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Besprechungen: Klassik & Moderne (2)

Tschechische Fahne - © FotoliaLiederabend Magdalena Kožená (Mezzosopran), Malcom Martineau (Klavier)
Oper Frankfurt, 4. November 08

Muttergefühle und Vaterlandsliebe

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nachdem der ursprünglich für den Februar 2007 geplante Liederabend von Magdalena Kožená an der Oper Frankfurt erkältungsbedingt abgesagt worden war (an ihrer Stelle übernahm Stella Doufexis), holte die gebürtige Tschechin und Wahl -Berlinerin Kožená ihren Liederabend an der Oper Frankfurt nun nach. Vor wenigen Wochen erschien ihre neueste CD. Auf dieser singt die mehrfach ausgezeichnete Mezzosopranistin diesmal nicht Arien von Händel oder Mozart, sondern Lieder, die auf schlichten tschechischen Volksliedern gründen. „Songs my mother taught me“ heißt das Album.
Wie die 35jährige Kožená in verschiedenen Interviews geäußert hat, wurde sie als kleines Kind durch die vielen von der Mutter vorgesungenen Lieder schon früh geprägt. Ihrem ersten Sohn sang sie dann natürlich selber auch viele Lieder vor, was schon bald zu einem familiären Liederabend ausartete, da der Sohn immer mehr und immer neue Lieder hören wollte. Ihr zweiter Sohn (mit Ehemann Sir Simon Rattle) wurde im Juni 08 in Aix-en-Provence geboren. Ihre Mutterfreuden sind also noch ganz aktuell.
Bei aller Internationalität die ihre Sängerkarriere mit sich bringt, ist ihr die heimatliche Verwurzelung mit Tschechien sehr wichtig und eben diese vermittelt sie ihrer großen Fangemeinde nicht nur mit der neuen CD, sondern zeitnah auch mit der derzeitigen Liederabendtour.
Die tschechischen Komponisten Leoš Janáček und Antonín Dvořák sind weitläufig bekannt, Erwin Schulhoff, Petr Eben, Vítězslav Novák und Bohuslav Martinů dagegen weniger. Werke dieser fünf Komponisten präsentiert Kožená in der Originalsprache auf der CD und im Liederabendprogramm, einige davon hat ihr bereits ihre Mutter vorgesungen.
Tschechisch in der Oper zu hören ist an sich nicht ungewöhnlich, werden heutzutage Opern doch überwiegend in ihrer Originalsprache aufgeführt (wie zuletzt in Frankfurt die Opern „Jenufa“, „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ und „Die verkaufte Braut“). Ein Liederabend komplett auf Tschechisch ist dann doch etwas anderes und selbst für geübte Ohren zunächst ungewöhnlich. Während es bei einer auf tschechisch gesungenen Oper lediglich deutsche Übertitel gibt, bietet ein tschechischer Liederabend die Möglichkeit, Sprache und Klang durch den im Programmheft abgedruckten Text (in tschechisch und deutsch) genauestens zu verfolgen und so den Reichtum der tschechischen Sprache intensiver kennenzulernen. Diese erwies sich so als sehr viel weicher, geschmeidiger, wie die Zischlaute und die vielen Konsonanten beim reinen Lesen zunächst vermuten lassen. Sicher lag das auch an Magdalena Koženás überaus kultivierten Vortragsstil, bei dem sie alles opernhafte vermied. Die tiefe Freude und Verbundenheit mit diesen Liedern , war ihr stets anzumerken. Allein ohne die drei Zugaben waren es 40 Lieder, die sie an diesem Abend vortrug.

Zu Beginn würdigte sie mit vier Liedern den im Konzentrationslager Wülzburg gestorbenen Ausnahmekomponisten Erwin Schulhoff. Ausnahme insoweit, weil Schulhoff ungewöhnliche Elemente in die europäische Musiktradition zu integrieren versuchte, wie dadaistische Spielereien und vor allem den Jazz. Dies war besonders gut bei „Spielt den Kosak“ in der Klavierbegleitung herauszuhören (beflügelnd, sensibel und auch voller Elan am Klavier: Malcom Martineau).
Von seiner ruhigen und sentimentalen Seite präsentierte Kožená die fünf Miniaturen aus Petr Ebens „Kleine Kümmernisse“. Eben ist im Oktober 07 gestorben, und war als Jugendlicher im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Vítězslav Nováks „Märchen des Herzens“ umfasst auch fünf Lieder. Schon das erste, das „Melancholisches Lied“, führte Kožená auf intensive, fast dramatische Art, aus. Bis zum letzten Novák-Lied, dem innigen „Wenn der Tag vergangen ist“ spannte sie einen großen Stimmungsbogen.
Von geheimnisvoller Schönheit folgten sieben Lieder von Leoš Janáček, davon fünf aus dem Zyklus „Mährische Volksdichtung in Liedern“. Janáček verbrachte in Brno (Brünn), der Geburtsstadt von Magdalena Kožená, einen Großteil seines Lebens. Sein Geist ist für sie dort noch immer allgegenwärtig. Janáček widmete sich ausgiebig dem Studium mährischer Volkslieder und dem Tonfall der Alltagssprache, woraus er sein Prinzip der Sprachmelodie entwickelte.
Nach der Pause verzauberten zunächst Dvořáks „Liebeslieder“, ein Zyklus aus acht Meisterstücken: mit lyrischer Klarheit, bewegender Ausdruckskraft ,naturhafter Melodik und reizvollen harmonischen Finessen. Bevor vier weitere Dvořák Lieder den Abend beendeten, entführte der Liederzyklus „Liedchen auf zwei Seiten“ von Bohuslav Martinů in die mährische Volkspoesie.
Beim vorletzten Lied musste Malcom Martineau auf Wunsch von Magdalena Kožená ein zweites Mal beginnen. War es die tiefe Ergriffenheit, die Kožena gepackt hatte? „Als die alte Mutter mich noch lehrte singen“ ist nicht nur der Titel der neuen CD, es hat als Inbegriff tschechischer Melodik längst Weltruhm erworben und wurde von Künstlern wie Joan Sutherland bis Karel Gott interpretiert. An diesem Abend war es das von Koženas am innigsten vorgetragene Lied.
Am Ende fühlte man sich fast wie behütet in den Schlaf gesungen.

Markus Gründig, November 08

Liederabend Anne Sofie von Otter (Mezzosopran), Bengt Forsberg (Klavier), Svante Henryson (Violoncello)
Oper Frankfurt, 7. Oktober 08

Zu Gast bei Freunden

Schon am Eingang der Oper Frankfurt wurde deutlich: wenn so viele Menschen hereinströmen, muss etwas ganz besonderes stattfinden. Und in der Tat eröffnete die Oper Frankfurt ihre Liederabendreihe der Saison 2008/2009 mit einem weltweit gefeierten Star, der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. Möge jeder der noch folgenden Liederabende ein ähnlich großer Publikumszuspruch zuteil werden.
Otter sang mit ihrem breit gefächerten Repertoire (von Monteverdi über Glück, Mozart, Tschaikowsky bis zu Strauss) an nahezu allen großen Opernhäusern. Was sie von ihren Kolleginnen unterscheidet, ist jedoch der Umfang ihrer Diskografie, die sie seit 23 Jahren eng mit der Deutschen Grammophon verbindet. Darunter sind viele Liedeinspielungen und Opern, aber auch ganz ungewöhnliche Projekte, die sie als Crossover-Spezialistin auszeichnen. Etwa die CD "For The Stars" mit Elvis Costello, “I Let The Music Speak” mit ABBA-Songs oder ihre im Jahr 2007 erschienene CD “ Terezín / Theresienstadt“.

Entsprechend ausgefallen war die Liedauswahl für den Abend in der Oper Frankfurt gestaltet, der im ersten Teil einem klassischen Liederabend entsprach, sich im zweiten Teil, mit zusätzlicher Begleitung eines Violoncellos, dem Chanson näherte.
Zu Beginn gab es eine Folge von schwedischen Liedern. Nicht vom Abba-Duo Benny Andersson und Björn Ulvaeus, sondern von Lars-Erik Larsson, Wilhelm Peterson-Berger und Ture Rangström. Alles schwedische Komponisten des 20. Jahrhundert, die bei uns nicht bekannt sind. Leider, denn ihre Kunstlieder vermitteln eine gewisse Leichtigkeit, die den typisch deutschen, dunkel geprägten, Liedern oftmals fehlt. Dass dieses Gefühl von Leichtigkeit durch die Oper Frankfurt wehte, war sicher aber auch im Vortragsstil von Anne Sofie von Otter begründet. Das Eröffnungslied „Serenad“ begrüßt freudig den Herbst, Otter interpretierte das Lied beschwingt, so als würde es sich eher um den Frühling handeln. Im lilafarbenen Blumenkleid (ärmelfrei und mit Ausschnitt) gab sich von Otter optisch als typische Vertreterin ihres Landes, zumindest so, wies es sich die IKEA-Generation vorstellt. Dazu passten dann auch die weiteren schwedischen Titel (wie „Frukttid“ oder „Böljeby-vals“), bewegt, leidenschaftlich und andächtig vorgetragen, vollkommen in sich ruhend und mit ihrer typischen Unbeschwertheit.
Ergreifend, leidend und kraftvoll interpretierte von Otter Gabriel Faurés „Automne“ („Herbst“), äußerst ruhig und besänftigend „Clair de lune“ („Mondschein“).
Für die Liebhaber deutschen Liedguts beinhaltete von Otters Programm auch Lieder von Franz Schubert (mit humoresker Note beendet: „An die Laute“) und Richard Strauss (dessen „Allerseelen“ jedoch besser „Erinnerung an schöne Stunden im Mai“ heißen sollte). Von deutschem Schwermut Fehlanzeige, bei Otter klingt auch das Trübsinnige noch hoffnungsvoll.

Am Klavier wurde von Otter, wie immer seit 1980, von Bengt Forsberg begleitet, der mit Gabriel Faurés „Nocturne Nr.1“ ein packendes Klaviersolo bot. Mit prächtiger Löwenmähne im Stil eines Metallica-Bandmitglieds präsentierte sich im zweiten Teil zusätzlich Svante Henryson am Violoncello (eine Harley Davidson würde man ihm auf den ersten Blick eher zutrauen). Sein Engagement bei der schwedischen Heavy-Metal-Legende Yngwie Malmsteen hat seine musikalisches Profil nur gesteigert, schließlich bewegt er sich souverän im gesamten musikalischen Spektrum, vom Rock über Jazz bis zur Klassik. Seine Improvisationskunst am Violoncello passte dabei bestens zu den zum Ende hin stehenden Crossover-Liedern von Kurt Weill, Ralph Benatzky, Michael Jary, George Gershwin und Richard Rodgers. Hierzu präsentierte sich von Otter in schwarzer Hose und schwarzer Blusenjacke. Weills „Matrosentango“ legte sie bewusst nicht dunkel gefärbt, sondern eher arienhaft an. Das sie die tiefe Stimme ihrer Landsmännin Zarah Leander weder nachmachen wolle noch könne, sei klar. Zwei Lieder die einst von der Leander interpretiert wurde, bot von Otter in einer ihr eigenen luftigen Weise („Ich steh´im Regen“ und „Du darfst mir nie mehr rote Rosen schenken“).
Ein Violoncello-Solo stand zu Beginn von Gershwins „Slap That Bass“, dass in einer bluesig-jazzigen Version verzauberte: da waren die Weiten Amerikas zum Greifen nah. Richard Rodgers “Bewitched, Bothered and Bewildered” beendete das kurzweilige Programm, ein Lied bei dem es sorglos um die knisternde Erotik einer nicht standesgemäßen Ehe geht. Es stammt aus dem Musical “Pal Joey”, ist aber längst zu einem Standardsong geworden, der auch schon von Größen wie Ella Fitzgerald, Sinéad O'Connor oder Celine Dion gesungen wurde.
Bei Applaus nach jedem Lied im zweiten Teil war auch klar, dass von Otter ohne Zugaben sich nicht von ihren „Freunden“ in Frankfurt verabschieden konnte. Nach drei Zugaben (u.a. Reinhard Mays „Gute Nacht Freunde“) herrschte in der Oper Frankfurt eine Stimmung wie bei einem Pop-Konzert, mit Jubelrufen und Standing Ovations.

Markus Gründig, Oktober 08

Liederabend Anne Schwanewilms (Sopran), Manuel Lange (Klavier)
Oper Frankfurt, 17. Juni 08

Glanzvolle “Preview” der Straussianerin

Für die ursprünglich angekündigte und kurzfristig erkrankte Deborah Polaski, sorgte beim letzten Liederabend der Saison 2007/08 an der Oper Frankfurt, die aus Gelsenkirchen stammende Sopranistin Anne Schwanewilms für einen glanzvollen Saisonabschluss. Schwanewilms, im Jahr 2002 in der Umfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zur Sängerin des Jahres gewählt, ist auf den großen Bühnen (u. a. in London, Berlin, Dresden, Mailand, Madrid und Paris) eine gefragte Interpretin. Ihr Repertoire umfasst u.a. Opern von Bartók, Berg, Mozart, Poulenc, Schreker und Wagner. Im Zentrum Ihres Repertoires steht jedoch Richard Strauss, weshalb sie auch als Straussianerin bezeichnet wird. Und so überwogen bei der Programmauswahl auch Lieder von Richard Strauss, zu denen Schwanewilms eine Auswahl von Mahlers Vertonungen „Des „Knaben Wunderhorns“ stellte.
Richard Strauss (1864 – 1949) ist, ebenso wenig wie Mahler, kein typischer Vertreter des klassischen, romantischen, Kunstlieds. Und doch setzten beide in ihrer Zeit Maßstäbe in der Entwicklung des Lieds. Allen voran Strauss führte es von der kleinen lyrischen Form zur großen Kunstform in die Konzertsäle, mit Orchesterbegleitung in symphonischer Besetzung. Die 16 gewählten Strauss-Lieder entstammen überwiegend aus Strauss Frühzeit, in der die meisten Liedern entstanden und die, noch vor der „Elektra“ oder des „Rosenkavaliers“, bereits mit der „Salome“ endete. Bei den zugrunde liegenden Texten wählte Strauss fast ausnahmslos zeitgenössische Dichter wie Bierbaum, Dahn und Dehmel.
Bereits beim ersten Lied, „Traum durch die Dämmerung“ (aus Drei Lieder op.29), bewies Schwanewilms ihre außergewöhnliche Interpretations- und Vortragskunst, indem sie mit brillanter Pianokultur eine verklärte Liebesphantasie herauf beschwor . Ebenso mit eleganten Linien bei „Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt, erstarrt in des Winters Eise“, ein Lied voller Trauer und Schwermut. Einem wahren Klassiker sind die 1918 entstandenen „Drei Lieder der Orphelia“ zu verdanken: William Shakespeare. „Sie trugen ihn auf der Bahre bloß" bildete dabei einen Höhepunkt an intonationssicherem und ausdrucksstarken Vortrag, bei einwandfreier Textverständlichkeit (kaum vorstellbar, dass diese Liedgruppe einem Streit Strauss mit seinem Verleger entsprang).
Gustav Mahler (1860 – 1911) hat nicht nur Lieder für Gesang und Orchester geschrieben, sondern auch Teile davon in seine Symphonien übernommen. Die „Des Knaben Wunderhorn“ Lieder spiegeln seine romantische. wie auch dunkle und melancholische Seite wider. Das traurige Abschlusslied „Nicht wieder sehen!“ zählt zu Mahlers schönsten Liedeingebungen, Schwanewilms bewies mit ihrer nuancenreichen Umsetzung der komplexen Gesänge einfühlsam, warum dies so ist.
Dem Publikum, aber insbesondere auch dem Intendanten der Oper Frankfurt, Bernd Loebe, war Schwanewilms zweite Zugabe gewidmet, mit Anspielung auf Loebes Worte zur Ankündigung über die Schwierigkeiten einen Ersatz für Deborah Polaski zu finden. Hierbei zeigte sich Schwanswilms einmal mehr von ihrer komödiantischen und darstellerischen Seite (wie durchaus auch schon zuvor, beispielsweise bei „Schlagende Herzen – Kuckuck“).
Einen starken und souverän spielenden Partner hatte Schwanewilms in Manuel Lange am Klavier, das bei Mahler und Strauss weit mehr als eine Begleitfunktion inne hat.

Wer dieses Konzert versäumt hat, kann sich in der kommenden Spielzeit von der Straussianerin überzeugen. Ab Januar 09 wird Anne Schwanewilms in Christof Nels Inszenierung von Richard Strauss' Arabella in der Titelpartie an der Oper Frankfurt zu erleben sein (Premiere: 25. Januar 09).

Markus Gründig, Juni 08

Liederabend Anja Harteros (Sopran), Wolfram Rieger (Klavier)
Oper Frankfurt, 13. Mai 08

120 Minuten Atemstillstand

Ohne großes Aufheben geht Anja Harteros auf die Bühnenmitte zu, ihr Klavierbegleiter Wolfram Rieger setzt ein und schon nach den ersten Takten von Joseph Haydns „Gebet zu Gott“ wird deutlich, hier präsentiert sich eine Meisterin, eine Perfektionistin. Die bereits mehrfach ausgezeichnete Sopranistin überzeugt auch bei ihrem Liederabendprogramm durch eine sicher geführte Stimme, bei hervorragender Diktion (die das Programmheft mit den abgedruckten Liedtexten eigentlich unnötig machte) und vollkommener, souveräner Selbstbeherrschung.


Anja Harteros
Foto: Marco Borggreve
for SONY BMG MASTERWORKS

Hier stimmte einfach alles und fügte sich eindrucksvoll  zu einem außergewöhnlichen Konzerterlebnis zusammen. Ob Sie dabei wirklich noch Gottes Hilfe benötigt, wie ihr erstes Lied andeutete? Man mag es kaum glauben.
Ihr Programm an diesem Abend, mit Liedern von Schubert, Schumann, Strauss und Brahms, wies dabei keine außergewöhnlichen Überraschungen auf, sie bot solides Kunstliedprogramm. Einzig die ersten drei Lieder von Haydn und Beethoven ragten hinsichtlich der Auswahl heraus, da diese Komponisten eher durch ihre sinfonischen Werke bekannt sind (wobei Haydn immerhin fast 50 Lieder und Beethoven 79 „deutsche Gesänge“ komponiert hat).
Haydns „Gebet zu Gott“, eines von seinen vier Liedern mit geistlichem Charakter (aus „Liedern für das Klavier“), gab zunächst dem Pianisten Wolfram Rieger Gelegenheit, sich mit seinem virtuosen Spiel vorzustellen. Denn Haydns Lieder zeichnen sich darin aus, dass sie dem Klavier mit ausdrucksstarken Vor- und Zwischenspielen eine freie, virtuose Behandlung zubilligen, die mehr als nur eine übliche Begleitung darstellt. Gerade auch bei „Gebet zu Gott“ behält das Wort seine dienende Funktion. So bildete dies Lied einen nahezu andächtigen, auf jeden Fall aber ungewöhnlichen, Auftakt für diesen Liederabend.
Schuberts bekanntes „Gretchen am Spinnrad“ bildete den Höhepunkt des Abends. Schubert war gerade einmal siebzehn Jahre alt, als er dieses Lied komponierte. Es gilt als wertvollste Frucht seiner ersten Auseinandersetzung mit Goethes literarischem Werk und beinhaltet weit mehr als nur die Ohnmacht eines jungen Mädchens gegenüber ihren starken Emotionen, es schließt die künftige, tragische Entwicklung bereits mit ein. Gibt sich Anja Harteros überwiegend sehr gefasst und souverän, hier beschwor sie das sehnsuchtsvolle Liebesleiden der Grete plastisch hervor, war der gewünschte Kuss an den Geliebten förmlich zu spüren, so intensiv übertrug sich das erregte Beben der Lippen in den Zuschauerraum („Mein Busen drängt sich / Nach ihm hin. / Ach dürft´ich fassen / Und halten ihn, /.Und küssen ihn, So wie ich wollt, An seinen Küssen / vergehen sollt!“).

Drei Zugaben waren nötig, vorher wollte das Publikum Anja Harteros nicht ziehen lassen: Brahms: „Dein blaues Auge hält so still“ und die populären Lieder „Du holde Kunst“ (Schubert) und "Zueignung" (Strauss).

Markus Gründig, Mai 08

Weil Erde in meinem Körper war
schauspielfrankfurt
Besuchte Vorstellung: 1. Mai 08

“An einem Ort, der auch das Ende der Welt sein könnte, wird im Verlust des Gegenwärtigen nach Ursprünglichem gesucht.“ So heißt es im Ankündigungstext zur Auftragsproduktion „Weil Erde in meinem Körper war“ der Frankfurter Positionen 2008. Das Ende der Welt? Welches Ursprüngliches? Alles klar? Oder muss es wie bei Goethes Faust heißen: „Nun steh ich hier, ich armer Tor, und bin so klug, als wie zuvor? Da hilft auch der Untertitel „Ein Stück für Tänzer, Schauspieler und Musiker“ nicht wirklich weiter. Also ganz unvoreingenommen Platz nehmen und sich dem neusten Werk der phantasievollen Raumkünstlerin und Choreografin Wanda Golonka hingeben. Dies entpuppt sich als ein Werk, das zwar ohne Sprache besteht (außer etwas unverständlichem Gestammel am Ende), aber bei dem durch Bewegungen und Stillstand, Licht und Dunkelheit, Musik und Stille, eine Symphonie des Lebens aufgefächert wird.
Gespielt wird auf einer nahezu leeren Bühne. Die schwarzen Seitenwände sind frei einsehbar, das kennt man bereits aus anderen Stücken. Und doch ist dieser Raum heute anders. Eine Collage eines klassizistischen Prunksaales wird auf die große Rückwand projiziert, wodurch der Bühnenraum warm und beschützt wirkt.
Der Deutschen liebstes Kind, das Auto, spielt eine zentrale Rolle. Sieben alte Autos stehen stellvertretend im Bühnenhintergrund. Ein Auto wird im Kreis über die Bühne geschoben, es verliert dabei Sand, sodaß anschließend ein großer Kreis auf der Bühne erkennbar bleibt. Zum Schluß hin werden die Darsteller den Sand als Symbol für die Zeit und das Leben durch ihre Hände gleiten lassen und damit ein schönes Schlußbild abgeben. Doch bis es dazu kommt, führen die Musiker, Schauspieler und TänzerInnen (durch ein großflächiges Augenmakeup ein wenig „entrückt“ wirkend) bezaubernde, wie auch irritierende Sequenzen vor. Etwa einen Tanz zum Sound von Autotüren, die zugeschlagen werden und eine krabbelnde Spinne aus vier vereinigten Frauenkörpern. Schauspieler und Tänzer agieren dabei gleichberechtigt, wie auch die Musiker des Ensemble Modern eng mit den Darstellern verbunden sind und teilweise selber zu Akteuren werden.
Golonka lässt, perfektionistisch arrangiert, Bilder von zwischenmenschlichen Beziehungen aufleben, wobei vieles angedeutet und zur Entdeckung in den Raum gestellt wird. Die eigens hierfür komponierte Musik des Amerikaners Alvin Curran gibt das Tempo vor, das genauso wie die Lautstärke, starken Schwankungen unterliegt. Es sind keine schrillen Töne, vielmehr Melodiebögen in unterschiedlicher Struktur (sphärisch, klassisch und beschwingt).
Zusammen ergibt dies ein faszinierendes und spannendes Gesamtkunstwerk, dass viele Assoziationen und Interpretationen zulässt.
Eingerahmt ist der Abend in den Rückblick eines alten Mannes (Heiner Stadelmann) auf Episoden seines Lebens, auf Vergangenes, Erlebtes und Erinnertes, als ein Angebot zum Innehalten, für eine Lebenszwischenbilanz, die Chance nutzen, Lebensgewohnheiten zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren, eingehüllt in eine traumwandlerische Spährenwelt im Nirgendwo und doch, mitten im Leben.

Markus Gründig, Mai 08

Weil Erde in meinem Körper war
Ein Stück für Tänzer, Schauspieler und Musiker von Wanda Golonka und Alvin Curran

Uraufführung: 23. April 08 (Frankfurt, Schauspiel)
Choreografie, Raum, Kostüme: Wanda Golonka
Musik: Alvin Curran
Dramaturgie: Sibylle Baschung

Darsteller: Shila Anaraki, Véronique Dubin, Nicola Gründel, Stefko Hanushevsky, Oliver Kraushaar, Max Schubert, Heiner Stadelmann, Bert Tischendorf, Katharina Wiedenhofer
Mit dem Ensemble Modern, Mitgliedern des Schauspielensembles und Gästen.

Liederabend Britta Stallmeister (Sopran), Stella Grigorian (Mezzosopran), Helmut Deutsch (Klavier)
Oper Frankfurt, 29. April 08

Aufregung im Künstlerischen Betriebsbüro der Oper Frankfurt. Der lang angekündigte Tenor John Mark Ainsley hatte krankheitsbedingt kurzfristig seinen Liederabend abgesagt. Ainsley sorgte zuletzt in der Rolle des Captain Edward Fairfax Vere für Furore, zuvor als Madwoman in Curlew River. Auch sein Liederabend sollte von Benjamin Britten geprägt sein.
Doch was des einen Leid, ist des anderen Glück. In diesem Fall gab es sogar doppeltes Glück. Denn auf Vorschlag von Helmut Deutsch fragte Opernintendant Bernd Loebe kurzerhand im eigenen Haus nach einem adäquaten Ersatz. Und so stand an diesem Abend die Sopranistin Britta Stallmeister (u.a. Marfa in „Die Zarenbraut“, Susanna in „Le nozze di Figaro“, Sophie in „Weiße Rose“ und Ygraine  in „Ariane et Barbe-Bleue“) gemeinsam mit der Mezzosopranistin Stella Grigorian (u.a. Nerone in „Agrippina“, Medea in „Giasone“, Sextus in „La clemenza di Tito“ und Angelina in „La Cenerentola“) auf der Bühne. Der renommierte Klavierbegleiter Helmut Deutsch, kurzerhand aus dem italienischen Bari eingeflogen, begleitete das Damenduo überaus souverän und sehr viel Ruhe ausstrahlend am Flügel.
Abwechselnd präsentierten die sichtbar gut aufgelegten Damen (in schulterfreien Kleidern) Lieder von Mendelssohn-Bartholdy, Strauss und Hugo Wolf (Britta Stallmeister), sowie von Schostakowitsch, Glinka, Dargomyschski, Minkow, Tschaikowski und Wolf (Stella Grigorian). Obwohl beide von der Stimme wie von der Ausstrahlung her unterschiedlich sind, begeisterten Sie beide nicht nur mit Ihrer Sangeskunst, sondern auch mit der Leichtigkeit und Fröhlichkeit, wie sie diese vortrugen: als hoch dosierte audio-visuelle Frühlingsstimmungsspritze.
Dabei waren die Lieder natürlich keine platten Gassenhauer, sondern hoch anspruchsvolle Kunstlieder. Britta Stallmeister eröffnete den Abend mit Felix Mendelssohn-Bartholdys „Neue Liebe“, eine der typischen beflügelten und glänzenden Elfenmusiken, an denen sein Œuvre reich ist. Nahezu berstend vor glühender Leidenschaft dann beim Hexenlied (nach Hölty), quasi auf die bevorstehende Walpurgisnacht hinweisend. Liedern von Richard Strauss folgten neun Miniaturen von Hugo Wolf, dem „Vollender“ des spätromantischen Liedes. Das erste Lied aus seinem Italienischen Liederbuch, „Auch kleine Dinge können uns entzücken“, wies den Zuhörer darauf hin, nichts Außergewöhnliches zu erwarten. Bezaubernd waren die acht folgenden Miniaturen aus diesem Zyklus aber allemal, zumal Stallmeister auch hier ihr komödiantisches Talent ausspielen konnte (wie in „Du denkst, mit einem Fädchen mich zu fangen“, mit der Schlusspointe „ich bin verliebt, doch eben nicht in dich!“). Die beliebte buffoneske „Register-Arie“ „Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen, in der Maremmeneb'ne einen andern“ beendete ihr Programm, dass sie trotz der kurzen Vorbereitungszeit vollständig ohne Noten vorgetragen hatte.
 
Liebe und Leidenschaft war das Thema bei der gebürtigen Armenierin Stella Grigorian. Zwar waren die Liedtexte aufgrund der kurzfristigen Programmänderung nicht im Programmheft abgedruckt. Doch Dank ihrer überaus innigen Interpretation lebte die Gefühlsstimmung der in russisch gesungenen Lieder funkelnd auf.
Drei Liedern aus Hugo Wolfs „Spanischen Liederbuch“ folgten als Höhepunkt die fünf Gesänge aus „Cinco caciones negras“ (Fünf Schwarze Lieder) von Xavier Montsalvatge (Episoden über Kuba, komponiert im Jahre 1945, die Montsalvatge zu internationalem Ruhm verhalfen).

Nach drei Einzelzugaben durfte natürlich eine gemeinsame Zugabe von Stallmeister und Grigorian nicht fehlen. Mangels gemeinsamen Repertoires hatten sich die Damen auf ein Stück verständigt, dass für beide neu war: Léo Delibes beliebtes „Blumenduett“ aus dessen Oper Lakme.

Für die Fans der Oper Frankfurt war dies eine ganz besondere Möglichkeit, ihre Lieblingssängerinnen einmal ganz intensiv und mit neuen Facetten zu erleben. Da bleibt nur zu hoffen, dass die in der Begrüßung von Bernd Loebe erwähnte Statistik auch künftig zutrifft und so auch in der nächsten Saison Mitglieder des Ensembles einen Abend lang die Opernbühne und die Liederabendfangemeinde erobern können.

Markus Gründig, April 08

Liederabend Alice Coote Sopran), Julius Drake (Klavier)
Oper Frankfurt, 25. März 08

Alle Jahre wieder kommt nicht nur die Weihnachtszeit, sondern steht auch der bekannteste romantische Liederzyklus, Franz Schuberts traurige „Winterreise“, auf dem Programm der Liederabendreihe an der Oper Frankfurt. Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass die Oper Frankfurt für die Liederabende zwar die jeweiligen Künstler einlädt, diese jedoch Ihr Liedprogramm selber bestimmen. Die mehrfach ausgezeichnete und gefeierte 39jährige britische Mezzo-Sopranistin Alice Coote kündigte ursprünglich englische Lieder an, entschied sich aber dann bei ihrer aktuellen Liederabend Tour (neben der Station in Frankfurt auch mit Auftritten in Chicago und London) für die Winterreise. Das ist doppelmutig. Geschrieben für Bariton, wird die Winterreise üblicherweise von Männern gesungen, egal ob Tenor, Bariton oder Baß. Dietrich Fischer-Dieskau setzte hier hohe Maßstäbe. Das sich eine Frau an diesen düsteren Stoff wagt, kommt nicht so häufig vor, auch wenn sich Alice Coote damit nun in den Kreis ihrer Kolleginnen Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender und Christine Schäfer einreihen kann. Dazu kommt, dass der Zyklus der Liederabendfangemeinde überwiegend bestens bekannt ist und die Britin ihn natürlich auf Deutsch singt und sich damit einem direkten Vergleich stellt.
Wie bestellt passte diesmal sogar das Wetter zum Abend. Trotz Frühlings hat sich das Wetter auf Winter eingestellt und präsentierte sich mit einem fröhlichen Schneetreiben (was allerdings auch manch potentiellen Besucher abgeschreckt haben mag).
Alice Coote trug an diesen Abend einen modischen, kurz geschnittenen schwarzen Mantel im Leder-Look (nebst schwarzer Hose und einem glitzernden schwarzen Pulli). Mit diesem sophisticated anmutenden Look unterschied sie sich schon optisch von ihren Sängerinnenkolleginnen. Zum wahren Erlebnis wurde der Abend aber durch ihre einzigartige, überaus intensive Interpretation dieser „schaurigen Lieder“ (Franz Schubert gegenüber seinen Freunden Spaun und Schober), mit der sie manch ihrer männlichen Kollegen in den Schatten stellt. Sie steht nicht nur am Pult, sondern singt mit ihrem ganzen Körper: Hände, Arme, Beine, die innere Not sucht sich hier authentisch dargeboten ein Ventil.
Entrückt (bei „Der greise Kopf“), schmerzerfüllt, verängstigt, verunsichert wie ein Tier das sich bedroht fühlt: Coote singt nicht nur, sie geht regelrecht in diesen Liedern auf. Ihre volle und reife Stimme bringt sie dabei bestens zur Geltung, wunderbar phrasierend. Doch kann sie auch bedrückend zart nur hauchen, wie beim Schlußvers von „Der Wegweise“ und ironisch lachen („Sind wir selber Götter!“, -> „Mut“).

Am Klavier wurde Alice Coote vom hervorragenden Julius Drake souverän begleitet, der einer der weltweit gefragtesten Liedbegleiter ist (einen Eindruck hiervon vermittelt allein die Terminübersicht seiner Webseite www.juliusdrake.com ).
Betrüblich allein: trotz starkem Applaus gab es keine Zugabe.

Zur „Billy Budd“ Inszenierung hieß es aus der britischen Presse, dass man nach Frankfurt kommen müsse, um zu verstehen, um was es bei „Billly Budd“ geht. Zu Alice Cootes Winterreise kann gesagt werden, es bedarf einer Britin um zu erleben, wie packend Schubert live interpretiert werden kann.

Markus Gründig, März 08

Liederabend Angela Denoke (Sopran), Tal Balshai (Klavier), Jan Roder (Kontrabass), Michael Griener (Schlagzeug)
Oper Frankfurt, 18. Dezember 07

„Von Babelsberg bis Beverly Hills“

So oder so ist das Leben
Ich sage: Heute ist heut !
Was ich auch je begann
das hab ich gern getan
ich hab es nie bereut…

(Theo Mackeben und Hans Fritz Beckmann)

Klassische Liederabende sind in der Regel eine ernste Sache, bieten sie doch vokalen Hochgenuss in äußerst konzentrierter Form. Aus dem Rahmen fiel nun der Liederabend mit der mehrfach ausgezeichneten Sopranistin Angela Denoke („Sängerin des Jahres“, Opernmagazin 1999 und „Beste Sängerdarstellerleistung im Musiktheater“ Der Faust 2007) an der Oper Frankfurt. Schon der äußere Rahmen wich vom üblichen ab: kein Säule mit großem Blumenschmuck schmückte die (verkürzte) Bühne, keine Liedtexte wurden im Programmheft abgedruckt. Dafür sorgte ein in unterschiedlichen Farbtönen angestrahlter Bühnenhintergrund für eine emotionale Untermalung. Zudem benutzen die Musiker und die Solistin Mikrofone und es gab Applaus nach jedem Lied. Auch gab es nicht nur einen Flügel als Begleitinstrument(Tal Balshai), sondern drei Begleitinstrumente: zusätzlich auch ein Kontrabaß (Jan Roder) und ein Schlagzeug (Michael Griener). Damit war klar, dass keine Lieder von Schubert oder Strauss auf dem Programm stehen würden.
Ausgehend von Schlagern Friedrich Hollaenders (wie „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ und „Johnny, wenn Du Geburtstag hast“) standen bekannte und weniger bekannte Lieder aus den 30er Jahren, überwiegend von aus Nazi-Deutschland ausgewiesenen Musikern stammend, auf diesem Crossover-Programm, mit dem sich auch die Oper Frankfurt von einer neuen Facette her präsentierte.

Offene Ohren waren trotz der Popularität des Programms durchaus angesagt, denn die meisten Lieder werden sonst meist von einer dunklen wie tiefen Stimme gesungen (Zarah Leander, Marlene Dietrich oder die Knef früher, Ute Lemper heutzutage). Denoke, mehr Opern- als Jazz-Sängerin, ist dabei, ihren ganz eigenen Stil zu entwickeln. So haben diese Lieder bei ihr keine besonders verruchte Färbung, weder in der Stimme noch in der Präsentation. In die Höhe aufschwingend bekommen sie eine elegante neue Leichtigkeit. Was natürlich auch an Deonkes wundervollen Art liegt, wie sie dezent beschwingt mit dem Publikum und den Musikern ihre gute Laune teilt. Im eleganten, rostfarben glänzenden und ärmelfreien Kleid machte Sie auch optisch eine gute Figur. Kredenzt mit ein paar ausgewählten Zitaten der Knef und der Dietrich über Frauen, Männer und die Liebe, stiftete dieser Liederabend der anderen Art gute Laune und Lust am Leben, trotz aller Sorgen und Sehnsüchte.

Markus Gründig, Dezember 07

Liederabend Kwangchul Youn (Bass), Helmut Oertel (Klavier)
Oper Frankfurt, 13. November 07

Immer diese Tenöre… Doch keineswegs, es kann auch mal ein Bass sein. Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, hat schon oft sein Talent zum Aufspüren herausragende Sänger unter Beweis gestellt. Beispielsweise mit dem koreanischen Weltklassesänger Kwangchul Youn, der bei der umjubelten und ausverkauften "Don Carlo" Neuinszenierung der Oper Frankfurt im vergangenen Oktober die Rolle des Philipp II. inne hatte (weitere Vorstellungen folgen im Juni 08). Loebe gelang es auch, Youn für einen Liederabend zu gewinnen (als einzigen Bass in der Liederabendsaison 2007/08).
Youn, aus einem bäuerlichen Umfeld stammend, gibt sich auf der Bühne mit einer äußerst feinen Zurückhaltung. Dabei hat er allen Grund, durchaus forscher aufzutreten. Es gibt keine große Opernbühne diese Welt, auf der er noch nicht mit großem Erfolg gesungen hat, sei es nun Bayreuth, die Met oder Wien. Noch bevor sein überaus warm timbrierter Bass sich in das Herz der Zuhörer singt, fällt seine akkurate Aussprache auf. Singt hier wirklich ein ausländischer Sänger? Man mag es kaum glauben, würde er nicht leibhaftig vorne auf der Bühne stehen.
Für den ersten Teil seines Programms wählte er Lieder von Franz Schubert und Johannes Brahms. Schuberts „Der Wanderer“ interpretiert Youn gleich zu Beginn voller Melancholie. Das Lied, nach einem Text von Georg Philipp Schmidt von Lübeck, verschmilzt vollkommen Kantate und Lied und vermittelt mustergültig das romantische Weltgefühl des Einsamen, Sehnsuchtsvollen und Lebensverzweifelten. Voller Gefühl auch „Du bist die Ruh“, wenngleich es sich hier auch um ein religiöses Lied handelt.
Die Erfahrung der Tragik führte bei Brahms nicht nur zu Liedern sanfter Schwermut, sondern bis hin zu abgründig dunklen Gefühlsregionen. Von einem hoffnungslos Liebenden handelt mit antikisch-feierlichen Klang „Nicht mehr zu dir zu gehen“, eine Huldigung an die dunkle Übermacht des erbarmungslosen Eros. Lebhafter folgte das als wertvollste und schönste Brahms-Lied geltende „Sapphische Ode“.
Nach der Pause eröffneten Hugo Wolfs Michelangelo-Gesänge den zweiten Teil. Zeitlich der Spät-Romantik zuzuordnen, schuf Wolf, zwischen Genie und Wahnsinn, eine neue Form des Lieds. Seine „Drei Lieder nach Texten von Michelangelo Buonarotti“ schwanken zwischen Theatralik, Einfachheit und großer musikalischer Fülle.
Die drei kurzweiligen koreanischen Lieder von Lim Wonsik, Cho Dunam und Kim Yeonjun zeichneten sich durch eine elegante Verbindung zum europäischen Kunstlied auf, klangen wenig fernöstlich und bewiesen den universellen Charakter der Musik. Jacques Iberts vier „Chansons de Don Quichotte“ beschlossen den außergewöhnlichen Abend mit einer heiteren Stimmung. Und zum Ende war klar, auch ein Bass im Format eines Kwangchul Youn, kann Herzen erobern.
Am Klavier wurde Kuon vom kurzfristig eingesprungenen Professor Jan Philip Schulze begleitet, der sich schon vor einem Jahr beim Liederabend von Violeta Urmana dem Frankfurter Publikum vorgestellt hatte.

Markus Gründig, November 07

Liederabend Gerald Finley (Bariton), Julius Drake (Klavier)
Oper Frankfurt, 9. Oktober 07

In Amsterdam, Frankfurt, Helsinki, London und Wien präsentiert der kanadische Bariton Gerald Finley in diesem Herbst seinen aktuellen Liederabend. Den musikalischen Bogen den er dabei spannt, reicht vom Osten (mit Werken von Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Modest Petrowitsch Mussorgski) bis in den Westen (mit Werken der Amerikaner Charles Ives, Ned Rorem und Samuel Barber) und vom 19. bis ins 20. Jahrhundert.

Mit sieben Liedern Tschaikowskis eröffnete Gerald Finley seinen Abend in Frankfurt. Schon mit dem ersten Lied, der dynamischen „Don Juans Serenade“, vermittelte er den zu diesen Liedern gehörenden russischen Farbklang. Dem übermütigen Intro folgte mit „Es war im frühen Frühling“ eine Intensivierung der schwermütigen, sehnsuchtsvollen Stimmung, bei ausgewogen moderatem Tempo. Das bezaubernde „Inmitten des lärmenden Balles“ (in h-Moll) gilt als eines der schönsten Lieder Tschaikowskis, die Textvorlage stammt von Alexei Tolstoi: „Ob ich dich liebe, weiß ich nicht- Doch ich glaube fest, ich liebe dich!“.
Kurze schwungvolle Soliparts am Anfang und Ende von „Ob heller Tag“ gaben Finleys musikalischen Begleiter am Flügel, Julius Drake, Gelegenheit, sich in den Vordergrund zu spielen (insgesamt bestand bei diesem Programm ein bemerkenswertes, von großem Vertrauen zeugendes, Zusammenspiel von Drake und Finley; beide lehren übrigens in London).

Modest Petrowitsch Mussorgski ist vielen von seinen Opern her bekannt (allen voran durch „Boris Godunow“ oder der hier zuletzt aufgeführten „Chowanschtschina“). Geradezu populär ist seine Komposition „Bilder eine Ausstellung“. Mussorgski wusste genial die russische Volksmusik mit seiner eigenen Tonsprache zu verbinden und gilt daher als „die“ überragende Schöpferpersönlichkeit der russischen Musikgeschichte. In den Jahren 1874 bis 1877 entstand sein Meisterwerk auf dem Gebiet des Liedes, der Zyklus „Lieder und Tänze des Todes“, vier vertonte Balladen vom Sterben eines Menschen (bzw. mehrerer in „Der Feldherr“). Finley vermittelte diese romantischen Todesmelodien mit intensiver Gestaltung.
Ein Orts- und Stimmungswechsel folgte nach der Pause. Den russischen folgten nun amerikanische Komponisten. Wegen seiner Eigenständigkeit und seines Phantasiereichtums gilt Charles Ives (1874- 1954) als erster wirklich großer Komponist Amerikas; seine Liedsammlung „114 Songs“ wird als Mikrokosmos seines disparaten Komponierens bezeichnet. Als Gruß an das deutsche Publikum eröffnete Finley die Lieder von Ives zartfühlend gesungen mit „Ich grolle nicht“ (nach einem Text von Heinrich Heine; dem einzigen in Deutsch gesungenen Lied).
Ein angesehener zeitgenössischer Komponist ist Ned Rorem (Jahrgang 1923), sein Liedzyklus „War Scenes“ entstand 1969 nach einem Text von Walt Whitman. Sechs Lieder von Samuel Barber (1910 – 1981) beendeten das „Ost-West-Programm, den Brückenschlag zwischen alter und neuer Welt (dem drei Zugaben folgten).
Die Liedauswahl ist für Finley stets Ausdruck seiner Persönlichkeit. Insoweit war der Abend nicht nur ein Eintauchen in die hier selten gehörte Musik amerikanischer Meister, sondern auch ein Kennen lernen eines sympathischen Sängers (der dazu mit dem warmen Timbre seiner Stimme überzeugte und sowohl bei den kraftvollen Ausbrüchen, wie fast noch intensiver, bei den nahezu geflüsterten leisen Tönen, „sein Instrument“ perfekt beherrscht).

Markus Gründig, Oktober 07
 

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