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Besprechungen: Klassik & Moderne (7)

Stéphane Degout (Bariton) und Simon Lepper (Klavier)
Oper Frankfurt, 20. Mai 14

„Ich will nicht arbeiten, ich will rauchen“

Er kam, sang, und siegte. Dabei war er noch nicht einmal groß angekündigt worden. Denn ursprünglich sollte an diesem Abend das Paar Annette Dasch und Daniel Schmutzhard einen Liederabend geben. Aufgrund der Schwangerschaft von Frau Dasch wurde dieser Liederabend aber schon vor Monaten um ein Jahr verschoben. Als Ersatz war der renommierte Baß Michael Volle vorgesehen, doch musste dieser krankheitsbedingt kurzfristig absagen.
Intendant Bernd Loebe führte vor Beginn in einer kurzen Einführung aus, dass er zwar schon lange an Stéphane Degout, „dem besten französischen Bariton der Gegenwart“, „dran“ gewesen sei, es aber bei der langfristigen Planung bisher nicht geklappt hätte. Nun dafür aber kurzfristig, ein glücklicher Umstand.

Davon profitierte nicht nur die Oper Frankfurt, sondern in erster Linie das treue und begeisterte Liederabendpublikum. Der Enddreißiger Stéphane Degout überzeugte von Beginn an durch sein souveränes Auftreten, mit einer starken Präsenz und einer für einen Liederabend nötigen ruhigen Ausstrahlung. Trotz zum Teil sehr unterschiedlicher Lieder erklang bei ihm alles rund, wie aus einem Guss. Ein stimmiger Vortrag (zudem mit einem akzentfreien Deutsch und vollständig ohne Notenpult).


Liederabend Stéphane Degout

Oper Frankfurt
Simon Lepper, Stéphane Degout
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Beim letzten Liederabend mit Franz-Josef Selig ging es thematisch tief in den romantischen Schmerz hinein, bis hin zum Tod. Letzterer war auch zentrales Thema in Degouts erster Programmhälfte. Allerdings nicht so sehr auf der emotionalen Leidensebene, sondern mehr auf der narrativen. Er begann mit Franz Schuberts makabrer und selten gegebener Ballade „Der Zwerg“. Ein Werk, das dem „Erlkönig“ durchaus ebenbürtig ist. Hier ist es ein Zwerg, der die angebetete Königin, trotz brennenden Verlangens nach ihr, ertränkt, weil sie ihn für den König verlassen hat.
Carl Loewes „Edward“ Wechselrede zwischen einem Sohn, der von der Mutter dazu getrieben wurde, den Vater zu erschlagen, ist nicht minder brutal. Degout präsentierte dieses Lied mit viel Gestik und Mimik und mit arienhaften Zügen als ein packendes Drama.

Eine Seltenheit stellte zweifelsohne Kurt Weills „Die Ballade vom ertrunkenen Mädchen“ dar, von Degout sehr lyrisch gesungen, ohne einen Tonfall, wie man ihn sonst von singenden Schauspielern her kennt. Franz Liszts „Die drei Zigeuner“ macht zuerst einen friedlicheren Eindruck, doch sind auch diese über das Dasein philosophierenden in gewisser Weise lebensmüde. Die Musik freilich spricht beim Portrait dieser drei Figuren mit ihren fröhlichen Anklängen an Csardas, synkopischen Rhythmen und Zymbals eine andere Sprache. Simon Lepper am Klavier konnte hierbei ganz besonders seine Fähigkeiten als Begleiter und als Pianist unter Beweis stellen (er hat eine Professorenstelle für Liedbegleitung am Royal College of Music inne). Beim darauf folgenden Lied „Der Feuerreiter“ (von Hugo Wolf) spielte er voller Leidenschaft teils lauter, als Degout sang.
Schon zur Pause gab es sehr viel Applaus und die beiden mussten dreimal zum Bedanken vortreten.

Nach diesem sehr deutschen Blick auf romantische Erzählungen folgte im zweiten Teil ein französischer Blick auf die Romantik. Hier stand der Komponist Gabriel Fauré im Mittelpunkt. Seine Lieder haben nicht die Tiefe und Schwere wie bei Schubert oder Schumann. Sie bestechen durch das Elegische, Träumerische in harmonischer Kantabilität. Faurés „Automne“ ist ein gern gesungenes Herbstlied, mit zarter Melancholie.

Franz Liszts „Drei Sonette von Francesco Petrarca“ entstanden nach dessen Italienreise im Jahr 1838. Sie führen von innig erhalten („Pace non trovo“) über pathetisch-leidenschaftlich und arios aufblühend („Benedetto sia ‚l giorno“) zu schwärmerisch verklärt („I´vidi in terra angelici costumi“). Letzteres heißt im übersetzten Titel „So sah ich denn auf Erden Engelsfrieden und Glanz“ und dies Lied bildete einen passenden, friedlichen Programmabschluss.

Den Unterschied zwischen deutscher und französischer Romantikinterpretation fasste Degout zwischen seinen beiden Zugaben schön in Worte. Wo der Deutsche gerne leidet und dabei seine Ruhe haben will (Hugo Wolfs berühmtes, wehmütiges „Verborgenheit“), sagt der Franzose einfach: „Ich will nicht arbeiten, ich will rauchen“ (Francis Poulenc: „Hotel“).

Am Ende noch mehr Applaus für den „Retter des Abends“, Stéphane Degout und seinen Klavierbegleiter Simon Lepper.

Markus Gründig, Mai 14

Liederabend Franz-Josef Selig (Bass) und Gerold Huber (Klavier)
Oper Frankfurt, 6. Mai 14

Wo zum Saisonauftakt der Liederabendreihe der britische Bass Sir John Tomlinson zunächst noch einen recht legeren Abend präsentierte, griff jetzt der deutsche Bass Franz-Josef Selig in die Vollen. Er bot einen brillanten, einzigartigen Abend, angefüllt mit Gesängen um das Thema Tod und traf damit mitten in das Herz eines jeden Romantikfans. Ihm reichten drei Komponisten: Franz Schubert, Hugo Wolf und Modest Mussorgski. Mit den ersten beiden wechselte er sich in der Liedfolge ab, der russische Komponist stand am Schluss seines Programms.
Franz-Josef Selig bestach mit einer außergewöhnlichen Singkultur, modulationsreicher Stimme, vorbildlicher Diktion und einer ansprechenden dezenten Präsentation, ohne die Spannung außer acht zu lassen.
Auch wenn die Lieder stets das Thema Tod behandelten, bot er sie gestaltungssicher in ungewöhnlich vielen Klangfarben dar. Dazu mit ausgereifter Pianokultur Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ (ein finales Wiegenlied des „Knochenmanns“, der ein junges Mädchen zu sich holt) oder darauf folgend im aufbrausenden Fortissimo Schuberts „An den Tod“. Mit einem kraftvoll aufschwingenden Ende wartete „Harfenspieler III“ („Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) auf. Feinste Nuancen bot Selig bei „Prometheus“, einem die Grenze der Liedform auslotenden Werk (mehr Sprechgesang als Kantilenen). 


Liederabend Franz-Josef Selig
Oper Frankfurt
Gerold Huber, Franz-Josef Selig
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Einen Höhepunkt bildeten Hugo Wolfs „Michelangelo-Gesänge“, bei denen insbesondere das dritte „Fühlt meine Seele das ersehnte Licht“ mit seiner modern anmutenden Klavierbegleitung auffiel. Dabei blieb die Stimmung zwischen Jenseitsstreben und irdischen Erinnerungen schön in der Schwebe.

Modest Mussorgskis Schaffen im Lied wird gar als Vollendung gewürdigt, zudem ist er mehr als nur der Komponist von „Bilder einer Ausstellung“oder „Chowanschtschina“. Seine vier balladesken „Lieder und Tänze des Todes“ gelten als Meisterwerk. Bei diesen verband er eine romantische, melancholische Grundstimmung famos mit russischer Folklore und Kolorit. Selig sang die vier Lieder auf Russisch, dabei bildete „Der Feldherr“ einen würdigen Abschluss.

Begleitet wurde Selig gewissenhaft vom renommierten Pianisten Gerold Huber, der hier schon oft sein versiertes Können unter Beweis gestellt hat (bei Größen wie Christian Gerhaher, Christiane Karg oder Michael Nagy).

Nach so vielen Gesängen des Todes eine passende Zugabe zu finden ist nicht einfach, Franz-Josef Selig fand mit Franz Schuberts „Wanderers Nachtlied I“ („Der du von dem Himmel bist…“) dann doch eine überaus geeignete. Viel Applaus für den erfahrenen Liedinterpreten Franz-Josef Selig.

Markus Gründig, Mai 14

Liederabend Daniel Behle (Tenor) und Sveinung Bjelland (Klavier)
Oper Frankfurt, 4. März 14

Im April wird ihn ein Millionenpublikum erleben können. Am 12. April 14 überträgt 3sat Richard Strauss´ Oper „Arabella“ live von den Salzburger Osterfestspielen. Der lyrische Tenor Daniel Behle wird bei dieser Neuproduktion unter der Regie von Florentine Klepper die Rolle des Matteo verkörpern, an der Seite von Renée Fleming und Thomas Hampson und unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann. Jetzt war er aber erst einmal erneut bei einem Liederabend zu erleben, an dem Haus, dem er einst als Ensemblemitglied angehörte und wo er im September 2011 schon einmal einen Liederabend gestaltete (und an dem er zudem derzeit in Strauss´ „Daphne“ als Leukippos zu erleben ist).
Schon bei seinem Liederabend 2011 widmete sich Daniel Behle Schuberts Liedzyklus „Die schöne Müllerin“, damals allerdings nur den ersten sieben Liedern. Jetzt präsentierte er, wie Klaus Florian Vogt im November 2011, den kompletten Zyklus. Dabei gelang Behle ein ergreifender und stimmiger Vortrag mit unzähligen musikalischen Höhepunkten.

„Die schöne Müllerin“ ist ein attraktiver Titel für einen Liedzyklus, doch Kenner wissen, der Schein trügt. Der froh gelaunte Müllerbursche („Das Wandern ist des Müllers Lust“), der sich in die Tochter des Müllers verliebt, begeht am Ende einen Suizid. Dennoch ist der Zyklus populär: wegen der genialen Vertonung durch Franz Schubert, die das Gefühl der Romantik mustergültig verdeutlicht, und wegen der Texte von Wilhelm Müller, die mit dem zeitlosen Thema unerfüllter Liebe auch heute noch dem Zuhörer aus der Seele sprechen. Und so war der Liederabend trotz herrlichen Frühlingssonnenscheinwetters und der Fastnacht sehr gut besucht.


Liederabend Daniel Behle

Oper Frankfurt
Sveinung Bjelland, Daniel Behle
© Wolfgang Runkel  ~ www.wolfgang-runkel.de

Bereits in 2010 erschien eine CD von Behle mit „Die schöne Müllerin“, er ist also bestens mit dem Zyklus vertraut. Bei seinem zweiten Liederabend an der Oper Frankfurt präsentierte er sich sehr souverän und machte mit seinem anthrazitfarbenen Gehrock (mit dünnen Brokatmustern) über einem schwarzen Anzug schon optisch viel her, wirkte er doch fast wie in einer Rolle (die er in diesem Fall ja auch tatsächlich verkörperte). Die rechte Hand ruhte meist fest am Klavier und mit dem Rest seines Körpers wusste er geschickt die unterschiedliche Gefühlsklaviatur dezent zu unterstreichen. Das reichte von verhaltenen Bewegungen bis hin zu emotionalen Ausbrüchen, stets im Einklang mit dem gesungenen Text.

Behle, der gerne mit Fritz Wunderlich verglichen wird, besticht mit einer ungemein warmen Tenorstimme, die gerade für den Liedgesang prädestinierte Klangfarben aufweist. Dadurch war es ihm möglich, selbst ein so bekanntes Lied, wie das am Beginn stehende „Das Wandern ist des Müllers Lust“, mit neuem Leben zu füllen. Variantenreich ging es mit „Wohin“ weiter, so dass man auch als Zuhörer gleich ganz berauscht ob des grandiosen Vortrags und seiner Phrasierungskunst war. Ein erster Höhepunkte war „Am Feierabend“, ein leidenschaftliches, exaltiertes Lied, das Behle zunächst mit angespannter Erregung sang, um dann zu einer treffenden Wehmut zu finden. Ein großes Maß an Intimität zeigte er beim darauf folgenden „Der Neugierige“ und gar stürmische Leidenschaft bei „Ungeduld“.
Herausragend gestaltete er auch „Pause“, mit trefflich bangem Ende. Sein dunkles Timbre und seine tenorale Strahlkraft bewies er u.a. bei „Eifersucht und Stolz“.
Zum Schluß gab es noch zwei weitere Höhepunkte, die innig gestalteten „Der Müller und der Bach“ und „Des Baches Wiegenlied“. Hätte die schöne Müllerin Daniel Behles grandios stimmigen Vortrag gehört, hätte sie sich sicher nicht für den Jäger entschieden, sondern für ihn.

Der norwegische Pianist Sveinung Bjelland ist seit vielen Jahren Behles Klavierbegleiter. Er stellte sich ganz in den Dienst von Behle, ließ aber auch das Mühlenrad und den Bach lebhaft ertönen. Das begeisterte Publikum entließ die beiden erst nach drei Zugaben. Bei diesen wiederholte Behle die Lieder Nr. 1 („Das Wandern“), 7 („Ungeduld“) und 5 („Am Feierabend“) und präsentierte diese jetzt mit noch mehr Verve.

Markus Gründig, März 14

Soiree des Opernstudios
Oper Frankfurt (Holzfoyer)
Dienstag, 11. Februar 14

„Schläft ein Lied in allen Dingen…“

Es war die erste Soiree im neuen Jahr und gleichzeitig die letzte in der laufenden Saison: Die hier besprochene Soiree des Opernstudios der Oper Frankfurt. Die sieben derzeitigen Stipendiaten der Oper Frankfurt stellten sich unter dem Programmtitel „Schläft ein Lied in allen Dingen…“ dem zahlreich erschienenen Publikum im Holzfoyer der Oper Frankfurt.
Dabei präsentierten sie insgesamt 24 Lieder, die auf die vier Jahreszeiten aufgeteilt waren und im ersten Teil vom Sommer und dem Herbst handelten, im zweiten dann vom Winter und dem Frühling. Trotz vieler verschiedener Komponisten (wie u.a. den klassischen deutschen Liedkomponisten Felix Mendelssohn, Robert Schumann, Richard Strauss und Hugo Wolf und ausländischen wie Hector Berlioz, Gabriel Fauré, Nikolai Rimski-Korsakow und moderne wie Julij Mejtus, Yuri Shaporin) war es ein klug zusammengestelltes Programm, dass in sich sehr geschlossen wirkte. Die Lieder wurden überwiegend in der Originalsprache gesungen und von der Korrepetitorin Sun Suh am Klavier souverän begleitet (sie sorgte auch für die Einstudierung).


Die Stipendiaten des Opernstudios der Spielzeit 2013/14

Oper Frankfurt
v.l.n.r. Natascha Djikanovic (Sopran), Iurii Samoilov (Bariton), Kateryna Kasper (Sopran), Michael Porter (Tenor),
Maria Pantiukhova (Mezzosopran), Nora Friedrichs (Sopran) und Marta Herman (Mezzosopran)
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich die Sängerinnen wesentlich besser und souveräner präsentierten als die Sänger. Dafür boten die Sänger die harmonischere Gesangsleistung ohne übermäßig ins Forte zu kommen, wie es die Sängerinnen gerne taten. Wobei eine Soiree ja kein Kampf der Geschlechter ist, sondern vor allem eine hervorragende Gelegenheit für die Nachwuchssänger, Erfahrungen zu sammeln. Und manches geht gemeinsam besser. So gelangen die Duette ganz besonders schön. Insbesondere Mendelssohns stimmungsvolles „Herbstlied“ trugen Marta Herman und Kateryna Kasper bravourös und harmonisch vor, zweifelsohne das Highlight des Abends.
Eröffnet hatte den Abend Marta Herman mit Hector Berliozs „Villanelle Nr.1“. Die kanadische Mezzosopranistin Marta Herman ist seit der vergangenen Saison Mitglied im Opernstudio, genauso wie die ukrainische Sopranistin Kateryna Kasper. Beide konnten schon einiges an Bühnenerfahrung sammeln und so wirkten sie in ihrer Darstellung, wie auch gesanglich, angenehm ausgewogen. Dabei gefiel vor allem Hermann mit Wolfs „Agnes“ und Kasper mit Schumanns kurzem und ruhigem „Schneeglöckchen“.
Ihnen dicht auf den Fersen ist die aus Hamburg stammende Sopranistin Nora Friedrichs. Bei Mendelssohns „Herbstlied“ neigte sie für eine, in Anbetracht des Anlasses, zu starken Dramatisierung und forcierte unnötig, bot jedoch eine starke darstellerische Präsenz. Sehr schön gelang ihr Wolfs „Er ist´s“.
Die russische Mezzosopranistin Maria Pantiukhova präsentierte sich selbstbewusst, manchmal sang sie sehr arienhaft (wie bei Anton Rubinsteins „Nacht“). Bei der serbischen Sopranistin Natascha Djikanovic könnte man von der Optik denken, sie sei die kleine Schwester von Anna Netrebko. Auch von der Stimme her gab sie sich stark, neigte aber zum Forcieren (wie bei Rimski-Korsakows „Sommernachtstraum“), wodurch der Vortrag nicht so stark berührte. Besser gelang ihr Rachmaninows „April“ und schließlich das den Abend beendende dramatischere „Frühlingsfluten“ (ebenfalls von Rachmaninow).

Die beiden Herren präsentierten sich zunächst beide sehr zurückhaltend, fast schüchtern. Der junge amerikanische Tenor Michael Porter sang Gabriel Faurés „Herbstlied“ voller Hingabe und wundervoll zart, aber doch etwas in sich gekehrt. Wesentlich befreiter, ja sogar leidenschaftlich („geht doch“) gab er sich dann bei Roger Quilters „Blow, blow thou winter wind“ und Reynaldo Hahns „Der Frühling“. Keine Frage, ein viel versprechender Nachwuchssänger. Der ukrainische Bariton Iurii Samoilov zählt dagegen zu den alten Hasen, ist er doch auch schon seit der Spielzeit 2012/2013 Stipendiat des Opernstudios. Von der Gestik und Mimik wirkte er beim Duett mit Nora Friedrichs („Sommerruh“) zwar noch zurückhaltend, doch konnte er dann bei seinen vier Sologesängen mit seiner markanten Stimme voll überzeugen. Besonders schön gelungen Georgi Swiridows „Verschneite Strasse“ und am besten  Pjotr Tschaikowskis „Es war Frühling“, bei dem er zeigte, dass er auch lächeln kann (und Lachen befreit, was sich dann ja auch wieder auf die Stimme positiv auswirkt).

Ein eindrucksvoller Abend, allein ob der gebotenen Vielfalt. Die Reihe „Soiree des Opernstudios“ wird auch in der kommenden Saison 2014/15 fortgesetzt.

Markus Gründig, Februar 14

Liederabend Johannes Martin Kränzle (Bariton), Hilko Dumno (Klavier)
Oper Frankfurt, 4. Februar14

Juwelen

An Schuberts Liedzyklus Die Winterreise kommt kaum ein Sänger vorbei. Auch gibt es von keinem anderen Liedzyklus so viele Aufnahmen wie von diesem. Das war schon in der Vergangenheit so und hat auch heute noch Bestand (so erscheint in der nächsten Woche eine Aufnahme mit Jonas Kaufmann, der im März und April diesen Zyklus auch live in Genf, Berlin und Graz singen wird). Auch als Thema für Liederabende ist Die Winterreise populär. An der Oper Frankfurt präsentierten sie zuletzt José Van Dam (im Okt. 2005) und Alice Coote (im März 2008).
Somit
war es längst wieder Zeit, sie erneut zu präsentieren. Auf die einsame Wanderschaft begab sich hierfür das langjährige Ensemblemitglied Johannes Martin Kränzle. Der gebürtige Augsburger ist inzwischen auch international ein gefeierter Bariton, u.a. mit Auftritten an der New Yorker Met, bei den Salzburger Festspielen und den Opernhäusern in Mailand, Madrid und Tokio.
Mit Schuberts Winterreise ist der gerne auch als Liedsänger tätige Kränzle seit langem vertraut. So war er im Februar 2004 bei der szenischen Umsetzung von und mit Udo Samel an der Oper Frankfurt beteiligt. Hinzu kommt Kränzles große Bühnenerfahrung mit mehr als 100 Rollen. So gelang ihm ein außergewöhnlich brillanter Vortrag dieses Zyklus´. Er präsentierte ihn auf seine ganz eigene Art, sehr lebendig, farb- und nuancenreich. Kein Lied klang wie das andere, aus jedem formte er einen Juwel, Schubert hätte sicher seine Freude daran gehabt.


Liederabend Johannes Martin Kränzle

Oper Frankfurt
Hilko Dumno, Johannes Martin Kränzle
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Schon beim ersten Lied „Gute Nacht“ (Fremd bin ich eingezogen) bot er eine fesselnde Intensität, obwohl er sich gestisch sehr zurücknahm und die meiste Zeit über einen festen Stand hatte. Dazu brillierte er im Ausdruck von Mimik und Stimme. Schon das betonte, rollende „r“ in „Fremd“ in Verbindung mit seiner tiefen Baritonstimme verlieh dem Ganzen eine dunkle Farbe. Von der anfänglichen guten Laune war am Ende des ersten Liedes nichts mehr zu spüren, die freudige Erinnerung an die vergangene Liebe wich einer zaghaften Melancholie. Wobei der Zyklus ja gerade wegen seiner Schwermütigkeit so beliebt ist. Das kostete Kränzle wunderbar aus, dennoch setzte er, wo es passte, schöne Farbtupfer. Und schon beim zweiten Lied („Die Wetterfahne“) war er voller Emotionalität und Lebendigkeit. Mit stolz gehobener Brust präsentierte er „Der Lindenbaum“ (Am Brunnen vor dem Tore), hier wurde deutlich, dass er vor allem in den tiefen Tönen zuhause ist.
Die hohe Kunst seines Phrasierungsvermögens wurde bei „Frühlingstraum“ deutlich, wo er frohgemut, verzagt und schließlich träumerisch bis hin zu verstört die Schubertsche Stimmung als Meisterstudie präsentierte.
Dank seiner Mimik war die „Krähe“ nicht nur zu hören, sondern fast wie zum Greifen nah vor den Augen. Bei den letzten Liedern des Zyklus schwenkte Kränzle auf eine treffende Besonnenheit um. Das langsam gesungene und im Fortissimo endende „Das Wirtshaus“ ging fast nahtlos in „Mut“ über, ein letztes vehementes Aufbäumen gegen das bevorstehende traurige Ende.

Mit Hilko Dumno hatte Kränzle einen Klavierbegleiter, der seinen emotionalen, jugendlichen wie draufgängerischen Stil bestens unterstützte (schön zu hören bei „Der stürmische Morgen“).

Das zahlreich erschienene Publikum hörte äußerst konzentriert zu. Applaus gab es erst am Ende, dafür aber stürmisch und lang anhaltend. Mit einer Zugabe zögerte Kränzle, schließlich passe kaum nach der Winterreise eigentlich kein Lied. Dennoch fand er eins, ein ganz bezauberndes sogar: Schuberts „Der Wanderer“.
An der Oper Frankfurt wird Johannes Martin Kränzle als nächstes den schwarzen Geiger in Delius´ Romeo und Julia geben.

Markus Gründig, Februar 14

Liederabend Mojca Erdmann (Sopran ), Malcolm Martineau (Klavier)
Oper Frankfurt, 14. Januar 14

Eins Plus mit Sternchen

Im Sommer wird die international gefeierte Sopranistin Mojca Erdmann bei der Neuproduktion der Salzburger Festspiele von Richard Strauss´ „Der Rosenkavalier“ die Sophie geben (unter der Regie von Harry Kupfer und der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst). Im März ist sie in dieser Rolle auch an der Bayerischen Staatsoper in München zu erleben. Jetzt, zum Jahresanfang, war die gebürtige Hamburgerin mit einem Liedprogramm auf kleiner Tour unterwegs. Nach dem Auftakt in Strassburg (Opéra national du Rhin) und Station in Graz (Musikverein) beendete sie diese Tour mit ihrem Debüt an der Oper Frankfurt.

Üblicherweise stehen bei einem Liederabend in der Oper Frankfurt die Sänger auf dem abgedeckten Orchestergraben. Dies war auch beim Liederabend von Mojca Erdmann so, allerdings war die eigentliche Bühne diesmal nicht durch einen Vorhang abgegrenzt, sondern von einem perspektivisch verzerrten viereckigen Raum, der farblich perfekt mit Erdmanns elegantem, schulterfreiem Abendkleid harmonierte (bei dem Raumelement handelte es sich um ein Teil des Bühnenbilds der Werther-Inszenierung, die am Tag nach Erdmanns Liederabend Wiederaufnahme hatte).


Liederabend Mojca Erdmann
Oper Frankfurt
Malcolm Martineau, Mojca Erdmann
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Für ihren Liederabend wählte Erdmann eine anspruchsvolle Auswahl von bekannten wie unbekannten Liedern aus drei Jahrhunderten. Von Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Felix Mendelssohn, Robert Schumann, vor allem aber von Richard Strauss, dessen 150. Geburtstag in 2014 gedacht wird. Dazu Gegenwärtiges von Aribert Reimann (dessen „Gespenstersonate“ noch im Januar  im Bockenheimer Depot Premiere hat) und von Wolfgang Rihm. Die auf den ersten Blick recht heterogen wirkenden Lieder (beispielsweise Schuberts „Heidenröslein“ <-> Rihms Zyklus „Ophelia sings“) handelten zunächst von Blumen, Liebe und vom Liebesschmerz, später dominierte thematisch die Nacht, das Sterben und schließlich der Wunsch, in andere Sphären zu entschweben. Dennoch wirkte das Programm schön abgerundet, keine Spur von Heterogenität.

Als Zuschauer und Zuhörer entschwebte man schon bei den ersten Tönen von Mojca Erdmann in glückselige Sphären. Allein durch ihre äußere, schlichte Präsentation zog sie das Publikum in ihren Bann. Souverän, erhaben, aber nicht blasiert, ganz in sich ruhend und doch hochkonzentriert, auf jeden Ton achtend und dennoch entspannt wirkend. Trotz des geringen Einsatzes von Mimik und Gestik zeigte sie eine enorme Ausstrahlung. Dazu paßt freilich, dass bei ihr jeder Ton saß und sie die Töne leicht, leidenschaftlich und vor allem farbenreich erklingen ließ. Dafür mag man ihr gerne eine „Eins Plus mit Sternchen“ geben.


Liederabend Mojca Erdmann
Oper Frankfurt
Malcolm Martineau, Mojca Erdmann
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Die Hälfte der gewählten Strauß-Lieder („Die Verschwiegenen“, „Die Zeitlose“, „Die Nacht“ und „Allerseelen“) stammen aus seinem Opus 10, das er als 18-jähriger komponierte. Faszinierend, wie Ermann selbst einem Volkslied wie dem „Heidenröslein“ Format und Klasse zu geben vermag: anfangs mit einer lebhaften, später mit einer bekümmerten, anteilsvollen Umsetzung. Wunderbar friedlich gelang die feierlich-ruhige Weise „Litanei“ von Franz Schubert.
Höhepunkt des Programms waren die Lieder von Rihm und Reimann. Bei Rihms kleinem Zyklus „Ophelia sings“ brachte sich ihr Klavierbegleiter, der Grandseigneur der Klavierbegleiter Malcolm Martineau, mit kurzen Zwischenrufen auch vokal mit ein. Ansonsten untermalte er Erdmanns Vortrag souverän, auf gewohnt sehr hohem Niveau.
Aribert Reimann stand zu Beginn und Ende des zweiten Teils. Erdmann sang die beiden atonalen und virtuosen Lieder „Helena“ und „Kluge Sterne“ a capella. Sie stammen aus seinem Liedzyklus „Ollea“, der als Auftragswerk des Festivals "Alpenklassik" im August 2006 in Bad Reichenhall uraufgeführt wurde. Schon damals sang Mojca Erdmann diese Lieder, die Reimann, der üblicherweise bei seinen Kompositionen die Uraufführungssänger im Focus hat, speziell auf ihre Stimme hin komponiert. Auch bei diesen Liedern wird Reimans großes Talent deutlich, Stimmungen in Klangfarben effektvoll mit großen Intervallsprüngen und dennoch intim wirkend, umzusetzen. Zumal Mojca Erdmann diese mitunter sperrigen Töne in ein geschlossen wirkendes Ganzes brillant umsetzte, dabei die zartesten Töne noch hörbar gestaltete und betörend hohe Töne erreichte.

Schon zur Pause gab es lang anhaltenden, starken Beifall, am Ende erst recht. Mojca Erdman bedankte sich wiederum mit drei Zugaben (Mozarts „Abendempfindung“, Strauss´ „Ständchen“ und „Morgen!“) beim begeisterten Publikum in der Oper Frankfurt.

Markus Gründig, Januar 14

Liederabend Max Emanuel Cencic, Megumi Otsuka (Klavier)
Oper Frankfurt, 17. Dezember 13

(…) Ausdrucksstark mit dramatischen Facetten, bester Koloraturgeläufigkeit und stupendem Höhenpotenzial versehen, beendete der Künstler den Mozart-Block mit der Farnace-Arie „Venga pur“ aus Mitritade.
(…)
Individuell, souverän, koloraturgewandt, ganz auf lange Bögen und musikalischer Linie erklang sodann O patria aus „Tancredi“. Mit Bravorufen und stürmischem Applaus huldigte das Publikum den Künstlern und wurde wiederum mit Il segreto per esser felici aus „Lucrezia Borgia“ (Donizetti) sowie dem Orlofsky-Couplet aus der unverwüstlichen „Fledermaus“ (Johann Strauß) bedankt. (…).
Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu


Liederabend Max Emanuel Cencic
Oper Frankfurt
Megumi Otsuka, Max Emanuel Cencic
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

(…) Mit Arien aus den Mozart-Opern Ascanio in Alba und Mitridate, re di Ponto war der Sänger (...) bereits innig bei sich.
(…)
Vielleicht gelangen nach der Pause auch deshalb die Arien aus Gioacchino Rossinis La donna del lago und Tancredi so trefflich, die Cencics Stimme gelegentlich erscheinen ließen wie einen sehr hohen Tenor. Auch lockten sie endgültig den Opernbühnendarsteller hervor (…) und stimmlich eine lyrische Süße jenseits aller Virtuosität.
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Megumi Otsuka am Klavier hatte die bei den Arien undankbare Aufgabe, gänzlich unspektakuläre Begleitparts zu bewältigen. Sie präsentierte ihr Können mit Mozarts hübschem Rondo KV 485 und der originellen Sonate Nr. 40 von Josph Haydn.Viel Beifall!
Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


Der Countertenor, jüngst als Kaiser in Glucks „Ezio“ zu erleben, zeigte dazu gestisch und mimisch lebendig sein Bühnentalent, sanglich aber auch seine Fähigkeit zum feinen Piano.
(…)
In den drei ausgewählten Arien aus Rossinis erster Schaffensperiode traf Cencic dann mit hoher Legato-Kultur die reduktiv komponierten, langsamen Abschnitte in weichem Ton besonders gut.
Guido Holze, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wegen Urlaub ausnahmsweise nur Auszüge aus dem Pressespiegel (statt eigener Besprechung).

Liederabend mit Sara Mingardo (Alt), Giorgio Dal Monte (Cembalo/Klavier), Ivano Zanenghi (Theorbe)
Oper Frankfurt, 5. November 13

Zum Sterben schön

Manchmal versprechen große bzw. bekannte Namen einen tollen Liederabend. Die Realität ist dann mitunter etwas ernüchternd. Schön ist, wenn der umgekehrt Fall eintritt. Wie jetzt beim Liederabend der gebürtigen Venezianerin Sara Mingardo. In Fachkreisen gilt die Altistin zwar als „das italienische Gesicht eines rar gewordenen Stimmfaches“ (wie es im Programmheft heißt), doch schon ihre große Liebe, die Alte Musik, nimmt im Musikleben eher eine Randstellung ein. Und so ist ihr Name hier noch nicht so präsent. Mit einer faszinierenden Auswahl von Liedern der Alten Musik beschenkte sie jetzt das Frankfurter Liederabendpublikum: Ein Ausnahme-Abend, ja eine kleine musikalische Sternstunde.
Die am Conservatorio Santa Cecilia in Rom tätige Professorin für Barockgesang wählte dabei Komponisten, die hier größtenteils unbekannt sind. Wie Andrea Falconieri oder Giovanni Salvatore. Dabei spannte ihr Programm einen zeitlichen Rahmen von den Ursprüngen der Oper bis zur Gegenwart. Naja, nicht ganz, nur bis Vincenzo Bellini, aber von den Hörgewohnheiten war sie mit Bellini bei bekannten Mustern angelangt und somit wie in der Gegenwart.

Die Alte Musik ist eng mit der sogenannten Monodie verbunden. Hier mit der italienischen Monodie, die Ende des 16. Jahrhunderts im Kreis der Florentiner Camerata entstanden ist. Ein für die Oper gedachter Sologesang mit ruhigen instrumentalen Stützakkorden. Anders als die Liedentwicklung in Deutschland, wo das Lied in der Klassik und Romantik sich durch die Verschmelzung von Text und Musik zu kleinen Gesamtkunstwerken hin entwickelte, blieb das italienische Kunstlied bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner einfachen Form erhalten. Die italienischen Komponisten sahen sich nicht als Interpreten der Dichter. Die Gesangsstimme behielt den unbedingten Vorrang.

Auf dem Agenturbild von Sara Mingardo, das auf dem Programmdeckblatt abgedruckt wurde, wirkt diese freundlich und besonnen. In Wirklichkeit macht sie einen noch viel sympathischeren Eindruck: Sehr herzlich, offen wirkend, glücklich in sich ruhend. Und diese äußere Form spiegelte sich auch authentisch und wunderbar in ihrer Stimme mit balsamischen Timbre, die von beeindruckenden Tiefen bis zu engelsähnlichen Höhen reicht. Dabei zeigte sie ein Höchstmaß an ausdrucksstarker Kantabilität und vermittelte tiefe Gefühle voller Zartheit, zum Sterben schön.


Liederabend Sara Mingardo (Alt), Giorgio Dal Monte (Cembalo/Klavier), Ivano Zanenghi (Theorbe)
Oper Frankfurt
Giorgio Dal Monte, Sara Mingardo, Ivano Zanenghi
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Bei der ersten Liedgruppe wurde Mingardo nur mit einer Theorbe begleitet. Highlight hier war Giovanni Salvatores „Allor che Tirsi udia“ (Als Tirsis hörte“), ein graziler Wechselgesang zwischen kurzen Rezitativen und Arien, zu dem sich zur anfänglichen Theorbe das Cembalo gesellte. Gefühlsvolle Lieder, wie Claudio Montiverdis „Si dolce è´l tormento („So süß ist die Qual“), wechselten mit aufblühenden und dramatisches Format annehmenden Lieder, wie Montiverdis „Il lamento di Arianna“ („Ariannes Klage“).

Im Teil nach der Pause zeugten die gewählten Lieder von der weiteren musikalischen Entwicklung, hin zum Opernhaften. Von Niccolò Piccini, der nicht nur als Komponist sondern auch als Instrumentenbauer wirkte (er war Wegbereiter für die Theorbe), trug Mingardo „Se il ciel mi divide“ („Wenn der Himmel mich trennt“) vor. Ein Lied, das schon deutliche ariose Färbung aufweist und wofür sie starken Zwischenapplaus erhielt. Diesem Lied folgte Vincenzo Bellini (bekannt durch „Norma“, „I puritani“ und „La sonnambula“). Sein „Quando incise su quel marmo“ („Als die Treulose auf diesem Marmor“) präsentierte sie zum Abschluss ihres Programms als ein Juwel und kleines Drama.

Was über Mingardos sympathisch wie souveränen Vortragsstil hinaus zu erwähnen ist, sind ihre musikalischen Begleiter bei diesem Programm. Mit dem Barock-Spezialisten Ivano Zanenghi an der Theorbe und Giorgio Dal Monte am Cembalo und Klavier. Beide untermalten Mingardos farbenreiche Stimme wie liebevoll umsorgend. Ein sehr harmonisch wirkendes Trio. Schön war auch, dass jeder von Ihnen auch ein Soli spielen konnte.

Als Zugabe gab es Tarquinio Merulas „Folle è ben che si crede“ aus dem Jahr 1638. Viel Applaus für einen außergewöhnlich gelungenen und stimmigen Liederabend, für eine Sängerin, deren Leidenschaft für Alte Musik durch ihren zurückhaltend, gleichsam souveränen und einfach perfekten Vortragsstil, ungemein ansteckend war.

Markus Gründig, November 13

Liederabend mit Sir John Tomlinson (Bass), David Owen Norris (Klavier)
Oper Frankfurt, 24. September 13

Es gibt wohl keinen Saal auf der Welt, den Sir John Tomlinson nicht mit seiner Stimme füllen kann. Der Ausnahmebass singt an den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Allein bei den Bayreuther Festspielen sang er in 18 aufeinanderfolgenden Jahren. In 2011 gab er sein Frankfurt-Debüt in Pizzettis „Murder in the Cathedral“.
Nun gestaltete er den ersten Liederabend der Saison 2013/2014 an der Oper Frankfurt. Hierfür diente ihm der italienische Maler, Bildhauer und Architekt Michelangelo (sein bekanntestes Werk: die Deckenbemalung der Sixtinischen Kapelle im Vatikan) als Programmführer. Denn dieser war auch noch ein eifriger Lyriker. Über 300 Gedichte hat er geschrieben. Und Komponisten wie Benjamin Britten, Hugo Wolf und Dimitri Schostakowitsch dienten diese Gedichte als Vorlage für Liedvertonungen. John Tomlinson präsentierte nun Lieder dieser drei Komponisten aus dem 20. und dem 21. Jahrhundert. Er sang somit in drei Sprachen. In seiner englischen Muttersprache sang er dann erst „endlich“ (Tomlinson) bei den beiden Zugaben.

Dieser außergewöhnliche Liederabend war schon vom Äußeren her anders. Statt eines Konzertflügels und eines Blumenbouquets, die sich üblicherweise bei einem Liederabend auf der vorgezogenen Bühne befinden, befanden sich ein Konzertflügel, ein handgefertigter Holztisch nebst Stuhl, eine große Holzkiste und eine Staffelei auf der Bühne: Michelangelos Welt im Kleinformat. Tomlinson, zunächst in Hemd und Weste, zog sich dann auch zugleich einen braunen Malerkittel über und gab als weiser Michelangelo dem Liederabend somit einen schönen szenischen Rahmen. Die einzelnen Notenblätter der ausgewählten Lieder lagen nicht auf einem Notenständer, sondern auf dem Tisch und Tomlinson nutzte sie bei seinen fast schon szenischen Vorträgen geschickt wie einen Brief.

Das ein Engländer etwas vom Briten Benjamin Britten singt, ist an sich nichts Außergewöhnliches. Die gewählten Seven Sonnets of Michelangelo (op.22) sind es schon. Nicht nur, weil Britten damit 1940 erstmal etwas explizit für seinen Geliebten, den Tenor Peter Pears, komponierte, sondern auch weil die Texte in italienischer Sprache sind. Und die italienische Sprache gibt Brittens Musik eine ganz andere Dimension und Klangfarbe. Erst recht, wenn sie von einem Bass wie Tomlinson vorgetragen werden, der in einem Alter ist, wo „noch lange nicht Schluss ist“. Und seine Stimme ist noch immer beeindruckend kräftig und voluminös.
Dadurch kann man seinen Liederabend auch nicht mit einem klassischen Liederabend vergleichen. Sein Vortrag war stets sehr arios und an der Grenze zum opernhaften. Während des Liederabends bewegte er sich mit viel Ruhe zwischen Tisch, Truhe und zum Bühnenrand hin und her. Aufgrund seiner reichen Bühnenerfahrung wirkte er stets sehr präsent, selbst in den kleinsten darstellerischen Finessen.


Liederabend mit Sir John Tomlinson (Bass), David Owen Norris (Klavier)
Oper Frankfurt
David Owen Norris, Sir John Tomlinson
© Wolfgang Runkel ~ www.wolfgang-runkel.de

Die eigentlich sehr melancholischen „Seven Sonnets of Michelangelo“ trug Tomlinson recht expressiv vor, weniger lyrisch zartfühlend (insbesondere die Nr. 4 „Tu sa, ch´io so“; dafür ist er schließlich ein großer Wagnerinterpret). Sie bekamen dadurch einen wesentlich dramatischeren Ausdruck. Fast schon brachial wirkte das letzte Lied aus diesem Zyklus, die Nr. 7 („Spirito ben nato“). Auch sein Begleiter am Klavier, der Brite David Owen Norris, der auch als Komponist tätig ist, bot mit seinem lebhaften Spiel kleine Minidramen. Kraftvoll seine Begleitung zur Nr. 6 („S´un casto amor“), ein kleiner Höllenritt. Doch konnte sich Norris auch stark zurücknehmen und begleitete Tomlinson stets sehr integer und mit Spielwitz (wie beim finalen „Bessmertije“ [„Die Unsterblichkeit“]).

Mit den „Drei Lieder nach Gedichten von Michelangelo“ von Hugo Wolf wechselte die Stimmung. Diese Lieder wurden, im Gegensatz zu Brittens „Seven Sonnets of Michelangelo“, für eine Bass- und nicht für eine Tenorstimme (sogar explizit für Peter Pears) geschrieben. Das Gefühl von romantischem Liebesschmerz vermittelte Tomlinson hier am intensivsten, sowohl bei „Alles endet, was entstehet“, wie auch bei „Fühlt meine Seele das ersehnte Licht“.

Nach der Pause folgte Dimitri Schostakowitschs „Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti“ (op.145). Da Schostakowitsch in erster Linie durch seine Sinfonien, Instrumentalkonzerte und Bühnenwerke bekannt ist, stellt diese Auswahl schon eine Besonderheit dar. Die Elf Lieder umkreisen ebenso wie die vorherigen, die Themen Liebe, Schmerz und Tod. Hierbei beeindruckte Tomlinson erneut mit seiner sympathischen Ausstrahlung und seiner Stimmgewalt, insbesondere beim expressiven „Tvortschestvo“ (Das Schaffen) im Forte.
Das Publikum bedankte sich mit reichlich Applaus. Bei den beiden Zugaben war Tomlinson dann ganz in seinem Element. Diese waren Ralph Vaughan Williams (1872-1958): „Whither must I wander?” (1902; Nr. 7 des Liedzyklus‘ Songs of Travel [1901-1904] nach neun Gedichten von Robert Louis Stevenson) und James Frederick Keels (1871-1954): „Trade Winds“ (Nr. 2 der Three Salt-Water Ballads (1919) von John Masefield [1902]).

Das Programm ist auch auf CD erhältlich: „John Tomlinson - Michalangelo in Song“ (Chandos, DDD).

Markus Gründig, September 13

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