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Besprechungen: Klassik & Moderne (11)

Liederabend Carolyn Sampson (Sopran), Joseph Middleton (Klavier)
Oper Frankfurt, 7. November 17

 

Sie sah´ mich an: ihr Leben hing
Mit diesem Blicke an meinem Leben,
Und um uns ward´s Elysium.“

(aus Richard Strauss: Das Rosenband, Text: Friedrich Klopstock)

In der trüben Herbstzeit erfreut das Thema, unter das die britische Sopranistin Carolyn Sampson ihr Liederabenddebüt an der Oper Frankfurt gestellt hat, ganz besonders: Blumen. Denn Blumen haben ihre ganz eigene Sprache. Wo Worte mitunter den falschen Ton treffen oder anders als gedacht ankommen, erfreuen Blumen jeden, egal ob jung oder alt, ob Frau oder Mann und dies auch unabhängig von der Nationalität. So ist es kein Wunder, dass viele Komponisten Lieder komponiert haben, bei denen Blumen eine zentrale Rolle spielen. Aus dem umfangreichen Fundus wählten Carolyn Sampson und ihr langjähriger Klavierbegleiter Joseph Middleton bereits vor einiger Zeit während eines zweitägigen Auswahlverfahrens 24 Lieder von zehn Komponisten quer durch die Jahrhunderte (vom 17. bis ins 20.). Sie unterteilten sie in vier Themenblöcke: „Was sagt schon ein Name? Was wir eine Rose nennen, duftet unter jedem anderen Namen ebenso süß“, „Mädchenblumen“, „Wenn Blumen sprechen“ und „Un Bouquet francis“. Ein bunter Strauß sozusagen. Das Liedprogramm entspricht auch dem ihres 2015 beim schwedischen Label BIS Records erschienenen Albums „Fleurs“ (Blumen).

Liederabend Carolyn Sampson & Joseph Middleton
Liederabend Carolyn Sampson (Sopran), Joseph Middleton (Klavier)
Oper Frankfurt, 7. November 17
Carolyn Sampson
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Schon mit dem ersten Lied, Henry Purcells „Sweeter than Roses“ nahm Carolyn Sampson stark für sich ein. Sie schafft durch ihre unaufdringliche, aber intensive Präsenz und mit ihrem großem lyrischen Gefühl eine einzigartige Aura der Verzauberung: über Blumen, die Liebe und über die Freude am Singen gleichermaßen. Denn Purcells Lied handelt mehr von einem göttlich empfundenen Kuss, denn von Rosen. Sampson ist eine Meisterin der feinen, leisen Töne, die sie überaus subtil zu gestalten weiß. In diesem Stil präsentierte sie nahezu das gesamte Programm. Die unterschiedlichen Stimmungen der vielen Lieder aus unterschiedlichsten Zeiten, in drei verschiedenen Sprachen und von so unterschiedlichen Komponisten umgab sie so mit einem ganz eigenen homogenen Rahmen.
Von unerwiderter Liebe kündete Benjamin Brittens melancholische „The Nightinggale and the Rose“. Doch gab es auch Heiteres und Bewegtes, wie mit Charles Gounods „Le Temps des roses“ (Rosenzeit). Andächtig gestaltete sie vor der Pause die Auswahl an Liedern von Richard Strauss (und dies akzentfrei), bei dem das mit Andacht vorgetragene „Das Rosenband“ (Liebesglückseligkeit bis ins Elysium) und das in berauschende „Efeu“ ganz besonders gefielen. Größere Gefühlswallungen zeigte sie bei „Fleur jetée (Fortgeworfene Blume) von Gabriel Fauré und ein innig vorgetragenes Tongemälde mit Claude Debussys „De Fleurs“ (Von Blumen), das arios endet.

Von angespannter Konzentration war bei Carolyn Sampson nichts zu spüren, dafür ein oftmals strahlendes, ansteckendes Lächeln (bei ansonsten wenig Körpersprache). Was bei Liederabenden leider nur sehr selten gemacht wird, sie nutzte die Gelegenheit und stellte ihr Liedprogramm vor (im fließenden Deutsch, inklusive Verweis auf ihre CD). Mit dem Pianisten Joseph Middleton hatte sie nicht nur ihren Programmberater mit dabei, sondern auch einen zuverlässigen Begleiter, der mit seinen mitunter starken Nuancierungen den Liedern zusätzlich Charakter verlieh.

Am Ende lang anhaltender Applaus und zwei Zugaben.

Markus Gründig, November 17

Die Zugaben:
Roger Quilter (1877-1953): „Now Sleeps the Crimson Petal“, op.3 / No. 2 (aus: 3 Songs, op.3; 1904/05)
Franz Schubert (1797-1828): “Heidenröslein”, D. 257, op. 3 / No. 3 (1815)

Maria Pantiukhova singt Lieder im Holzfoyer
Oper Frankfurt (Holzfoyer), 12. September 17

 

„In meinen Adern rollt das heiße Blut“
aus „Ach, wende diesen Blick“ von Brahms/Daumers

 

Nach Beendigung der Sommerpause ist der Spielbetrieb der Städtischen Bühnen Frankfurt noch dabei, sich warm zu laufen und schon gab es jetzt in der Oper das erste Konzert in der intimen Atmosphäre der „... singt Lieder im Holzfoyer“-Reihe. Die gebürtige Russin Maria Pantiukhova stellte sich hierbei mit Liedern von Brahms, Rimski-Korsakow, Rachmaninow, Rubinstein und Strawinsk erstmals als Liedsängerin vor. Die Absolventin des hiesigen Opernstudios gehört seit der Spielzeit 2016/17 zum Ensemble der Oper Frankfurt und wird in Spielzeit 2017/2018 in Tschaikowskis Eugen Onegin (Olga), Verdis Rigoletto (Maddalena), Weinbergs Die Passagierin (Krystina), Rossinis La Cenerentola (Tisbe), und Lehárs Die lustige Witwe (Olga) zu erleben sein.


Maria Pantiukhova
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Sie eröffnete ihr Liederabenddebüt mit einer Auswahl von Liedern des Romantikers Johannes Brahms. Dieser ist, trotz seines umfangreichen Liedwerks, bei Liederabenden nur selten zu hören. Meist mit dem Zyklus „Die schöne Magelone“, wie 2011 von Christian Gerhaher im Opernhaus gegeben (den man noch in bester Erinnerung hat). Die vorgetragenen acht schwermütigen Lieder und Gesänge des Opus 57 entstanden nach Gedichten des Lyrikers Georg Friedirch Daumer (auch Erzieher von Kaspar Hauser), deren kunstvolle Form für Sänger durchaus eine Herausforderung darstellt. Auch zeichnen sie sich durch einen anspruchsvollen Klaviersatz aus, woraus der Komponist Theodor Kirchner einst eine eigene Bearbeitung für Klavier erarbeitete. Keine leichte Kost, die sich hier Maria Pantiukhova vorgenommen hatte. Entsprechend groß war die Anspannung, die sie nicht ganz verbergen konnte. Zudem sind die Lieder mit selbst für deutsche Muttersprachler schwer zu singenden Wörtern gespickt (wie z. B. „fieberischer Wilde“, „schlangengleich“ und „sehnlichere Wünsche“). Insbesondere bei „Von waldbekränzter Höhe“ und „Unbewegte Laue Luft“ kann sie die Gestaltung von lyrischen Bögen und die Textverständlichkeit noch optimieren. Sehr viel einnehmender und sinnlicher trug sie die elegischen Lieder wie „Es träumte mir“ oder „Strahlt zuweilen auch ein mildes Licht“ vor. Ein draußen vorüberziehendes Unwetter ließ dicke Regentropfen gegen die Glasfassade des Opernfoyers prallen. Solch einen Hintergrundrahmen, passend zur Melancholie der Lieder, bekommt nicht jeder Sänger bei seinem Liedprogramm geboten.

Nach einer kurzen Unterbrechung schien es, als wäre jetzt eine andere Person im Raum. Der bislang benötigte Notenständer wurde weggeräumt und nun in ihrer Muttersprache singen zu können, beflügelte Maria Pantiukhova außerordentlich. Sämtliche folgende Lieder, die zum Teil impressionistisch angehaucht waren, gestaltete sie wie von einer schweren Last befreit mit herausragendem Ausdruck in Stimme und Mimik. Nun war sie ganz bei sich. Souverän, verführerisch und mit leuchtendem Kolorit führte sie ihre samtige Stimme vor. Herausragend hier: Rachmaninows „Sing nicht für mich, du Schöne“ und der kleine Zyklus „Der Faun und die Schäferin“ von Igor Strawinsky.
Am Klavier begleitete sie mit akzentuiertem Spiel Hilko Dumno.

Am Ende viel Applaus und als Zugabe Rachmaninows „Ich warte auf dich“ .

Markus Gründig, September 17

Liederabend Lawrence Brownlee (Tenor), Henning Ruhe (Klavier)
Oper Frankfurt, 2. September 17

 

Hat dich die Liebe berührt,
Still unterm lärmenden Volke
Gehst du in goldner Wolke,
Sicher von Gott geführt.

Paul Heyse

Mit einem Ausnahmesänger eröffnete die Oper Frankfurt die Liederabendsaison 2017/2018. Schon dass dieser Abend auf einen Samstag fiel, machte aufmerksam, wo doch gewöhnlich die Liederabende stets an einem Dienstag stattfinden. Doch für den weltweit gefragtesten amerikanischen Tenor im Belcanto-Fach wurde dies möglich gemacht, für Lawrence Brownlee. In den letzten Jahren hat er sich als großer Rossini- und Mozart-Interpret weltweit einen großen Namen gemacht und wird gar als „der erfolgreichste amerikanische Belcanto-Tenor unserer Zeit“ bezeichnet. Kein Wunder, dass er Engagements an den angesagtesten Häusern in den USA und in Europa hat. Er wird als nächstes in Gioachino Rossinis Il viaggio a Reims als russischer Genral Conte di Libenskof auf der Bühne des Gran Teatre del Liceu in Barcelona stehen.

Lawrence Brownlee
Liederabend Lawrence Brownlee (Tenor), Henning Ruhe (Klavier)
Oper Frankfurt, 2. September 17
Lawrence Brownlee
© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de

Mit seinem aktuellen Liederabend gab Lawrence Brownlee sein Debüt an der Oper Frankfurt und bewies eben diese Becantoqualitäten mit edel strahlender Höhe, vor allem zu Beginn mit einer Auswahl an Liedern von Giuseppe Verdi und vor allem mit seinen drei Zugaben (Arien von Donizetti und Rossini;siehe auch unten). Dabei ist schon allein die Auswahl seines ausgefallenen und intelligent zusammengestellten Programms eine Auszeichnung wert (das er zudem frei von ausliegenden Noten sang). Dies spannte einen zeitlichen Bogen von Verdi bis in die Gegenwart und wurde von ihm in fünf verschiedenen Sprachen gesungen. Er präsentierte ein breites Spektrum an unterschiedlichen Liedarten, die er aber mit seiner samtigen Stimme und seiner starken Präsenz (ohne übertriebene Gesten) und bravourösen Gesangstechnik als ein homogenes Ganzes präsentierte.
Vier Lieder aus Verdis zweiter Sammlung von sechs Romanzen aus dem Jahre 1845 präsentierte Brownlee zu Beginn. Schon diese fordern ein Höchstmaß an sängerischer Intensität, die der aus Ohio stammende Tenor souverän darbot (wie auch alle weiteren Lieder). Seine Coolness und Lockerheit zeigte er mit Verdis „Lo spazzacamino“ (Der Schornsteinfeger“), dessen Schlusssatz „Na, wer wär wohl glücklicher als ich...“ man ihm gerne abnahm. Bemerkenswert auch, wie sich Brownlee stimmlich stark zurücknehmen kann, ohne an Intensität einzubüßen, seine außerordentliche stimmliche Beweglichkeit und der sehr wohl dosierte Einsatz seiner kraftvolle Stimme.
Mit Liedern des Franzosen Francis Poulenc lenkte er zu einer ruhigeren Grundstimmung über, bei denen besonders das schwermütige „Bleuet“ („Kornblume“) gefiel. Als Referenz an das deutsche Publikum wählte er keine Lieder von Schubert oder Schumann, sondern brachte als Rarität eine Auswahl an Liedern des gebürtigen Grazer Komponisten Joseph Marx, der eine Art österreichischen Impressionismus geschaffen hatte. Bei diesen konnte sich auch der ihn begleitende Pianist Henning Ruhe stark einbringen, wie bei den Zwischenmelodien von „Nocturne“ („Die Elfe“). Seine elegante und leichte Spielweise wirkte wie ein angenehmer Widerpart zu Brownlees kraftvoller Stimme. Bei dieser Liedgruppe gefiel insbesondere „Hat dich die Liebe berührt“.

Nach der Pause verließ Brownlee den europäischen Kontinent und bot mit Liedern des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera und des US-Amerikaners Ben Moore (* 1960) weitere Raritäten des Liedrepertoires. Bei den gegebenen „Fünf populäre argentinische Lieder“ Ginasteras bewies Brownlee ebenso eine große Gefühlstiefe, wie bei den melancholisch eingefärbten Liedern von Ben Moore. Und auch der letzte Liedblock war eine absolute Rarität. Eine Auswahl an Gospels des US-Amerikanischen Komponisten und Multitalents Damien Sneed (*1979). Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gospels als „Concert Art Songs“ (New York Times) umzuarbeiten bzw. zu komponieren. Für Brownlee, der mit Gospels groß geworden ist (sein Vater leitete den örtlichen Kirchenchor), etwas ganz Besonderes. Hier zeigte er nicht nur wie lange er Spitzentöne halten kann (wie am Ende von „Come by here good Lord“), sondern auch wie ein einfaches „u“ gesungen ungemein betören kann („All night, all day“).

Ein restlos begeistertes Publikum und Standing Ovations für seinen fulminanten Liederabend gab es zum Schluss, doch auch schon nach den Liedgruppen und oftmals nach jedem einzelnen Lied bedankte sich das Frankfurter Publikum mit starkem Applaus. Wer dieses Highlight versäumt hat: Es gibt auch zahlreiche CD-Aufnahmen von Lawrence Brownlee (aus dem Bereich des Belcanto, aber auch mit Spirituals).

Markus Gründig, September 17

Die Zugaben:
Gaetano Donizetti (1797-1848): Arie des Tonio „Ah! mes amis“ aus La fille du régiment (1840)
Gaetano Donizetti (1797-1848): Arie des Nemorino „Una furtiva lagrima“ aus L’elisir d’amore (1832)
Gioacchino Rossini (1792-1868): „La Danza“ (1835)

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