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Besprechungen: Oper (17)

Carmen
Bregenzer Festspiele
Besuchte Vorstellung: 19.  Juli 17 (Premiere)

 

„Die Liebe ist ein Zigeunerkind,
hat niemals Gesetzte gekannt;
wenn du mich nicht liebst,
liebe ich dich,
wenn ich dich liebe,
nimm dich in Acht!...“

aus Bizets Carmen

Georges Bizet Carmen zählt zu den populärsten Opern weltweit. Kein Wunder, dass sie nun bereits zum dritten Mal bei den Bregenzer Festspielen gespielt wird. Neben der populären Musik von Georges Bizet (wie Carmens „Sequidilla“ und "Habanera", Don Josés "La fleur que tu m'avais jetée" und Escamillos "Votre toast, je peux vous le rendre") übt die Titelfigur eine ungeheure Faszination aus. Carmen ist viel mehr als eine klassische Femme fatal: eine vielschichtige, selbstbewusste Frau, die noch immer die Massen begeistert.
Schon vor der Premiere konnten die Bregenzer Festspiele vermerken, dass alle Carmen-Vorstellungen in 2017 ausverkauft sind. Von dem Stück profitieren nicht nur die Bregenzer Festspiele, die Stadt Bregenz und ihre Geschäftswelt (die das Carmen-Thema mit zahlreichen Schaufensterdekorationen vielfältig aufgegriffen hat), sondern auch die Tourismusregion Vorarlberg und der gesamte Bodenseekreis. "Die Bregenzer Festspiele sind ein Fixstern am österreichischen Kulturfirmament. Jahr für Jahr ist dieses musikalische Großereignis ein Anziehungspunkt für Musikbegeisterte aus aller Welt", sagte der österreichische Kunst- und Kulturminister Thomas Drozda bei der Eröffnungsveranstaltung der Bregenzer Festspiele 2017.


Carmen
Bregenzer Festspiele
Carmen (Gaëlle Arquez) und Ensemble
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Schon im Vorfeld sorgte das spektakuläre Bühnenbild mit seinen in die Luft geworfenen Spielkarten und zwei großen Händen für Aufsehen. Dafür verantwortlich zeichnet die britische Szenografin Es Devlin. Sie entwirft nicht nur weltweit Bühnenbilder für die bedeutendsten Theater- und Opernhäuser, sondern auch für Künstler wie Kanye West, Lady Gaga, Beyoncé, Rolling Stones, Adele und viele mehr. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London gestaltete sie die Abschlussfeier. Für die Bregenzer Carmen ist ihr Hauptthema ein Kartenspiel, wie es im 3. Akt vorkommt, erweitert auf ein Spiel um Liebe und Verrat. Verbildlicht wird es hier durch 59 Spielkarten, die sowohl in die Luft geworfen so etwas wie eine Rückwand ("Flying Cards“, mit jeweils einer Fläche von rund 30m²) bilden, wie auch der Boden aus zahlreichen übereinander geworfenen Spielkarten ("Beach Cards“ und den versenkbaren "Mesh-Cards“) besteht. Zunächst wirken sie mit ihren orientalisch anmutenden Mustern schlicht. Zumal sie absichtlich mit Farbe und Rissen auf gebraucht getrimmt wurden. Im Laufe des Spiels werden sie zunehmend zu Projektionsflächen, auf denen Videos gespielt werden. Sechs überaus leistungsstarke Beamer sorgen vom Festspielhaus für außerordentlich beeindruckende Optiken, denn die Karten scheinen sich wie von selbst zu drehen oder zeigen,   akkurat berechnet, live Porträts der Protagonisten oder Handlungsorte (Video: Luke Halls). Es ist das erste Mal, das bei den Bregenzer Festspielen Projektionen im großen Stil und über die gesamte Dauer der Vorstellung zum Einsatz kommen. Wobei sich niemand vor einer Videoflut fürchten muss, sie sind sehr dezent in den Handlungsablauf eingebunden. Umsäumt sind die Karten von zwei 18 bzw. 21 Meter hohen Frauenhänden (die rund 30 Meter entfernt stehen und den Originalhänden von Es Devlin nachempfunden sind). Auch sie sind nicht auf „perfekt“ gestylt, zeigen mit abgesplittertem Nagellack und Schmutz ganz bewusst, dass Carmen eine Frau der Arbeiterschicht ist. Die Größe der Bühne und der Spielkarten wird ganz besonders im dritten Akt deutlich, wenn sechs Stuntman (Wired Aerial Theatre, Stuntchoreografie: Ran Arthur Braun) auf den „Berggipfeln“ erscheinen und wie Figuren im Miniaturland wirken.


Carmen
Bregenzer Festspiele
Ensemble
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Seit vielen Jahren bewährt hat sich das innovative Soundsystem „Bregenz Open Acoustics“ der Bregenzer Festspiele, das mittels Richtungsmischer und hunderten von Lautsprechern, eine akustische Raumsimulation ermöglicht. Wo also jeweils ein Sänger gerade steht, lässt sich auch gut erhören. Selbst bei den harten Bedingungen wie sie am Premierenabend herrschten, mit lang anhaltendem und starkem Regen, bietet es einen beeindruckendes Klangerlebnis in der Weite des Raums. Nicht nur durch den Einsatz von Pyrotechnik gibt es wunderschöne Optiken, das Licht von Bruno Poet passt sich perfekt den Spielszenen und der Videoprojektionen an.
Diese Carmen-Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk, an dem auch der dänische Regisseur Kasper Holten einen großen Anteil hat. Mit den farbenfrohen Kostümen der dänischen Kostümbildnerin Anja Vang Kragh ist das Geschehen in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs, ins Spanien der 1920er und 1930er Jahre verortet. Dabei bezieht Holten den Bodensee mehrfach mit ein. Da sich die vorderen Spielkarten in den See versenken lassen, finden mehrere Szenen effektvoll im seichten Wasser statt, später kommt Esscamillo singend auf einem Boot angefahren und Don José ertränkt Carmen im See. Der herausragendste Moment ist allerdings, wenn Carmen (allerdings gedoubelt), in voller Montur, mit einem beherzten Sprung ins Wasser vor den Soldaten flieht und galant davon schwimmt.


Carmen
Bregenzer Festspiele
Ensemble
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Denn neben den Hauptdarstellern, Tänzern und Statisten (Choreografie: Signe Fabricius) und den Stuntman sind auch drei Chöre an jeder Aufführung beteiligt. Zu Beginn kann der von Wolfgang Schwendinger einstudierte Kinderchor der Musikmittelschule Bregenz-Stadt für sich einnehmen, später kommen der Prager Philharmonische Chor (Einstudierung Lukáš Vasilek, zugespielt aus dem Festspielhaus) und der Bregenzer Festspielchor (Einstudierung: Benjamin Lack) hinzu. Paolo Carignani sorgt am Pult der ebenfalls im Festspielhaus spielenden Wiener Symphoniker mit viel Temperament für einen feurigen und leidenschaftlichen Carmen-Ton.

Bei dem der Premierenvorstellung sich anschließenden Künstlerempfang bedankte sich die Intendantin Elisabeth Sobotka ganz besonders bei allen auf der Bühne Beteiligten. Denn: Ist Wasser auch ein zentraler Bestandteil der Inszenierung, soviel wie davon während der Vorstellung vom Himmel strömte, bedurfte es aber nicht. Fast 90 der 120 minütigen Aufführung über regnete es stark, doch alle Darsteller zeigten sich für die 7000 Zuschauer davon unbeeindruckt und spielten und sangen, als wäre es eine laue Sommernacht in Sevilla.
Allen voran die französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez in der Titelrolle. Sie verbindet das Bild einer klassischen Carmen mit modernen Zügen und spielt und singt ausdrucksstark, voller Esprit und Sinnlichkeit. Mit intensivem Spiel überzeugt auch der schwedische Tenor Daniel Johansson in der Figur des zwischen leidenschaftlichem Schwärmen und Melancholie zerrissenen Serganten Don José. Dabei zeigt er sich stimmlich umso stabiler. Der US-amerikanische Bariton Scott Hendricks gibt mit passend dunkel gefärbter Stimme und agiler Stimmführung einen siegessicheren Torero Escamillo. Mit expressiven Tönen, teils von hoch oben gesungen, glänzt die Micaëla der russischen Sopranistin Elena Tsallagova.

In weiteren Rollen dabei: Jana Baumeister (Frasquita), Marion Lebègue (Mercédès), Sébastien Soulès (Zuniga), Rafael Fingerlos (Moralès), Simeon Esper (Remendado) und Dariusz Perczak (Dancaïro). In Anbetracht der 28 Vorstellungen innerhalb der Festspielzeit sind die meisten Rollen mehrfach besetzt.

Nach dem dramatischen Ende gab es starken Applaus für diese publikumsfreundliche Inszenierung.

Markus Gründig, Juli 17

Im Festspielprogramm wird auch mutig der Themenkomplex Flucht und Exodus aufgegriffen. "Die Kunst wendet sich nicht ab, sie schaut hin. Sie greift damit eine der großen Fragen unserer Zeit auf", um noch einmal den österreichischen Kunst- und Kulturminister Thomas Drozda von der Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2017 zu zitieren. So gibt es im Festspielhaus Gioachino Rossinis Moses in Ägypten in einer Inszenierung  von Lotte de Heer in Zusammenarbeit mit dem Theaterkollektiv Hotel Modern zu sehen, die Uraufführung von Zesses Seglias To the Lighthouse durch das Opernatelier, Mozarts Die Hochzeit des Figaro im Voralbergtheater mit dem Opernstudio und zahlreiche Konzerte und Sonderveranstaltungen. Der Vorverkauf für das im kommenden Jahr erneut gezeigte Spiel auf dem See Carmen startet am Abend des 20. August 2017 (dem letzten Festspieltag der diesjährigen Saison).

Infos zum Stück

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