Benjamin Brittens entweder im Opernhaus oder im Bockenheimer Depot gezeigt, bislang jedoch noch kein Peter Grimes. Für die Neuinszenierung kehrte der britische Regisseur Keith Warner zurück, der hier u. a. auch schon Brittens letzte Oper, Death in Venice inszeniert hat.
Peter Grimes ist Brittens erste Oper (der die Operette Paul Bunyan voranging; sie wurde vor einem Jahr im Bockenheimer Depot gespielt.) und entstand in den Jahren 1942 bis 1944. Uraufgeführt wurde sie im zerbombten London am 7. Juni 1945. Das von Benjamin Britten und dem Dramatiker Montagu Slater entwickelte Libretto basiert auf George Crabbes Verserzählung The Borough. Der englische Dichter Crabbe (1754-1832) stammte aus der gleichen, nordöstlich von London, an der englischen Ostküste, gelegenen Grafschaft Suffolk. Crabbes Erzählung handelt von einem rauen Dorfwüstling, der Lehrbuben ermordet hat und von der Meute in den Tod getrieben wird. Bei Britten und Slaters ist die Figur des Peter Grimes nicht nur wesentlich differenzierter angelegt, bei ihnen ist die Schuld am Tod der Lehrbuben nicht erwiesen, das ist der wesentliche Unterschied. Peter Grimes ist anders als die anderen Dorfbewohner und schon das allein macht ihn schon verdächtig. Chefdramaturg Prof. Dr. Norbert Abels veröffentlichte diesen Sommer eine wunderbare Biografie über Benjamin Britten (beim renommierten Musikverlag Boosey & Hawkes). Das Kapitel über die Oper Peter Grimes betitelte er mit „Die Bodenlosigkeit des Outcast“ und trifft damit den Kern der Figur. Der Fischer Peter Grimes, der das Verbrechen (englisch „crime“) gewissermaßen schon im Namen trägt (und im 3. Akt voller Verzweiflung aus sich herausschreit), ist ein Außenseiter, ein Ausgestoßener, der zudem noch innerlich zerrissen ist und den Verdrängtes plagt. Er findet nirgends Halt, weder bei Leuten aus seinem Dorf, selbst nicht bei der ihn liebenden Ellen, noch in der Kirche oder in der Natur. Die Wucht des gegen ihn aufgebrachten Misstrauens, die einer Hexenjagd gleicht, ist er schutzlos ausgeliefert. Um der angefeuerten Wut des Mobs zu entgehen, geht er freiwillig in den Tod.

Peter Grimes
Peter Grimes
Oper Frankfurt
Peter Grimes (Vincent Wolfsteiner)
© Monika Rittershaus

Gibt es auch zahlreiche Bezüge zur Gegenwart, Keith Warner verortet das Stück ganz klassisch an der englischen Ostküste im 19. Jahrhundert. Die Dorfbewohner, deren Lebensunterhalt vom Meer abhängt, tragen dunkle Kleidung, die Damen fast alle schwarz (mitsamt Kopfbedeckung). Etwas Farbe enthalten lediglich die armfreien Kleider der Animierdamen (aufreizend: Sydney Mancasola und Angela Vallone) in Aunties (der Wahrheit ins Gesicht sehend: Jane Henschel) Gasthaus „Zum Eber“ (Kostüme: Jon Morrell).

Die Rauheit der See und die bedrückende Atmosphäre im Küstendorf spiegeln sich auch im schlichten und dennoch großartig wirkenden Bühnenbild von Ashley Martin-Davis wider. Stimmungsvolle abstrakte Landschaften auf Vorhängen im Hintergrund (die bei Bedarf einfach herunterfallen), ansonsten eine wenig ausgeleuchtete (Licht: Olaf Winter) weite Landschaft und als Fixpunkt ein Konstrukt, das hauptsächlich als Mole interpretiert werden kann, als langer Steg vom Festland ins Meer. Hier ist es zunächst eine zum Publikum hin ansteigende Fläche mit Handläufen oben. Später klappt dieses mobile Konstrukt auf und schafft somit einen Raum für die Wirtshausszene. Es steht auch für die geordnete Welt der Dorfgemeinschaft, die Peter Grimes verschlossen ist und die er mit aller Kraft zur Seite zu schieben versucht. Im vorderen Teil ist der Himmel mit Platten bedeckt, aus der sich eine wie eine Tür öffnet. Ein für Peter Grimes unerreichbarer Fluchtpunkt. Für die entscheidende Szene an den Klippen fährt ein großer Stapel Europaletten aus dem Boden hoch, dieser symbolisiert gleichzeitig die Hütte von Peter Grimes. Sein eigentliches Zuhause ist aber ein einfacher Kahn, der die ganze Zeit über präsent ist.

Peter Grimes
Peter Grimes
Oper Frankfurt
Ellen Orford (Sara Jakubiak, Bildmitte) und Bob Boles (AJ Glueckert; rechts) sowie Ensemble
© Monika Rittershaus

In der Titelrolle sorgt Ensemblemitglied Vincent Wolfsteiner für Furore. Der Tenor gibt hier, wie viele andere auch, sein Rollendebüt. Die ohnehin anspruchsvolle Partie füllt er mit seinem lyrischen Timbre und mit einer unter die Haut gehenden Ausdrucksstärke: als sensibler, introvertierter Zweifler, wie als unbeherrschter Kraftstrotz.
Die Witwe und Lehrerin Ellen Orford gibt Sopranistin Sara Jakubiak sehr zart und einfühlsam, bezaubert nicht nur in der „Embroidery“-Arie, bei der sie über den zu Tode gekommenen Jungen sinniert. Bariton Iurii Samoilov bringt sich klangstark als stets gut aufgelegter Apotheker und Quacksalber Ned Keene ein. Neben den weiteren Sängern, James Rutherford als gegenüber Peter Grimes nicht feindlich eingestellter Captain Balstrode, AJ Glueckert als vehementer und trinkfreudiger Methodistenprediger Bob Boles in einer Art Fellmorgenmantel, Clive Bayley als Friedensrichter und Freudenhausbesucher Swallow, Hedwig Fassbaender als opiumsüchtige Sittenwächterin Mrs. „Nabob“ Sedley, Peter Marsh als energischer Reverend Horace Adams, Barnaby Rea als Polizist Hobson und Theodor Landes als Lehrjunge, ist auch der vom Schauspiel Frankfurt bestens bekannte Michael Benthin in der stummen Rolle des Dr. Crabbe zu erleben.

Ein besonderes Erlebnis ist die bestens dargebotene Musik Brittens. Seien es orkanartige Sturmwolken oder der Klang der Brandung, musikalisch sorgt Generalmusikdirektor Sebastian Weigle am Pult des Frankfurter Opern- und Museumorchesters für überaus differenzierte Klangwelten zur akustischen Darstellung der Naturgewalten: Energie pur. Expressive Ausbrüche, schwelgerische Melodik und zart unterlegte Töne zu den Arioso-Gesängen, all dies wird vom Orchester äußerst subtil dargeboten. Ein Bonus für die Zuschauer sind die sechs orchestralen Interludes, die hier szenisch bebildert gegeben werden (und die Britten später eigens als „Four Sea Interludes“ veröffentlichte). Mit Titeln wie „Dämmerung“ oder „Sturm“ weisen sie auf den Charakter der Musik hin. Ob verteilt im weiten Bühnenraum oder frontal an der Rampe, der um den Extrachor verstärkte Chor der Oper Frankfurt als Bewohner der Ortschaft und Fischer rundet das erstklassige Gesamtpaket trefflich ab (Einstudierung: Tilman Michael) und behauptet sich als tragende Kraft inmitten der orchestralen Stürme.

Nachdem sich Peter Grimes final dem Meer zugewandt hat, der letzte Vorhang (Mondlichtstimmung) gefallen ist und Grimes effektvoll im Nebel verschwunden ist, kehrt die bigotte Dorfbevölkerung zurück, froh, ein scheinbares Problem weniger zu haben. Ein imposantes Schlussbild. Sehr starker und lang anhaltender Beifall für alle Beteiligten.

Markus Gründig, September 17

Infos zum Stück

Rinaldo
Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
Besuchte Vorstellung: 22. September 17

 

Seit 2010 zeigen die Flying Steps die Tanzperformance Red Bull Flying Bach zur Musik aus Bachs Sammlung Das Wohltemperierte Klavier. Neben Contemporary Dance zeichnet sich das Programm in erster Linie mit atemberaubenden Breakdance Elementen aus. Die Show wurde weltweit bereits von über einer halben Million Menschen begeistert aufgenommen. Die Neuinszenierung von Georg Friedrich Händels Dramma per musica in drei Akten Rinaldo an der Oper Frankfurt in der Außenspielstätte Bockenheimer Depot knüpft zwar in keiner Weise an Red Bull Flying Bach an, dennoch ist sie ungewöhnlich bewegungsreich und tänzerisch angelegt. Regisseur Ted Huffman, der mit dieser Produktion sein Deutschlanddebüt gibt, und Choreograf Adam Weinert haben hier eine überaus dynamische Rinaldo-Version geschaffen. Neben sechs Sängern sind auch acht Tänzerinnen und Tänzer beteiligt (Sonoko Kamimura, Orla Mc Carthy, Evie Poaros, Natalia Rodina, Nicholas Bruder, Vivien Letarnec, James McGinn, Davon Rainey). Und die Grenzen verlaufen fließend, will heißen, auch die Sänger sind überdurchschnittlich körperlich eingebunden und gefordert.

Rinaldo
Rinaldo
Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
Rinaldo (Jakub Józef Orliński; vorne stehend) und Ensemble
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Mit dem jungen polnischen Countertenor Jakub Józef Orlinski (laut BILD 26 Jahre) in der Titelrolle weist die Produktion einen ganz außerordentlichen Trumpf auf. Er ist nicht nur ein bereits mehrfach ausgezeichneter Sänger, sondern auch ein mehrfach prämierter Breakdancer. Zwar verzichtet er in der Oper auf typische Breakdance Powermoves, doch noch bevor er den ersten Ton erklingen lässt, liefert er sich erst einmal während der Ouvertüre mit einem nicht näher bezeichneten Feind einen Battle, der seine hervorragende körperliche Verfassung belegt. Und schon dieser Battle auf der großen leeren und schrägen Bühnenfläche hat es in sich. Sie wird fast schon poetisch erschlossen. Das sich Auflauern und die Angriffe erfolgen in zur Musik angepassten Tempi und werden durch Freeze Bewegungen ergänzt. Wie selbstverständlich schlägt Orlinski hierbei mehrfach Vorwärts- und Rückwärtssalti: Dass er anschließend noch eine überaus anspruchsvolle und umfangreiche Partie zu singen hat, scheint ihn nicht zu kümmern.

Die eigentlich in und um Jerusalem während der Belagerung im ersten Kreuzzug (um das Jahr 1100) spielende Handlung wurde von Ted Huffmann in eine unbestimmte Zeit ohne Kreuzritter verlegt. Die barfüssig auftretenden Darsteller tragen mehrheitlich ärmellose Westen und kurze Pumphosen (beide silberfarben glänzend und mit Verzierungen). Die gute Almirena ein weißes Kleid wie aus einer Plastikfolie und die böse Zauberin Armida ein schwarzes Paillettenkleid mit abnehmbarem Reifrock aus schwarzen Federn (wobei die Pailletten mit einer besonderen „Zaubereigenschaft“ aufwarten: Gedreht zeigen sie ihre weiße Rückseite und so kann aus Armida schnell Almirena werden, wonach dann auch die Materialart von Almirenas Kleid Sinn ergibt; Kostüme: Raphaela Rose).
Die von Bühnenbildnerin Annemarie Woods eingerichtete überdimensionale Spielfläche ist weitestgehend frei von Kulissen (abgesehen von portablen Bäumen für den Ort der Wonne, taucht nur im 3. Akt geheimnisvoll ein Schiffsbug auf), ist aber stets voller Leben. Zwar gibt es weder ein Stadttor, Meerufer, grauenvoller Berg mit Schloss und Wasserfällen, von Pferden gezogenen Wagen, noch feuerspeiende Drachen. Doch immerhin wie im Libretto von Giacomo Rossi angegeben, eine Meerjungfrau. Mit der szenisch überaus geglückten Einbindung der Tänzer und wenigen, aber effektiv wirkenden theatralen Mitteln (Nebel und farbiges Licht) entstehen fortlaufend überaus beeindruckende Optiken (Licht: Joachim Klein). Einige Symbole haben einen religiösen Bezug. So überlässt die reine Almirena einen roten Apfel der Versuchung einem zur dunklen Macht gehörenden Vogel,ein  Hirsch kann als Symboltier Christi, der das Böse aufdeckt, verstanden werden.

Rinaldo
Rinaldo
Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
liegend Rinaldo ( Jakub Józef Orliński) und Almirena (Karen Vuong) mit Tänzerinnen
sowie rechts oben Armida (Elizabeth Reiter)

© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Die drei Furien sind stumme Rollen, dennoch machen sie mit ihren Beinahe-Glatzen, weiß geschminkten Gesichtern und ihren überaus geschmeidigen, auf allen vieren kriechenden Bewegungen immensen Eindruck. Sie runden Adam Weinerts detailliert Choreografie zu jeder Phrase von Händels Musik bestens ab.

Das sich neben Almirena auch die böse Zauberin Armida in Rinaldo verliebt, ist erst recht kein Wunder, wenn man Countertenor Jakub Józef Orlinski in der Rolle des Rinaldo erlebt. Er singt, trotz seines intensiven körperlichen Einsatzes und seines ausdrucksstarken Spiels, mit elegantem Legato, samtiger Stimmfülle und mit vielen Klangfarben. Ein Höhepunkt ist nach dem Verlust der Geliebten die Arie „Cara sposa, amante cara“. Almirena gibt mit einnehmender Grazie die Sopranistin Karen Vuong. Sie ist, wie die weiteren Sänger, Ensemblemitglied der Oper Frankfurt. Sie bezaubert mit ihrer Suche nach Rinaldo („Augelletti, che cantate“), wie auch mit dem ihr Schicksal beklagenden „Lascia ch'io pianga“. Zusammen bilden Vuong und Orlinski ein bezauberndes Paar, dem man die Liebesglückmomente unter Baumwipfeln nur zu gerne gönnt. Einen imposanten Auftritt mit Höllenfeuer im Hintergrund hat die zürnende Armida der Sopranistin der Elizabeth Reiter. Die dritte Frau ist als solche gar nicht zu erkennen. Mezzosopranistin Julia Dawson ist als christlicher General Goffredo ein alter Greis, mit körperlangem Bart und kaputter Hüfte (der trotz Stöcken nicht aufrecht gehen kann und zum Sitzen gestützt werden muss). Goffredos fürsorglicher und Anteil nehmender Bruder Eustazio ist hier mit dem Bass Daniel Miroslaw besetzt. Bassbariton Brandon Cedel gibt im schwarzen Mantel einen finsteren Argante (König von Jerusalem und Liebhaber Armidas). Simone Di Felice, seit Beginn dieser Spielzeit Kapellmeister, leitet das auf zahlreichen historischen Instrumenten spielende Frankfurter Opern- und Museumsorchester, bei dem besonders die Continuo-Gruppe (Cembalo: Andreas Küppers, Laute: Toshinori Ozaki, Violoncello: Philipp Bosbach, Barockfagott: Barbara Meditz) auf sich aufmerksam macht.

Am Ende tosender, lautstarker Applaus, Getrampel und Standing Ovations. Wer bisher noch keine Karte für eine der verbleibenden Vorstellungen hat, kann nur auf eine Wiederaufnahme in den nächsten Jahren hoffen, denn alle Vorstellungen sind ausverkauft.

Markus Gründig, September 17

Infos zum Stück

Schönerland
Staatstheater Wiesbaden
Besuchte Vorstellung: 16. Septemebr 17 (Uraufführung)

 

Bereits vor drei Jahren gab es erste Gespräche zwischen dem Intendanten Uwe Eric Laufenberg und dem deutsch-dänischen Komponisten Søren Nils Eichberg, im Sommer 2015 wurde an Eichberg dann vom Staatstheater Wiesbaden der Auftrag für eine Opernneukomposition vergeben. Auch wenn die Top 100 Opern die Basis eines jeden Opernbetriebs darstellen, muss die Kunstform Oper auch Neues bringen. Dies bekräftigte Laufenberg bei einem Pressegespräch im Weißen Salon des Staatstheater Wiesbaden unmittelbar vor der Uraufführung von Schönerland, unter Anwesenheit des Komponisten Eichberg, der Librettistin Therese Schmidt und der Regisseurin Johanna Wehner. Dabei ist ihm wichtig, dass das Publikum sich öffnet und die Scheu vor Neuem verliert. Unter den Top-5 ausgewählten Komponisten für die geplante Uraufführung, stand Søren Nils Eichberg an erster Stelle. Er war von 2010 bis 2015 der erste Hauskomponist in der Geschichte des Dänischen Rundfunk-Sinfonie-Orchesters. Im November 2014 wurde Eichbergs Kammeroper Glare („A taut operatic thriller“) an der Londoner Royal Opera Covent Garden uraufgeführt. Hilary Hahns Deutsche-Grammophon-Album „27 Encores“ mit seiner Komposition "Levitation" wurde mit dem amerikanischen GRAMMY-Award ausgezeichnet. Schönerland ist eine zeitgenössische Oper. Aber, wie Eichberg ausführte, keine Newsopera. Das in ihr thematisierte Flüchtlingsthema ist universell und zeitlos, auch wenn es zwischen Auftragsvergabe und Uraufführung ständig die Tagesnachrichten beeinflusste.
Das jegliche Klischees vermeidende deutsche Libretto von Therese Schmidt entstand im engen Austausch mit Søren Nils Eichberg. Und auch noch im Probenprozess wurde es erweitert, als sich herausstellte, welch großartige Stimme die Besetzung die Figur der Stückeschreiberin, Sopranistin Britta Stallmeister (ehemaliges langjähriges Ensemblemitglied der Oper Frankfurt), hat. Für sie wurde die Partie extra erweitert und so zeigt sie eindrucksvoll die tiefe Betroffenheit der Menschen gegenüber derjenigen, die auf der Suche nach einer neuen Heimat und einem neuen Leben sind.

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Schönerland

Staatstheater Wiesbaden
Ensemble
© Karl Monika Forster

In zehn Bildern wird die Geschichte von Flüchtlingen erzählt. Doch nicht nur, und das macht dieses Werk besonders, ihre Schicksale, sondern auch wie deren Geschichte die Empfangenden verändert. Und dabei bleibt es nicht, der Theaterbetrieb selbst wird gleich mit einbezogen. So gibt es neben der bereits erwähnten Stückeschreiberin auch einen Komponisten (ambitioniert: Erik Biegel) und, was nicht alltäglich auf der Bühne ist, die Figur des Intendanten. Der hier vom etwas unterforderten Bariton Thomas de Vries verkörpert wird und der passend zum Haus, als Intendant natürlich einen Schal trägt. Und auch die Schlussworte der Oper, „Vielen Dank, wir melden uns“, spielen auf Sitten und Unsitten im Theaterbetrieb an.

Regisseurin Johanna Wehner bekam zwar erst nach einem Zerwürfnis mit dem ursprünglichen Regisseur das Angebot, diese Uraufführung szenisch zu gestalten. Im Nachhinein zeigten sich aber alle Beteiligten über diese Wahl außerordentlich glücklich. Schönerland ist für sie weniger ein Ort als ein Zustand von Frieden, Freiheit und Sicherheit. Und auf der Suche sind nicht nur diejenigen, die ihre Heimat verlassen haben, für Wehner ist jeder irgendwann ein Suchender.

Entsprechend losgelöst von einem konkreten Ort ist das Bühnenbild von Volker Hintermeier. Auf zwei Ebenen zeigt es unten die karge Welt der Menschen ohne Heimat und oben die Welt der Menschen mit Heimat (aus Container bestehend). Der Weg von unten nach oben (umgekehrt ist gar nicht vorgesehen) ist nicht für jeden zu schaffen, viele werden kurz vor dem Ziel zurückgewiesen oder schaffen es erst gar nicht bis dahin. Alte und gebrechliche Menschen haben schon gar keine Chance zu fliehen. Doch wer trifft die Wahl, wer darf mit ins rettende Boot? Dies ist eine der Fragen, die dieses Werk aufwirft und die Zuschauer auffordert, ihren Denkhorizont zu erweitern oder mit der ironisierenden Zurschaustellung folkloristischer Bräuche in farbenfrohen Kostümen (Kostüme: Miriam Draxl) die eigene Position zu überdenken.

Schönerland
Schönerland

Staatstheater Wiesbaden
Stückeschreiberin (Britta Stallmeister) und Ensemble
© Karl Monika Forster

Die eindringlichste Figur ist die der Saida (Die Glückliche), eine Frau, die auf der Flucht ihre Identität verloren hat. Verkörpert wird sie emotionsstark von der griechischen Sopranistin Eleni Calenos, die hierbei ihr Deutschlanddebüt gibt. Eindringlich ist auch der Vortrag von Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ durch den anonymen Syrer (in einer reinen Sprechrolle sehr präsent: Feras Zarka). Den unerbittlich das Gute festhaltende Dariush gibt mit leichten Pathos Tenor Aaron Cawley. An dieser Ensembleoper sind viele weitere Sänger beteiligt, wie die Mezzosopranistin Romina Boscolo (Aliyah: die Erhabene, Frieden), Bassbariton Florian Küppers (Omid: die Hoffnung) oder Mezzosopranistin Andrea Baker (Kader: das Schicksal). Sie fügen sich mit den weiteren Sängern und dem Chor harmonisch ein. Der Chor hat hier einen großen Anteil und Chorleiter Albert Horne ist zugleich auch der musikalische Leiter bei Schönerland. Durch die intensive Vorbereitung mit den Sängern und dem Orchester ist er mit dem Werk außerordentlich gut vertraut und bringt nicht nur die Sänger, sondern auch die Musiker des Hessischen Staatsorchester Wiesbaden zur Hochform. Dabei ist die vielschichtige Musik Eichbergs zwar modern, aber ansprechend und mit viel rhythmischen Stimmungen. Am Ende sehr viel Applaus für alle Beteiligten.

Markus Gründig, September 17

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Il Trovatore
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 14. September 17

 

Es ist eine Weile her, dass Il Travatore in der Oper Frankfurt gespielt wurde. Die letzte Neuinszenierung feierte im Jahr 2000 Premiere, es inszenierte Antonio Calenda unter der musikalischen Leitung von Paolo Carignani. Jetzt, zum aktuellen Saisonstart, ist Il Travatore in einer Neuinszenierung von David Bösch zu erleben, die in Koproduktion mit dem London Royal Opera House Covent Garden entstand (und dort im Dezember 2016 Premiere feierte). Schon allein, dass dieses weltweit herausragende Haus mit der Oper Frankfurt koproduziert, ehrt nicht nur die Frankfurter Oper, es ist vielmehr ein Beleg für das hohe künstlerische Niveau des Hauses am Willy-Brandt-Platz.
Verdis Il Travatore (Der Troubadour) ist ein wahrer Klassiker, über Maßen beliebt wegen seiner schönen, sich aneinanderreihenden Melodien, mit so bekannten Hits wie „Di quella pira“ oder dem Zigeunerchor („Vedi! Le fosche notturne spoglie“). Gleichwohl ist dies auch eine Krux für eine szenische Umsetzung. Denn primär ging es Verdi beim Troubadour darum, mit leidenschaftlichen Gefühlsentladungen ein Höchstmaß an szenischer Wirkung zu erzielen und nur sekundär um eine klare Logik bei der Handlungsführung. Die klassische Dreiecksgeschichte, zwei Männer (die, wie sich zum Schluss herausstellt, auch noch Brüder sind) begehren die gleiche Frau, ist ein Konflikt, wie er in vielen Opern Verdis vorkommt. Aber insbesonders bei Il Travatore gibt es kaum szenische Handlungen im Sinne einer die Geschehnisse vorantreibenden Erzählung, kaum Charaktere, die sich entwickeln.
Insoweit hat David Bösch, der an der Oper Frankfurt schon erfolgreich Antonio Vivaldis Orlando furioso, Engelbert Humperdincks Königskinder und zuletzt Richard Wagners Der fliegende Holländer inszenierte, eine schöne, poetisch gezeichnete Umsetzung gefunden (die auch nicht das Publikum verstört, sondern begeistert).

IlTrovatore
Il Trovatore

Oper Frankfurt
Azucena (Marianne Cornetti) und Manrico (Piero Pretti)
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Im Programmheft spricht David Bösch im Interview mit der für die dramaturgische Betreuung zuständigen Deborah Einspieler von einem Land von Feuer und Eis, in der er die Handlung angesiedelt hat. Das Bühnenbild von Patrick Bannwart fügt sich zu seinen vorherigen Arbeiten hier (Königskinder und Der fliegende Holländer) gut ein. Alle Szenen spielen in der Nacht, es ist stets dunkel und es herrscht eine winterliche Atmosphäre. Kahle Bäume zieren große Eisblumen, es schneit und nicht nur die Soldaten tragen wärmende Mäntel. Hinzu kommt kontrastierend Feuer als Element des Lebens und des Hoffens stark zur Geltung. Sei es als kleines Lagerfeuer oder als imposant auffahrender Scheiterhaufen oder, wie zum grandiosen Finale, als überdimensionales flammendes Herz. Und ist die Musik auch verführerisch süß, das Land des Grafen Luna ist durch einen auffahrenden Panzer, ausgelegten Stacheldraht und Holzkreuzen für Verstorbene, kriegerisch verortet. Graf Luna übt, ganz zeitgemäß, einen Personenkult auf seine Anhänger aus, denn Panzer und Helme tragen seinen Namen. Doch Bösch belässt es nicht bei der äußeren Kälte: Projektionen im Hintergrund zeichnen Bilder vom Gefühlsleben der Protagonisten. Richtig bunt wird es einzig in der Welt der Zigeuner, die mit wenig materiellen Werten scheinbar die wesentlich glücklicheren Menschen sind. Bizarr ist die Schar der Nonnen, deren Trachten wie eine Kreuzung zwischen Hochzeitskleidern (Bräute Jesu) und Todeskitteln scheinen (Kostüme: Meentje Nielsen).

IlTrovatore
Il Trovatore

Oper Frankfurt
v.l.n.r. Piero Pretti (Manrico), Leonora (Elza van den Heever) und Conte di Luna (Brian Mulligan)
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Zu einem unbedingten Muss für einen Vorstellungsbesuch sorgen die Sänger dieser Premierenserie. Eine starke Sängerleistung zieht sich durch die gesamte Aufführung.  Ensemblemitglied Kihwan Sim nimmt gleich im ersten Akt als abgründiger Ferrando mit seinem kultivierten Bass stark für sich ein. Der US-amerikanische Bariton Brian Mulligan gibt mit geschmeidiger Stimme einen kämpferischen Conte di Luna. Der sardische Tenor Piero Pretti ist mit dieser Produktion zum ersten Mal Gast an der Oper Frankfurt. Er schafft es, aus der Figur des Manrico einen überzeugenden Charakter zu machen und er hat eine schöne wie auch kräftige Stimme. Ensemblemitglied Tanja Ariane Baumgartner konnte krankheitsbedingt in den ersten Aufführungen nicht die Azucena geben. Für sie konnte die Oper Frankfurt kurzfristig die US-amerikanische Mezzosopranistin Marianne Cornetti, die hier erstmals und hoffentlich nicht zum letzten Mal, zu hören war. Sie gilt als eine der führenden Mezzosopranistinnen im Verdi-Repertoire und bewies dies auch dem Frankfurter Publikum. Am eindrucksvollsten ist allerdings Elza van den Heever als Leonora, eine Partie, die derzeit auch Anna Netrebko an der Wiener Staatsoper gibt. Elza van den Heever ist vielen Frankfurtern noch als Ensemblemitglied in guter Erinnerung. So frei und leichtfüßig, wie sie sich auf der Bühne als Leonora bewegt, so befreit singt sie auch die schwere Partie, zeigt dabei eine wunderbar leuchtende Höhe und Stimmstärke in allen Lagen. Hinzu kommt eine immense darstellerische Ausdruckskraft, insbesonders im vierten Akt. Alison King ist Mitglied im Opernstudio, doch schon in der vergangenen Spielzeit konnte sie auf sich aufmerksam machen, beispielsweise als Erste Dame (Die Zauberflöte) oder Musetta (La Bohème). Hier gibt sie souverän Leonoras Zofe Ines.
Der von Tilman Michael einstudierte Chor der Oper Frankfurt gefällt ganz besonders durch sein gelöstes Spiel als Zigeunervolk im 2. Akt. Am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchester steht bei dieser Aufführungsserie der italienische Dirigent Jader Bignamini, der hier bei der konzertanten Aufführung von Verdis Oberto im Februar 2016 sein Deutschlanddebüt gegeben hat (und im November an der New Yorker Metropolitan Opera mit Madame Butterfly debütieren wird). Er agiert mit schönem Gespür für starke Momente und sehr sängerfreundlich. Nach reichlich Zwischenapplaus auch am Ende starker Beifall und großer Jubel.

Markus Gründig, September 17

Infos zum Stück

Saul
Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 27. August 17 (Premiere)

Die im US-amerikanischen Hartford (Conneticut) geborene Lydia Steier zählt zu den angesagtesten jüngeren Opernregisseurinnen. Am Staatstheater Mainz inszenierte sie zuletzt effektvoll Christoph Willibald Glucks Armide. Zuvor, im Januar 2015, die Deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapin Perelà - Uomo di fumo, die bundesweit viel Beachtung erfuhr und für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie "Beste Musiktheaterinszenierung des Jahres" nominiert wurde. Letzteres gelang ihr auch mit der Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oratorium Saul, die sie 2013 für das Oldenburgische Staatstheater erarbeitete. Nach weiteren Aufführungen in Heilbronn und Regensburg ist diese Inszenierung nun auch in Mainz zu sehen und dies zu recht.
Dabei hat dieses Oratorium eine besondere Bedeutung für die Stadt und sein Theater. In 2001, nur drei Tage nach den schrecklichen Anschlägen von 9/11, wurde damit der Mollerbau des Staatstheater Mainz wiedereröffnet (unter der musikalischen Leitung von Catherine Rückwardt, in einer Inszenierung von Georges Delnon und mit Simone Kermes als Merab).

Mit Delnons Inszenierung im schlichten Bühnenbild von Roland Aeschlimann hat Steiers Saul wenig gemein. Um Sauls Untergang zu zeigen, setzt Steier auf überzogene, grelle optische Effekte. Bühnenbildnerin Katharina Schlipf hat ihr einen prunkvollen Saal geschaffen, der barockes Leben pur imitiert und in dessen Hintergrund hoch oben, dem Sonnenkönig Ludwig XIV gleich, König Saul thront. Dieses Bild hat aber mit den neben dem König sitzenden seltsamen Figuren nicht nur von Beginn an Risse, es wird im Laufe der Handlung auch zunehmend dekonstruiert.

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Saul
Staatstheater Mainz
Ensemble
© Andreas Etter

Von Äußerlichkeiten darf sich niemand beeinflussen lassen, weder die Figuren in dem Oratorium, noch die Zuschauer, zu denen Steier eine gedankliche Brücke schlägt. Die Welt ist in einem ständigen Wandel, Könige kommen, Könige gehen. Umso wichtiger ist es, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, das gelingt nicht allen. Schon gar nicht den Figuren in Händels Saul, dessen Libretto von Charles Jennens im Wesentlichen auf der alttestamentarischen Erzählungen aus dem Buch 1. Samuel beruht. Weil König Saul nicht Gottes Rat folgt, eigensinnig und ungehorsam ist, wendet dieser seine Gunst von ihm ab. David, der erfolgreich Goliath geschlagen hat, steigt an seiner statt zum König auf und Saul geht mitsamt seiner Familie zugrunde. Für all das hat Steier drastische Bilder gefunden, die mit den barocken Kostümen von Ursula Kudrna zunächst eine dicke Puderschicht hervorzaubern. Die Dekonstruktion des schönen Scheins beginnt schon während der Ouvertüre. Die Jugend will ihren eigenen Weg gehen und hinterfragt das scheinheilige Getue der Erwachsenen. Neben dem hoch oben thronenden Saul erscheint auch seine Frau mit einem Kind. Beide sind ihrer gesellschaftlichen Position gemäß elegant gekleidet. Dann springt der Junge aus den Armen seiner Mutter, wirft sich seine prachtvolle Robe ab, sodass er schließlich nur in Shorts und T-Shirt dasteht, um sogleich seiner Mutter die Kleider vom Leib zu reißen...
Im ersten Akt ist es dann der hoch auf einem Rappen und in Rüstung unter dem Jubel des Volkes einziehende David, dem Äußerlichkeiten nicht wichtig sind und der nur zu gern auf Helm und Rüstung verzichtet und dessen zurückhaltende Art dem Volk zum Vorbild wird.

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Saul
Staatstheater Mainz
Saul (hinten Mitte: Derrick Ballard), Neid-Figuren (Statisterie), Davic (vorne Mitte: Alin Deleanu)
© Andreas Etter

Mit drei zusätzlichen Neid-Figuren (lustvoll verführerisch und dämonisch: David Krohn, Lászlo Nágy, Léonard Schindler) hat Steier der Erstgeburt der Hölle, dem Neid, Gesichter gegeben. Wie die Neid-Zwitterwesen von ihren Opfern Besitz ergreifen und immer tiefer in ihre Seele vordringen, das wird hier hervorragend bildlich sichtbar.
Heldenbariton Derrick Ballard gibt den Saul erhaben und ausdrucksstark (er hat ihn bereits in Oldenburg gegeben, ist also bestens mit der Rolle vertraut). Wobei nicht nur Saul, sondern auch sein Sohn Jonathan vom Neid zerfressen wird (wenn David und Michal im Separee verschwinden). Drastisch ist Jonathans Ende. Erst wird er vom Pöbel übelst erniedrigt, geschlagen und getreten (wofür bei der Premiere ein Buhruf im Zuschauerraum zu vernehmen war) und dann vom eigenen Vater getötet. Der Tenor Steven Ebel verkörpert den auf den ersten Blick zart besaitet wirkenden Jonathan, der für David weit mehr als nur Begeisterung empfindet, mit großer Standfestigkeit und Emphase, auch wenn er am Ende mit seinen getöteten Geschwistern auf einem Leichenberg, unter einer Europalette aufgetürmt, mit einem Handhubwagen davongefahren wird. Marie-Christine Haase gibt eine treffliche Prinzessin Merab, die vehement ihren Rang verteidigt und auch mit ihren Koloraturen stark für sich einnehmen kann. Mit jugendlicher Frische (Blumenkranz im Haar) und mit lyrischem Sopran trumpft die Michal der Dorin Rahardja auf. Ein Highlight der Aufführung ist mit edlem Stimmmaterial Altus Alin Deleanu als David. Mit großer Innigkeit und Präsenz führt er Händels Melodienreichtum vor. Gleichwohl zeichnet Steier David nicht als unanfechtbaren Heiligen (Michals Liebe erwidert er mit einem Missbrauch). Einen kurzen imposanten Auftritt als gut genährte Hexe von Endor, an deren Brust sich die Neid-Figuren laben, hat Tenor Alexander Spemann, sowie Bass Georg Lickleder als aus dem Totenreich herbeigerufener Samuel.
Bei einem Oratorium und ganz besonders bei Saul, hat der Chor einen herausragenden und großen Anteil. Hier ertönt der von Sebastian Hernandez-Lavernyer einstudierte Chor des Staatstheater Mainz (vom Extrachor verstärkt) zu Beginn und als Letztes und bringt sich auch zwischendurch klangstark und sehr spielfreudig ein (wobei er oftmals frontal zum Publikum positioniert ist, was der Akustik freilich sehr entgegenkommt). Mit viel Enthusiasmus führt der Alte Musik Spezialist Andreas Spering das Philharmonische Staatsorchester Mainz.

Und auch das Schlussbild ist bezeichnend. Während der Chor „Halleluja“ singt und Gott preist, haben die Neid-Figuren bereits ihr nächstes Opfer gefunden: David.
Langer und kräftiger Applaus, auch uneingeschränkt für das Regieteam.

Markus Gründig, September 17

Infos zum Stück

Die Entführung aus dem Serail
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 27. August 17 (Wiederaufnahmepremiere, 53. Aufführung)

 

Noch bevor Verdis Il trovatore (eine Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden London) die neue Spielzeit offiziell eröffnet, begann jetzt der Spielbetrieb an der Oper Frankfurt mit der Wiederaufnahme von Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail. Das ist ein Klassiker im Opernrepertoire, der auch in Frankfurt regelmäßig gespielt wird. Seit 2003 in der Erfolgsinszenierung von Christof Loy, die in Koproduktion mit dem Opernhaus Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel entstand und die auch auf DVD erhältlich ist (mit Diana Damrau als Constanze). Dabei beschränkt sich das Bühnenbild und die Kostüme von Herbert Murauer auf das Nötigste, spielt nur sehr lose mit Bezügen zum Osmanischen Reich.

Den hohen Stellenwert von Mozarts Die Entführung aus dem Serail wird auch dadurch deutlich, dass diese Wiederaufnahmeserie vom Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle höchst persönlich geleitet wird (alternierend mit Kapellmeister Nikolai Petersen). Zum Ende der Spielzeit 2016/2017 war Weigle von der New Yorker Metropolitan Opera zum Dirigat für Aufführungen von Beethovens Fidelio und Strauss´ Der Rosenkavalier eingeladen worden. Mit diesem künstlerischen Erfolg im Nacken und mit der zurückliegenden Sommerpause führte er frisch gestärkt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester zu einem spritzigen, lebhaften und die starken Emotionen der Figuren untermauerten Spiel an.

Die Entführung aus dem Serail
Die Entführung aus dem Serail
Oper Frankfurt
 v.l.n.r. Pedrillo (Michael Porter), Belmonte (Thomas Blondelle), Blonde (Gloria Rehm) und Konstanze (Irina Simmes)
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Viele Neubesetzungen gibt es bei dieser Aufführungsserie. Einzig der Schauspieler Christoph Quest ist von der Premierenserie 2003/2004 noch dabei. Die Sprechrolle des Bassa Selim ist ihm sehr vertraut, dennoch vermeidet er Routine und gibt ihn mit großer Würde. Für sein finales Urteil über die Gefangenen, sein Appell an die Humanität der Menschen, gab es bei der besuchten Wiederaufnahmepremiere einen Zwischenapplaus (den es, an anderen Stellen, auch für die Sänger gab).

Drei der fünf Sänger geben bei dieser Produktion ihr Hausdebüt. Die junge Gast-Sopranistin Irina Simmes, Ensemblemitglied des Theater Heidelberg, überzeugt mit ihren höhensicheren Koloraturen und zeichnet das Portrait einer eleganten, sehr gefassten, konzentriert wirkenden Konstanze (schön innig bei „Martern aller Arten“). Stark für sich einnehmen kann mit lyrischer Emphase der Tenor Thomas Blondelle, Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, als ihr Geliebter, der Edelmann Belmonte (wie bei der Arie „Ich baue ganz auf deine Stärke“). Dies trifft noch mehr auf die famose Zofe Bonde der Gloria Rehm, Ensemblemitglied des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, zu, die diese Rolle mit großer Hingabe und Leichtigkeit spielt und singt (hervorragend ihre Arie zur Ablehnung von Osmins „Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln“).

Die Entführung aus dem Serail
Die Entführung aus dem Serail
Oper Frankfurt
Osmin (Andreas Bauer) und Blonde (Gloria Rehm)
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Beim jungen Ensemblemitglied Michael Porter fällt nicht nur positiv auf, wie gut und deutlich der gebürtige US-Amerikaner inzwischen Deutsch spricht. Bei seinem Rollendebüt als Belmonts Bedienter Pedrillo gibt er sich souverän und mit hoher darstellerischer Präsenz (Arie „Frisch zum Kampfe, frisch zum Streite“). Die stärksten Sympathien, gemessen am Schlussapplaus, fallen dem Bass Andreas Bauer für seine Verkörperung des Aufsehers Osmin zu. Die Typveränderung durch abrasierte Kopfhaare und Dreitagebart, lassen ihn nicht nur kaum wiedererkennen, scheinbar hat sie auch enorm auf sein Auftreten und seine Stimme Einfluss genommen (vollends überzeugend die Arie „Solche hergelaufne Laffen“). Er gibt einen kernigeren und doch liebenswerten Osmin, den man sich besser kaum vorstellen kann. Großartig auch die Szene zu Beginn des 2. Aufzugs zwischen Osmin und Bonde, wo es für jeden spürbar zwischen ihnen knistert (Duett „Ich gehe, doch rate ich dir“). Und gar köstlich die Wein-Szene mit Osmin und Pedrillo (Duett: „Vivat Bacchus! Bacchus lebe!“).
Im Laufe der Aufführungsserie werden die Singrollen alternierend besetzt. Der von Tilman Michael einstudierte Chor ist bei seinen beiden kurzen Auftritten sehr präsent.

Am Ende der kurzweiligen dreieinhalbstündigen Aufführung viel und starker Applaus.

Markus Gründig, August 17

Infos zum Stück

Carmen
Bregenzer Festspiele
Besuchte Vorstellung: 19.  Juli 17 (Premiere)

 

„Die Liebe ist ein Zigeunerkind,
hat niemals Gesetzte gekannt;
wenn du mich nicht liebst,
liebe ich dich,
wenn ich dich liebe,
nimm dich in Acht!...“

aus Bizets Carmen

Georges Bizet Carmen zählt zu den populärsten Opern weltweit. Kein Wunder, dass sie nun bereits zum dritten Mal bei den Bregenzer Festspielen gespielt wird. Neben der populären Musik von Georges Bizet (wie Carmens „Sequidilla“ und "Habanera", Don Josés "La fleur que tu m'avais jetée" und Escamillos "Votre toast, je peux vous le rendre") übt die Titelfigur eine ungeheure Faszination aus. Carmen ist viel mehr als eine klassische Femme fatal: eine vielschichtige, selbstbewusste Frau, die noch immer die Massen begeistert.
Schon vor der Premiere konnten die Bregenzer Festspiele vermerken, dass alle Carmen-Vorstellungen in 2017 ausverkauft sind. Von dem Stück profitieren nicht nur die Bregenzer Festspiele, die Stadt Bregenz und ihre Geschäftswelt (die das Carmen-Thema mit zahlreichen Schaufensterdekorationen vielfältig aufgegriffen hat), sondern auch die Tourismusregion Vorarlberg und der gesamte Bodenseekreis. "Die Bregenzer Festspiele sind ein Fixstern am österreichischen Kulturfirmament. Jahr für Jahr ist dieses musikalische Großereignis ein Anziehungspunkt für Musikbegeisterte aus aller Welt", sagte der österreichische Kunst- und Kulturminister Thomas Drozda bei der Eröffnungsveranstaltung der Bregenzer Festspiele 2017.


Carmen
Bregenzer Festspiele
Carmen (Gaëlle Arquez) und Ensemble
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Schon im Vorfeld sorgte das spektakuläre Bühnenbild mit seinen in die Luft geworfenen Spielkarten und zwei großen Händen für Aufsehen. Dafür verantwortlich zeichnet die britische Szenografin Es Devlin. Sie entwirft nicht nur weltweit Bühnenbilder für die bedeutendsten Theater- und Opernhäuser, sondern auch für Künstler wie Kanye West, Lady Gaga, Beyoncé, Rolling Stones, Adele und viele mehr. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London gestaltete sie die Abschlussfeier. Für die Bregenzer Carmen ist ihr Hauptthema ein Kartenspiel, wie es im 3. Akt vorkommt, erweitert auf ein Spiel um Liebe und Verrat. Verbildlicht wird es hier durch 59 Spielkarten, die sowohl in die Luft geworfen so etwas wie eine Rückwand ("Flying Cards“, mit jeweils einer Fläche von rund 30m²) bilden, wie auch der Boden aus zahlreichen übereinander geworfenen Spielkarten ("Beach Cards“ und den versenkbaren "Mesh-Cards“) besteht. Zunächst wirken sie mit ihren orientalisch anmutenden Mustern schlicht. Zumal sie absichtlich mit Farbe und Rissen auf gebraucht getrimmt wurden. Im Laufe des Spiels werden sie zunehmend zu Projektionsflächen, auf denen Videos gespielt werden. Sechs überaus leistungsstarke Beamer sorgen vom Festspielhaus für außerordentlich beeindruckende Optiken, denn die Karten scheinen sich wie von selbst zu drehen oder zeigen,   akkurat berechnet, live Porträts der Protagonisten oder Handlungsorte (Video: Luke Halls). Es ist das erste Mal, das bei den Bregenzer Festspielen Projektionen im großen Stil und über die gesamte Dauer der Vorstellung zum Einsatz kommen. Wobei sich niemand vor einer Videoflut fürchten muss, sie sind sehr dezent in den Handlungsablauf eingebunden. Umsäumt sind die Karten von zwei 18 bzw. 21 Meter hohen Frauenhänden (die rund 30 Meter entfernt stehen und den Originalhänden von Es Devlin nachempfunden sind). Auch sie sind nicht auf „perfekt“ gestylt, zeigen mit abgesplittertem Nagellack und Schmutz ganz bewusst, dass Carmen eine Frau der Arbeiterschicht ist. Die Größe der Bühne und der Spielkarten wird ganz besonders im dritten Akt deutlich, wenn sechs Stuntman (Wired Aerial Theatre, Stuntchoreografie: Ran Arthur Braun) auf den „Berggipfeln“ erscheinen und wie Figuren im Miniaturland wirken.


Carmen
Bregenzer Festspiele
Ensemble
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Seit vielen Jahren bewährt hat sich das innovative Soundsystem „Bregenz Open Acoustics“ der Bregenzer Festspiele, das mittels Richtungsmischer und hunderten von Lautsprechern, eine akustische Raumsimulation ermöglicht. Wo also jeweils ein Sänger gerade steht, lässt sich auch gut erhören. Selbst bei den harten Bedingungen wie sie am Premierenabend herrschten, mit lang anhaltendem und starkem Regen, bietet es einen beeindruckendes Klangerlebnis in der Weite des Raums. Nicht nur durch den Einsatz von Pyrotechnik gibt es wunderschöne Optiken, das Licht von Bruno Poet passt sich perfekt den Spielszenen und der Videoprojektionen an.
Diese Carmen-Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk, an dem auch der dänische Regisseur Kasper Holten einen großen Anteil hat. Mit den farbenfrohen Kostümen der dänischen Kostümbildnerin Anja Vang Kragh ist das Geschehen in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs, ins Spanien der 1920er und 1930er Jahre verortet. Dabei bezieht Holten den Bodensee mehrfach mit ein. Da sich die vorderen Spielkarten in den See versenken lassen, finden mehrere Szenen effektvoll im seichten Wasser statt, später kommt Esscamillo singend auf einem Boot angefahren und Don José ertränkt Carmen im See. Der herausragendste Moment ist allerdings, wenn Carmen (allerdings gedoubelt), in voller Montur, mit einem beherzten Sprung ins Wasser vor den Soldaten flieht und galant davon schwimmt.


Carmen
Bregenzer Festspiele
Ensemble
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Denn neben den Hauptdarstellern, Tänzern und Statisten (Choreografie: Signe Fabricius) und den Stuntman sind auch drei Chöre an jeder Aufführung beteiligt. Zu Beginn kann der von Wolfgang Schwendinger einstudierte Kinderchor der Musikmittelschule Bregenz-Stadt für sich einnehmen, später kommen der Prager Philharmonische Chor (Einstudierung Lukáš Vasilek, zugespielt aus dem Festspielhaus) und der Bregenzer Festspielchor (Einstudierung: Benjamin Lack) hinzu. Paolo Carignani sorgt am Pult der ebenfalls im Festspielhaus spielenden Wiener Symphoniker mit viel Temperament für einen feurigen und leidenschaftlichen Carmen-Ton.

Bei dem der Premierenvorstellung sich anschließenden Künstlerempfang bedankte sich die Intendantin Elisabeth Sobotka ganz besonders bei allen auf der Bühne Beteiligten. Denn: Ist Wasser auch ein zentraler Bestandteil der Inszenierung, soviel wie davon während der Vorstellung vom Himmel strömte, bedurfte es aber nicht. Fast 90 der 120 minütigen Aufführung über regnete es stark, doch alle Darsteller zeigten sich für die 7000 Zuschauer davon unbeeindruckt und spielten und sangen, als wäre es eine laue Sommernacht in Sevilla.
Allen voran die französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez in der Titelrolle. Sie verbindet das Bild einer klassischen Carmen mit modernen Zügen und spielt und singt ausdrucksstark, voller Esprit und Sinnlichkeit. Mit intensivem Spiel überzeugt auch der schwedische Tenor Daniel Johansson in der Figur des zwischen leidenschaftlichem Schwärmen und Melancholie zerrissenen Serganten Don José. Dabei zeigt er sich stimmlich umso stabiler. Der US-amerikanische Bariton Scott Hendricks gibt mit passend dunkel gefärbter Stimme und agiler Stimmführung einen siegessicheren Torero Escamillo. Mit expressiven Tönen, teils von hoch oben gesungen, glänzt die Micaëla der russischen Sopranistin Elena Tsallagova.

In weiteren Rollen dabei: Jana Baumeister (Frasquita), Marion Lebègue (Mercédès), Sébastien Soulès (Zuniga), Rafael Fingerlos (Moralès), Simeon Esper (Remendado) und Dariusz Perczak (Dancaïro). In Anbetracht der 28 Vorstellungen innerhalb der Festspielzeit sind die meisten Rollen mehrfach besetzt.

Nach dem dramatischen Ende gab es starken Applaus für diese publikumsfreundliche Inszenierung.

Markus Gründig, Juli 17

Im Festspielprogramm wird auch mutig der Themenkomplex Flucht und Exodus aufgegriffen. "Die Kunst wendet sich nicht ab, sie schaut hin. Sie greift damit eine der großen Fragen unserer Zeit auf", um noch einmal den österreichischen Kunst- und Kulturminister Thomas Drozda von der Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2017 zu zitieren. So gibt es im Festspielhaus Gioachino Rossinis Moses in Ägypten in einer Inszenierung  von Lotte de Heer in Zusammenarbeit mit dem Theaterkollektiv Hotel Modern zu sehen, die Uraufführung von Zesses Seglias To the Lighthouse durch das Opernatelier, Mozarts Die Hochzeit des Figaro im Voralbergtheater mit dem Opernstudio und zahlreiche Konzerte und Sonderveranstaltungen. Der Vorverkauf für das im kommenden Jahr erneut gezeigte Spiel auf dem See Carmen startet am Abend des 20. August 2017 (dem letzten Festspieltag der diesjährigen Saison).

Infos zum Stück

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